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        <title>Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit</title>
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      <div>Die Idee der Universalreligion. 
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ihr die Antike noch wie ein geistiger Urstand, den es einfach zu 
wiederholen und in seinen einzelnen Zügen nachzuahmen gilt, 
während sie ihr später zur Trägerin und Hüterin der allge- 
meinen geistigen Werte wird, die wir in uns selbst zu ergreifen 
und wiederherzustellen haben. 
Diese Universalität der Anschauung bewährt sich vor allem 
gegenüber dem religiösen Problem, in dessen Gestaltung die 
verschiedenen gedanklichen Motive, die uns bisher gesondert 
antgegentraten, sich noch einmal zusammenfassen. Die Unab- 
hängigkeit des geistigen Grundgehalts der Religion von den re- 
lativen und wechselnden Formen des Glaubens bildet auch hier 
von Anfang an den Leitgedanken. Selbst in soichen Werken, 
deren ausgesprochene Absicht die Verteidigung der kirchlichen 
Wahrheit ist, tritt dieser Gedanke nunmehr an die Spitze. So 
spricht er sich mit voller Entschiedenheit in Ficins Werk über 
die christliche Religion aus. Die Vielgestaltigkeit der religiösen 
Lehren und Kulte ist selbst eine gottgegebene und. gottgewollte 
Tatsache, da eben in dieser Mannigfaltigkeit geistiger und sittlicher 
Ueberzeugungen das Universum neuen Glanz und neue Schönheit 
gewinnt. Das höchste Wesen nimmt jegliche Art der Verehrung 
antgegen, in welchen Gebärden und „Gesten“ sie ihm auch dar- 
gebracht werde. Der Anspruch des schlechthin allgemeinen 
„katholischen“ Dogmas ist damit aufgegeben; in jeder Form des 
Glaubens wird, wenn nicht eine transscendente Wahrheit, so doch 
aine Betätigung und Ausprägung des Menschentums anerkannt: 
„Fex maximus coli mavult quoquo modo, vel inepte, modo 
humane, quam per superbiam nullo modo coli“.?) Die Vielheit 
der Götternamen darf uns die Einheit des religiösen Be- 
wusstseins nicht verschleiern. Wenn bei Ficin Platon der 
„attische Moses“ genannt, wenn Christus und Sokrates zusam- 
mengestellt werden, so werden Vergleichungen dieser Art bei den 
Späteren bereits zu einer stehenden literarischen Formel. Es 
ist — wie Mutianus Rufus schreibt — nur Ein Gott und Eine 
Göttin; aber es sind viele Gestalten und viele Namen: Jupiter, 
Sol, Apollo, Moses, Christus, Luna, Ceres, Proserpina, Tellus, 
Maria; — ein Zusammenhang, den man freilich, wie er hinzu- 
fügt, wie die Eleusinischen Mysterien in Schweigen hüllen und 
hinter Fabeln und Rätseln verstecken muss. Der wahre Christus</div>
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