Kraftbegriff und Seelenbegriff. 271 gen zum „Mysterium Cosmographicum“ schildert Kepler, wie er selbst anfangs noch völlig in dieser Denkrichtung und insbe- sondere in Scaligers Lehre von den führenden Intelligenzen be- fangen gewesen sei: aber er hat hier zugleich das lösende Wort gefunden, das ihn für immer von dieser Ansicht scheidet. „Als ich erwog, dass die Bewegungsursache der Planeten mit ihrem Abstand von der Sonne abnimmt, in derselben Weise, wie das Licht mit der Entfernung von der Sonne schwächer wird: so schloss ich daraus, dass diese Ursache etwas Körperliches sein müsse.“ Die Anschauung des Jugendwerkes, dass die Wirk- samkeit der Planetenseelen sich abschwäche, je weiter der Planet vom gemeinsamen Centrum abstehe, enthält, wie Kepler näher aus- führt, bereits den Keim des Prinzips in sich, auf dem sich später die Beobachtungen über die Marsbewegungen und die gesamte Phy- sik des Himmels aufbauen sollten: mit dem einzigen Unterschied, dass an Stelle des Seelenbegriffs, wie er dort gebraucht worden sei, der Kraftbegriff treten müsse. Kraft und Seele, die zuvor synonym als Bezeichnungen und Unterarten derselben logischen Gattung gebraucht wurden, treten somit jetzt als begriffliche Gegensätze einander gegenüber. Und derselbe Gedanke spricht sich in verändertem Ausdruck aus, wenn die „geistige“ Wirk- samkeit von der „natürlichen“ scharf geschieden und diese letztere einem eigenen Prinzip und einer selbständigen Gerichts- barkeit unterstellt wird. In dieser doppelten Entgegensetzung bestimmt und entfaltet sich der Begriff der „Naturkraft“ in seiner streng begrenzten Bedeutung. Die neue Wendung stellt sich, nach aussen hin, am deutlichsten in dem Grundbegriff der Energie dar, der hier zuerst aus seiner Verwandtschaft mit der „Entelechie“ und substantiellen Form gelöst und zu seiner modernen Bedeutung umgestaltet wird.) Kepler spricht das Problem sogleich in jener schärfsten dialektischen Zuspitzung aus, in der es seither durch die neuere Philosophie geht: nicht wie ein göttliches Lebewesen, sondern nach der Analogie eines göttlichen Uhrwerks ist der Bau der Welt zu begreifen.°) Wenn auch fürderhin noch bisweilen von einer Beseelung der Ge- stirne, und insbesondere der Sonne, die Rede ist, so handelt es sich, wie ausdrücklich betont wird, um ein Spiel der ästhetischen Phantasie, nicht um einen Gedanken von objektiver wissenschaft-