260 Die Entstehung der exaklen Wissenschaft. — Kepler. Der gesamte Bestand der geometrischen Figuren wurzelt in der Wirksamkeit des Geistes: man denke sich die „Energie“ der Seele aufgehoben und alle Bestimmtheit und Besonderung der äusseren Gestalt müsste verschwinden. Nicht die sinnlichen Zeichen und Bilder, die wir zur Erläuterung brauchen, sind die echten Vermittler des mathematischen Wissens; nicht die Wahr- nehmung ist der notwendige Träger und die Stütze für alle Tätigkeit des Intellekts. Selbst wenn ihm niemals ein sinnliches Auge beigegeben gewesen wäre, würde der Geist aus sich selbst her- aus, nach reinen geometrischen Gesetzen, das Auge ersinnen und als Werkzeug zur Erkenntnis der äusseren Wirklichkeit postulieren. „Denn die Erkenntnis der Quantitäten, die der Seele eingeboren ist, bestimmt, von welcher Art das Auge sein muss: der Bau des Auges richtet sich somit nach der Natur des Geistes, nicht um- gekehrt“.87) So sehr indes hier die Tendenz vorherrschend ist, den Eigenwert des Denkens zu wahren und zu erhöhen, so fällt doch auch dem Sinn eine neue und eigentümliche Funktion zu. Die Sinnlichkeit selbst wird zum Hebel und Instrument des Idealis- mus. Die Empfindung enthält bereits, verborgen und ungeklärt, lie reinen intellektuellen Harmonien. Wir dürfen die sinn- lichen Inhalte als echte Anfänge des Wissens anerkennen, weil in ihnen der Hinweis auf das Mathematische bereits gegeben und somit bestimmte gedankliche Verhältnisse bereits vorge- bildet sind. So ist es zuletzt der Intellekt selbst, der die Wahr- nehmung fordert und beglaubigt. Diese Correlation, die wir ge- schichtlich bis zu Nikolaus Cusanus zurückverfolgen können, aat ihren reifen, wissenschaftlichen Ausdruck in Keplers Optik zefunden. In ihr wird bis ins Einzelne deutlich, wie in dem iertigen Bilde, das wir von der Grösse und Entfernung der Ob- jekte haben, Empfindung und Denken einander notwendig be- lingen und ergänzen. Die endgültige räumliche Gliederung und Stellenordnung ist ein Werk des Verstandes, das auf Grund ler Daten der Wahrnehmung geschaffen ist.®) So kann Kepler, mit den gleichen Worten wie Leonardo, die Sinneserfahrung den Anfang aller philosophischen Forschung nennen und dennoch, wie dieser, in ihr nur das „Schwungbrett“ zum Denken des Intelligiblen sehen. Auch die wahre astronomische Ordnung des