Die Kritik der Aristotelischen Natıtransicht. 269 scheidung das „Mehr“ und „Weniger“ gegenüber.) An die Stelle der absoluten Gegensätze der Ontologie treten die relativen Richtungsgegensätze der wissenschaftlichen Betrachtung und Be- arteilung. Es ist ein Grundzug von Keplers Darstellungsart, dass er — hierin Galilei ungleich — die neuen Gedanken noch über- all an die Tradition der Schule anzuknüpfen sucht: hier sehen wir, wie selbst der alte Thomistische Satz, dass die Materie das principium individuationis sei, in seinen Händen zur Waffe für sein geometrisches Erkenntnisideal wird. Der Gegensatz tritt da- durch nur um so schärfer hervor: auf der einen Seite das Den- ken der Hypothese, auf der anderen eine Welt lebendiger Wesen- heiten, die nach immanenten Zwecken tätig sind; hier ein Inbe- griff intellektueller Prinzipien, dort ein Reich der Intelligenzen und „Entelechien“. (Vgl. hierzu ob. S. 44ff.) Wenn hier das Sinn- liche als Grundproblem festgehalten, als instrumentales Mittel der Wissenschaft dagegen nur in seiner Korrektur durch die reine Mathematik anerkannt wird, so gilt es bei den Gegnern als das echte Fundament der Erkenntnis, während doch das endgültige Ziel des Erkennens auf eine übersinnliche Wirklichkeit gerichtet bleibt. Wir werden sehen, wie in der Steigerung und immer schärferen Herausarbeitung dieses Widerspruchs das moderne Denken zuerst zum Bewusstsein seiner neuen Aufgabe und seiner neuen Eigenart gelangt ist. b) Der Begriff der Kraft. Die moderne Wissenschaft der Natur wurzelt in einer neuen Gestaltung und logischen Grundlegung des Kraftbegriffs. Die Einzelphasen, die dieser Begriff in seiner Entwicklung durchläuft, bilden die konkreten geschichtlichen Symptome für die Aende- rung, die sich in der allgemeinen Auffassung des Verhältnisses zwischen Denken und Sein vollzieht. Es ist der Vorzug der neueren Zeit, dass sie das Problem sogleich in dieser bestimmten Fassung ausspricht: nicht die „Substanz“, sondern die Kraft ist es, in der ihr Begriff des Seins sich von Anfang an konstituiert. Schon den ersten Vorbereitungen und Vorstufen ist dieser Grund- zug eigen: schon die Naturphilosophie beginnt mit der Kritik und