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        <title>Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit</title>
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Die Ideenlehre. — Malebranche 
schränkte Macht Göttes begrenzen und leugnen. Was wir die 
wirkende Ursache eines Vorganges nennen, das ist, wie er ausführt, 
in Wahrheit nur das Zeichen und Symbol, an dem wir seinen 
Eintritt erkennen und vorauszusagen vermögen: nicht die schaf- 
(ende Gewalt, die ihn hervortreibt. Und so bleibt es denn auch 
ein leeres Wort, wenn wir von selbständigen Prinzipien der 
Dinge sprechen, die von allem Anfang in sie gelegt sind und die 
für sich allein ihren Fortbestand ermöglichen. Die „Natur“ in 
diesem Sinne, als ein Prinzip der Erhaltung gedacht, ist eine 
blosse Chimäre.®) Wir müssen an diesem Punkte innehalten, 
um uns die eigentümliche geschichtliche Stellung, die Malebran- 
ches Naturbegriff einnimmt, zu vergegenwärtigen. Der charakte- 
ristische Grundzug der neueren Naturphilosophie und das eigent- 
liche Kennzeichen ihrer Renaissance bildet der Gedanke, dass die 
Natur „juxta propria principia“ zu erklären ist, dass sie aus 
ursprünglichen Anlagen ohne weitere Einwirkung eines äusseren 
Bewegers erwächst und sich entwickelt. Malebranche geht mit 
vollem Bewusstsein wiederum hinter diesen Gedanken zurück: 
er opfert die Erhaltung der Schöpfung, die Immanenz der 
Transscendenz auf. Erst Leibniz ist es, der — im Gegensatz zu 
ihm — den Eigenwert und die Substantialität der Naturdinge 
wieder herstellt und der damit erst den stetigen Zusammenhang 
mit der Grundanschauung der Renaissance von neuem knüpft. 
S. ob. S. 196 f.) In diesen Umbildungen des Naturbegriffs 
spiegeln sich die Schicksale und Wandlungen des Erkenntnis- 
begriffs. Wir begreifen die geschichtliche Notwendigkeit von 
Malebranches Gedanken: er musste, wie wir sahen, die abso- 
iuten Substanzen und Kräfte aus der empirischen Wirklichkeit 
ausschalten, um diese der durchgehenden und vollendeten wissen- 
schaftlichen Einsicht zugänglich zu machen. Aber er vermochte 
liesen Schritt nicht anders zu vollziehen, als dadurch, dass er 
den Begriff der Energie selbst entwertete und ihn zum „Idol“ 
herabdrückte. Es ist charakteristisch, dass Malebranches Ideen- 
lehre, die den Inbegriff der Wahrheiten und Voraussetzungen 
der Wissenschaft enthält, neben den moralischen Prinzipien 
nur die Grundsätze der reinen Mathematik, nur die Figur, die 
Zahl und das Unendliche kennt. Alle physikalischen und 
iynamischen Grundsätze, insbesondere der Begriff der Substanz</div>
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