Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler. Mittelpunkt der Welt als ihrem „natürlichen Ort“ zustreben, wohnt diesen der entgegengesetzte Trieb zur absoluten Aufwärts- bewegung nach der Peripherie hin inne. Ein Verhältnis, wie es hier zwischen Beweger und Bewegtem angenommen wird, wider- spricht der neuen Grundeinsicht von der logischen und mathema- tischen „Gleichartigkeit“, die zwischen Ursache und Wirkung bestehen .muss: auf der einen Seite ein blosser Punkt, auf der anderen ein dreidimensionaler Körper, hier ein Gebilde, das, wie das angenommene Weltzentrum, lediglich unserer subjektiven Phantasie sein Dasein verdankt, dort eine physische Masse mit allen ihren realen .Bestimmtheiten.®) Der neue Kraftbegriff wurzelt, statt in der vagen Analogie zum sinnlichen Begehren gegründet zu sein, in dem reinen Erkenntnisgesetz der Zahl: Kepler selbst spricht es aus, dass er an Stelle der himmlischen Theologie und Metaphysik des Aristoteles die himmlische Philosophie und Physik setze, die zugleich eine neue Arith- metik der Kräfte in sich schliesse.®) Für die geschichtliche Problemlage ist es hierbei bezeichnend, dass er sich, um die Möglichkeit dieser neuen Wissenschaft zu erweisen, vor allem auf das Beispiel der Statik beruft: die Hebelgesetze sind ihm das Musterbild, an dem er das Gesetz der Abnahme der Kraft- wirkung bei wachsender Entfernung vom Zentrum verdeutlicht. %) In der Tat bot die Statik in der festen wissenschaftlichen Ver- fassung, die sie durch: Archimedes und in der neueren Zeit noch eben durch Stevin erhalten hatte, den einzigen sicheren An- knüpfungspunkt des neuen Gedankens, der indes in seiner Be- deutung und Fruchtbarkeit weit über ihre Grenzen hinausreicht. Es ist das Ideal der modernen Dynamik, das Kepler hier ent- worfen und vorgezeichnet hat.. Er selbst hat die Forderung, die er gestellt hat, nicht zu erfüllen vermocht: seine Gesetze geben den vollendeten Umriss der reinen geometrischen Anschauung und Verfassung des Alls, ohne zur Arithmetik der Grundkräfte, aus denen es sich gestaltet, vorzudringen. Aber was uns früher im Verhältnis Keplers zu Galilei deutlich wurde, das findet hier, wenn wir sein Verhältnis zu Newton betrachten, eine Ergänzung und Bestätigung: die methodischen Gedanken, die bei diesem zur wissenschaftlichen Tat wurden, sind bei Kepler bereits. in der