08 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus. keiten, da die blosse ununterschiedene Masse als solche völlig passiv und träge ist; so zeigt es sich, dass jedes Vermögen und jede Tätigkeit, die wir einem Körper beilegen, nicht in dem materiellen Stoffe, sondern. in einer „unkörperlichen Natur“ ihren Ursprung hat und ihre letzte Begründung suchen muss.) So sehr diese ganze Erörterung Ficins auf metaphysische Folgerungen abzweckt, so enthält sie doch in der durchgeführten begrifflichen Scheidung zwischen Quantität und Qualität zugleich einen reinen logischen Kern: einen Gehalt, der uns deutlich und durchsichtig wird, wenn wir sie nach rückwärts mit der Lehre des Nikolaus Cusanus nach vorwärts mit der von Leibniz vergleichen. (Vgl. ob. S, 68[.) Ueber der zweiten Stufe, die durch die Qualität bezeichnet wird, erheben sich nun die weiteren geistigen Kräfte des Uni- versums. Während der Körper — nach Pythagoräischer Be- stimmung — die Vielheit schlechthin, die Qualität die Vielheit darstellt, sofern sie sich mit der Einheit verbindet und an ihr Anteil gewinnt, ist die Seele ursprüngliche Einheit, die sich in- des der Mannigfaltigkeit gegenüberstellen muss, um an ihr zum Bewusstsein ihrer selbst zu gelangen. Während die weisse Farbe von dem Körper, dem sie eignet, zwar begrifflich unterschieden ist, ihrer empirischen Wirklichkeit nach aber gleichsam in ihn gebannt und verstrickt bleibt, bewahrt die Seele in der Gemein- schaft, die sie mit dem Leibe eingeht, ihr eigenes selbständiges Sein und die Unabhängigkeit ihrer Natur. Sie ist in ihm weder wie ein Teil im Ganzen, noch auch wie der Punkt in der Linie enthalten. Denn der Punkt bezeichnet, wenngleich er eine in sich vollendete und unteilbare Einheit darstellt, dennoch eine vereinzelte Lage im Raume und drückt insofern eine be- schränkte örtliche Bestimmtheit aus. Die Seele dagegen ist als diejenige Einheit zu fassen, die eine unendliche Allheit von Bestimmungen in sich birgt und aus sich hervorgehen lässt; sie ist insofern nicht jedem beliebigen Punkte, sondern etwa dem Zentrum eines Kreises zu vergleichen, das gleichmässig auf alle Punkte der Peripherie bezogen werden muss, damit der Begriff des Kreises sich erfülle. So ist sie gleichsam „ein in sich selbst lebendiger Punkt“, der durch keinerlei Quantität und keine be- stimmte Lage gebunden ist, sondern sich von innen heraus frei und unumschränkt in die Mannigfaltigkeit zu entwickeln vermag,