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        <title>Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit</title>
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            <surname>Cassirer</surname>
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      <div>Die Immanenz der Idee in der Erscheinung. 351 
ihm innerhalb der Renaissancephilosophie wiederholt zugewiesen 
wurde. (S. ob. S. 252 f.) Hier bezeichnet er das Bindeglied zwischen 
der passiven Aufnahme des sinnlichen Stoffes und der reinen 
Vernunftbetätigung. Wenn die Empfindung lediglich auf den 
äusseren Eindruck bezogen ist und in ihm gleichsam sich selbst 
verliert, so gewinnt sie in der Fähigkeit der „Einbildungskraft“ 
die Kenntnis ihrer selbst und wird damit zu einem selbstbe- 
wussten Akte erhoben. Auf der anderen Seite bleibt es das 
Charakteristikum der menschlichen Erkenntnis, dass sie auch 
in ihren rationalen Entwicklungen und Folgerungen auf das 
Material hingewiesen bleibt, das ihr durch die „Imagination“ 
vermittelt wird.”) Die Vernunft bleibt beständig von der zwie- 
fachen Tendenz des reinen Denkens und der Einbildungskraft 
bestimmt und bewegt: ist ihr von hier aus der Trieb auf unwandel- 
bare Einheit und Identität eingeboren, so sieht sie sich dort 
immer von neuem in die Mannigfaltigkeit und den Wechsel der 
Erscheinung verstrickt.®) Ihre Mittel- und Doppelstellung bewährt 
die Imagination vor allem am Begriff des Unendlichen als dem 
Grund und Ausdruck des metaphysischen Seins: denn wenn der 
„Sinn“ überall auf feste Begrenzung, auf die Einschränkung des 
Weltbildes durch einen abgeschlossenen wahrnehmbaren Hori- 
zont hindrängt, so treibt die Einbildungskraft über jedes solche 
willkürlich angenommene Ende hinaus und erweist sich darin 
dem Intellekt verwandt, dessen Charakter und Wesenheit. in 
der Unendlichkeit seiner Operationen besteht.) Ist somit hier 
ein Durchgangs- und Vermittlungspunkt gefunden, so drängt die 
weitere Ausbildnng von Brunos Naturbegriff immer mehr darauf 
hin, die beiden Grundmomente in relativer Selbständigkeit zu 
erkennen und darzustellen. Die letzte metaphysische Hauptschrift 
„De triplicı minimo et mensura“ (1591) zeigt den Abschluss dieser 
Entwicklung. Der Versuch, die Daten der Wahrnehmung von 
begrifflichen Gesichtspunkten aus umzudeuten, wird hier schroff 
zurückgewiesen. Jedes der beiden Gebiete besitzt sein eigenes 
Recht und unterliegt eigenen, aus ihm selber geschöpften Kri- 
terien der Beurteilung. Der Sinn wird nicht getäuscht, da er 
— richtig verstanden und gedeutet — nirgend mehr als relative 
Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, da seine Aussagen also 
niemals für die Gegenstände als solche. sondern für deren Be-</div>
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