206 Die Naturphilosophie. — Paracelsus. sind, nit Doctor sind: das Licht der Natur ist Meister, nit unser Hirn, nit unser fünff sinn“.%) Aber die Natur selbst ist dennoch zugleich das Symbol und der Widerschein des göttlichen Geistes; und um sie nach dieser ihrer eigentlichen Wesenheit zu begrei- fen, muss zuvor das erkennende Subjekt sich selbst zur inne- ren Klarheit und Freiheit der Betrachtung läutern. Das natür- liche Licht könnte nicht in uns aufgenommen werden, wenn cs nicht zugleich in uns selbst seinen Quell und Ursprung hätte. Der gesamte Reichtum der äusseren Welt, die Gestirne und das Firmament liegen beschlossen im „Gemüt“ des Menschen. „Dann as ist ein solch gross Ding umb des Menschen gemüth. also das 3s niemandt möglich ist auszusprechen: Und wie Gott selbs und Prima Materia und der Himmel, die Drey ewig und unvergengk- lich sindt; also ist auch das Gemüth des Menschen .. Und wenn wir Menschen unser Gemüth recht erkennten, so were uns nichts unmöglich auff dieser Erden“.*) So nahe grenzt der Begriff der Erfahrung in seiner Ausführung und Verfolgung hier noch an die Mystik an. Die angeführten Sätze gehören freilich einer Schrift an, deren Echtheit nicht sicher bezeugt ist: doch liegen sie durch- aus in der Richtung von Paracelsus’ Grundanschauung und wer- den durch Aussprüche, die sich in verwandten Gedankenkreisen, bei Agrippa von Nettesheim und Fracastoro finden, bestä- tigt und ergänzt. Wer sein eigenes Sclbst wahrhaft begreift, der erfasst in ihm zugleich das All der Dinge: „Cognoscet in primis Deum, ad cujus imaginem factus est, cognoscet mundum, cujus simulacrum gerit, cognoscet creaturas omnes, cum quibus sym- bolum habet .. et quomodo singula singulis suo loco, tempore, ordine, mensura, proportione et harmonia aptare queat et ad se trahere atque deducere, non Secus atque magnes ferrum“.%) Hier erfassen wir einen charakteristischen Grundzug, der den Denkern dieser Epoche und Richtung gemeinsam ist. Sie alle rufen nach der äusseren sinnlichen Wirklichkeit, in die sie sich zu versenken und an die sie sich völlig hinzugeben trachten, aber sie alle finden in dem Bilde, das sich ihnen hier offenbart, zuletzt wiederum den Reflex des eigenen „Gemütes“ wieder. Eine [dentität des „Subjektiven“ und „Objektiven“ wird gefordert und in dunkler Vorahnung ergriffen: aber da die Wissenschaft nicht reif ist. dieses Verlangen zu stützen oder zu leiten, so bleibt es