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        <title>Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit</title>
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Die Naturphilosophie. —- Telesio. 
Man sieht, wie weit der Standpunkt, von dem diese Lehren 
ausgehen, von jeder psychologischen Theorie des Erkennens 
abliegt, gleichviel welche Richtung sie verfolgt. Wo von der 
Erkenntnis ausgegangen wird, da entsteht die Aufgabe, die ver- 
schiedenen möglichen Beziehungen zwischen den Dingen, vor 
allem also ihre Grösse und Entfernung, als komplexe Verhält- 
aisse nachzuweisen, die aus ursprünglicheren Elementen ab- 
zuleiten sind; die Relationen somit nicht fertig vorauszusetzen, 
sondern in die Bedingungen ihrer Entstehung aufzulösen. Die 
Coordination zwischen den einfachen Empfindungen selbst, und 
den Ordnungen, in denen sie sich darstellen, wird hier un- 
bedingt aufgehoben — gleichgültig, welcher von beiden Faktoren 
als das sachliche Prius angesehen wird. Dass diese Scheidung bei 
Telesio nicht erfolgt ist, wird besonders aus seiner Auffassung und 
Beurteilung der Mathematik deutlich. Nicht nur, dass er den 
anschaulichen Charakter ihrer Grundzüge hervorhebt: die geo- 
metrischen Axiome verschmelzen ihm auch unmittelbar mit den 
empirischen Aussagen über einzelne Wahrnehmungsgegenstände. 
Hier wie dort bildet das Associationsgesetz der „Aehnlichkeit“, 
bilden Induktion und Analogie das leitende Prinzip. Wir „de- 
interen“ einen Kreis oder ein Dreieck, indem wir ihnen alle die- 
jenigen Eigenschaften zuschreiben, die der „Sinn“ an ihnen ent- 
jeckt. Der Sinn indes war bisher nur auf Physische Objekte 
Jezogen: nur was an den Kräften der Wärme und Kälte teilhat, 
vermag ihn nach den Grundsätzen des Systems zu rühren und zu 
yewegen. Der neuen Klasse von Inhalten gegenüber muss daher, 
ıäher betrachtet, seine Funktion versagen. Auch die Auskunft, 
lass diese Inhalte durch Abstraktion aus den Objekten der 
Wahrnehmung abgelesen und entlehnt sind, ist abgeschnitten; 
lenn um aus dem bunten Stoffe der Empfindung die reinen mathe- 
matischen Gestalten herauszusondern, wäre stets ein eigener Ge- 
sichtspunkt des Denkens, also eine Aktivität des Geistes erfor- 
Jerlich, die sich hier weder verstehen, noch begründen lässt. Der 
Widerspruch offenbart sich besonders deutlich am Begriff des 
„reinen Raumes“, den Telesio ausdrücklich festhält, ja den er 
als notwendige Voraussetzung seines Körperbegriffs dulden 
und anerkennen muss. (S. unten Abschn. C.) Denn wie könnte 
ler Inhalt dieses Begriffs uns jemals in dem Sinne „gegeben“ und</div>
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