Die Entstehung der Allgemeinbegriffe. 211 die Klassen, die derart entstehen, haben einzig den Wert conven- tioneller Namen und Bezeichnungen, deren Behandlung eher ein Interesse der Grammatik und Rhetorik, als der Erkenntnislehre ausmacht. Indessen erweist sich alsbald auch diese Erklärung and dieser Gegensatz als zu eng, um das Ganze des Bewusstseins zu umspannen und auszumessen. Die eigenen Tätigkeits- weisen des Geistes, die Phantasie und die logische Schlussfolge- rung, das abstrakte Denken und die associative Verknüpfung lassen sich unter keines der beiden Glieder des Gegensatzes ein- deutig einreihen. Wir können sie nicht ohne Einschränkung den Begriffen der ersten Art zugesellen, da sie nicht der äusseren Welt, sondern einzig dem Ich selber angehören; — hier aber besitzen sie wiederum eine eigene, unveränderliche Realität und Wahr- heit, die sie von den wechselnden und willkürlichen Benennun- zen scheidet. Sie haben nicht nur, wie beliebige subjektive Ge- bilde in der Seele ihren Sitz, sondern auch ihren Halt und ihren notwendigen, immer gleichen Ursprung: nicht nur ein „esse in anima“, sondern ein „esse ab anima“ ist es, das ihnen eignet. Die Operationen des Geistes „sind in der Seele, als ob sie ausser- halb wären“: sie tragen den Charakter objektiver Bestimmtheit, sind also in diesem Sinne zu den Begriffen erster Ordnung zu rechnen, ohne doch dingliche Existenz zu besitzen.?) So sehen wir — und diese Entwicklung wird sich später noch deutlicher verfolgen lassen — wie zuletzt gerade das zentrale Problem des Selbsthbewusstseins den Rahmen und das Schema, das eine sensualistische Psychologie des Erkennens entworfen hat, durch- bricht. In der Tat sieht sich Fracastoro, um der Seele ihre eigen- tümliche „Realität“ zu wahren, geradezu zur Averroistischen Dok- trin des Einen allumfassenden Intellekts gedrängt, wodurch indes im Widerspruch zu seiner Erkenntnislehre wiederum ein „All- gemeines“ hypostasiert wird. Und noch eine andere Frage ist es, die sich an dieser Stelle aufdrängt. Wenn Fracastoro es unter- nahm, die Entstehung des Allgemeinen aus dem Besondern nach- zuweisen, so war sein Interesse hierbei lediglich auf die Gattungs- begriffe, nicht auf die universalen Relationen des Geistes und ihre Geltung gerichtet. Ist aber damit das Problem erschöpft, ist es zulässig, Begriffe, wie Raum und Figur, Grösse und Zahl mit dem Begriff des „Weissen“, den wir aus den Einzelwahr-