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        <title>Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit</title>
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            <forname>Ernst</forname>
            <surname>Cassirer</surname>
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            <idno>1876769408</idno>
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        Ernst Cassirer, Das Erkenntnisproblem
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        DAS ERKENNTNISPROBLEM

in der Philosophie und Wissenschaft

der neueren Zeit

‘£t

Dr. ERNST | CASSIRER

ERSTER BAND

VERLAG VON BRUNO CASSIRER
BERLIN 1906
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Vorrede.

Die Schrift, deren ersten Band ich hier veröffentliche, stellt
sich das Ziel, die geschichtliche Entstehung des Grundproblems
der neueren Philosophie zu beleuchten und durchsichtig zu machen.
Alle gedanklichen Bestrebungen der neueren Zeit fassen sich zuletzt
 zu einer gemeinsamen höchsten Aufgabe zusammen: es ist
ein neuer Begriff der Erkenntnis, der in ihnen in stetigem
Fortgange erarbeitet wird. So einseitig es wäre, den Ertrag der
modernen philosophischen Arbeit lediglich im logischen Gebiete
aufsuchen zu wollen: so deutlich lässt sich doch erkennen, dass
die verschiedenen geistigen Kulturmächte, die zu dem endgiltigen
Ergebnis zusammenwirken, erst kraft des theoretischen Selbstbewusstseins,
 das sie erringen, ihre volle Wirkung entfalten
können und dass sie damit mittelbar zugleich die allgemeine
Aufgabe und das Ideal des Wissens fortschreitend umgestalten.
Jede Epoche besitzt ein Grundsystem letzter allgemeiner Begriffe
 und Voraussetzungen, kraft deren sie die Mannigfaltigkeit
des Stoffes, den ihr Erfahrung und Beobachtung bieten, meistert
und zur Einheit zusammenfügt. Der naiven Auffassung aber und
selbst der wissenschaftlichen Betrachtung, soweit sie nicht durch
kritische Selbstbesinnung geleitet ist, erscheinen diese Erzeugnisse
des Geistes selbst als starre und ein für alle Mal fertige Gebilde.
Die Instrumente des Denkens werden zu bestehenden Objekten
umgewandelt; die freien Setzungen des Verstandes werden in der
Art von Dingen angeschaut, die uns umgeben und die wir passiv
hinzunehmen haben. So wird die Kraft und Unabhängigkeit des
Geistes, die sich in der Formung des unmittelbaren Wahrnehmungsinhalts
 bekundet. von neuem durch ein System fester Begriffe be-24


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        ST

Vorrede.

schränkt, das ihm wie eine zweite unabhängige und unabänderliche
Wirklichkeit gegenübertritt. Die Illusion, auf Grund deren wir
die subjektiven Empfindungen der Sinne den Gegenständen selbst
anheften, wird von der Wissenschaft Schritt für Schritt beseitigt:
aber an ihrer Stelle erhebt sich die nicht minder gefährliche
[lusion des Begriffs. Wenn die „Materie“ oder das „Atom“
ihrem reinen Sinne nach nichts anderes bedeuten wollen, als die
Mittel, kraft deren der Gedanke seine Herrschaft über die Erscheinungen
 gewinnt und sichert, so werden sie hier zu selbständigen
Mächten, denen er sich zu unterwerfen hat.
Erst die kritische Analyse, die den inneren gesetzlichen Aufbau
 der Wissenschaft aus ihren Prinzipien aufhellt, vermag
diesen Dogmatismus der gewöhnlichen Ansicht zu entwurzeln.
Was dieser als ein selbstgenügsamer und fest umschränkter Inhalt
 gilt, das erweist sich jetzt als eine intellektuelle Teilbedingung
 des Seins, als ein einzelnes begriffliches Moment, das erst
im Gesamtsystem unserer Grunderkenntnisse zu wahrer Wirksamkeit
 gelangt. So notwendig und unumgänglich indes diese rein
logische Auflösung ist: so schwierig ist sie zugleich. Gerade an
dieser Stelle darf daher die systematische Zergliederung der Erkenntnis
 die Hilfsmittel nicht verschmähen, die die geschichtliche
 Betrachtung ihr allenthalben darbietet. Ein Hauptziel, dem
die inhaltliche Kritik der Prinzipien zustrebt, lässt sich in ihr fast
mühelos und in voller Klarheit gewinnen: das Trugbild des „Absoluten“
 verschwindet hier von den ersten Schritten an von selbst.
Indem wir die Voraussetzungen der Wissenschaft als geworden
betrachten, erkennen wir sie eben damit wiederum als Schöpfungen
 des Denkens an; indem wir ihre historische Relativität
 und Bedingtheit durchschauen, eröffnen wir uns damit den
Ausblick in ihren unaufhaltsamen Fortgang und ihre immer erneute
 Produktivität. Die beiden Richtungen der Betrachtung
:ügen sich hier zwanglos und ungesucht ineinander ein. Die
systematische Gliederung der Grunderkenntnisse und das Verhältnis
ihrer inneren Abhängigkeit tritt uns in dem Bilde ihrer geschichtlichen
 Entstehung noch einmal deutlich und fasslich entgegen.
So wenig diese Entwicklung verstanden und dargestellt werden
kann, ohne dass man sich das Ganze, dem sie zustrebt, beständig
in einem idealen Entwurf vor Augen hält: so wenig gelangt die
        <pb n="6" />
        Vorrede.

VIT

fertige Gestalt selbst zur vollen anschaulichen Bestimmtheit, ehe
wir sie nicht in ihren einzelnen Teilen vor uns entstehen lassen. —
In dieser Grundansicht habe ich versucht, in der folgenden
Darstellung das systematische und das geschichtliche Interesse zu
vereinen. Von Anfang an galt es mir als das notwendige und
selbstverständliche Erfordernis, die Herausbildung der fundamentalen
 Begriffe an den geschichtlichen Quellen selbst zu studieren
 und jeden Einzelschritt der Darstellung und Schlussfolgerung
 unmittelbar aus ihnen zu rechtfertigen. Die einzelnen Gedanken
 sollten nicht nur ihrem allgemeinen Sinne nach in historischer
 Treue wiedergegeben, — sie sollten zugleich innerhalb des
bestimmten intellektuellen Gesichtskreises, dem sie angehören, betrachtet
 und aus ihm heraus begriffen werden. Hier erwarte und
erhoffe ich die eingehende Nachprüfung von Seiten der Kritik;
je genauer und strenger sie ist, um so erwünschter wird sie mir
sein. Ich selbst habe bei der Herbeischaffung und Sichtung des
historischen Materials die Lücken unseres heutigen Wissens im
Gebiet der Geschichte der Philosophie zu lebhaft empfunden, als
dass ich nicht jede Förderung durch erneute, eindringende Spezialforschung
 willkommen heissen sollte. Und je bestimmter und
schärfer die Kenntnis des Einzelnen sich gestalten wird, um so
deutlicher werden sich auch die grossen intellektuellen Zusammenhänge
 vor uns enthüllen. Die immanente Logik der Geschichte
gelangt um so klarer zum Bewusstsein, je weniger sie unmittelbar
 gesucht und mittels eines fertigen Schemas in die Erscheinungen
 hineinverlegt wird. Dass die innere Einheit, die die
einzelnen Tatsachen verknüpft, nicht direkt mit diesen selber
mitgegeben, sondern immer erst durch gedankliche Synthesen
zu erschaffen ist: dies muss freilich von Anfang an erkannt
werden. Das Recht derartiger Synthesen wird heute — da
auch die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen der Geschichte
klarer begriffen und formuliert sind — keines besonderen Erweises
 mehr bedürfen; nicht das allgemeine Verfahren, sondern
nur seine besondere Anwendung kann kritisch bestritten werden.
Die Geschichte der Philosophie kann, so wahr sie Wissenschaft
ist, keine Sammlung bedeuten, durch die wir die Tatsachen in
bunter Folge kennen lernen; sie will eine Methode sein, durch
die wir sie verstehen lernen. Dass die Prinzipien, auf die sie
        <pb n="7" />
        VI

Vorrede.

sich hierbei stützt, zuletzt „subjektiv“ sind, ist freilich wahr;
aber es besagt nichts anderes, als dass unsere Einsicht hier wie
überall durch die Regel und das Gesetz unserer Erkenntnis
bedingt ist. Die Schranke, die hierin zu liegen scheint, ist
überwunden, sobald sie durchschaut ist, sobald die unmittelbar
gegebenen Phänomene und die begrifflichen Mittel für ihre theoretische
 Deutung nicht mehr unterschiedslos in Eins verschwimmen,
 sondern beide Momente sowohl in ihrer Durchdringung, wie
in ihrer relativen Selbständigkeit erfasst werden. —
Die Abgrenzung des Stoffgebiets und die leitenden Gesichtspunkte
 für seine Behandlung habe ich in der Einleitung zu begründen
 gesucht. Die allgemeine Fassung der Aufgabe verlangte,
dass die Betrachtung nicht auf die Abfolge der einzelnen philosophischen
 Systeme beschränkt, sondern stets zugleich auf die Strömungen
 und Kräfte der allgemeinen geistigen Kultur, vor allem
auf die Entstehung und Fortbildung der exakten Wissenschaft,
bezogen wurde. Diese Erweiterung hat es verschuldet, dass der
erste Band, der hier erscheint, über die Anfänge der neueren
Philosophie nicht hinausreicht. Der Reichtum der philosophischen
und wissenschaftlichen Renaissance, der heute noch kaum erschlossen,
 geschweige bewältigt ist, forderte überall ein längeres
Verweilen; wird doch hier der originale und sichere Grund für
alles Folgende gelegt. Der zweite Band wird mit der englischen
Erfahrungsphilosophie beginnen, um sodann, in einer doppelten
Richtung, die Entwickelung des Idealismus von Leibniz an und
den Fortgang der Naturwissenschaft von Newton an zu verfolgen;
beide Ströme vereinigen sich in der kritischen Philosophie,
mit deren Darstellung das Werk seinen Abschluss erreichen soll.
Die Vorarbeiten zu diesem Bande sind so weit fortgeschritten,
dass er, wie ich hoffe, in Kurzem erscheinen wird.
Berlin. im Januar 1906.

Ernst Cassirer.
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        Inhalts-Verzeichnis.

Einleitung.

Seite

Das Erkennen und sein Gegenstand. — Das System der
Grundbegriffe und seine Wandlungen. — Psychologische und
geschichtliche Analyse des Erkenntnisprozesses. — Erkenntnisbegriff
 und Erkenninistheorie. — Verhältnis zur Metaphysik. —
Die „transscendentale Methode“ und die Geschichte. — Das
‚a priori“ und seine Geschichte. — Die Umformung der
„Stammbegriffe“ . 2.0.0000 8 HH
Das Erkenntnisproblem in der griechischen Philosophie.

Die „Harmonie“ des griechischen Geistes. — Platons Grund-‚egung
 der Erkenntnis. — Die Pythagoreer. — Der Begriff des
Gesetzes. — Heraklit, — Die Eleaten. — Die Atomistik und
ihre begrifflichen Grundlagen . . 2. 0.0.0000 4
Die Kritik des Seinsbegriffs. (P/aton) — Die Kritik der sinnlichen
 Wahrnehmung. — Die Ideenlehre und das Problem der
Erfahrung. — Erfahrung und Mathematik . . .. .. u.
Aristoteles. — Der Begriff der „Form“ und die Aristotelische
Erkenntnislehre. — Das Erkenntnisproblem in der Scholastik

Erstes Buch.
Die Renaissance des Erkenntnisproblems.,
Erstes Capitel: -
Nikolaus Cusanus,
[. Gott und Welt. — Der Fortschritt zur Immanenz. — Die „docta
ignorantia“ als Erkenntnismittel. — Der Begriff der „conjectura“.
[I. Verstand und Sinnlichkeit. — Die „Aehnlichkeit“ des Geistes
und der Dinge. A Das Musterbild der Mathematik. — Der Begriff
 des Unendlichen. — „Complicatio“ und „explicatio“ . .

DO

4

52

50
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        Inhalts- Verzeichnis.

1. Objekt und Funktion des Denkens. — Der Begriff des Wertes.
Der Begriff des Logos. — Geschichtliche Stellung und Fortwirkung
 des Systems . . . .
Carolus Bovillus,
Dialektik und Naturphilosophie. — Die Entstehung der Erkenntnis.
 — Der Widerspruch im Aristotelischen Formbegriff. —
Makrokosmos und Mikrokosmos . .

Zweites Capitel:
Der Humanismus und der Kampf der Platonischen und
Aristotelischen Philosophie.
Die Philosophie in der Kultur der Renaissance. — Die Erneuerung
 des Erkenntnisproblems. — Individuum und Natur,
Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. . .
Georgios Gemistos Plethon
Marsilius Fidinus .
Die Stufenfolge des geistigen Seins. — Die logische Bedeutung
des Unsterblichkeitsproblems. — Die Selbsttätigkeit des
Jenkens. — Der Begriff der ästhetischen Harmonie. -— Immaı1enz
 und Transscendenz,
Die Reform der Aristotelischen Psychologie. . ..
Der Uebergang zum modernen Begriff des Bewusstseins. —
Aristoteles’ Lehre vom „tätigen Verstande“ -— Der Averroismus
Pietro Pomponazzi
Die Einheit der Seele, — Das Allgemeine und das Besondere.
— Die Grundlegung der Ethik.
Giacomo Zabarelld
Das Absolute und der „tätige Verstand“.
Die Auflösung der scholastischen Logik. .....
Lorenzo Valla, 0 .
Lodovico Vives ©
Die Schrift „gegen die Pseudodialektiker“. — Die Kritik der
Intologie. — Die logischen Anfänge der Erfahrungswissenschaft,
Petrus Ramus
Die „natürliche Dialektik“. — Der Uebergang zur mathematischnaturwissenschaftlichen
 Renaissance
Giacomo Zabarella . . 82
Kompositive und resolutive Methode. — Die Logik der Induktion.
 — Die regressive Methode und der Zirkelschluss.
Francesco Pico della Mirandola
Die Kritik des Substanzbegriffs.
Marius Nizolius
Die Kritik der Universalien. — Der falsche Begriff der Induktion.

7l.

86
92
94
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108

118

120

22
123
[25

129

134

14]

145
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        Inhalts- Verzeichnis.

V. Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht .
Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaft, — Giov. Picos
Schrift „gegen die Astrologie“. — Die Freiheit des Willens. —
Natur- und Selbstbewusstsein. —- Die Geschichtsphilosophie. —
Die Idee der Universalreligion. -— Die Logoslehre.

Drittes Kapitel:
Der Skepticismus . . . + +
Montaigne . 0. WR
Zweckbegriff und Naturbegriff. — Die Kritik des Pantheismus.
— Die Natur und die Erkenntnis — Die ethische Bedeutung
der Skepsis. — Die Natur als sittlicher Normbegriff. — Psycho-‚ogie
 und Geschichte. — Der neue Begriff der „Selbster-Kenntnis“,
 — Die anthropologische Kritik der Religion . .
CRarrom ©
Die Kritik der religiösen Moral.
Sanchez und Za Mothe le Vayer
Die Grenzen der skeptischen Kritik.

147

162
164

164
181

185

Zweites Buch.
Die Entdeckung des Naturbegriffs.

Erstes Kapitel:
Die Naturphilosophie . . . +
A) Der Begriff des Weltorganismus . .
Der Begriff der Entwicklung. — Die Immanenz der Naturgesetze.
 — Die Kritik des Kraftbegriffs. — Die Kritik des
Aristotelischen Formbegriffs.
Paracelsus 0 KO &amp;amp; -
Das ‚Sichtige“ und das „Unsichtige“. — Der neue Naturbegriff
and die Kritik der ‘Astrologie. — Der Begriff der Erfahrung, —
Das „Licht der Natur“.
B) Die Psychologie des Erkennens 2.0.0.0...
Girolamo Fracastoro 0.000 N „5 mm
Die Psychologie des Erkennens. — Die Entstehung der Allzemeinbegriffe,

Telesto © 2
Die Theorie der Wahrnehmung — Verhältnis zum modernen
Sensualismus. — Die Verdinglichung des Geistes und der
Erkenntnis.
Campanella .
Die Verwandlung des Ich in die Dinge. — Die Schranken der
physiologischen Erklärung. — „Umfang“ und „Inhalt“ der Be-‚89


L91

199

207
208

0192

218
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        Znhalts- Verzeichnis.

griffe. — Die skeptische Kritik der Erkenntnis, — Das Selbstbewusstsein.
 — Der Rationalismus in Campanellas Erkenntnislehre.
 — Verhälınis zur Mathematik.
C) Die Begriffe des Raumes und der Zeit. — Die
U
Raum und Zeit bei Cardano, Scaliyer und Telesio
Patrizzi . 0.
Der Raum und das Kategoriensystem. — Patrizzis Lehre vom
Minimum. — Verhältnis von Zahl und Ausdehnung.
Der Begriff des Unendlichen . .
Zweites Kapitel:
Die Entstehung der exakten Wissenschaft .
Begriff und Erfahrung.
Zeonardo da Vinci, „oo n 8 4
Die Mathematik. — Die Erfahrung und die „Vernunftgründe“,
— Die logische Bedeutung der „Imagination“.
Keßler.
a) Der Begriff der Harmonie . .2..0.0.0.0.0100
Die Harmonie als eine Schöpfung des Geistes, -- Die Theorie
der Wahrnehmung. — Grössenbegriff und Naturbegriff. — Der
Begriff der Hypothese, — Die astronomische und die physische
 Hypothese. — Mathematische und mystische Naturanschauung.
 -— Die Kritik der Aristotelischen Naturansicht.
5) Der Begriff der Kraft . 2.0.0.0...
Kraftbegriff und Seelenbegriff. — Die logische Bedeutung des
Funktionsbegriffs, — Die Ärithmetik der Kräfte,
William Gilbert. — Die Theorie des Magnetismus.
Die Theorie der Gravitation bei Gilbert und Kepler. — Die Entdeckung
 des Massenbegriffs,
c) Der Begriff des Gesetzes ..........
Die Geometrie als logische Grundvoraussetzung. — Die Gezetzlichkeit
 des Ungleichförmigen. — Die Konstanz der Naturgesetze.
 — Der Grund des Seins und das Gesetz des Werdens,
Galilei,
Der Briefwechsel zwischen Kepler und Galilei, — Der Kampf
gegen die Syllogistik. — Das Recht der „Abstraktion“. — Ma-'hematik
 und Natur, — Der Begriff der Materie. — Verhältnis
zur antiken Atomistik, — Die Subjektivität der sinnlichen Qualitäten.
 — Die Erhaltung des Stoffes. — Die Bewegung als
Objekt der reinen Mathematik, — Das Beharrungsgesetz.
Das Rangverhältnis zwischen „Sein“ und „Wirken“, — Substantielle
 und funktionelle Weltansicht. — Die Erfahrung als
unendliche Aufgabe. — Die Relativität der Erkenntnis. — Erfahrung
 und Denken. — Das „a vriori“ der Idee und das „a

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231
232
984.

240

248

947

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269

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        <pb n="12" />
        Inhalts - Verzeichnis.

priori“ des Zwecks. — Die philosophische Bedeutung von Ga-'ileis
 Wissenschaft.
Die Mathematik. . . + + + . .
Die Wechselwirkung zwischen Mathematik und Physik. — Der
Begriff des Unendlichen. — Die Umformung des Grössenbegriffs.
 — Das „Indivisible“ und die Erneuerung der Geometrie,
— Die Anfänge der analytischen Geometrie, — Die projektive
Geometrie. — Buchstabenrechnung und Logarithmen.
Drittes Kapitel:
Das Copernikanische Weltsystem und die Metaphysik. —
%iordano Bruno + 2.200 HH
Das Copernikanische Weltsystem und die Metaphysik. — Religion
 und Wissenschaft.
"7iordano Bruno,
Das Unendliche und die Denkfunktion. — Die metaphysischen
arundlagen von Brunos Erkenntnislehre. — Die Idee des
Schönen, — Die Immanenz der Idee in der Erscheinung. =
Die sinnliche und die intelligible Welt, — Einheit und Vielheit,
Materie und Form. —- Die Kritik des Substanzbegriffs . . .
Der Begriff des Minimums. — Das Minimum als Maass der
Dinge, — Die Entstehung der Einzelgestalten, — Minimum und
Grenze. — Kritik der Minimum-Lehre .

k.

Drittes Buch.
Die Grundlegung des Idealismus.
Erstes Kapitel:
Descartes . .

‘Die Einheit der Erkenntnis. „
Die Grenzbestimmung des Verstandes. — Die Universalmathematik.
 — Die Kritik der Syllogistik. — Die philosophische Bedeutung
 der analytischen Methode. — Die Grundlegung der
analytischen Geomeırie, — Der Raum als Erkenntnismittel. —
Der Raum als „eingeborene Idee“. . .
Die Anfänge der Physik. - Statik und Dynamik, — Die Erhaltung
 der Bewegungsmenge. ,
Das Problem der Erfahrung. — Die gedanklichen Voraussetzungen
 der Induktion. — Induktion und Enumeration, —
Die Hypothesen der Physik. — Fundament und Ausbau .der
Cartesischen Physik. — Kritik der Cartesischen Methodenlehre.
I. Die Metaphysik 2.00
Die Analyse der Erkenntnis. — Die Analyse des Dingbegriffs,
— Das Obijekt und die Urteilsfunktion.

Xill

394

340

343
8355

360

375
377

412
        <pb n="13" />
        XIV

Inhalts - Verzeichnis.

Das Problem der absoluten Existenz und die Gottesidee. —
Der Begriff des Unendlichen. — Die Transscendenz des Unendlichen.
 — Gott und die „ewigen Wahrheiten“. —— Die metaphysische
 Bedeutung der „eingeborenen Ideen“, — Die denkende
 und die ausgedehnte Substanz. — Die Grenzen der Cartesischen
 Philosophie.
Zweites Kapitel:

Das Kriterium der klaren und deutlichen Perception und die
"ortbildung der Cartesischen Philosophie .

Das Kriterium der klaren und deutlichen Perception. — Cartesianismus
 und Augustinismus.
A) Pascal,
Die rationale Begründung der Wissenschaft. — Die Methode
der Geometrie. — Die Würde des Denkens .. .....
Das Ich und das Universum. — Das Mysterium der Erbsünde.
 — Der Jansenismus. — Die skeptische Vernichtung
des Wahrheitsbegriffs. — Wille und Intellekt. — Verhältnis
zu Montaigne . . . -
B) Logik und Kategorienlehre
Claubergs Logica vetus et nova und die Logik von Port Royal, —
Pierre Silvain Regis
GEUÜNCH |
Die Kritik des Verstandes. — Die Verdinglichung der geistigen
Funktionen. — Die Kritik des Dingbegriffs.
Richard Burthogge . 0.0000 RN
Das Absolute und das System des Begriffe. — Die Auflösung
des metaphysischen Substanzbegriffs. — Der Begriff der Ursache.
 — Die Schranke der Verstandeskritik,

!

En

AQ4

438

AAA

455
458

46:

C) Die Ideenlehre. — Malebranche.

Das Problem der Psychologie. — Die Kritik der „Selbsterkenntnis“,
 - Die Aufhebung der absoluten Materie, — Die
Kritik des Kraftbegriffs. — Der Begriff der Relation. — Kraftbegriff
 und Gesetzesbegriff . . . 0.0.0004 0 4 4 7
Die Grundlegung des psychologischen Idealismus. — Die Kritik
des ontologischen Beweises. — Idee und Perception. — Die
Idee des Unendlichen. — Der Begriff der „intelligiblen Ausdehnung“.

Der Wertunterschied in den Inhalten des Bewusstseins. — Arnaulds
 Einwände gegen die Ideenlehre. — Die Vorstellung und
'hr Gegenstand. — Die Unbedingtheit der ewigen Wahrheiten

17

A
        <pb n="14" />
        ZInhalts- Verzeichnis,

D)Der Ausgang der Cartesischen Philosophie. — Bayle,
Bayle und Montaigne. — Das Problem der Grundlegung der
Geisteswissenschaften . . . +. - - . .
Vernunft und Offenbarung. — Die Antinomien des Unendlichen,
 — Die Aufhebung der logischen Grundwahrheiten. —
Das ethische Ziel der Bayleschen Skepsis. — Das psychologische
 Motiv der Bayleschen Skepsis . . ..

Belegstellen und Anmerkungen

XV

504

509

319
        <pb n="15" />
        Einleitung.
        <pb n="16" />
        Der naiven Auffassung stellt sich das Erkennen als ein Prozess
 dar, in dem wir uns eine an sich vorhandene, geordnete und
gegliederte Wirklichkeit nachbildend zum Bewusstsein bringen.
Die Tätigkeit, die der Geist hierin entfaltet, bleibt auf einen Akt
der Wiederholung beschränkt: nur darum handelt es sich, einen
Inhalt, der uns in fertiger Fügung gegenübersteht, in seinen einzelnen
 Zügen nachzuzeichnen und uns zu Eigen zu machen, Zwischen
 dem „Sein“ des Gegenstandes und der Art, in der er sich
in der Erkenntnis widerspiegelt, besteht auf dieser Stufe der Betrachtung
 keine Spannung und kein Gegensatz: nicht der Beschaffenheit,
 sondern lediglich dem Grade nach lassen sich beide
Momente auseinanderhalten. Das Wissen, das sich die Aufgabe
stellt, den Umfang der Dinge zu erfassen und zu erschöpfen, vermag
 dieser Forderung nur allmählich zu genügen. Seine Entwicklung
 vollzieht sich in den successiven Einzelschritten, in denen
es nach und nach die ganze Mannigfaltigkeit der ihm entgegenstehenden
 Objekte ergreift und zur Vorstellung erhebt. Immer
wird dabei die Wirklichkeit als ein in sich selbst ruhender fester
Bestand gedacht, den das Erkennen nur seinem gesamten Umkreis
nach zu umschreiten hat, um ihn sich in allen seinen Teilen
deutlich und vorstellig zu machen.
Schon die ersten Anfänge der theoretischen Weltbetrachtung
aber erschüttern den Glauben an die Erreichbarkeit, ja an die
innere Möglichkeit des Zieles, das diese populäre Ansicht dem
Erkennen setzt. Mit ihnen wird sogleich deutlich, dass wir es in
allem begrifflichen Wissen nicht mit einer einfachen Wiedergabe,
 sondern mit einer Gestaltung und inneren Umformung
des Stoffes zu tun haben, der sich uns von aussen darbietet. Die
Erkenntnis gewinnt eigentümliche und spezifische Züge und ge-
        <pb n="17" />
        Einleitung,

langt zu qualitativer Unterscheidung und Entgegensetzung gegen
die Welt der Objekte. Mag die naive Grundanschauung tatsächlich
 bis weit in die abstrakte Theorie hinein weiterwirken und
ihre Vorherrschaft behaupten: mit dem Beginn der Wissenschaft
‘st sie mittelbar bereits entwurzelt. Die Aufgabe wandelt sich
nunmehr: sie besteht nicht in der nachahmenden Beschreibung,
sondern in der Auswahl und der kritischen Gliederung, die
an der unübersehbaren Vielheit der Wahrnehmungsdinge zu vollziehen
 ist. Die auseinanderstrebenden Anzeigen der Empfindung
werden nicht gleichmässig hingenommen, sondern sie werden derart
 gedeutet und umgebildet, dass sie sich zu einer in sich einstimmigen,
 systematischen Gesamtverfassung fügen. Nicht mehr
schlechthin das Einzelding, sondern die Forderung inneren Zusammenhangs
 und innerer Widerspruchslosigkeit, die der Gedanke
stellt, bildet nunmehr das letzte Urbild, an dem wir die „Wahrheit“
 unserer Vorstellungen messen. Kraft dieser Forderung zerlegt
 sich das unterschiedslose und gleichförmige „Sein“ der naiven
Auffassung in getrennte Gebiete, grenzt sich ein Bereich der echten,
 wesentlichen Erkenntnis von dem Umkreis des „Scheinens“
und der wandelbaren Meinung ab. Der wissenschaftliche Verstand
 ist es, der nunmehr die Bedingungen und Ansprüche seiner
eigenen Natur zugleich zum Maasse des Seienden macht. Nach
dem Grund und der Rechtfertigung dieser Ansprüche selbst wird
hier zunächst nicht gefragt; in voller unbefangener Sicherheit
schaltet das Denken mit den empirischen Inhalten, bestimmt es
aus sich heraus die Kriterien und Gesetze, nach denen sie zu
formen sind. In dieser tätigen Bearbeitung der Objekte tritt allmählich
 immer deutlicher und bewusster die logischeBestimmung
und Eigenart der Erkenntnis selbst heraus.
Dennoch vermag der Gedanke in dieser ersten naiven Selbstgewissheit,
 so bedeutsam und fruchtbar sie sich ihm erweist, nicht
zu verharren. Die Kritik, die er an dem Weltbild der unmittelbaren
 Anschauung vollzogen hat, enthält, tiefer gefasst und durchgeführt,
 für ihn selbst ein dringliches und schwieriges Problem.
Wenn das Erkennen nicht mehr schlechthin das Abbild der konkreten
 sinnlichen Wirklichkeit, wenn es eine eigene ursprüngliche
 Form ist, die es allmählich gegenüber dem Widerspruch
und dem Widerstand der Einzeltatsachen der Empfindung durch-
        <pb n="18" />
        Das Erkennen und sein Gegenstand,

zusetzen und auszuprägen gilt, so ist damit die frühere Grundlage
 für die Gewissheit unserer Vorstellungen hinfällig geworden.
Wir können sie nicht mehr unmittelbar mit ihren äusseren dinglichen
 „Originalen“ vergleichen, sondern müssen in ihnen selbst
das Merkmal und die immanente Regel entdecken, die ihnen Halt
und Notwendigkeit gibt. Bestand der erste Schritt darin, die
scheinbare Sicherheit und Festigkeit der Wahrnehmungsobjekte
aufzuheben und die Wahrheit und Beständigkeit des Seins in
einem System wissenschaftlicher Begriffe zu gründen, so muss
nunmehr erkannt werden, dass uns auch in diesen Begriffen kein
letzter unangreifbarer und fragloser Besitz gegeben ist. Erst in dieser
 Einsicht vollendet sich die philosophische Selbstbesinnung
des Geistes. Wenn es der Wissenschaft genug ist, die vielgestaltige
 Welt der Farben und Töne in die Welt.der Atome und Atombewegungen
 aufzulösen und ihr damit in letzten konstanten Einheiten
 und Gesetzen Gewissheit und Dauer zu verleihen, so entsteht
 das eigentlich philosophische Problem erst dort, wo diese
Urelemente des Seins selbst als gedankliche Schöpfungen verstanden
 und gedeutet werden.
Aber freilich: dem Bereich grenzenloser Relativität, dem
wir noch eben entronnen zu sein meinten, scheinen wir jetzt von
neuem und für immer überantwortet. Die Wirklichkeit der Objekte
 hat sich uns in eine Welt des Bewusstseins aufgelöst; an
Stelle der dinglichen Welt ist eine geistige Welt reiner Begriffe
und „Hypothesen“ erstanden. Im Gebiet des Geistigen aber gibt es
keinen Bestand und kein „Dasein“, das der „Existenz“ der Naturabjekte
 vergleichbar wäre. Alle Wirklichkeit eines Inhalts besteht
hier in dem Prozess, in dem er entdeckt und hervorgebracht
wird; alles Sein begreifen wir erst aus dem Verlauf und dem
Gesetze seines Entstehens. So fordert das eigene Wesen jener
togischen Grundbegriffe, die die Wissenschaft aus sich heraus
entwickelt, dass wir sie nicht als gesonderte und von einander losgelöste
 Gestaltungen betrachten, sondern sie in ihrer geschichtlichen
 Abfolge und Abhängigkeit erfassen. Damit aber droht uns
jeder feste systematische Haltpunkt zu entschwinden. Die gedanklichen
 Einheiten, vermittels deren wir das Gewirr der Erscheinungen
 zu gliedern suchen, halten selbst nirgends stand; in buntem
Wechselspiel verdrängen sie sich und lösen unablässig einander
        <pb n="19" />
        Einleitung.

ab. Es ist vergeblich, bestimmte beharrliche Grundgestalten des
Bewusstseins, gegebene und konstante Elemente des Geistes aussondern
 und festhalten zu wollen. Jedes „a priori“, das auf diesem
Wege als eine unverlierbare Mitgift des Denkens, als ein notwendiges
 Ergebnis seiner psychologischen oder physiologischen
„Anlage“ behauptet wird, erweist sich als ein Hemmnis, über
das der Fortschritt der Wissenschaft früher oder später hinwegschreitet.
 Wenn wir hier, in den gedanklichen Synthesen und
Setzungen, das „Absolute“ wiederzufinden hofften, das sich der
unmittelbaren Wahrnehmung entzog, so sehen wir uns nunmehr
anttäuscht; was uns zu Teil wird, sind nur immer erneute hypothetische
 Ansätze und Versuche, den Inhalt der Erfahrung,
soweit er sich uns auf der jeweiligen Stufe unserer Erkenntnis
erschlossen hat, auszusprechen und zusammenzufassen. Ist es
nicht Willkür, irgend eines dieser mannigfachen Systeme fixieren
 und der künftigen Forschung als Muster und Regel aufdrängen
 zu wollen? Sind unsere Begriffe etwas anderes und können
sie mehr zu sein verlangen, als Rechenmarken: als vorläufige Abkürzungen,
 in denen wir den augenblicklichen Stand unseres empirischen
 Wissens überschauen und zur Darstellung bringen? So
hat das Denken hier einen Zirkel beschrieben: wenn es davon
ausging, die Wahrnehmung durch den Begriff zu berichtigen und
zu kritisieren, so erscheint jetzt die sinnliche Erfahrung in ihrem
stetigen Fortgang als die höchste Instanz, an der jede begriffliche
Schöpfung immer von neuem sich zu bewähren hat. Die unbedingte
 Einheit und Gleichförmigkeit dieser Erfahrung freilich,
die auf der ersten Stufe naiv vorausgesetzt wurde, kann hier nicht
mehr behauptet werden; sie gehört selbst zu jenen Begriffspostulaten,
 deren bloss relative Geltung nunmehr durchschaut ist.
Nichts versichert uns mehr, dass nicht der gesamte begriffliche
Inhalt, den das Denken erbaut und notwendig erbauen muss, im
nächsten Augenblick durch eine neue Tatsache gestürzt und vernichtet
 werde. Für die Eine und unwandelbare „Natur“, die uns
anfangs als zweifelloser Besitz galt, haben wir nur das Spiel unserer
„Vorstellungen“ eingetauscht, das durch keine innere Regel mehr
gebunden scheint. So hebt diese letzte Folgerung, in die die geschichtliche
 Betrachtung des Ganges der Wissenschaft einmündet.
 den Sinn und die Aufgabe der Philosophie auf. Wir dürfen
        <pb n="20" />
        Das System der Grundbegriffe und seine Wandlungen,

uns dieser Konsequenz nicht verschliessen, sondern müssen sie
aufnehmen und weiterführen. In der Tat wäre es ungenügend,
wenn man ihr etwa mit dem Hinweis begegnen wollte, dass die
vorangehenden Leistungen des Denkens und der Forschung in den
folgenden als notwendige Momente enthalten und „aufgehoben“
seien. In so einfacher und geradliniger Folge, wie diese Konstruktion
 es voraussetzt und verlangt, gehen die verschiedenen Begriffssysteme
 nicht auseinander hervor. Nicht derart vollzieht sich der
empirische Gang der Erkenntnis, dass die einzelnen Momente nur
gleichsam äusserlich aneinander herantreten, um sich mehr und
mehr zu einer einheitlichen Totalansicht zu ergänzen. Nicht in
solchem stetigen quantitativen Wachstum, sondern im schärfsten
dialektischen Widerspruch treten die mannigfachen Grundanschauungen
 einander gegenüber. Das vorangehende logische System
muss vernichtet werden, um einem neuen, das auf völlig anderem
Fundamente ruht, Platz zn machen. So sehen wir, dass ein Begriff,
 der der einen Epoche als in sich widerspruchsvoll erscheint,
der folgenden zum Instrument und zur notwendigen Bedingung
aller Erkenntnis wird; so folgt selbst in der empirischen Wissenschaft
 auf eine Periode, in der alle Erscheinungen auf ein einziges
 Grundprinzip zurückgeführt und aus ihm „erklärt“ werden,
eine andere, in der dieses Prinzip selbst als „absurd“ und unausdenkbar
 verworfen wird. Der Eleatische Begriff des Nicht-Seins
in der antiken, die Begriffe des leeren Raumes und der Fernkraft
in der modernen Spekulation sind bekannte und lehrreiche Beispiele
 eines derartigen Prozesses. Und man begreift gegenüber
solchen Wendungen die skeptische Frage, ob nicht aller Fortschritt
 der. Wissenschaft nur die Resultate, nicht aber die Voraussetzungen
 und Grundlagen betrifft, die vielmehr gleich unbeweisbar
 und gleich unvermittelt einander ablösen. Oder sollte
as dennoch möglich sein, in dieser ständigen Umwandlung, wenn
nicht bleibende und unverrückbare Inhalte, so doch ein einheitliches
 Ziel zu entdecken, dem die gedankliche Entwicklung zustrebt?
 Gibt es in diesem Werden zwar keine beharrlichen Elemente
 des Wissens, aber doch ein universelles Gesetz, das der
Veränderung ihren Sinn und ihre Richtung vorschreibt?
Wir haben an dieser Stelle noch keine endgiltige Antwort auf
diese Fragen. Wie die Geschichte das Problem gestellt hat, so
        <pb n="21" />
        FKinleitung.

kann nur sie selbst die Mittel zu seiner Bewältigung darbieten. Mitten
in den geschichtlichen Erscheinungen und Erfahrungen müssen
wir unseren Standort wählen, um von hier aus die Gesamtentwicklung
 zu überblicken und zu beurteilen. Wenn wir allgemein von
dem Gedanken ausgegangen sind, dass die Anschauung, die jede
Zeit von der Natur und der Wirklichkeit der Dinge besitzt, nur
der Ausdruck und das Widerspiel ihres Erkenntnisideals ist: so
versuchen wir nunmehr im einzelnen, uns die Bedingungen zu
verdeutlichen, kraft deren der moderne Begriff und das moderne
System der Erkenntnis sich gestaltet hat. Den komplexen Inbegriff
 von Voraussetzungen, mit denen unsere Wissenschaft an
die Deutung der Erscheinungen herantritt, suchen wir aufzulösen
und die wichtigsten Fäden gesondert in ihrer historischen Entstehung
 und Herausbildung zu verfolgen. Auf diesem Wege dürfen
wir hoffen, zugleich einen sachlichen Einblick in dieses vielverschlungene
 begriffliche Gewebe zu gewinnen und die inneren
Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen seinen einzelnen Gliedern
 verstehen zu lernen. Die Geschichte soll uns somit zur Ergänzung
 und zum Prüfstein der Ergebnisse werden, die die inhaltliche
 Analyse und Reduktion der Wissenschaften uns darbietet.
 In einem doppelten Sinne kann versucht werden, diese
Analyse der gegebenen Wissenschaft, die die eigentliche Hauptaufgabe
 für jede Kritik der Erkenntnis bleiben muss, zu vervollständigen
 und mittelbar zu bewahrheiten. Wir können das eine
Mal nach den psychologischen Bedingungen fragen, die in der
Entwicklung des individuellen Bewusstseins den Aufbau der
Wahrnehmungswelt beherrschen und leiten; wir können versuchen,
 die gedanklichen Kategorien und Gesichtspunkte, die
hier zu dem Stoff der Empfindungen hinzutreten müssen, aufzudecken
 und in ihrer Leistung zu beschreiben. Aber so wertvoll
diese Betrachtung ist, solange sie in den Grenzen, die ihr gesteckt
sind, verweilt und nicht versucht, sich selbst an die Stelle der
kritischen Zergliederung des Inhalts der wissenschaftlichen Prinzipien
 zu setzen: sie bliebe für sich allein unzureichend. Die
Psychologie des einzelnen „Subjekts“ empfängt volles Licht erst
durch die Beziehung, in die wir sie zur Gesamtentwicklung der
Gattung setzen; sie spiegelt uns nur die Tendenzen wieder, die
den Aufbau der geistigen Kultur der Menschheit beherrschen.
        <pb n="22" />
        Psychologische und geschichtliche Analyse des Erkentnisprozesses, g

Hier treten, auf breiterem Raum, die bestimmenden Faktoren
schärfer und klarer auseinander; hier scheiden sich, wie von
selber, die unfertigen und verfehlten Ansätze von den notwendigen
 und dauernd wirksamen Motiven. Nur zum Teil freilich
handelt es sich in dieser allmählichen Herausarbeitung der Grundmomente
 um einen völlig bewussten Prozess, der auf jeder Einzelstufe
 zu deutlicher Bezeichnung und Aussprache gelangte.
Was in die bewusste philosophische Reflexion einer Epoche eingeht,
 ist zwar ein wesentlicher und triebkräftiger Bestand ihrer
Gedankenarbeit; aber es erschöpft dennoch nur auf den wenigen
geschichtlichen Ausnahms- und Höhepunkten deren vollen Gehalt.
 Lange bevor bestimmte Grundanschauungen sich in strenger
begrifflicher Deduktion heraussondern und abgrenzen, sind in der
wissenschaftlichen Kultur die geistigen Kräfte wirksam, die zu
ihnen hinleiten. Auch in diesem gleichsam latenten Zustand gilt
es, sie zu erfassen und wiederzuerkennen, wenn wir uns der
Stetigkeit der geschichtlichen Arbeit versichern wollen. Die
Geschichte der Erkenntnistheorien gibt uns kein volles und
zureichendes Bild der inneren Fortbildung des Erkenntnisbegriffs.
 In der empirischen Forschung einer Periode, in
den Wandlungen ihrer konkreten Welt- und Lebensauffassung
müssen wir die Umformung ihrer logischen Grundansicht verfolgen.
 Die Theorien über die Entstehung und den Ursprung der
Erkenntnis fassen das Ergebnis zusammen, aber sie enthüllen
uns nicht die letzten Quellen und Antriebe. So werden wir sehen,
wie die eigentliche Renaissance des Erkenntnisproblems, von
den verschiedensten Seiten her — von der Naturwissenschaft, wie
von der humanistischen Geschichtsansicht, von der Kritik des
Aristotelismus, wie von der inneren immanenten Umbildung der
Peripatetischen Lehren in der neueren Zeit — vorbereitet wird, ehe
sie in der Philosophie Descartes’ zur Reife und zum vorläufigen Abschluss
 gelangt. Und es sind keineswegs immer die geringeren und
minder fruchtbaren logischen Leistungen, denen eine explicite Heraushebung
 und ein gesonderter, abstrakter Ausdruck versagt bleibt.
Die Geschichte des modernen Denkens kennt keine gleich wichtige
 und gleich entscheidende logische Tat, wie Galileis Grundlegung
 der exakten Naturwissenschaft: die einzelnen Gesichtspunkte
aber. die hierbei leitend waren und die dem Urheber selbst in
        <pb n="23" />
        Einleitung,

voller begrifflicher Deutlichkeit vor Augen standen, sind dennoch
nirgends zu theoretischer Zusammenfassung und zur abgelösten
systematischen Darstellung gelangt. Wollten wir daher unseren
Maassstab einzig von der Betrachtung der geschichtlichen Abfolge
der „Erkenntnistheorien“ entnehmen, so müsste Galilei uns hinter
einem Zeitgenossen, wie Campanella zurückstehen, dem er
doch nicht nur als wissenschaftlicher Denker, sondern an echter
philosophischer Produktivität und Tiefe unvergleichbar überlegen
 ist. —
Allgemein müssen wir uns deutlich machen, dass die Begrifte
des „Subjekts“ und „Objekts“, mit denen insbesondere die psychologische
 Theorie des Erkennens als festen Ausgangspunkten zu operieren
 pflegt, selbst kein gegebener und selbstverständlicher Besitz
 des Denkens sind, sondern dass jede wahrhaft schöpferische
Epoche sie erst erwerben und ihnen ihren Sinn selbsttätig aufprägen
 muss. Nicht derart schreitet der Prozess des Wissens fort,
dass der Geist, als ein fertiges Sein, die äussere, ihm entgegenstehende
 und gleichfalls in sich abgeschlossene Wirklichkeit nur
in Besitz zu nehmen hätte; dass er sie Stück für Stück sich aneignete
 und zu sich hinüberzöge. Vielmehr gestaltet sich der Begriff
 des „Ich“ sowohl wie der des Gegenstandes erst an dem
Fortschritt der wissenschaftlichen Erfahrung und unterliegt mit
ihm den gleichen inneren Wandlungen. Nicht nur die Inhalte
wechseln ihre Stelle, sodass was zuvor der objektiven Sphäre angehörte,
 in die subjektive hinüberrückt, sondern zugleich verschiebt
 sich die Bedeutung und Funktion der beiden Grundelemente.
 Die grossen wissenschaftlichen Epochen übernehmen
nicht das fertige Schema der Entgegensetzung, um es nur mit
mannigfacher und wechselnder Gestalt zu erfüllen, sondern sie erschaffen
 selbst erst begrifflich die beiden Gegenglieder. Die Aristotelische
 Auffassung der Erkenntnis unterscheidet sich von der
modernen nicht nur in der Art der Abhängigkeit, die sie zwischen
‚Natur“ und „Geist“ annimmt, sondern in dem Kern und Grundsinn
 dieser Begriffe selbst: es ist eine andere Ansicht der „Substanz“,
 wie des „Subjekts“, die sich in ihr ausprägt. Dies also
ist eine der ersten und charakteristischsten Leistungen jeder Epoche,
die noch vor dem Erwerb bestimmter Einzelkenntnisse und Einzelergebnisse
 vorangeht: dass sie sich das Problem des Wechselver-
        <pb n="24" />
        Erkenntnisbegrif und Erkenntnistheorie,

AL

hältnisses von Sein und Bewusstsein aufs neue formuliert und
damit der Erkenntnis erst ihren Rang und ihre spezifische Stel-‘ung
 anweist. In dieser Abgrenzung der Aufgabe besteht, mehr
noch als in den besonderen Ergebnissen, die Originalität jedes
produktiven Zeitalters. Wiederum aber erweitert sich mit dieser
Erwägung das Material, auf das unsere Betrachtung und Untersuchung
 sich zu richten hat. Es sind keineswegs allein die abgeschlossenen
 philosophischen Systeme, es sind die mannigfachen
Versuche und Ansätze der Forschung, wie der gesamten geistigen
Kultur, in denen diese allmähliche Umgestaltung des Ichbegriffs,
 wie des Objektbegriffs sich vollzieht. Alle Tendenzen,
die darauf gerichtet sind, eine: neue Methodik der Erfahrungswissenschaften
 zu schaffen, oder aber in einem vertieften Begrift
des Selbstbewusstseins einen neuen Grund der Geisteswissenschaften
 zu legen, gehören nunmehr mittelbar zu unserem Problem.
 So dürfen wir grosse geistige Bewegungen — wie etwa den
italienischen Humanismus oder die französische Skepsis des
16. Jahrhunderts — auch dann in unsere Forschung einbeziehen,
wenn ihr direkter Ertrag für die systematische Philosophie gering
ist. Es muss der Versuch gewagt werden, aus der intellektuellen
Gesamtbewegung eines Zeitalters sein herrschendes und treibendes
 Erkenntnisideal zu rekonstruieren. Zu dieser Fassung der
Aufgabe nötigt noch ein anderes Moment. Es besagt wenig, wenn
wir hören, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt auf eine „empiristische“
 Periode der Philosophie eine „rationalistische“ gefolgt
sei und dass beide etwa ihren Ausgleich in einer dritten „kritischen“
 Richtung gefunden hätten. Als „Empiristen“ treten uns
sogleich in den Anfängen der neueren Philosophie Bacon, wie
Leonardo da Vinci, Galilei wie Paracelsus und Campanella entgegen.
 Und doch ist der Begriff der „Erfahrung“, für den alle
diese Denker eintreten, nur eine Scheineinheit, hinter der sich
die schwersten prinzipiellen Gegensätze, die die Entwicklung des
Erkenntnisproblems kennt, verbergen. Was einem Jeden von
ihnen die „Erfahrung“ in Wahrheit bedeutet, das kann nur die
sachliche Analyse ihrer wissenschaftlichen und philosophischen
Gesamtleistung herausstellen: nicht lediglich in seiner Aussprache,
 sondern in seiner produktiven Betätigung durch die verschiedenen
 Problemgebiete hindurch enthüllt sich uns der Sinn
        <pb n="25" />
        Einleitung.

des Begriffs. Das Verhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft
 ist nur äusserlich erfasst und beschrieben, solange man nur
von einem wechselseitigen „Einfluss“ spricht, den beide aufeinander
ausüben. Eine derartige Wirksamkeit ist nicht das Vorrecht eines
einzelnen Gebiets, sondern gilt in gleichem Sinne für alle Inhalte
und Richtungen der Kultur. Die Fassung unserer Aufgabe dagegen
 setzt ein engeres, spezifisches Verhältnis zwischen beiden
Gedankenkreisen voraus: sie sind uns gleich selbständige und
gleich unentbehrliche Symptome ein und desselben intellektuellen
Fortschritts. Was der moderne Begriff der Erkenntnis besagt,
dafür sind Galilei und Kepler, Newton und Euler ebenso wichtige
und vollgiltige Zeugen, wie Descartes oder Leibniz. Wie unlöslich
 die zwei Reihen sich verketten und ineinandergreifen, lässt
sich an der Hauptaufgabe, vor die das moderne Denken zunächst
gestellt war, an der Kritik des Aristotelismus ermessen. Wir werden
 im einzelnen verfolgen können, wie hier die Anregungen, die
von den philosophischen Disziplinen, von der Umbildung der
Psychologie und der formalen Logik ausgingen, zu voller entscheidender
 Geltung erst gelangen konnten, als die exakte Wissenschaft
 sie aufnahm und weiterführte. Die Gesamtentwicklung
müsste sprunghaft und lückenhaft erscheinen, wenn wir uns der
Betrachtung dieses wichtigsten Mittelgliedes begeben wollten. —
Liegt somit der Beitrag, den Mathematik und Naturwissenschaft
 für den Fortschritt des Erkenntnisproblems leisten, offen
zutage, so ist es schwieriger, den allgemeinen Einfluss, der von
den Geisteswissenschaften her geübt wird, zu bestimmen und
deutlich abzugrenzen. Denn die Geisteswissenschaften treten uns
zu Anfang der neueren Zeit noch nicht als ein selbstgenügsames
und unabhängiges Ganze entgegen, das in sich bereits seinen festen
Halt gefunden hätte. Ihr Gehalt ist gleichsam eingeschmolzen in
das herrschende System der Metaphysik, das gleichmässig durch
die Aristotelische Tradition, wie durch die Kirchenlehre bestimmt
wird. Langsam nur treten die einzelnen gedanklichen Momente,
die in diesem System wie unter einem dogmatischen Zwange zusammengehalten
 sind, in selbständigen, freieren Regungen hervor.
Es bedarf der tiefen intellektullen Kämpfe der Renaissance, um
die mannigfachen und verschiedenartigen Probleme, die in dem
Weltbild des Mittelalters noch unterschiedslos verschmolzen sind.
        <pb n="26" />
        Verhältnis zur Metaphysik

13

Schritt für Schritt in ihrer Eigenart zurückzugewinnen. An die
Stelle der bewunderungswürdigen Folgerichtigkeit, mit der in der
antiken Philosophie jede neue Phase aus der vorhergehenden nach
inneren logischen Gesetzen erwächst, tritt daher hier eine vielfältig
 komplizierte und durch mannigfache Rücksichten bedingte
Bewegung, die sich erst allmählich um einen festen Mittelpunkt zusammenschliesst.
 Wollen wir daher auf dieser Stufe das Problem
der Erkenntnis in seiner konkreten geschichtlichen Gestalt ergreifen,
so dürfen wir es aus den Beziehungen und Zusammenhängen, die
es mit andersartigen Interessen eingeht, nicht herauslösen. Die
strenge Abgrenzung seiner Bedeutung, die Einsicht in seine Sonderstellung
 und seinen fundamentalen Wert, die das letzte Ergebnis
der gedanklichen Arbeit der Neuzeit ist, dürfen wir nicht vorwegnehmen
 und an die Spitze stellen. Wie eng insbesondere die Verknüpfung
 mit den ethischen und religiösen Ideen ist, kann
man sich alsbald verdeutlichen, wenn man sich die Rolle vergegenwärtigt,
 die beide in der Entwicklung des modernen Begriffs
des Selbstbewusstseins spielen. Hier müssen vor allem Denker,
 wie Pascal, in denen zwei verschiedene innere Stellungnahmen
 zum Erkenntnisproblem, in denen die neue wissenschaftliche
 Methodik mit der religiösen Grundstimmung des Mittelalters
sich begegnen und widerstreiten, das geschichtliche Interesse
fesseln. Der individuelle Kampf, der sich in ihnen vollzieht, ist
zugleich der Ausdruck einer tieferen allgemeinen Wandlung der
Denkart. Allgemein müssen wir überall dort, wo im Bewusstsein
einer Epoche die metaphysischen Interessen noch von entscheidender
 und zentraler Bedeutung sind, auch innerhalb. dieser Interessen
 selbst unseren ersten Standort und Ausgangspunkt nehmen;
und diese Rücksicht gilt, wie für das Gesamtgebiet, so auch für
seine einzelnen Teile und Glieder. Die Grundbegriffe der wissenschaftlichen
 Erkenntnis; die Begriffe der Kraft und der Ursache, der
Substanz und der Materie haben sämtlich eine lange und vielverzweigte
 metaphysische Vorgeschichte, die weit über die Anfänge
der neueren Zeit hinausreicht. .Die Genese dieser Begriffe lässt
sich freilich nicht darstellen, wenn man nicht beständig auf ihre
Funktion innerhalb der mathematischen Physik hinblickt; ebensowenig
 aber lassen sich hieraus allein alle Einzelphasen ihres
Werdens verständlich machen. So sehen wir insbesondere bei den
        <pb n="27" />
        Einleitung .

Begriffen des Raumes und der Zeit, wie sie bei ihrem ersten Auftreten
 in der neueren Philosophie noch völlig in metaphysische
Voraussetzungen verstrickt sind. Und dieser ihr Zusammenhang
mit der Gotteslehre, der uns zuerst in der italienischen Naturphilosophie
 begegnet, bleibt weiterhin, bis zu Newton, herrschend.
Noch Kant hat — wie sich uns zeigen wird — bei seiner transscendentalen
 Kritik des Raumes und der Zeit eine bestimmte geschichtliche
 Fassung und Ausprägung dieser Begriffe vor Augen,
die gleich sehr durch das Interesse an der wissenschaftlichen
Grundlegung der Mechanik, wie durch allgemeine metaphysische
Fragestellungen bedingt ist. Können wir somit den Gegenstand
unserer Untersuchung nicht von seinem metaphysischen Hintergrund
 ablösen, so dürfen wir doch bei den metaphysischen Problemen
 nur insoweit verweilen, als wir in ihnen die Hülle und
das Symptom von Fragen sehen, die das Verhältnis der Erkenntnis
 zu ihrem „Gegenstand“ betreffen. Es ist der charakteristische
Grundzug der neueren Metaphysik, dass sie kraft ihres eigenen
ımmanenten Fortgangs immer deutlicher zu diesen Fragen hinstrebt.
 Allgemein soll uns die Geschichte des Erkenntnisproblems
nicht sowohl einen Teil der Geschichte der Philosophie bedeuten
— denn bei der inneren sachlichen Wechselbedingtheit aller Glieder
 des philosophischen Systems bliebe jede solche Abtrennung
eine willkürliche Schranke —, als sie vielmehr das Gesamtgebiet
 unter einem bestimmten Gesichtspunkt und einer bestimmten
 Beleuchtung darstellen und damit gleichsam in einem
Querschnitt den Inhalt der neueren Philosophie zur Anschauung
bringen soll.
Die analytische Aufgabe, die dem modernen Denken gestellt
war, findet ihren logischen Abschluss im System Kants. Hier
erst wird der letzte endgiltige Schritt getan, indem das Erkennen
völlig auf sich selbst gestellt und nichts mehr, im Gebiete des
Seins wie des Bewusstseins, seiner eigenen Gesetzlichkeit vorangesetzt
 wird. Aber indem Kant diese Wendung vollzieht, bringt
er damit nicht sowohl die früheren Gedankenreihen zur Vollendung,
 als er vielmehr zum Scböpfer neuer Probleme wird, die bis
unmittelbar in unsere philosophische Gegenwart hineinreichen und
daher nicht mehr in geschichtlicher, sondern nur in systematischer
 Untersuchung behandelt und beurteilt werden können. Das
        <pb n="28" />
        „Die transscendentale Methode“ und die Geschichte, 15

System Kants ist uns nicht sowohl das Ende, als ein dauernd
neuer und fruchtbarer Anfang der Kritik der Erkenntnis. Aber
indem wir unsere historische Betrachtung bis zu ihm hinführen,
suchen wir damit zugleich ein Mittel zu seinem sachlichen Verständnis
 zu gewinnen. Weit enger, als die bisherigen Darstellungen
 der Entwicklung der kritischen Philosophie es erkennen
{assen, ist diese in ihrer Entstehung mit der Wissenschaft des
achtzehnten Jahrhunderts verflochten und verschwistert. Ueberall
 blickt die allgemeine Theorie hier auf die bestimmte konkrete
Problemlage hin, die durch die methodischen Kämpfe zwischen
Leibniz und Newton und ihren Nachklang in den bedeutendsten
Forschern der Zeit, wie Euler und d’Alembert, geschaffen
war. Wenn in diesem Zusammenhang das kritische System die
Wurzel seiner Kraft besitzt, so enthüllt sich in ihm doch zugleich
auch seine notwendige innere Bindung. Je deutlicher wir zu
unterscheiden vermögen, in welchen begrifflichen Formulierun“
gen der Vernunftkritik die wissenschaftliche Kultur der Zeit zum
Ausdruck und zum Bewusstsein ihrer selbst gelangt, um so klarer
werden sich uns die allgemein giltigen Züge der Methodik Kants
aus den Besonderheiten der Ausführung herausheben. Eben inlem
 wir an dem Grundgedanken der Methode festhalten, suchen
wir damit für die spezielle Ableitung und Begründung der Prinzipien
 freies Feld zu erhalten. Die „transscendentale Kritik“ bliebe
zur Unfruchtbarkeit verurteilt, wenn €s ihr versagt wäre, dem
Fortschritt der wissenschaftlichen Grundbegriffe selbsttätig zu
folgen und ihn in ihren speziellen Ergebnissen und Definitionen
zum Ausdruck zu bringen. Je vielseitiger und beweglicher sie
sich in dieser Hinsicht erhält, um So reiner wird sich die Universalität
 und die systematische Einheit ihrer Fragestellung
erweisen.
Hier freilich stehen wir an einem Punkt, an dem noch heute
die Absicht Kants, wie die der modernen Vertreter der kritischen
Methode, am häufigsten und beharrlichsten missverstanden wird.
Immer wieder erhebt sich der Vorwurf, dass die transscendentale
Kritik, indem sie von dem Faktum der Newtonischen Wissenschaft
 ausgeht, damit den geschichtlichen Prozess gleichsam zum
Stehen bringe und eine einzelne Phase der „Erfahrung“ zum allvemeinen
 Maassstab ihres Gehalts und inneren Wertes mache. Die
        <pb n="29" />
        Einleitung.

