Grössenbegriff und Naturbegriff. 261 Alls erschliesst sich nur den Vernunftgründen, die zwar an die unmittelbare Beobachtung anknüpfen, sie aber dennoch zu- gleich berichtigen und übertreffen müssen. 3?) Denn wenn in der sinnlichen Harmonie zwar die Form rein aus der Seele selbst entspringt, der Stoff aber von aussen entlehnt werden muss, so ist in der geometrischen Gestalt auch diese Doppelheit geschwunden. Stoff und Form gehen hier unmittelbar in einander auf; sie gehören demselben Bereich und demselben Ursprung an. Diese völlige Durchdringung der beiden Momente stempelt die Erkenntnis der Quantitäten zum Muster alles Wissens überhaupt. Nicht unmittelbar kann das Denken jeden beliebigen Inhalt ergreifen; es muss sich zuvor die Handhabe schaffen, die den empirischen Stoff für den Verstand fassbar und zugänglich macht. Wir verstehen das Sein erst, nachdem wir es zuvor in aine Form gegossen, die derjenigen unseres eigenen Geistes wesens- verwandt ist. Die Natur des menschlichen Intellekts bedingt es, dass alles, was er vollkommen begreifen soll, entweder selbst Grösse sein oder ihm durch Grössen vermittelt werden muss.%) Erst in diesem allgemeinen spekulativen Zusammenhang lässt sich die ganze Bedeutung ermessen, die die mathematische Hypothese für Kepler besitzt. Sie ist für ihn‘ kein technisches Hilfsmittel, das sich im Laufe der Forschung gelegentlich ein- stellt, sondern der Anfang und Ansatz, kraft dessen wir uns erst den Weg zur richtigen Stellung des wissenschaftlichen Problems Dahnen. Wenn Patrizzi Zweifel darüber geäussert hatte, ob die tatsächlichen Bahnen der Planeten in mannigfachen ungeordneten Krümmungen verlaufen, oder aber durchaus bestimmte und ein- [örmige Linien sind, die nur der unvollkommenen sinnlichen Auf- fassung verworren und regellos erscheinen: so erblickt Kepler schon in dieser Frage ein fundamentales Missverständnis der Aufgaben der „philosophischen“ Astronomie. Dass die Himmels- örscheinungen einer strengen mathematischen Gesetzlichkeit ge- horchen, dürfen wir nicht von der Beobachtung zu lernen ver- langen; vielmehr ist dies die Voraussetzung, unter der unsere Forschung überhaupt erst einsetzen kann. Wer diese erste Ver- aunftforderung anzweifelt und verfehlt, bei dem muss, wie bei Patrizzi der Weg durch lauter Wunder führen. Indem er schein bar der reinen Wahrnehmung folgt und alle gedanklichen Antici-