200 Die Naturphilosophie. — Paracelsus. das gantz wissen und erkanntnuss des dings, das den glantz im spiegel gibt. Und zu gleicher weiss wie der im Spiegel nie- mandts mag seins wesens verstand geben, niemandts zuerkennen geben, was er sey, dann allein es steht da, wie eine todte bildtnuss: Also ist der Mensch an ihm selbst auch und auss ime wird nichts senommen, allein was aus der eussern erkantnuss kompt, des Ögur er im spiegel ist.“16) Es gilt den Mikroskosmos durch die „Eltern des Mikroskosmos“, die Art und das Individuum aus dem Gesamtgesetz, das sie in sich verkörpern und reflektieren, zu be- greifen. Damit schwindet der dualistische Gegensatz, der bisher die „himmlische“ und die „irdische“ Welt getrennt hatte. Ein und dieselbe Regel ist es, die uns die „niedere“ und die „höhere“ Sphäre, die uns den Leib des Menschen und das Firmament er- kennen lehrt und die uns damit zur Einsicht bringt, „wie ein Firmament, ein Gestirn, ein natur und ein wesen da sey under zetheilter gstalt und form“.1) Wieder ist es der Gedanke des Weltorganismus, der zum Vehikel für den Einbeitsbegriff der Natur und Erfahrung wird. Und es ist interessant und merk- würdig, wie dieser metaphysische Gedanke bei Paracelsus sich allmählich mit empirischem Gehalt erfüllt und wie er bis in die besondere Gestaltung seiner Arzneikunde hinein sich frucht- bar erweist, Die Medizin kann sich nur auf dem Grunde der allgemeinen theoretischen Naturbetrachtung erheben; das „Umwenden“ der grossen Welt in die kleine gibt den Arzt. Was in dem einzelnen Teile unsichtbar und unbegreiflich liegt, das wird in dieser Rückbeziehung auf das Ganze sichtbar und greif- lich: der äussere Himmel wird der Wegweiser des inneren. !®) Zugleich aber fordert die Grundanschauung, die wir von der Wirkungsweise der organischen Natur 5©Wonnen haben, dass wir alle Vorgänge, die sich im Körper abspielen, nicht lediglich als äusserlich in ihm gewirkt, sondern als durch ihn selbst und seine Eigenart bedingt denken. Jede Krankheit ist ein einheitlicher Pro- zess, der in genatem und notwendigem Zusammenhang mit der 3esamten inneren Beschaffenheit des individuellen Lebewesens zu petrachten und zu erforschen ist. Nur unter diesem Gesichtspunkt kann ihre Entstehung und ihr Verlauf begriffen und ihre Heilung versucht werden. „Dann da merckent den ursprung der kranck- aeiten, das der Centrum die kranckheit macht, darumb ein jed-