Die Kritik des Krafilbegriffs. 197 keit: das Mögliche im Sinne des öuvdıcı & drückt nur logisch die Bestimmbarkeit eines Etwas, die allgemeine Fähigkeit, sich in ein anderes zu wandeln, aus, ohne selbst das positive Prinzip der Umwandlung und den Antrieb zu ihr zu bedeuten. Die „Materie“ tritt als etwas völlig Bestimmungsloses den reinen For- men, die die Wurzel aller Bestimmtheit in sich tragen, mit dem Anspruch einer eigenen Realität gegenüber: der Begriff des Seins selbst verliert in diesem Dualismus seine eindeutige Klarheit. Wiederum ist es Leibniz, der in der monistischen Gestaltung seines Energiebegriffs, den er dem „nakten Vermögen“ der Scholastiker ausdrücklich entgegenstellt, den Monismus des Seinbegriffs zu be- gründen sucht. Und auch hier finden wir eine erste logische Vorstufe dieses Versuchs in der Kritik, die die neuere Natur- philosophie, die insbesondere Telesio und Patrizzi an dem Aristotelischen System üben. Die Art, wie die Dinge in ihrem ‚Samen“ enthalten sind, bildet — wie hier ausgeführt wird — ein [undamentales sachliches Grundverhältnis, das durch die her- kömmliche Unterscheidung von Akt und Potenz cher verhüllt, als verdeutlicht wird. Denn der gegenwärtige Zustand besitzt, sofern er als Keim und schöpferische Bedingung künftiger Zustände und Veränderungen gedacht wird, zugleich das höchste „aktuelle“ Sein; — er ist „wirklich“, weil er ein eigentümlicher und not- wendiger Faktor im Prozess des Wirkens selbst ist. Eine andere Art des Seins aber kann es nicht geben: die Naturbetrachtung kennt nur solche „Wesenheiten“, die sich in tatsächlichen Kräften und Tätigkeiten äussern. Der scholastische Potenzbegriff: die An- nahme eines Vermögens, das nicht in sich selbst das Streben zu seiner Verwirklichung trägt, sondern als gleichgültiges Substrat alle Bestimmung von aussen erwartet, ist ein haltloses logisches Zwitterding. Er macht eine abstrakte gedankliche Beziehung und Vergleichung, die wir zwischen dem gegenwärtigen und künftigen Zustand anstellen, zu einem eigenen und selbständigen Sein. So beruht — wie jetzt im Einzelnen gezeigt wird — die Zweiteilung, die die gesamte Peripatetische Naturlehre beherrscht, auf einer ontologischen Verwechslung. Die empirische Betrachtung der Natur bietet zu einer derartigen Verdoppelung der Prinzipien keinerlei Anlass. Sie sieht in den räumlich und zeitlich ausge- breiteten Dingen nur die extensive Gestalt und Erscheinungs-