„Festlegung der Forschung an einen geschichtlichen Zustand bestimmter
 Einzeldisziplinen“ übt zugleich — wie man einwendet —
eine hemmende Tendenz aus: eine Festigung der Vernunft durch
ihre Arbeit kann nicht erfolgen, ohne dass sie zugleich „eine Befestigung
 an ihrer Arbeit und damit ein Hindernis des Fortschritts
zu neuer Arbeit wäre“.!) Ist diese Folgerung richtig, so sehen
wir uns damit zugleich jedes sicheren Halts und jedes Maassstabes
philosophischer Beurteilung beraubt. Denn es ist vergeblich, uns,
nachdem man uns die Orientierung an dem Inhalt der rationalen
Wissenschaft versagt hat, an die Geschichte der geistigen
Kultur als die eigentliche Realität zu verweisen. Solange die Vernunift
 in sich selbst noch nicht ihre Festigkeit und ihre Selbstgewissheit
 gefunden hat, bleibt ihr auch die Geschichte nur ein
wirres und widerspruchsvolles Chaos. Es bedarf bestimmter sachlicher
 Prinzipien der Beurteilung, es bedarf fester Gesichtspunkte
der Auswahl und Formung, damit die historischen Erscheinungen,
die für sich allein stumm sind, uns zu einer lebendigen und
sinnvollen Einheit werden. Wenn irgendwo, so wird es in der
Geistesgeschichte deutlich, dass ihr Inhalt und ‚Zusammenhang
nicht gegeben, sondern von uns auf Grund der Einzeltatsachen
erst zu erschaffen ist: sie ist nur das, was wir kraft gedanklicher
Synthesen aus ihr machen. Worin aber sollten wir den inhaltlichen
 Grund dieser Synthesen selbst suchen, wenn wir uns des
Halts an der Wissenschaft und an ihrem gegenwärtigen Bestand
 begeben müssten? Dass wir in ihr immer nur einen relativen
 Stützpunkt finden, dass wir somit die Kategorien, unter
denen wir den geschichtlichen Prozess betrachten, selbst veränderlich
 und wandlungsfähig erhalten müssen, ist freilich richtig: aber
diese Art der Relativität bezeichnet nicht die Schranke, sondern
das eigentliche Leben der Erkenntnis. Die inhaltliche Analyse
des Tatbestands der rationalen Wissenschaften und die Verfolgung
 ihres allmählichen Werdens erhellen und bedingen sich
nunmehr wechselseitig. Man wird in der geschichtlichen „Arbeitswelt“
 der Kultur nicht heimisch, wenn man sich nicht zuvor
mit dem sachlichen Interesse an den Prinzipien und Problemen
der gegenwärtigen Forschung erfüllt hat,
Wird indess der „transscendentalen Methode“, auf Grund der
Aufgabe, die sie sich stellt, das Recht bestritten. an der bestimmten
        <pb n="30" />
        Das „a priori“ und seine Geschichte,

17

Form der Newtonischen Wissenschaft Kritik zu üben, oder über
irgend eines ihrer Ergebnisse hinauszuschreiten, So beruht dies
auf einer Verkennung ihrer fundamentalsten Unterscheidungen.
Wenn man ihr mögliche Wandlungen des Gravitationsgesetzes
als einen Beweis dafür vorhält, dass der Grund ihres systematischen
Aufbaus wankend zu werden droht, so schiebt man damit das allgemeinste
 Resultat der Newtonischen Physik an die Stelle der
Prinzi pienlehre seiner „Naturphilosophie“.?) Das Gesetz der
umgekehrt quadratischen Abnahme der Anziehung ist ein empi-Frisches
 Naturgesetz, das unter der Annahme der strikten Geltung
der Keplerschen Induktionen entdeckt und formuliert worden ist.
Mit den abstrakten Voraussetzungen der Mechanik — die allein den
Gegenstand der philosophischen Untersuchung bilden — mit dem
Beharrungsprinzip, wie mit dem Satz der Gleichheit von Wirkung
und Gegenwirkung, ist es daher noch keineswegs gesetzt, noch vermögen
 andererseits die Veränderungen, die es etwa eingehen mag,
das Schicksal dieser Voraussetzungen zu bestimmen. Das gleiche
Verhältnis aber, das zwischen diesen Prinzipien und den besonderen
 Gesetzen des Geschehens obwaltet, tritt uns in der Beziehung,
die zwischen den allgemeinen logischen Fu nktionen des Urteils
 und der Gegenstandserkenntnis und einem bestimmten geschichtlichen
 Inbegriff mathematisch-physikalischer Grundbegriffe
herrscht, von neuem entgegen. Dieser Inbegriff mag sich wandeln
und hat sich seit Newton gewandelt: es bleibt dennoch die Frage
zurück, ob nicht auch in dem neuen Gehalt, der jetzt heraustritt, Jene
allgemeinsten Beziehungen, auf die allein die kritische Analyse ihren
Blick gerichtet hielt, nur unter einer anderen konkreten Gestalt und
Hülle sich darstellen. Ob irgend eine „Erfahrung“ die Grundsätze
der Substanz und der Ursächlichkeit entbehren kann, ob eine exakte
 Forschung möglich ist, die nicht, unter irgend einer Ausdrucksform,
 den Gedanken der funktionellen Abhän gigkeit zwischen
Erscheinungen oder die Annahme einer quantitativen Konstanz
 im Wechsel des Geschehens enthielte: diesem Problem brauchen
 wir an dieser Stelle noch nicht näher nachzugehen. Nur dies
fragen wir für jetzt, ob nicht der Begriff der Wissenschaftsgeschichte
 selbst, der hier der transscendentalen Methode entgegengesetzt
 wird, jene Erhaltung einer allgemeinen jogischen
Struktur in aller Aufeinanderfolge besonderer Begriffssysteme
        <pb n="31" />
        13

Kinleitung .

bereits implicit in sich schliesst. In der Tat: wäre der frühere
{inhalt des Denkens mit dem vorangehenden nicht durch irgend
eine Identität verknüpft, so gäbe es nichts, was uns berechtigte,
 die verstreuten logischen Bruchstücke, die wir alsdann vor
uns hätten, zu einer Reihe des Geschehens zusammenzufassen.
Jede historische Entwicklungsreihe bedarf eines „Subjekts“, das ihr
zugrunde liegt und sich in ihr darstellt und äussert. Der Fehler der
metaphysischen Geschichtsphilosophie liegt nicht darin, dass sie
überhaupt ein solches Subjekt fordert, sondern darin, dass sie es
verdinglicht, indem sie von einer Selbstentwicklung der „Idee“,
einem Fortschritt des „Weltgeistes“ u. dgl. spricht. Auf jeden derartigen
 sachlichen Träger, der hinter der geschichtlichen Bewegung
 stände, müssen wir verzichten; die metaphysische Formel
muss sich uns in eine methodische wandeln. Statt eines gemeinsamen
 Substrats suchen und fordern wir nur die gedankliche
Kontinuität in den Einzelphasen des Geschehens; sie allein ist es,
die wir brauchen, um von der Einheit des Prozesses zu sprechen.
Freilich bleibt auch dieser Gedanke einer inneren Stetigkeit
zunächst nichts anderes als eine Hypothese, die aber — wie alle
echten wissenschaftlichen Voraussetzungen — zugleich schlechthin
 die Bedingung des Anfangs der historischen Erkenntnis ist.
An dieser Einsicht in das echte „a priori“ der Geschichte gilt es
festzuhalten, wenn die falsche apriorische Konstruktion der
Einzeltatsachen wahrhaft abgewehrt werden soll. „Der regelmässige
 Gang und die organische Gliederung der Geschichte“ — so
bemerkt Zeller gegen Hegel — „ist, mit Einem Wort, kein apriorisches
 Postulat, sondern die Natur der geschichtlichen Verhältnisse,
 und die Einrichtung des menschlichen Geistes bringt
es mit sich, dass seine Entwicklung, bei aller Zufälligkeit des
Einzelnen, doch im grossen und ganzen einem festen Gesetz folgt,
und wir brauchen den Boden der Tatsachen nicht zu verlassen,
sondern wir dürfen den Tatsachen nur auf den Grund gehen, wir
dürfen nur die Schlüsse ziehen, zu denen sie die Prämissen enthalten,
 um diese Gesetzmässigkeit in einem gegebenen Fall zu erkennen.“?)
 Diese Kritik indes wird dem tieferen idealistischen
Motiv, das bei Hegel trotz aller metaphysischen Irrungen zugrunde
 liegt, nicht gerecht. Denn —so dürfen wir entgegnen —
ist denn jene „Natur“ der Geschichte und jene gleichförmige „Ein-
        <pb n="32" />
        Die Umformung der „Stammbegriffe“.

19

richtung“ des Menschengeistes ein gegebenes und selbstverständliches
 Faktum, das wir dogmatisch an die Spitze stellen dürften?
Oder bedeutet sie nicht gleichfalls eine Setzung und eine Annahme,
 die die Erkenntnis macht, um in dem Getriebe einzelner
 „Tatsachen“ sich zurechtzufinden, um sich für ihre eigenen
Zwecke eines Ausgangspunkts und eines Leitfadens zu Vversichern?
 Auch hier ist uns somit kein anderer Weg gelassen,
als das Problem der Einheit der Geschichte — nach einem Goetheschen
 Wort — „in ein Postulat zu verwandeln“. Je mehr sich
dieses Postulat in der Erschliessung und Sichtung der besonderen
Erscheinungen bewährt, umsomehr hat es sein Recht und seine
„Wahrheit“ erwiesen. Blicken wir von hier auf die transscendentale
 Methode zurück, so begreifen wir nunmehr, mit welchem
Recht sie ihrer Untersuchung eine bestimmte Phase und Ausprägung
 des Denkens als Objekt zu Grunde legt, mit welchem
Recht sie sich an die jeweilig reifste Entwicklung der mathematischen
 Naturwissenschaft wendet, um aus ihrer gegenwartigen
Struktur zugleich den Aufschluss über die Bedingungen zu erhalten,
 die zu ihrer Entstehung mitwirkten. Dass das „Faktum“ der
Wissenschaft seiner Natur nach ein geschichtlich sich entwickelndes
 Faktum ist, darf und soll ihr dabei beständig gegenwärtig
bleiben. Wenn bei Kant diese Einsicht noch nicht unzweideutig
zu Tage tritt, wenn die Kategorien bei ihm noch als der Zahl
und dem Inhalte nach fertige „Stammbegriffe des Verstandes“ erscheinen
 können, so hat die moderne Fortbildung der kritischen
und idealistischen Logik über diesen Punkt volle Klarheit geschaffen.
 Die Urteilsformen bedeuten ihr nur einheitliche und
lebendige Motive des Denkens, die durch alle Mannigfaltigkeit
seiner besonderen Gestaltungen hindurchgehen und sich in der
Erschaffung und Formulierung immer neuer Kategorien belätigen.
Je reicher und bildsamer sich diese Variationen beweisen, umsomehr
 zeugen sie damit für die Eigenart und Ursprünglichkeit der
logischen Funktion, aus der sie hervorgehen. ‘5 In diesem Zusammenhang
 wurzelt zugleich die systematische Aufgabe, die
der Geschichte der Philosophie geslellt ist und die ihr, bei aller
Versenkung in die Einzeltatsachen und bei allem Streben nach
genauester Erschliessung und Wiedergabe der Quellen, dauernd
lebendig bleiben muss. —
        <pb n="33" />
        AT

Einleitung,

Der schrittweisen Erweiterung unseres Themas nach der
Seite der Natur- und Geisteswissenschaften, die wir bisher zu begründen
 suchten, steht indess eine wesentliche Einschränkung
gegenüber, sofern wir uns damit begnügen, den Erkenntnisbegriff,
den die neuere Philosophie entwickelt hat, darzustellen und
zu zergliedern. Wenn bei der inhaltlichen Ausdehnung, die die
Aufgabe gewann, diese zeitliche Begrenzung notwendig wurde, so
dürfen wir ihre prinzipiellen Bedenken und Gefahren dennoch
nicht übersehen. Verzichten wir nicht auf die echten und wahrhaften
 philosophischen Quellen und Anfänge, indem wir die antike
Spekulation von unserer Betrachtung ausschliessen? Liegt nicht
hier die eigentliche Urgeschichte unseres Problems und alle Keime
seiner künftigen Entfaltung? Wir müssen diese Frage von Anfang
an ohne jeden Rückhalt bejahen. Das moderne Denken würde uns
stets nur ein unvollkommenes und fragmentarisches Bild bieten,
wenn wir es gänzlich abgelöst von den Grundkräften und Quellen
der griechischen Philosophie betrachten wollten. Indessen ist
das Korrektiv, das es gegen jeden derartigen Versuch einer unmethodischen
 Isolierung schützt, in ihm selbst und seinem eigenen Inhalt
 bereits gegeben. Sein eigener innerlicher Fortschritt führt es
mit Notwendigkeit zu den Prinzipien und Fragen zurück, die die
griechische Spekulation ausgezeichnet und in typischen Gestaltungen
 verkörpert hatte. Das Denken der neueren Zeit beweist seine
Eigenart darin, dass es bei allem inhaltlichen Reichtum, den es
gewinnt, sich der Verwandtschaft mit diesen logischen Grundformen
vdewusst hleibt und aus selbständigem Antrieb zu ihnen zurückstrebt.
 So werden sie uns denn auch, indem wir uns dem ein-{achen
 Fortgang der Untersuchung überlassen, von selbst entgegentreten.
 und eine Betrachtung ihres Inhalts fordern. —
Wenn wir nach einer äusseren Rechtfertigung dafür suchten,
dass die griechische Philosophie von unserer Aufgabe ausgeschlossen
 bleiben soll, so brauchten wir um Gründe und Autoritäten
 nicht verlegen zu sein. Eine bekannte und weitverbreitete
Auffassung des Griechentums sieht die sachliche Grenze, die es
von der modernen Zeit scheidet, eben darin, dass es ihm nicht
gelungen sei, das Problem der Erkenntnis in seiner Besonder-
        <pb n="34" />
        Das Erkenntnisproblem in der griechischen Philosophie, 21

heit zu erfassen. Es ist kein Geringerer als Zeller, der sich zunı
Anwalt dieser Grundanschauung gemacht hat. Indem er den
unterscheidenden Charakter des griechischen Wesens in der „ungebrochenen
 Einheit des Geistigen und Natürlichen“ sieht, spricht
er der Antike damit zugleich das Bewusstsein des Geistigen als
eines völlig unvergleichlichen und selbständigen Problemgebietes
ab. Nun liesse sich diese Bestimmung, die von Hegel herrührt,
in der Tat rechtfertigen und durchführen, wenn sie nur besagen
wollte, dass innerhalb des Griechentums Natur und Geist nicht
als ausschliessende Gegensätze, nicht als zwei völlig getrennte und
einander widerstreitende Reiche des Seins gedacht und empfunden
 werden, „Die Unterscheidung — so bemerkt Zeller mit
Recht — geht hier noch nicht zu der Annahme eines ursprünglichen
Gegensatzes und Widerspruches, zu dem grundsätzlichen Bruch
des Geistes mit der Natur fort, der sich in den letzten Jahrhunderten
 der alten Welt vorbereitet und in der christlichen sich im
grossen vollzogen hat. ... Auch der Grieche erhebt sich über die
Welt des äusseren Daseins und die unbedingte Abhängigkeit von
den Naturgewalten, aber er hält die Natur deshalb weder für unrein,
 noch für ungöttlich, sondern er sieht in ihr unmittelbar die
Erscheinung höherer Kräfte.“ Diese Wertschätzung der immanenten
 Wirklichkeit, dieses Verharren in den Fragen und Aufgaben
 des diesseitigen Seins bildet in der Tat einen charakteristischen
 Vorzug des antiken Geistes und der antiken Sittlichkeit.
 Aber es ist schon nicht mehr zutreffend, wenn man diese
seine Eigentümlichkeit als eine natürliche Anlage beschreibt,
die ihm von selbst und mühelos zugefallen wäre. „Dieser Standpunkt
 ist hier nicht ein Erzeugnis der Reflexion; er ist nicht
erst durch einen Kampf mit der entgegenstehenden Forderung
der Naturverleugnung errungen, wie dies bei den Neueren der
Fall ist, wenn sie sich zu den gleichen Grundsätzen bekennen,
sondern dem Griechen erscheint beides gleich sehr notwendig,
dass er der Sinnlichkeit ihr Recht lasse, und dass er sie durch
den bewussten Willen mässige, er weiss es gar nicht anders,
und er bewegt sich deshalb mit voller Sicherheit, mit dem
unbefangensten Gefühl seiner Berechtigung in dieser Richtung.“
Die modernen Forschungen zur griechischen Religionsgeschichte
 haben uns dagesen mit den schweren geistigen Er-
        <pb n="35" />
        29

Einleitung .

schütterungen bekannt gemacht, die auch das Griechentum durch
den Gedanken der Transscendenz erfahren hat. Die Weltanschauung
 der homerischen Gedichte spiegelt uns in ihrer Freiheit
von allem Zwange und aller Furcht des Jenseits nur eine kurze
Durchgangsphase der Entwickelung wieder, die, kaum erreicht,
bereits wieder verlassen war. Eine asketische und lebensfeindliche
 Stimmung, ein schroffer und düsterer Dualismus, der das
Sein der Körperwelt entwertet, dringt in engeren, abgeschlossenen
Kreisen, innerhalb der orphischen Sekten zu Tage, bis er — unter
der Einwirkung des thrakischen Dionysoskults — das religiöse
Gesamtleben der Nation ergreift. Zu alleiniger und dauernder
Herrschaft zwar vermag er auch jetzt nicht zu gelangen: immer
von neuem regen sich die geistigen Grundkräfte, die das Masslose
 zu gestalten und in feste künstlerische und verstandesmässige
 Formen einzugrenzen suchen.) Die „Harmonie“ des griechischen
 Wesens aber erscheint schon hier nicht mehr als eine
selbstverständliche Mitgift und Naturgabe des antiken Geistes,
sondern als eine Errungenschaft, die er gegenüber feindlichen
Mächten beständig aufs neue zu erwerben und zu behaupten hat.
Von neuem tritt uns dieser Grundzug bei demjenigen Denker entgegen,
 in dem sich der Inhalt und die Bestimmung der griechischen
Kultur am tiefsten und reinsten ausprägen. Wie sehr Platon
von den orphischen Tendenzen beherrscht und bis in Einzellehren
hinein bestimmt ist: er hat sie innerlich bereits bewältigt und
äber sich selbst hinausgeführt. Indem er die Probleme, die hier
in der Sprache des Mythos sich verhüllen, zuerst in philosophische
Beleuchtung rückt, indem er sie einem System unterordnet, dessen
zentrale Frage auf das Wissen und seine Bedingungen gerichtet
ist, hat er ihre gefährliche und sinnverwirrende Kraft bereits gebrochen.
 Jetzt müssen sich die Begriffe der Mystik selbst dem
Zwange und den Forderungen der Erkenntnis fügen. An dem
Grundbegriff der „Psyche“ kann man diesen inneren Fortschritt
verfolgen: wie er einerseits von Platon ganz unbefangen im Sinne
der religiösen Zeitanschauungen oder auch im Sinne der altjonischen
 Naturphilosophie gebraucht wird, während sich auf der andern
 Seite immer schärfer seine neue Bedeutung herausbildet, nach
der er die Einheitsfunktion des Bewusstseins bezeichnet,
Wenn Platons fundamentale philosophische Tat darin bestand,
        <pb n="36" />
        Die „Harmonie“ des griechischen Geistes.

23

das Sein der „reinen Gestalten“ zu entdecken und sie der Welt
des sinnlichen und veränderlichen Scheins entgegenzusetzen, So
ist der ganze innere Fortschritt seiner Gedankenarbeit darauf gerichtet,
 die Beziehung zwischen diesen beiden Gliedern des Seins
wiederherzustellen und immer enger zu knüpfen. Nicht indem er
über die Erfahrung hinwegsieht, sondern indem er sich immer
fester an sie schliesst, um mit allen Mitteln des reinen Begriffs die
Aufgabe, die sie stellt, zu erfassen und der Lösung entgegenzuführen,
 vollendet Platon den logischen Aufbau seines Systems.
Das Moment des Empirischen wird nicht liegen gelassen, sondern
in stets erneutem Ringen der Idee zu unterwerfen gesucht. Auch
hier spiegelt somit die Einheit der Lehre den Widerstreit wieder,
aus dem sie sich emporgerungen hat. Wenn unter dieser Betrachtungsweise
 der Einklang der griechischen Lebensanschauung weniger
 rein und ungebrochen erscheint, So tritt uns darin ihre selbstbewusste
 Energie und Tiefe nur um So deutlicher entgegen. Das
Hegelsche Schema indess birgt eine gefährliche Doppeltendenz, indem
 es die Klarheit der antiken Kultur zuletzt auf ihren inneren
Mangel an Gehalt zurückdeutet und somit die „klassische“ Form
im letzten Grunde wiederum unvermerkt zur leeren Hülle herabsetzt.
 „Die Gegensätze, zwischen denen sich das menschliche
Leben und Denken bewegt, sind noch weniger entwickelt, ihr Verhältnis
 ist noch harmonischer und gefälliger, ihre Ausgleichung
leichter, freilich aber auch oberflächlicher, als in der
modernen, aus weit umfassenderen Erfahrungen, härteren Kämpfen
und zusammengesetzteren Verhältnissen entsprungenen Weltansicht.“
 (Zeller.) %)
Die Art, in der das Problem des Erkennens in der griechischen
 Philosophie zur Entdeckung gelangt, um sich alsbald
in eine gegliederte Mannigfaltigkeit charakteristischer Fragestellungen
 und Lösungen auseinanderzulegen, würde für sich allein
hinreichen, dieses allgemeine Urteil wesentlich einzuschränken.
Man darf in der Tat den Satz wagen — und wir werden Versuchen,
 ihn wenigstens in allgemeinen Umrissen auszuführen —
dass der gesamte Fortgang der griechischen Spekulation durch die
stetige und konsequente Entwicklung ihres Wahrh eitsbegriffs
bestimmt und geleitet ist. In dem gleichen Sinne, wie der formale
 Massstab der Wahrheit sich umgestaltet, wandelt sich
        <pb n="37" />
        Einleitung,

der Inhalt der verschiedenen Systeme. So bildet der Gesichtspunkt
 der Erkenntnis und der Wissenschaft hier bereits das
latente Regulativ der philosophischen Gesamtbewegung. Zwar
darf man zugeben, dass es hier nicht entfernt „zu jener genauen
Zergliederung der Vorstellungstätigkeit kommt, wie sie
in der neueren Philosophie seit Locke und Hume vorgenommen
worden ist“, dass — mit anderen Worten — das psychologische Interesse
 an der Entstehung der Vorstellungen nirgends zum eigentlichen
 Zentrum und Zielpunkt wird. Die psychologischen Grundeinsichten
 sondern sich nur als mittelbarer Ertrag: aus dem Fortschritt
 der objektiven Untersuchung heraus. Zu je reinerer Betrachtung
 und Beherrschung der äusseren Wirklichkeit der Gedanke
 sich erhebt, zu umso schärferer Abscheidung gelangen die
„subjektiven“ Aussagen und Vermögen der Sinne. Heraklit wie
die Eleaten, die Atomistik wie die Naturphilosophie des Anaxagoras
 und Empedokles vereinen sich hier zu dem gleichen Ziele.
Die psychologische Fundamentalunterscheidung der „primären“
und „sekundären“ Qualitäten wird rein in der Richtung auf die
objektiven Prinzipien der Natur und deren gedankliche Sicherung
erreicht. Auch bei Platon bildet die Psychologie nirgends den
Selbstzweck, sondern nur ein Mittel, das dem Verständnis der
systematischen Abhängigkeit der Erkenntnisinhalte dienen soll:
aber gerade unter diesem Leitgedanken gelangt sie bei ihm zu
kräftigster und originalster Entfaltung. Die psychologische Zergliederung
 der Sinneswahrnehmung, wie sie der "Theätet, die
Analyse des Lust- und Unlustbegriffs, die der Philebus enthält,
sind durch die moderne Kritik zwar ergänzt, aber in den wesentlichen
 Bestimmungen nicht angetastet worden. So hat sich
die Hingabe an die objektiv gültigen wissenschaftlichen Prinzipien
zugleich für die Fassung und Vertiefung des Bewusstseinsbegriffs
 fruchtbar erwiesen. Hierin aber zeigt sich Platon der
modernen Denkart, wie sie sich allerdings nicht in Locke und
Hume, wohl aber in Leibniz und Kant ausspricht, innerlich verwandt.
 Wenn Zeller die spezifische Eigenart des Platonischen Ideajismus
 darin erblickt, dass er nicht auf die Analyse der subjektiven
 Erkenntnistätigkeit den wesentlichen Nachdruck lege,
dass er nicht, wie die Neueren, zunächst die Entwicklung des
Wissens nach ihrem psychologischen Verlauf und ihren Bedin-
        <pb n="38" />
        Platons Grundlegung der Erkenntnis.

25

gungen ins Auge fasse und überhaupt „weit weniger nach der Art,
wie die Anschauungen und Begriffe in uns entstehen, als nach
der Geltung, die ihnen an sich zukommt“, frage, so zeigen diese
Sätze, die eine Sonderstellung Platons und der Antike beweisen
sollen, mittelbar den genauen Zusammenhang mit den Grundtendenzen
 der objektiven Erkenntniskritik. Auch das weitere
Kriterium der Unterscheidung, das aus der metaphysischen
Bedeutung der Ideenlehre entnommen wird, reicht hier nicht aus.
Denn geben wir selbst einmal zu, dass die Auffassung Zellers unangreifbar
 wäre, und dass somit die Ideen wirklich von Platon
zu metaphysischen Substanzen hypostasiert worden wären, so
bleibt doch das Faktum zweifellos und unerschütterlich bestehen,
dass Platon von der Begriffsbestimmung des Wissens seinen AuSsgangspunkt
 genommen. Nicht die nachträgliche Deutung, die
er etwa später der Ideenlehre gegeben hat, sondern ihr Grund
und ihr logischer Ursprung ist hier das Entscheidende. Sobald
die schlichte Frage: zi sotı emot%1n einmal erwacht und in ihrer
Bedeutung erkannt ist, ist damit — wie immer auch der Fortgang
 sich im Einzelnen gestalten mag — jenes „kritische Verhalten
zu unseren Vorstellungen“ gegeben, das Zeller der antiken Wissenschaft
 abspricht. . —
Nur die eingehendste Zergliederung der einzelnen geschichtlichen
 Erscheinungen vermöchte die Bedeutung, die dem Erkenntnisproblem,
 wenn nicht der Erkenntnistheorie, im Ganzen
der griechischen Spekulation zukommt, ans Licht zu stellen.
Hier müssen wir uns damit begnügen, einige typische Hauptphasen
 der Gesamtentwickelung, die sich für die neuere Zeit besonders
 fruchtbar und wichtig erwiesen haben, herauszugreifen.
Sehen wir von der Jonischen Naturphilosophie ab, in der die
Betrachtung in der Tat noch völlig im Objekt und der Entdeckung
 seiner wesentlichen Beschaffenheit gebunden bleibt, so
zeigt uns alsbald die Pythagoräische Lehre, wie mit den ersten
Anfängen der exakten Wissenschaft zugleich ein tieferes reflexives
Selbstbewusstsein erwacht. Ein antiker Zeuge, dem wir in diesen
Fragen folgen dürfen, belehrt uns über diesen Zusammenhang.
In seinem Kommentar zum Euklid führt Proklus den Ursprung
der Geometrie auf Pythagoras zurück, weil dieser, während die
Früheren den allgemeinen Lehrsatz häufig nur an einzelnen sinn-
        <pb n="39" />
        26

Einleitung

lichen Beispielen und durch empirische Proben erwiesen hätten,
zuerst diese Lehre in die Form einer freien Wissenschaft gebracht
habe: „indem er von oben her die Prinzipien betrachtete und
ohne stoffliche Hilfe, rein gedanklich die Theoreme durchforschte.“
(dvmdev tac dpyda AÜTÄS ETISKOTOLLEVOG XAl dülmg Xal voephhG Td ÜempkiLate
3ıepeuva.evoc.)*) So ringt sich, gegenüber der Geometrie der Aegypter,
die noch in den nächsten praktischen Zielen empirischer Messung
wurzelte, hier zuerst der Gedanke einer reinen, streng deduktiven
Wissenschaft ans Licht. Eine neue Art von Wahrheiten wird
entdeckt, die rein für sich und ohne dass nach der Existenz der
Einzelsubjekte und Einzelbeispiele gefragt zu werden brauchte,
Bestand und Gewissheit besitzen. Freilich vermag das Denken
diesen „Bestand“ noch nicht anders auszudrücken und festzuhalten,
 als indem es ihm selbst die Form des Seins gibt. Die
echte Wesenheit der Dinge kann nun nicht länger in den konkreten
 sinnlichen Substanzen der Physiker gesucht, sondern muss
in einem allgemeinen, rein gedanklichen — Urstoff begründet
werden. So steht die Pythagoräische Lehre durch den Gesichtspunkt
 und die Kategorie der Betrachtung, die sie zu Grunde
legt, noch im engen Zusammenhang mit der Jonischen Spekuıation,
 die sie andererseits doch mit einem völlig veränderten Inhalt
 erfüllt. Um der neuen Einsicht, die von der Erkenntnis und
ihrer Gliederung erreicht ist, zu genügen, wird jetzt eine neue Art
der Substanz erdacht. Die Fragmente des Philolaos lassen in ihrer
prägnanten Form die Einheit dieser beiden Momente klar heraustreten.
 Alles Erkennbare, alles was ein Gegenstand des Wissens
werden soll, muss an der Zahl und ihrer Wesenheit teilhaben:
„denn ohne sie lässt sich nichts. begreifen und verstehen.“
‘Fragm. 4)%. „Denn die Natur der Zahl ist kenntnisspendend,
(ührend und lehrend für jeglichen in jeglichem Dinge, das ihm
zweifelhaft oder unbekannt ist. Denn nichts von den Dingen
wäre irgendwem klar, weder in ihrem Verhältnisse zu sich, noch
zu andern, wenn die Zahl nicht wäre und ihr Wesen. So aber
macht sie alle Dinge, indem sie sie innerhalb der Seele mit der
Sinneswahrnehmung in Einklang setzt, erkennbar und einander
entsprechend nach der Natur des Gnomons, indem sie ihnen
Körperlichkeit verleiht und die Verhältnisse der Dinge, der begrenzenden
 wie der unbegrenzten, jegliches für sich sondert und
        <pb n="40" />
        Die Pythagoräer

27

scheidet (owjLathv xal oylKwv T0bG Adfouc Ympic EXdSTOLG TÖVY TPA{PLATOV
tüv te dreipmv xal tepaıvivtwv).“ So ist es die Zahl, die auf der einen
Seite das Chaos der Seele lichtet und klärt und die verschwimmende
 Vielheit der Wahrnehmungen nach Mass und Gesetz abgrenzt,
 und die andererseits den Objekten der Erkenntnis ihre
feste Gestaltung und Fügung gibt. Weil ihrem Begriffe aller Trug
fremd ist, weil sie das erkennende Bewusstsein nicht zu täuschen
vermag, darum darf sie uns allein die Bürgschaft des echten unveränderlichen
 Seins heissen. „Nichts von Lüge nimmt die Natur
der Zahl, der die Harmonie eignet, an. Denn diese ist ihrer Natur
nicht eigen, vielmehr ist die Wahrheit dem Geschlechte der Zahl
ursprünglich verwandt und eingeboren.“ % So wird der Inhalt der
Wirklichkeit hier freilich dogmatisch bestimmt: aber es ist ein
Dogmatismus, der keine anderen Interessen und keine anderen
Forderungen über sich anerkennt, als den Maassstab der Erkenntnis.
 Es ist der reine, wissenschaftliche Begriff, der sich hier zum
erstenmale absolut setzt. Wenn hierbei Begriff und Sein, wenn
die intellektuellen Prinzipien und die Sinnendinge noch unterschiedslos
 in einander aufgehen, so hat sich selbst diese Schranke
der Pythagoräischen Denkweise — so paradox dies erscheint —
als eine schöpferische geschichtliche Macht bewährt. Wären die
Pythagoräer bei dem eigentlichen Gehalt ihrer Entdeckung stehen
geblieben, so wäre ihnen damit das Gesamtgebiet der reinen Mathematik
 gewonnen gewesen: aber erst indem sie hierüber hinausgehen
 und Stoffliches und Gedankliches unmittelbar in Eins
setzen, werden sie damit zugleich zu den Begründern der empirischen
 Forschung. Man sollte niemals vergessen, dass die ersten
Anfänge der wissenschaftlichen Astronomie, wie der exakten Physik
 einer derartig kühnen, gedanklichen Anticipation ihren Ursprung
 verdanken. Den Reiz und die fortwirkende Kraft dieser
Denkweise kann man sich noch unmittelbar an der Schwelle der
neueren Zeit in Kepler von neuem zur Anschauung bringen. —
Mit diesem Ausgangspunkt der griechischen Spekulation aber
ist bereits ihrem ganzen weiteren Verlauf ein eigentümlicher und
unveränderlicher Charakter aufgedrückt. Wir müssen die griechische
 Philosophie mit anderen Entwicklungsreihen vergleichen,
wir müssen sie etwa der Geschichte des indischen Denkens
segenüberstellen, um uns dieser ihrer auszeichnenden Besonder-
        <pb n="41" />
        Einleitung.

heit zu versichern. Wenn hier — soweit über diese Zusammenhänge
 nach Uebersetzungen und Berichten ein Urteil sich fällen
lässt — auf der einen Seite eine auffallende Uebereinstimmung in
dem metaphysischen Inhalt einzelner Lehren hervortritt, so
scheiden sie sich alsbald durch die gedankliche Tendenz, der sie
ihren Ursprung verdanken. So gehört gleich das nächste grosse
Grundmotiv der griechischen Spekulation: der Gedanke vom „Fluss
der Dinge“, zu denjenigen typischen und allgemeinen Zügen des
metaphysischen Weltbildes, die sich in getrennten und selbständigen
 Entwicklungen gleichmässig wiederzufinden pflegen. Er wird
fast zur selben Zeit, wie von Heraklit, in der Buddhistischen
Lehre erfasst und sogleich in aller dialektischen Schärfe und Feinheit
 bis in seine letzten Folgerungen weitergeführt. Der Gedanke
der Substanz wird auch hier, nach dem ganzen Umfang seiner
Bedeutung und Leistung, logisch entwurzelt: wo die Anschauung
von bleibenden „Dingen“ spricht, da sieht der Gedanke nur einen
ewig sich erneuernden Prozess, in dem nur die subjektive Willkür
 feste Halt- und Ruhepunkte zu unterscheiden sucht. Und wie
im Gebiet der Natur, so versagt die Buddhistische Ansicht — in
einer Kritik, die an spekulativer Energie noch über Heraklit
hinausgeht — dem Substanzbegriff auch im Gebiet des Innenlebens
 jede Anwendung: wie das Objekt, so löst sie nicht minder
das „Ich“ in eine Folge von Ereignissen und Vorgängen auf,
die durch keinen sachlichen „Träger“ mit einander verbunden
sind.) Aber wenn im Buddhismus alle diese Gedanken nur auf das
eine ethische und religiöse Grundziel der Erlösung gerichtet sind
und ausserhalb dieser Bestimmung ihren Halt und ihr eigentliches
Wesen verlieren, so bilden sie bei Heraklit nur das Aussenwerk
{Ur eine fundamentale logische Konzeption. Auf dem Grunde
der ästhetischen Gesamtanschauung des rastlosen Werdens liegt
der Begriff einer universalen Gesetzmässigkeit, die diesen
Prozess beherrscht und ihn in sich selbst stetig und gleichförmig
macht. Mitten durch die Bildersprache des Mythos hindurch
klingt uns dieser neue Gedanke entgegen. „Die Sonne wird ihre
Maasse nicht überschreiten; — täte sie es, so würden die Erinyen,
die Hüterinnen des Rechtes, sie ausfindig zu machen wissen.“!!)
Alle Erkenntnis, alle Arbeit der Forschung ist darauf gerichtet,
dieses allumfassende Vernunftgesetz, das über allem besondern
        <pb n="42" />
        Der Begriff des Gesetzes. — Heraklit,

29

Geschehen und allen Gedanken der Einzelnen waltet, zu entdecken
und zur Aussprache zu bringen: &amp;amp;v z% 00@0v ETIotacdar 7VO{LNV, ÖTEN
Sxußepunse zdvta dıd zavtüv.!) Aber in dieser pantheistischen Wendung
 ist der Gehalt der Herakliteischen Grundanschauung nicht erschöpft.
 Auch die Religionen dringen in ihrer höchsten spekulativen
 Entwicklung bis zu dem Begriff eines obersten Weltgesetzes
vor, das in seinem strengen und unverbrüchlichen Walten über
alle menschliche und göttliche Willkür erhaben ist. Die Veden
drücken diese Anschauung in einem Begriff aus, der zunächst den
Lauf und die geordnete Bahn der Gestirne bezeichnet, bis er in
immer abstrakterer Durchbildung zu dem allgemeinen Gedanken
einer durchgehenden Ordnung des Alls sich erhebt. Das Wort
Rita, das für diesen Gedanken gebraucht wird, ist — nach Max
Müller - mit den Stammworten, aus denen die Worte „ordo“
und „ratio“ hervorgegangen sind, etymologisch nahe verwandt.)
Je mehr man sich indes alle diese Analogien vergegenwärtigt, um
so klarer tritt das unterscheidende Moment des griechischen Denkens
 hervor. Der Gedanke des Gesetzes zeigt in der Gestaltung
und Prägung, die er durch Heraklit erhält, deutlich die Einwirkung
 des neuen mathematischen Wissensideals. Mit vollem
Rechte hat man in ihm die Konsequenz und Fortbildung Pythagoräischer
 Grundansichten gesehen.) „Diesen Kosmos hier, der
derselbige für alle Wesen ist, hat nicht einer der Götter oder Menschen
 geschaffen, sondern er war immerdar und wird sein: ein
ewig lebendiges Feuer: nach Maassen sich entzündend und nach
Maassen verlöschend“ (fr. 30). In diesem Begriffe des Maasses
spricht sich ein Grundmoment der griechischen Kultur aus, das
von der Wissenschaft aus alle ihre Teile gleichmässig durchdringt
und beherrscht. —
Auch in der Eleatischen Lehre lassen sich die allgemeinen
Motive, durch die sie mit der Gesamtbewegung des metaphysischen
 Denkens zusammenhängt, deutlich genug erkennen. Die
Art, in der die Alleinheitslehre bei Xenophanes aus religiösen
Antrieben entspringt und sich durchsetzt, hat wiederum in der
indischen Philosophie ihr genaues Gegenbild.®) Es wäre indes
unfruchtbar, bei diesen Analogien verweilen zu wollen, da stärker
 als sie alle das trennende Moment sich aufdrängt. Das Prohlem
 des „Logischen“ kommt zum erstenmal zu gesonderter be-
        <pb n="43" />
        1

Einleitung.

wusster Betrachtung. Wenn bisher ein Verhältnis und eine Wechselbedingtheit
 von Sein und Denken zwar überall stillschweigend
angenommen, aber nirgends sicher bestimmt und begründet war,
so wird jetzt die bewusste Tätigkeit des Denkens, so wird der
„Logos“ selbst aufgerufen, um die Frage zu prüfen und kritisch
zu schlichten: xpivaı 3&amp;amp; A6ya rok6dnpıy Eheyyov SE En.sdev Pndevta,
Unabhängig von jeder anderen Instanz steckt nunmehr der Gedanke
 den Umkreis des Seins ab und bestimmt es als eine ungewordene
 und unzerstörbare, in sich selbst überall lückenlose
and unteilbare Einheit. Aber wenngleich alle diese Bestimmungen
 rein in den Höhen abstrakter Dialektik gewonnen werden
and jeder Rückblick auf die Welt der sinnlichen Erscheinungen
 verwehrt ist, so ist doch auch hier der Zusammenhang mit
der exakten Wissenschaft nur scheinbar abgebrochen. In
den Zenonischen Aporien vor allem ist, trotz des lediglich negativen
 Ergebnisses, mit dem sie zu enden scheinen, der Urgrund
einer künftigen Prinzipienlehre der Mathematik gelegt. Man hat
es auch aus speziellen historischen Erwägungen wahrscheinlich
gemacht, dass die Probleme der Pythagoräischen Zahlenlehre
 es sind, auf die Zenon in seinen Beweisen hinblickt. Seine
Kritik richtet sich nicht einzig gegen die unmittelbare sinnliche
Anschauung der Dinge, sondern gegen eine wissenschaftliche Weltansicht,
 die — einzig mit dem Denkmittel der diskreten Quantität
 ausgerüstet — die stetige Vielheit und die Bewegung gedanklich
 zu bewältigen vermeint.1®) Der Grundmangel der Pythagoräischen
 Lehre, dass in ihr Materie und Form ineinanderfliessen, dass
das „Abstrakte“ sich an keinem Punkte rein vom Empirischen
und Konkreten gelöst hat, wird jetzt erkannt und herausgehoben.
Wenn es ein reines Denkprinzip war, das hier das Element
des Seins setzte, so wurde doch die Verknüpfung des Seins lediglich
 auf Grund der sinnlichen Erfahrung behauptet, nicht aber
in einem neuen Begriff begründet. Solange dieser Begriff nicht
entdeckt ist, solange wir kein reines logisches Mittel gefunden
haben, um die kontinuierliche Grösse zu denken: so lange bleibt
ihr „Sein“ problematisch. Wir sahen Zuvor, wie in den Fragmenten
 des Philolaos die Zahl als die notwendige Voraussetzung
jeglicher Sonderung im Denken und Sein verkündet wurde:
jetzt zeigt sich, dass von der Sonderung, die sie vornimmt und
        <pb n="44" />
        Die KEleaten,

vertritt, kein Weg zur ursprünglichen Einheit und Totalität zurückführt,
 dass sie den Inhalt, den sie in seine Bestandteile zerfällt
 hat, nicht wieder aus ihnen zurückzugewinnen und aufzubauen
 vermag. Die Zahl und die diskrete Vielheit — so lässt sich
die Zenonische Beweisführung zusammenfassen — genügt dem
Problem der Grösse nicht: wie vermöchten wir in ihnen die Bedingungen
 aller Wahrheit und alles Seins anzuerkennen? Denn
als Grösse, als stetiges, unteilbares Ganze wird auch hier das
Sein noch gedacht. Was nicht in dieser Form sich darstellt, was
nicht als ein abgeschlossener, gleichförmiger und unterschiedsloser
 Inhalt das Denken ausfüllt, das besitzt keine echte Realität.
So zeigt sich uns hier das Doppelantlitz des Eleatischen Seins, das
auf der einen Seite nichts anderes als der Inbegriff und die Zusammenfassung
 für die allgemeinen Forderungen ist, die der Gedanke
 stellt, während es andererseits im Bilde der wohlgerundeten
Kugel in einer unmittelbaren Anschauung vor das erkennende
Bewusstsein hintritt. Der Begriff des Seins verfliesst in den Begriff
 des „Vollen“: die Einheit des Alls wird mit der durchgehenden
 lückenlosen Raumerfüllung gleichbedeutend.
| In diesem zwiefachen und zwiespältigen Ergebnis liegt der
eigentliche Antrieb für den weiteren Fortschritt. Dieselbe kri-Eh
 Wendung, die den Uebergang von der Pythagoräischen zur
eatischen Philosophie vollzog, genügt, schärfer gefasst und durchgeführt,
 SE die Entwicklung der Atomistik aus der Grundlage der
Arlst el eischen Lehre zu erklären. Der bekannte Bericht des
&amp;gt; oteles über die Entstehungsgründe der atomistischen Theorie
One diesen Zusammenhang bereits in helles Licht. Wenn ältere
Hin SIle “- so heisst es hier — in der Ueberzeugung, dass
leugneten u dr Begriffe zu folgen habe, die Wahrnehmung verdas
 Seien de al über sie hinwegsahen, und wenn sie demgemäss
geuSntE  hlerm Sins und unbeweglich setzten, so glaubte, im Ge-Wahrnehmung
 ‚eukipp Vernunftgründe zu besitzen; die, mit der
weder die Verände Einklang, weder Entstehen noch Vergehen,
Denn indem ers "z. „noch die Vielheit der Dinge aufhöben.
dass es üOhne cine der einen Seite aus den Phaenomenen schloss,
auf der anderen x leeren Raum keine Bewegung geben „könne,
ehren Z . Seite dagegen den Vorkämpfern der Alleinheitsugeständnis
 machte dass das Leere ein Nicht-Seiendes
        <pb n="45" />
        32

Einleitung.

sei — so ergab sich ihm hieraus, dass für den Bestand der Wissenschaft
 der Erscheinungen dieses Nicht-Sein nicht minder
notwendig und nicht minder unentbehrlich sei, wie jenes angeblich
 ausschliessliche „Sein“.1”) So ist es eben die Zergliederung des
{nhalts und der Aufgabe der Erfahrungswissenschaft, so ist es die
begriffliche Kraft dieser Analyse, die uns nötigt, dem Sinnenschein
 entgegen das Leere zu setzen und zuzulassen. Was in dieser
Analyse als nicht weiter zerlegbares, ursprüngliches Grundmoment
beharrt, das hat damit sein Recht erwiesen, gleichviel ob es sich
in einer gegenständlichen Anschauung beglaubigen und vor
das Bewusstsein hinstellen lässt, oder nicht. Mi 14.4\hov tö dev A To
inöev: das „Ichts“ hat keinen festeren Halt und keinen tiefer gegründeten
 Anspruch als das Nichts.!®) Das war die innere Zweideutigkeit
 in dem Parmenideischen Satze der Identität von Denken
und Sein, dass er auf der einen Seite zwar den Gedanken als obersten,unabhängigen
 Maasstab proklamierte, auf der andern indes nur
solche Begriffsinhalte anerkannte, die in einem „Sein“, in einem
substantiellen Einzelinhalt, ihre Darstellung und ihre Ausprägung
besassen. Nunmehr verkehrte sich das Verhältnis in sein Gegenteil:
 das Sein ward als der Abschluss und als der notwendige Halt
des Denkens, das sonst ohne feste Bindung bliebe, gefordert. „Denn
nicht ohne das Seiende, in dem es sich ausgesprochen findet,
kannst Du das Denken treffen, da es ja Nichts ausserhalb des Seienden
 gibt, noch geben wird.“1%) Dieses unlösliche Haften der
reinen „Aussage“ an dem Dasein, auf das sie sich bezieht, bildet
sbensowohl ihre Bestimmung, wie ihre Schranke. Wahrheit
denken wir nunmehr nur insoweit, als wir — Dingliches denken.
 Indem Demokrit die inneren Mängel dieses Wahrheits -
begriffs kritisch aufdeckt, begründet er darin zugleich die sachliche
 Notwendigkeit der Atome und des Leeren, als der beiden
Grundgestaltungen, aus denen die empirische Wirklichkeit sich
aufbaut. Es ist vergeblich, wenn empiristisch gesinnte Geschichtschreiber
 sich bemühen, diesen inneren logischen Zusammenhang,
 der zwischen der Atomistik und der Eleatischen Lehre besteht,
 zu lockern, weil es ihnen anstössig ist, dass ein System, das
völlig auf das „reine Denken“ gestellt ist, der Ausgangspunkt einer
Lehre geworden sein soll, die das eigentliche Fundament der exakten
 Erfahrungswissenschaft bildet.?) Nicht dureh ein Nach-
        <pb n="46" />
        Die Atomistik und ihre begrifflichen Grundlagen, 38

lassen, sondern durch eine Verschärfung der strengen Begriffsforderungen
 der Eleaten, durch ihre genauere Durchführung und ihre
konsequentere Anwendung auf die Erscheinungen ist die Lehre
Demokrits entstanden. Nicht die unmittelbare Welt der Sinne ist
es, die er wiederherzustellen unternimmt — sie wird schärfer als
je zuvor als ein Produkt der unebenbürtigen Erkenntnis, der oxotin
{von gekennzeichnet —: was Er erkennt und in festen logischen
Umrissen zeichnet, ist der allgemeine Begriff der Erfahrung und
des empirischen Seins. Um ihn zu sichern, dazu bedarf es nicht
minder als des Denkens der Substanz, bei dem die Eleatische Lehre
verharrte, des Denkens der Relation. Bei Parmenides hatte sich der
ursprünglichen Begriffskonzeption zuletzt dennoch eine unmittelbare
 Anschauung des Seins untergeschoben, und diese musste,
da es nur Ein Sein geben konnte und durfte, .das empirische Bild
des Werdens verdrängen und aufheben. Indem die Atomistik nicht
länger versucht, sich ihre Begriffe in diesem konkreten Sinne vorstellig
 zu machen, indem sie sie als ein p78ev, als eine blosse Form
der Beziehung denkt, gewinnt sie gerade in diesem Verzicht den
echten Grundgehalt des phaenomenalen Seins zurück. Das Wirkliche
 erfüllt sich ihr von neuem mit Mannigfaltigkeit und Bewegung,
 weil sich der Gedanke von der Bindung an ein starres, absolutes
 Sein befreit hat. Der Mangel, den die Eleatische Kritik
an der Pythagoräischen Lehre aufgewiesen hatte, ist erst jetzt
wahrhaft und positiv behoben: nicht nur für die Elemente des
Seins, sondern auch für die Relationen und Verknüpfungen, die
sie eingehen, ist ein rein gedankliches Schema und Vorbild geschaffen.
 Was der blossen mathematischen Zahl versagt blieb,
die Vielheit der Erscheinungen zum exakten Verständnis zu bringen,
 das leisten die Begriffe des Atoms und des leeren Raumes. —
So bietet uns das gesamte Denken der Vorsokratiker, wenn
wir es nur in seinen logischen Höhepunkten verfolgen, überall
das Schauspiel einer in sich notwendigen und beständig aufsteigenden
 Entwickelung dar. Immer mehr tritt das naive Bild der
Wirklichkeit zurück, um rein gedanklichen und rationalen Entwürfen,
 die sich stetig einander ergänzen, Platz zu machen. Die
mythische Phantasie, die zuvor die Ursprünge des Seins und
Werdens zu enträtseln unternahm, ist seit den Tagen der jonischen
 Naturphilosophie Schritt für Schritt der konstruktiven
        <pb n="47" />
        34

Einleitung.

Phantasie der Mathematik und der Wissenschaft gewichen. Bei
aller Freiheit und Weite des Blickes indessen, die sich damit auftat,
 sind doch alle bisherigen Phasen durch eine gemeinsame
Schranke charakterisiert und gebunden. Sie alle verwandeln die
Inhalte des Seins in Inhalte des Gedankens; aber ihr Augenmerk
ist dabei einzig auf das Produkt, nicht auf den Prozess dieser
Umbildung gerichtet. Die Funktion des reinen Begriffsdenkens
verbirgt sich noch durchweg hinter ihren Ergebnissen und kommt
nicht zu gesonderter, bewusster Bestimmung. Diese Funktion zum
eigentlichen und ursprünglichen Objekt gemacht und sie in das
Zentrum aller philosophischen Betrachtung gestellt zu haben: dies
ist es, was den unvergleichlichen und ewigen Wert der Platonischen
 Ideenlehre ausmacht. —
Man hat gegen die Platonische Philosophie hie und da eingewandt,
 dass sie kein eigentlich neues wissenschaftliches „Prinzip“
 in die Betrachtung eingeführt, sondern nur den Inhalt der
vorangegangenen zusammengefasst und zur systematischen Einheit
verknüpft habe, und hat hieraus den Schluss gezogen, dass schon
hier die ursprüngliche spekulative Grundkraft des griechischen
Geistes allmählich zu versiegen beginne. In der Tat ist es kein
neuer materialer Gehalt, kein einzelner wissenschaftlicher Erklärungsgrund,
 der in der Ideenlehre zur Auszeichnung käme.
[hr ganzer Sinn und ihre ganze Originalität liegt in der neuen
Beleuchtung, in die sie das Gesamtgebiet des Wissens rückt.
Ihre geschichtliche Grösse erweist sich darin, dass sie die Kräfte,
von denen der gesamte bisherige Gedankenprozess unbewusst getrieben
 wurde, durchschaut und ans Licht stellt. So führt sie,
indem sie den Fortgang des synthetischen Aufbaus scheinbar
abbricht, nur umso tiefer in sein eigentliches Fundament zurück.
In diesem Zuge erscheint Platon als echter Sokratiker, der,
wenn er dem Schatze der Prinzipien keinen neuen Grundsatz hinzufügt,
 eben in diesem fruchtbaren „Nichtwissen“ zum Urheber
der philosophischen Selbstbesinnung wird. Und wie Sokrates
vom Selbstbewusstsein seinen Ausgang nahm, nicht um sich in
die Geheimnisse und Tiefen des individuellen Seelenlebens zu vertiefen,
 sondern um das objektive Gesetz des Sittlichen zu entdecken,
 So richtet Platon die Frage nur darum auf die Tätigkeit des
Erkennens, um den dauernden und sicheren Inhalt. der sich aus
        <pb n="48" />
        Die Kritik des Seinsbegriffs. — Platon.

