Cartesianismus und Augustinismus. 437 bleibt für alle menschliche Wissenschaft der einzige und unfehl- bare Lehrmeister.?) Hatte sich schon Descartes selbst in der letzten Phase seiner Enlwicklung dieser gedanklichen Wendung genähert, so tritt sie immer schärfer bei den Nachfolgern hervor, die den theologischen und dogmatischen Fragen nicht mehr mit der gleichen inneren Freiheit und Unbefangenheit, wie er selbst, gegenüberstehen. Die Verbindung von Cartesianismus und Augustinismus wird jetzt einer der markantesten und hervorstechendsten Züge in der geistigen und religiösen Signatur der Zeit. In ihr begegnen sich die verschiedenen Richtungen, die sich innerhalb der Schule am schärfsten befehden: in ihr stimmt der Jansenismus, stimmt vor allem Arnauld mit Malebranche, seinem philosophischen An- tipoden, überein. Der Gegensatz der Individuen und ihrer Geistes- art verrät sich nur in der verschiedenen Art, in der sie die ge- meinsame Aufgabe in Angriff nehmen, in der sie die wider- streitenden Denkrichtungen zu versöhnen und einander anzu- gleichen suchen. Wenn Arnauld in seiner Theologie die Ge- danken Descartes’ und Augustins gleichmässig übernimmt und fast naiv aneinanderreiht, so sucht Malebranche durch eine kritische Umbildung der Cartesischen Ideenlehre zu einer höheren philosophischen Synthese beider Systeme fortzuschreiten. Zur vollen Erfassung und zu höchster individueller Bestimmtheit aber gelangt der grundlegende philosophische Widerstreit in Pascal, der nach seiner geistigen Doppelnatur die Gegensätze in sich selber durchlebt und zur Darstellung bringt. Während auf der einen Seite Augustins Lehre von der Erbsünde und Gnadenwahl, wie sie ihm in dem Werke des Jansenius entgegentritt, seine gesamte religiöse Entwicklung bestimmt, ist es andererseits das Vorbild der neuen Methode und die Ausprägung, die sie in der Geometrie gefunden, die seine Begriffsbestimmung des „Denkens“ bedingt. Wenn Augustin ihm den Inhalt seiner Philosophie dar- bietet, so gibt ihm die Schule der Cartesianischen Logik erst das Rüstzeug und die Waffe, mit denen er sie behauptet und ver- teidigt. Je lebendiger und persönlicher aber die beiden Züge sich in ihm durchdringen, um so deutlicher tritt in der Schärfe und Unerbittlichkeit seiner Dialektik, die den Widerspruch nicht ver- meidet, sondern ihn aufsucht und vertieft. ihre sachliche Unver-