Die rationale Begründung der Wissenschaft. 439 nunft und Erfahrung anerkennt, ist hier in voller Schärfe ge- zogen. Wenn dort der Blick nach rückwärts gerichtet sein muss, wenn somit die Vollendung mit der Erhaltung und dem Still- stand gleichbedeutend ist, so kann das Ziel der empirischen Forschung nur in dem Ausblick auf einen unendlichen mög- lichen Fortgang begriffen werden. So besteht alle Kunst der echten Methode in einer gerechten Verteilung von Gläubigkeit und Misstrauen. Die Achtung vor der philosophischen und wissenschaftlichen Vergangenheit muss, wie sie sich auf die Vernunft stützt, von dieser zugleich bemessen und in ihre Grenzen eingeschränkt werden. Der ununterbrochene, stetige Fortschritt, der vor keinem festen Ergebnis Halt macht, ist das entscheidende und charakteristische Vorrecht der wissenschaftlichen Ver- nunft: er ist es, der den Geist des Menschen von den blinden Naturinstinkten scheidet, deren Werke, wie vortrefflich sie sein mögen, stets auf ein und demselben Punkte verharren. „Die Zellen der Bienen waren vor tausend Jahren ebenso genau abge- messen, als sie es heute sind; die erste, wie die letzte, stellt ein reguläres Sechseck von gleicher, unbedingter Exaktheit dar.“ Das Gleiche gilt von allen andern instinktiven tierischen Aeusse- rungen; die Vollendung, in der sie von Anfang an auftreten, ist zugleich ihr Ende, Von Geschichte im wahren Sinne lässt sich nur innerhalb der Menschheit sprechen, die wie ein einziges Individuum ist, das stetig fortdauert und sich beständig weiter- und höherentwickelt. „Diejenigen, die wir die Alten nennen, waren wahrhaft neu in allen Dingen und bildeten die Kindheit des Menschen; wir dagegen, die wir zu ihren Kenntnissen die Erfahrung der folgenden Jahrhunderte hinzugefügt haben, be- sitzen in Wahrheit jenes Alter, das wir in den Anderen ver- ehren. Der Wahrheit, wenngleich sie eben erst entdeckt ist, gebührt stets der Vorrang; ist sie doch stets älter, als alle Mei- nungen, die man jemals über den gleichen Gegenstand gehabt hat. Es hiesse ihre Natur verkennen, wenn man glaubte, dass ihr Sein erst mit dem Augenblick begonnen hätte, in dem sie zuerst bekannt und ausgesprochen wurde.“ Der vortreffliche und gelehrte Herausgeber von Pascals Werken, Ernest Havet, hat aus der philosophischen Literatur des siebzehnten Jahrhunderts mannigfache. interessante Parallelstellen zu diesen Sätzen ange-