35

ihr ergibt, zu fixieren. Sein Thema und sein alleiniges Problem ist
nicht mehr das Sein, in welcher Gestalt und Umformung es auch
ergriffen werden möge, sondern schlechthin das Wissen und seine
Grundlagen. Man begreift es daher; wenn ihm selbst, auf den Höhepunkten
 seiner Spekulation, alle Leistung der Vorgänger, so sehr er
beständig auf sie zurückweist, doch fast wie ein — Mythus erscheinen
will: sofern sie stets eben das vorausgesetzt haben, was einzig und
allein in Frage steht. Auch der „Vater Parmenides“, den er vor allen
andern „gross und verehrungswürdig“ nennt und dessen edle Tiefe
er rühmt, wird von diesem Urteil nicht ausgenommen. Er, wie
alle anderen, die jemals an eine Scheidung (xpicıc) des Seienden
sich gewagt hätten, um zu bestimmen, von welcher Art und wie
vielerlei es sei, wären „etwas obenhin“ verfahren. „Jeder, scheint
es, hat uns sein Geschichtchen (uö90v tıya) erzählt, wie Kindern. Der
Eine, dreierlei wäre das seiende, bisweilen einiges davon miteinander
 in Streit, dann wieder alles Freund, da es dann Hochzeiten
gibt und Zeugungen und Auferziehungen des Erzeugten. Ein Anderer
 beschreibt es zweifach, feucht und trocken oder warm und
kalt, und bringt beides zusammen und stattet es aus. Unser Geschlecht
 der Eleaten aber, vom Xenophanes und noch früher
angefangen, trägt seine Geschichte so vor, als ob, was wir All
nennen, nur Eines wäre. Gewisse Jonische und Sikelische Musen
aber haben späterhin gemerkt, es wäre sicherer, beides zu verknüpfen
 und zu sagen, das Seiende sei zugleich Vieles und Eines
und werde durch Hass und Liebe zusammengehalten . . . Ob nun
an dem allen einer von ihnen etwas Wahres gesagt hat, oder nicht;
das ist schwer zu entscheiden, und es ist wohl auch frevelhaft,
gegen so hoch berühmte Männer der Vorzeit Vorwürfe zu erheben:
soviel aber kann man doch, ohne sich irgend zu vergehen, behaupten,
 dass sie allzusehr über uns, die grosse Menge, hinweggesehen
 und wenig auf uns Acht genommen haben. Denn ohne
irgend danach zu fragen, ob wir ihnen folgen können, oder zurückbleiben,
 vollenden sie alle ihren Spruch... Ich meine nun, wir
müssten die Methode anwenden, sie zu befragen, als ob sie selbst
gegenwärtig wären. Ihr, die Ihr vom All sagt, es sei warm und
kalt oder irgend ein anderes derartiges Gegensatzpaar, was sagl
Ihr von diesen beiden Gliedern eigentlich aus, indem Ihr von
jedem einzelnen und von ihnen insgesamt behauptet. dass sie sind
        <pb n="49" />
        36

Einleitung,

Was sollen wir unter diesem Eurem Sein verstehen? Da
wir selbst keinen Rat wissen, so macht doch Ihr uns recht deutlich,
 was Ihr damit ausdrücken wollt, wenn Ihr vom „Seienden“
sprecht. Denn offenbar wisst Ihr doch dies schon lange, wir aber
glaubten es vorher schon zu wissen, jetzt aber stehen wir ratlos.“21)
An diesem Punkte hat Platon, wie man sagen darf, den logischen
Höhepunkt Sokratischer Methodik erreicht. Indem er auf diese
Weise gegen den allgemeinen Begriff des Seins fragen lehrt, muss
deutlich werden, dass keine Antwort, die selbst dem Bereich des
Seins entnommen wäre, der Tiefe des neuen Problems mehr gerecht
 werden kann. —
Der neue Weg, den Platon uns weist, führt durch die Ana-(yse
 des Urteils hindurch. Was bedeutet es, wenn wir mit einem
Subjekt ein bestimmtes Prädikat verknüpfen, wenn wir von einem
A aussagen, dass es B ist? Worin liegt der Grund und die Gewähr
 des Zusammenhangs, der hier im Denken schlechthin gesetzt
 und behauptet wird? Blicken wir auf das Gebiet des sinnlichen
 Seins hinüber, so muss jede derartige Bindung, die der
Gedanke vollzieht, uns rechtlos und willkürlich scheinen. Denn
keinem empirischen Gegenstand kommt irgend welche Bestimmung
schlechthin und für immer zu, sondern er ist bald dies, bald jenes,
bald gross, bald klein, bald schwer, bald leicht, je nachdem er von
verschiedenen Subjekten und zu verschiedenen Zeitpunkten aufgefasst
 wird. Das „Ist“ der Copula verleiht den konkreten Zuständen
 des Seins nur eine scheinbare und trügerische Dauer und
Einheit. In meisterhafter Klarheit deckt Platon Schritt für Schritt
Jliese Illusion des „Daseins“ auf. In buntem Wechsel lösen sich
verschiedenartige und beziehungslose Merkmale und Beschaftenheiten
 gegenseitig ab: mit welchem Recht dürften wir versuchen,
in diesem rastlosen Geschehen einen beharrenden dinglichen
„Träger“ festzuhalten? Hier entschwindet uns jeder Halt und
Stützpunkt, und so wenig uns ein Gegenstand zurückbleibt, so
wenig können wir, recht betrachtet, von irgend einer dauernden
Eigenschaft oder einem identischen Subjekt sprechen. Nichts
ist an sich selbst weder ein Eins, noch ein irgendwie Beschaffenes,
weder ein „Etwas“ noch ein „Derartiges“, weder ein „Ich“, noch
ein „Du“: „sondern durch Bewegung und Veränderung und wechselseitige
 Mischung wird Alles, wovon wir, mit einem falschen
        <pb n="50" />
        Die Kritik der sinnlichen Wahrnehmung,

837

Ausdruck, sagen, es sei“. Und so dürfen wir fortan weder die
Bezeichnung des „So“, noch des „Nicht-so“ brauchen, weil auch
diese bereits den vergeblichen Versuch einer Fixierung in sich
schliessen würden: „sondern die, welche diesen Satz behaupten,
müssen eine andere Sprache erdenken, da es für ihre Grundansicht
bis jetzt noch keine Worte gibt: es müsste denn etwa sein das:
„in gar keiner Weise“ (055° öxwc). Denn dies möchte noch der richtigste
 Ausdruck sein. wenn man es das Unbestimmte (drxeıpov}
nennt.“ 22)
Ist aber diese letzte Folgerung wirklich zutreffend und zwingend?
 Das Sein, die unveränderliche Dauer der Sinnendinge ist
uns für immer und rettungslos entschwunden: müssen wir damit
aber zugleich den Begriff der Wahrheit aufgeben? Oder kennen
wir nicht vielmehr ein Gebiet von Wahrheit, einen Inbegriff wissenschaftlicher
 Sätze, die von der Existenz bestimmter empirischer
 Subjekte gänzlich unabhängig sind? Seit der Entdeckung
der reinen Geometrie und der reinen Arithmetik hat sich uns eine
Klasse von Urteilen erschlossen, die sich nicht auf die Dinge
unserer Wahrnehmungswelt, sondern auf die reinen gedanklichen
Setzungen der Zahlen und Figuren beziehen. Wir können die
„Fünf“ und die „Sieben“ selbst betrachten, wir können nach ihrer
wechselseitigen Beziehung und ihrer Summe fragen, ohne „fünf
und sieben Menschen“ im Sinne zu haben. Die Objekte mögen
sich stetig verändern, sie mögen aus grossen zu kleinen, aus gleichen
 zu ungleichen werden: die Bedeutung, die wir mit den Begriffen
 „Grösse“ und „Gleichheit“ verbinden, bleibt dennoch stets
ein und dieselbe, Die scheinbare und ungenaue Gleichheit der
Hölzer und Steine bringt „das Gleiche sel: st“ ins Bewusstsein, weist
uns darauf hin, was dieses Prädikat in all den verschiedenen empirischen
 Urteilen, in denen es auftritt, gleichmässig besagen will.
Die Dinge mögen entstehen und vergehen und sich mit immer
neuen Merkmalen und Prädikaten bekleiden: wenn nur der Sinn
dieser Prädikate selbst beharrt. Ihn zu befestigen und durch
allen Wechsel der empirischen Beispiele hindurch festzuhalten,
ist die Aufgabe und die Kraft der Definition, die somit eine
höhere, rein gedankliche Konstanz erschaftt, als sie im Gebiete
der Wahrnehmungswelt jemals erreichbar wäre. Sie ist es, die
die flüchtigen und ziellosen Gebilde der „Vorstellung“ zur festen
        <pb n="51" />
        383

Kinteitung.

Einheit des Begriffs zusammenschliesst und die ihnen damit „das
Siegel des Seins aufdrückt‘“.?®) Und das ist das Charakteristische
dieses neuen Seins, dass es für uns nicht von Anfang an vorhanden
 ist, sondern dass wir es erst zu entdecken und zu beglaubigen
 haben, indem wir „uns selbst befragen und uns Rede stehen“.
Von diesem Fundament der dialektischen Methode, das ihren
eigentlichen Mutterboden bildet, lässt sich die „Idee“ nicht loslösen,
 ohne ihres tiefsten Sinnes verlustig zu gehen.?t) Die „Teilhabe“
 der Erscheinung an den Ideen bedeutet in diesem Zusammenhang
 nichts anderes und nichts Rätselhafteres, als dass die
Urteile über empirische Verknüpfungen, um auch nur die relative
 Sicherheit zu gewinnen, deren sie fähig sind, anderer rein
„abstrakter“ Wahrheiten bedürfen, auf die sie sich zurückbeziehen.
Wir vermöchten über die Verhältnisse der fliessenden sinnlichen
Dinge nichts auszusagen, wenn wir nicht dabei auf die dauernden
Beziehungen hinblicken könnten, die wir unvermischt und „an
sich selbst“ («dto xad”abrc) erfassen. Wenn wir die nirgend standhaltenden
 Wahrnehmungen des Gesichts- und Tastsinnes zu festen
Gestalten abgrenzen und gliedern wollen, wenn wir sie zu einer Geraden
 oder Kugel „zusammenschauen“ wollen, so muss das Modell
einer derartigen geometrischen Figur uns innerlich bereits vor
Augen stehen und unsere Betrachtung leiten. Und so entwirft das
Denken, aus sich selbst und ohne ein äusseres Organ, eine Welt
von geistigen Musterbildern, an denen es die verfliessenden Erscheinungen
 beurteilt und misst. Die Grundoperation, die das
griechische Denken in seinem gesamten Fortschritt betätigt hat,
ist nunmehr herausgestellt und begründet. —
Aber freilich begreifen wir auch, vor welche inneren Schwievigkeiten
 dieser erste entscheidende Schritt uns alsbald stellen
muss. Es ist das Bewusstsein und das Selbstgefühl seiner fundamentalen
 Entdeckung, die Platon immer wieder auf den Gedanken
 der reinen Wissenschaft zurückkommen, die ihn immer von
neuem die Trennung hervorheben lässt, die zwischen der Welt
der ewigen gedanklichen Urbilder und dem veränderlichen Bereich
der Einzeltatsachen besteht. In fruchtbarer Einseitigkeit verweilt
er bei dem Gedanken der strengen, theoretischen Deduktion; weist
er jeden Versuch ab, den Charakter und den logischen Wert einer
Wissenschaft nach dem Gebrauch. die sie im Gebiet des Em-
        <pb n="52" />
        Die Ideenlehre und das Problem der Erfahrung. 39

pirischen verstattet, zu bemessen. Banausisch erscheint ihm jeder
Versuch, die Erkenntnis auf ihre konkreten Anwendungen zu
beschränken und einzuengen. So liegt der eigentliche Nutzen der
Arithmetik darin, dass sie „die Seele in die Höhe führt und sie
nötigt, die Zahlen als solche in Gedanken zu fassen, nimmer zufrieden,
 wenn einer ihr Zahlen, die sichtbare und greifliche Körper
haben, vorhält und an ihnen die Untersuchung durchführt“; — so
ist es allgemein die auszeichnende Eigentümlichkeit des Mathematischen,
 dass es das Bewusstsein zwingt, sich rein des Denkens
selbst, zum Zwecke der Wahrheit selbst, zu bedienen. («öt% t4 vohoe:
yphodaı Em aöthv thv dhHderay.) Nicht minder ist es der eigentliche,
zumeist verkannte und „schwer fassliche“ Wert der Astronomie und
der ihr verwandten Wissenszweige, dass durch jede dieser Disciplinen
 ein Organ der Seele gereinigt und aufgeregt wird, das unter
anderen Beschäftigungen verkümmert und erblindet, während doch
an seiner Erhaltung mehr gelegen ist, als an tausend Augen: denn
mit ihm allein wird die Wahrheit gesehen.?) Aus der Tendenz
und der gedanklichen Grundstimmung, die uns in diesen Sätzen
entgegenklingt, lässt es sich verstehen, wenn neben der Korrelation
 von Erfahrung und Denken zugleich beständig ihre Antithese
 verfochten und eingeschärft wird. Es ist insbesondere der
Kampf gegen die Sophistik, die den strengen Unterschied zwischen
Wahrnehmung und Begriff nivelliert, durch welchen der Gegensatz
 dauernd wachgehalten wird. An Versuchen, die Beziehung
zwischen den beiden Gebieten des „Seins“ immer enger zu knüpfen
und die Rolle und die Funktion der Ideen in der Bearbeitung des
Problems der Erfahrung selbst zu bewähren, hat es Platon
trotzdem nicht fehlen lassen: ja diese Aufgabe bildet unverkennbar
 den Leitgedanken und die treibende Kraft, aus der die gesamte
zweite Phase seiner Philosophie mit ihrer Selbstkritik der Ideenlehre
 hervorgegangen ist. So erscheint bereits im Gastmahl der
dialektische Eros als der Mittler, der die beiden geschiedenen
und auseinandergehenden Gebiete des Seins, der Göttliches und
Sterbliches, Sinnliches und Unsinnliches wieder zusammenbindet
und so das All in sich selbst verknüpft. Die Körperwelt bildet
nicht mehr den Widerstreit und den Abfall vom Sein der reinen
Idee, sondern wird zur notwendigen Stufe und Staffel, um sich
„ur Welt der reinen Gestalten emporzuheben. In strengerem lo-
        <pb n="53" />
        Einleitung,

gischen Sinne und frei von jeder Metapher ist die Vermittelung
sodann im „Sophisten“ im Gedanken der Gemeinschaft der Gattungen
 (xoıvwvia tüv jevüv) durchgeführt. Die einzelne „Gattung“ bildet
nun keinen Sonderinhalt mehr, der für sich allein bestände und
erkennbar wäre, sondern sie erlangt ihre Kraft und Geltung erst
durch die Beziehung und Verknüpfung, die sie mit anderen eingeht.
 Indem die Ideen sich nunmehr wechselseitig bedingen und
in gemeinsamer Operation zusammenwirken, erschliesst sich
damit die Aussicht, dass sie in immer vollkommenerer Durchdringung
 das Gebiet des Veränderlichen selbst zur Bestimmung
zu bringen vermögen. Die „Bewegung‘ der Idee erscheint selbst
als eine fruchtbare und notwendige Bedingung des Wissens.2%®)
Wenn trotzdem, auch in den spätesten Dialogen, der alte dualistische
Gegensatz zwischen dem Reich des Seins und des Werdens immer
von neuem laut wird, wenn noch im Fhilebos die Möglichkeit
einer strengen und exakten Wissenschaft von der Entstehung und
den Wandlungen dieser unserer empirischen Welt geradezu geleugnet
 wird: so zeigt sich hierin freilich, dass Platon selbst den
Widerstreit in voller prinzipieller Klarheit nicht zu schlichten
vermochte. Man mag in der Gestaltung der empirischen Physik,
die der Timaeus bietet, noch so viel auf Rechnung des Mythos
setzen — und Platon selbst hat die Grenze, die diese Darlegungen
 von der strengen Beweisführung trennt, klar und rückhaltlos
 gezogen — die Tatsache, dass die. letzte Erklärung der beson-Jjeren
 Erfahrungswirklichkeit aus den reinen logischen Grundsätzen
 der Ideenlehre nicht zu leisten war, bleibt dennoch zurück
and fordert ihre sachliche und geschichtliche Begründung.
Und hier gilt es vor allem zu erkennen, dass die Schranke,
die der Ideenlehre in ihrer Entwicklung gesetzt war, mit der philosophischen
 Grösse ihres Urhebers aufs engste zusammenhängt.
Veberall zeigt sich Platon von dem Gefühl beherrscht und durchdrungen,
 dass jede wissenschaftlich giltige Behandlung und Beurteilung
 der Einzeltatsachen eine bestimmte, rein theoretische
Grundlegung, eine deduktive Vorbereitung voraussetzt und fordert.
 Die Vermischung rationaler und empirischer Gründe, die
uns bei Aristoteles so oft begegnet, ist seinem Wesen innerlich
fremd. Nirgends beruft er sich auf die Erfahrung als ein beyuemes
 Auskunftsmittel,. das die Mängel der logischen Beweisfüh-
        <pb n="54" />
        Die Ideenlehre und das Problem der Erfahrung.

41

rung verdecken und ihre Lücken ausfüllen soll. Er weigert sich,
an die Einzeldinge heranzugehen, bevor sein Blick für sie durch
die Begriffe, durch die A0yoı, geschärft und vollständig gerüstet
ist. Und diese durchgängige systematische Fundierung einer
Wissenschaft des Veränderlichen ist es, die er zuletzt vermisst und
die er bei dem Stande der zeitgenössischen Forschung vermissen
musste. Es ist für immer denkwürdig, wie er in dem systematischen
 Aufbau der Erkenntnis, den die Republik vollzieht, ganze
Gebiete von Wissenschaften, die ihm historisch noch nicht gegeben
 waren, aus der Strenge und Stetigkeit des prinzipiellen
Grundgedankens heraus, erst eigentlich entdeckt, wie er z. B.
zwischen die Geometrie und Astronomie die Stereometrie als notwendiges
 Mittelglied einschiebt. Im gleichen Sinne hat er auch die
Notwendigkeit einer abstrakten Bewegungslehre durchschaut
und ausgesprochen. Wenn er sich der Betrachtung der Gestirne
überlässt, wenn er sich dem ästhetischen Zauber dieses „bunten
Schmuckes am Himmel“ hingibt, so geschieht es mit dem bewussten
 Ziele, dass sie ihm Beispiele und Belege für diese gedankliche
 Forderung, die er im Sinn trägt, darbieten sollen. Um sich
der Probleme zu bedienen, die sie darbietet, will er an die
Astronomie herangehen —: „was aber am Himmel ist, das
wollen wir lassen, wenn es uns anders darum zu tun ist, wahrhaft
 der Sternkunde uns befleissigend, das von Natur Vernünftige
in unserer Seele aus Unbrauchbarem brauchbar zu machen“.?)
Die Configurationen des Himmels und ihre Wandlungen sollen wir
zwar für das Beste und Vollkommenste an innerer Harmonie und
Regelmässigkeit halten, was sich im Gebiet des Sichtbaren und
Körperlichen aufweisen lässt: zugleich aber sollen sie uns nur als
Andeutungen und als Unterlage für die Betrachtung völlig exakter
und gleichförmiger Bewegungen dienen, die „die wahrhafte Geschwindigkeit
 und die wahrhafte Langsamkeit gemäss der wahren
Zahl und den wahrhaften Figuren ausführen“: Hier liegt nicht
nur der Gedanke zu Grunde, dass wir die verworrenen und vielverschlungenen
 Bahnen, die die Gestirne nach dem unmittelbaren
 Augenschein zu beschreiben scheinen, kraft der mathematischen
 Hypothese auf einfache geometrische Gestalten zurückführen
 müssen: es ist zugleich gefordert, dass wir das Gebiet des
Konkreten überhaupt verlassen. um nicht mehr die Geschwindig-
        <pb n="55" />
        Einleitung

keiten empirischer Körper, sondern rein gedachter „materieller
Punkte“ nach ihrem wechselseitigen Verhältnis zu erwägen. Die
Kreise am Himmel sollen uns nur zum „Schwungbrett“ dienen,
um uns zur Anschauung dieser ideellen Bewegungen, die nur
für den Verstand, nicht aber für das Gesicht erfassbar sind, zu
erheben. (Aoy j@Ev xai dıavolm Anttd, öde Tod.) So besagt die gesamte
 schwierige Erörterung im Grunde nichts anderes, als dass
lie kosmischen Erscheinungen für uns nicht insofern zur Triebkraft
 und zum Ansporn der Erkenntnis dienen sollen, als sie uns
dazu anregen sollen, ihre empirische Abfolge und Wiederkehr
zu beobachten und beschreibend festzuhalten, sondern dass sie
die bedeutungsvollere Funktion haben, den Gedanken eines neuen
Zweiges der mathematischen Analysis in uns wachzurufen.
In diesem Sinne sollen wir sie als „Paradigmata“ der reinen Erkenntnis
 verstehen und brauchen lernen. Dass Platon damit
den Gehalt der empirischen Himmelskunde nicht ausschöpft,
ist freilich klar; — aber es zeigt sich zugleich, dass er ihr
aur deshalb nicht gerecht wird, weil die Astronomie seiner
Zeit, die er vor Augen hat, dem strengen Ideal des Wissens, das
ar ihr vorhält und das ihre moderne Entwicklung bestätigt und
bewährt hat, nicht gewachsen ist. Man muss sich gegenwärtig
halten, dass Platon echte Beispiele exakter empirischer Forschung
 nur in den bedeutungsvollen, aber wenig umfangreichen
Beobachtungen und Versuchen der Pythagoräer vor sich hatte.
Für das System der „Erfahrung“, das hiermit gegeben war, hat
er denn auch in der Tat die echte spekulative Grundlegung
and philosophische Rechtfertigung geschaffen. „Wissenschaft“
bedeutet ihm — nach der Definition, die der Philebus begründet
and ausführt — die gedankliche Begrenzung des an sich grenzenlosen
 und unbestimmten Stoffes der Wahrnehmung durch die
Funktion und Vermittlung der Zahl. Wir müssen im Gange
ınserer Untersuchung vor allem eine Einheit setzen und anaehmen,
 sodann aber, wenn wir uns ihrer einmal bemächtigt
haben, uns die Frage stellen, ob sie sich nicht wiederum in eine
Mehrheit spaltet: „bis man von dem ursprünglichen Einen nicht
nur, dass es Eins und Vieles und Unendliches ist, sieht, sondern
auch wievieles.“ Die Bezeichnung einer Menge als eine „unbestimmte
 Vielheit“ (dxepov) dürfen wir somit nicht eher auf sie an-
        <pb n="56" />
        Erfahrung und Mathematik,

43

wenden, als wir nicht versucht haben, sie nach allen Richtungen
hin, in denen eine solche Betrachtung sich durchführen lässt, zah-Jenmässig
 zu bestimmen und zu fixieren. Wer sich dieses Mittelgliedes
 der Zahl begibt, wer Einheit und Vielheit nur als logische
Widersprüche auffasst, die er gegeneinander hält und wahllos
durcheinanderwirft, der tritt damit aus dem echten „dialektischen“
Begriff der Wissenschaft heraus, um sich in ein sophistisches
Spiel mit Worten zu verlieren. Die qualitativen Unterschiede der
Empfindung, das „Mehr und Weniger“, dessen wir uns in der Wahrnehmung
 bewusst werden, wird durch den Begriff in feste Grenzen
eingeschlossen: erst wenn das unbestimmte Quale zu einem Quantum
 (xzooov) geworden ist, hat das Denken sein Ziel erreicht.®) In
diesen Sätzen hat Platon die Bedeutung und Aufgabe der mathematischen
 Empirie mit vorgreifender Klarheit gezeichnet. Dass
er, dem nur in der Akustik wenige faktische Beispiele von ihr
gegeben waren, sie dennoch nicht in ihrem ganzen Umfange zu
überschauen vermochte, dass er nicht voraussah, bis zu welchem
Grade die Auflösung und Beherrschung der Wahrnehmungsdaten
durch die reinen mathematischen Gestalten dereinst vordringen
könne, kann Niemanden, der geschichtlich urteilt, verwundern.
Hier liegt der Punkt, an dem sich zugleich die sachliche Fruchtbarkeit
 seines Grundgedankens, wie die individuellen Schranken
seiner Durchführung offenbaren. Es wäre der verwegenste —
Apriorismus gewesen, wenn Platon, wie seine empiristischen Kritiker
 von heute es fordern, die Herrschaft der Ideen weiter in den
Stoff der Erfahrung hinein erstreckt hätte, als er es tatsächlich
tat, wenn er, der den Grund der theoretischen Naturbetrachtung
festlegte, auch den logischen Aufbau der empirischen Physik
vorweggenommen hätte. Erst den Männern der neueren Zeit,
erst einem Galilei und Kepler war es vergönnt, zugleich im
strengen Sinne Platoniker und echte, wissenschaftliche Empiristen
zu sein: erst ihnen ist die Erfahrung nicht mehr der Widerstand,
den es zu bewältigen gilt, sondern die wahrhafte Erfüllung und
Vollendung der reinen Theorie.

Wenn man in der geschichtlichen Folge der Systeme von
Platon zu Aristoteles gelangt, so scheint sich damit für das Er-
        <pb n="57" />
        Einleitung.

kenntnisproblem ein weiterer und freierer Ausblick zu erschliessen.
Denn so sehr das logische Motiv sich in der Platonischen Spekulation
 als bestimmend erwies, so bildet hier dennoch die Logik
keine Sonderdisziplin, die abgetrennt von der „Dialektik“ bestände
 und betrachtet werden könnte. Was an methodischen Einsichten
 von Platon erarbeitet wird, das gehört für ihn zugleich
unmittelbar zum eigentlichen Sachgehalt der Ideenlehre. Bei
Aristoteles erst gelangen die einzelnen Formen und Formeln des
Denkens und der Beweisführung, abgesehen von der Materie, auf
die sie sich beziehen, zu selbständiger Untersuchung und Feststellung.
 Die Zergliederung des Wissens scheint also hier erst
bei dem reinen Ausdruck des Problems angelangt und die gesamte
 Frage auf eine höhere Stufe der Reflexion erhoben zu sein.
Vertieft man sich indes in die Bedingungen und die Struktur
der Aristotelischen Lehre, so erweist sich dieser Schein alsbald
als trügerisch. Man erkennt, dass die Logik ihre grössere Freiheit
 und formale Selbständigkeit damit erkauft hat, dass sie aufgehört
 hat, ein zentrales Motiv für den Aufbau des Ganzen zu sein.
50 eingehend und subtil ihre Behandlung ist: für die Gesamtheit
des Systems bedeutet sie doch nur noch ein Aussen- und Nebenwerk.
 Denn dieses System ruht ganz auf einer Anschauung und
Deutung des Naturgeschehens, die von dem metaphysisehen Begriff
 des Zweckes beherrscht ist. Die Erkenntnislehre des Aristoteles
 bildet nur einen Teil seiner Psychologie, die selbst wiederum
 nur im Zusammenhang mit seiner biologischen Grundansicht
 zu verstehen ist. Aus dem biologischen Prinzip der Entwickelung
 sollen wir, wie das Sein der Dinge, so auch die Art
und die Möglichkeit ihrer Erkenntnis begreifen lernen. Alles Geschehen
 und alle Umbildung innerhalb der Natur setzt bestimmte
ursprünglich vorhandene Formen voraus, die eine ihnen entgegenstehende
 Materie sich zu unterwerfen und nach sich zu gestalten
 streben. In unlöslicher Wechselbeziehung wirken diese
beiden Grundmächte des Seins zusammen, um alle Einzelbestimmungen
 zu erzeugen und hervorzutreiben. Nicht abgesondert vom
Stoffe hat die Form ein selbstgenügsames Dasein, sondern all ihr
Sein erfüllt sich in der ziel- und richtunggebenden Kraft, die sie
auf die Materie ausübt. So ist sie, wie der Anstoss und die Ursache
 der Bewegung, zugleich der Zweck, dem eine bestimmte
        <pb n="58" />
        ATiSLOLEIES.

45

Bildung ihrer eigenen Wesenheit nach zustrebt. Alles Werden
der Natur wird unter dem Bilde und der Analogie des Wachstums
 eines Organismus beschrieben: es wird nur verständlich,
wenn wir in ihm die stetige Verwirklichung und die konkrete
Selbstdarstellung eines allgemeinen vorbildlichen Prinzips sehen,
das von Anfang an zu Grunde liegt und sich, dem Widerstande
des Stoffes zum Trotz, allmählich immer reiner ausprägt und
herausarbeitet. Und wie dieser Gesichtspunkt von Zweck und
Mittel die Erklärung des besonderen Geschehens beherrscht, so
bestimmt er auch den Aristotelischen Gesamtbegriff des Universums.
 Was wir die Gesetzlichkeit der Natur nennen, das ist nur
der Ausdruck für die einheitliche, formgebende und lebensspendende
 Tätigkeit, die durch das Al hindurchgeht und die auf verschiedenen
 und entlegenen Gebieten stets analogische Gestaltungen
hervorruft. Die Natur ist ein System und eine Gradabstufung von
immanenten Zwecken, die sich wechselweise bedingen und auf
einander hinweisen. Nicht mit Unrecht hat man gesagt, dass in
diesem Aristotelischen Bilde vom Weltganzen „die poetische Lebendigkeit
 der altgriechischen Naturanschauung“ wieder zum Vorschein
 komme?%): der ästhetische Reiz aber, den sie dadurch ausübt,
 darf gegen ihre inneren logischen Schwierigkeiten nicht blind
machen, In der Tat scheinen wir hier dem Prinzip und der allgemeinen
 Fragestellung nach wieder mitten in die Anfänge der
ee ichen Spekulation zurückversetzt: die Substanz ist wieder
der E 1 e und schlechthin Gegebene, das wir bei aller Untersuchung
er Erkenntnis voraussetzen und an die Spitze stellen müssen. Das
„Allgemeine“, das bei Platon wesentlich den Stempel und die Prägung
 des Denkens trug, indem es das ideelle Vorbild bezeichnete,
 auf das wir in allen unseren empirischen Aussagen und Urteilen
 hinblicken müssen: hier ist es zu einer Realpotenz geworden,
die sich auswirken und in immer neuen besonderen Bildungen
offenbaren will. —
_ Ist auf diese Weise der Begriff des Seins vorweg gesetzt und
bestimmt, so kann sich die Erkenntnislehre des Aristoteles
den Umrissen, die hier gegeben sind, leicht und mühelos einfügen.
Die Dinge besitzen ein äusseres, selbstgenügsames Dasein: für die
Erkenntnis kann es sich nur noch darum handeln, sich diese
Existenz in allen ihren Teilen nachbildend anzueignen. Alle
        <pb n="59" />
        A

Einleitung.

denkende Tätigkeit bedeutet nur eine Aufnahme und eine Wiedergabe
 von Bestimmungen, die an und für sich in ursprünglicherer
Weise in der Welt der Wirklichkeit vorhanden sind. Gestalt und
Bewegung, Farbe und Ton, die räumliche Ordnung des Beisammen,
wie die zeitliche des Nacheinander: all dies sind feste und fertige
Eigentümlichkeiten der Objekte selbst; die Aufgabe besteht lediglich
 darin, den Weg zu weisen, auf dem die Verwandlung
dieser dinglichen Beschaffenheiten in geistige vor sich
geht. Ein Problem, das freilich zunächst unlösbar scheint; denn
von der Materie zum Denken, von der absoluten Existenz zum
Bewusstsein gibt es keinen begrifflichen Uebergang. Gerade an
diesem Punkte tritt nunmehr eine metaphysische Grundunterscheidung,
 die das Gesamtsystem beherrscht, die Entgegensetzung
von Potenz und Akt, von neuem in Kraft. Wie die fertigen
Gegenstände in den Geist hinübergeschaftt worden, das begreifen
wir, indem wir erwägen, dass es nicht ihre volle Wirklichkeit,
sondern lediglich ihre „Form“ ist, die die Seele in sich aufnimmt.
Die Dinge selbst vereinen in sich, sofern sie aus Materie und
Porm zusammengesetzt sind, einen stofflichen und einen intelliziblen
 Faktor: dem Denken bleibt keine andere Leistung und
keine andere Schwierigkeit, als diese Zusammensetzung aufzulösen
 und den einen Bestandteil aus ihr rein zurückzugewinnen.
„Dies muss also von jeder Sinneswahrnehmung gesagt werden,
dass sie die sinnlichen Formen (5%) ohne den Stoff aufnimmt,
wie das Wachs das Zeichen des Siegelringes ohne das Gold
oder Eisen in sich aufnimmt. Denn es empfängt es als goldenes
oader eisernes Zeichen, nicht aber sofern es Gold oder Eisen
ist. Auf ähnliche Weise leidet auch die Wahrnehmung durch
den Eindruck alles dessen, was Farbe oder Ton oder Geschmack
besitzt, aber sie erfasst all dies nicht in seiner konkreten unmittelbaren
 Beschaffenheit, sondern sofern es eine bestimmte, allgemeine
Gestalt in sich verkörpert (dhN 00y Y EXa0ToV Exeivmy AeyetaL, diN
zorovdi Kal xatd töv Adyov)%. Somit sind es, wie die Scholastik
diesen Aristotelischen Gedanken ausspricht, nicht die Dinge, sondern
 ihre stofflosen „Species“, die in das Denken aufgenommen
werden. Das Erkannte ist im Erkennenden nach der Art und der
Weise des Erkennenden: cognitum est in cognoscente secundum
modum cognoscentis, „Durch die species“ —. so schildert ein
        <pb n="60" />
        Der Begriff der „Form“ und die Aristotelische Erkenntnislehre. 4

moderner Vorkämpfer der Aristotelisch-scholastischen Erkenntnislehre
 diesen Prozess — als ein Daseinselement des Dinges,
welches Element aber zugleich der Seele konform ist, wird der
Gegenstand in die Seele eingesetzt.“”") Wenn aber derselbe
Autor in dieser Lehre die Vollendung und Krönung der „idealistischen
 Grundanschauung“ findet, so beweist er damit aufs
schlagendste, wie sehr der mittelalterlichen, wie der heutigen
Scholastik jedes Verständnis der ursprünglichen Platonischen
Bedeutung der Idee abgeht. Denn gegen keine Annahme hat Platon
 so entschieden und so rückhaltlos sich gewandt, wie gegen
den Glauben, dass man dem Bewusstsein ein Wissen, das nicht
in ihm wäre, einsetzen könne: „wie wenn sich blinden Augen
das Vermögen des Sehens .von aussen einfügen liesse.‘“*)
Auf die mannigfachen, verwickelten Wege, in denen die Aristotelische
 Auffassung der Erkenntnis sich fort- und umbildete,
auf die Schwierigkeiten, die in ihr allmählich immer deutlicher
heraustreten, soll hier vorerst nicht eingegangen werden. Diese
Selbstauflösung der Aristotelischen Logik gehört bereits der Geschichte
 des modernen Denkens an und wird uns, ebenso wie
die Peripatetische Psychologie und Erfahrungstheorie, in der Darstellung
 ihres Verlaufs immer von neuem beschäftigen müssen.
Bevor wir indes an die Anfänge der neueren Zeit herangehen,
müssen wir uns noch in allgemeinsten Umrissen die Wandlungen
 vergegenwärtigen, die das Aristotelische Gedankensystem
in seiner Rezeption durch das Mittelalter erfahren hat. Denn so
bedingungslos sich die Scholastik auch der Autorität des „Philosophen“
 unterwirft: es lässt sich nicht übersehen, dass sie seine
Lehre, indem sie nur bemüht scheint, sie zu begreifen und auszulegen,
 unvermerkt auf ihren eigenen Boden hinüberzieht und
unter einen neuen Gesichtspunkt rückt: Die psychologische Theorie
des Erkennens zwar hat sich inhaltlich wenig geändert. Die gesamte
 scholastische Wahrnehmungstheorie zielt darauf ab, durch
den Doppelbegriff der Species, der ebensowohl den formalen
Sachgehalt des Dinges, wie das Vorstellungsbild im Subjekt besagt,
 den Uebergang und die Verwandlung des „Aeusseren“ in das
„Innere“ verständlich zu machen; — ein Ziel, das sie durch Einschiebung
 immer neuer Mittelglieder und Zwischenstufen, zwischen
dem Reiz und der Empfindung einerseits und der „sinnlichen“
        <pb n="61" />
        Einleitung,

und „intelligiblen Species“ andrerseits zu erreichen sucht. Die
letzte Erklärung dieser Harmonie zwischen dem „Subjektiven“
und „Objektiven“ aber ruht nunmehr auf einem anderen Fundament.
 Für Aristoteles sind die Formen gleichbedeutend mit den
immanenten Zwecken, denen die einzelnen organischen Gebilde
kraft der besonderen Eigenart ihres Baus zustreben und in denen
sie sich vollenden und befriedigen. Keine gedankliche Notwendigkeit
 treibt ihn, solange er der eigenen Grundanschauung treu bleibt,
über die Natur selbst, als den gegliederten Inbegriff der Zwecke,
hinauszugehen. Sein Gottesbegriff selbst macht diese innere Scheidung
 der Gebiete deutlich: denn wenngleich er ihn als den ersten
Anstoss der Bewegung und des Werdens braucht, so kann er
seiner als Schöpfer der Einzelsubstanzen entraten. So ist es auch
keine innerliche Beziehung, die in seiner Betrachtungsweise Gott
and Welt zusammenhält: nur durch äussere „Berührung“ wirkt
die Gottheit auf das Universum ein, ohne es weder in seiner
Wesenheit zu bestimmen, noch auch von ihm selbst irgend eine
Rückwirkung zu erfahren. Die strenge Sonderung, in der der
„unbewegte Beweger‘“ rein für sich als absolute Denktätigkeit
‘vöncıc vohosmg) verharrt, gibt auf der anderen Seite auch der Welt
des Veränderlichen ihre Freiheit und innere Selbständigkeit wieler
 und schützt sie vor jedem äusserlichen Eingriff. Für das
religiöse Interesse des Mittelalters dagegen muss auch der Grundbegriff
 der „substantielien Form“ allmählich von seiner Stelle
rücken. Das besondere Sein hat hier nur insoweit Bestand und
Geltung, als es von dem obersten Urgrund gesetzt ist und mit ihm
in beständiger, unlöslicher Beziehung verbleibt. Wie die Einzeldinge
 nur kraft des göttlichen Schöpferwillens existieren, so strebt
all ihr Denken und Begehren mit innerer Notwendigkeit zu ihm
zurück: lediglich in diesem fundamentalen Triebe, der sie über
sich selbst hinausdrängt, liegt die fortdauernde Möglichkeit ihres
Seins und ihrer Erhaltung. Die „Formen“ der Welt bilden eine
stetige Stufenreihe, die erst in einem höchsten jenseitigen Sein
ihren Abschluss und ihre Erklärung findet, Es ist das Vorrecht
der vernünftigen Seele, dass sie, indem sie in gewisser Weise alle
diese intelligiblen Wesenheiten in sich fasst, zugleich ihrer sachlichen
 Beziehung und Abhängigkeit sich bewusst werden kann
and dass sie sich somit von der Welt des Stofflichen. in die sie
        <pb n="62" />
        Das Erkenntnisproblem in der Scholastik.

4%

die sinnliche Empfindung verstrickt, zu immer reineren Gestaltungen
 zu erheben vermag, bis sie bei der reinen „Wirklichkeit“,
der jede Beimischung des „Leidens‘“ fremd ist, zur Ruhe kommt.
Wenn das Erkennen bei Aristoteles die bestehende immanente
Ordnung der Natur nachahmte, so bildet es hier die hierarchische
Gliederung der Zwecke ab. Das Wissen von der Natur hat nur
Wert, sofern es uns zur Erfassung dieser wahrhaften, metaphysischen
 Ordnung befähigt: der „habitus scientiae“ kann und will
nur die Vorbereitung des „habitus sapientiae“ sein. So fügen sich
alle Zweige und Glieder der Wissenschaft dem Einen entscheidenden
 Ziele der Gotteserkenntnis ein: die „reductio artium
ad theologiam“, wie sie u. a. Bonaventura verkündet, ist keine
äusserliche Anbequemung, sondern entspricht der wesentlichen
Begriffsbestimmung, die das Mittelalter. von der Erkenntnis
entwickelt hat. Die „Abstraktion“, die die Scholastik als das
wesentliche Mittel des Erkennens auszeichnet, besitzt eine völlig
andere Bedeutung, als im modernen Sprachgebrauch. Sie dient
nicht dazu, zu immer reineren gedanklichen Beziehungen
und Gesetzen fortzuschreiten, sondern sie sucht, indem sie die
besonderen Nebenumstände abstreift, unter denen ein Objekt uns
sinnlich gegeben ist, zu einem intelligiblen Daseinsgrunde, zu
der Idee im göttlichen Verstande vorzudringen, welche seiner konkreien
 Existenz voraus liegt. Das erkennende Bewusstsein, die
„aktive Denkkraft“, schafft somit keinen neuen Inhalt, sondern
;lient nur dazu, dasjenige, was im Objekt gegeben ist, in eine
neue Beleuchtung zu rücken und den geistigen Kern, der hier
untermischt mit zufälligen Bestimmungen auftritt, vein herauszuschälen.
 „Erkenntnis des Seienden ist uns möglich, weil es selbst
aus einem schöpferischen (göttlichen) Erkennen stammt, die Dinge
sind für den Geist, weil sie aus dem Geiste sind; sie haben uns
etwas zu Sagen, weil sie einen Sinn haben, den eine höhere Intelligenz
 in sie gelegt hat.“®) So mannigfaltig und verschiedenartig
 die Erkenntnislehre im Mittelalter sich gestaltet hat: von
diesem metaphysischen Urgrunde hat sie sich nirgends mit prinzipieller
 Entschiedenheit losgelöst. Es wäre ungerecht, die Feinheit
 der begrifflichen Distinktionen zu verkennen, die die Scho-Jastik
 nicht nur in technischen Einzelproblemen der Logik, sondern
 auch in der allgemeinen Diskussion methodischer Grund:
        <pb n="63" />
        30

Einleitung .

{ragen bekundet hat. Aber nirgends wird die Frage hier als eine
ursprüngliche empfunden und ergriften: sondern sie ist stets bedingt
 und getragen durch das Ganze der mittelalterlichen Lebensansicht,
 die im Voraus als unangreifbares Fundament feststeht.
Hierin allein aber liegt bereits, selbst wenn der geschichtliche
Zusammenhang zwischen Scholastik und neuerer Zeit noch so eng
angenommen wird, die charakteristische sachliche Grenzscheide.
Wo das Erkenntnisproblem nicht an den Anfang der Betrachtung
tritt, da ist ihm seine wahrhafte Kraft bereits geraubt. Es ist die
entscheidende Leistung der modernen Philosophie, dass sie die
Erkenntnis nicht mehr als eine Einzelfrage betrachtet, die sich
nebenher aus anderen systematischen Voraussetzungen her behandeln
 und lösen liesse, sondern sie als die schöpferische Grundkraft
 im Aufbau der intellektuellen und sittlichen Gesamtkultur
begreifen lernt.
        <pb n="64" />
        Erstes Buch:

Die Renaissance des Erkenntnisproblems.
        <pb n="65" />
        Erstes Kapitel.

Nikolaus Cusanus.

Wenn man in Nikolaus Cusanus den Begründer und Vorkämpfer
 der neueren Philosophie sieht, so kann sich dieses Urteil
nicht auf die Eigenart und den objektiven Gehalt der Probleme
berufen, die in seiner Lehre zur Darstellung und Entfaltung
kommen. Die gleichen Fragen, die das gesamte Mittelalter bewegt
 haben, treten uns hier noch einmal entgegen: noch wird
das Verhältnis Gottes zur Welt unter den speziellen Gesichtspunkten
 der christlichen Erlösungslehre betrachtet und zum Mittelyunkt
 der Untersuchung gemacht. Wenn das Dogma nicht mehr
unbedingt den Weg und Gang der Forschung bestimmt, so weist
as ihr doch ihre letzten Ziele. An den Problemen der Christologie,
an den Fragen der Dreieinigkeit und der Menschwerdung Gottes
erwächst und entwickelt sich die Philosophie des Cusanus. Das
ist das Charakteristische für die geschichtliche Stellung des
Systems: dass es sich nicht unmittelbar dem neuen Inhalt zuwendet,
 sondern an dem überlieferten Stoff selbst eine Wandlung
und Fortbildung vollzieht, die ihn den Forderungen einer neuen
Denkart und Fragestellung zugänglich macht. —
In allen Phasen des Systems bildet daher die Gotteslehre
den einheitlichen Mittelpunkt. In ihr konzentrieren sich die allzemeinen
 Grundgedanken; in ihrer Entwicklung spiegelt sich jeglicher
 Fortschritt und jegliche Anregung, die von Seiten der
wissenschaftlichen Forschung ausgeht. In den frühesten Schriften
sind Gottesbegriff und Erkenntnisbegriff zunächst negativ auf ein-
        <pb n="66" />
        Gott und Welt.

53

ander bezogen und mit einander verknüpft. Indem wir alle Bestimmtheit,
 die dem Wissen und seinem endlichen Objekt eignet,
fortschreitend verneinen und aufheben, gelangen wir damit zum
Sein und zur Inhaltsbestimmung des Absoluten. Da alles Erkennen
 in einem Messen besteht, in einer Gleichung, die zwischen
dem gesuchten Inhalt und bestimmten bekannten Elementen hergestellt
 wird, so bleibt das Unendliche, da es über alle Proportion
 hinaus liegt, der Funktion des Begriffs unzugänglich. Alles
Denken und Benennen geht in einem Trennen und Unterscheiden
auf, erreicht daher die höchste Einheit nicht, die allen Gegensätzen
 entrückt sein muss, um jedweden Inhalt zu umfassen und
an ihm teilhaben zu können. Sprache und Begriff bleiben gleichmässig
 an das abhängige und eingeschränkte Sein gebunden; sie
vermögen das Wesen ihres Objekts nicht an und für sich, sondern
 nur in der Differenz und Entgegensetzung gegen andere Inhalte
 zu bestimmen. Ueber diese gesamte Sphäre der „Andersheit“
 gilt es sich zu erheben, um das höchste Sein zu erreichen.
Je mehr wir das Moment der Mannigfaltigkeit zurückdrängen,
je weiter wir alle Mehrheit und Verschiedenheit entfernen, desto
reiner erfassen wir den Sinn und Gehalt der ersten und absoluten
Einheit. Gott selbst ist weder das Leben noch die Wahrheit,
sondern liegt über diese, wie über alle anderen intelligiblen Bestimmungen
 hinaus: der „Himmel des Intellekts“ vermag ihn
nicht zu fassen und in sich zu schliessen. Nur durch ein Hinwegschreiten
 über alle Proportion, über alle Vergleichung und
allen Begrift (per transscensum omnium proportionum, comparationum
 et ratiocinationum) vermögen wir uns seiner Anschauung
zu nähern.'!) Die Fülle und das gegensätzliche Leben der Erscheinungswelt
 bildet das Hemmnis, das uns von der echten
Gotteserkenntnis ausschliesst.
Damit aber ist nicht nur die Begreiflichkeit des göttlichen
Urwesens aufgehoben, sondern zugleich das Sein und die innere
Möglichkeit des Einzelwesens zu einem unlösbaren Problem geworden.
 Das Geschöpf kann nicht als Folge aus dem göttlichen
Grunde des Seins, der alle Vielheit und alle Zerfällung von sich
abweist, begriffen und hergeleitet werden. Keine innere gedankliche
 Notwendigkeit ist es, die sein Dasein erklärt und rechtfertigt.
 Das Einzelwesen bleibt das schlechthin „Zufällige“, der
        <pb n="67" />
        Nikolaus Cusanus.

Gegensatz und das Widerspiel zu aller logischen und metaphysischen
 Begründung und Ableitung.) Dem Individuum ist
der Anteil am Sein im letzten und höchsten Sinne versagt; wir
müssen es als irrationales Faktum hinnehmen, ohne ihm seinen
Bestand und seine Geltung in einem eigenen Prinzip sichern
zu können, Diese Folgerung aber, zu der Cusas Gotteslehre in ihrer
ırsprünglichen Gestalt hindrängt, enthält zugleich die Aufforderung
 und das innere Motiv der Umkehr in sich. Je weiter die
Entwicklung von Cusas Philosophie fortschreitet, um so deutlicher
 tritt neben dem Bestreben, das göttliche Sein in seiner unvermischten
 Reinheit festzuhalten, die Tendenz hervor, das Einzelwesen
 in seinem Eigenwerte zu begreifen und in seiner endlichen
3esonderheit zu behaupten. Mit diesem Zuge erst wird seine Lehre
zum Ursprung und Vorbild der Philosophie der Renaissance.
Jedes Geschöpf ist, innerhalb der Schranken, die ihm durch seine
Sondernatur gesetzt sind, in sich selbst vollendet; all sein
Streben kann nur darauf gerichtet sein, die ihm eigentümliche
Wesenheit nicht zu überschreiten, sondern vollständig zu erfüllen
und zu verkörpern. Auch die Erhebung zum Absoluten kann daher
 nun nicht mehr schlechthin in der Verneinung des eigenen,
spezifischen Seins der „Kreatur“ gesucht werden. Die einzelne Erscheinung
 ist nicht mehr der unversöhnliche Gegensatz zum Sein
des Unendlichen; sie ist der notwendige Ausgangspunkt und das
Symbol, das uns allein zu seiner Erfassung hinzuleiten vermag.
Die zweite, reife Epoche von Cusas Philosophie hat diesen Gedanken
 zu voller Klarheit fortentwickelt. Er selbst spricht es aus,
dass er das Absolute, das er zuvor jenseits aller Kraft unserer Erkenntnis,
 jenseits aller Mannigfaltigkeit und Entgegensetzung gesucht
 habe, nunmehr in der geschaffenen Welt selbst zu ergreifen
und festzuhalten trachte.?) Um ins Unendliche zu schreiten, brauchen
 wir nur im Endlichen nach allen Seiten zu gehen: das Geschöpf
 ist nichts anderes, als die Selbstdarstellung und Selbstoffenbarung
 des Schöpfers.‘) Damit aber ist ein neuer Weg gewiesen
und eine neue Aufgabe gestellt. Die wissenschaftliche Vertiefung
in die empirische Besonderung der Dinge ist zugleich der Weg zur
rechten Erkenntnis des Göttlichen. Mit der deutschen Mystik berührt
 sich Cusa in dem Gedanken, dass Endliches und Unendliches
 gleich notwendige Momente sind, dass sie sich wechselseitig
        <pb n="68" />
        Der Fortschritt zur Immanenz,

55

hedingen und fordern. Aber wenn die Mystik den Prozess der
Offenbarung Gottes in das Innere des Individuums verlegt, so ist
Cusas Blick auf die äussere Natur und ihre Gesetzlichkeit gerichtet:
die Begrifte und Probleme der Statik werden ihm — in der Schrift
„de staticis experimentis“ — zum Anknüpfungspunkt und Vorbild
seiner Metaphysik. „Aus der engen, düsteren Zelle des mystischen
Dunkels, der mystischen Finsternis — so fasst Uebinger das Ergebnis
 seiner Untersuchung über den Cusanischen Gottesbegriff
treffend zusammen — führt die exakte Denkrichtung die Gotteslehre
 wiederum in die weiten, lichten Räume der Welt zurück. Jetzt
gilt es ,. den unsichtbaren Schöpfer aus der sichtbaren Welt zu
erkennen. Nicht der Unsichtbare selbst wird hier geschaut, aber
sein Bild, die Wirkung der höchsten Ursache, . . die Offenbarung
des unsichtbaren Gottes. Nach dem Bilde gilt es jetzt das Urbild,
 nach der Wirkung ihre Ursache, nach dem Geschöpfe den
Schöpfer, nach der sichtbaren Offenbarung den unsichtbaren Gott
zu bestimmen.“®) ;
Wir verfolgen diese Wandlung der Gotteslehre nur insoweit,
 als sie sich im Grundbegriff von Cusas Erkenntnislehre,
im Begriff der „docta ignorantia“ darstellt und widerspiegelt.
Die Wissenschaft des Nichtwissens bedeutet zunächst in der Tat
nichts anderes, als die Aufhebung des absoluten Anspruchs der
Erkenntnis, als eine Schranke, die der menschlichen Erfahrung
und dem menschlichen Begriff gesetzt ist. Das Wissen, wie es
auf die Welt der Veränderung und der Mannigfaltigkeit bezogen
ist, vermag auch in sich selber nirgends zu einem sicheren Halt
und Stillstand zu gelangen. Wie der Stoff, der ihm von aussen
zufliesst, So bewegt sich auch der Charakter seiner Gewissheit in
einem beständigen Mehr und Weniger; wie jede höhere Stufe
nur durch einen quantitativen Fortschritt und Zuwachs des Erkennens
 erreicht wird, so kann sie, durch einen analogen Prozess,
in ihrem Werte herabgesetzt und vernichtet werden. Die eine,
unbedingte Wahrheit ist nur ganz und unteilbar zu erfassen; —
wo die Möglichkeit der Gradabstufung gegeben ist, da kommt
auch jeder einzelnen Stufe nur eine relative und jederzeit aufhehbare
 Sicherheit zu.)
Der ideelle Maasstab der höchsten Gewissheit, den wir in uns
iragen, verwandelt alles wirklich erreichte Wissen in eine blosse
        <pb n="69" />
        IL

Nikolaus Cusanus.

„Annahme“, die durch andere und genauere Hypothesen wiederum
verdrängt werden kann: „die Einheit der unerreichbaren Wahrheit
 wird von uns in der Andersheit der Annahme erkannt.“7)
Der beherrschende Gegensatz von Cusas Metaphysik ist damit auf
die Methodenlehre übertragen. Aber auch in ihr beginnt nunmehr
die innere Wandlung, die das Wertverhältnis der beiden gegensätzlichen
 Momente umgestaltet, Wenn die Schrift „de docta
ignorantia“ die Beziehung zwischen dem Absoluten und den Begriffen
 unserer Erkenntnis mit dem Verhältnis vergleicht, das
zwischen Kreis und Polygon besteht, so soll damit freilich zunächst
 der qualitative Wesensunterschied beider zum Ausdruck
gebracht werden. Dennoch trägt eben dieses Bild bereits den Keim
der gedanklichen Vermittlung in sich: denn wie der Fortschritt
der Philosophie der Mathematik lehrt, sind die unendlichen
Polygone nicht sowohl der Gegensatz, wie das notwendige und
unenthbehrliche Erkenntnismittel, um die Grösse des Kreises
zu bestimmen. Nikolaus Cusanus wagt zuerst den Satz, der auch
der antiken Exhaustionsmethode fern lag: dass der Kreis seinem
begrifflichen Gehalt und Sein nach nichts anderes, als ein Vieleck
 von unendlich vielen Seiten ist. Der Begriff der „Grenze“ ist
hier zu positiver Bedeutung erhoben: der Grenzwert selbst kann
nicht anders, als vermöge des unbeschränkten Prozesses der Annäherung
 erfasst und in seiner Bestimmtheit ergriffen werden. Die
Unabschliessbarkeit dieses Prozesses gilt jetzt nicht mehr als Beweis
 eines inneren, begrifflichen Mangels, sondern als Zeugnis
seiner Kraft und Eigenart: die Vernunft kann nur in einem unendlichen
 Objekt, einem schrankenlosen Fortgang zum Bewusstsein
 ihres eigenen Vermögens gelangen. Gerade die fortschreitende
Bewegung des Geistes, die von dem blossen Faktum zur Entdeckung
 der Gründe, vom „quia est“ zum „quid est“ vordringt,
enthält zugleich das Prinzip seiner Gewissheit und seiner Ruhe
in sich: in ihr erst ist der Geist seines eigenen unerschöpflichen
Seins und Lebens versichert.®) Das Bewusstsein des Nichtwissens
birgt daher einen tieferen und fruchtbareren Gehalt der Erkenntnis,
 als jede scheinbare, noch so gewisse positive Einzelbehauplung:
 denn wenn in dieser der weitere Fortschritt gleichsam gehemmt
 und zum Stehen gebracht ist, so ist in ihm der Ausblick
ins Unbegrenzte erhalten und Ziel und Richtung des Weges er-
        <pb n="70" />
        Die „docta ignorantia“ als KErhenntnismiltel.

57

leuchtet.) Jetzt ist die Unendlichkeit nicht mehr die Schranke,
sondern die Selbstbejahung der Vernunft. „Von grösserer Freude
wird erfüllt, wer einen unermesslichen und unzählbaren Schatz,
als wer einen zählbaren und endlichen findet: so ist auch das
heilige Nichtwissen die erwünschteste Nahrung meines Geistes,
zumal ich diesen Schatz in meinem eigenen Acker finde und
er mir somit als Eigentum zugehört.“ *)
Immer von neuem und in mannigfachen Formen wiederholt
Cusanus diesen Gedanken, der in der Tat eine innere geschichtliche
 Wandlung bezeichnet.!) Dem Mittelalter gilt das Objekt des
höchsten Wissens als transscendent: nur eine unmittelbare äussere
Gnadenwirkung vermag den Geist zu seiner Anschauung zu erheben,
zu der er aus eigenen Mitteln unzureichend bleibt. Auf der anderen
Seite indess ist das System der göttlichen Wahrheit ein festes, in
sich abgeschlossenes Ganze, das uns, unabhängig von aller Arbeit
 der Vernunft und der Forschung, fertig und gestaltet dargereicht
 und gegeben wird. Das ist der Grundwiderspruch, in dem
die scholastische Philosophie besteht: dass sie einen unendlichen
und transscendenten Gegenstand durch einen fest begrenzten und
fixierten Inbegriff dogmatischer Einzelsätze zu erfassen und zu
erschöpfen trachtet. Die neuere Zeit beginnt nach beiden Richtungen,
 nach der subjektiven wie der objektiven Seite hin, mit
einer Umkehr der bisherigen Anschauung. Der Gegenstand, auf
den sie hinblickt, ist dem Geiste immanent: das Bewusstsein
selbst und seine Gesetzlichkeit bedingt und umgrenzt das Objekt
der Erkenntnis. Und dennoch muss der Prozess, in dem wir dieses
neue Sein zur wissenschaftlichen Bestimmung zu bringen suchen,
prinzipiell als unabschliessbar gedacht werden. Die endliche empirische
 Existenz ist niemals völlig erkannt, sondern liegt als Aufgabe
 der Forschung beständig vor uns. Der Charakter der Unendlichkeit
 ist von dem Gegenstand der Erkenntnis auf die Funktion
 der Erkenntnis übergegangen. Das Objekt des Wissens, obwohl
 es von demselben Stoffe, wie der Geist ist, obwohl es diesem
also völlig durchsichtig und innerlich begreiflich ist, bleibt doch
auf jeder einzelnen Stufe des Wissens unbegriffen. In dieser
skeptischen Einsicht stellt sich der neue Glaube der Vernunft an
sich selber dar. Beide Grundmomente des neuen Verhältnisses sind
in Cusas Philosophie im Keime enthalten: denn wie er auf der
        <pb n="71" />
        3

Nikolaus Cusanus.

einen Seite die Grenzenlosigkeit des Erkenntnisganges betont, so
steht ihm andererseits fest, dass alle Erkenntnis nur eine Auseinanderfaltung
 und Entwickelung des eigenen Besitzes ist, der
dem Geiste in seinen Prinzipien implicit bereits gegeben ist. —
Damit stellt der Begriff der „docta ignorantia“ einen Zusammenhang
 dar, der uns bis zu Descartes und Galilei hin in immer
neuen Wendungen entgegentreten wird. Nikolaus Cusanus hat
diesen Begriff nicht erfunden, sondern ihn, in fertiger terminologischer
 Bestimmtheit, von Augustin und den christlichen Mystikern
 übernommen. Das Charakteristische und Neue aber besteht
 in der Umprägung seiner Bedeutung und seines inneren Gehalts,
 die hier vollzogen wird. Das Prinzip bezog sich bisher auf
das Gebiet des übersinnlichen Seins und blieb — in der Negation,
 wie in seinen positiven fruchtbaren Konsequenzen — völlig
innerhalb dieser Sphäre beschlossen. !?) Das „niedere“ Bereich der
empirischen Forschung war von Anfang an dem Blick und dem
Interesse der metaphysischen Erkenntnislehre entrückt. Jetzt ist
es eben dieser polemische Begriff des Nichtwissens, der jenes verachtete
 Gebiet dem Erkennen neu erobern soll. Die Wirksamkeit,
 die er in dieser Richtung entfaltet, tritt uns alsbald in einem
Fundamentalproblem der neuen Wissenschaft und Philosophie
entgegen: der Gedanke der „docta ignorantia“ ist es, der Cusanus
zuerst über die Relativität aller Ortsbestimmung aufklärt und
der ihn damit zum Vorläufer des Copernikanischen Weltsystems
 macht.!) Die doppelte Richtung des Prinzips wird an
dieser Frage besonders deutlich : indem es, kraft seines skeptischen
Gehalts, die Existenz des absoluten Raumes und eines absoluten
Weltmittelpunkts aufhebt, erschliesst es zugleich die Mittel, die
Mannigfaltigkeit der Relationen, in denen der Kosmos fortan
besteht, zur gedanklichen Einheit zusammenzuschliessen.
Auch der Begriff der „conjectura“ gewinnt hier eine neue
und positive Bedeutung. Wie die reale Welt aus der unendlichen
 göttlichen Vernunft, so gehen alle unsere Annahmen aus
unserem Geiste, als ihrem Grunde, hervor. Die Einheit des menschlichen
 Geistes ist die Wesenheit seiner Konjekturen: mentis humanae
 unitas est conjecturarum suarum entitas.!*) So wird alles
einzelne Wissen bedingt und getragen von der Einheit des Geistes
 und seiner Grundsätze und erhält erst in ihr festen Bestand.
        <pb n="72" />
        Der Begriff der „conjectura“.

