<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Ernst</forname>
            <surname>Cassirer</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1876769408</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>Die Universalmathematik. 
8381 
von ihren Mängeln frei ist. Logik und Grössenlehre müssen sich 
zusammenschliessen und durchdringen, um den neuen Begriff 
der Universalmathematik zu erzeugen. Von der Logik ent- 
lehnt diese neue Wissenschaft das Ideal des streng deduktiven 
Aufbaus und die Forderung erster „evidenter‘“ Grundlagen der 
Beweisführung: nach dem Vorbild der Geometrie und Algebra 
bestimmt sie den Inhalt, den sie diesen Grundlagen gibt. Wenn 
wir untersuchen, welcher Art dieser Inhalt ist, wenn wir fragen, 
warum nicht nur die Lehre von den Zahlen, sondern auch die 
Astronomie, die Musik, die Optik, die Mechanik der „Mathema- 
tik“ zugerechnet werden: So finden wir, dass die Gemeinsamkeit 
ihres Objekts und ihres Verfahrens in dem Begriff der Ordnung 
und des Maasses wurzelt, den sie insgesamt zu Grunde legen. 
Man mag diese Ordnung in den Gestalten oder Zahlen, in den 
Sestirnen oder Tönen aufsuchen und bestimmen; immer bleibt 
der allgemeine Gedanke des Verhältnisses und der Beziehung 
ler einheitliche Ausgangspunkt. Eine reine Wissenschaft 
der „Proportionen“ und „Relationen“ — unabhängig von 
aller Besonderheit der Objekte, in denen sie sich darstellen und 
verkörpern — bildet somit die erste Forderung und den ersten 
Gegenstand, auf den die Methode sich richtet. 1!) 
Um die Bedeutung dieses scheinbar so schlichten und 
einfachen Gedankens zu ermessen, muss man, den Weisungen 
Descartes’ folgend, die geschichtliche Lage der Grundwissen- 
schaften, von denen er ausgeht, im Einzelnen analysieren. Was 
die Logik betrifft, so braucht man hierbei nicht ihre scho- 
lastische Gestalt ins Auge zu fassen — denn diese konnte schon 
durch die Kritik des Humanismus und der Naturphilosophie als 
überwunden gelten — sondern muss sie in ihren fundamen- 
talen Entstehungsbedingungen bei ihrem ersten Urheber aufsuchen 
und beurteilen. Die Logik und Kategorienlehre des Aristoteles 
setzt seine Metaphysik, setzt seine Lehre vom „Seienden als 
Seienden“ notwendig voraus. Sie beginnt mit dem Begriff der 
Substanz, der von der Metaphysik her als die Form und der 
Urgrund alles Seins bekannt ist. Dass alle Aussagen, die wir 
machen können, an feste und fertige Dinge anknüpfen müssen, 
dass die Substanz nicht nur dem Dasein, sondern auch der Er- 
kenntnis nach das Erste ist: dieser Satz hat für Aristoteles den</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
