264 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler. in allgemeinen theoretischen Grundüberzeugungen über die Art und Wirksamkeit einer „Naturkraft“ wurzelt. Wir werden im Einzelnen verfolgen können, wie der Kraftbegriff Keplers, der ihm den Maassstab dafür abgiebt, welche Erklärungen als „wahr“ zu gelten haben, sich aus dem allgemeinen Funktionsbegriff entwickelt hat. Die Wahrheit einer bestimmten Annahme wird also nicht einzig durch die unmittelbare Bestätigung, die sie in einzelnen sinnlichen Tatsachen findet, bezeugt, sondern bedarf der Prüfung und Kontrolle durch ein System mathematisch- physikalischer Grundsätze. Erst durch die Einordnung in diesen universalen Zusammenhang wird eine Erscheinung wahrhaft be- glaubigt und „gerettet“. Die abstrakte wissenschaftliche Mechanik — dies ist der schlichte Gedanke, der hier überall deutlich vor- schwebt — muss das Fundament des wahren Weltsystems abge- ben. Wenn diese Forderung erst bei Galilei wahrhaft erfüllt ist, 30 ist sie bei Kepler bereits in prinzipieller Schärfe erfasst: bei ihm erst ist die Kosmographie — im Gedanken der allgemeinen Gravitation, den er als Erster erfasst — zu einem Einzelglied der Kosmophysik geworden. (S. unt. S. 277 ff.) Der wesentliche Vorwurf, den er gegen den traditionellen Sinn der Hypothese richtet, ist es daher, dass in ihr der Astronom zum Rechner erniedrigt und aus der „Gemeinschaft der Philosophen“.ausgeschlossen werde.4) Eine Gesamtanschau- ung, ein begrifflicher Entwurf der „Natur der Dinge“ muss vor- ausgehen, ehe die Rechnung einsetzen kann. Copernicus hat die Ptolemäische Astronomie nicht dadurch überwunden, dass er neue Tatsachen und Beobachtungen, also neues Material der Rechnung beibrachte, sondern dass er die Form und gedank- liche Einheit des Systems von Grund aus umgestaltete. „Zu- nächst bilden wir in Hypothesen die Natur der Dinge ab, dann errichten wir auf dieser Grundlage einen Kalkül, d. h. wir leiten aus ihr in strengem deduktivem Beweise die Bewegungen ab.“ Dieses „Abbilden“ der Wirklichkeit (naturam rerum depingimus) ist nicht als blosses Kopieren zu verstehen: es bezeichnet, wie bei Leonardo da Vinci, das freie geistige Vorbild, mit dem wir an die Welt der Wahrnehmung herantreten.4) Wiederum können wir uns hier das logische Verhältnis durchaus nach der Analogie von Keplers ästhetischen Grundlehren verdeutlichen: wie die