59

Die „conjectura“ bedeutet nicht lediglich die Aufhebung des absoluten
 Wissens, sondern eben darin den Gehalt und die relative
Wahrheit der veränderlichen Erscheinungswelt.!*) „Das höchste
Wissen ist nicht in dem Sinne als unerreichbar anzusehen, als
wäre uns jeder Zuweg zu ihm versperrt, noch dürfen wir es jemals
 erreicht und wirklich erfasst wähnen, vielmehr ist es derart
 zu denken, dass wir uns ihm beständig annähern können,
während es dennoch in seiner absoluten Wesenheit dauernd unzugänglich
 bleibt.“ Ein Symbol des göttlichen Seins darf uns
der Geist nicht in dem Sinne heissen, als wäre er ein toter Abdruck,
 eine noch so vollkommene Kopie des Unbedingten: einzig
in seinem Werden, in seiner Selbstentfaltung und Selbstgestaltung
bewährt sich die Kraft seines Ursprungs. Der Erwerb, nicht der
Besitz des Wissens gibt der menschlichen Vernunft den Charakter
der Göttlichkeit.1”) Die empirischen Einzelerkenntnisse selbst gilt
es nach dem Maasse, in dem sich der reine Begriff in ihnen darstellt
 und ausprägt, zu unterscheiden und in ihrem Werte zu ordnen:
 innerhalb des Sinnlichen selbst müssen wir ein Moment entdecken,
 das es dem Mathematischen und damit dem Inbegriff
der „Praecision“ verwandt und zugänglich macht.
. „Bevor wir uns diese Entwickelung im Einzelnen vergegenwärtigen,
 müssen wir indes auf die Folgerungen hinblicken, zu
denen der Begriff der „docta ignorantia“ im ethischen und relig1ösen
 Gebiet fortgeführt wird. Hier erst zeigt sich das Prinzip
in seiner vollendeten modernen Gestalt und Bedeutung. Der Dia-Log
 „de pace et concordantia fidei“ spricht es aus, wie die mannigfachen
 Formen und Bräuche, in denen die Völker das Göttliche
 verehren, nur verschiedene Versuche sind, das Unbegreifliche
 dogmatisch zu begreifen, das Unnennbare in feste Namen
zu fassen, Jeder Name bleibt gleich unzureichend gegenüber der
Wesenheit des Einen absoluten Seins. Der Grenzgedanke des Unendlichen
 bildet den einheitlichen und wesentlichen Kern aller
Religionen, gleichviel wie sie ihn im Einzelnen bestimmen und
einschränken mögen: „una est religio et cultus omnium intellectu
vigentium, quae in omnium rituum varietate praesupponitur“.?®)
Die Wissenschaft des Nichtwissens ist hier zum Prinzip der religiösen
 Duldung und Aufklärung geworden. So sehr Cusanus selbst
die christlichen Grunddogsmen festzuhalten und dem Ideal jener
        <pb n="73" />
        Br

Nikolaus Cusanus.

Einheitsreligion, der Religion des A6yosc, anzunähern strebt, so ist
doch in dieser symbolischen Umdeutung das Dogma nicht mehr
der unbedingte Maassstab, sondern das Objekt, das gemessen
wird. —

Die Einigung, die sich im Gebiete der Metaphysik zwischen
dem Unendlichen und dem Endlichen, zwischen Gott und Welt
vollzog, reflektiert sich innerhalb der Erkenntnislehre in einem
neuen Verhältnis, das sich jetzt zwischen Sinnlichkeit und
Denken herausbildet. Zwar ihrem eigentümlichen Gehalt und
Ursprung nach bleiben beide Vermögen streng von einander getrennt:
 es ist das Charakteristikum des reinen Verstandes, dass
er aus eigener Kraft all seine Inhalte entwickelt und begründet,
dass er zu ihrer logischen Rechtfertigung nicht über die Grenzen
seines eigenen Machtbereichs hinauszugehen braucht. Die ganze
Fülle der Erkenntnis ist sachlich in den ersten, rein intellektuellen
 Prinzipien bereits enthalten und vorgezeichnet. Nicht als
der materiale Urgrund und Beweisgrund des Wissens ist somit
die Sinnlichkeit anzusehen; wohl aber bildet sie den psychologischen
 Anstoss und Antrieb, der die „schlummernden‘“ Verstandeskräfte
 zuerst erweckt und zur Selbstentfaltung und Selbstrechtfertigung
 auffordert. Erst in ihrer Hinwendung zum Sinnlichen gelangen
 die reinen „Potenzen“ des Geistes zu ihrer aktuellen Wirksamkeit.
 Schon in den frühesten Schriften wird dieser „Zug“
und Trieb des Intellekts zum Gebiet der körperlichen Erscheinung
 geschildert, wiewohl zugleich betont wird, dass es sich hierin
nicht darum handelt, dem Stofflichen selbst Kraft und Bestand
zu verleihen, sondern sich von ihm, vermöge des Staunens über
seine Mannigfaltigkeit, zur Erkenntnis der eigenen Einheit anregen
 zu lassen. Die höheren Kräfte steigen in die niederen herab:
nicht um sich an sie zu verlieren, sondern um'an dem Gegenhalt,
den sie in ihnen finden, zum Bewusstsein ihres Eigenwertes und
ihrer Selbständigkeit zu gelangen. Aufstieg und Abstieg gilt es
in einem einzigen geistigen Blick zu umfassen und zu begreifen.
„Der Intellekt will nicht zum Sinn werden, sondern zum voll-
        <pb n="74" />
        Verstand und Sinnlichkeit,

f

1

kommenen und vollständig wirksamen Intellekt; da er aber auf
keine andere Weise zu dieser Selbstverwirklichung zu gelangen
vermag, so wird er zum Sinn, um durch dieses Medium hindurch
aus der leeren Möglichkeit zum Akt und zur Energie zu gelangen.
So kehrt der Geist, nachdem sein Kreislauf vollendet, in sich selber
 zurück; sein Herabsteigen. zu den sinnlichen Bildern bedeutet
in Wahrheit ein Hinaufheben des Mannigfaltigen selbst zur Einheit
 und Einfachheit des Gedankens“.1®) In diesem tiefen Worte
hat Cusanus eine Forderung vorweggenommen, die erst in der
modernen Wissenschaft und ihrem Erkenntnisideal zur Ausbildung
 und Erfüllung gelangt: ist. Nur in der Hingebung an den
Stoff der Wahrnehmung kann wahres Wissen erreicht und gegründet
 werden; aber je tiefer wir uns in diese Aufgabe versenken,
 um so deutlicher hebt sich uns auf dem Hintergrunde der
Erfahrung das Bild des eigenen Geistes und seiner gedanklichen
Schöpfungen heraus. Cusanus bezeichnet hier die geschichtliche
 Wendung des Platonismus, die zu Kepler und Galilei
 hinüberführt. Es wäre irrig, die philosophische Renaissance
des Quattrocento schlechthin als eine Entdeckung der Platonischen
 Philosophie zu bezeichnen: war doch die Beziehung zu
dieser auch im christlichen Mittelalter nirgends abgebrochen. Bezeichnend
 ist vielmehr der veränderte Gesichtspunkt, unter
dem die Ideenlehre jetzt erscheint. Sofern die Ideen als absolutes
Sein jenseit der Erscheinungswelt gedacht und gedeutet werden;
werden sie von Cusanus ausdrücklich zurückgewiesen; hier tritt
er der Aristotelischen Kritik in ihrem ganzen Umfang und in
allen ihren Folgerungen bei. Und nicht minder bestreitet er den
falschen Apriorismus der „angeborenen Bezriffe‘“: nicht einzelne
Erkenntnisinhalte, sondern nur die Kraft, sie zu erwerben, ist
der Seele eingeboren.®) So knüpft er nicht an die metaphysische
Weiterbildung der „Idee“ an — den Neuplatonismus hat er wiederholt
 und energisch bestritten —, sondern geht unmittelbar auf
die tiefen methodischen Erörterungen der „Republik“ über das
Verhältnis. von Sinnlichkeit und Denken zurück. Die Wahrnehmung
 ist nicht der unbedingte Widerstreit, sondern sie ist der
Wecker und „Paraklet“- des reinen Begriffs, den sie herbeirult,
um die in ihr liegende Unbestimmtheit zu überwinden und zu
schlichten.?) Denn dem Sinn als solchen wohnt keine Kraft der
        <pb n="75" />
        ae
)

Nikolaus Cusanus.

Bestimmung und Unterscheidung bei; vielmehr ist es die Ver -
nunft selbst, die in dem sinnlichen Material erst die festen Abgrenzungen
 und Sonderungen vollzieht: ratio sensu ut instrumento
 ad discernenda sensibilia utitur, sed ipsa est quae in
sensu sensibile discernit.®) So sehen wir, dass das empirische
 Weltbild, in dem uns die Gegenstände bereits als einzelne
gesondert entgegentreten, schon ein Produkt aus dem Zusammenwirken
 von Wahrnehmung und Begriff ist. Die Leistung der
[dee wird innerhalb des Gebiets der Erfahrung selbst aufgesucht
 und hervorgehoben.
Durch diesen Gegensatz gegen den mittelalterlichen Realismus
 aber, dem die Idee an und für sich etwas Existierendes und
Absolutes ist, werden wir zu Folgerungen hingeführt, die der
Reinheit und Unabhängigkeit des Denkens zunächst zu widerstreiten
 scheinen. Wenn unser diskursives Denken die Sichtung
und Deutung der sinnlichen Eindrücke zur Aufgabe hat, so ist
es klar, dass es nicht auf die Wesenheit der Dinge, sondern nur
auf deren „Abbilder“ sich richtet und über diese an keinem
Punkte ‘hinauszugelangen vermag. Das System der Erkenntnis
löst sich in einen Inbegriff und eine Ordnung von Zeichen auf;
die absolute Welt der Objekte bleibt ihm unzugänglich. Wenn
die Gegenstände im göttlichen Geiste nach ihrer präzisen und
eigentümlichen Wahrheit enthalten sind, so fasst der unsrige
nicht ihr Sein, sondern nur mittelbar ihre „Aehnlichkeit“;®) wenn
das Denken Gottes zugleich ein Erschaffen ist, so geschieht unsere
 Begriffsbildung dadurch, dass wir uns selber den vorhandenen
 Objekten anpassen und uns nach ihnen umgestalten. Der
Begriff der Seele selbst wird unter diesem Gesichtspunkt bestimmt:
 sie ist die Kraft, die sich allen Dingen anzugliedern vermag.
 (quae se omnibus rebus potest conformare.*) Wie dem
göttlichen Geiste die „vis entificativa“, so kommt unserem Intellekt
 die „vis assimilativa“ als Merkmal und Grundzug zu.%)
Damit aber scheint das Denken, da es an ein äusseres Modell
verwiesen wird und von ihm seine Beglaubigung empfängt, zugleich
 zu einer bloss passiven Widerspiegelung eines Gegebenen
zu werden. In der Tat sieht sich Cusanus selbst zu dieser Konsequenz
 hingedrängt: „Sunt illa omnia unum et idem: vis concipiendi,
 conceptio, similitudo, notio, passio et intellectus“.2)
        <pb n="76" />
        Die „sechnlichkeit“ des Geistes und der Dinge.

63

An diesem Punkt indes, der die innere Einheit des Systems
aufzuheben droht, erweist sich nunmehr von neuem Cusas philosophische
 und dialektische Kraft. Der Begriff der Aehnlichkeit,
 den er als Rüstzeug aus der scholastischen Erkenntnislehre
herübernimmt,. wird ihm, in schrittweiser Umdeutung und Vertiefung,
 zur gedanklichen Handhabe und zum Vehikel für die
eigene Grundauflassung. Von der „similitudo“ schreitet er zur
„assimilatio“ fort: von der Behauptung einer in den Dingen vorhandenen
 Aehnlichkeit, die die Grundlage ihrer Zusammenfassung
und gattungsmässigen Bezeichnung abgibt, geht er zur Darlegung
des Prozesses über, vermöge dessen der Geist einen harmonischen
 Zusammenhang zwischen den Objekten und sich selber
erst herstellen und erschaffen muss. Jetzt erkennt das Ich die
Gegenstände nicht mehr, indem es sich ihnen anpasst und sie
nachbildet, sondern indem es sie umgekehrt nach der Aehnlichkeit
 des eigenen Wesens auffasst und begreift. Wir verstehen die
Aussendinge nur insoweit, als wir in ihnen die Kategorien des
eigenen Denkens wieder zu entdecken vermögen. Alles „Messen“
der Objekte entspringt im Grunde nur dem einen Triebe des
Geistes, zum Maasse seiner selbst und seiner Kräfte zu gelangen.*)
Weil er den Punkt, die Einheit, das Jetzt in sich trägt, weil er
somit das wahre Fundament besitzt, aus dem die Linie, die
Zahl, die Zeit sich aufbauen, kann der Intellekt sich all diesen Inhalten
 assimilieren und sie in dieser Verähnlichung erkennen.?®)
Ein Bild und Analogon der Welt heisst er somit in dem Sinne,
dass in ihm als konzentrierter Einheit der Gehalt von alle dem
liegt, was uns in sinnlicher Erscheinung in der Welt der Dinge
entgegentritt.®) Wenn die erste Epoche von Cusas Philosophie
vor allem auf das Grundproblem des Verhältnisses zwischen Gott
und Welt gerichtet war, so ergibt sich jetzt eine veränderte
Fassung der Frage: an die Stelle der Welt tritt, um sie für die
spekulative Betrachtung zu ersetzen und zu repräsentieren, der
Begriff des Geistes. Die Seele ist im prägnanten und höchsten
 Sinne das Symbol des Schöpfers: alle anderen Dinge haben
an Gottes Wesenheit nur insoweit Teil als sie sich in ihr darstellen
 und reflektieren. So ist der menschliche Intellekt zwar
ein Abbild des absoluten. aber ein Modell und Musterbild alles
        <pb n="77" />
        Nikolaus Cusanus.

empirischen Seins: mens per se est dei imago; omnia post men-‚em,
 non nisi per mentem.%)
Zwei verschiedene Motive und Weisen der Behandlung sind
es somit, die sich im Begriff der „assimilatio“ durchdringen. Den
Anfang bildet eine Analyse und Deutung des Prozesses der Wahrnehmung,
 in welchem der Geist, nach Cusa, zwar ursprünglich
passiv bestimmt wird, in dem er aber nichtsdestoweniger alsbald
spezifische Energien und Kräfte entwickelt. Die Seele selbst entsendet
 durch Vermittlung der peripherischen Organe bestimmt
unterschiedene „Spezies“, die sich gemäss den Einwirkungen von
jen Objekten mannigfach umbilden und damit die wechselnde
Vielheit der Eindrücke zustande bringen. WUeberall ist hierbei
nicht nur die Natur des äusseren Gegenstandes, sondern zugleich
Jie Beschaffenheit des aufnehmenden Mediums für die Art der
Sinnesempfindung bestimmend: wie denn der feine „Arteriengeist“,
der sich im Auge befindet, nur für die Eindrücke der Gestalten
and Farben, nicht für die des Tones empfänglich ist. Daher
müssen wir weitergehend einen „Geist“ (spiritus) annehmen, der,
an die Unterschiede der Einzelsinne nicht mehr gebunden, sich
gsleichmässig allen Inhalten der verschiedenen Gebiete anzupassen
vermag und der sie damit unter einander vergleichbar und auf
einander beziehbar macht. Diese Beziehung, die im Organ der
„Einbildungskraft‘, noch unbestimmt und verworren ist, wird
schliesslich im Organ der „Vernunft“ zu distinkter Bestimmtheit
erhoben.?!) Dennoch bleibt in diesem gesamten fortschreitenden
Prozess die Abhängigkeit von dem ersten Material, das uns die
Sinne darbieten, durchgehend erhalten und bewahrt: die Begriffe
der Vernunft stellen denselben Inhalt, wie die unmittelbare
Wahrnehmung, nur in klarerer und deutlicherer Scheidung und
\bgrenzung dar, Sie bleiben daher mit allem Mangel des anfäng-'ichen
 Sinneneindruckes behaftet. Dem diskursiven Denken, das
im Grunde nichts anderes als ein Ordnen und Klassifizieren der
Emplindungsdaten ist, ist die cchte „Präzision“ versagt: was es
zu erreichen vermag, bleibt immer nur relative und angenäherte
Gewissheit. In allem Wissen um einen empirischen. Inhalt
treten uns daher die „reinen Formen“, auf die unser Erkennen.im
‚etzten Sinne abzielt. nur schattenhaft entgegen: die Kraft der
        <pb n="78" />
        Das Musterbild der Mathematik,

65

fremden, von aussen gegebenen Materie beschränkt und verdunkelt
 die Selbstsicherheit des geistigen Schauens und Erfassens.2?)
Eine andereRichtlinieund ein neuerOrientierungspunkt muss
daher gefunden werden, wenn das Wissen über den Bereich der
„Mutmassung“ erhoben werden soll. Der Geist darf sein Ziel nicht
mehr jenseits seiner eigenen Grenzen suchen, sondern er muss in
sich selbst den Mittelpunkt der Gewissheit finden. Die echten
Vernunftbegriffe dürfen nicht das Produkt und das Ende des Erkenntnisprozesses,
 sondern sie müssen seinen Anfang und seine
Voraussetzung bilden. Es ist die entscheidende logische Bedeutung
der Mathematik, dass in ihr diese Umkehr vollzogen und beglaubigt
 ist. Wenn der Geist den Begriff des Zirkels entwirft, wenn
er eine Linie erdenkt, deren Punkte von einem gemeinsamen Mittelpunkte
 aus gleich weite Entfernungen haben, so hat die Gestalt,
 die damit entsteht, nirgends ein gesondertes, stoffliches Sein
ausserhalb des Denkens. Denn in der Materie ist eine exakte
Gleichheit zwischen zwei Strecken, geschweige zwischen einer
unendlichen Mannigfaltigkeit von Linien, unauffindbar und unmöglich.
 Der „Zirkel im Geiste“ ist das alleinige Musterbild und
Maass des Zirkels, den wir im Sande hinzeichnen. Analog können
wir bei jedem Inhalt, der uns entgegentritt, eine d oppelte Weise
des Seins unterscheiden: sofern wir ihn das eine Mal in aller
Zufälligkeit seines konkreten Daseins, das andere Mal in der Reinheit
 und Notwendigkeit seines exakten Begriffs betrachten.®) Die
Wahrheit der Dinge ergibt sich erst in dieser zweiten Art der
Auffassung. Auch auf sie wendet Cusanus den Gesichtspunkt1
der Assimilation an: ‘aber jetzt handelt es sich nicht mehr
darum, dass der Geist sich den sinnlichen Einzeldingen, sondern
dass er sich ihrer reinen mathematischen Definition, die all
ihren wissenschaftlichen Gehalt darstellt, zuwendet und anpasst.
Indem das Denken sich den „abstrakten Formen“, die es in sich
selber findet, fortschreitend verähnlicht, entwickelt und erschaffi
es damit die sicheren mathematischen Wissenschaften. Und
während zuvor nur ein beschränktes, jederzeit aufhebbares Wissen
zu Stande kam, wird auf diesem zweiten Wege absolute Gewisshei{
erreicht. Das Denken, das mit den Gegenständen beginnt, um sie,
sei es in sinnlichen Eindrücken, sei es in allgemeinen, von ihnen
abstrahierten Gattungsbegriffen abzubilden. erreicht nirgends das
        <pb n="79" />
        Nikolaus Cusanus.

wahre Sein: notwendige Erkenntnis entsteht nur dort, wo der Geist
von seiner eigenen Einheit und „Einfachheit“ ausgeht, um sie zu
einer Mannigfaltigkeit von Definitionen und Grundsätzen auszubilden.)

Die Ansicht, dass alle unsere Erkenntnis sich in einen Inbegriff
 und eine Ordnung von „Zeichen“ auflösen lasse, bildet somit
 bei Cusanus nicht einen Widerspruch, sondern eine Bestätigung
 der idealistischen Grundlegung. Sein „Nominalismus“ ist
nicht — wie Falkenberg annimmt®) — ein fremder Bestandteil
des Systems, sondern wird zu einer wichtigen Bestimmung und Ergänzung
 des Hauptgedankens. Das unbedingte einfache Sein ist
uns nicht direkt zugänglich, sondern verbirgt und verhüllt sich
uns unter den mannigfachen Namen und Symbolen, deren wir
uns notwendig zu seiner Erfassung bedienen: aber eben diese
„Namen“ selber sind nicht willkürlich und gesetzlos,-sondern entstammen
 dem Grunde und Gesetz unseres eigenen Geistes. Dasselbe
Medium, das uns von der absoluten Existenz trennt, erschliesst
uns somit die Erkenntnis des eigenen Wesens. Dieser sachliche
Zusammenhang erklärt es, dass die Begründer der neueren Philosophie,
 denen das Bewusstsein zum zentralen Problem wird,
sich in dem alten Streit über das Sein der Gattungsbegriffe überall
 zum „Nominalismus“ bekennen, in dem sie die Kraft des „subjektiven“
 Faktors der Erkenntnis verbürgt und anerkannt sehen.
Für den positiven Wert, den Cusanus dem Begriffe des Zeichens
beimisst, ist es besonders charakteristisch, dass er das allgemeine
Verhältnis zwischen dem Zeichen und dem bezeichneten Inhalt
durch das Beispiel der Beziehung zwischen Punkt und Linie verdeutlicht.
 Der Punkt kann als Symbol der Linie betrachtet werden,
sofern er die Grundlage und die Voraussetzung ist, aus der die
Linie durch stetige Wiederholung sich aufbaut, — sofern er also
zugleich ihren ganzen begrifflichen Gehalt in sich fasst und zur
Darstellung bringt.)
Damit nähern wir uns einer neuen Bezeichnung und Formel
für das metaphysische Grundverhältnis des Einen und Vielen.
Wir sahen, wie zuletzt die Forderung gestellt war, die „Einfachheit“
 des denkenden Geistes in die Vielheit der Begriffe und
Dinge aufgehen zu lassen, nicht um sie in sie zu zerteilen und
aufzulösen, sondern vielmehr, um sie anf eine höhere Stufe der
        <pb n="80" />
        Der Begriff des Unendlichen.

67

Selbsterkenntnis und des Selbstbewusstseins zu erheben. Wenn
somit die Reihe der Zahlen als Symbol des sinnlichen, die Einheit
 als Symbol des reinen intellektuellen Seins gedacht werden
kann, so handelt es sich jetzt darum, das Eine nicht in abstrakter
Isolierung, sondern in seiner Entfaltung, also innerhalb der Welt
der Mehrheit selbst, aufzusuchen und festzuhalten. Wo immer
sich uns also in einer Gruppe bestimmt abgestufter Inhalte ein
Grösser und Kleiner, ein Mehr oder Weniger darstellt, da gilt es
zunächst in ihr begrifflich ein Moment herauszusondern und zu
fixieren, das an dieser Wandlung keinen Anteil hat, ihr vorausgeht
 und sie ermöglicht. Die begriffliche Eigenart der Linie und
des Winkels: dasjenige, was sie von allen anderen geometrischen
Gebilden unterscheidet und sie erst zur Linie und zum Winkel
macht, ist oflenbar in jedem Exemplar der Gattung, wie gross oder
wie klein es immer sei, vollständig und gleichmässig enthalten.
Die einzelne begrenzte Strecke fasst daher nicht das „Wesen“ der
Linie, das vielmehr als unendlich, genauer als ausserendlich —
weil der Betrachtungsweise und den Gegensätzen der blossen Quantität
 entrückt -— gedacht werden muss.?) Der Fortgang ins Unendliche,
 bei dem die bloss zufälligen Differenzen der Grösse verschwinden,
 enthüllt uns erst den rationalen „Grund“ der endlichen Gebilde.®)
 Hier erblicken wir das „Was“ des Kreises oder Dreiecks,
das der sinnlichen Anschauung, die an dem Einzelbeispiel und
seinen willkürlich angenomm€enCh Dimensionen haftet, unzugänglich
 bleibt. Die extensive Ausdehnung und Begrenzung, die eine
Bedingung der sinnlichen Vorstellbarkeit einer bestimmten geometrischen
 Gestalt ist, muss aufgehoben werden, um zu ihrer ursprünglichen
 rationalen Erkenntnis und Definition zu gelangen.
Mit dieser allgemeinen Weisung hat Cusanus, so sehr er noch
mit dem Gedanken und dem Ausdruck ringt, die erste logische
Grundlage für den Begriff des „Unendlich-Kleinen“ geschaffen.
Wir dürfen nicht bei der endlichen und teilbaren Form der
Grösse stehen bleiben, sondern müssen sie, um ihren reinen Begriff
 zu erfassen und ihre gesetzlichen Zusammenhänge zu verstehen,
 aus einem unteilbaren Moment zur Entstehung und Ableitung
 bringen. So ist der Punkt die „Totalität und Vollendung“
der Linie, so ruht die extensive zeitliche Dauer auf dem „Jetzt“
und müsste mit seiner Aufhebung in sich selber zusammenfallen.??)
        <pb n="81" />
        a
3

Nikolaus Cusantuts.

Und wie der Augenblick die „Substanz“ der Zeit, so ist die Ruhe
die Substanz der Bewegung. Die räumliche Ortsveränderung
eines Punktes ist nichts Anderes, als die gesetzliche Folge und
Ordnung seiner unendlich mannigfaltigen Ruhelagen: motus est
ordinata quies seu quietes seriatim ordinatae.“) In diesen
Sätzen hat Cusanus nicht nur den Gedanken, sondern selbst die
Sprache der neuen Mathematik, wie sie sich künftig bei Descartes
 und Leibniz entfaltet, vorweggenommen. Die Bezeichnung
der Coordinaten, der lineae ordinatim applicatae, bereitet sich vor,
während andererseits bereits die allgemeine Auffassung herrschend
ist, die zur Grundlegung der Integralrechnung hinführt. —
Und in dem neuen Begriff der Grösse, der jetzt entsteht,
spricht sich zugleich eine veränderte Ansicht und eine neue logische
 Definition des Seins aus. Jetzt wird es deutlich, dass die
Wahrnehmung, die im Bereiche des Ausgedehnten und Zusammengesetzten
 verharrt, das Sein nicht zu umspannen und auszumessen
 vermag. Die wahre Realität jedes Inhalts erschliesst sich
erst dem Auge des Intellekts, indem er das sinnlich ausgebreitete
Dasein auf eine unteilbare Einheit zurückführt. Wir können das
„Wesen“ eines jeglichen Seins ohne extensive Grösse, die „quidditas“
 ohne „quantitas‘“, nicht aber umgekehrt diese ohne jene denken.)
 Wie die Kraft des Karfunkelsteins, vermöge deren er das
Licht zurückstrahlt, in dem kleinen Stein ebenso wie in dem grossen
enthalten ist, wie sie sich somit von der Ausdehnung unabhängig
erweist, so geht allgemein die Substanz des Körpers nicht in seiner
„Masse‘ unter. Sie wurzelt allein in der bestimmten eigentümlichen
 Wirksamkeit des Körpers, die sich bald unter dieser, bald
unter jener Gestalt und Form darstellt, sich mit diesem oder jenem
„Accidens‘““ bekleidet, um der sinnlichen Anschauung sichtbar zu
werden. Wenn die Wahrnehmung die Dinge in ihrer fertigen
räumlichen Ausbreitung betrachtet, so ergreift der Intellekt das
Prinzip und den Urgrund ihrer Tätigkeit.4?) Der Grund zur Leibnizischen
 Kritik des Substanzbegriffs ist hier gelegt. Es muss
freilich zunächst auffallend erscheinen, dass das gesamte Gebiet
der „Ausdehnung“ schlechthin der „Imagination“ zugewiesen
wird: denn unterliegt damit nicht die gesamte bisherige Mathematik
 der endlichen Grössen demselben logischen Werturteil?
 ‘ Indes auch diese Wendung lässt sich verstehen: die
        <pb n="82" />
        „Complicatio“ und „explicatio“

69

reinen intellektuellen „Einheiten‘“ werden nicht unmittelbar dem
sinnlich Mannigfaltigen selbst, sondern dem Begriff, auf den
sich jene Mannigfaltigkeiten reduzieren, verglichen und gegenübergestellt.
 Die Sinnendinge werden nicht an sich selbst, in
ihrer konkreten Einzelheit, zum Gegenstand der Betrachtung gemacht,
 sondern sie werden zusammengefasst und vertreten durch
die Kategorie der Quantität, ohne die sie für den Begriff nicht
fassbar sind: magnitudine et multitudine sublata nulla res cognoscitur.43)

Vergegenwärtigen wir uns von diesem Punkte aus noch einınal
 den Gang der Gesamtuntersuchung, so: drängt sich eine allgemeine
 Bemerkung auf. Der Begriffsgegensatz des „einfachen“
Seins und seiner „Entfaltung“, der complicatio und explicatio war
geschaffen, um das Verhältnis und den Widerstreit zwischen Gott
und Welt zum Ausdruck zu bringen. In dieser metaphysischen
 Aufgabe wurzelt sein Ursprung und seine prinzipielle Bedeutung.
 Im Fortgang der Untersuchung aber sehen wir, wie dieser
 anfängliche Sinn sich stetig weitet, wie immer neue Problemgruppen
 ergriffen und der systematischen Grundunterscheidung
unterworfen werden. Nacheinander werden nunmehr das Verhältnis
 Gottes zum menschlichen Geiste, wie die Beziehung, die
innerhalb des Geistes zwischen seinen Grundprinzipien und dem
entwickelten Gehalt seiner Begriffe besteht, unter dem gegensätzlichen
 Gesichtspunkt des „Einen“ und „Vielen“ betrachtet. Die
Grösse selbst, die ein immanenter Grundinhalt unseres Denkens
ist, gibt dieser doppelten Betrachtung und Beurteilung Raum. So
gelangt ein Gedanke, der dazu bestimmt schien, die endgültige
Trennung des Diesseits und Jenseits, des konkreten und absoluten
 Seins zu bezeichnen, innerhalb des endlichen Seins selbst
zur Bestimmung und zu fruchtbarer Anwendung. Die gegenseitige
Abgrenzung der verschiedenen Erkenntniskräfte zeigt den gleichen
 charakteristischen Zug. Die Vernunft (ratio), die auf das
Gebiet der konkreten Erscheinungen geht, um es zu ordnen und
zu begreifen, untersteht dem Prinzip des ausgeschlossenen Dritten,
nach welchem sie von zwei widerstreitenden Bestimmungen immer
 nur die eine zu bejahen vermag; sie unterscheidet sich eben
damit streng und grundsätzlich vom „Intellekt“, der die absolute
Einheit und in ihr die Coincidenz der Gegensätze erschaut. Die
        <pb n="83" />
        Nikolaus Cusanus.

mathematische Erkenntnis kommt bei dieser Trennung zunächst
 durchaus auf die Seite der „ratio“ zu stehen: ihre Kraft
und ihre Schranke besteht im Satze des Widerspruchs. Aber je
weiter Cusanus fortschreitet, um so deutlicher zeigt es sich, dass
die Mathematik zu ihrer eigenen Vollendung eines Faktors bedarf,
 der über das bloss „diskursive“ Denken hinausliegt. Jetzt
wird das „intellektuelle Schauen“ (visus intellectualis) angerufen,
nicht um mit ihm über alle Grenzen des Bewusstseins zu einem
jenseitigen Objekt hinauszugehen, sondern um den Begriff der
Grenze, um das Zusammenfallen der kleinsten Sehne mit dem
kleinsten Bogen zu vertreten und zu rechtfertigen.‘‘) Und diese
Entwicklung, die sich hier an einem einzelnen Hauptproblem
darstellt, findet ihre Bestätigung und Ergänzung in der allgemeinen
 Umwandlung, die. sich in dem Verhältnis der Transscendenz
zur Immanenz, des Seins zum Bewusstsein vollzieht.

HN.
Es ist ein weiter Weg von der „negativen Theologie“, wie
sie sich in Cusanus’ ersten Schriften ausspricht, zu der Erkenntnislehre
 der späteren Periode. Wenn dort das Absolute nur in
der Verneinung unseres endlichen Wissens erreicht werden konnte,
so ist hier die Erkenntnis das vollendete Abbild und die prägnante
 Wiederholung des Göttlichen; wenn dort alle Kategorien
des Denkens ausgelöscht und überschritten werden mussten, so
finden wir jetzt in ihnen den festen Halt, der es uns ermöglicht,
die höchste Wesenheit analogisch zu verstehen und uns deutlich
zu machen. Die „Subjektivität“ bedeutet nicht mehr den Gegenpol
des absoluten Seins, sondern die Grundkraft, die uns zu seiner Betrachtung
 und Deutung befähigt. Das Gebiet des Denkens und
das des Seins bleiben zwar ihrem Umfange nach verschieden,
sodass sie niemals zu vollkommener Deckung zu bringen sind;
dennoch besteht zwischen ihnen inhaltlich eine durchgängige
Harmonie, derzufolge alle Verhältnisse des Seins sich im menschlichen
 Geiste nach dessen eigenem Maassstabe projizieren und darstellen.
 —
Es genügt nicht, auf den Widerstreit dieser beiden Motive
        <pb n="84" />
        Objekt und Funktion des Denkens.

71

in der Philosophie des Nikolaus Cusanus hinzuweisen, noch auch
ihn etwa damit schlichten zu wollen, dass man die beiden entgegengesetzten
 Denkrichtungen verschiedenen zeitlichen Phasen
des Systems zuweist. Wir müssen, wenn anders die Kontinuität
und Einheit des Grundgedankens erhalten bleiben soll, eine logische
 Vermittlung erwarten und einen sachlichen Ausgleich fordern.
 Fragen wir zunächst, worauf die behauptete Entsprechung
zwischen dem Geiste und der absoluten Wirklichkeit beruht, so
sehen wir vor allem, dass es sich hier nicht um ein Abbilden,
nicht um eine Kopie des transscendenten Seins in irgend einem
Objekt des Bewusstseins handeln kann. Kein einzelner Begriif,
kein festes Datum der Vorstellung oder des Denkens, sondern
lediglich die Operationen und Tätigkeiten des Intellekts,
aus denen jene Einzelgebilde sich entwickeln, bilden den zutreffenden
 Vergleichspunkt. Von jedem bestimmten Inhalt des Bewusstseins
 streng gesondert und geschieden, spiegelt sich die
höchste, schöpferische Ursache dennoch in der allgemeinen
Funktion des Bewusstseins wieder: durch keine Bestimmtheit
 des Denkens zu erfassen, erweist sie dennoch ihren Zusammenhang
 mit der Einheit und dem Prinzip des Bestimmens.
Diese letzte moderne Formulierung wird man freilich bei Cusanus
 nicht suchen: der Gedanke selbst aber bildet überall die
latente Voraussetzung, unter der die widerstreitenden Sätze des
Systems sich sogleich zur Einheit zusammenschliessen. Wenn wir
nach einem Bild und Beispiel für das göttliche Sein verlangen, so
dürfen wir es — wie Cusanus selber ausführt — nicht im Bereich
des Sichtbaren, sondern lediglich im Akt des Sehens selbst
suchen.‘°) Gott ist die reine, unumschränkte Tätigkeit des Sehens,
die sich in keinem Einzelobjekt bindet; die Grundkraft des Erkennens,
 die sich in keinem ihrer Erzeugnisse begrenzt. In ihm
ist der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem
Prozess des Erkennens und seinem Gegenstande aufgehoben:
„purissimus intellectus omne intelligibile intellectum esse facit:
cum omne intelligibile in ipso intellectu sit intellectus ipse“.#)
So verhält er sich zur Welt, wie das Eine Licht zu den mannigfaltigen
 Farben, in deren jeder es als Voraussetzung enthalten ist,
ohne doch jemals in irgend einer von ihnen rein und ungebrochen
aufzugehen.*”) Unter den vielfachen und wechselnden Namen. die
        <pb n="85" />
        Nikolaus Cusanus.

Cusanus in immer erneuter Fort- und Umbildung für das absolute
 Sein prägt, ist die Bezeichnung des „Nicht-Anderen“, die er
in einer eigenen Schrift „De non aliud“ entwickelt und begründet,
besonders charakteristisch. Der sprachliche Doppelsinn dient hier
dazu, die zwiefache metaphysische Tendenz des Gottesbegriffs in
einer einzigen Formel festzuhalten und auszusprechen. „Non
aliud“: das bedeutet einmal, dass das Absolute von den empirischen
 Inhalten nicht geschieden und getrennt, sondern eben dasjenige
 ist, was ihr inneres, immanentes Sein ausmacht; auf der anderen
 Seite aber soll darin zum Ausdruck kommen, dass die
höchste Einheit nicht als „Dieses“ oder „Jenes“, nicht in der Art
eines Einzeldinges zu verstehen und zu bestimmen ist. „Gott ist in
Allem Alles und doch Nichts von Allem“ -—: in dieser Antinomie
endet Cusanus’ Metaphysik.) Aber der Widerstreit dieser beiden
Thesen lässt sich lösen und verstehen, wenn wir — wozu Cusanus
selber den Weg weist‘) — den Satz wiederum ins Gebiet des Bewusstseins
 wenden. Jeder Inhalt des Bewusstseins setzt die ursprüngliche
 Form und Einheit des Bewusstseins voraus und
kann ohne sie nicht entstehen oder gedacht werden; dennoch
stellt sich diese Form niemals vollständig und erschöpfend in
irgend einem Inhalt dar und alle Bilder und Begriffe, die wir von
der Welt der Dinge her auf sie übertragen, bedeuten ihr gegenüber
 eine falsche und unzulässige Objektivierung. Nur weil er
selbst der bestimmten, gegenständlichen Prägung, der besonderen
„forma notionalis“ entbehrt, hat der Intellekt die Kraft, sich allen
verschiedenen Gestalten zu assimilieren.®) Der „absolute Begriff“
(conceptus absolutus) ist die ideale Form alles dessen, was überhaupt
 zum Begriff gelangen kann:*) aber es wäre in der Metaphysik,
 wie in der Logik, ein Grundfehler, diese ideelle Einheit
in eine empirisch-dingliche zu verwandeln. —
Auch an diesem Punkt hat somit eine Scheidung, die in der
Richtung und ausgesprochenen Tendenz auf das Absolute durchgeführt
 wurde, mittelbar auf die Charakteristik des Geistes zurückgewirkt.
 Die vielseitige Berührung der beiden verschiedenen
Problemstellungen, die dennoch niemals zu einer vollständigen
Ausgleichung zwischen ihnen führt, zeigt sich am deutlichsten an
der tiefen und originalen Untersuchung, die Cusanus über den
Begriff und Ursprung des Wertes anstellt. Es ist eine Grundfrage
        <pb n="86" />
        1 Depgriff des Wertes.

73

der neueren Zeit, die er hier herausarbeitet und in den Mittelpunkt
 stellt. Wenn jedes Ding, sofern es ist, eben damit in sich
selber ruht und vollendet ist, wenn sein Dasein somit zugleich
einen bestimmten Grad der Vollkommenheit bezeichnet, welchen
Wert hat alsdann das Auge des Geistes, das vermöge seiner Kraft
den Wert aller Gegenstände erkennt und abgrenzt? Der Intellekt
ist es, der den Wert alles Seins, des unendlichen und des endlichen,
 kraft seines Begriffs- und Unterscheidungsvermögens bestimmt
 und festsetzt, der daher, nächst Gott, selber den höchsten
Wert darstellt. Wenn wir von ihm absehen, wenn wir die
messende Kraft der Vernunft aufgehoben denken, so ist jeder
Schätzung und damit jedem Bestand des Wertes die Grundlage
entzogen. Das ist der Vorzug und der Adel des Geistes, dass an
ihm zugleich alle Schönheit und Vollendung des Universums
hängt. Nur indem er die geistige Natur erschuf, vermochte Gott
selber seinem Werke Wert zu verleihen.”) Wenn indes der Intellekt
 der Quell und Ursprung jedes Urteils über die Dinge und
ihre Vollkommenheit ist, so ist er dennoch — und hier wendet
sich die Tendenz der Untersuchung — nicht der Grund ihrer
Wesenheit. Er erschafft nicht das Material und den Grundstoff,
aus dem die Werte sich bilden, sondern setzt es bei all seiner
vergleichenden Schätzung als gegeben voraus. Wenn Gott der
„Münzmeister“ ist, der das Gold prägt und ihm das Zeichen seiner
Geltung aufdrückt, so ist der menschliche Verstand nur der
Wechsler, der die verschiedenen Geldsorten betrachtet, gegen
einander umsetzt und abwägt.) Nicht die Kraft der Erzeugung,
sondern lediglich die der Unterscheidung ist es, die er hierin betätigt.
 So ist es zuletzt dennoch nur geprägte Münze, die die
menschliche Vernunft empfängt, die sie aber allerdings selbständig
 auf ihre Echtheit zu prüfen und zu beglaubigen hat.
Dieses Doppelverhältnis erhält eine neue Beleuchtung von
einem andersartigen Problemzusammenhang. Die höchste unbedingte
 Einheit bildet, wie Cusanus ausführt, die Grundlage
jeder Frage, die unsere Erkenntnis stellen kann. Wir können
uns immer nur die Aufgabe stellen, Verhältnisse des Seins zu ermitteln,
 wir können zweifeln, ob ihm diese oder jene Beschaffenheit
 zukomme: das Dasein als solches aber bildet die schlechthin
 notwendige Voraussetzung, von der alle Forschung ausgehen
        <pb n="87" />
        )Vikolaus Cusanus.

muss, Der Prozess des Zweifelns und Untersuchens, das „posse
quaerere‘“ ist ohne die absolute Existenz, das „posse ipsum“, nicht
möglich; jede Frage über Gott trägt somit die Gewissheit der
Existenz Gottes und damit den Keim ihrer Lösung in sich selbst. &amp;gt;)
Als Beispiel für diesen grundlegenden Zusammenhang aber weist
Cusanus auf die Wissenschaft und ihr Verfahren zurück. Wer
die Quadratur des Zirkels sucht, der muss notwendig, noch. ehe
er sie durch die Tat und das Ergebnis der Forschung belegen
kann, eine Gleichheit zwischen geradlinigen und krummlinigen
Figuren als möglich voraussetzen: der muss somit einen
reinen allgemeinen Begriff der Grösse und der Gleichheit
 in sich tragen, die er, entgegen allen widerstreitenden Indizien
der Sinnlichkeit festhält und zu Grunde legt. „Und hier eröffnet
sich uns die Lösung des Geheimnisses, dass nämlich der Forschende
das, was er sucht, voraussetzt und zugleich, sofern er es sucht,
nicht voraussetzt. Denn wer immer zu wissen begehrt,
setzt voraus, dass es eine Wissenschaft gibt, vermöge deren
der Wissende zum Wissenden wird. Wer zweifelt, der wird dazu
 bestimmt und angestachelt von dem Gedanken einer unendlichen
 Erkenntnis, die alle mögliche Wahrheit enthält und in sich
fasst‘“.5) Von neuem bewährt sich der Begriff der „docta ignorantia“ :
im Bewusstsein des Nichtwissens enthüllt sich uns der unbedingte
Massstab und das positive Ideal des Wissens. „Was in jeder Frage
vorausgesetzt wird, das ist zugleich das Licht, das uns zu dem
Gefragten hinleitet“.%) Aber dieses Licht strahlt jetzt nicht mehr
schlechthin von dem unendlichen Sein, sondern von dem Begrifl
der unendlichen Erkenntnis, von der „scientia infinita“ als der
supponierten Einheit alles Wissens aus, Und wir können bei Cusanus
 selbst die genaue Vermittlung aufzeigen, durch die sich dieser
gedankliche Uebergang vollzieht. Das Sein Gottes — so argumentieren
 die „Predigten“ — lässt sich niemals leugnen, noch durch
irgend ein Schlussverfahren erschüttern. Denn wer behauptet, dass
Gott nicht existiert, der stellt doch eben diese Behauptung als einen
wahren Satz hin; er gibt somit jedenfalls zu, dass es eine Wahrheit
 gibt, dass es also auch eine unbedingte Notwendigkeit des
Seins geben muss, die nichts weiter als eben jene Wahrheit selbst
ist und von der alles, was existiert, sein Dasein hat.?’) Es ist leicht
zu sehen, dass diese Form des ontologischen Arguments nicht zwin-
        <pb n="88" />
        Der. Begriff des. Logos.

75

gend ist: aber es enthüllt sich in ihr ein charakteristisches Motiv
der inneren Entwicklungsgeschichte des Systems. Cusanus glaubt
die Existenz Gottes erwiesen zu haben und hat doch nur den Begriff
der Wahrheit erhärtet; er glaubt eine unerschütterliche absolute
Existenz gegründet zu haben und hat in Wirklichkeit bewiesen,
dass jede Frage der Erkenntnis eine innere Gewissheit in sich
birgt. Seine Problemstellung wurzelt im Mittelalter: sein Ergebnis
aber führt ihn bis unmittelbar an die Schwelle der neuen, der
Cartesischen Philosophie.
An die griechische Philosophie, an ihre Entwicklung des
Gegensatzes des „Einen und Vielen“ knüpft Cusanus an. Den Gehalt
 der antiken Spekulation über dieses Problem hat Platon im
Philebus in klassischer Weise zusammengefasst und gedeutet. Das
ist ihm die Grundfrage, ob man solche Einheiten, wie den Menschen
 selbst, das Rind selbst, das Schöne selbst, das Gute selbst
als wahrhaft seiend anzunehmen hat: sodann aber, wie es möglich
 ist, dass sie, während sie doch stets mit sich selbst identisch
bleiben und weder Entstehen noch Vergehen zulassen, sich dennoch
 in das Werdende und Unendliche auflösen und gleichsam
zerteilen, „Denn das ist doch wohl das Unmöglichste, dass. sie,
als ein und dasselbe, zugleich in dem Einen und in dem Vielen
sind. Diese Einheit und Vielheit, nicht jene in den Sinnendingen,
ist es, die zum Grund aller Schwierigkeiten wird, wenn man sie
nicht zutreffend erklärt, dagegen zur Lösung jedes Zweifels, wenn
sie richtig bestimmt wird“. Das Auseinandergehen in den Gegensatz
 und die Rückkehr zur Einheit also ist kein willkürlich
aufgegriffenes Problem, sondern es stellt sich in ihm die grundlegende
 Eigentümlichkeit des logischen Prozesses selbst dar:
„es wird niemals aufhören, noch stammt es etwa erst von heute,
sondern es ist das unsterbliche, nie alternde Begegnis der Begriffe
 selbstin uns.“ (töv Adımv adt&amp;amp;v davatcv Tı xoi dyhpOv dos
iv piv.) Wirklich ist auch innerhalb der scholastischen Philosophie
das Interesse an dieser dialektischen Grundfrage nirgends erstorben,
 wenngleich ihr eigentlicher logischer Kern unter mannig-[achen
 dogmatischen Hüllen sich verbirgt. Auch Cusanus erfasst
das Problem in dieser Begrenzung; die Schwierigkeit im Begriffe
der Trinität, die Einheit der drei göttlichen Personen ist es, auf
der sein Blick zunächst verweilt. Hier liegt sein innerer Zu-
        <pb n="89" />
        Nikolaus Cusanus

sammenhang mit dem Mittelalter; insbesondere mit Anselm und
Scotus Erigena.®) Aber je tiefer er sich in das Dogma der Dreieinigkeit
 versenkt, umsomehr sieht er sich, zu seinem Verständnis
 und seiner Deutung, auf das Verhältnis hingewiesen, das in
unserem Bewusstsein zwischen dem Intellekt, dem intellisiblen
 Gegenstand und ihrer Einheit im Akte der Erkenntnis besteht;
 — um so energischer wendet sich die Betrachtung der
eigentümlichen und ewigen Beschaffenheit des „Logos in uns
selbst‘ zu.
Wieder zeigt sich uns die merkwürdige geistige Doppelrichtung,
 die für Cusanus und seine geschichtliche Stellung entscheidend
 ist. Sein „Rationalismus“ besteht nicht darin, die Glaubenslehre
 zu nivellieren oder umzudeuten; er geht im Gegenteil darauf
 aus, ihre Transscendenz zu behaupten und zu steigern.
Das Wagnis, das hierin liegt, darf unternommen werden: sind
wir doch sicher, dass auch die letzten und entlegensten Folgerungen
 der Gotteslehre, sofern sie Wahrheit besitzen, in Einklang
 mit der Erkenntnis und ihrem Gesetze stehen müssen.
Die Lehre von einer doppelten Wahrheit ist endgiltig überwunden:
 die Analyse des Dogmas selbst entdeckt auf seinem Grunde
ebendieselben Bestimmungen wieder, die uns in der Natur unseres
 Intellekts unmittelbar bekannt und gegeben sind. So darf
der Inhalt der Religion den gewöhnlichen Mitteln des abstrakten
„Begreifens“ entrückt werden, weil die Erkenntnis, als systematische
 Gesamtheit betrachtet, die Kraft in sich fühlt, ihn dennoch
 wieder in ihren Bann zu ziehen. Denn überall, auf welchem
Gebiete es sei, vermögen wir nur das zu denken und nur das in
Frage zu ziehen, was von gleicher Natur und gleicher Substanz
mit unserem Verstande ist. So wird der logische Gehalt, der
von der griechischen Spekulation her in die Glaubenslehre eingegangen
 war, wieder selbständig und flüssig gemacht. Aus der
Begrenzung durch die theologischen Fragen ringt sich Cusanus
wiederum zu dem allgemein giltigen Problem des Logos hindurch.
 —
In der Schrift „de visione Dei“, in der Cusanus die Grundanschauung
 seiner „mystischen Theologie“ entwickelt, wird wiederum
 das göttliche: Sein als der absolute Akt des Sehens
bestimmt und beschrieben. Die Art aber, in der diese unbedingte
        <pb n="90" />
        Geschichtliche Stellung und Fortwirkung des Systems. 77

Tätigkeit sich in konkreter Form offenbart, hängt von, dem Blick
ab, den das einzelne endliche Subjekt auf sie richtet. Das Auge
sieht, indem es sich dem Göttlichen zuwendet, in ihm nichts Anderes,
 als sich selbst und seine eigene W ahrheit. So stellt sich
dem Zornigen Gottes Bild zornig, dem F rohen freudig dar; so
blickt Gott den Jüngling mit der Art und Miene des Jünglings,
den Greis mit dem Antlitz des Greises an.®) Das unbedingte Sein
strahlt uns das eigene Wesen, das wir in den endlichen Objekten
nur geteilt und beschränkt wiedererblicken, rein und vollständig
zurück: das Absolute ist in der Art, wie es sich uns darstellt, zugleich
 das Subjektivste. Kein Wesen kann über die Schranken
seiner Gattung hinausgehen; aller geschichtliche Fortschritt der
Menschheit ist nur die immer bestimmtere und klarere Entfaltung
 dessen, was im menschlichen Geiste implicit enthalten und
vorgezeichnet ist.®) Wenn das Mittelalter das Ziel alles Wissens
in ein jenseitiges Sein verlegte, SO reift hier die Erkenntnis, dass
es nur der immanente Gehalt des Bewusstseins der Menschheit
ist, der im Fortgang der Geistesgeschichte zur Klarheit aufstrebl.
Die neuere Philosophie beginnt damit, dass sie diesen allgemeinen
Gedanken, der für die Spekulation des Nikolaus Cusanus einen
Grenzpunkt bildet, an die Spitze stellt und ihn in mannigfachen
Richtungen und Tendenzen zur Ausführung bringt.

Die nächste geschichtliche Wirkung, die die Erkenntnislehre
 des Nikolaus Cusanus ausübte, und die Art, in der sie sich
ım Bewusstsein der Zeitgenossen spiegelte, stellt sich uns am deutlichsten
 in den Schriften eines Mannes dar, der nach den ersten
Voraussetzungen seiner Philosophie noch völlig in der Scholastik
wurzelt, der aber zugleich als Mathematiker und Physiker eine
Erneuerung des empirischen Weltbildes anstrebt und damit die
Naturanschauung der Renaissance in wichtigen Hauptzügen
vorbereitet. Carolus Bovillus hat die erste entscheidende Anregung
 zu seinem logischen und naturphilosophischen System durch
die persönliche Lehre des Faber Stapulensis erhalten, der ein
eifriger Anhänger des Aristoteles, zugleich aber einer der ersten
Schüler Cusas und der Herausgeber seiner Schriften war. Die
Doppelrichtung, die seinem Denken damit gegeben war und die
        <pb n="91" />
        78

Carolus Bovillus.

ihm dauernd verblieben ist, ist hierdurch bereits bezeichnet; denn
während er auf der einen Seite an der Aristotelischen Auffassung
des Intellekts festhält und sie seiner Erkenntnislehre zugrunde
legt, sucht er andrerseits die herkömmliche Logik durch das
tiefere Prinzip der „Coincidenz der Gegensätze“ zu ergänzen und
zu befruchten. Als das Ziel der wahren Denklehre gilt ihm eine
„Ars oppositorum“, die die Beziehung der gegensätzlichen Momente,
 ihr Verhältnis und ihr schliessliches Zusammenfallen zur
Darstellung bringen soll. Alle Widersprüche, die die Natur der
Dinge uns darzubieten scheint, müssen zuletzt aus einem ursprünglichen
 und einheitlichen Akt der Entgegensetzung abgeleitet
 werden, den es in unserem Geiste zu entdecken und festzustellen
 gilt. Nicht die an sich bestehenden Gegenstände, sondern
 die Bilder und „Spezies“ in unserem Verstande sind es, bei
denen von wahrhafter Gegensätzlichkeit gesprochen werden kann.
Hier aber erweist sich der Widerstreit alsbald als ein nicht
lediglich verneinendes und aufhebendes Prinzip, sondern als ein
selbständiger Keim und unentbehrlicher Anfang. Der Begriff des
Nichts, der seinem Seinsgehalt nach das Unfruchtbarste ist, wird
zum fruchtbarsten Ursprung, wenn man ihn seinem Erkenntnisgehalt
 nach betrachtet. Denn da das Denken bei ihm, als einem
schlechthin Einzelnen nicht stehen zu bleiben vermag, da es das
„Nichts“ stets nur in der Absonderung und Unterscheidung von
„Etwas“ aufzufassen vermag, so wird es von hier aus zu immer
neuen Setzungen gedrängt und in eine fortdauernde Bewegung
hineingezogen, die erst im Gedanken des allumfassenden, abso-Iuten
 Seins ihr Ziel und ihren Ruhepunkt findet.®) So sehen
wir, wie das neue Motiv, das wir im Begriff der „docta ignorantia“
erkannten, hier weiterwirkt: das Sein des echten Begriffes wird
in seinem Werden, in den intellektuellen Betätigungen und
Operationen, die er voraussetzt, gegründet. Und wie hier Merkmale
 und Verhältnisse, die wir der äusseren Wirklichkeit zuzusprechen
 gewohnt sind, auf Bestimmungen des Denkens zurückgeleitet
 werden, so ruht allgemein die Naturauffassung und -erklärung
 auf der durchgehenden Uebereinstimmung, die zwischen
Ich und Welt angenommen wird. Der Satz der Identität von
Mikrokosmos und Makrokosmos, der von Cusanus nur gestreift
wird, erhält hier zuerst die bestimmtere Gestalt und Prägung, in
        <pb n="92" />
        Dialektik und Natur philosophie.

