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        <title>Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit</title>
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      <div>13 
Kinleitung . 
bereits implicit in sich schliesst. In der Tat: wäre der frühere 
{inhalt des Denkens mit dem vorangehenden nicht durch irgend 
eine Identität verknüpft, so gäbe es nichts, was uns berech- 
tigte, die verstreuten logischen Bruchstücke, die wir alsdann vor 
uns hätten, zu einer Reihe des Geschehens zusammenzufassen. 
Jede historische Entwicklungsreihe bedarf eines „Subjekts“, das ihr 
zugrunde liegt und sich in ihr darstellt und äussert. Der Fehler der 
metaphysischen Geschichtsphilosophie liegt nicht darin, dass sie 
überhaupt ein solches Subjekt fordert, sondern darin, dass sie es 
verdinglicht, indem sie von einer Selbstentwicklung der „Idee“, 
einem Fortschritt des „Weltgeistes“ u. dgl. spricht. Auf jeden der- 
artigen sachlichen Träger, der hinter der geschichtlichen Bewe- 
gung stände, müssen wir verzichten; die metaphysische Formel 
muss sich uns in eine methodische wandeln. Statt eines gemein- 
samen Substrats suchen und fordern wir nur die gedankliche 
Kontinuität in den Einzelphasen des Geschehens; sie allein ist es, 
die wir brauchen, um von der Einheit des Prozesses zu sprechen. 
Freilich bleibt auch dieser Gedanke einer inneren Stetigkeit 
zunächst nichts anderes als eine Hypothese, die aber — wie alle 
echten wissenschaftlichen Voraussetzungen — zugleich schlecht- 
hin die Bedingung des Anfangs der historischen Erkenntnis ist. 
An dieser Einsicht in das echte „a priori“ der Geschichte gilt es 
festzuhalten, wenn die falsche apriorische Konstruktion der 
Einzeltatsachen wahrhaft abgewehrt werden soll. „Der regelmäs- 
sige Gang und die organische Gliederung der Geschichte“ — so 
bemerkt Zeller gegen Hegel — „ist, mit Einem Wort, kein a- 
priorisches Postulat, sondern die Natur der geschichtlichen Ver- 
hältnisse, und die Einrichtung des menschlichen Geistes bringt 
es mit sich, dass seine Entwicklung, bei aller Zufälligkeit des 
Einzelnen, doch im grossen und ganzen einem festen Gesetz folgt, 
und wir brauchen den Boden der Tatsachen nicht zu verlassen, 
sondern wir dürfen den Tatsachen nur auf den Grund gehen, wir 
dürfen nur die Schlüsse ziehen, zu denen sie die Prämissen ent- 
halten, um diese Gesetzmässigkeit in einem gegebenen Fall zu er- 
kennen.“?) Diese Kritik indes wird dem tieferen idealistischen 
Motiv, das bei Hegel trotz aller metaphysischen Irrungen zu- 
grunde liegt, nicht gerecht. Denn —so dürfen wir entgegnen — 
ist denn jene „Natur“ der Geschichte und jene gleichförmige „Ein-</div>
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