Das Recht der „Abstraktion“. 293 physikalischen Betrachtungsweise, dass sie von diesen Unter- schieden nicht absehen kann, dass sie schon vermöge ihrer ersten Fragestellung an sie gebunden und auf sie angewiesen bleibt. Die wahre Aufgabe der physikalischen Induktion besteht in der getreuen Sammlung und Sichtung des Einzelnen: man ver- mag ihr nicht gerecht zu werden, wenn man die Natur, statt sie durch all ihre Besonderungen hindurch zu verfolgen, in ein System allgemeiner mathematischer Beziehungen und — Ab- straktionen auflöst. Ein derartiger Einwurf lässt sich vom Standpunkt des Aristotelischen Systems aus in der Tat begreifen. Indem Aristoteles die mathematischen Gebilde aus der Tätig- keit der Abstraktion hervorgehen lässt, hat er ihren Ursprung in einer eigenen, freien Machtvollkommenheit des Geistes aufge- hoben, hat er die physischen Dinge, von denen der Gedanke seine Grundbestimmungen abliest, an die erste Stelle gesetzt. Er selbst zeigt sich hierbei wenigstens bemüht, die „Richtigkeit“ und die logische Zulässigkeit dieses Verfahrens zu verteidigen, er sucht zu zeigen, dass bei dem Weglassen der konkreten zu- fälligen Einzelbeschaffenheiten kein Fehler und kein Irrtum sich eindrängen könne. Der entschlossenere Empirismus der neueren Zeit indes hatte auch diesen Vorbehalt aufgehoben: bei Campa- nella gilt die Beschränkung, die sich das Denken auferlegt, indem es die Fülle der sinnlichen Inhalte unter bestimmten begrifflichen Gesichtspunkten sondert und zerlegt, unmittelbar als ein Beweis seiner Schwäche und Unzulänglichkeit. (S. ob. S. 222 ff.) Von hier aus gewinnt die Forderung, mit der die moderne Wissenschaft anhebt, eine veränderte Gestalt. Während sich im biologischen System des Aristoteles der Zusammenhang und der Stufengang der organischen Formen vor uns enthüllte, ist jetzt nur die nakte „mechanische“ Gesetzlichkeit zurückgeblieben — während dort die Natur in ihrer individuellen Lebensfülle den Vorwurf bildete, tritt sie uns nunmehr nur in der Leere und Allgemeinheit der mathematischen Formel entgegen. Man sieht, wie die Rollen in dem Streite sich unmerklich vertauscht haben: wie Galilei, der davon ausging, der Syllogistik eine neue Ansicht der konkreten Wirklichkeit entgegenzustellen, eben dadurch mit Notwendigkeit zum Verteidiger und Vorkämpfer der wissenschaft- lichen Abstraktion geworden ist. In dieser Umkehrung deckt