79

der er uns später vor allem bei Paracelsus begegnen wird. Das
Ich ist der „Spiegel des Alls“, der alle Strahlen, die von diesem
ausgehen, in sich versammelt. Alle Kräfte, die sich im Universum
 zerstreut finden, durchdringen sich in ihm zur lebendigen
Einheit und finden in ihm ihren gemeinsamen Mittelpunkt. Die
harmonische Entsprechung zwischen den Fähigkeiten und Vermögen
 der Seele und denen der äusseren Natur wird bis ins Einzelne
 durchgeführt: in den psychologischen Grundkräften des
Lebens, der Sinnesempfindung, der Einbildungskraft und der Vernunft
 findet Bovillus die Nachahmung der verschiedenen Teile
des Kosmos und ihrer gesetzlichen Struktur wieder. Die Stellung
des Menschen im Centrum der Welt, die für Bovillus noch als
zweifellose Grundtatsache feststeht, wird damit begründet, dass er
das Herz und die Seele des Alls ist, in der das allgemeine Lebensprinzip
 zu deutlichster Zusammenfassung und Erscheinung gelangt.
 In Phantastischen Analogien wird der Vergleich des Uni-VErSums
 mit einem Lebewesen entwickelt und ausgedeutet. Was
im Tiere die äussere Substanz, das ist in der Welt die Sonne; die
Bilder der Einbildungskraft entsprechen den Gestirnen, wie der
innere Sinn dem Firmament entspricht. In dem periodischen
Wechsel von Tag und Nacht stellt sich uns der Schlaf und das
Wachen des Alls dar. 62) Wir berühren diese seltsamen Gedankenspiele
 nur wegen des geschichtlichen Interesses, das sie darbieten:
es ist die Grundanschauung der Naturphilosophie der Renaissance,
 die sich hier ankündigt und vorbereitet. —
Die Erkenntnislehre des Bovillus ist auf dem Boden des
scholastischen Realismus erwachsen: sie vollzieht von Anfang
an eine strenge und unaufhebliche Trennung zwischen dem Sein,
das dem Begriff „an sich“ zukommt und der besonderen Form,
in der es sich innerhalb unseres begrenzten und abhängigen Verstandes
 darstellt. Diese Sonderung wird sodann zu einem schroffen
Dualismus der Substanzen, wie ihrer Erkenntniskräfte weitergeführt;
 wenn es dem „Intellekt der Engel“ gegeben ist, die Begrifte
 und Wesenheiten in ihrem reinen unbeweglichen Sein zu
erfassen, so ist der menschliche dazu verurteilt, sie durch ein fremdes
 Medium und vermöge eines stetigen Werdens zu erblicken.
Wie er seiner Natur nach mit der Materie verbunden ist, so
vermag auch sein Denken nur von sinnlichen Bildern
        <pb n="93" />
        7

Carolus Bovillus.

seinen Ausgang zu nehmen und bleibt bis in seine höchsten
Leistungen von dieser Vermittlung abhängig. Die Bedingtheit
durch die „Species“, die ihm an Stelle des Dinges selbst dienen
muss, ist der Ausdruck seiner.angehorenen Unwissenheit und der
natürlichen Untätigkeit, in der er ohne fremde Beihilfe verharren
müsste. Dass der menschliche Verstand die Erkenntnis aus sich
selbst und seinem eigenen Gehalt schöpfen könnte, ist unmöglich;
er ist nichts anderes als eine blosse Potenz, der erst durch einen
von aussen kommenden Akt vollendet und erfüllt werden
kann.) Wenn für den „intellectus angelicus“ Sein und Wissen
zusammenfallen und eine unmittelbare Einheit bilden, so bleiben
sie für den „intellectus humanus“ dauernd getrennt, wenn jener
die Begriffe als die ewigen Urbilder erfasst, die vor dem Sein der
Dinge vorausgehen, so vermag dieser nur ein Nachbild des gegebenen
 Seins zu gewinnen. Die Stufenfolge der Schöpfung
geht daher vom „englischen Verstande“ zu den konkreten Naturdingen
 und von diesen zum menschlichen Geiste fort: in angelico
intellecetu sunt omnia ante esse, in seipso in esse, in humano post
esse. Und zwar besitzen die.Gegenstände im Verstande der Engel
ein reines intellektuelles Sein, in ihrer eigenen Existenz ein sinnliches
 und natürliches Sein, während sie im menschlichen Denken
ein abgeleitetes, rationales Sein gewinnen.) Die Vernunftbegriffe
 sind somit durchweg Auszüge und sekundäre Ergebnisse
der sinnlich vorhandenen Wirklichkeit. „Jedes Objekt ist der
Zeit nach früher, als die Erkenntniskraft, die ihm entspricht:
 die Welt aber, die der Ort aller Dinge ist, ist das natürliche
 Objekt des menschlichen Verstandes. So wird die Gesamtheit
 aller Dinge, die sich in ihr befinden, dem Verstand von Natur
durch die Sinne bekannt gemacht, dargestellt und entgegengebracht,
 damit er von ihnen lerne und selbst zu ihnen werde“.%)
Der Satz, dass Nichts im Verstande ist, was nicht zuvor in den
Sinnen gewesen wäre, gilt somit zweifellos und unbeschränkt unter
den Bedingungen unserer Erkenntnis, wenngleich er sich, wie
wir sahen, in sein Gegenteil verkehrt, wenn man die absolute
Erkenntnisweise der höheren geistigen Substanzen zu Grunde
Jegt.%) Die Aufgabe der Erkenntnislehre ist es, den Wandel, den
das unmittelbare Sein des Gegenstandes durch seine Aufnahme in
den Intellekt erfährt, in seinen Einzelphasen zu verfolgen, die Um-
        <pb n="94" />
        de A la at

Die Entstehung der Erkenntnis,

81

formung der sinnlichen in die „intelligible Spezies“ zu beschreiben.
 „Die Bilder der Dinge, wie sie in der Welt von den Gegenständen
 entstehen, sind noch nicht intellektuell, sondern sinnlich
 und werden zunächst nur in die Sinne aufgenommen. Denn
alles, was in der Welt existiert, ist eine sinnliche Substanz; wie
aber die Substanz, so ist auch ihre Spezies und ihr natürliches
Bild beschaffen. Von den sinnlichen Substanzen der Welt gehen
somit keine anderen als sinnliche Spezies aus und bewegen sich
zu uns hin. Hier werden sie zunächst in die Sinne aufgenommen,
bis der Verstand, der sich hinter den menschlichen Eindrücken
versteckt, sie zu intellektuellen Spezies umbildet, die er durch
Läuterung der Wahrnehmung oder durch rationale Vermutungen
hervorlockt, gewinnt und abstrahiert.‘) Die „Formen“ der Dinge
verändern also ihre Natur, wenn sie aus der „grossen Welt“ in
die kleine eintreten. Das tatsächliche stoffliche Dasein, das ihnen
dort eignet, müssen sie aufgeben, um in das Bereich des Verstandes
 Einlass zu gewinnen; die sinnliche Bestimmtheit und
Konkretion, durch die sie ausgezeichnet sind, vermögen sie nur
„bis an die Thore des Geistes“ zu bewahren. Haben sie den Eingang
 der Seele einmal überschritten, so werden sie vom Intellekt
alsbald dem Gedächtnis überliefert, das Sie, als einen festen Besitz,
 jedoch in einer neuen Daseinsweise bewahrt.®%) Diese Umbildung
 geht indes streng genommen weder im Sinn, noch im
Intellekt als solchen vor sich, sondern ist ein Werk der Einbildungskraft,
 die als ein Mittleres zwischen beiden Vermögen,
an ihrer beiderseitigen Natur Anteil hat.®) Die weitere Untersuchung
 ist vor allem darauf gerichtet, diese verschiedenen seelischen
 Grundkräfte zu unterscheiden und ihre Wirksamkeit gegeneinander
 abzugrenzen. Der „Verstand“ erscheint hierbei immer
mehr als ein blosser Durchgangspunkt, als eine lediglich vermittelnde
 Potenz, vermöge deren die äussere Wirklichkeit in den
„inneren Sinn“ übergeführt wird: intellectuales species, per quas
homo omnia fit, ortum habent in mundo, transitum per
humanum intellectum, finem et statum in memoria.”)
Das Gedächtnis ist in Wahrheit der echte Mikrokosmos, der
das gesamte Sein der Aussendinge in sich aufnimmt und wiederspiegelt:
 eine Auffassung, für die sich Bovillus auf — Platons
Avanyvnoıc berufen zu dürfen slaubt. Jede Spezies wird, sobald sie
        <pb n="95" />
        Carolus Bovillus.

einmal vom Intellekt erfasst worden ist, alsbald dem Gedächtnis,
als der Vorratskammer und dem Behältnis der Bilder, zugeführt
 und muss, um wiederum zu Bewusstsein zu gelangen, aus
ilm hervorgeholt und dem Verstande dargeboten werden?!). Die
Bilder, die im Verstande auf einander folgen und sich im steten
Wechsel ablösen, erhalten erst hier festen Bestand; der Inhalt,
der dort nur als Einzelnes und mit Ausschluss jegliches anderen
erfasst werden konnte, vermag hier seine gesamte Mannigfaltigkeit
 zu bewahren, ohne dass die allumfassende Einheit des Wissens.
darüber verloren ginge. Alle „Kontemplation“ und alle Selbstbetätigung
 des Geistes muss daher aus dem Schatze schöpfen, der
hier ein für allemal aufgespeichert ist. Die Passivität des
menschlichen Verstandes stammt nicht sowohl aus seiner eigenen
Natur, als von diesem seinem notwendigen Zusammenhange mit
dem Gedächtnis her. Wie das Auge das Bild, das es erblickt, nicht
in sich selbst, sondern im Spiegel sieht, so bedarf der Intellekt,
in allen Erwägungen und Schlussfolgerungen, gleichsam ein von
ihm selbst verschiedenes, wenngleich ebenfalls seelisches Substrat,
 in dem die intelligiblen Formen der Dinge aufbehalten
und dargereicht werden.'?)
Was an dieser Lehre zunächst auffällt, das ist das eigentümliche
 und friedliche Nebeneinander eines strengen logischen Realismus
 und einer rein sensualistischen Psychologie des Erkennens.
 In beiden Punkten steht Bovillus in einem lehrreichen Gegensatz
 zu Nikolaus Cusanus: während dieser vom reinen Intellekt
und seiner Eigenart ausgeht, die selbständige Existenz des Allgemeinen
 aber bestreitet, muss er, dem die Wahrnehmung der letzte
und einzige Ursprung alles Wissens ist, den Begriff zu einer losgelösten
 Wesenheit umdeuten. Die Paradoxie, die hierin liegt,
löst sich, wenn man tiefer in die geschichtlichen Vorbedingungen
 seiner Lehre eindringt. Die beiden Momente, die zunächst
 als gegensätzlich erscheinen, erweisen sich sodann als
korrelative und zusammengehörige Teilausdrücke derselben philosophischen
 Grundansicht. Es ist der Widerspruch im Aristotelischen
 Substanzbegriff, der hier in besonders deutlicher
Weise zu Tage tritt. Wenn auf der einen Seite das Einzelding
 die wahre Substanz bedeutet, wenn somit der Sinn,
der das Wirkliche in seiner durchgängigen Bestimmtheit erfasst,
        <pb n="96" />
        Der Widerspruch im Aristotelischen Formbegriff.

83

uns zugleich sein vollständiges letztes Sein zu enthüllen scheint,
so wird auf der anderen Seite der Erkenntnis die Aufgabe gestellt,
von den mannigfachen zufälligen Bestimmungen und Accidentien,
mit denen die Wahrnehmung behaftet bleibt, abzusehen, um zu
den „reinen allgemeinen Formen“ als der inneren substantiellen
Wesenheit der Dinge vorzudringen (vgl. ob. S. 46 f.). Der Speciesbegriff,
 der aus dem Aristotelischen Formbegriff fliesst, ist daher
von Anfang an mit einer inneren Zweideutigkeit behaftet, die die
endlosen und verwickelten logischen Kämpfe der Scholastik erklärt.)
 Der neueren Zeit ist das Allgemeine nicht ein Gegenständliches
 und Aeusseres, sondern eine ursprüngliche Leistung
und ein notwendiges Produkt des Intellekts. Man begreift es, dass
Nikolaus Cusanus unter diesem Gesichtspunkt selbst den Ausdruck
des „Prinzips“, der ebensowohl den Anfang des Seins, wie den
des Erkennens bedeuten kann, zurechtrückt: mathematicalia et
aumeri, qui ex nostra mente procedunt et sunt modo, quo nos
concipimus, non sunt substantiae aut principia rerum sensibilium
. . sed tantum. entium rationis, quorum nos sumus conditores. **)
(Vgl. ob. S. 66.) Liegt hierin eine Einschränkung der Bedeutung
der reinen Begriffe, so ist doch andererseits dies erreicht, dass die
Bürgschaft und die Verantwortung für sie dem menschlichen
Denken zugewiesen wird, während sie im System des Bovillus
im — „Verstande der Engel“ gesucht werden muss.
Wenn somit die allgemeine Grundlegung der Erkenntnis
hier noch überall auf mittelalterliche Vorbilder zurückgeht, so
zeigt doch die Durchführung an einzelnen Stellen charakteristische
 neue Züge, die das herkömmliche Schema durchbrechen
und die Nachwirkung der Cusanischen Gedanken bekunden. Während
 es zunächst als der ursprüngliche innereMangel des menschlichen
 Intellekts erscheint, dass er sich den Wesenheiten, die den
höheren geistigen Naturen als fertiger und unbeweglicher Besitz
gegeben sind, nur allmählich und vermöge einer fortschreitenden
Bewegung des Denkens anzunähern vermag, so wandelt sich
allmählich die Schätzung und Wertbetrachtung. Das Werden
des Geistes, die Tätigkeit, durch welche er die „Formen“, die er
potentiell in sich trägt, in die Wirklichkeit des Gedankens überführt,
 gilt jetzt als.die auszeichnende Eigentümlichkeit, die ihn —
äber alle anderen Mittel- und Zwischenstufen hinweg — unmittel-
        <pb n="97" />
        Carolus Bovillus.

bar der göttlichen Natur nähert. Wie der göttliche Geist der
Schöpfer aller substantiellen Formen, so ist der menschliche
der Bildner und Werkmeister aller seiner Begriffe und Gedanken.’)
 So gewinnt er, der sich zunächst dem äusseren Eindruck
 gegenüber rein aufnehmend verhalten sollte, das Bewusstsein
 und die Kraft der Selbsttätigkeit zurück. Nicht seine
eigene Natur, sondern die Bedingtheit, in die ihn das Gedächtnis
 verstrickt, ist, wie wir sahen, der Grund seines passiven Verhaltens
 im menschlichen Erkenntnisprozess. An sich dagegen
bleibt er von dieser Einschränkung unberührt: „omnis intellectus,
ut hujusmodi, dradkc 1. €. impassibilis est.“76) Dieser allgemeine
ontologische Grundsatz wird auch hier, wie bei Cusanus, allmählich
 für die Erkenntnis innerhalb der Erfahrung und der Sinnenwelt
 fruchtbar gemacht. Wie der „äussere Sinn“ den inneren bewegt
 und anreizt, so muss andererseits, damit Erkenntnis zustande
kommt, eine Bewegung in entgegengesetzter Richtung dem Eindruck
 der Objekte entgegenkommen. Der Intellekt selbst ist es,
der, um zu seiner eigenen Vollendung und Reife zu gelangen,
die Sinne herbeiruft, erregt und antreibt und der sie damit
zuerst befähigt, das Bild des äusseren Seins in sich aufzunehmen.
So beweist er sich zugleich als Triebkraft und als Endziel alles
Erkennens””) (s. ob. S. 60 ff.). „Da die grosse Welt in ihrer Gesamtheit
 nur um der kleinen willen besteht, so ist sie ihr beständig
gegenwärtig, geht in sie ein und schliesst sich mit ihr, wie das
Mittel mit dem Zweck, zusammen. Denn alles Streben der grossen
Welt zielt darauf ab, geraden Weges in die kleine einzuströmen
und sie kraft der Bilder, die sie in ihr erzeugt, mit ihrer ganzen
Substanz zu erfüllen. Denn der grossen Welt wohnt keine
Kraft inne, vermöge deren sie sich zurückwenden, in
sich selber umkehren, sich gegenwärtig sein und sich
anschauen könnte, da sie nicht als Selbstzweck, sondern um
eines Anderen willen besteht, dem sie sich ganz hingibt und einpflanzt.
 Die kleinere Welt dagegen ist vermöge einer Art von
äusserem Sinn der grösseren stets gegenwärtig und vermag sie,
indem sie aus sich selbst heraustritt, zu erhellen und zu durchleuchten.
 Indem sie sodann aber kraft des inneren Sinnes wieder
 auf sich zurückgeht, ist sie, unbekümmert um die Welt
draussen, sich selbst gegenwärtig und spiegelt das Universum.
        <pb n="98" />
        Makrokosmos und Mikrokosmos,

85

vermöge der Bilder, die sie von ihm bewahrt hat, in ihrem eigenen
Sein zurück.“1) Die beiden Wege, die Cusanus scharf unterschieden
 hatte: der Weg von den Dingen zu den Vernunftbegriffen,
die indes blosse „Konjekturen‘“ bleiben müssen, und der andere
von den ursprünglichen und notwendigen Prinzipien der Erkenntnis
 zu den komplexen Folgerungen treten uns somit auch hier
entgegen; während indes bei Cusanus zwischen ihnen ein festes
logisches Verhältnis und eine feste Wertordnung stattfand,
bleibt es jetzt bei einem blossen Nebeneinander. Die beiden
Zweige und Richtungen des Denkens, die damit entstehen, lassen
sich fortan auch geschichtlich gesondert verfolgen: während der
erste Ansatz vor allem in der Erkenntnislehre des Telesio und
der italienischen Naturphilosophie weitergeführt wird, hat erst
die moderne Mathematik und Naturwissenschaft die zweite.
tiefere Grundtendenz begriffen und wiedergewonnen.
        <pb n="99" />
        Zweites Kapitel.

Der Humanismus und der Kampf der
Platonischen und Aristotelischen Philosophie.

Der unvergleichliche Reiz, den die kulturgeschichtliche Betrachtung
 der italienischen Renaissance immer von neuem
darbietet, beruht auf der Einheit und. durchgehenden Uebereinstimmung,
 die hier zwischen der innerlichen gedanklichen Entwicklung
 und zwischen den mannigfachen Formen und Gestaltungen
 des äusseren Lebens besteht. Der neue Inhalt erschaftt sich alsbald
 die eigene, ihm angemessene Form und stellt sich in sichtbaren,
festen Umrissen nach aussen hin dar. Die geistigen Bewegungen
bleiben nicht abstrakt und losgelöst, sie greifen überall unmittelbar
in die Wirklichkeit über und durchdringen sie bis in ihre letzten
und scheinbar entlegensten Betätigungen. Im Mittelalter sind die
verschiedenen Richtungen des geistigen Schaffens, sind Wissenschaft
 und Kunst, Metaphysik und Geschichte zwar geeint, zugleich
aber durch die gemeinsame und ausschliessliche Beziehung auf das
religiöse Interesse gebunden. Jetzt treten sie gesondert und selbständig
 hervor und gewinnen ihr eigenes Fundament und ihren
eigenen Mittelpunkt. Das Eigentümliche aber besteht darin, dass
all diese Gebilde, so unabhängig sie ihrem Ursprung nach sind,
sich dennoch alsbald zur Einheit eines gemeinsamen Zieles zusammenschliessen.
 Die Ergebnisse der Gedankenentwicklung gehen
nicht in eine allgemeine theoretische Formel, wohl aber in eine
einheitliche konkrete Lebensordnung ein. Die Ueberwindung des
alten Lehrsystems bezeugt sich unmittelbar in einem neuen Ideal
        <pb n="100" />
        Die Philosophie in der Kultur der Renaissance.

R7

individueller und gemeinschaftlicher Lebensführung. Der Humanismus
 bleibt keine vereinzelte Erscheinung, keine blosse Phase
in der Geschichte der Gelehrsamkeit: die Behauptung der Selbstgenügsamkeit
 der weltlichen Bildung erschafft zugleich einen neuen
Stand und hebt damit die gesamte soziale Gliederung des Mittelalters
 auf. Bis in die Gestaltung des politischen Lebens, bis in
die äusseren Formen der Geselligkeit hinein wirken nunmehr
die neuen Tendenzen der Zeit. Es gibt keine andere Kulturepoche,
in der die theoretische Bildung die gleiche, unumschränkte
Herrschaft ausübte, in der sie alle anderen Faktoren und Mächte
im gleichen Sinne bestimmte, wie hier.
In dieser geistigen Gesamtbewegung scheint indes die Philosophie
 nur eine untergeordnete und beschränkte Wirksamkeit
zu entfalten. Die ersten Jahrhunderte der Renaissance gehen fast
völlig in der Aneignung der antiken Systeme auf, die nicht einmal
 sogleich nach ihrem vollen Gehalt ergriffen und verstanden
werden. Bis in das siebzehnte Jahrhundert, bis zu den Zeiten
Descartes’ hin, fehlt es hier an einer selbständigen Grundlegung.
In Jacob Burckhardts Darstellung, die das Gesamtbild der
Renaissance in seinen konkreten und einzelnen Zügen erst wieder
lebendig gemacht hat, treten daher in der Tat die philosophischen
Bestrebungen und Leistungen gänzlich in den Hintergrund. Während
 sie überall sonst die Zusammenfassung und den eigentlichen
Maassstab des gedanklichen Fortschritts einer Epoche darstellen,
stehen sie hier wie ausserhalb des gemeinsamen Zusammenhangs.
Nirgends erscheint auf den ersten Blick eine erkennbare Einheit,
nirgends ein fester Mittelpunkt, um den sich die verschiedenen
Bewegungen ordnen. Die gewöhnlichen Merkmale und Formeln,
mit denen man den Charakter der Renaissance zu bezeichnen pflegt,
versagen, wenn man sich unbefangen der Betrachtung der einzelnen
 philosophischen Strömungen und ihrer Mannigfaltigkeit
überlässt. Wenn überall sonst das Streben der Zeit auf eine reine
und unabhängige Erfassung der immanenten Wirklichkeit geht,
wenn sie die Politik wie die Moral, die Geschichte wie die Wissenschaft
 der äusseren Welt auf „natürliche“ Prinzipien zu gründen
und jede Berufung auf transscendente Kräfte und Autoritäten fernzuhalten
 sucht, so gelangt dieser Zug in ihrer Philosophie keineswegs
 sogleich zum reinen und eindeutigen Ausdruck. Die Vor-
        <pb n="101" />
        Der Humanismus,

herrschaft des Neuplatonismus allein genügt, um zu zeigen, wie
sehr das Denken hier zugleich dahin drängt, alles empirische und
bedingte Sein zu verlassen und zu überfliegen: und bis weit in
das Cinquecento, bis in die Lehre Giordano Brunos hinein,
wirkt dieser Widerstreit der gedanklichen Motive nach. Wenn
auf der einen Seite der Anspruch der Erfahrung immer deutlicher
 empfunden und befriedigt wird, wenn Reisen und Entdekkungen
 den Blick immer mehr auf das neue empirische Material
'enken, das der Sichtung und Bearbeitung harrt, so regt sich anderseits
 der losgelöste aesthetisch-spekulative Grundtrieb niemals.
kräftiger als jetzt. Das Bild der Wirklichkeit, das die italienische
Naturphilosophie entwirft, die in ihrer Erkenntnislehre von der
Wahrnehmung als dem einzig giltigen Zeugen ausgeht, ist noch
ganz durchsetzt mit den Gestalten der Phantasie und des Aberglaubens.
 Und die philosophische Grundlegung der Geisteswissenschaften
 vollzieht sich unter demselben Gegensalz: während man
einerseits gelernt hat, die Geschichte als Methode zur Entdeckung
der geistigen Wirklichkeit zu brauchen, während man die historische
 Kritik auf die Berichte der römischen Geschichtschreiber,
wie auf die Entstehung des kirchlichen Dogmas anwendet, findet
sich auf der anderen Seite eine historische Naivetät, die in einem
untergeschobenen Schriftwerk das Zeugnis uralter Weisheit sicht
und die alle Religion und alle Sittlichkeit aus einer fortgesetzten
 und lückenlosen Tradition oftenbarter Wahrheiten abzuleiten
 sucht. Wie die eindringende und exakte Beobachtung der
Naturerscheinungen für die Magie, so wird die philologische
Forschung für die Cabbalistik dienstbar gemacht.
Man ist vor dieser bunten und widersprechenden Fülle der
Meinungen an der philosophischen Grundbedeutung der Renaissance
 selbst irre geworden: Renan z. B. hat ausgesprochen,
dass sie eine lediglich literarische, nicht eine philosophische
Bewegung bilde.) Die Scholastik unserer Tage stützt sich auf
solche Urteile, indem sie gegenüber der Vielgestaltigkeit der Renaissancephilosophie
 auf die strenge und einheitliche Fügung des
mittelalterlichen Systems als Muster und Vorbild zurückweist.?)
Gerade dieser Vergleich aber ist es, der uns den Sinn und den
Wert des gedanklichen Kampfes, der sich hier abspielt, begreifen
und ermessen lehrt. Die Einheit der verschiedenen Rich-
        <pb n="102" />
        „Erneuerung des Erkenntnisproblems.

89

tungen liegt in der neuen Stellung die sie zum Erkenntnisproblem
 einnehmen, und in dem Beitrag, den sie zu
seiner Lösung enthalten. Sobald man diesen Gesichtspunkt
der Beurteilung festhält, schält sich sogleich ein dauernder Kern
und ein fester Gehalt der mannigfachen philosophischen Bestrebungen
 heraus. Alle Gegensätze der Zeit — mag man sie nun unter
dem Widerstreit von Erfahrung und Denken, von Immanenz und
Transscendenz, von Platonismus und Aristotelismus begreifen —
streben an diesem einen Punkte, wie sich uns deutlich zeigen
wird, einem gemeinschaftlichen Ziele zu. Dieser Satz erscheint
freilich paradox: denn von einer systematischen Zergliederung
und Kritik der Erkenntnis kann auf dieser Stufe noch nirgends
die Rede sein. Wo immer die Forschung sich auf die Natur und
die Bedingungen des Erkennens richtet, da geschieht es noch
durchweg im Zusammenhang und in der Verquickung mit metaphysisch-psychologischen
 Fragen. Der Begriff der Seele und das
Problem ihrer individuellen Fortdauer bildet überall die Voraussetzung
 der Fragestellung. Wenn indes die Reflexion über die
Prinzipien der Erkenntnis hier noch nicht, wie in den selbstständigen
 Anfängen der neueren Philosophie, zum eigentlichen
und bewussten Motiv geworden ist, so spiegelt sich doch jede
einzelne Phase des Fortschritts mittelbar in dieser Grundfrage
wieder. Sie bildet noch nicht die reale Triebkraft, die die verschiedenen
 systematischen Bildungen erzeugt, wohl aber den gedanklichen
 Orientierungspunkt, von dem aus wir ihr Verhältnis
und ihre Zusammengehörigkeit überschauen können.
Versuchen wir diesen Zusammenhang, bevor wir ihm im
Einzelnen nachgehen, in vorläufigen und allgemeinen Umrissen
festzuhalten, so tritt uns zunächst ein negatives Moment entgegen.
 Es ist der Kampf gegen die „substantielle Form“,
der für die Renaissance vor allem charakteristisch ist. Der Humanismus,
 wie die neue Naturwissenschaft, die Rhetorik und Grammatik,
 wie die Logik und Psychologie vereinigen sich in diesem
Grundbestreben. Nicht auf allen Gebieten vermag die neue Anschauung,
 die jetzt entsteht, sich gleichmässig durchzusetzen;
nicht überall hält der Fortgang gleichen Schritt. Es ist die moderne
 Physik, die zuerst den Schritt vom Sein zur Tätigkeit,
vom Substanzbeeriff zum Funktionsbegriff vollzieht,
        <pb n="103" />
        Der Humanismus.

während der entsprechende Uebergang in der Behandlung der
Phaenomene des Seelenlebens weit langsamer vor sich geht. Trotz
der mannigfachen Schranken und Hemmnisse indess, die dieser
Entwicklung gesetzt sind, ist es zuletzt dennoch ein neuer Begriff
des Bewusstseins, der sich als positiver Ertrag der verschiedenartigen
 kritischen Bestrebungen ergibt und befestigt. Freilich verlangt
 dieser Begriff selbst, um in seiner unterscheidenden Leistung
und Bedeutung verstanden zu werden, eine nähere Bestimmung und
Ergänzung. Man pflegt in der Auffassung des Individuums und
in der neuen Stellung und Wertschätzung, die es gewinnt, die
eigentliche Grenzscheide zu sehen, die die Renaissance vom Mittelalter
 trennt. „Nichts durchdringt und bezeichnet das christliche
Mittelalter — so urteilt ein hervorragender Historiker des Humanismus
 — so entschieden, als der korporative Zug. Nach dem
Chaos der Völkerwanderung krystallisierte sich gleichsam die erneuerte
 Menschheit in Gruppen, Ordnungen, Systeme. Hierarchie
und Feudalismus waren nur die grössten Formationen. Selbst das
wissenschaftliche Leben ... fügte sich dem allgemeinen Hange:
es schoss, wie gefrierendes Wasser, nach gewissen Mittelpunkten
zusammen, und von diesen gingen dann die Strahlen wieder nach
allen Seiten aus. Zu keiner Zeit haben solche Massen so gleich
gelebt und gehandelt, ja gedacht und empfunden. Wenn grossartige
 Menschen hervorragen, so erscheinen sie nur als Repräsentanten
 des Systems, in dessen Mitte sie stehen, nur als die
ersten unter ihresgleichen, ganz so wie die Häupter des Lehensstaates
 und der Kirche. Ihre Grösse und Macht hängt nicht von
den Zufälligkeiten und Eigenheiten ihrer Person, sondern davon
ab, dass sie mit Energie den idee!len Kern ihres Systems vertreten
und sich selber dabei aufopfernd verleugnen... Die Vorkämpfer
der Menschheit sind nicht Individuen, welche die Masse geistig
beherrschen, sondern Stände und Körperschaften, die dem Individuum
 nur wie einer Standarte folgen“.®) So zutreffend hier der
allgemeine Durchschnittscharakter mittelalterlichen Lebens bezeichnet
 wird, so werden doch damit die tieferen geistigen Strömungen,
 die in ihm wirksam bleiben und die insbesondere in
der Mystik zum Ausdruck drängen, nicht getroffen. .Die Konzentration
 auf das religiöse Problem erzeugt hier eine Innerlichkeit
 und eine Vertiefung in individuelle psychische Zustände und
        <pb n="104" />
        Individuum und Natur.

91

Stimmungen, die der Renaissance kaum nachsteht. Es sind vor
allem die Bekenntnisse Augustins, die nach dieser Richtung hin
auch für die neuere Zeit das Vorbild bilden und an die Petrarca
ın seiner lebendigsten und wirksamsten Schrift, in dem Dialog
„Von dem geheimen Kampf seiner Herzenssorgen“, mit bewusster
Nachbildung anknüpft. Ja darüber hinaus bleibt sogar der Platonismus
 der neueren Zeit, wie er in der Florentinischen Akademie
 hervortritt, in seinen Anfängen noch durchweg an den
Augustinismus geknüpft und in ihn gleichsam eingeschmolzen.
Es ist somit nicht sowohl die Entdeckung des „Ich“, die hier
für die Renaissance kennzeichnend ist, als vielmehr der Umstand
dass sie einen Tatbestand und Gehalt, der dem Mittelalter nur
innerhalb seiner religiösen Psychologie gegeben war, von diesem
Zusammenhang ablöst und selbständig herausstellt.‘) In einer
solchen Uebertragung und Uebersetzung eines fertigen Inhalts in
eine andere Sphäre aber liegt für sich allein nicht die entscheidende
 und schöpferische Leistung der neueren Zeit. Zu positiver
Erfüllung und Gestaltung gelangt dies neue Selhbstbewusstsein ersi
an dem empirischen Naturbewusstsein. Wenn Augustin den Begriff
 des Ich als einziges und sicheres Fundament alles Wissens entdeckt,
 wenn ihm das Objekt zur „Erscheinung“ des Bewusstseins
wird, so wird in diesem Gedanken bei ihm nur der Vorrang der
Willens- und Gefühlssphäre über alle Daten der Wahrnehmung
 und alle Tatsachen der gegenständlichen Erkenntnis festgehalten.
 Die räumliche und zeitliche Ordnung der Dinge muss
dahinschwinden, damit wir die Eigenart und den Eigenwert der
Seele verstehen und fassen lernen. In der neueren Zeit dagegen
sind es vielmehr die ohjektiven Phaenomene, die zuerst den
Blick auf sich ziehen und die die Betrachtung an sich fesseln.
Die Natur. musste erst als fester, unabhängiger Bestand, als
selbständige Ordnung und Gesetzlichkeit begriffen und aller Abhängigkeit
 vom seelischen Innenleben entrückt sein, ehe der Gedanke
 des Ich in seiner neuen Bedeutung sich durchsetzen konnte.
Der Platonismus enthält in seiner echten und legitimen Gestalt,
die der Renaissance allmählich zugänglich wird, bereits beide
Momente in untrennbarer Wechselbeziehung: bei Kepler vor
allem lässt sich verfolgen, wie sich ihm erst in der reinen Anschauung
 der Harmonie des Kosmos die Harmonie der „Seele“
        <pb n="105" />
        Der Humanismus,

erschliesst. Auch die aesthetische Auffassung und Erhöhung der
Wirklichkeit führt zum selben Ziel: die Beseelung der Natur
durch die Kunst bleibt doch von allen sentimentalen und romantischen
 Zügen, von aller direkten Hineindeutung individueller
Stimmungen und Empfindungen in das unmittelbare Weltbild frei.
Es ist im Gegenteil die reine objektive Erfassung und Betrachtung
der Wirklichkeit, die dadurch ermöglicht und gefördert wird. Leonardo
 da Vinci ist das Vorbild und der Meister dieses reinen
gegenständlichen Denkens und Anschauens, das alle Gebiete des
Geistes gleichmässig umfasst und durchdringt. Dass aus dieser
Hinwendung auf das Objektive, aus diesem Aufgehen im Naturgegenstand,
 auch philosophische Fragen und Schwierigkeiten entstehen,
 lässt sich begreifen. In der Naturphilosophie der Renaissance
 gelangt der Begriff des Bewusstseins noch nicht zu
reiner Entdeckung und Heraushebung. Das Ich und seine Funktion
 kann auf dieser Stufe nur wie ein besonderer Gegenstand
gedacht und beschrieben werden: es ist in das objektive Dasein
aufgelöst und in ihm gleichsam erloschen. Dennoch bezeichnet
eben diese vorläufige Schranke die Richtung, die der Gedanke von
nun ab einzuhalten hat. Was Cusanus systematisch gefordert hatte:
die Zurückziehung und Rückgewinnung des „reinen Intellekts“ aus
dem Stoffe der sinnlichen Eindrücke selbst: das bildet nunmehr
auch die historische Aufgabe. Aus diesem Zusammenhang mit den
Zielen der empirischen Forschung gewinnt der neue Ichbegriff
seinen Halt und das Korrelat, das ihn vom Mittelalter und von der
Mystik scheidet. —

Die Erneuerung der Platonischen Philosophie.
Den Kampf zwischen Platon und Aristoteles nach seinem ganzen
 Umfang und nach der ganzen Tiefe der begrifflichen Gegensätze
schildern, heisst die Geschichte des modernen Denkens schreiben.
Bis weit in die originalsten Leistungen der neueren Philosophie
hinein bleibt dieser Widerstreit bestimmend und herrschend. Und
nicht nur die grossen philosophischen Systeme werden unter die-
        <pb n="106" />
        Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. 93

sem Gesichtspunkt erschaffen; auch die exakte wissenschaftliche
Forschung kann sich nicht herausbilden und konstituieren, ohne
mit jedem einzelnen Schritte mittelbar zugleich in die Fragen, die
hier verborgen liegen, einzugreifen. Der Aufbau von Galileis und
Keplers Wissenschaft wird im Einzelnen erst verständlich, wenn
man ihn innerhalb dieser geschichtlichen Gesamtbewegung betrachtet.
 Blickt man auf diese grossen Zusammenhänge voraus,
So muss die erste Einführung der Platonischen Philosophie im
Abendlande, so muss ihr Beginn dürftig und kümmerlich erscheinen.
 Die eigentliche Grundfrage des Platonismus ist hier
noch nicht Jebendig geworden: die Betrachtung verweilt bei dem
Aussenwerk und bei den schimmernden Hüllen, mit denen Neuplatonismus
 und Mittelalter den Kern und Gehalt der Ideenlehre
umwoben hatten. Selbst im Streit gegen das mittelalterliche
System bleibt somit die Abhängigkeit von ihm noch deutlich erkennbar.
 In der Tat handelt es sich jetzt noch nicht darum, sich
Platon in seiner ursprünglichen und wahrhaften Gestalt anzueignen:
 bevor dies geschehen konnte, musste erst ein vorbereitender
 Schritt getan und diejenigen Elemente des Platonismus,
die in die christliche Lehre eingegangen und mit ihr verschmolzen
waren, herausgelöst und in ihrem Eigenwert begriffen werden.
Unter diesem Gesichtspunkte lassen sich die philosophischen Ziele
und Bewegungen des Quattrocento einheitlich verstehen und zusammenfassen.
 Wenn Marsilius Ficinus, in voller subjektiver
Aufrichtigkeit, seine Aufgabe darin sicht, die Lehre Platons mit
der geoffenbarten Religion zu einigen und zu versöhnen, so geschieht
 es, weil er die Religion selbst nur noch im Lichte des
Platonismus zu erblicken, weil er in ihr nichts anderes als die
Logos-Lehre zu sehen vermag. Das Christentum vermochte sich,
in den ersten Jahrhunderten seiner Entwicklung, nicht anders
zum theoretischen System zu gestalten und zu verdichten, als
indem es diese Grumdlehre der griechischen Spekulation in sich
aufnahm. Damit aber waren die antike Philosophie und Wissenschaft
 in ihm selbst mittelbar anerkannt, wenngleich sie nur
als Mittel zur Deutung der Offenbarungslehre gebraucht und geduldet
 wurden. Der erste Schritt der neueren Zeit besteht darin,
diese Schranke aufzuheben; die Lehre vom „Logos“ nicht nur
als Instrument der Theologie zu verwenden, sondern sie ihrem
        <pb n="107" />
        Die Erneuerung der Platonischen Philosophie,

vollen Sinn und Gehalt nach wiederherzustellen. Bei Nikolaus.
Cusanus bereits haben wir dieses Streben und diese Wendung
verfolgen können (s. ob. S. 75 ff). In diesem Zusammenhange erklärt
 sich uns die Stellung der Denker dieser Epoche zur Kirche,
die sonst so zweideutig und schillernd erscheint. Während man
sich äusserlich noch in voller inhaltlicher Uehereinstimmung mit
der Glaubenslehre zu befinden scheint, ergreift man in ihr in
Wahrheit doch nur dasjenige Moment, das aus der Philosophie
und aus dem Hellenentum stammt. Der Begriff des Logos bildet
nunmehr sowohl die Verknüpfung, wie die Grenzscheide der
Zeitalter.
Bei Georgios Gemistos Plethon, dem ersten entschiedenen
Verkünder der Platonischen Lehre, ist es dies letztere Moment,
ist es der Gegensatz gegen das überlieferte theologische System,
der deutlich in den Vordergrund tritt. Wenn er Aristoteles bekämpft,
 so nimmt er seine Naturlehre ausdrücklich aus. Nur
seine Metaphysik und Theologie ist es, die er treffen will, — in
der er vielmehr die kirchliche Scholastik seiner Zeit zu treffen
gedenkt. Nicht um einen Kampf abstrakter philosophischer
Lehren handelt es sich hier, sondern um den Kulturgegensatz
zwischen Hellenismus und christlichem Mittelalter. Erst hieraus
erklärt sich die unmittelbare und umfassende Einwirkung, die
Plethons Lehren bei ihrem ersten Auftreten im Abendlande ausüben
 mussten, das bereits durch eine Generation der bedeutendsten
 Humanisten für seinen Grundgedanken und seine Grundstimmung
 vorgebildet war. Wie Aristoteles die griechische
Sprache nicht mehr in ihrer ganzen Reinheit und Fülle widerspiegelt,
 so erscheint bei ihm — wie ihm von Plethon vorgeworfen
 wird — auch das antike Lebensideal bereits verkümmert
und gebrochen. Die sittliche Erneuerung, die Plethon für den
Staat und die Kirche seiner Zeit verlangt, und die im Mittelpunkt
all seiner philosophischen Bestrebungen steht, muss sich von der
Aristotelischen Autorität befreien, um zu den echten Quellen der
selbständigen und humanen Ethik zurückzukehren. Den asketisch-mönchischen
 Geboten tritt jetzt eine weltliche „Tugendlehre“,
;lem Dualismus des Jenseitsglaubens tritt der antike Glaube an
eine fortdauernde Wanderung und Umgestaltung der Seele entgegen.
 Es sind die Götter Griechenlands, die zum Kampf gegen.
        <pb n="108" />
        Georgios Gemistos Plethon.

95

das mittelalterliche Ideal heraufgerufen werden und die vor allem
der politischen Regeneration, für die Plethon in seiner Schrift
über die Gesetze eintritt, dienen sollen. Die Ideenlehre wandelt
sich in eine polytheistische Götterlehre. Die mannigfachen Kräfte,
die Plethon zum Aufbau seiner Naturansicht braucht, werden zu
persönlichen Einzelwesen hypostasiert und mit einem besonderen
Götternamen belegt.) In der Spekulation über die hierarchische
Stellung und Rangordnung dieser Kräfte, die vor allem auf Proklus
 zurückgeht, werden sodann Philosophie und Mythos so
unlöslich mit einander verknüpft und vermischt, dass jede Trennung
 zwischen beiden, jede Heraushebung eines gesonderten, abstrakten
 Gedankengehalts vergeblich wäre. So interessant daher
Plethons Lehre vom Standpunkt der allgemeinen Kulturgeschichte
 ist, so wenig bedeutet sie für das innerliche, logische
Verständnis des Platonismus. Mehr und mehr lenkt die Betrachtung
 von der eigentlichen Hauptfrage ab: während bei Plethon
die Ideenlehre wenigstens unter dem allgemeinen mittelalterlichen
 Gesichtspunkt der Realität der „Universalien‘“ erörtert und
gegen Aristoteles verteidigt wird, tritt sie bei seinem nächsten
Schüler, dem Cardinal Bessarion, bereits völlig in den Hintergrund:
 sie wird nur im Zusammenhange der metaphysischen
Grundfrage, ob die Natur nach bewusster Absicht handle, erörtert,
um alsbald als „höchst dunkeles und schwieriges Problem“ zur
Seite geschoben zu werden.‘)
Auch die tiefere und eindringende Kenntnis der Platonischen
 Schriften, die innerhalb der Florentinischen Akademie
gewonnen wird, führt hier nicht sogleich zu einer entscheidenden
 inneren Umgestaltung. Zwar besteht zwischen Plethon und
Marsilius Ficinus, der Persönlichkeit wie der Grundabsicht
ihrer Lehre nach, ein durchgreifender und charakteristischer Unterschied.
 Wenn bei Ficin der Blick weiter und freier geworden
ist, wenn die geschichtlichen Quellen nunmehr ihrem ganzen Umlang
 nach übersehen und durchforscht werden, so hat sich doch
auch die reformatorische Schärfe, die den Anfängen des Platonismus
 eignete, hier bereits merklich abgestumpft. Die Platonische
Lehre soll zum Mittel- und Einheitspunkt werden, in dem alle
widerstreitenden Tendenzen der Zeit sich zusammen{inden. Relieion
 und Philosophie, Metaphysik und Wissenschaft, die über-
        <pb n="109" />
        96

Die Erneuerung der Platonischen Philosophie,

all sonst ein einseitiges und losgelöstes Sonderdasein führen, sind
in ihr unmittelbar verschmolzen und versöhnt. Die christliche
Lehre ist hier ihrem allgemeinsten Gehalt und Sinne nach vorgebildet
 und zum reinen Ausdruck gebracht; der Inhalt der vorangegangenen
 grossen Systeme des Altertums ist bewahrt und zu
begrifflicher Klarheit erhöht. Die Verschiedenheit der Lehrmeinungen
 entstammt nur der mannigfachen Auslegung der Einen göttlichen
 Grundoffenbarung, die aller Geschichte der Philosophie und
Religion vorausgeht und zugrunde liegt. So werden denn auch die
Wandlungen und inneren Umbildungen, die die Platonische Lehre
selbst erfahren hat, gleichmässig hingenommen und als Stufen
einer stetigen und gleichartigen Gedankenentwicklung ausgedeulet.
 In der Werkstatt des Plotin, des Porphyrius, Jamblichus und
Proklus erst wurde das Gold der Platonischen Philosophie — wie
Ficin in einem Briefe an Bessarion ausspricht — im Feuer der
schärfsten Kritik geläutert und von allen Schlacken befreit, sodass
 sein Glanz nunmehr den Erdkreis erfüllte.’) Mit dieser Anerkennung
 wird für all die verschiedenen mystischen Neben- und
Unterströmungen des Platonismus freier Raum geschaffen. Die
Ideenlehre wird nunmehr nur wie durch ein fremdes Medium
hindurch erblickt und verstanden. Leibniz hat den innersten
Mangel der Lehre Ficins bezeichnet, wenn er ihr vorwirft, dass
sie sich vor allem auf die „hyperbolischen“ und transscendenten
Fragen geworfen habe, statt die echten methodischen Fundamente:
 die exakten Definitionen, die Platon von den Grundbegriffen
 gibt, weiter zu verfolgen.) Wir sahen bereits bei Plethon,
 dass die Reform der Metaphysik, auf die er ausging, die
Aristotelischen Grundlagen der Wissenschaft und der empirischen
 Forschung unberührt liess. Diese Schranke ist auch
hier noch nicht gefallen: Als der charakteristische Vorzug Platons
 gilt es, dass er sich von Anfang an lediglich der Erforschung
des Göttlichen hingegeben habe, während alle übrigen Philosophen
 sich an die Betrachtung der Natur verloren hätten, von
der nur eine unvollkommene und „träumende“ Erkenntnis möglich
 sei.® In dieser Zuordnung der Körperwelt zu einer niederen
 Sphäre des Seins und des Wissens unterscheidet sich Ficin
scharf von der eigentlich modernen Form des Platonismus, die
auf dem Boden der exakten Naturwissenschaft erwachsen ist. —
        <pb n="110" />
        Marsilius Ficinus.

97

Allgemein vollzieht sich die Gliederung des Alls in fünf verschiedenen
 Graden und Stufen, die gegenseitig auf einander hinweisen,
 um zuletzt in ihrer stetigen Folge zum Einen, unbedingten
 Sein wieder zurückzuführen. Je nach der Teilhabe an den
beiden entgegengerichteten Principien der Mannigfaltigkeit
und der Einheit gestaltet und gliedert sich die Ordnung der empirischen
 Wirklichkeit. Von dem Körper und den körperlichen
Qualitäten führt der Weg zur menschlichen Seele, von dieser
wiederum zu den reinen himmlischen „Intelligenzen“ und zum
göttlichen Sein empor. Während der Körper als solcher, vermöge
 der Teilbarkeit ins Unendliche, schlechthin in eine Vielheit
von Elementen auseinanderfällt, ohne in sich ein Prinzip der Begrenzung
 und Bestimmung zu besitzen, stehen bereits die Qualitäten,
 wie Licht und Farbe, um eine Stufe höher. Denn wenngleich
 auch sie verhaftet am Stoffe zu kleben scheinen und nur
an den ausgedehnten Massen in die Erscheinung treten, so ist
doch der eigentliche Ursprung ihrer Wirksamkeit nicht in dem
Gebiet des bloss extensiven Mehr und Weniger zu suchen. Sie
bedürfen nicht der Erstreckung in Länge, Breite und Tiefe, sondern
 sind ganz und ungeteilt bereits in jedem kleinsten Bezirk
des Körpers, in jedem Massenpunkte enthalten. So sind sie in
Wahrheit individuelle Naturen und Bestimmtheiten, die
durch die Teilung des körperlichen „Subjektes“, an dem sie sich
uns zunächst darstellen, nicht berührt werden. Die Weisse, die
in irgend einem Teil eines weissen Körpers enthalten ist, lässt
sich im strengen Sinne nicht als einen Teil der Qualität, sondern
 nur als die Qualität eines Teiles denken: die Zerfällung
 geht lediglich das stoffliche Substrat an, nicht die Farbe
selbst, die überall die gleiche „indivisible“ Natur und Beschaffenheit
 aufweist. Die „ratio albedinis“ ist dieselbe im ganzen Körper
und in jedem seiner einzelnen Bestandstücke. So ergibt sich hier
bereits ein neues Verhältnis von Einheit und Vielheit:
die unterscheidende Eigentümlichkeit der Qualität wird nicht
durch Zusammensetzung gewonnen, sondern als eine wesentliche
 Einheit erfasst, die erst mittelbar, indem sie sich gleichsam
successiv über die verschiedenen Teile eines Körpers ausbreitet,
an den Bestimmungen der Quantität teilhat. In den Qualitäten
der Körper aber wurzeln alle ihre Kräfte und Wirkungsfähig-
        <pb n="111" />
        08 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus.

keiten, da die blosse ununterschiedene Masse als solche völlig
passiv und träge ist; so zeigt es sich, dass jedes Vermögen und jede
Tätigkeit, die wir einem Körper beilegen, nicht in dem materiellen
Stoffe, sondern. in einer „unkörperlichen Natur“ ihren Ursprung
hat und ihre letzte Begründung suchen muss.) So sehr diese ganze
Erörterung Ficins auf metaphysische Folgerungen abzweckt, so
enthält sie doch in der durchgeführten begrifflichen Scheidung
zwischen Quantität und Qualität zugleich einen reinen logischen
Kern: einen Gehalt, der uns deutlich und durchsichtig wird, wenn
wir sie nach rückwärts mit der Lehre des Nikolaus Cusanus
nach vorwärts mit der von Leibniz vergleichen. (Vgl. ob. S, 68[.)
Ueber der zweiten Stufe, die durch die Qualität bezeichnet
wird, erheben sich nun die weiteren geistigen Kräfte des Universums.
 Während der Körper — nach Pythagoräischer Bestimmung
 — die Vielheit schlechthin, die Qualität die Vielheit
darstellt, sofern sie sich mit der Einheit verbindet und an ihr
Anteil gewinnt, ist die Seele ursprüngliche Einheit, die sich indes
 der Mannigfaltigkeit gegenüberstellen muss, um an ihr zum
Bewusstsein ihrer selbst zu gelangen. Während die weisse Farbe
von dem Körper, dem sie eignet, zwar begrifflich unterschieden
ist, ihrer empirischen Wirklichkeit nach aber gleichsam in ihn
gebannt und verstrickt bleibt, bewahrt die Seele in der Gemeinschaft,
 die sie mit dem Leibe eingeht, ihr eigenes selbständiges
Sein und die Unabhängigkeit ihrer Natur. Sie ist in ihm weder
wie ein Teil im Ganzen, noch auch wie der Punkt in der Linie
enthalten. Denn der Punkt bezeichnet, wenngleich er eine in
sich vollendete und unteilbare Einheit darstellt, dennoch eine
vereinzelte Lage im Raume und drückt insofern eine beschränkte
 örtliche Bestimmtheit aus. Die Seele dagegen ist als
diejenige Einheit zu fassen, die eine unendliche Allheit von
Bestimmungen in sich birgt und aus sich hervorgehen lässt; sie
ist insofern nicht jedem beliebigen Punkte, sondern etwa dem
Zentrum eines Kreises zu vergleichen, das gleichmässig auf alle
Punkte der Peripherie bezogen werden muss, damit der Begriff
des Kreises sich erfülle. So ist sie gleichsam „ein in sich selbst
lebendiger Punkt“, der durch keinerlei Quantität und keine bestimmte
 Lage gebunden ist, sondern sich von innen heraus frei
und unumschränkt in die Mannigfaltigkeit zu entwickeln vermag,
        <pb n="112" />
        Die Stufenfolge des geistigen Seins.

