Der Begriff der Erfahrung. 205 Auge, dem es sich darstellt: der Prozess der Verbrennung etwa, der einen Körper der sinnlichen Wahrnehmung entrückt und ihn damit für das Auge des Bauern zu Nichts macht, enthüllt dem Forscher vielmehr seine Wesenheit und Zusammensetzung und wird so zum Anfang der wahren „artzneyischen Augen“. Wie zuvor der spekulative Gedanke im Sinnlichen, so muss umgekehrt auch alles „Sichtige“ am „Unsichtigen“ geprüft und erprobt wer- den. „Das ıst die recht Erfahrenheit nach Philosophischer und Astronomischer Art, alle ding in ihrer Unsichtigkeit zu erkennen ... Das gestern erfahren ist, was nützt es dem heutigen Tag oder die heutige Erfahrenheit dem morgigen Tag“.2) Es genügt somit nicht mehr, wenn der Sinn der Natur nachspürt und sich mit ihrem Inhalt zu erfüllen sucht: vielmehr verlangt die echte Er- lahrung das bewusst und methodisch geleitete Experiment. „Ein jegklich Experiment ist gleich einem Waffen, das nach art seiner Krafft muss gebraucht werden: Als ein Spiess zum Stich, in Kolben zum Schlahen, also auch die Experimenten ... Da- rumb das höchst ist, ein jegklich Experiment in solchen Kräfften selbs zu erkennen, in was gestalt cs gebraucht sol werden. Ex- perimenten brauchen will ein Erfarnen Mann haben, der der Stich und Streich gewiss seye: das ist, das ers brauchen und ge- waltigen möge, darzu dann sein Art ist... .“%) Die Geschichte der Medizin und der Naturlehre hat darüber zu entscheiden, wie weit Paracelsus das Vorbild, das er hier ge- zeichnet, in seiner eigenen Forschung erreicht hat. Die beiden Haupt- und Grundmomente jeder theoretischen Erfahrungswissen- schaft hat er allgemein erkannt und bezeichnet. Eine ausgebil- dete Theorie der Induktion wird man auf der Stufe philosophi- scher Betrachtung, auf der wir hier stehen, freilich nicht erwarten. Wie schwierig es auch für Paracelsus noch ist, das Ich und die Natur, die Welt der Objekte und die eigene Funktion des Geistes zu sondern und dennoch miteinander ins Einvernehmen und ins Gieichgewicht zu setzen, das lässt sich am deutlichsten aus der Doppelbedeutung ersehen, die der Grundbegriff des „natürlichen Lichts“ bei ihm besitzt. Das „Licht der Natur“ ist ihm einmal das Gesetz der objektiv realen Wirklichkeit im Gegensatz zur spekulativen Willkür: „wie eine grosse blindtheit ist es und eine grosse verfürung eigen Köpffen nachzufolgen, die doch nit meister