99

Ohne sich an sie zu verlieren. Auch hier sind es Grundmotive
der Cusanischen Spekulation, die bei Ficinus fortwirken. Die
Seele ist zugleich teilbar und unteilbar, der höchsten absoluten
Einheit wesensgleich, wie der Vielheit und Veränderung der Körperwelt
 beständig zugewandt. Sie ist das eigentliche und tiefste
Wunder, sofern alle andern Dinge, wie vollkommen wir sie uns
denken mögen, immer ein besonderes Sein besitzen und verkörpern,
 während sie das All in seiner Gesamtheit darstellt und
enthält. „Sie trägt in sich die Bilder der göttlichen Wesenheiten,
von denen sie abhängt, wie die Gründe und Musterbilder der niederen
 Dinge, die sie auf gewisse Weise selbsttätig erschafft. Sie ist
die Mitte von Allem und besitzt die Kräfte von Allem. Sie geht in
Alles ein, ohne doch, da sie die wahre Verknüpfung der Dinge ist,
den einen Teil zu verlassen, wenn sie sich einem andern zuwendet,
So darf sie mit Recht das Zentrum der Natur, die Mitte des
Universums, die Kette der Welt, das Antlitz des Alls und das Band
und die Fessel aller Dinge heissen.“ 1!) Wenn jedes sinnliche Ding
kraft seiner Natur zu seinem höheren geistigen Ursprung zurückstrebt,
 so kann sich diese innere Umkehr nicht in den Dingen
selbst, noch in den geistigen Substanzen über oder unter uns,
sondern nur in der Seele des Menschen vollziehen. Denn sie
allein vermag sich völlig mit der Betrachtung des Einzelnen
und Stofflichen zu durchdringen, ohne sich ihm gefangen zu
geben; sie allein vermag die Sinneswahrnehmung selbst zum
Allgemeinen und Geistigen zu erheben, „So kehrt der göttliche
Strahl, der zu der niederen Welt herabgeflossen war, durch sie
wieder in die höheren Regionen zurück. . . Der Menschengeist ist
es, der das erschütterte Universum wiederherstelll, da dank seiner
Tätigkeit die Körperwelt beständig geläutert und der geistigen Welt,
von der sie ehemals ausgegangen, täglich näher geführt wird“) In
dieser Behauptung der einzigartigen, kosmischen Stellung und Bedeutung
 der menschlichen Seele liegt der tiefste Grund der
Wirkung, die die Platonische Akademie auf die allgemeine philosophische
 und künstlerische Kultur der Zeit geübt hat; die Gedanken,
 die Ficin hier ausspricht, klingen in Pico della Mirandolas
 Rede über die Würde des Menschen und, in höchster Kraft
und Eindringlichkeit, in Michelangelos Sonetten nach.
So sehr wir uns indes hier noch im Bannkreis Plotins und
        <pb n="113" />
        100 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus.

seiner aesthetischen Grundlehren befinden, so leuchtet doch
schon an dieser Stelle ein neues Interesse hindurch, das auf eine veränderte,
 moderne Fragestellung hinausweist. Der Neuplatonismus
bezeichnet den allgemeinen Charakter der Lehre Ficins, aber er
erschöpft nicht ihren gesamten Gehalt und ihre geschichtliche
Bedeutung. Wenn man bisher in der Darstellung von Ficins Platonismus
 einzig bei diesem Zuge verweilte, so hat man darüber gerade
 die kräftigsten und fruchtbarsten Keime, die er für die Philosophie
 und Wissenschaft der Zukunft enthielt, übersehen.!) Ficins
Hauptwerk: die „Theologia Platonica de immortalitate animorum“
ist, äusserlich betrachtet, freilich nichts anderes als ein Kompendium
 der metaphysischen Unsterblichkeitsbeweise, die
hier so ausführlich und vollständig wie an keiner anderen Stelle
der Geschichte der Philosophie, dargestellt und erörtert werden.
Schon die geschichtlichen Anfänge des Unsterblichkeitsproblems
aber müssen uns darüber belehren, dass die Wege und Schicksale
 dieser Frage mit den Grundfragen der Theorie des Erkennens
aufs engste verknüpft und verschwistert sind. Der Phaedon enthält
 zugleich die eingehendste und umfassendste logische Grundlegung
 der Ideenlehre, die Platon gegeben hat. Hier zuerst wird
das „reine Denken“ in seiner Selbständigkeit und Kraft erkannt
und von allen anderen psychologischen Instanzen geschieden.
Der Gedanke der Unsterblichkeit wird zum Vehikel für die
Entdeckung der Ursprünglichkeit der Denkfunktion und für
ihre scharfe Abgrenzung gegen die unmittelbare sinnliche Empfindung
 und Wahrnehmung. Die moderne Auffassung ist, wie
wir sehen werden, schon von den Zeiten der Renaissance an darauf
 gerichtet, diesen geschichtlichen Zusammenhang zwischen
metaphysischer und erkenntnistheoretischer Fragestellung zu
lockern. Dennoch behauptet er sich bis weit über die Anfänge
der neueren Philosophie hinaus und noch bei Descartes lässt sich
seine Kraft und Wirksamkeit beobachten. Es begreift sich hieraus,
 dass Ficins Lehre auch dort, wo sie einzig ihr metaphysisches
 Hauptziel zu verfolgen scheint, indirekt dennoch in die
Geschichte des Erkenntnisproblems eingreift. Vor allem bleibt
es Ficins Verdienst, dass er zuerst die Platonische Lehre von der
„Wiedererinnerung“ der Folgezeit rein und vollständig überliefert
 und dass er damit der modernen Entwicklung des Be-
        <pb n="114" />
        Die logische Bedeutung des Unsterblichkeitsproblems. 101

wusstseinsbegriffs einen festen historischen Mittelpunkt geschaffen
 hat. Wiederum trägt die Darstellung an diesem Punkte
so deutlich die Züge Cusanischer Denkart, dass man hier eine
eingehende Kenntnis der Schriften Cusas voraussetzen muss,
wenngleich diese zur Zeit, da die „Theologia Platonica“ erschien
(1482), noch nicht zu einer Gesamtausgabe vereinigt waren. An
Cusa erinnert es, wenn Ficin, um die Unsterblichkeit des Geistes
zu erweisen, vor allem von der Unendlichkeit seiner Funktion
 ausgeht. Jeder echte Begriff, den wir bilden, enthält eine
unbegrenzte Anzahl einzelner Exemplare unter sich; jeder Akt
des Denkens besitzt und betätigt die Wunderkraft, eine unendliche
 Mannigfaltigkeit ins Eins zu fassen und eine einfachste
Einheit wiederum in die Unendlichkeit aufgehen zu lassen. Und
wie sollte der Geist nicht seiner Kraft und Wesenheit nach unbeschränkt
 sein, da er es ist, der die Unendlichkeit selbst entdeckt
 und sie nach ihrer Art und Beschaffenheit definiert?
Alle Erkenntnis bedeutet eine Ausgleichung und Anpassung
des erkennenden Subjekts an die Objekte, die sich ihm gegenüberstellen
 (cognitio per quandam mentis cum rebus aequationem
 perficitur); das Unendliche könnte somit von uns nicht
als Inhalt gedacht und erfasst werden, wenn es nicht in der
eigenen Natur des Geistes enthalten und angelegt wäre. Das
Maass darf, sofern es adaequat und erschöpfend sein soll, an Kraft
und Umfang nirgends hinter dem Gemessenen zurückbleiben: so
muss der Geist selbst schrankenlos sein, um den stetigen Wandel
der Zeit und der Bewegung seinen unwandelbaren Begriffen zu
unterwerfen und die Unendlichkeit umfassen und messen zu
können!*). Allgemein wird jetzt die Forderung der durchgängigen
 Entsprechung und „Proportion“, die zwischen dem Gegenstand
 und der Funktion der Erkenntnis herrschen muss, der
Leitgedanke von Ficins Lehre. Der Intellekt und das „intelligible“
Objekt stehen sich nicht fremd und äusserlich gegenüber; sie
sind von gleichem Ursprung und fallen in ihrer höchsten Vollendung
 in Eins zusammen. „Ipsum intelligibile propria est intellectus
 perfectio unde intellectus in actu et intelligibile in actu
sunt unum“.!) (Vgl. ob. S. 63 u. 71.) Es ist somit keine Erklärung
 des Erkenntnisprozesses, wenn man ein äusseres jenseitiges
Sein in den Geist hinüberwandern lässt: denn das Denken be-
        <pb n="115" />
        102 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus.

greift in Wahrheit nur das, was mit ihm von derselben Natur ist
und was es aus seinem eigenen Grunde hervorbringt. Dies gilt
nicht nur von den höheren geistigen Tätigkeiten, sondern bereits
von der einfachen Sinneswahrnehmung: schon in ihr wird
das Bewusstsein nicht einzig von den Körpern draussen bestimmt,
sondern gibt sich selbst seine Form. „Wie ein lebendiger Körper
durch in ihm selbst gelegene Samen sich wandelt, sich fortpflanzt,
 sich ernährt und aufwächst, so urteilt der Geist und der
innere Sinn kraft eingeborener Formen, die von aussen zur Tätigkeit
 angeregt werden, über alle Dinge“. Der Inhalt des Bewusstseins
 ist daher nicht sowohl ein Abbild des äusseren Objekts,
wie eine Ausprägung unseres eigenen geistigen Vermögens: wie
denn ein und dasselbe Objekt uns verschieden erscheint, je nachdem
 diese oder jene seelische Kraft, je nachdem der Sinn, die
Phantasie oder die Vernunft es betrachtet und gestaltet. „Das
Urteil folgt der Form und Natur des Urteilenden, nicht des beurteilten
 Gegenstandes“. Schon die „Bilder“ der Einzeldinge,
die die Phantasie entwirft, sind nicht unmittelbar von diesen
selbst dem Geiste aufgedrückt und „eingebrannt‘“: — so müssen
wir um so mehr in den reinen, intellektuellen Begriffen nicht die
Kopien einer äusseren Wirklichkeit, sondern die Erzeugnisse der
Kraft des Verstandes erkennen. Es ist vergeblich, den Gehalt
dieser Begriffe von den sinnlichen Wahrnehmungen und Bildern
ableiten zu wollen: denn wie könnte das sinnliche „Phantasma“
etwas hervorbringen, das freier und umfassender wäre, als es
selbst? Die Körperwelt bildet eine beziehungslose Mehrheit besonderer
 und eingeschränkter Einzelobjekte: diese aber können für
sich betrachtet niemals einen reinen geistigen Inhalt erschaffen,
der die ihnen allen gemeinsame Natur wiedergäbe und repräsentierte,
 Und was den Elementen in ihrer Besonderung versagt
ist, das vermag auch ihre Summe niemals zu leisten. Denn
auch die Zusammenfassung zu einem Aggregat ergibt uns immer
nur wieder verstreute Glieder ohne bestimmte gesetzliche Ordnung
und Verknüpfung. „Wie aus einer Ansammlung von Steinen
nichts wahrhaft Einfaches, sondern ein blosser Haufen entsteht,
so kann die Menge der Einzeldinge wohl ein verworrenes Beisammen
 von Bildern, nicht aber den einen und einfachen Begriff
erzeugen.“ Mit Klarheit und Entschiedenheit wird die sensua-
        <pb n="116" />
        N

ET A am

Die Selbsttätig neit des Denkens.

103

listische Theorie der „Abstraktion“ von Ficin widerlegt. Wären
wir darauf angewiesen, das Allgemeine aus dem Durchlaufen der
Einzelfälle zu gewinnen, so müssten wir in ihm von Anfang an
eine falsche und illusorische Forderung erkennen. Denn die
Gesamtheit des Einzelnen ist schlechthin unerschöpflich; wollten
wir aber aus einem begrenzten Kreis die Regel abstrahieren, die
wir alsdann auf die Allheit der Fälle anwenden und übertragen,
so wären wir niemals sicher, gerade die wesentlichen und allgemeingültigen
 Bestimmungen, die nicht in der: zufälligen Natur
des Einzelnen wurzeln, ergriffen zu haben. Die Bildung der
allgemeinen Begriffe und Gesetze ist also nur zu verstehen, wenn
wir sie nicht als eine blosse Wiederholung des gegebenen Stoffes,
sondern als eine spontane Schöpfung des Intellekts erkennen.
Diese Schöpfung bedarf keiner fremden Vermittelung: der Geist
gibt sich selbst den Stoff, aus dem er sich bildet und formt.
Ein Prozess, der freilich unverständlich bliebe, wenn der Geist in
sich selbst von Anfang an völlig passiv und bestimmungslos wäre:
während wir in Wahrheit in seinem „innerlichen‘ Sein bereits
den Gehalt aller derjenigen Formen voraussetzen müssen, die sich
äusserlich in der Welt der Objekte vorfinden.'®)
So unterscheidet Ficinus scharf zwischen der üblichen Beschränkung
 des Denkens auf die „Abstraktion“ und zwischen
seiner wahrhaften konstruktiven Betätigung: „veras definitiones
essentiarum non potest mens per accidentalia rerum simulacra
fabricare, sed eas construit per infusas ab origine rerum
omnium rationes“. Alles Denken ist ein Aus- und Aufbauen aus
jenen ersten eingeborenen Voraussetzungen und Gründen. In
ihnen besitzen wir — wie am Beispiel der Mathematik deutlich
wird — die idealen Regeln, an denen wir die Wahrnehmung
und ihre Exaktheit prüfen, die somit selbst ihre Grenze und ihr
Maass nicht an den sinnlichen Empfindungen und Objekten haben
können. Die reinen gedanklichen „Species“ werden durch die
Berührung mit der Aussenwelt nicht erzeugt, sondern nur ans
Licht gefördert und zur Blüte gebracht; was Aristoteles ihre
Erschaffung nennt, das ist mit Plato vielmehr als ihr „Aufleuchten
 zu deuten.!’) Die Tatsache allein, dass wir nach irgend
einem Inhalt forschen und fragen, beweist bereits, dass er
nicht völlis ausserhalb unserer Sphäre liegt: denn das schlechthin
        <pb n="117" />
        ea

ED RE a FL

104 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus,

und in jedem Sinne Unbekannte vermöchten wir nicht zu begehren.
 Es ist der Grundgedanke des Platonischen Menon, an
den Ficinus, wie vor ihm Cusa, hier anknüpft und der uns fortan
in mannigfachen geschichtlichen Abwandlungen begleiten wird.
(Vergl. ob. S. 73 f.) Kein Wissen kann dem Individuum von aussen
aufgedrängt und eingesetzt werden; es muss aus seiner eigenen
Natur erweckt und erworbeu werden: „qui docet minister est
potius quam magister“. Da die menschliche Gattung in allem
ein und dieselbe und das Wesen des Geistes überall gleich ist,
so ist die Zustimmung zu bestimmten Wahrheiten notwendig und
allgemein. Die Prüfung und die Annahme jeglicher wissenschaftlicher
 Einsicht aber kann nur erfolgen, wenn die Regel der
Wahrheit von innen her vorausleuchtet und den Weg weist.
Für den Gedankenkreis und die Stimmung, aus der die Florentinische
 Akademie erwachsen ist, ist es hierbei bezeichnend, dass
Ficinus die Bürgschaft für den universalen und objektiven Wert
der „Ideen“ vor allem im Gebiete der Kunst findet. Hier offenbart
 sich am reinsten die unverbrüchliche geistige Einheit der
Menschennatur. „Jeglicher Geist lobt die runde Gestalt, sobald er
sie zum ersten Male erblickt und ohne den Grund dieses Urteils
zu kennen. Jeder schätzt eine bestimmte Angemessenheit und
Proportion im Bau des menschlichen Leibes, oder den Einklang
in den Zahlen und Tönen. Er nennt eine bestimmte Gebärde
und Haltung schön und würdig, er preist das Licht der Weisheit
und die Anschauung der Wahrheit. Wenn nun jeder Geist dies
alles immer und überall sogleich annimmt und gutheisst, ohne zu
wissen, warum —, so bleibt nur übrig, dass er hierin kraft eines
notwendigen und durchaus natürlichen Instinktes handelt“.18)
Diese Sätze Ficins enthalten den Keim für eine neue geschichtliche
 Form des Platonismus, die uns in reiferer und tieferer Begründung
 bei Kepler enigegentreten wird.
Werden indes bis hierher die Grundgedanken der Ideenlehre
 zwar vorzugsweise unter psychologischen Gesichtspunklen
 entwickelt, aber doch rein und unvermischt wiedergegeben,
so vermag Ficin diese Scheidung nicht bis zu Ende durchzuführen.
 Wieder sind es Neuplatonische Motive — diesmal in der
Fassung, die sie durch Augustins Erkenntnislehre und Metaphysik
 erhalten haben —, die zuletzt die Vorherrschaft erlangen.
        <pb n="118" />
        Der Begriff der ästhetischen Harmonie.

105

Der Geist wurde nur deshalb auf sich selbst gestellt und aus
der Abhängigkeit vom sinnlichen Stoffe gelöst, um ihn völlig
und rein in das jenseitige, göttliche Urwesen ein- und aufgehen
zu lassen. Jede wahrhafte Erkenntnis bedeutet eine Berührung
und eine Gemeinschaft, die wir mit der unendlichen und vollkommenen
 geistigen Substanz eingehen. Die eingeborenen „Formen“
 des Denkens wären kraft- und haltlos, wenn sie lediglich
in unserem Bewusstsein Bestand hätten und nicht in einem Reiche
für sich bestehender geistiger Wesenheiten ihre genaue Entsprechung
 fänden. So ist das gesamte zwölfteBuch der „Platonischen
Theologie“ dem Nachweis gewidmet, dass die menschliche Seele
in ihrer reinen intellektuellen Erkenntnis vom göttlichen Bewusstsein
 bestimmt und geformt wird: „nihil revera disci potest,
 nisi docente Deo*“.19) Nicht wir sind es mehr, die das Unendliche
 begreifen und in feste gedankliche Schranken bannen; wir
müssen uns von ihm ergreifen lassen und uns darin auflösen,
damit Erkenntnis möglich wird.”) Ausdrücklich wird für diese
Anschauung auf die Logoslehre des Johannes-Evangeliums verwiesen,
 damit aber das Problem der Wissenschaft wiederum
gänzlich den Fragen der Metaphysik und Theologie ein- und untergeordnet.
 Vom geschichtlichen Siandpunkt ist auch dieser Teil von
Ficins Werk bedeutsam und wichtig, da hier die Augustinische
Auffassung der Ideenlehre von neuem in helles Licht gerückt und
damit die Wirkung ermöglicht und vorbereitet wurde, die sie
späterhin in der modernen Philosophie noch üben sollte. Insbesondere
 besteht an diesem Punkte zwischen Fieinus und Malebranche
 ein innerer gedanklicher Zusammenhang: die Beweisgründe
 des Satzes, „dass wir alle Dinge in Gott schauen“, finden sich
fast vollständig bereits in der „Theologia Platonica‘“ vereint.?) Bei
allem Zusammenhang mit Augustin aber erweist sich auch hier
der originale Charakter der Renaissance, indem wiederum diejenigen
 Züge herausgehoben und betont werden, die der engeren
aesthetischen Grundanschauung verwandt sind. Wir könnten
uns — so hatte schon Augustin argumentiert — an der sinnlichen
Schönheit, wir könnten uns an der Konsonanz und der rhythmischen
Folge der Töne nicht erfreuen, wenn nicht unsere Seele in sich
selbst ein Mittel besässe, die reinen Zahlenverhältnisse durch
alle konkreten Hüllen und Umkleidungen hindurch zu erkennen
        <pb n="119" />
        106 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus.

und herauszuschälen. Der reine Begriff der Zahl, die numeri
judiciales, die auf dem Grunde unseres Bewusstseins ruhen, ermöglichen
 es erst, die Harmonie innerhalb der Sinnendinge zu erfassen
 und zu beurteilen. Die Gleichheit der Töne und Intervalle,
die uns durch die Empfindung nirgends exakt und beständig
gegeben ist, sondern in ihr nur schattenhaft und flüchtig auftritt,
vermöchten wir nicht zu erkennen und seelisch zu ergänzen,
wäre sie uns nicht von andersher bekannt. Wahrhafte Gleichheit
 findet sich nicht in den Abständen des Raumes oder der Zeit,
noch in den Formen der empirischen Körper; sie ist eine gedankliche
 Norm, die wir an den Stoff der Wahrnehmung heranbringen.
Da aber diese Norm unveränderlich und ewig ist, so kann ihr
Ursprung nirgends anders als in dem ewigen und unvergänglichen
Wesen der Gottheit gesucht werden; die begriffliche Reflexion
und Selbstbesinnung, die der Lösung jedes Problems vorangehen
muss, ist daher eine innerliche Hinwendung zu Gott, in dem wir
das Eine, wandellose Wahre erschauen und begreifen.?)
Zwei Grundmotive sind es somit, die sich in Ficins Lehre
durchdringen und einander entgegenwirken. Der Ausblick auf das
Intelligible bedeutet ihm, wie der gesamten Renaissance, zugleich
die Erhöhung und Wertschätzung des empirischen Seins. Die
Stimmung des Florentiner Platonischen Kreises, wie sie sich in
den Hymnen des Lorenzo Magnifico ausspricht, ist auch in ihm
lebendig. „Während die Menschen des Mittelalters die Welt ansehen
 als ein Jammerthal, welches Papst und Kaiser hüten müssen
bis zum Auftreten des Antichrist, während die Fatalisten der Renaissance
 abwechseln zwischen Zeiten der Energie und Zeiten der
dumpfen Resignation oder des Aberglaubens, erhebt sich hier im
Kreise auserwählter Geister die Idee, dass die sichtbare Welt von
Gott aus Liebe geschaffen, dass sie ein Abbild des in ihm praeexistierenden
 Vorbildes sei, und dass er ihr dauernder Beweger
und Fortschöpfer bleiben werde. Die Seele des Einzelnen kann
zunächst durch das Erkennen Gottes ihn in ihre engen Schranken
 zusammenziehen, aber auch durch Liebe zu ihm sich ins
Unendliche ausdehnen, und dies ist dann die Seligkeit auf Erden“
(Burckhardt). So bedeutet denn auch für Ficin die Verbindung
der Seele mit dem Körper und der Sinnenwelt nicht schlechthin
einen Abfall von ihrer ursprünglichen und höheren Natur. son-
        <pb n="120" />
        Immanenz und iransscendenz

107

dern er sucht sie in ihrem Wert und in ihrer Notwendigkeit zu
begreifen. Verharrte der Geist in seiner eigenen unberührbaren
Wesenheit, so wäre ihm damit die Anschauung und die Erkenntnis
 des Einzelnen versagt. Der abstrakte Allgemeinbegriff allein
würde ihn ausfüllen, während die Schönheit und Mannigfaltigkeit
 der besonderen Gestalten und Formen sich ihm für immer
entzöge. Hier aber liegt für den Menschen der Sinn und die Bedeutung
 seines empirischen Daseins: „am farbigen Abglanz haben
wir das Leben.“ Ein modernes Grundgefühl spricht sich hier in
Begriffen und Formen der überlieferten astronomischen Weltansicht
 aus. Die Erde ist kein niederer und verächtlicher Wohnsitz;
 sie ist der mittlere Chor des göttlichen Tempels und das feste
Fundament, um das alle himmlischen Sphären wie um ihren
Angelpunkt kreisen. Die Bewegtheit und Wandelbarkeit des irdischen
 Seins ist kein innerer Mangel, sondern wir besitzen in ihrdas
notwendige Gegenbild, an dem wir die Ruhe und den Frieden in
Gott erst empfinden und geniessen lernen. „Vielleicht hat Gott
selbst bestimmt, dass die göttlichen Freuden den Geistern von
höherem Range von selbst zufallen, während die niederen sie mit
Mühe zu erringen haben; dass die einen von Geburt an der
Seligkeit teilhaft werden, während die anderen sie erst im Leben
erwerben müssen. So hat er verhütet, dass die höheren Geister
sich überheben und dass die niederen sich verachten, da jene die
Glückseligkeit von aussen empfangen, diese dagegen die Schöpfer
ihrer Glückseligkeit sind‘“.®) Die Unvollkommenheit des Individuums
 selbst wird somit zum Zeugnis seines unvergleichlichen
Wertes und seiner ewigen Bestimmung. Trotz allen diesen charakteristischen
 und wichtigen Ansätzen aber ist es Ficin nicht
gelungen, den Gedanken der Transscendenz völlig zu bewältigen
und aufzulösen. Ja dieser Gedanke bleibt im Ganzen des Systems
zuletzt dennoch das vorherrschende Ideal. Dionysius Areopagita
 wird der Verkünder und Gewährsmann der echten Platonischen
 Philosophie, weil er uns gelehrt hat, das göttliche Licht nicht
durch verstandesmässige Tätigkeit, sondern kraft des Affekts und
Willens, als über jegliches Sein und Wissen erhaben, zu suchen.
„Ueberfliege nicht nur die Sınnendinge, sondern auch die intelligiblen
 Objekte, verlasse das Gebiet des Verstandes und erhebe
Dich — vermöge der Liebe zu dem einzigen und höchsten Gut
        <pb n="121" />
        L08

Die Reform der Aristotelischen Psychologie.

— zum Guten selbst, das über alles Sein, über alles Leben und
allen Verstand hinausliegt“.2%) Die Relativität, die noch eben
als eine Notwendigkeit des menschlichen Erkennens begriffen
schien, erscheint somit hier wiederum als seine Schranke. (Vgl.
a. ob. S. 96.) In diesem Zwiespalt offenbart sich ein tieferer gedanklicher
 Widerstreit, der die gesamte Philosophie der Renaissance
 durchzieht und der uns noch in mancherlei Formen
begegnen wird.

Die Reform der Aristotelischen Psychologie.

Es wäre geschichtlich einseitig und ungerecht, wenn man
das entscheidende und positive Ergebnis der Renaissancephilosophie
 lediglich in der Bekämpfung des Aristotelismus erblickte.
 Das neue Verständnis der antiken Kultur, das jetzt
gewonnen wird, kommt. auch der Erfassung der echten Peripatetischen
 Lehre zugute. Der Scholastik werden nun die Grundgedanken
 ihres eigenen Meisters in der genaueren und reineren
Fassung, in der die philologische Kritik sie wiederhergestellt hat,
entgegengehalten: auf den originalen Denker Aristoteles beruft
man sich, um Aristoteles als Schulhaupt zu stürzen. Leonardo
Bruni, der erste Uebersetzer der wichtigsten Platonischen Dialoge,
überträgt auch die Aristotelische Politik und die Nikomachische
Ethik und sieht im Studium dieser Werke die echte, sachliche
Vorbedingung der humanistischen Erziehung und der Bildung
zum Redner. Der Gedanke einer Versöhnung und Vereinigung
bleibt sodann in den Kreisen der Florentinischen Akademie herrschend:
 wie er schon von Bessarion ausgesprochen war, so wird
er insbesondere von Giovanni Pico della Mirandola festgehalten
 und als eigentliches Endziel bezeichnet.®) Nicht die
Befangenheit in der geschichtlichen Veberlieferung spricht sich
in solchen Versuchen aus, sondern die freiere, dogmatisch nicht
beengte Auffassung, die man von der Peripatetischen Lehre selbst,
ihrem Gehalt und ihren Entstehungsbedingungen gewonnen hatte.
Von den Einzelsätzen des Systems, die zuvor als unveräusserlicher
        <pb n="122" />
        Der Uebergang zum modernen Begriff des Bewusstseins. 109

und unverrückbarer Bestand galten, wird auf die gedanklichen
Motive zurückgegangen; der feste geschlossene Bau des Ganzen
wird zerschlagen und an seine Stelle tritt die dialektische Bewegung
und die Wiederherstellung des Denkprozesses, in dem die einzelnen
 Grundsätze erreicht wurden. Schon der Gegensatz der Auslegungen,
 der Streit zwischen „Alexandristen“ und „Averroisten“,
dient dieser selbständigen und freieren Form der Aneignung.
Für die neue Richtung, die damit eingeschlagen wird aber ist
es vor allem bezeichnend, dass die Grundfragen der Aristotelischen
Psychologie und Erkenntnislehre es sind, die jetzt in den
Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Das Mittelalter wird, abgesehen
 von den logischen Streitigkeiten, vor allem durch die
Aristotelische Metaphysik und Physik beherrscht und bestimmt:
der Aufbau des Kosmos und sein Zusammenhang mit dem „unbewegten
 Beweger“ ist es, der sein Interesse fesselt. Alle diese
Fragen treten jetzt völlig zurück: einzig und allein der Begriff und
das Problem der Seele entscheidet nun über die Richtung und
Parteistellung innerhalb der Peripatetischen Philosophie. Unvermerkt
 wird damit die Untersuchung auf ein neues Gebiet und ein
neues Ziel hingelenkt: die dialektische Zergliederung des
Aristotelischen Seelenbegriffs wird zu einem Faktor in
der Entstehung des modernen Bewusstseinsbegriffs.
Die Psychologie des Aristoteles wird ıhren entscheidenden
und wesentlichen Hauptzügen nach durch die Voraussetzungen
seiner sensualistischen Erkenntnislehre bestimmt. ?®) Wie das
wahrhafte Sein im Einzeldinge gesucht wird, so gilt die Wahrnehmung,
 die dieses konkrete Dasein unmittelbar erschliesst, als
der ursprüngliche Zeuge jeglicher Gewissheit. Die Entwicklung zu
den höheren Formen des Denkens vollzieht sich nur in der fortschreitenden
 Umbildung des Stoffes, der hier gegeben ist. Auch
die höchsten Betätigungen und Leistungen des Denkens bleiben
an diesen Anfang, der in der Empfindung und „Vorstellung“ liegt,
gebunden und auf ihn eingeschränkt. Von der alod-noıg ZUF S6ka,
von ihr zur gavtacla und zum vobe führt ein stetiger, nirgends
unterbrochener Stufengang, in dem jedes höhere Element nur
erfüllt und vollendet, was im niederen bereits der Möglichkeit
nach enthalten und angelegt war. So erwächst innerhalb dieser
Gesamtauffassung der Begriff aus der Verbindung und Zusammen-
        <pb n="123" />
        Die Reform der Aristotelischen Psychologie.

fassung der „Eindrücke“, so müssen die allgemeinen Prinzipien,
die als Voraussetzungen jeder syllogistischen Beweisführung anzuerkennen
 und zu Grunde zu legen sind, selbst aus der Induktion
 hervorgehen und in ihr ihre letzte Rechtfertigung suchen.
Und wie hier die Gebilde des Denkens als ein Produkt und Ergebnis
 der Sinneswahrnehmung verstanden werden, so ist allgemein
 die reine „Form“ notwendig auf die „Materie“ bezogen und
erhält nur in ihr ihren Halt und ihre Ergänzung. Die Seele ist
nichts anderes, als die Einheit, in der alle Lebensvorgänge
des Körpers sich zusammenschliessen: eine Kinheit, die gemäss
den Grundvoraussetzungen des Systems zugleich als der allgemeine
 Zweck gedacht wird, dem alle einzelnen Bewegungen zustreben,
 wie als die wirkende Ursache, die sie aus sich hervorgehen
 lässt. Die Erklärung, nach der die Seele „die erste
Entelechie eines natürlichen Körpers ist, dem dank seiner Organisation
 die Fähigkeit zu leben zukommt“ (SvteAdyeım % mpOTN
S@OPLATOG QuaLKob Buvdıeı Zwhy Eyovtoc) bringt dieses Wechselverhältnis
zum scharfen und eindeutigen Ausdruck. Die Seele bedeutet nur
das Prinzip, das die manniglachen biologischen Prozesse reguliert
 und sie einer gemeinsamen individuellen Bestimmung
zuführt und einordnet. Ohne die physischen Körper würde sie
daher des notwendigen Materials ermangeln, an dem allein sie
ihre Funktion betätigen kann. Eine losgelöste Wirkung wie ein
abgesondertes Sein des Seelischen bleibt innerhalb dieses Zusammenhangs
 unverständlich.
Mit diesem Gesichtspunkt aber, der aus der Aristotelischen
Entwickelungslehre stammt, tritt das schliessliche Ergebnis
seiner Erkenntnistheorie in einen eigentümlichen Widerstreit.
Dem „wahrhaften Sein“ der Platonischen Idee hatte Aristoteles
das Dasein und die individuelle Bestimmtheit der besonderen
Objekte entgegengesetzt. In seiner Definition des Wissens aber,
im Begriff der &amp;amp;xot71u.%, bleibt er vom Grundgedanken der Ideenleh re,
den er Ireilich nicht in reiner, unvermischter Gestalt festzuhalten
weiss, dennoch mittelbar abhängig. Die Prinzipien des Wissens,
sein Gegenstand und seine Aufgabe liegen lediglich in allgemeinen
 Begriffen und Sätzen. So entsteht der Grundwiderspruch,
der das System in zwei völlig unvergleichbare Hälften spaltet und
der in allen seinen Phasen und Teilen in irgend einer Form zum
        <pb n="124" />
        Die Lehre vom „tätigen Verstande“

111

Ausdruck kommt: die volle Wirklichkeit, wie sie die Metaphysik
 definiert, das besondere, aus Form und Materie zusammengesetzte
 Einzelding widerstreitet den Bedingungen, die die Erkenntnis
 für ihr Objekt aufstellen muss. Die Grundgleichung,
um deren Aufstellung und Bestimmung die gesamte griechische
Philosophie sich bemüht hatte, die Identität von Denken und Sein
ist somit hier von Anfang an preisgegeben. Innerhalb der Aristotelischen
 Psychologie spiegelt sich der Gegensatz in der Doppelstellung,
 die der „Verstand“, dem die Erkenntnis der allgemeinen
Prinzipien zugewiesen wird, gegenüber den übrigen seelischen Vermögen
 behält. Während er als „leidender Verstand“ als vobs zadNıtıxG
nur den Stoff, den Sinne und Einbildungskraft ihm bieten, aufzunehmen
 und zusammenzufassen hat, soll er als tätiger Verstand, als
wog KuNtLxGs VON dieser Bedingtheit frei sein: während nach der stetigen
 Stufenfolge der psychologischen Kräfte das Denken nur am
„Phantasma‘‘, am Vorstellun gsbild geübt werden kann, tritt Jetzt eine
„andere Art“ seelischer Betätigung auf, die die intelligiblen und allgemeinen
 Objekte rein und unvermischt erfasst. Dem Sinnlichen
abgewandt und seiner Einwirkung entzogen soll die aktive Denkkraft
 ein eigenes und selbstgenügsames Sein besitzen. Die Naturbedingungen,
 die die Entstehung und den Verlauf des organischen
Lebens regeln, verlieren diesem Teil der Seele gegenüber ihre Bedeutung
 und ihre Kraft. Wie der Geist „von aussen her“ (#öpaudev)
in fertiger und abgeschlossener Gestalt in den individuellen Körper
eintritt: so soll er auch die Existenz des Körpers überdauern und
ausserhalb seiner Grenzen fortbestehen können. Er ist das ewige
und „göttliche“ Prinzip, das sich mit der Materie zwar zu gemeinschaftlichem
 Dasein verbindet, das aber durch sie in seiner
Wesenheit nicht berührt und bestimmt wird. Wir erkennen
hier die tieferen, sachlichen Motive, aus denen die Peripatetische
Lehre vom tätigen Verstande hervorgegangen ist. Was die Erkenntnislehre
 in ihren ersten Anfängen versäumt hatte: die
Funktion des reinen Denkens und seine spontane Wirksamkeit
im Gegensatz zu allen bloss passiven Eindrücken festzuhalten und
herauszuarbeiten, das versucht die metaphysische Psychologie
 an diesem Punkte nachzuholen. Jetzt aber vermag die
Scheidung nicht mehr im methodischen Sinne zu erfolgen:
sie fordert. innerhalb der Seele selbst, eine substantielle Sonde-
        <pb n="125" />
        2

Die Reform der Aristotelischen Psychologie.

rung. Die „Abtrennung“ der Idee von den Einzeldingen, wie er
sie bei Platon annimmt, hat Aristoteles verspottet und bekämpft:
aber an Stelle des logischen Unterschiedes, der hier doch immer
bestimmend blieb, tritt bei ihm die Behauptung des aktiven Intellekts
 als eines gesonderten und losgelösten Organs der Seele.
(ymwprotic xal dradhc Kal dyıyhe)., Und während insbesondere die
späteren Platonischen Dialoge sich bemühen, Idee und Erscheinung,
 Intellekt und Sinnlichkeit in durchgängiger Correlation
zu einander zu fassen, endet das System der Entwickelung mit
einem dualistischen Gegensatz: mit einem Sein, das durch die vorangehenden
 Stufen nicht stetig vermittelt und bedingt ist, sondern
sie prinzipiell überragt und ihnen abgeschlossen und unabhängig
vorangeht.
Zu weiterer Bestimmung gelangt dieser Gegensatz bei den arabischen
 Commentatoren des Aristoteles, deren Lehre Averro&amp;amp;s im
12. Jahrhundert zusammenfasst und endgültig fixiert. Passiver
und aktiver Intellekt verhalten sich wie Materie und Form, wie
Potenz und Akt; während der erstere die Fähigkeit besitzt, Alles
zu werden und alle Formen der Dinge nacheinander in sich aufzunehmen,
 kommt dem letzteren das Vermögen eigener und schöpferischer
 Wirksamkeit, damit aber zugleich die Möglichkeit einer
selbständigen Existenzweise zu. Indem indes der tätige Geist allen
Schranken und Bedingungen des sinnlichen Daseins entrückt wird,
fällt damit auch seine individuelle Begrenzung hinweg. Er
ist eine ursprüngliche identische Einheit, an der die verschiedenen
Individuen in mannigfacher Weise teilhaben, die aber selbst
über jede Vielheit und Verschiedenheit erhaben ist und getrennt
von ihr existiert. Ein und dieselbe Denkkraft ist es, die sich
bald auf dieses, bald auf jenes Individuum herabsenkt und die
sich in ihm, je nach den besonderen Bedingungen seiner Organisation,
 betätigt. Man hat diese Lehre, um sie verständlich zu machen,
mit modernen idealistischen Systemen, vor allem mit Malebranches
 Gedanken der Einen, göttlichen und unpersöulichen
Vernunft, die alle Menschen gleichmässig erleuchtet, verglichen.?)
Die eigentümliche geschichtliche Gestalt des Averroismus aber
wird durch derartige Analogien nicht getroffen. Malebranches
Lehre entsteht im vollen Lichte der neueren Philosophie und
ruht auf ihrer Grundüberzeugung, dass der echte Anfang der For-
        <pb n="126" />
        Der Averroismus.

113

schung nicht im Sein, sondern im Wissen zu suchen ist. Die
Schwierigkeit der Averroistischen Anschauung dagegen liegt für
jeden modernen Beurteiler in der völligen Umkehrung dieses
Grundverhältnisses. Von einem fertigen und bestimmten Bilde
der Welt wird ausgegangen, um von ihm aus dem Intellekt
seine Sonderstellung zuzu weisen. Die kosmologische Anschauung
der verschiedenen himmlischen Sphären, deren jede durch
einen stofflosen und ewigen Beweger im Kreise herumgeführt wird,
liegt überall zu Grunde. Noch ehe irgend eine Untersuchung
äber die Erkenntnis, ihre Eigenart und ihre Bedingungen vorangegangen
 ist, ist bereits diese physische Leistung der „reinen
Intelligenzen“, ihre Fähigkeit, den Lauf der Gestirne zu regeln,
ohne selbst durch die Gemeinschaft mit ihnen einen Einfluss
und eine Rückwirkung zu erfahren, festgestellt. Der aktive Intellekt,
 die Eine Denkkralt, die in allen Individuen gleichmässig
wirkt, ist nur die letzte und niedrigste dieser seelischen Kräfte,
die den Umschwung des Himmels beherrschen. Der menschliche
Verstand wird zur vereinzelten kosmischen Potenz, die sich
der hierarchischen Gliederung des Alls und seiner Kräfte einfügt.?s)
So wird hier der Intellekt, um ihn über die empirische Bedingtheit
 hinauszuheben, zu einer überpersönlichen Wesenheit jenseit
alles besonderen Bewusstseins gemacht; auf der anderen Seite aber
ist er dennoch mit der Gesamtnatur verschmolzen und in sie als
Bestandteil ein- und untergegangen.
Aus diesem Hauptmangel der Averroistischen Ansicht erklärt
sich die Bedeutung, die die gegnerische Auffassung, die an den
Commentar des Alexander von Aphrodisias anknüpft, mit
Beginn der neueren Zeit überall gewinnt?) Während der Streit,
von aussen gesehen, sich auf das Problem der Unsterblichkeit
beschränkt, die von den Alexandristen geleugnet, von den Averroisten
 nicht den Individuen, wohl aber dem allumfassenden tätigen
 Verstand zugestanden wird, liegt das tiefere Motiv des Gegensatzes
 in der verschiedenen Grundauffassung der Erkenntnis.
Pietro Pomponazzis Werk über die Unsterblichkeit sucht die
Frage nach dem Sein und dem Ursprung des Intellekts wieder auf
ihr eigenes Gebiet zurückzuführen: nicht aus allgemeinen metaphysischen
 Voraussetzungen, sondern aus rein psychologischen
Erwägungen soll sie beantwortet werden. Die Averroistische An-
        <pb n="127" />
        114 Die Reform der Aristotelischen Psychologie. — Pietro Pomponazzi.

sicht von der Einzigkeit und Gleichheit des Verstandes in allen
Denkenden ist — nach Pomponazzis Urteil — eine metaphysische
Phantasie, wie sie willkürlicher und absonderlicher kein Künstler
jemals ersonnen hat.%) Sie schwindet dahin, sobald man versucht,
sie an der Hand der inneren Erfahrung und Beobachtung, bei
der allein die gültige Entscheidung liegt, zu bewähren und zu rechtfertigen.
 Ist einmal dieser methodische Ausgangspunkt festgestellt
so ist klar, dass die Grundtatsache, mit der wir beginnen müssen
und hinter die keine Theorie zurückzugehen vermag, die Einheit
des Bewusstseins ist. Es ist ein und dasselbe Ich, das jetzt
diesen oder jenen Sinneseindruck empfängt und das ein anderes Mal
über ihn reflektiert und sich damit zu den reinen und abstrakten
Begriffen erhebt. Nichts berechtigt uns, diesen Unterschied zweier
Leistungen zu einem realen Gegensatz zweier Substanzen umzudeuten,
 die im denkenden Individuum nur wie in einer
zufälligen Verbindung zusammenträfen.®) Der echten Aristotelischen
 Ansicht nach kann es sich niemals um einen prinzipiellen
 Widerstreit zwischen Sinnlichkeit und Denken, sondern
nur um die Abgrenzung verschiedener Stufen und Phasen handeln,
die ein und derselben stetigen Entwickelung angehören und
sich in ihr wechselseitig bedingen. Das Vermögen der Wahrnehmung
 ist in der reinen Intelligenz, wie das Dreieck im Viereck
enthalten: nicht um getrennte Dinge, sondern um die Zerlegung
in begriffliche Momente und Gesichtspunkte handelt es sich. Die
Erfahrung zeigt uns überall, dass der Gedanke nur auf dem Grunde
des „Phantasma“ entstehen kann und dass er, wie abstrakt auch
sein Inhalt sein mag, als psychologischer Akt doch niemals der
sinnlichen Unterlage zu entraten vermag. Jede andere Tätigkeitsweise,
 die wir uns etwa ausdenken mögen, bleibt das Gebilde
müssiger Spekulation.®) Wer eine doppelte Wirksamkeit des Intellekts,
 wer neben seiner empirisch bekannten Funktion eine andere
annimmt, die losgelöst von den Schranken unserer sinnlichen
Erfahrung ausgeübt wird, der hat, da das Sein durch die
Tätigkeit bestimmt wird, in Wahrheit ein doppeltes Sein gesetzt,
 und neben den natürlichen Menschen, der uns allein gegeben
ist, einen zweiten, jenseitigen Menschen gestellt. In diesem Gedanken,
 avf den Pomponazzi immer von neuem zurückkommt,
spricht sich ein Motiv aus, das der philosophischen Renaissance
        <pb n="128" />
        Die Einheit der Seele.

115

gemeinsam ist. Es ist bezeichnend, dass selbst Dante an diesem
Problem seinem grossen Meister entgegentritt und dass er gegen
Aristoteles die Einheit der Seele in aller Verschiedenartigkeit
ihrer Betätigungen ausdrücklich hervorhebt. Es ist vergeblich, das
Ich aus heterogenen Bestandteilen und Wesenheiten zusam mensetzen
 zu wollen, da in ihm vielmehr jener erste Quell- und
Ursprungspunkt liegt, aus dem alle Verschiedenheit erst nachträglich
 sich entfaltet. Zwar hat sich auch Pomponazzi dem allgemeinen
 Glauben der Zeit an die Existenz gesonderter und reiner
Intelligenzen, wie sie den himmlischen Sphären als Beweger beigesellt
 sind, nicht entziehen können: aber er hat daran fesigehalten,
 dass sie für die Begriffsbestimmung der menschlichen
Seele und der menschlichen Erkenntnis nicht in Betracht
kommen und dass es hier vielmehr die festen und zweifellosen
Daten des Bewusstseins sind. von denen allein wir auszugehen
haben. —
Ist somit der Satz des Aristoteles, dass alle unsere Erkenntnis
 sich in sinnlichen Vorstellungen bewegt oder doch nicht ohne
sie zu bestehen vermag, seinem ganzen Umfange nach gültig, so
muss, um die Grenzscheide zwischen Stoff und Form, zwischen
dem „Materiellen“ und „Intelligiblen“ zu wahren, ein anderer Gesichtspunkt
 eintreten. Die sinnliche Wahrnehmung vollzieht sich
mit Hilfe eines materiellen Organs, das von den Objekten eine
stoffliche Einwirkung erfährt. Die Gegenstände werden hier gleichsam
 in das physische Sein des Ich aufgenommen; der Wandel
ihrer Bestimmungen wird in körperliche Veränderungen umgesetzt.
 Von dieser unmittelbaren Entsprechung und Bindung
ist die Leistung des reinen Verstandes frei. Der Intellekt ist auf
die Materie bezogen, aber er besitzt selbst kein stoffliches
Sein, kein Organ, in dem sich die Dinge abdrücken und abbilden
 könnten. Er bedarf des Körpers — wie Pomponazzi dies Verhältnis
 in der Sprache der Schule ausdrückt — als Objekt, nicht
als Subjekt: er fordert die sinnliche Vorstellung als den Gegenstand,
 auf den seine Tätigkeit sich richtet, als den Vorwurf,
der ihm zur Bestimmung und Auflösung gegeben ist, aber er
braucht kein sinnlich-dingliches Substrat, das seine Wirksamkeit
erst ermöglichte. So hat der menschliche Verstand seinen Platz
zwischen den „abstrakten“ Intelligenzen und den Tieren, deren

+
        <pb n="129" />
        L1L6 Die Reform der Aristotelischen Psychologie. — Pietro Pomponazzi.

Erkenntnis in den sinnlichen Fähigkeiten aufgeht. Die bloss sensitive
 Seele ist an sich nichts anderes als die Form des physischen
und organischen Körpers, da sie ihre Funktion nur in einem
körperlichen Organ auszuüben vermag und somit den Körper
sowohl als Subjekt, als substantielle Grundlage, wie als Objekt
braucht: die reinen Formen dagegen, wie wir sie als Beweger
der Sternenwelt denken, sind jeglicher Abhängigkeit von der
Materie entrückt, da sie zwar ihrerseits auf die Körper einwirken,
von diesen aber keinerlei Einfluss und keine Einschränkung ihrer
Tätigkeit erfahren. Erst der menschliche Intellekt, als der
Mittler zwischen diesen beiden Arten und Reichen der Wirklichkeit,
 gestaltet das All zu einem continuierlichen, in sich einhelligen
 Ganzen. Er bildet den Uebergang vom abstrakten zum
sinnlichen Sein, sofern er dauernd dem Stoff der Wahrnehmungen
zugewendet bleibt, ohne doch in ihm unterzutauchen und sich
völlig in ihm zu verlieren.®) Die Materie bildet für ihn zwar die
negative Bedingung, ohne welche er seine Wirksamkeit nicht
entfalten könnte, aber sie ist nicht der eigentliche, positive und
reale Grund, aus dem seine Leistung stammt.%) Besässe der
Intellekt kein Vermögen, das aus ihm selbst und seiner unabhängigen
 Wesenheit hervorginge, so müssten sich alle Akte des
Verstandes rein auf quaniitative und körperliche Weise (modo
quantitativo et corporali) vollziehen: d. h. es müsste alsdann
jegliches Sein in seiner bestimmten, konkreten Natur, in seiner
stofflichen, extensiven Grösse in die „Seele“ übergehen und in
ihr einen gleicharligen, propcrtionalen Eindruck hinterlassen.
Damit aber wäre die Erkenntnis auf die Aufnahme und registrierende
 Wiedergabe der besonderen Gegenstände und der
besonderen Fälle eingeschränkt, ohne sich jemals zu echten
allgemeinen Begriffen und zum reflexiven Bewusstsein ihrer
selbst erheben zu können.®) Somit dürfen wir den menschlichen
Verstand zugleich als stofflich und unstofflich bezeichnen:
als stofflich, solern wir nur seine Existenz ins Auge fassen,
die immer nur in Verbindung mit dem Körper möglich ist, als
unstofflich dagegen, sofern wir damit den Wert und die Eigenart
 seiner Funktion gegenüber der Sinnlichkeit zum Ausdruck
bringen wollen. Das Aristotelische Wort, dass die aktive Denkkraft
 von aussen her in die Seele eingeht, wird von Pomponazzi
        <pb n="130" />
        Das Allgemeine und das Besondere.

11°

daher seines eigentlichen metaphysischen Sinnes entkleidet und
lediglich in der Bedeutung einer derartigen logischen Unterscheidung
 gefasst. Die Entscheidung über die Unsterblichkeit
ist damit gegeben: wir können den ganzen philosophischen Sinn
der Behauptung der „Immaterialität“ der Seele festhalten, ohne
dass wir darum ein jenseitiges Dasein, eine reale Ablösung der
Seele vom Körper setzen und zugeben müssten. —
Das correlative Verhältnis von Seele und Körper, das
damit festgestellt ist, spiegelt sich innerhalb der Logik vor allem
in der Beziehung zwischen Begriff und Empfindung, zwischen
dem „Allgemeinen“ und „Besonderen“ wieder. Es entspricht der
Doppelnatur und der Mittelstellung des Menschen, dass er das
Allgemeine weder schlechthin und rein zu erfassen imstande ist,
noch auch von seiner Erkenntnis gänzlich ausgeschlossen ist.
Wir müssen es, um uns seiner zu versichern, im Einzelnen
selbst aufsuchen und betrachten; wir können das echte unvermischte
 Wesen des Begriffs nur in den begrenzten und besonderen
 Erscheinungen erschauen. Selbst der abstrakteste Gedanke
muss an irgend ein bestimmtes, körperliches Bild anknüpfen.
So existiert der Intellekt weder einzig im „Hier“ und „Jetzt“, noch
ist er vom Hier und Jetzt völlig gelöst; so ist seine Wirksamkeit
weder gänzlich allgemein, noch geht sie im Besonderen auf. Sie
ist dem Zeitverlauf eingeordnet und dennoch zugleich über ihn
erhaben, sofern das einzelne Denkgeschehen zwar nur im Zusammenhang
 des psychischen Vorstellungsablaufs von Statten
gehen kann, andererseits aber der Denkinhalt seiner Geltung
nach als zeitlos und unveränderlich erfasst wird.®) Diese Ewigkeit
 des Gedankens, nicht die des Denkenden aber ist es, die
allein zu suchen ist und die den berechtigten Kern in der Forderung
 der „Unsterblichkeit“ ausmacht. Der Geist hat an der Unsterblichkeit
 teil, sofern es ihm gegeben ist, das Allgemeine, wenngleich
 nur im Abbild der sinnlichen Erscheinung, zu erkennen
und sich zu Eigen zu machen.?) Denn wenngleich er vom Individuum
 ausgehen muss, so ist es doch nicht dieses oder jenes
bestimmte Individuum, durch das er bedingt und eingeschränkt
wäre; vielmehr vermag er in jedem beliebigen Einzelnen, das
er als Beispiel zu Grunde legt, sich den universalen Gehalt des Begriffs
 zum Bewusstsein zu bringen. Das Allgemeine ist daher zwar
        <pb n="131" />
        118 Die Reform der Aristotelischen Psychologie. — Pietro Pomponazzi.

der Zeit nach mit dem Einzelnen unlöslich verknüpft, geht ihm
jedoch der „Natur“, d. h. dem logischen Abhängigkeitsverhältnis
nach, voran.®) Der Weg der Erkenntnis vollzieht sich nicht in
einfachem, geradlinigem Fortschritt, sondern besteht in einer
Rückkehr und Umwendung. Wir müssen, nachdem wir vom
besonderen Fall zum Begriff aufgestiegen sind, den Begriff selbst
wiederum im Einzelfall anschauen.?) In dieser Auffassung der
Universalien liegt der Keim zu einem wichtigen Fortschritt der
logischen Methodenlehre, der sich bei Pomponazzis Nachfolger,
bei Giacomo Zabarella, vollzogen hat. (S. unt. No. III.)
Zu voller Schärfe und Deutlichkeit aber gelangt der Grundgedanke
 von Pomponazzis Werk erst in den ethischen Schlussfolgerungen,
 zu denen es hinleitet. Die sittliche Vernunft erst
bildet das eigentliche Vorrecht und die auszeichnende Eigentümlichkeit
 des Menschen, während der spekulative Verstand, wie
der Trieb zu technisch-praktischer Tätigkeit einen gemeinsamen
Zug ausmachen, den wir mit den anderen Intelligenzen höherer
oder niederer Art teilen. Mit der Aufhebung der Unsterblichkeit
nun scheint das sittliche Leben selbst seinen Halt und Mittelpunkt
zu verlieren; mit der Beseitigung des jenseitigen Zieles scheint
alle Zweckbestimmung überhaupt entwurzelt zu sein. Noch die
philosophische Renaissance des Platonismus stand in der Tat unter
dem Banne dieses Gedankens. Wäre die Seele sterblich — so
hatte die Platonische Theologie Ficins gleich von Anfang an argumentiert
 —, so gäbe es kein unglücklicheres Geschöpf als den
Menschen, so wäre der Wert unseres empirischen Daseins vernichtet.
 Für Pomponazzis sittliche Grundanschauung dagegen
steht es fest, dass sich die echte Ethik darin bewähren muss,
dass sie den Zweck des Lebens in diesem selbst zu finden lehrt.
Die Idee der unbegrenzten Fortdauer des Individuums wird durch
die Idee des stetigen Fortschritts und der Höherbildung der
Menschheit abgelöst. In diesem Sinne ist Pomponazzis Lehre
die echte Frucht der humanistischen Welt- und Geschichtsansicht.
Das gesamte Menschengeschlecht ist einem einzigen Individuum
zu vergleichen, in dem alle Bestandteile und Organe sich dem
Einen Zwecke der Erhaltung und des Fortschritts des Ganzen
unterordnen. Wie hier das gemeinsame Ziel dem Wachstum
der einzelnen Glieder bestimmte festumschriebene Grenzen setzt.
        <pb n="132" />
        Die Grundlegung der Ethik.

119

so ist es die sittliche Bestimmung der Menschheit, die das Streben
und die Forderungen der Individuen bemessen und begrenzen
muss. In dieser Bescheidung auf die empirischen Schranken
unseres Daseins gewinnen wir eine höhere Idealität‘ und einen
neuen Ausblick auf die Unendlichkeit, die uns im wirklichen
Leben der Geschichte selbst gegeben ist. Die moralischen Gesetze
 finden erst jetzt ihren festen Halt, indem sie nicht als
fremde und äussere Gebote, die durch Hoffnung und Furcht erzwungen
 werden müssen, sondern als selbständige Satzungen und
Forderungen, die aus unserem eigenen Wesen stammen, erkannt
werden. Zum erstenmale in der modernen Ethik tritt hier in
voller Bestimmtheit der Gedanke der Autonomie des Sittlichen
hervor.“) So zeigt sich die negative Auflösung eines metaphysischen
 Satzes in Wahrheit überall als eine neue Schöpfung und
als Begründung einer veränderten Wertschätzung des immanenten
 Seins. Bezeichnend in dieser Rücksicht ist das Wort
des Cardano, dass diejenigen, die die Sterblichkeit der Seelen
verfechten, das Sein des Menschen erhöhen und vergöttlichen, indem
 sie es zum Selbstzweck machen.“) Von hier aus fällt daher
auch auf die logische Grundabsicht von Pomponazzis Lehre neues
Licht. Wie das Christentum, so verlegt auch der Platonismus
Ficins das echte Leben des Geistes zuletzt in eine jenseitige Wirklichkeit,
 die von den empirischen Bedingungen der Körperwelt
befreit ist. (Vgl. ob. S. 107 f.) Die „Reinheit“ des Begriffs bedeutet
hier seine Abwendung und Loslösung von der Erfahrung.
Die nächste Aufgabe, die der modernen Erkenntnislehre gesetzt
war, bestand darin, die Selbständigkeit und Universalität des
Denkens festzuhalten, sie aber in der Beziehung auf den empirischen
 Stoff selbst zu begründen. Pomponazzis Werk über die
Unsterblichkeit ist ein Schritt auf diesem Wege; die notwendige
Zusammengehörigkeit von Seele und Leib, die es verteidigt, beruht
 auf der tieferen Einsicht der wechselseitigen Beziehung
zwischen der Sphäre des Intelligiblen und des Sinnlichen. Nunmehr
 bewährt sich uns der Satz, dass die verschiedenen philosophischen
 Richtungen der Renaissance sich am Erkenntnisproblem
zu einem einheitlichen Ziele zusammenfinden. (Vgl. ob. 5. 88 f.)
In der neueren Philosophie finden sich die Gesichtspunkte Ficins
und Pomponazzis vereint: Leibniz, der in der Charakteristik der
        <pb n="133" />
        120 Die Reform der Aristotelischen Psychologie. — Giacomo Zabarella.

reinen Denkfunktion und in ihrer Unterscheidung von der Wahrnehmung
 an die Platonische Lehre anknüpft, stimmt auf der anderen
 Seite mit Pomponazzis psychologischem Hauptsatz, dass
auch der abstrakteste Gedanke von sinnlichen Vorstellungen und
Bildern begleitet sein muss, überein. Die beiden Ansichten, die
sich in der Philosophie der Renaissance noch wie zwei feindliche
Pole gegenüberzustehen scheinen, konnten ihre logische Ausgleichung
 erst finden, nachdem die moderne mathematische Physik
 ein neues Verhältnis und eine neue Correlation von Erfahrung
und Denken geschaffen hatte. —
Innerhalb der Schule von Padua, die im ganzen gleichfalls an
die Aristotelische Ueberlieferung gebunden bleibt, lässt sich eine
analoge Wendung vor allem bei Giacomo Zabarella verfolgen.
Sie tritt, wie wir sehen werden, besonders in seinen logischen
Schriften hervor, aber auch die Grundlegung der Psychologie,
die er in seinem Commentar zu Aristoteles’ Schrift über die Seele
vollzieht, zeigt den gleichen charakteristischen Kampf der verschiedenen
 Denkmotive. Wieder beginnt Zabarella mit der
Frage, die im Mittelpunkt des Streites zwischen Averroisten und
Alexandristen steht. Ist die Seele des Menschen, als „forma informans“
 oder als „forma assistens“ zu denken, d. h. ist sie es,
die das Dasein und Leben des Körpers erst erschafft und constituiert,
 oder aber hedeutet sie eine losgelöste und selbständige Natur,
die zu dem fertigen Stoffe von aussen her hinzutritt? Ist sie,
wenn wir den Leib einem Schiffe vergleichen, ihm derart beigegeben
 und verknüpft, wie die Gestalt des Schiffes, ohne welche
wir seine Existenz nicht zu denken vermögen, oder herrscht sie
in ihm nur wie der Steuermann, der das Fahrzeug, das seiner
Beschaffenheit und seinem Dasein nach von ihm ebenso unabhängig
 ist, wie er von ihm, nach seinem Willen lenkt und
bewegt? Besteht, mit anderen Worten, der Mensch aus einer
Zusammensetzung für sich bestehender, ungleichartiger Naturen,
oder handelt es sich, wenn wir in ihm zwei Wesenheiten unterscheiden,
 nur um verschiedene Gesichtspunkte, unter denen
unser Gedanke die einheitliche Grundtatsache des Bewusstseins
erfasst? 4’) In der Auflösung dieser Fragen hält Zabarella in
allen wesentlichen Punkten die Richtung ein, die Pomponazzi
gewiesen hatte. Schärfer und strenger noch als dieser, sucht er
        <pb n="134" />
        Das Absolute und der „tätige Verstand“.

121

die Selbständigkeit und Freiheit des Denkens so zu bestimmen,
dass darüber die Einheit des Ich und des Menschen nicht verloren
 geht: deutlicher noch spricht er aus, dass der Intellekt hinsichtlich
 seiner begrifflichen Leistung, nicht hinsichtlich seines
konkreten Seins als „rein und unvermischt“ zu bezeichnen ist.
Die volle immanente Begrenzung des Denkens und seiner Tätigkeiten
 indes wird auch bei ihm nicht erreicht: auch bei ihm
ist es im letzten Grunde der absolute „göttliche Geist“, der die
„Phantasmen“, der unsere sinnlichen Vorstellungsbilder durchleuchten
 und erhellen muss, damit sie sich zu den reinen wahrhaften
 Begriffen entwickeln. Die Vorstellung würde, sich selbst
und ihrer eigenen Natur überlassen, stets beim Einzelnen verharren:
 es bedarf einer äusseren jenseitigen Mitwirkung, um den
Geist zur Erfassung des Allgemeinen zu befähigen und zu erheben.
Nur soll das „Absolute“ nicht mehr, wie bisher, als unmittelbare
Triebkraft in den Mechanismus des seelischen Geschehens eingreifen,
 sondern als ein ideeller Zielpunkt gedacht werden, den
sich das Denken vorhält und der der Entwicklung seiner eigenen
Kräfte die Richtung gibt. Nicht als tatsächliche bewegende Ursache,
 sondern als vorgestecktes und vorgesetztes Ziel, nicht
durch sein „substantielles“, sondern durch sein „vorgestelltes“
Sein wirkt der reine aktive Intellekt auf die Entfaltung und
Klärung des Bewusstseins ein: „intellectus activus est agens ut
intelligibilis et agit ad modum objecti“. Es ist der „passive“, der
menschliche Intellekt, der, indem er die sinnlichen Eindrücke
und Spezies beurteilt, den Akt der Erkenntnis hervorbringt;
aber er vermöchte diese Leistung nicht zu vollziehen, wenn er
in ihr nicht über seine eigenen Grenzen hinausblickte.#) So
zeigt sich auch hier das charakteristische Doppelmotiv, das der
gesamten gedanklichen Bewegung, die wir verfolgt haben, zu
Grunde liegt: das „Absolute“ kann nicht völlig entbehrt werden,
aber es wird als eine Forderung verstanden, die der Geist selbst
sich vorhält, so dass es nunmehr gleichsam in die Substanz des
Bewusstseins verschmolzen und umgewandelt wird. —
        <pb n="135" />
        AL NE

L22

Die Auflösung der scholastischen Logik.

IT.

Die Auflösung der scholastischen Logik.
Wenn man die Fülle der mittelalterlichen logischen Literatur
 überblickt, wenn man sieht, wie noch im 1öten und 16ten
Jahrhundert — nach der Darstellung und dem Urteil Prantls —
eine erschreckend ausgedehnte und umfangreiche Nachblüte der
scholastischen Logik sich entwickelte, so könnte, was die neue
Gedankenrichtung, was insbesondere der Humanismus an logischen
 Leistungen hervorgebracht hat, dagegen als kümmerlich
und geringfügig erscheinen. In der Tat handelt es sich in dem
Kampfe gegen das Mittelalter, wie er hier zunächst geführt wird,
nicht sowohl um eine tiefere sachliche Neugestaltung der Prinzipienlehre,
 als um eine Kritik des Schulbetriebes, die von äusserlichen
 Umständen ausgeht und sich insbesondere gegen die herrschende
 sprachliche Verwilderung kehrt. Nachdem Petrarca
auch in diesem Punkte vorangegangen war und die Waffen geschmiedet
 hatte, wird der Kampf des modernen Grammatikers
gegen die Barbareien der schulmässigen Dialektik zu einer beständigen
 und integrierenden Aufgabe der humanistischen Erneuerung
 der Wissenschaft. Pico von Mirandola, der in einem
Briefe an Ermolao Barbaro die Sache der scholastischen „Philosophie“,
 der er selbst noch sechs Jahre angehört hatte, gegen die
Vorwürfe der Rhetoren zu verteidigen unternimmt, endigt dennoch
mit dem bezeichnenden Zugeständnis, dass sich die aesthetischen
Forderungen des Ausdrucks von denen, die aus der Sache selbst
fliessen, nicht trennen lassen. Nicht Wohlredenheit, wohl aber
Klarheit und sprachliche Richtigkeit sind es, die der Gedanke
von sich selbst aus fordern muss: „non exigo a vobis orationem
comptam, sed nolo sordidam; nolo unguentatam, sed nec hircosam;
non sit lecta, nec neglecta, non quaerimus ut delectet, sed querimur
 quod offendat‘“.*) Aus solchen Wendungen, in denen ein
neuer Stil sich zugleich betätigt und behauptet, spricht dennoch
kein lediglich literarisches Interesse. Die Sprache und die
Terminologie des Mittelalters ist keine bloss zufällige und äussere
Hülle des Gedankens, sondern sie birgt in ihrer Entwicklung dieselben
 Motive in sich, durch die auch die Ausbildung der logischen
 Lehren beherrscht wurde, Die Scholastik bewährte, trotz
        <pb n="136" />
        Zerenzo Valla.

123

aller Barbarismen, doch darin echte sprachbildende Kraft, dass
bei ihr, in allen wesentlichen Hauptzügen, Ausdruck und Gedanke
in Einklang gesetzt und erhalten sind. Wortbildungen wie entHitas,
 quidditas, haecceitas, über die die humanistische Gelehrsamkeit
 so witzig und treffend zu spotten weiss, bezeichnen dennoch
 deutlich die Denkart, aus der sie hervorgegangen sind; die
Vorherrschaft der abstrakten Substantiva ist charakteristisch
für eine Auffassung der Natur und des Geistes, der alle Eigenschaften
 und Tätigkeiten sich in dingliche Substanzen verwandeln.
 Aus diesem Wechselverhältnis zwischen Begriff und
Wort, auf das schon Leibniz in der Abhandlung über den philosophischen
 Stil des Nizolius hingedeutet hat, erklärt es sich,
dass die Kritik des Stils in der Renaissance zu einer philosophischen
 Aufgabe erhoben werden kann und dass ihre Ergebnisse
mittelbar zur Kritik der Erkenntnis mitwirken. —
Das Werk, bei dem dieser Zusammenhang sich zuerst darstellt,
 sind Lorenzo Vallas „Dialektische Disputationen“. Um
dieser Schrift gerecht zu werden, muss man sie nicht nach den
Neuerungen beurteilen, die sie am Inhalt der Logik vollzieht.
Wenn YValla die Aristotelische Kategorienlehre durchmustert, wenn
er die Zahl der Kategorien von Zehn auf Drei herabsetzen und das
konkrete Einzelding an die Spitze gestellt sehen will, so liegt in
solcher Vereinfachung kein sachlicher Fortschritt. Was an dem
Werke neu und original ist, ist nicht sein wissenschaftlicher Gehalt,
 sondern die Stimmung, aus der es entsprungen ist und das
persönliche Pathos, das in ihm zum Ausdruck kommt, Vallas
Angriff auf die Logik seiner Zeit ist nur aus dem Ganzen seiner
Leistungen und seiner Persönlichkeit zu begreifen. Ihm ist die
Philologie nicht Selbstzweck, nicht in sich abgeschlossene und
selbstgenügsame Gelehrtenkultur, sondern sie bedeutet ihm überall
 das Grundmittel zur Entdeckung der lebendigen, geistigen
Wirklichkeit. Sie wird ihm zum Fundament und Instrument
der Kritik, die er nach allen Richtungen und auf allen Gebieten
betätigt. Ob er die Fehler der Vulgata oder die Widersprüche
der geschichtlichen Ueberlieferung in Livius’ Römischer Geschichte
aufdeckt, ob er der Entstehung der Constantinischen Schenkungsurkunde
 oder des kirchlichen Symbols nachgeht: stets ist es nicht
sowohl die Sache selbst. als die Freude an der kritischen Betäti-
        <pb n="137" />
        124 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Lodovico Vives.

gung und Befreiung, die er geniesst und die ihm das treibende
Motiv ist. Hierin ist Valla der echte und typische Vertreter des
humanistischen Lebens- und Selbstgefühls, das sich in gleicher
Intensität wie bei ihm nur noch bei Erasmus findet, bei dem
es zwar im Ausdruck reifer und gemässigter geworden ist, bei
dem es indes auch weniger naiv und ungebunden hervortritt. So
liegt auch dem Kampf gegen die Dialektik zunächst ein subjektiver
 Affekt zugrunde, den man in der rhetorischen Behandlungsweise
 des Stoffes noch überall deutlich hindurchfühlt. Es ist die
Ueberlegenheit des neuen persönlichen Bildungsideals über
die abstrakte Schulgelehrsamkeit, die hier zum erstenmal zum
Ausdruck drängt. Die Rhetorik, die den Einsatz der gesamten
Persönlichkeit des Redners fordert, die stets auf den konkreten
Menschen wirken will und daher die genaue psychologische Kenntnis
 der Totalität aller seiner Lebensäusserungen voraussetzt, steht
höher als die trockene, schematische Zergliederung des Wissensstoffes,
 die die Dialektik vollzieht. Diese begriffliche Zerlegung
kann immer nur als Vorbereitung und als Hilfsmittel der echten
„Ueberzeugungskunst“ gelten, die allein der Redner entfaltet. Daher
 denn auch die Logik so einfach ist, dass man sie in ebensoviel
 Monaten erlernen kann, als man zur Sprachwissenschaft
und Beredtsamkeit Jahre braucht.“) Wenn daher Valla Quintilian
über Cicero stellt und aus ihm fast seine gesamte Lehre von der
Beweisführung entlehnt, so geschicht das mit der paradoxen Begründung,
 dass Cicero den Wert der Rhetorik gegenüber der Philosophie
 — unterschätzt habe. Die Philosophie ist der gemeine
Soldat oder Tribun, der unter der Herrschaft und dem Oberbefehl
der Rede steht. „Ich wünschte daher, dass M. Tullius sich nicht
als Philosophen, sondern als Redner gegeben hätte; er hätte alsdann
 alles rhetorische Handwerkszeug kühn zurückgefordert —
denn alles, was die Philosophie sich in dieser Hinsicht anmasst,
gehört in Wahrheit uns — und hätte, wäre es ihm verweigert
worden, das Schwert, das er als Befehlshaber von der Königin Rede
erhalten, gegen die philosophischen Freibeuter gezückt, um sie
nach Gebühr zu züchtigen. Denn wieviel klarer, gewichtiger und
erhabener werden doch alle Gegenstände von den Rednern, als
von verworrenen, blutlosen und trockenen Dialektikern behandelt!“
 16) Diese Worte, die Antonio Panormita in Vallas Dia-
        <pb n="138" />
        Die Schrift „gegen die Pseudodialekhtiker“.

125

logen „über die Lust“ spricht, decken die innerste Gesinnung der
humanistischen Kritiker auf und legen den Grund dafür bloss, dass
von hier aus eine positive wissenschaftliche Erneuerung der Logik
nicht zu leisten war. —
Dass trotz alledem die Anregung und der Anstoss, der hier
einmal gegeben war, geschichtlich weiterwirkte, lehrt das Beispiel
eines Denkers, bei dem sich das polyhistorische Wissen der Zeil
bereits mit einer philosophischen Grundabsicht, mit der Tendenz
zu einer durchgehenden Reform des Erziehungswesens verbindet.
 In Lodovico Vives’ Schrift „gegen die Pseudodialektiker“
 wird nicht mehr einzig vom Standpunkt der Grammatik,
sondern zugleich von dem der Pädagogik das Gericht am scholastischen
 Ideal des Wissens vollzogen. Die Ausbildung in der
Dialektik spiegelt dem Geiste einen scheinbaren Besitz vor, durch
den er von der Erwerbung gründlicher Kenntnisse zurückgehalten
und gegen die Kriterien und Forderungen der Gewissheit und
Notwendigkeit abgestumpft wird. In dem Bilde, das Vives von
dem Zustand des gelehrten Unterrichtes seiner Zeit entwirlt,
spürt man, durch allen rhetorischen Schmuck hindurch, die
Kraft und Wahrheit eines persönlichen Bekenntnisses. „Du selbst
und meine Mitschüler — so schreibt er an Johannes Fortis —
bist Zeuge, dass ich diesen Wahnwitz nicht nur oberflächlich
gekostet, sondern bis in sein Innerstes eingedrungen bin. Nicht
um mich zu rühmen sage ich es, denn wahrlich, ich erblicke
darin keinen Grund zu Ruhme. Hätte ich es doch in diesen
Dingen weniger weit gebracht; denn was ich so mit noch unberührtem
 und empfänglichem Geiste in mich aufgenommen habe,
haftet nun so fest in mir, dass ich mich durch keine Kunst
davon zu lösen vermag und dass es mir wider Willen immer
wieder entgegentritt und mich in meiner gegenwärtigen Betrachtung
 hemmt. So habe ich nur den Wunsch, das zu verlernen,
 was andere eifrig zu lernen sich mühen, so möchte ich
nur, dass man dieses Wissen wie ein Kleid vertauschen oder wie
Geld und Waren verschenken könnte. Wenn es so Manchen
gibt, der diese Kostbarkeiten um hohen Preis zu kaufen wünscht,
so gäbe ich viel darum, mich dieser unwissenden Gelehrsamkeit
entledigen zu können.“ In der weiteren Ausführung, aus der man
ein anschauliches Bild der allgemeinen Kultur der Zeit gewinnt.
        <pb n="139" />
        126 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Lodovico Vives,

ist es wiederum die Reinheit der Sprache, die als Prüfstein und
Kriterium hingestellt wird. Schon aus dem Namen der Dialektik
geht hervor, dass sie „Wissenschaft der Rede“ (scientia de sermone)
sein will. Von welcher Art der Rede aber handelt die schulmässige
Logik und Disputierkunst? Bezieht sie sich auf die französische
oder spanische, auf die gotische oder vandalische Sprache? „In
der Tat eine wunderbare Dialektik, deren Sprache, die sich selbst
für Latein ausgibt, Cicero, wenn er jetzt auferstehen könnte, nicht
verstehen würde!“ Die Erfindung willkürlicher Worte und Wendungen,
 die im Gegensatz zum herrschenden Gebrauch stehen, ist
ein nicht geringerer Fehler in der Logik, als in der Grammatik und
Rhetorik. Denn alle diese drei Wissenschaften der Rede haben
ihre Schranke und ihren gültigen Maassstab an der lebendigen
Sprache, die sie nicht selbständig erfinden und nach ihrem Belieben
 meistern können. „Denn zuerst bestand die lateinische oder
griechische Sprache; dann erst wurden in ihr grammatische, rhetorische,
 dialektische Formen beobachtet, nach denen indes die
Sprache nicht willkürlich umgemodelt wurde, sondern die vielmehr
der Sprache folgen und sich ihr anpassen mussten.“ So sucht
Vives, wie vor ihm Valla, das Correktiv gegen die unfruchtbaren
Subtilitäten der Scholastik in dem‘ Rückgang auf das natürliche
psychologische Denken des Menschen, das ihm freilich ohne
weiteres mit dem natürlichen Sprachgebrauch zusammenfällt.
Die Dialektik, als eine Wissenschaft der Zeichen, darf nicht zum
Selbstzweck entarten; sie kann ihren Wert und ihr relatives
Recht nur zurückgewinnen, wenn sie sich bescheidet, als Mittel
und Vorbereitung der Gegenstandserkenntnis zu dienen.
Töricht aber wäre es, seine Zeit mit der Bereitung und Verbesserung
 des Instruments zu vergeuden, statt alsbald an das
Werk selbst heranzutreten, zu dessen Gebrauch es geschaffen ist.
„Was würde man wohl zu einem Maler sagen, der sein Leben
damit hinbrächte, den Pinsel zurecht zu machen und die Farben
zu reiben; was zu einem Schuster, der nichts anderes täte, als
die Nägel und Pfriemen und sein sonstiges Handwerkszeug zu
schärfen!“ 47)
Die gedankliche Stimmung und Tendenz, die aus diesen
Sätzen spricht, ist freilich nicht nur der hergebrachten Logik
sondern nicht minder jedem Versuch einer Zergliederung und
        <pb n="140" />
        Die Kritik der Ontologie,

127

Prüfung der Erkenntnis feind. In Vives’ systematischem Hauptwerk
 „de disciplinis“ wird daher jede allgemeine Theorie, die
den besonderen positiven Lehren vorausginge und sie begründete,
ausdrücklich abgewiesen. Als der Grundfehler des Aristoteles gilt
es hier, dass er in der Dialektik das sachliche Fundament, den
Maassstab der Wahrheit oder Falschheit aller wissenschaftlichen
Urteile sieht: ein Irrtum, der allerdings verzeihlich gefunden wird,
weil er durch keinen Geringeren als durch Platon verschuldet
sei. Die Aufgabe, die von beiden der Logik gestellt wird, aber
vermag in Wahrheit nur die Gesamtheit der Einzelwissenschaften
 zu erfüllen und zu lösen. Die Wissenschaften müssen
sich ihre Grundlagen selbst geben; denn welche andere Disziplin
 z. B. versichert mich der Wahrheit des Gesetzes, dass sich
aus zwei spitzen Winkeln ein rechter bilden lässt, als die Geometrie?
 Aristoteles selbst hat die Hauptkategorien, die er an die
Spitze stellt, in Wahrheit nicht der Logik als solcher, sondern
seiner Metaphysik und ersten Philosophie entlehnt. Die Einteilung
 in die zehn Klassen ist bei ihm völlig willkürlich und
erklärt sich nur aus einer Nachwirkung, die die Philosophie der
Pythagoräer und Megariker auf ihn geübt. So beruht überall
der scheinbar allgemeine und formale Gehalt, den die Dialektik
entwickelt, in Wahrheit auf versteckten sachlichen Voraussetzungen,
 die sie den realen Wissenschaften entnimmt. Weil er diesen
Zusammenhang verkannte, musste Aristoteles das wahre Einteilungsprinzip
 der Logik verfehlen; die Kategorien sind bei ihm
nicht nach der Ordnung der sinnlichen Erfahrung und
der Erkenntnis, sondern nach der angeblichen Ordnung der
absoluten Dinge gegliedert. Wie aber könnte diese Wesenheit
der Dinge den Maasstab bilden, wie liesse sich behaupten, dass
die Begriffe unseres Verstandes ihr entsprechen müssten, da sie
uns doch niemals an und für sich bekannt und gegeben ist? Hätte
Aristoteles die Rangordnung des Wissens streng eingehalten, so
hätte er nicht mit der Substanz, sondern mit den „Inhaerenzen“,
mit den Beschaffenheiten und Eigenschaften beginnen müssen ;*®)
denn nicht das unbedingte Sein des Gegenstandes, sondern nur
die verschiedenen empirischen Bestimmungen, die uns in der Erscheinung
 gegeben sind, bilden den eigentlichen Anfang der Er:
Yenntnis.
        <pb n="141" />
        128 Die Auflösung der scholastischen Logik, — Lodovico Vives,

Ein zweiter fundamentaler Einwand betrifft die Begründung,
die Aristoteles von den „letzten Prinzipien“, die aller Beweisführung
 zu Grunde liegen sollen, gegeben hatte. Die Behauptung
solcher unbedingten und unmittelbaren Begriffe und Urteile wird
bei ihm rein dogmatisch und ohne den Versuch einer näheren
Rechtfertigung. eingeführt: weil es ein Ende des Beweises geben
muss, darum müssen bestimmte axiomatische Grundlagen
(dpesa) angenommen und geglaubt werden. Was aber versichert
uns, dass der psychologische Schein der „Evidenz“ uns
auch über die sachlich letzten und ursprünglichsten Beziehungen
 aufklärt; was verschafft diesem individuellen Kennzeichen
 der Gewissheit allgemeine und notwendige Geltung für
alle Subjekte? Will man sich hier auf die Uebereinstimmung
aller Denkenden, auf den „gesunden Menschenverstand“ als Richtschnur
 berufen, so kann die tägliche Erfahrung uns über die
Veränderlichkeit und Relativität dieses Maasses belehren: denn
jedes Individuum und jedes Zeitalter besitzt andere Grundsätze,
die ihm die ersten und unableitbaren heissen. So wird alle Beweisführung,
 wenn sie sich auf diesem Boden erheben soll, zur
variablen Norm, die sich dem Gebäude, das mit ihrer Hilfe errichtet
 werden soll, anbequemen muss, statt dass sie dieses der
eigenen Regel unterwürfe und anpasste.*®) Wenn Aristoteles
ferner, um die Art zu erklären, in der wir zu den letzten Prinzipien
 gelangen, auf die Induktion verwiesen hat, so liegt auch
hier der Zirkelschluss deutlich zu Tage: denn welche Induktion
vermöchte uns der Allheit der Fälle und damit der Notwendigkeit
 des Schlusssatzes zu vergewissern? In der empirischen
Betrachtung des Einzelnen, das als eine unendliche Mannigfaltigkeit
 vor uns ausgebreitet ist, gibt es nirgends einen festen
endgültigen Abschluss, gibt es somit keine unaufhebliche Gewissheit,
 wie die wahrhaft unbedingten Grundsätze sie fordern.
Scheinbare und relative Allgemeinheiten aber vermögen hier
nicht zu genügen: hat doch die Entwickelung der neueren
Wissenschaft unsere Anschauung des Kosmos, die durch die Erfahrung
 der Jahrhunderte bestätigt und gesichert schien, als irrig
erwiesen und dadurch miltelbar gezeigt, dass eine Ansammlung
besonderer räumlicher und zeitlicher Wahrnehmungen uns niemals
 zu wahrhaft universellen Urteilen führen kann.)
        <pb n="142" />
        Die logischen Anfänge der Erfahrungswissenschaft, 129

In diesen Sätzen bereitet Vives bereits deutlich die Kritik
vor, die von den Klassikern der exakten Naturwissenschaft, vor
allem von Galilei an Aristoteles geübt werden sollte. Im Ganzen
seiner Polemik aber liegen fruchtbare und positive Anregungen
und ungeklärte Einwände und Forderungen noch ungesondert
nebeneinander. Was er mit Recht bekämpft, ist die Vermischung
 der Logik mit der Ontologie, die die Signatur
des. mittelalterlichen Philosophierens ausmacht. Das „absolute
Sein“ der Dinge, wie sie unabhängig vom Bewusstsein bestehen,
kann nicht unmittelbar durch unsere Begriffe verbürgt und abgeleitet
 werden; was uns allein vergönnt ist, ist, auf Grund der
empirischen Beobachtung zu einer Kenntnis und Voraussage der
Erscheinungen zu gelangen. In diesem Sinne hat Vives — in
seiner Schrift „de anima et vita“ — auch die Umgestaltung der
Psychologie vollzogen, deren Aufgabe er darein setzt, nicht das
unerkennbare „Wesen“ der Seele zu erschliessen und definitorisch
zu bestimmen, sondern die psychischen Phänomene und ihre
Zusammenhänge kennen zu lehren. Ueberall bildet somit die
Loslösung der Erfahrungswissenschaften von der Metaphysik
und metaphysischen Logik sein eigentliches Ziel. Aber er vermag
diese Befreiung nur dadurch zu vollziehen, dass er den besonderen
 Disziplinen die Aufgabe zuweist, sich selbst ihren Grund
zu legen, und dass er den Gedanken einer einheitlichen philosophischen
 Begründung der Voraussetzungen und Bedingungen
der Erkenntnis verwirft. Demselben Verdikt, wie die mittelalterliche
 Dialektik verfällt daher jetzt auch jede Art der „Erkenntniskritik“;
 mit der Logik der „substantiellen Formen“ wird
auch die Logik der Erfahrung und ihrer immanenten Inhalte
abgewiesen. Die Folge hiervon aber ist, dass Vives, der auf eine
intimere Verknüpfung der Philosophie mit den objektiven Wissenschaften
 der Natur ausging, die letzte Einheit alles Wissens, deren
er dennoch nicht zu entraten vermag, in der Grammatik und
Rhetorik suchen muss.

Auch in den Werken von Petrus Ramus bleibt dieser
Zusammenhang bestimmend. Was er der herrschenden Lehre
an eigentlich neuen logischen Leistungen entgegensetzl. bleibt
        <pb n="143" />
        a

130 Die Auflösung der scholastischen Logik, — Petrus Ramus,

dürftig und fragwürdig. Nicht auf den eigenen, originalen Gedanken,
 sondern auf der Lebhaftigkeit, mit der er bestimmte,
allgemein verbreitete Tendenzen der Zeit aufgreift und zu Worte
kommen lässt, beruht seine geschichtliche Wirkung. Dennoch
löst sich aus all dem deklamatorischen Beiwerk, von dem seine
logische‘ „Reform“ umgeben und überwuchert ist, wenigstens
ein wichtiger sachlicher Gesichtspunkt heraus, indem nunmehr
die Mathematik als das Vorbild und Muster bezeichnet wird.
nach dem der Aufbau der Dialektik sich vollziehen muss. Ramus
 selbst berichtet, wie die tiefere Kenntnis der Platonischen
 Dialoge es war, die ihm zuerst über die Unfruchtbarkeit
des scholastischen Wissens die Augen geöffnet und ihm den Weg
zu den wahren Zielen der Erkenntnis gewiesen habe. Diese Einwirkung
 lässt sich in seinen Werken überall deutlich verfolgen,
wenngleich sie nicht so rein und ungetrübt, wie bei den eigentlichen
 Schöpfern der neueren Wissenschaft, hervortritt. Das
Ideal der Dialektik, das er zeichnet, ist fast völlig dem sechsten
Buche der Platonischen Republik entlehnt: wie hier, so bilden
bei ihm Grammatik und Rhetorik, Arilhmetik und Geometrie,
Musik und Astronomie die verschiedenen Stufen und Staffeln,
vermöge deren die „Rückwendung“ von den Schattenbildern der
Sinnlichkeit zur Anschauung des wahrhaft Seienden sich vollzieht.)
 So ist ihm denn auch — im Gegensalz zu Vives — die
echte Dialektik wieder die „Königin und Göttin“, die über alle
einzelnen Wissenschaften und Fertigkeiten herrscht. Aber diese
ihre Bedeutung und dieser ihr eigentümliche Wert kann nur
dann hervortreten, wenn wir sie nicht in dem entstellten Bilde
betrachten, das uns Aristoteles von ihr überliefert hat, sondern
sie bis zu ihren echten Quellen im menschlichen Geiste selbst
zurückverfolgen. Das Ziel der Neuerung ist in Wahrheit die
Wiederherstellung der ursprünglichsten und „ältesten“ Prinzipien
 des Denkens: es gilt zu der edlen Selbständigkeit und Unabhängigkeit
 der Alten zurückzukehren, um mit ihnen gegen die
Widersacher und Feinde des eigensten Besitzes der Menschheit
zu streiten. 2)
So bildet auch hier die psychologische Erkenntnis des
menschlichen Geistes und die Beobachtung des natürlichen Denkverlaufs
 den Ausgangspunkt. Jede Wissenschaft muss. bevor sie
        <pb n="144" />
        Die „natürliche Dialektik“,

131

beginnen kann, ein ideales Vorbild vor sich aufstellen, muss
ein Muster bezeichnen und bestimmen, dem sie nachstrebt und
das sie zu erreichen trachtet. So besitzt die Physik einen derartigen
 Maassstab und eine derartige Begrenzung in der Beschaffenheit
 der Naturohjekte; so muss der Mathematiker alle
seine Sätze zuletzt auf. reine anschauliche Grundformen und Ge-:
stalten zurückbeziehen, wie der Sprachgelehrte und Redner den
natürlichen Sprachgebrauch befragen muss. Alle Kunst findet
somit ihre Stütze und ihre feste Regel in irgend einer dauernden
und unveränderlichen Natur: „artium veritas prius in natura
viguit, quam ulla praecepta cogitarentur“. Nur die Dialektik hat
sich bisher, in einem falschen Unabhängigkeitsstreben, diesem
gemeinsamen Gesetz und dieser gemeinsamen Kontrolle entzogen;
damit aber hat sie sich zugleich jeder willkürlichen Erdichtung
wehrlos überliefert. Wie ein Maler die menschliche Gestalt und
die Züge des menschlichen Gesichtes im Einzelnen nachzubilden
strebt, so muss es das höchste Ziel der logischen Wissenschaft
werden, die „natürliche Dialektik“ wiederzugeben und sie in
ihren eigenen und cchten Farben zum Ausdruck zu bringen.®®)
Erst wenn die Kunst diesen ihren wahren Ursprung begreift und
anerkennt, vermag sie, in ihrer höchsten Entwicklung, rückgewandt
 wiederum zur Führerin und Meisterin der Natur zu werden.
„Denn keine Natur ist so fest und beständig, dass sie nicht
durch die Erkenntnis ihrer selbst und durch die Beschreibung
ihrer Kräfte an Festigkeit und Sicherheit gewönne: keine ist so
kraftlos und gebrechlich, dass sie nicht durch Hilfe der Kunst
zu grösserer Energie und Klarheit zu gelangen vermöchte. Die
Natur enthält die lebendigen Kräfte, die dank dem Rat und der
Leitung der Kunst zu reiner und unverdorbener Entfaltung
kommen.“#) Die Aristotelische Logik und Syllogistik ist es, die
bisher den Geist in spanische Stiefeln eingeschnürt hat: sollen wir
dulden, dass die Natur vergewaltigt und der Fuss zerbrochen
wird, statt diese willkürliche Fessel abzustreifen?®)
In der „natürlichen“ Entwicklung des Geistes: nun steht
auch für Ramus die Sprache an erster Stelle. ‘ Sobald in uns
das Bewusstsein der Notwendigkeit erwacht ist, von der fliessenden
Erscheinung zum einheitlichen und dauernden Sein zurückzugehen,
 finden wir in ihr die erste und sichere Leitung. Hier
        <pb n="145" />
        A

L32 Die Auflösung der scholastischen Logik, — Petrus Ramus,

zuerst tritt uns ein Beispiel dafür entgegen, wie die unendliche
Mannigfaltigkeit der Dinge sich im Denken genau und
harmonisch abbilden und wiedergeben lässt; hier zuerst erfassen
wir daher auch das Wesen des eigenen Geistes und die unverbrüchlichen
 Gesetze des Urteilens. Erst nachdem dieser
Schritt getan, werden wir auch in den physischen Objekten
die Spuren einer höheren und geistigen Wahrheit zu entdecken
und ihren inneren Zweckzusammenhang zu verstehen vermögen.
Psychologie und Physik bereiten uns sodann, in ihrer Gesamtheit,
 zum tieferen Verständnis des Mathematischen. vor,
durch das wir die Prinzipien der Naturdinge erst im helleren
Lichte erblicken und von den Schattenbildern selbst zu ihren
Ursachen fortschreiten. So dient insbesondere die Arithmetik
nicht nur, die Fülle der Gegenstände zu gliedern und zu beherrschen,
 sondern ist vor allem das Werkzeug, den Geist zu
schärfen und ihn der Erkenntnis seiner göttlichen Wesenheit
näher zu bringen. „Auf welchem anderen Wege gelangen wir
mitten in der Illusion des sterblichen Daseins, die uns umfängt,
zu tieferer Einsicht in die Beschaffenheit und Lage unserer unsterblichen
 Natur? Beklagen wir es, dass der Blick des Menschen
 durch das Dunkel, mit dem ihn der Körper umschliesst, getrübt
 ist: die Mathematik schafft ihm Klarheit und Licht, sodass
er die unabsehbare Vielheit der Dinge nach Zahl und Beschaffenheit
 zu unterscheiden vermag. Jammern wir darüber,
dass der Mensch in die engen Schranken des Körpers, wie in ein
Gefängnis gebannt sei: die Mathematik befreit ihn und macht
den Menschen grösser als das ganze Weltall, sodass er, der
nicht den millionsten Teil eines Punktes von ihm ausmacht, es
in seiner Gesamtheit und mit Augen, die weiter reichen als es
selbst, anschaut... Sie ist es, die ihn in sein ursprüngliches, väterliches
 Erbe einsetzt und die ihm die Urkunden dieses köstlichen
Besitzes nicht nur deutet, sondern die sie beglaubigt und auf ihren
göttlichen Ursprung zurückleitet. Beklagen wir den Menschen,
dass er durch die Gewalt und den Sturm der Leidenschaften
ziellos hin und hergeworfen werde: die Mathematik schafft ihm
die Ruhe des Gemüts, sie löst die widerstrebenden Bewegungen
der Seele harmonisch auf und führt sie, unter der Herrschaft der
Vernunft, zur Eintracht und zum Zusammenklang. „Quam coeleste,
        <pb n="146" />
        Der Vebergang zur mathematisch-naturwissenschaftl. Renaissance. 138

quamque deorum proprium est, cum in tenebris caecus erres, in
amplissimo lumine omnia numerare? cum in uno loco vinctus
tenearis, omnes regiones celerrime liberrimeque peragrari? cum
exules, in media patriae luce versari? cum agiteris, statum tenere?“56)

So viel auch in dieser Darstellung auf Rechnung rhetorischen
Schmuckes zu setzen ist: es ruht auf ihr dennoch ein Glanz Platonischen
 Stils und Platonischer Denkart. Ramus selbst ist kein
produktiver Mathematiker, aber er hat durch die Klarheit und
Fasslichkeit seiner Lehrbücher den didaktischen Bedürfnissen der
Zeit und der allgemeinen Ausbreitung mathematischer Bildung gedient.
 Hier wie im Kampf gegen Aristoteles ist er nich1 der Schöpfer,
wohl aber der Wortführer der modernen Gedanken. Die mannigfachen
 Strömungen, die auf eine Erneuerung der Wissenschaft hindrängen,
 finden bei ihm ihren Ausdruck und ihren pathetischen
Widerhall. Die Schriften von Valla, Vives und Ramus stellen
drei verschiedene Stufen dar, in denen die allmähliche Rezeption
des Humanismus durch drei grosse Kulturvölker sich vollzieht: zugleich
 aber gehören sie ein und derselben inneren und sachlichen
Entwicklung an. Selbst hier, im Mittelpunkte der humanistischen
Denkweise, mehren sich die Anzeichen für den Uebergang von der
philologischen zur mathematisch - naturwissenschaftlichen
 Renaissance. So soll bei Ramus die alte Logik, die
ihre Orientierung und ihr Rüstzeug der Grammatik entlehnt,°)
durch eine neue Denklehre ersetzt werden, die ihr Vorbild im
Inhalt der Geometrie sucht. Die Geometrie allein ist es, die im
Sinne des Aristoteles selbst Wissenschaft genannt werden kann,
weil nur in ihr ein strenger und notwendiger Fortschritt des Beweisens
 sich findet: aber keine Lehre entspricht weniger als sie
dem herkömmlichen Schema und dem herkömmlichen Ideal, das
der Dialektiker entwirft. Nicht in der Syllogistik, sondern in
den Definitionen und Postulaten, die sie selbst an die Spitze stellt,
in ihren eigenen inhaltlichen Grundlegungen ist der Quell ihrer
Wahrheit zu.suchen. Wenn Ramus jetzt, wie Vives, ausspricht,
dass die Prinzipien, von denen die Aristoteliker träumen, nirgend
anderswo, als in den Wissenschaften selbst zu finden sind:
so hat dieser Satz bei ihm, der den Platonischen Begriff der
Dialektik anerkennt. eine veränderte Bedeutung gewonnen; er be-
        <pb n="147" />
        134 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Giacomo Zabarella,

reitet den Gedanken einer philosophischen Einheitswissenschaft
vor, die an den „realen“ Einzelwissenschaften selbst ihren Halt
und ihren Grundstoff besitzt. 58)

Wie gebieterisch diese neue Forderung sich allenthalben
durchsetzt, das beweist, deutlicher als alle Angriffe auf die Scholastik,
 die Richtung, die nunmehr die Aristotelische Logik bei
ihren eigenen getreuen Anhängern nimmt. Hier erst vollzieht
sich die wahrhafte, immanente Kritik. In den logischen Schriften
Zabarellas, die im 16. Jahrhundert als anerkannte und massgebende
 Lehrbücher weit verbreitet waren, begegnen und mischen
sich die überlieferten und die modernen Elemente. An dem Syllogismus,
 als einzigem und grundlegendem methodischen Mittel,
wird hier noch in aller Strenge festgehalten: „definitio methodi
a definitione syllogismi non differt“. Wenngleich er indes als
Gattungsbegriff für alle gedauklichen Verfahrungsweisen (commune
 genus omnium methodorum et instrumentorum logicorum),
als das logische Instrument schlechthin anerkannt bleibt,) so wird
doch in die Beschreibung und Darstellung des syllogistischen
Verfahrens selbst ein Gesichtspunkt eingeführt, der der mittelalterlichen
 Logik fremd geblieben war. Zwei verschiedene Arten
des Schlusses, zwei Richtungen des Fortgangs vom Bekannten
zum Unbekannten werden von Anfang an auseinandergehalten.
Neben die „compositive“ Methode des Beweises, die die einzelnen
gegebenen Praemissen und Bausteine synthetisch aneinanderreiht
und zu einem bestimmten Ergebnis und Schlusssatz zusammenfügt,
 steht die Zerlegung eines Begriffsinhalts in die Mannig-(altigkeit
 seiner Momente und Bedingungen. Die Aufgabe der
Logik wird erst durch die Vereinigung und Durchdringung dieser
beiden Methoden erschöpft. Die Natur der Erkenntnisobjektewie
 die Zergliederung des Erkenntnisprozesses führt mit Not,
wendigkeit auf diese Unterscheidung und Gliederung: denn immer
handelt es sich darum, die Wirkung aus der Ursache zu erschliessen
 und kennen zu lernen, oder aber die bekannte Wirkung
resolutiv in ihre Ursachen und Teilbedingungen aufzulösen.
Eine andere Beziehung zwischen Begriffen kann es nicht geben:
denn wo zwei Elemente a und b nicht, wenigstens mittelbar, im
Verhältnis von Ursache und Wirkung stehen, da besteht zwischen
        <pb n="148" />
        Kompositive und resolutive Methode.

135

ihnen kein „notwendiger und wesentlicher Zusammenhang“, wie
er allein den Gegenstand logischer Untersuchung ausmachen
kann. %)
Der Beweis ist somit erst dann in sich vollendet und abgeschlossen,
 wenn er einen Kreislauf beschrieben hat und zu seinem
Ausgangspunkt zurückgekehrt ist, der ihm indes jetzt in neuem
begrifflichen Lichte erscheint. Nachdem das analytische Verfahren
uns zu den Bedingungen hingeleitet hat, die notwendig und hinreichend
 sind, die gegebene Erscheinung zu erklären, müssen wir
umgekehrt streben, aus der Setzung und Herstellung dieser Bedingungen
 das Phänomen, um das es sich handelt, wiederum
hervorgehen und entstehen zu Jassen. Erst in dieser Umwendung
 liegt die Probe und Rechtfertigung für die vorangegangene
begriffliche Zerlegung. Was vom Standpunkt der Analysis als
letztes Ziel und Ende erscheint, das darf daher in Wahrheit nur
als der erste fruchtbare Anfang der theoretischen Betrachtung
und Beweisführung gelten. Die Bedeutung dieser Ausführungen
Zabarellas ergibt sich uns sofort, sobald wir sie in moderne
Sprache übersetzen. In der Unterscheidung von kompositiver und
resolutiver Methode handelt es sich um den Gegensatz von Deduktion
 und Induktion. Es ist das Verdienst von Zabarellas
Logik, diese beiden Grundmethoden bestimmt gegen einander abgegrenzt,
 zugleich aber sie in ihrer notwendigen Wechselbedingtheit
 erfasst und dargestellt zu haben. Es genügt nicht, die Induktion
 als eine zufällige und planlose Anhäufung beliebiger Einzelfälle
 zu denken: wir müssen ihr innerhalb der Logik selbst
ihren Ort anweisen und ihre Rechtfertigung geben. Diese Begründung
 vollzieht sich in dem gedanklichen Verfahren der Ana-Iysis,
 das der Induktion als ihr Korrelat und ihr logischer Ausdruck
 zur Seite zu stellen ist.®) Ausdrücklich wird daher die
„resolutive“ Methode den empirischen Wissenschaften vorbehalten
 und von dem „analytischen“ Verfahren, das in der Mathematik
 zur Anwendung gelangt, unterschieden. Denn innerhalb
der Mathematik besitzen die ursprünglichen und die abgeleiteten
Erkenntnisse, besitzen Prinzip und Folgerung denselben Grad
und dieselbe Stufe der Gewissheit. Die Elemente sind hier, was
ihren logischen Charakter und Wert betrifft, einander völlig koordiniert
 und bedingen sich wechselseitig, sodass es im Grunde
        <pb n="149" />
        186 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Giacomo Zabarella.

nur ein technischer Unterschied ist, ob wir synthetisch von
den Voraussetzungen zu den Folgerungen fortschreiten oder umgekehrt
 auf analylischem Wege zu Prinzipien gelangen, die uns
schon anderweit bekannt und gesichert waren. Bei der echten
resolutiven Methode dagegen, die im besonderen und auszeichnenden
 Sinne das Verfahren der Naturwissenschaft ist, handelt
es sich nicht um eine derartige Auflösung in gegebene Prinzipien:
 sondern hier muss der Fortschritt der Zerlegung selbst die
verborgenen Ursachen erst ans Licht fördern. „Da uns nämlich
infolge der Schwäche unseres Geistes die Prinzipien, aus denen
der Beweis zu führen wäre, unbekannt sind, wir aber vom Unbekannten
 nicht unseren Ausgang nehmen können, so müssen
wir notgedrungen einen anderen Weg einschlagen, auf welchem
wir kraft der resolutiven Methode zur Entdeckung der Prinzipien
 geführt werden, um sodann, nachdem sie einmal gefunden,
 die natürlichen Phaenomene und Wirkungen aus ihnen beweisen
 zu können.“ Die resolutive Methode ist daher vom
logischen Standpunkt sekundär und die Dienerin des demonstrativen
 Verfahrens: ihr Ziel ist die „inventio“, nicht die „scientia“.®)
 Zu wahrer theoretischer Einsicht und zu vollendetem
Wissen gelangen wir erst, wenn wir, nachdem wir von den Tatsachen
 zu den Gründen zurückgegangen, aus diesen die Tatsachen
wiederum deduktiv ableiten und zurückgewinnen können: wenn
wir sie somit aus ihrer empirischen Isolierung befreien und cinem
allgemeinen gedanklichen Zusammenhang einordnen. In diesem
Fortschritt vom „Was“ des Phaenomens zu seinem „Warum besteht
 die Aufgabe und die Entwicklung alles Wissens. Mit
dieser Begriffsbestimmung der Erkenntnis aber weist Zabarella
bereits deutlich auf Galilei voraus. Auf ihn deutet nicht nur
die Scheidung von „kompositiver“ und „resolutiver“ Methode,
sondern vor allem die tiefere und reinere Abgrenzung von populärer
 Beobachtung und wissenschaftlicher Erfahrung. Neben
 die blosse Sammlung einzelner Tatsachen, die niemals wirkliche
 Gewissheit verschafft, tritt die „beweisende Induktion“, die
an einer „notwendigen Materie“ und an Inhalten, die eine wesentliche
 Verknüpfung untereinander aufweisen, geübt wird. Während
 die bloss empirische Betrachtung, um überhaupt zu irgend
einem Schlusse zu berechtigen, das Durchlaufen aller Fälle ver-
        <pb n="150" />
        Die Logik der Induktion.

187

langen würde, ist das Verfahren der Wissenschaft dadurch ausgezeichnet,
 dass in ihm unser Geist an einzelnen besonderen Beispielen
 sogleich das allgemeine Gesetz ihres Wesenszusammenhangs
 entdeckt und durchschaut: ein Gesetz, das er alsdann wieder
 auf die besonderen Tatsachen anwendet und an ihnen bewährt.)
 Alle diese Ausführungen sind von Galileis Methodenlehre,
 in der wir sie völlig gleichlautend wiederfinden werden,
nur durch einen einzigen Zug getrennt, der allerdings entscheidend
ist. Die Rolle, die der Mathematik in der „beweisenden Induktion“
 zukommt, wird von Zabarella nirgends begriffen: die Beispiele,
 auf die er sich für seine neue Grundanschauung beruft, sind
nicht der exakten Wissenschaft, die erst in vereinzelten Ansätzen
vorlag, sondern der Metaphysik und Naturlehre des Aristoteles
entnommen.‘) Gerade in dieser Beschränkung liegt die wesentliche
 geschichtliche Eigentümlichkeit seiner Leistung, die man
als eine Umbildung und Umdeutung des Aristotelischen Erfahrungsbegriffs
 in den modernen Begriff der analvtischen Induktion
bezeichnen kann. ®)
Besonders deutlich tritt dieser Grundzug in der Monographie
hervor, die Zabarella seinem neuen methodischen Hauptgedanken
gewidmet hat. In der Schrift „de regressu“ ist die positive Darstellung
 und Entwicklung der resolutiven Methode überall durch
die Rücksicht auf den Aristotelischen Text und auf die logische
Schulüberlieferung beengt. Vor allem ist Zabarella hier bemüht,
den analytischen Gang der Entdeckung und Begründung von
dem Zirkelbeweis zu scheiden, mit dem er nach seiner äusserlichen
 schematischen Form zusammenzufallen droht. Die charakteristische
 Eigentümlichkeit des logischen Zirkels liegt darin,
dass bei ihm Anfangspunkt und Endpunkt zusammenfallen, dass
zuvor B aus A und sodann wiederum A aus B bewiesen wird.
Hierin aber scheint er dem logischen Doppelverfahren, das wir
bisher betrachtet, unmittelbar verwandt: denn auch bei diesem
findet die Untersuchung ihre Grenze und ihren Abschluss bei
demselben Objekt und bei derselben Tatsache, von der sie ausgegangen
 war. Wir bleiben nicht bei dem abstrakten Inbegriff
von Bedingungen stehen, den wir durch Zerlegung einer bestimmten
 Naturerscheinung gewinnen, sondern suchen die Erscheinung
 selbst aus ihm wiederum zu rekonstruieren und auf-
        <pb n="151" />
        a A a

138 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Giacomo Zabarella.

zubauen. Das Faktum, mit dem wir beginnen, wird also zugleich
 als bekannt und als unbekannt angesehen: als bekannt,
 sofern es der Mittelpunkt ist, auf den die gesamte gedankliche
 Bewegung sich zurückbezieht; als unbekannt, sofern seine
Erläuterung und Aufhellung den eigentlichen Vorwurf und die
eigentliche Frage bildet. Um der Schwierigkeit, die hierin liegt,
zu entgehen, genügt es nicht, sich auf die übliche Aristotelische
Unterscheidung des xpitepov A Yüoe VOM KpitEpUV Kpüs YıyLda ZU
berufen: also etwa zu erwidern, dass die Ursache zwar „an sich“
früher, als die Wirkung sei, „für uns“ und unsere begriffliche
Einsicht dagegen das Unbekannte und Abzuleitende bedeute.
Denn mit dieser Antwort würde ein metaphysischer Gesichtspunkt
 in eine Frage eingeführt, die, wenn irgendeine, mit den
Hilfsmitteln und den Bedingungen der reinen Logik zu lösen
und zu entscheiden ist. In dieser aber haben wir es niemals
mit der „Natur“ als solcher, mit der absoluten Wesenheit der
Dinge, sondern nur mit unserer Art, die Dinge zu begreifen,
zu tun. Jedes Beweisverfahren geht somit von „uns selbst“ aus
und zielt wiederum auf „uns selbst“, nicht auf die „Natur“ ab —‘
„utraque demonstratio a nobis et propter nos ipsos fit, non propter
naturam“.%) Die Betrachtung und Gliederung der Wissenschaften
darf sich — wie Zabarella in seiner Schrift über die Methode
ausgeführt hatte — niemals auf die Ordnung der Objekte,
sondern lediglich auf die der Erkenntnisse stützen. Die Frage
ist nicht, wie die Gegenstände sich im Universum verbinden und
zusammenfügen, sondern wie die Begriffe unseres Geistes sich,
im stetigen Stufengang vom Leichteren zum Schwereren, aneinanderreihen
 und aufbauen.®) In der Tat könnte es, wenn wir
nur den Gang der Natur wiederzugeben und auszudrücken
hätten, nur eine einzige synthetische Art des Beweises geben:
denn die Natur schreitet überall vom Einfachen zum Zusammengesetzten,
 von den Elementen zu den Verbindungen fort. Die
Gedankenwelt indes ist an die blosse Verfolgung und Nachahmung
 dieser realen Zusammenhänge nicht gebunden, sondern
stiftet sich selbst, nach eigenem Gesetze, ihre Verbindungen und
Rangordnungen. So ist es denn auch für das methodische Verfahren,
 das hier in Frage steht, relativ gleichgültig, dass die
Materie und der objektive Inhalt, bei dem es endet, derselbe
        <pb n="152" />
        Die regressive Methode und der ‘Zirkelschluss. 139

ist, mit dem es begonnen: da doch die Erkenntnisart mannigfache
 Wandlungen erfahren und streng von einander abgegrenzte
Stufen durchlaufen hat. Noch einmal stellt Zabarella alle diese
Einzelphasen in genauer Abgrenzung einander gegenüber. Was
uns zunächst gegeben ist, ist nur die Kenntnis des einzelnen Effekts,
die nakte Tatsachenwahrheit, die uns nichts über den Zusammenhang
 und den Ursprung des besonderen Faktums verrät. Der
nächste Schritt besteht darin, das complexe Faktum in seine
einzelnen Bestandteile und Merkmale zu zerlegen und die einzelnen
Begleitumstände festzustellen, unter denen es aulftritt. Wenn wir
indes auf diese Weise die „Bedingungen“ einer bestimmten Erscheinung
 erfahrungsmässig festgestellt haben, so wäre es dennoch
irrig zu glauben, dass wir in ihnen schon die wahrhafte „Ursache“
erfasst und bestimmt haben. Was uns bis hierher bekannt ist,
ist das empirische Beisammen und die zeitliche Abfolge der
Elemente, nicht die Art und die begriffliche Notwendigkeit ihres
Zusammenhangs: Um hierein Einsicht zu erhalten, müssen wir
vorerst. und noch ehe wir den Rückweg zur Ableitung der
Wirkung antreten, bei der hypothetisch angenommenen Ursache
 verweilen, um sie einer gedanklichen Zerlegung und Prüfung
zu unterziehen. Erst in solcher reflexiven Besinnung (mentale
ipsius causae examen) wird die Ursache, die uns zuvor nur als
ungegliedertes „verworrenes“ Ganze gegeben ‚war, zu Clnem
distinkten begrifflichen Inhalt.“ Haben wir etwa zuvor das
Feuer als eine Bedingung erkannt, die dem Rauch beständig vorangeht,
 so suchen wir jetzt, gleichsam vermo0ge EINES gedanklichen Experiments,
 seine einzelnen Merkmale zu isolieren und uns den Zusammenhang,
 den sie etwa mit der Erscheinung des Rauches haben
können, begrifflich vorzustellen. Nachdem wir auf diese Weise
die wesentlichen Merkmale von den unwesentlichen gelrennt und
den Ursachencomplex A in eine Reihe von Teilbedingungen aßy...
aufgelöst haben, können wir daran gehen, die einzelnen Komponenten
 gedanklich zusammenzufügen, um den Erfolg deduktiv
aus ihnen hervorgehen zu lassen. Drei verschiedene Schritte
treten also deutlich auseinander: während der erste uns von der
Wirkung, die wir unbestimmt und verworren erfassen, zu einer
vagen und verworrenen Vorstellung der Ursache: führt, besteht
der zweite in einer „geistigen Betrachtung“, durch die wir zu
        <pb n="153" />
        i47

‚Zösung der scholastischen Logik.

ihrer distinkten Erkenntnis gelangen, die uns endlich zu einer
vertieften, distinkten Einsicht in die Wirkung selbst befähigt. ®)
Jetzt aber ist jeder Verdacht eines Zirkelbeweises geschwunden;
denn da, vom Standpunkt der Logik, das Objekt durch die Erkenntnisweise
 bestimmt und charakterisiert wird, so ist es in
Wahrheit ein neuer Inhalt und ein neuer Gegenstand, den wir
bei dieser Rückkehr zum ursprünglichen Anfang vorfinden.
Und noch ein zweiter begrifflicher Gesichtspunkt ist es,
unter dem dieses Endergebnis zu betrachten ist. Bei dem Beweisgang
 der Syllogistik, der synthetisch, also stets in ein und derselben
 Richtung fortschreitet, bleibt die Frage nach der Beweisbarkeit
 der obersten Prinzipien selbst ein schwieriges und drohendes
 Problem. Wir sahen bereits, dass die Aristotelische Antwort,
die in der .Setzung erster „unmittelbarer“ Grundbegriffe bestand,
der modernen Kritik nirgends mehr Stand zu halten vermochte.
Jetzt ist die Aufgabe der Begründung selbst eine andere geworden.
 Die Forderung unbedingt letzter Voraussetzungen, die
keiner Rechtfertigung mehr fähig oder bedürftig wären, ‚ist verlassen:
 die „einfachen“ Grundbedingungen, bei denen die Analyse
endet, sind so wenig unmittelbar gewiss, dass ihre mittelbare Bewährung
 in der Leistung, die sie am empirischen Stoffe vollziehen,
 zur eigentlichen logischen Aufgabe wird. Die ersten
„Gründe“ sind somit hypothetische Setzungen, die ihren Halt
und ihren „Beweis“ an den Phaenomenen und Tatsachen finden,
deren begriffliches Verständnis und deren Erforschung sie selbst
erst möglich machen. So wird hier der Rückgang ins Unendliche,
zugleich aber die Annahme absoluter Elemente vermieden: das
Prinzip der Gewissheit liegt in einer reinen Relation zwischen
Grund und Folge, Voraussetzung und Ergebnis. Der Wechselbeweis
 und der „Zirkel“, der hierin liegt, wird, so anstössig er
der formalen Logik scheinen mag, von der Logik der empirischen
 Forschung gefordert. Und damit erhellt sich uns nochmals
 der Weg und die Richtung, in der die Untersuchungen
Zabarellas liegen. Innerhalb der Schule von Padua selbst, die
sich als die Hüterin der echten Aristotelischen Ueberlieferung betrachtet,
 gelangt die gleiche Tendenz wie bei den humanistischen
Gegnern zum Durchbruch: hier wie dort tritt immer mehr das
Bemühen hervor, die Logik von den ontologischen Beimischungen
        <pb n="154" />
        Die Kritik des Substanzbegriffs.

141

zu befreien und in eine Methodenlehre des Denkens und der
Wissenschaft überzuführen.

Die metaphysischen Elemente, die in die Erkenntnislehre
des Aristoteles eingegangen und mit ihr verschmolzen waren, sind
uns bereits früher entgegengetreten. Wie dem Denken die Aufgabe
 gestellt war, ein vollendetes Abbild des Seins zu liefern, so
blieb die Beschreibung seiner Funktion und Tätigkeit in die
Schwierigkeiten des Substanzbegriffs verstrickt. Was an den
Objekten erkennbar ist, ist lediglich ihre „Form“, die von der
Beimischung mit der Materie befreit werden muss, damit das
betrachtete Objekt seiner reinen geistigen Wesenheit nach in das
Denken aufgenommen werden kann. Die Materie, die als die notwendige
 Bedingung der konkreten Existenz des Dinges gilt, bedeutet
 für die Erkenntnis eine negative und unübersteigliche
Schranke. Schon die sinnliche Wahrnehmung muss die stoffliche
Bestimmtheit, die dem Einzeldinge anhaftet, abstreifen, um ihm
den Eingang ins Bewusstsein zu verstatten. Aber sie enthält
lie Wesenheit des Objekts, die sie auf diese Weise herauslöst,
noch in mannigfacher Vermischung mit zufälligen und äusserlichen
 Beschaffenheiten, und erst der Tätigkeit des Verstanles
 gelingt es, die Substanz nach ihrer wahrhaft allgemeinen
Natur und frei von allen „Accidentien“ zu erfassen. So blieb die
Deutung des Erkenntnisprozesses abhängig von der realistischen
Voraussetzung, die dem System zu Grunde lag: die allgemeinen
Begriffe, die die letzten und höchsten Ergebnisse des Wissens
sind, haben Geltung, weil sie ihre Entsprechung in den allgemeinen
 „Formen“ und Zwecken finden, die die empirische Wirklichkeit
 gestalten und beherrschen. (Vgl. bes. ob. S. 46 ff. u. 82 f.)
Es ist ein neuer, wichtiger Schritt in der Entwicklung der
Renaissancephilosophie, dass sie — über die gelegentliche
Opposition gegen Einzellehren des Perpatetischen Systems hinaus
— zu einer Kritik dieser fundamentalen logischen Grundannahme
weiterschreitet. Nichts beweist deutlicher, dass wir es in ihr nicht
mit verstreuten und beziehungslosen Reaktionen gegen die Scho-'astik
 zu tun haben, sondern mit einer philosophischen Gesamtbewegung,
 die allmählich immer sicherer zur Klarheit über ihre
        <pb n="155" />
        12 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Francesco Pico.

letzten gemeinsamen Ziele durchdringt. Zum ersten Male tritt
dieser Fortschritt in der philosophischen Hauptschrift des jüngeren
 Pico della Mirandola deutlich hervor. Diese Schrift ist
zu Unrecht vergessen: denn wenngleich sie an Bedeutung und
Wirksamkeit hinter den Werken des älteren und berühmteren
Giovanni Pico zurücksteht, so ist sie doch eine der frühesten
kritischen Zergliederungen der Aristotelischen Lehre, die auf vollständiger
 und eingehender Kenntnis des Gesamtsystems ruht,
und die diesem selbst die Mittel zu seiner Bestreitung zu entnehmen
 sucht. In der Gegenüberstellung der einzelnen Peripatetischen
 Lehren bekundet sich hier eine dialektische Schärfe
und Sicherheit, wie sie innerhalb des Humanismus und seines
rhetorischen Kampfes gegen die Scholastik nirgends erreicht
wurde. Der Gesamttendenz nach lenkt freilich Francesco Pico
wieder zum Mittelalter zurück; bei ihm, der unter dem entscheidenden
 Eindruck der Persönlichkeit Savonarolas steht,
bildet das religiöse Interesse wiederum den letzten Maassstab, dem
alle Vernunftbetätigung sich unterwerfen muss. Auch die Kritik
des Aristoteles wird diesem Ziele und Gedanken eingeordnet: sie
soll zum Mittel werden, um die Offenbarung gegenüber der
„heidnischen Philosophie“ triumphieren zu lassen. So behält hier
Ireilich die Skepsis gegen die unabhängige Kraft des Wissens
das letzte Wort: eine Skepsis indes, die sich mit dem gesamten
Bildungsstoff und mit den Bildungsinteressen der Zeit durchdrungen
 hat und die sich mit Vorliebe auf Nikolaus Cusanus
beruft.) Die Kritik an Aristoteles beginnt bei Pico mit der
Bestreitung der sensualistischen Erkenntnislehre, die als
das Fundament und der Angelpunkt des gesamten metaphysischen
 Systems erwiesen wird. Die Wahrnehmung bildet, wie
er ausführt, den Grund und Halt des logischen Gebäudes, das
hier errichtet wird: denn auch die allgemeinen Prinzipien, die
in jede syllogistische Beweisführung als Praemissen eingehen,
sollen aus der Induktion, aus der Betrachtung und Zusammenlesung
 des Einzelnen gewonnen werden. Dieser Satz steht bei Aristoteles
 so klar und unverbrüchlich lest, dass keine Deutung ihn
abzuschwächen oder umzubiegen vermag. Auch innerhalb der
scholastischen Gedankenentwicklung wird diese Auffassung bestätigt
 und festgehalten: die allgemeinen Axiome. wie etwa der
        <pb n="156" />
        Die Kritik des Substanzbegriffs.

143

Satz, dass das Ganze grösser als der Teil, liessen sich, nach Thomas
 von Aquino, nicht denken, wenn ums nicht die Begriffe des
Ganzen und des Teiles zuvor durch die Sinne und die Erfahrung
bekannt geworden wären. So bleibt das „Phantasma“ nicht nur
als unumgänglich notwendige Begleitung, sondern als der eigentliche
 Urgrund des abstrakten Denkens anerkannt, Die Einwände,
die Pico gegen diese Voraussetzung selbst erhebt, bieten zunächst
keine neuen sachlichen Gesichtspunkte dar. Sie beschränken sich
darauf, auf die allgemeine Unsicherheit der Sinnesempfindung hinzuweisen,
 die durch kein Kriterium bewährt und unterschieden
werden kann. Die Auskunft, dass die Daten der verschiedenen
Sinne sich gegenseitig erhellen oder korrigieren, ist hinfällig,
denn welche Regel lehrt uns, unter entgegengeseizten Aussagen
der Empfindung eine Wahl und eine Entscheidung zu treffen?
Die Wahrnehmung vermag an keiner Stelle den Gegenstand nach
seiner vollen und wahrhaften Natur zu erfassen, da sich in ihr nicht
sowohl die Sache, wie die wandelbare Bestimmitheit des Subjekts
ausdrückt und widerspiegelt: „varia est sensus ipsa nalura, non
ex rei solum quae objiecitur variclate, sed ex varietate humani
tiemperamenti, quod etiam suapte natura mutatur“.”) Damit aber
antdeckt sich uns alsbald der Widerstreit, der im Aristotelischen
System zwischen dem Ziele besteht, das der Erkenntnis zuletzt
zewiesen wird und dem Grundmittel, mit dem es erreicht
werden soll. Jegliche Einsicht in die „substantiellen Formen“ der
Dinge ist nach den eigenen Voraussetzungen der Lehre unmöglich.
Wollte man etwa erklären, dass die Substanz der Aussendinge
nicht durch die Sinne allein, sondern durch die Zusammenwirkung
 der Wahrnehmung mit dem Intellekt erfasst und ins
Bewusstsein überiragen wird: SO wäre damit bereits die feste und
eindeutige Ordnung der Erkenntnis verlassen, die Aristoteles
Jdurch den Grundsatz festgestellt hat, dass Nichts im Intellekt
sich findet, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen wäre. Gestehen
 wir aber der Empfindung wiederum diese leitende und
entscheidende Rolle zu, so bleiben wir damit — abermals nach
dem eigenen Zeugnis und Zugeständnis des Aristoteles — dauernd
in das Reich der veränderlichen und zufälligen „Accidentien“
gebannt. Denn die Umwandlung von der sinnlichen zur „intellisiblen“
 Spezies, die „Auswicklung“ des allgemeinen geistigen
        <pb n="157" />
        144 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Marius )Nizolius.

Gehalts aus den Besonderheiten des Wahrnehmung, wie sie durch
die Scholastik gelehrt und behauptet wird, ist schlechthin unbegreiflich.
 Die Wirksamkeit des „tätigen Intellekts‘“, auf die man
sich hier zu berufen pflegt, kann nur von den Daten der Wahrnehmung
 selbst ausgehen und sich an ihnen vollziehen; wie vermöchte
 aber eine solche formende Tätigkeit den Gehalt des
Grundstoffs selbst zu ändern und die Erscheinung in ein
absolutes Sein zu verwandeln? So zeigt sich von den feststehenden
 Voraussetzungen der Arisiotelischen Psychologie aus
kein Weg, auf dem auch nur der Gedanke und das Scheinbild
der absoluten Substanz in die Seele hineingelangen könnte. „Ja
selbst wenn man zugibt, dass der Sinn uns eine Vorstellung der
Substanz zu liefern vermag, die der Verstand alsdann seiner
spekulativen Betrachtung zu Grunde legt, so bleibt hier noch
ein Problem, verwickelter als der Gordische Knoten, zurück.
Denn die unmittelbare Vorstellung selbst und das, was der
Intellekt unter ihr begreift, fallen alsdann völlig auseinander
und sind nicht nur subjektiv, nach der Art und Auffassung der
Erkenninis, sondern innerlich und sachlich verschieden. Sagt
man hingegen, dass die sinnliche Vorstellung des Accidens, wenn
sie vom Licht der tätigen Vernunft erleuchtet werde, dem Geist
die intelligible Substanz symbolisch darstelle, wie die Wirkung
ihre Ursache repräsentiert: so folgt hieraus der Widersinn, dass
eine mangelhafte und inadaequate Wirkung das volle und eigentliche
 Sein der Ursache zum Ausdruck bringen und vertreten soll.
Denn weder ein einzelnes sinnliches Accidens, noch eine Mehrheit
solcher Accidentien können doch, selbst wenn wir sie unter einem
einzigen Begriffe zusammendenken, mit der Substanz gleichbedeutend
 und gleichwertig sein und für ihr specifisches Sein und
ihre ursprüngliche, eigentümliche Beschaffenheit einstehen.‘“ 72)
So scheiden sich scharf und unzweideutig das sensualistische und
das realistische Motiv des Arislotelischen Systems, die in der
Erkenntnislehre der Scholastik unbefangen neben einander geduldet
 und mit einander verschmolzen waren. (Vgl. ob. S. 82f.)
Fortan muss alle Vernunftbetätigung, die an dem Stoff der
Empfindung geübt wird, sich bescheiden, die Erscheinung
selbst zu immer reinerem geistigen Ausdruck und Verständnis
zu bringen. —
        <pb n="158" />
        Die Kritik der Universalien.

145

So bereitet Francesco Pico die empiristische Kritik des
Aristotelismus vor, die sich kurz nachher bei Marius Nizolius
vollzieht. Wiederum ist hier die Grundabsicht darauf gerichtet,
die Voraussetzungen und Notwendigkeiten des Wissens rein und
unabhängig von den ontologischen Nebengedanken über das un-Ddedingte
 Sein zu gewinnen und zu begründen. Die Realität
der Gattungsbegriffe, die von der Peripatetischen Lehre überall
 ausdrücklich oder stillschweigend vorausgesetzt ist, bedeutet
eine für die Erkenntnis selbst völlig willkürliche und unfruchtbare
 Annahme. Sie bildet ein Hemmnis für den Aufbau
und die Behandlung der Tatsachenwissenschaft, wie für die Begründung
 der syllogistischen Regeln und Vorschriften. Was
hier wahrhaft erfordert wird, ist nicht ein abgelöstes allgemeines
„Sein“, sondern nur die allgemeine Bedeutung, die wir bestimmten
 Gebilden des Denkens im Unterschiede von anderen
zusprechen, Den Quell und Ursprung dieses eigentümlichen
Wertes blosszulegen, ist die wesentliche Aufgabe, die Nizolius der
Logik und Erkenntnislehre stellt.?) Die herkömmliche Theorie
der „Abstraktion“, die aus der Voraussetzung einer sachlichen
Ueber- und Unterordnung der Gattungsbegriffe und „Formen“
geflossen ist, ist unvermögend, die echte methodische Funktion
des Begriffs zu erschliessen. An ihre Stelle tritt ein neues gedankliches
 Verfahren, das als „Comprehension“ bezeichnet wird. Der
Gattungsbegrift „Mensch‘“ kommt nicht derart zustande, dass wir
an allen Einzelexemplaren die besonderen Bestimmtheiten weglassen
 und auf diese Weise eine letzte gemeinsame „Natur“, die
über und ausser den individuellen Merkmalen stände, zurückbehalten;
 er ergibt sich, wenn wir alle Erfahrungen, die sich an
den Individuen bewahrheitet haben, mit einem einzigen Blicke
überschauen und in einen abgekürzten sprachlichen Ausdruck
zusammenzichen. Alle Urteile, in welche ein Allgemeinbegriff
als Subjekt eingeht, sind daher nichts anderes, als eine Summierung
 von Aussagen über Einzeldinge: in diesen allein liegt ihre
Gewähr und ihr letztes Fundament. Gehen wir umgekehrt vom
Allgemeinen zum Besonderen fort, so handelt es sich niemals
darum, das Prädikat mit logischer Notwendigkeit aus dem Inhalt
des Subjektbegriffs abzuleiten: sondern nur darum, von einem
grösseren Umfang auf einen kleineren zu schliessen, von einem
AN
        <pb n="159" />
        146 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Marius Nizolius.

Komplex von Aussagen einen Teil, der in ihm enthalten ist, herauszugreifen
 und abzusondern. Nicht ein sachlicher, deduktiver
Uebergang vom Allgemeinen zum Einzelnen, sondern nur eine
übersichtliche Auseinanderlegung und Einteilung des Einzelnen
selbst (multorum singularium in partes diductio) findet hier statt. 74)
Die Vorzüge, wie die Mängel dieser Begriffstheorie hat Leibniz, in
der Vorrede zu seiner Ausgabe des Nizolius, scharf und eindringlich
 bezeichnet. Was er an Nizolius schätzt und hervorhebt, das
ist die Klarheit, mit der er jeden Versuch, die „allgemeine“ Form
des Denkens unmittelbar in eine Form der Existenz zu übersetzen,
 beseitigt hat. Aber dieses Ergebnis vermag hier nur auf
Grund einer Voraussetzung gewonnen zu werden, die das Denken
selbst in seiner Reinheit verdächtigt und in seiner echten Universalität
 bedroht. Wenn der Begriff sich in ein Aggregat, in
ein „totum discretum“ einzelner Erfahrungsurteile auflöst, wenn
somit dem Gedanken keine andere Leistung übrig hleibt, als
Resultate, die auf anderer Grundlage gewonnen worden, zusammenzustellen
 und durch die Einheit eines Namens äusserlich zu
verbinden: so verliert damit gerade die Einzelbeobachtung, die
man sichern wollte, ihren festen Halt und ihre Bedeutung. Denn
was sich aus ihr ergibt, bleibt nunmehr ein in sich beziehungsloses
 Ganze, das durch jede neue Tatsache aufgehoben und entwertet
 werden kann. Auch die echte Induktion, aus der die
relative Allgemeinheit der Erfahrungsbegriffe gewonnen wird, beschränkt
 sich nicht auf die Sammlung und das Nebeneinander
sinnlicher Eindrücke, sondern muss ihre letzten Stützpunkte und
Maximen in der Vernunft selbst suchen. Diese „adminicula
rationis“ — wie Leibniz sie nennt — sind es, die in der Theorie
des Nizolius übersehen und ausgeschaltet werden: das Verständnis
und die Anerkennung des immanenten Vernunfigebrauchs wird
auch bei ihm durch den Kampf gegen die Hypostasierungen
des Begriffs gehemmt. (Vgl. ob. S. 129.) —
Dass er indes bis zu diesem Punkte fortschreiten muss, erklärt
 sich wiederum aus der inneren sachlichen Struktur der
Lehre, die er bekämpft. So rückhaltlos und unerbittlich die Abwendung
 von der Scholastik sich hier zu vollziehen scheint: in
Wahrheit haben wir es dennoch mit einer Krisis innerhalb des
Aristotelismus selbst zu tun. Der Begriff der Erkenntnis
        <pb n="160" />
        Der falsche Begriff der „Induktion“.

147

soll mit dem Peripatetischen Begriffe des Seins in Einklang gesetzt
und ihm gemäss gestaltet werden. Deshalb muss alles Wissen auf
die Einzeldinge, als die echten und ursprünglichen Realitäten gerichtet
 und eingeschränkt werden. Sinn und Intellekt haben kein
verschiedenes Objekt: es ist ein und derselbe Gegenstand, der sich
ihnen beiden, wenngleich in verschiedener Beleuchtung und Klarheit
 darstellt. Der dualistische Gegensatz, den die Scholastik
zwischen der „intelligiblen“ und der „sinnlichen“ Materie aufrichtet,
 muss schwinden: derselbe, mit allen wahrnehmbaren Bestimmtheiten
 bekleidete Stoff, der in die Sinne fällt, bildet auch
das alleinige Objekt des „reinen“ Denkens. Der Vorrang, den wir
dem Intellekt zuzusprechen pflegen, findet somit in den Dingen
keine Entsprechung. Der Unterschied besteht nur darin, dass der
Verstand ausser den vereinzelten Daten, die uns die unmittelbare
Empfindung übermittelt, auch die Beziehungen des Gegenstandes
zu anderen Objekten und seine mannigfachen — Namen erfasst.?°)
Statt die Natur, wie die Scholastik es tut, künstlich in eine intelligible
 Materie und eine intelligible Form zu zerlegen, um
sie aus beiden nachträglich wieder aufzubauen und zurückzugewinnen,
 muss alle unsere Forschung das konkrete Sein des
Stoffes und die empirischen Gegensätze seiner Qualitäten zu
Grunde legen. Mit dieser Forderung bereitet Nizolius die Wendung
 der Physik und Erkenntnislehre vor, die sich — ein Jahrzehnt
 nach dem Erscheinen seines Werkes — in den Anfängen
der italienischen Naturphilosophie bei Telesio vollzieht.

[V

Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.

Bevor wir indes diese innere Umformung des Naturbegriffs
 betrachten, die aus positiven Beobachtungen und Gründen
hervorging, müssen wir uns dem mittelbaren Einfluss zuwenden,
 den die neue Auffassung der geistigen Wirklichkeit auf
die Anschauung der objektiven Welt geübt hat. Es ist einer der
bezeichnendsten Züge der Renaissance, dass diese beiden Momente
sich wechselseitig durchdringen und fördern. Dieselbe gedank-
        <pb n="161" />
        „3 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.

liche Entwicklung, in der die Menschheit zu einem neuen geschichtlichen:
 Bewusstsein ihrer selbst gelangt, führt auch das
neue Bild der Natur herauf. Auch in den persönlichen Beziehungen
 und Verhältnissen spiegelt sich dieser allgemeine Zusammenhang
 wider: und hier ist es insbesondere der deutsche
Humanismus, in dem sich das Interesse an der Wiedererweckung
der gelehrten Kultur mit den selbständigen Anfängen exakter
Forschung und Beobachtung aufs engste verbindet, Georg
Peurbach, der bedeutendste deutsche Astronom des 15ten
Jahrhunderts ist der Erste, der, an der Universität Wien, Vorlesungen
 über Virgils Aeneis, sowie über Juvenal und Horaz hält.
Sein Schüler Regiomontan geht auf Veranlassung Bessarions
nach Rom und empfängt hier die entscheidende Anregung, das
Grundwerk der antiken Astronomie, den Ptolemaeischen Almagest,
aus dem Original wiederherzustellen und kritisch zu erneuern.
Nach seiner Rückkehr ist er der wissenschaftliche Führer des
Nürnberger Humanistenkreises, in dessen Mittelpunkt Willibald
Pirkheimer steht und aus dem später die ersten Herausgeber
des Grundwerks des Copernicus hervorgehen.
Diese Gemeinschaft und Verschwisterung der beiden verschiedenen
 grossen Gedankenkreise ist freilich nicht von Anfang
an gegeben, sondern muss sich erst allmählich im Kampfe der
beiden Richtungen herstellen und durchsetzen. In der Tat bieten
die ersten Anfänge des Humanismus mit ihrem ausschliesslichen
Interesse für die Echtheit der philologischen Ueberlieferung nicht
sowohl die Ergänzung, wie das Widerspiel zum Geiste der empirischen
 Forschung dar. Während für Kepler bereits die volle
Einheit und Harmonie der Natur- und Geschichtsbetrachtung charakteristisch
 ist, wird von Leonardo da Vinci noch vor allem
der Gegensatz gegen das einseitige humanistische Bildungsideal
empfunden und ausgesprochen. Die Versöhnung bahnt sich auch
hier in der Platonischen Akademie an, in der zuerst die
philologischen Interessen durch den Ausblick auf das philosophische
 Ziel, dem sie dienstbar gemacht werden, erweitert
und vertieft werden. Vor allem ist es die Streitschrift Giovanni
 Picos gegen die Astrologie, in der die beiden Problemgebiete
 einander gegenübertreten und sich mit einander in
Einklang zu setzen versuchen: ein Versuch, der nicht minder
        <pb n="162" />
        EN NE

Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaft.

149

auf Reuchlin und Zwingli, wie auf Paracelsus und Kepler gewirkt
 hat.
Wiederholt und eingehend ist von den Geschichtschreibern
der Renaissance die allgemeine Kulturbedeutung geschildert
worden, die diese Schrift für eine Zeit besass, in der der Glaube
an die Einwirkung der Sterne noch allenthalben das theoretische
Bewusstsein, wie das menschliche Tun beherrschte. Wir sehen
daher von diesem Zusammenhange ab, um die Schrift nur nach
dem Beitrag zu betrachten, den sie für die Entwickelung des
Erkenntnisproblems in sich birgt. Wenn die Geschichte der
Philosophie nicht lediglich bei den grossen und deutlich kenntlichen
 Wendepunkten des Gedankens verweilen darf, wenn sie,
darüber hinaus, die ersten Keime und Symptome einer neuen
Denkweise im allgemeinen Bewusstsein aufsuchen muss, so bildet
Picos Werk für sie ein wichtiges und reizvolles Objekt. Denn
hier stellt sich uns eine rein intellektuelle Wandlung dar, die
unmittelbar das Ganze des Lebens ergreift und nach sich bestimmt.
 Wir müssen uns, um diese Umbildung zu begreifen, die
Rolle gegenwärtig halten, die die Astrologie im geistigen Haushalt
 des Mittelalters gespielt hatte und die ihr bis weit in die
neue Zeit hinein verblieb. Die Natur ist für das mittelalterliche
Denken kein losgelöstes und selbständiges Problemgebiet, das auf
eigenen Gesetzen und Grundlagen ruht. Sie empfängt ihre Bedeutung
 erst von dem Zusammenhang mit den letzten geistigen
Zielen, auf die alles Geschehen angelegt ist; sie kommt nur als
Hemmnis oder als Instrument des „Reiches der Gnade“ in Betracht.
 Alles Licht, das auf sie fällt, wie aller Schatten stammt
aus dem jenseitigen Sein, das sich uns in der Subjektivität des
religiösen Erlebnisses erschliesst. . Man begreift gegenüber dieser
Vorherrschaft des Subjekts die Bedeutung, die der Astrologie
zukam. Sie bildet gleichsam einen Rückschlag gegen die allgemeine
 Grundanschauung, aus der sie sich abhebt und bezeichnet
deren notwendige Grenze. Die Natur wird in ihr wieder als ein
für sich bestehendes und festgefügtes Ganze begriffen, das das
Individuum umfasst und zwingt. Die unverrückbare Notwendigkeit
 des Geschehens, die durch keinen äussern Eingriff
beeinflusst oder abgelenkt werden kann, kommt in einem geschlossenen.
 sinnlichen Bilde zum sichtbaren Ausdruck. Dass
        <pb n="163" />
        150 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.

damit ein neues und gegensätzliches Motiv sich ankündet, wird
am deutlichsten, wenn die Astrologie es zuletzt unternimmt, die
Religion selbst, ihre Entstehung und ihre Schicksale aus
Gründen und Gesetzen der Natur verstehen und ableiten zu
wollen. Die geschichtlichen Ereignisse, auf die der Glaube sich
stützt und denen er einen schlechthin einzigartigen und absoluten
 Wert verleihen muss, erscheinen nunmehr dem Strome
des Gesamtgeschehens eingeordnet und durch ihn bedingt. Der
Fortschritt und die Entwicklung des „Geistes“ ordnet sich den
physischen Ursachen und Constellationen unter. In der Renaissance
 gelangt diese Form des astrologischen Glaubens zur
allseitigen Verbreitung und Herrschaft: der moderne Gedanke
einer stetigen Entwicklung der einzelnen Glaubensformen stellt
sich hier noch überall in der Verhüllung dar, dass man ihre
Blüte und ihren Verfall vom wechselnden Stand der Gestirne
abhängig macht.)
Aber freilich: dem Kreise der Subjektivität, über den sie
hinausstrebt, ist die Astrologie damit nicht entronnen. Die Notwendigkeit,
 die sie verkündet, ist nicht die des causalen Gesetzes.
 Es ist ein innerer, allgemeiner Zweckzusammenhang,
der ihr vorschwebt und der ihr die Richtung weist. Das Universum
 erscheint als ein lebendiger Organismus, in dem jedes
Glied dem gemeinsamen Zwecke dient, in dem daher jeder Teil
das Ganze in sich enthält und erkennbar macht. Ohne dem verwickelten
 Gange der Mittelursachen zu folgen, vermögen wir somit
 zwei Punkte des Alls unmittelbar mit einander zu verknüpfen
und in Beziehung zu setzen. Jedes besondere Geschehen ist ein
Zeichen und eine Repräsentation des Gesamtgesetzes; alle Glieder
des Alls stehen somit in ursprünglichem harmonischen Einklang
und deuten symbolisch auf einander hin. Die volle Entfaltung
dieser Grundanschauung ist in der Magie gegeben, mit der die
Astrologie überall eng verschwistert ist. Hier gilt das Symbol,
gilt vor allem das Wort als der Quell einer natürlichen Wirkung,
die unmittelbar in die Dinge eingreift und sie nach sich bestimmt.
 Die Namen sind nichts Willkürliches und Aeusserliches,
sondern sie sind — wie insbesondere Agrippa von Nettesheim ausspricht
 — von allem Anfang an mit der Wesenheit der Dinge verwoben.
 Der „Logos“, der die „Samen“ aller Dinge in sich birgt und
        <pb n="164" />
        Giov. Picos Schrift „gegen die Astrologie“. ; 151

aus sich entfaltet, wird wiederum völlig im Sinne des „wundertätizen
 Wortes“ gedacht, das wir uns nur anzueignen haben, um die
Natur zu verstehen und zu beherrschen. Nicht minder sind die
Zahlen und die geometrischen Figuren, in denen sich die Maasse
und Harmonien des Weltalls abspiegeln, zugleich mit inneren Kräften
 begabt, dank denen wir die Objekte nicht nur zu erkennen,
sondern sie zugleich unserem Willen zu unterwerfen vermögen. In
dieser Verschmelzung und Indifferenz der Ursachen und Symbole
 liegt der eigentliche Charakter der magischen wie der astrologischen
 Grundanschauung. Und hier vor allem greift nunmehr
lie Schrift Picos entscheidend ein. Der Himmel kann — wie sie
ausspricht — nur dasjenige bezeichnen und vorausdeuten,
was er selbsttätig hervorbringt. Scharf und klar wird zwischen
den „Zeichen“ geschieden, die die Natur selbst uns darbietet, und
denen, die nur der menschlichen Willkür entstammen. Die echten,
natürlichen Zeichen gehören der Körperweltan und unterliegen
ihren Gesetzen: sie sind entweder selbst die Ursachen des Ereignisses,
 auf das sie hinweisen oder seine Wirkungen. Und überall,
wo dieser unmittelbare Zusammenhang ausgeschlossen ist, besteht
 doch wenigstens eine mittelbare kausale Verknüpfung, sofern
 alsdann das Zeichen wie das Bezeichnete von ein und derselben
 gemeinschaftlichen Ursache herrühren und durch die Rückbeziehung
 auf diese wechselseitig in ihrem Verhältnis bestimmt
werden. Glaubt jemand hier den Fall hinzufügen zu müssen, dass
der betreffende Erfolg zwar nicht von dem Ereignis, das wir betrachten,
 hervorgebracht ist, aber doch mit ihm notwendig und unlöslich
 verbunden ist, so ist dies eine schwere Täuschung: denn
diese Verknüpfung und Uebereinstimmung kann auf keine andere
Weise hergestellt werden, als dadurch, dass der eine Vorgang auf
den anderen einwirkt, oder von ihm eine Einwirkung erfährt,
oder endlich dadurch, dass beide in einer gemeinsamen Ursache
wurzeln, die sie gleichzeitig und miteinander ins Dasein ruft.”’)
An Stelle des willkürlichen Analogieschlusses, der ein Verhältnis,
 das er in irgend einem Teile der Wirklichkeit vorfindet,
unvermittelt auf andere, entlegene Elemente des Seins überträgt,
tritt somit jetzt die strenge Forderung, die empirische Folge des
Geschehens nach ihrem eindeutigen und stetigen Zusammenhang
 zu begreifen. Mit diesem Gedanken aber wächst Pico weit
        <pb n="165" />
        152 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.

über die Naturanschauung des Quattrocento, ja über die eigene
Grundansicht hinaus, die sich in seinen übrigen Schriften ausspricht.)
 Hier wird er wahrhaft zum Führer und ‚Lehrer der
Folgezeit, wie denn kein Geringerer als Kepler sich in seiner
Kritik der Astrologie auf ihn als Vorgänger beruft.) Die Himmelskörper
 besitzen keine „dunklen Qualitäten“, vermöge deren
sie geheime Wirkungen in der Welt des Irdischen hervorzubringen
imstande wären: vielmehr fliessen alle diese Gaben und Fähigkeiten
 aus den innersten Prinzipien und Formen der Körper selbst.
Nicht in übersinnlichen Einwirkungen, sondern in den natürlichen
 Kräften des Lichtes und der Wärme äussert sich aller Einfluss,
 den die oberen Sphären auf uns ausüben.%) Die Astrologie
hingegen bemisst die Wirksamkeit der Planeten nicht nach den
realen Verhältnissen ihrer räumlichen Entfernung, sondern nach
ihrer Stellung in den verschiedenen „Zeichen“ und „Häusern“ des
Himmels; sie macht damit eine willkürliche Fiktion, die nur
zum Zweck übersichtlicher Einteilung geschaffen ist, zur Bedingung
 und zum Maassstab des tatsächlichen Naturgeschehens. Die
Begriffe, die von den Mathematikern als notwendige Mittel und
Methoden der Messung eingeführt sind, werden zur Voraussage
des Künftigen missbraucht, als wären sie selber Objekte der
Natur und mit wirklichen Kräften begabt.8)
Und wie hier die Notwendigkeit des Geschehens nicht
geleugnet, sondern ihrem reinen und echten Begriff nach erkannt
 wird, so ruht auch der Begriff der Willen sfreiheit, den
Pico der Astrologie entgegenhält, auf gleichem Grunde. Nicht ein
jenseiliges Sein und eine jenseitige Vorherbestimmung, sondern der
empirische Charakter des Menschen und die sittlichen Einflüsse,
 die auf ihn einwirken, sind es, die sein Wollen und sein
Tun bestimmen. Nicht am Himmel, sondern in sich selbst muss
der Einzelne den Grund seines Geschickes lesen: die Seele ist
des Menschen Dämon. So verdankt ein grosser Denker, wie Aristoteles,
 seine Leistungen und sein Talent nicht dem Stern, unter
dem er geboren, sondern dem eigenen Genius, den er unmittelbar
von Gott empfangen, wie der sittlichen Energie, die er an seine
Ausbildung gewandt: „sortitus erat non astrum melius, sed ingenium
 melius; nec ingenium ab astro, si quidem incorporale, sed a
Deo sicut corpus a patre, non a coelo“. Je strenger indes jeder
        <pb n="166" />
        Die Freiheit des Willens.

153

transscendente Eingriff abgewiesen wird, um so helleres Licht fällt
nunmehr auf die psychologischen, ja auf die körperlichen
Ursachen, die unser Handeln einschränken und bedingen.®) Der
Freiheitsgedanke, wie er hier verstanden wird, ist nicht der Gegensatz,
 sondern das Korrelat zum Gedanken der empirischen Verarsachung.
 Bestimmter tritt sein Sinn und seine Tendenz in Picos
Rede über die „Würde des Menschen“ hervor, die im engsten Zusammenhang
 mit der Schrift gegen die Astrologen zu denken und
zu deuten ist. Hier besitzen wir die positive Ergänzung und Erfüllung
 der Gedanken, die uns bisher in polemischer Gestalt und
Wendung entgegengetreten sind. Um den eigentlichen Vorrang
des Menschen zu bezeichnen, ist es, wie hier ausgesprochen wird,
nicht genug, in ihm das Verbindungsglied zu sehen, das Hohes
und Niederes, das die sinnliche und die intelligible Welt verknüpft
 und sich somit zum Mittler und Dolmetsch des Alls macht.
Denn welche ausgezeichnete uud zentrale Bedeutung ihm hier auch
zugesprochen zu werden scheint: sie bleibt hinter seinem eigentlichen
 Werte zurück, solange man sie nur als von aussen gegeben,
nicht als durch ihn selbst erwählt und erworben ansieht. Der
einzigartige Wert des Individuums wurzelt darin, dass es nicht,
wie die andern Dinge, atı einen einzelnen festen Platz im All gebunden
 ist, sondern sich selbst seine Stellung im Universum bestimmt
 und den Standort seiner Betrachtung anweist. In seine
zigene Hand ist es gegeben,. welcher Art des Daseins und des
Lebens es angehören will. „Mitten in die Welt“ — so spricht der
Schöpfer zu Adam — „habe ich Dich gestellt, damit Du um so
leichter um Dich schauest und sehest alles, was darinnen ist. Ich
schuf Dich als ein Wesen, weder himmlisch noch irdisch, weder
sterblich noch unsterblich, damit Du selbst als Dein eigener freier
Bildner und Ueberwinder Dir Deine Form gebest und aufprägst.
Du kannst zum Tier entarten oder in selbsttätiger Entschliessung
zum Göttlichen Dich wiedergebären. Die Tiere bringen aus dem
Mutterleibe mit, was sie haben sollen; die höheren Geister sind
von Anfang an oder doch bald danach, was sie in Ewigkeit bleiben
werden. Du allein hast eine Entwickelung, ein Wachsen nach
{reiem Willen, Du hast Keime eines allartigen Lebens in Dir“.®)
So sehen wir, wie bei demselben Denker, der zuerst zur
«trengeren Auffassung der Naturkausalität sich erhebt, zugleich
        <pb n="167" />
        RE an

1:4

Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.

die moderne Auffassung der Freiheit als der theoretischen und
sittlichen Selbstbestimmung heranreift. Und diese Verschmelzung
 tritt uns von nun an in den Werken der Renaissance immer
deutlicher entgegen: die tiefere Erforschung der objektiven Natur
führt den Menschen zur Einsicht in das wahre Wesen seines Ich
zurück, wie andererseits die tiefere Erkenntnis des Ich ihm stets
neue Gebiete der objektiven Wirklichkeit erschliesst. In typischer
Weise sind die beiden Phasen und Richtungen dieses gedanklichen
Prozesses in dem Werke des Carolus Bovillus „über die Weisheit“
 beschrieben und zusammengefasst. Die wahre Weisheit ist,
wie hier ausgesprochen wird, ihrer echten und allumfassenden
Bedeutung nach, nichts anderes, als die Ausprägung des Modells
und des Ideals der Menschheit, das wir in uns tragen. Unser
eigenes, unverfälschtes Wesen ist es, das wir in ihrem Bilde festhalten.
 Die ganze Aufgabe der Erkenntnis ist darin beschlossen,
von der ersten und unfertigen Empfindung der Menschheit, die
in jedem von uns angelegt ist, zum bewussten Verständnis ihres
Begriffs durchzudringen: den „primus homo“ zum „secundus
homo“ umzugestalten. An die Naturobjekte geben wir uns nur
deshalb hin, um an ihnen alle die Züge zu entdecken und herauszuschälen,
 die unserem eigenen Sein wesensverwandt sind; die
Erforschung der „grossen Welt“ soll nur dazu dienen, ‚uns das
Bild des Mikrokosmos immer reiner zurückzustrahlen. So ist
der Mensch Anfang und Ende alles Wissens und gleichsam die
„Palinodie“ der Welt. Die ursprüngliche, natürliche Einheit
seines Daseins muss verlassen und durchbrochen werden, sie muss
durch freie Betätigung des Denkens in eine Doppelheit verwandelt
werden, damit aus dieser wiederum die bewusste Erkenntnis
der Einheit seines Wesens erwachsen kann. Diese Erhebung
unserer eigenen Natur zur reflexiven Selbsterkenntnis bildet
das höchste und endgültige Ziel aller begrifflichen Arbeit. „So
besteht denn alle Weisheit in einer Mehrung und Unterscheidung,
einer Fruchtbarkeit und Ausstrahlung des Ich: in einer Zweiheit
des Menschen, die aus einer ursprünglichen Einheit geboren wird.
Denn der erste, sinnliche Mensch, der alles, was er besitzt, von
der Natur zu Lehen trägt, ist eine Einheit, zugleich aber aller
menschlichen Fruchtbarkeit Quell und Anfang“. Mit bewusster
Kunst muss er sich zur Zweiheit umbilden und formen. muss er
        <pb n="168" />
        Natur- und Selbstbewusstsein.

155

das Bild der menschlichen Gattung, das die Frucht und das Ende
aller Weisheit ist, aus sich herausarbeiten. „So gewinnt er die
Gaben, die er von der Natur empfangen, durch den überreichen
Ertrag der Kunst und der Arbeit an sich selbst zwiefach zurück
und wird zum Doppelmenschen: „qui a natura homo tantum erat,
artis fenore et uberrimo proventu reduplicatus homo vocatur et
homohomo*“.%) Diese Worte, die man als Motto wählen könnte,
um den Gesamtcharakter der Epoche zu bezeichnen, enthalten,
gleichsam verdichtet, den Grundgedanken des Humanismus
in sich: Geschichte und Naturbetrachtung sind diesem nur Mittel,
um durch selbstbewusste geistige Energie zur Potenzierung des
Menschenwesens und Menschenwertes fortzuschreiten.

Die Geschichtsphilosophie der Renaissance stellt sich
uns zunächst in fast mythischem Gewande, unter dem Bilde einer
Uroffenbarung dar, die dem Menschengeschlecht von Anfang
an mitgegeben ist und die ihm fortan als dauernder Besitz im
Wechsel aller Lebens- und Lehrformen verbleibt. Schon Georgios
Gemistos Plethon beruft sich auf jene stetige Kette der Ueberlieferung,
 deren einzelne Glieder durch die Namen des Zoroaster
und des Merkurios Trismegistos, durch Pythagoras und Platon
bezeichnet werden. Die echten Grundlagen der Philosophie sind
von allem Anfang an vorhanden gewesen; sie können nur vorübergehend
 verdunkelt, niemals aber aus der Geschichte der Menschheit
 ausgetilgt werden. In naiver Form spricht sich der gleiche
Gedanke bei Plethons Schüler Bessarion aus, bei dem er mit
christlich -theologischen Vorstellungsweisen verschmilzt. Hier
wird geradezu ein innerlicher, sachlicher Zusammenhang zwischen
der Mosaischen Schöpfungsgeschichte und der Theologie Homers
angenommen, der durch direkten Einfluss oder durch natürliche
Eingebung zu erklären sei.®) Festere Fügung nimmt die Grundidee
 sodann, nachdem sie innerhalb der Platonischen Akademie,
bei Ficin und Pico, in mannigfacher Weise abgewandelt worden,
bei Reuchlin an, bei dem sie zum höchsten Leitgedanken aller
Philosophie überhaupt erhoben wird. Alle Forschung kann nunmehr
 nur noch das eine Ziel haben, in den gemeinsamen Strom
ler einheitlichen Ueberlieferung, die durch den Namen der Cab-
        <pb n="169" />
        156 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.

bala bezeichnet wird, einzumünden. Der historische Gesichtskreis
 weitet sich, indem neben der antiken Literatur die hebräischen
 Quellen herbeigezogen und mit ihr zu einem universalgeschichtlichen
 Gesamtbild vereint werden. Bei all ihrem Scharfsinn
 und ihrer allumfassenden geistigen Begabung hätten die
Griechen nicht das Höchste zu erreichen vermocht, wenn nicht
Pythagoras die ersten Keime der wahren Philosophie vom Orient
empfangen hätte. „So darf auch er, der diese Keime zuerst aufnahm,
 mit vollem Rechte ein Cabbalist heissen, wenngleich er
zuerst den unbekannten Namen der Cabhala mit dem griechischen
 Namen der „Philosophie“ vertauscht hat“.%) Alle Geistesgeschichte
 wird demnach wie eine einzige fortlaufende Tradition,
wie die Erklärung und Ausdeutung eines stehenden und gegebenen
Grundtextes gedacht.
Gegenüber dieser Auffassung aber erhebt sich alsbald eine
andere Betrachtungsweise, die anfangs noch ohne feste Sonderung
neben ihr einhergeht, die aber allmählich immer deutlicher zu
selbstständigem Bewusstsein erwacht. Der Inhalt und das Thema
der Menschengeschichte besteht danach nicht in einer fest umschränkten,
 von aussen stammenden Offenbarung: sondern in der
einheitlichen menschlichen Vernunft, die sich successiv in
mannigfachen Formen und Stufen entfaltet. Bei Plethon bereits
wird ausgesprochen, dass das Kriterium, das darüber entscheidet.
welche Lehren wir dem Ganzen der echten Veberlieferung angehörig
 zu denken haben, allein in uns selbst zu suchen sei. Und
immer mehr kommt nun die Doppe!bedeutung zur Geltung,
die die Geschichte im Ganzen der Renaissance gewinnt, indem
sie nicht lediglich als die Schilderung eines einmaligen Tatbestandes,
 sondern zugleich als die Hülle und Darstellung eines
dauernden Gehalts gedacht wird. Schon die politische Geschichtschreibung
 lässt diesen Grundzug deutlich hervortreten:
für die Grössten, wie Macchiavell, sind die mannigfachen historischen
 Schicksale der Nationen nur gleichsam eine wandelbare
und flüchtige Einkleidung, hinter der, klar erkennbar, das immer
gleiche, empirische Grundwesen des Menschen hindurchleuchtet.
„Geschichte“ in ihrem eigentlichen wissenschaftlichen Wortsinne,
in dem sie auf das causale Verständnis des Geschehens ausgeht,
ist daher nichts anderes, als angewandte Psychologie. Der gleiche
        <pb n="170" />
        Die Geschichtsphilosophie.

157

Gedanke spricht sich sodann, innerhalb der pädagogischen
Literatur, in der Schätzung des Bildungswertes aus, der nunmehr
 den historischen Disciplinen zugemessen wird. „Es gibt“
— so heisst es bei Vives — „Manche, die alles Wissen des Vergangenen
 für nutzlos erklären, weil seither die ganze Art der
Lebensführung, der Kultur, der politischen und socialen Ordnung
sich geändert habe. Eine Meinung die höchst widervernünftig
ist: denn wie sehr sich all das, was auf unserer willkürlichen
Tätigkeit und Satzung beruht, auch wandeln mag, die Naturbedingungen
 des Geschehens, die Ursachen und Aeusserungen der
menschlichen Affekte und Leidenschaften bleiben unverrückbar
bestehen. Auf diesen festen und constanten Urgrund, nicht aber
auf das Aeussere der Lebensformen einer vergangenen Zeit, ist alle
geschichtliche Betrachtung im letzten Grunde zu beziehen und zu
richten.®) Am deutlichsten tritt der Sinn und das Recht dieser
Forderung an der inneren Entwicklung der Wissenschaft und
der rein theoretischen Weltbetrachtung hervor. Die Renaissance
zuerst erfasst die Aufgabe einer universellen Geschichte der
Philosophie, die die einzelne geistige Erscheinung nach ihrem
abjektiven Gehalt ergreift, sie jedoch zugleich dem Gedanken der
‚perennis philosophia“ einordnet und unterstellt. Der erste Versuch
 einer Darstellung der Philosophiegeschichte, der von dem
Humanisten Joh. Baptista Buonosegnius herrührt, trägt zu-„nächst
 noch durchaus den Charakter eines Eklekticismus, der
aach einer feststehenden, autoritativ bestimmten Norm die
Leistungen der Vergangenheit einschätzt. Die religiöse Wahrheit
bildet überall den höchsten Maassstab; der wahre Christ schreitet
durch die Gefilde der heidnischen Philosophie, indem er das Gilt,
das in ihren Blüten allenthalben verborgen ist, sorgsam ausscheidet,
 um nur den Gehalt, der der echten Lehre gemäss ist.
sich anzueignen.®) Mit der fortschreitenden Kenninis der antiken
Welt aber setzt sich auch hier die freiere Auffassung und Beurteilung
 durch. Wenn das Mittelalter die grossen antiken Systeme
ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der Aristotelischen
Lehre betrachtet und nach deren Kategorien beurteilt hatte, so
strebt man nun mit vollem kritischen Bewusstsein danach, zu
ihrem selbständigen und eigentümlichen Gehalt vorzudringen,
[n seiner polemischen Hauptschrift wendet‘ sich Franz Pico,
        <pb n="171" />
        AUT ILATTAEN

158 Die Erneuerung der Natur und Geschichtsansicht,

abgesehen von der Metaphysik, vor allem den historischen Urteilen
 zu, die Aristoteles über seine Vorgänger gefällt und sucht
sie in eindringender objektiver Analyse zu widerlegen. Der Gewinn
 dieses Verfahrens fällt vor allem Demokrit zu, dessen
Philosophie hier zum ersten Male nach ihrem wahren rationalen
Grundcharakter erkannt und geschätzt wird. Die Unklarheit der
traditionellen Ansicht, die Demokrit mit Epikur, die den Vertreter
und den Verkünder des „reinen Denkens“ mit dem Schöpfer der
sensualistischen Erkenntnislehre zusammenwirft, wird mit Sicherheit
 beseitigt. Unwahr, ja verleumderisch wird das Aristotelische
Urteil über Demokrit genannt, dass er Sinn und Vernunft nicht
gehörig geschieden habe: da doch seine Entgegensetzung der
yynoin und sxotin {vopn, welch letzterer er das gesamte Gebiet der
Sinnestätigkeit zurechnet, das Gegenteil klar beweise. Nicht minder
verwunderlich sei es, wenn ihm wegen der Kritik, die er an
der Wahrnehmung geübt, skeptische Ansichten untergeschoben
werden, während er in Wahrheit die Verstandeserkenntnis
stets als echt und rechtmässig anerkannt und auch den Sinnen,
die er als Zeugen für das unbedingte Sein verwarf, ihre relative
Gewissheit nicht bestritten habe. „Wem aber, der die Schriften
der Alten nicht selbst gelesen, sollte die Autorität des Aristoteles
nicht Schweigen gebieten? Ich selbst habe, bevor ich eifriger an
die Erforschung der geschichtlichen Wahrheit heranging und
bevor ich mich entschlossen, den Durst des Wissens an der
Quelle selbst zu löschen, über alle alten Philosophen in seinem
Sinne geurteilt.“S9) In solcher Erweiterung des geschichtlichen
Horizontes gewinnt das Denken für sich selbst und seine systematischen
 Aufgaben neue Beweglichkeit und Sicherheit. Je
mannigfaltiger sich alle Gebiete geistiger Betätigung dem Bewusstsein
 der neueren Zeit erschliessen, umsomehr kräftigt sich ihr
die Grundüberzeugung von der Einheit der menschlichen Vernunft.
 Wenn man zum Lobe nnd zur Verteidigung des Mittelalters
 gesagt hat, dass es zwar keine historische Bildung, wohl
aber historische Gesinnung besessen habe,%) so müsste man,
um die Renaissance zu charakterisieren, diesen Satz umkehren.
Je reicher ihr die geschichtlichen Quellen fliessen, umsomehr
entfernt sie sich damit vom Historismus, von der unbedingten
Hingabe an die Tradition. Nur in ihren ersten Phasen erscheint
        <pb n="172" />
        Die Idee der Universalreligion.

159

ihr die Antike noch wie ein geistiger Urstand, den es einfach zu
wiederholen und in seinen einzelnen Zügen nachzuahmen gilt,
während sie ihr später zur Trägerin und Hüterin der allgemeinen
 geistigen Werte wird, die wir in uns selbst zu ergreifen
und wiederherzustellen haben.
Diese Universalität der Anschauung bewährt sich vor allem
gegenüber dem religiösen Problem, in dessen Gestaltung die
verschiedenen gedanklichen Motive, die uns bisher gesondert
antgegentraten, sich noch einmal zusammenfassen. Die Unabhängigkeit
 des geistigen Grundgehalts der Religion von den relativen
 und wechselnden Formen des Glaubens bildet auch hier
von Anfang an den Leitgedanken. Selbst in soichen Werken,
deren ausgesprochene Absicht die Verteidigung der kirchlichen
Wahrheit ist, tritt dieser Gedanke nunmehr an die Spitze. So
spricht er sich mit voller Entschiedenheit in Ficins Werk über
die christliche Religion aus. Die Vielgestaltigkeit der religiösen
Lehren und Kulte ist selbst eine gottgegebene und. gottgewollte
Tatsache, da eben in dieser Mannigfaltigkeit geistiger und sittlicher
Ueberzeugungen das Universum neuen Glanz und neue Schönheit
gewinnt. Das höchste Wesen nimmt jegliche Art der Verehrung
antgegen, in welchen Gebärden und „Gesten“ sie ihm auch dargebracht
 werde. Der Anspruch des schlechthin allgemeinen
„katholischen“ Dogmas ist damit aufgegeben; in jeder Form des
Glaubens wird, wenn nicht eine transscendente Wahrheit, so doch
aine Betätigung und Ausprägung des Menschentums anerkannt:
„Fex maximus coli mavult quoquo modo, vel inepte, modo
humane, quam per superbiam nullo modo coli“.?) Die Vielheit
der Götternamen darf uns die Einheit des religiösen Bewusstseins
 nicht verschleiern. Wenn bei Ficin Platon der
„attische Moses“ genannt, wenn Christus und Sokrates zusammengestellt
 werden, so werden Vergleichungen dieser Art bei den
Späteren bereits zu einer stehenden literarischen Formel. Es
ist — wie Mutianus Rufus schreibt — nur Ein Gott und Eine
Göttin; aber es sind viele Gestalten und viele Namen: Jupiter,
Sol, Apollo, Moses, Christus, Luna, Ceres, Proserpina, Tellus,
Maria; — ein Zusammenhang, den man freilich, wie er hinzufügt,
 wie die Eleusinischen Mysterien in Schweigen hüllen und
hinter Fabeln und Rätseln verstecken muss. Der wahre Christus
        <pb n="173" />
        L60 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht,

ist nichts anderes, als die Weisheit Gottes, mit welcher er
nicht allein den Juden in einer engen syrischen Landschaft beiwohnte,
 sondern auch den Griechen, den Römern, den Deutschen,
so verschieden auch ihre religiösen Gebräuche waren.) Wie
dieser reine und universelle Theismus aus seiner Beschränkung
 auf das Gebiet der Spekulation heraustritt und unmittelbar
 in die sittlichen Grundfragen eingreift, das wird besonders
am Beispiel des Erasmus deutlich. Der Augustinische Begriff
des Gottesstaates, der die grossen Heiden ausdrücklich ausschloss,
wird nun gesprengt: auch sie gehören der echten und wahrhaften
„Gemeinschaft der Heiligen“ an, wenngleich sie in unsern „Verzeichnissen‘“
 fehlen mögen. Der Grösse der antiken Denkart und
Gesinnung wird die Lebensführung der Christen gegenübhergestellt,
die bei den Meisten in Zeremonien, in Beschwörungen und Zauberlormeln,
 in dem Halten der Fasten und in äusseren kirchlichen
Werken aufgeht.®) In dieser Vergleichung, die dem „Convivium
religiosum“ angehört, geht die humanistische Tendenz direkt in
die Grundgedanken der Reformation über. Diese bilden den Abschluss,
 freilich aber auch die Begrenzung der religiösen Bewegung
der Renaissancezeit, Innerhalb des Protestantismus selbst ist es
namentlich die Lehre Sebastian Francks, in der die religionsphilosophische
 Gesamtanschauung der Epoche noch einmal zur
Aussprache gelangt. Die Gleichsetzung des göttlichen „Wortes“ mit
dem „natürlichen Licht“ ist bei ihm vollendet: „was Plato, Seneca,
Cicero und alle erleuchteten Heiden das Licht der Natur und der
Vernunft genannt haben, das bezeichnet die Theologie als das
Wort, als den Sohn Gottes und als den unsichtbaren Christus.
Dieser ist so gut in Seneca und Cicero gewesen als in Paulus.
Demnach versteht er unter Christus (Logos) die Immanenz der
sittlich religiösen Ideen in Gott und deren Wirken und sich Mitteilen
 an die Menschen“. %)
So mündet die religiöse Gesamtentwickelung der Zeit, die
wir hier nur in vereinzelten Andeutungen skizzieren konnten,
wiederum in den Gedanken des Logos ein. In diesem vielgestaltigen
 und fruchtbaren Begriff lässt sich nunmehr das ganze
Ergebnis der Gedankenarbeit der Renaissance zusammenfassen
Die Dialektik, wie die Psychologie, die Naturbetrachtung,
wie die Geisteswissenschaft haben uns sämtlich zu ein und
        <pb n="174" />
        ‚ Logoslechre.

161

derselben zentralen Frage zurückgeführt, die in der Sprache der
Theologie und des Neuplatonismus durch den Begriff des Logos, in
ler Sprache der modernen Philosophie durch den Begriff des Be -
wusstseins bezeichnet wird. Burckhardt hat allseitig dargetan
und erwiesen, wie innerhalb der italienischen Renaissance zuerst
‚die Menschen und die Menschheit in ihrem tieferen Wesen vollstän-Jig
 erkannt“ wurden. „Schon dieses eine Resultat der Renaissance
larf uns mit ewigem Dankgefühl erfüllen. Den logischen Begriff
jer Menschheit hatte man von jeher gehabt, sie aber kannte die
Sache“. Für die Geschichte des Erkenntnisproblems ist es von
höchstem Interesse, zu beobachten, wie die neuen sachlichen
Kulturelemente, die hier von allen Seiten einströmen, wie vor
allem die Umbildung der ästhetischen und sittlichen Grundanschauung
 ihrerseits wieder zu einer Neuschöpfung des logischen
und theoretischen Begriffs des Selbstbewusstseins hinführen.
Lange bevor dieses Problem in selbständiger, abstrakter Formulierung
 heraustritt, wirkt es als latente Triebkralt in den einzelnen
geistigen Bewegungen; — in neuer Gestalt und Wendung wird es
uns alsbald in der französischen Renaissance des 16. Jahrhunderts
Jegegnen.
        <pb n="175" />
        Drittes Kapitel.

Der Skepticismus.

Der Sokratische Begriff des Nichtwissens, mit dem die Philosophie
 des Nikolaus Cusanus begann, bildet den dauernden Grund
für ihre Fortentwicklung und bleibt bezeichnend für die methodische
 Eigentümlichkeit, durch die sie sich vom Mittelalter
scheidet. Die „docta ignorantia‘“ weist den Weg, auf dem wir in
beständiger Annäherung zur Erkenntnis der reinen unbedingten
Wahrheit fortschreiten. In diesem Gedanken spricht sich ein Zusammenhang
 aus, der für die gesamte neuere Zeit typisch bleibt.
Das Prinzip des Zweifels erhält sich in all ihren positiven Resulraten
 und Leistungen; die Skepsis bedeutet kein Aussenwerk und
xein zufälliges Nebenergebnis der Gesamtentwicklung, sondern
wirkt in ihr als innerer gedanklicher Antrieb. So vermag sie sich
mit den mannigfachsten, einander entgegengesetzten Richtungen
les neuen Geistes zu verschwistern. Wir begegnen ihr bei
Agrippa von Nettesheim, wenn er sich von der scholastischen
Wortwissenschaft zur unmittelbaren Erfassung der Natur zurückwendet;
 wir treffen sie bei Cam panella wieder, wenn er, über die
Grenzen der Naturphilosophie hinaus, nach einem neuen Prinzip
des Selbstbewusstseins fragt. Wir sehen, wie die Mystik sie
in ihren Kreis zieht und als Werkzeug benutzt, während sie andererseits
 für Descartes der Anfang zur reinen rationalen Grundlegung
 der Wissenschaft wird. So tritt sie uns ihrem Begriffe
getreu, nicht als festes, einheitliches System entgegen, sondern
bildet nur den wechselnden Reflex des lebendigen und allseitigen
Zortschritts der modernen Gedanken.
        <pb n="176" />
        Der Skhepticismus:

168

Goethe hat den Konflikt des Glaubens und Unglaubens
 als das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Weltund
 Menschengeschichte bezeichnet, dem alle übrigen untergeordnet
 sind. „Alle Epochen, in welchen der Glaube herrscht, unter
welcher Gestalt er auch wolle, sind glänzend, herzerhebend und
fruchtbar für Mit- und Nachwelt. Alle Epochen dagegen, in
welchen der Unglaube, in welcher Form es sei, einen kümmerlichen
 Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit
einem Scheinglanze prahlen. sollten, verschwinden vor der Nachwelt,
 weil sich Niemand gern mit Erkenntnis des Unfruchtharen
abquälen mag.“ Wenn es eine Epoche gibt, die als fruchtbar und
gläubig im Goetheschen Sinne zu bezeichnen ist, so ist es das
Zeitalter der Renaissance. Ihr Zweifel wird zum Vehikel der
Selbsterkenntnis, ihr Unglaube selbst wird ihr zum Mittel, durch
das die Vernunft ihre Unabhängigkeit und schöpferische Ursprünglichkeit
 entdeckt. Es ist, als erhielten alle Einzelzüge der
neueren Zeit ihre Ergänzung und ihre volle Schärfe erst in dem
negativen Gegenbilde des Skepticismus. Diese Leistung und diesen
mittelbaren Ertrag gilt es zu erkennen und festzuhalten, wenn man
die Skepsis als notwendiges Moment der Gesamtentwicklung verstehen
 will. Der Vergleich mit der Antike ist hier besonders
lehrreich. Der eigentliche objektive Gehalt und die doktrinale
Begründung der allgemeinen Zweifellehre ist bei Montaigne
derselbe, wie bei Sextus Empiricus; selbst die Fassung und Anordnung
 der einzelnen Argumente hat sich unverändert erhalten.
Aber was sich uns im Altertum als das Endergebnis einer inneren
dialektischen Auflösung darstellt, das trägt hier deutlich das
Gepräge eines neuen Ansatzes. Die skeptischen Sätze, so sehr sie
inhaltlich auf frühere Formen und Formeln zurückgehen, haben
gleichsam ein entgegengesetztes Vorzeichen erhalten. Von neuem
und in einem veränderten Sinne ist die griechische Philosophie
zur Lehrmeisterin geworden: nicht zu ihren reifsten und höchsten
 Leistungen, sondern zu den letzten Problemen und Zweifeln,
mit denen sie abschloss, wendet sich die neuere Zeit zurück, um
sie sich innerlich anzueignen und damit die Grundbedingung ihrer
künftigen Lösung zu schaffen.
        <pb n="177" />
        Der Shepticismus. — Montaigne.

A.
Die skeptische Lehre in der neuen Gestalt, in der sie nunmehr
 auftritt, findet ihre erste vollständige Verkörperung in Mon-:aignes
 „Apologie de Raimond de Sabonde“. Dieses Kapitel — das
ausführlichste der „Essais“ — gibt zwar nicht, wie man gemeint
hat, den Kern und Gehalt der gesamten Philosophie und Lebensanschauung
 Montaignes wieder, aber es verzeichnet den äusseren
Umriss und vollzieht die formale Gliederung des Ganzen. Die logischen
 Einzelmotive treten hier der Reihe nach deutlich hervor;
zugleich aber weisen sie, gegenüber der Antike, eine charakteristisch
 neue Beziehung auf, indem sie alle sich der‘ gemeinsamen
Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben einand
 unterordnen. So ist auch hier die Gesamtheit der theoretischen
 Hauptfragen noch gleichsam eingebettet in die Systematik
der Theologie und Religionsphilosophie; um sie selbständig zu besreifen,
 gilt es vor allem, diese Systematik selbst und ihren besrifflichen
 Untergrund zum Problem zu machen.
Schon die Form und literarische Einkleidung des Gedankens
weist die Richtung auf diese Fragestellung. Die „Theologia naturalis“
 des Raimond de Sabonde, an die Montaigne anknüpft, gibt
bei aller Eigenart der Begründung und Einzelausführung dennoch
noch das Grundsystem der mittelalterlichen Lebensanschauung
wieder. Vernunft und Offenbarung sind ihr eine unmittelbare und
widerspruchslose Einheit: zwischen der Natur und der heiligen
Schrift muss, da beide in gleicher Weise Symbole und Darstellungen
 der göttlichen Wesenheit enthalten, an jedem Punkt völlige
Uebereinstimmung herrschen. Die Aufgabe der Spekulation erschöpft
 sich darin, diese Harmonie, die uns im Buche der Natur
vielfach getrübt und gebrochen erscheint, zur Klarheit und Ein-Jeutigkeit
 des Begriffs und der Erkenntnis zu bringen. So endet
Jas Ziel aller Forschung in der göttlichen Wahrheit: wir erkennen
Jen Wert und die Würde des Menschen, sofern wir ihn als ein notwendiges
 Glied der stetigen Stufenfolge begreifen, die sich von
den untersten Formen der natürlichen Welt zum höchsten unbelingten
 Sein erstreckt. Wie er, em Reich der Freiheit angehörend,
 den Gehalt alles geistigen Seins in sich fasst, so gelangt
andererseits das Reich der Natur in ihm zu seiner wahrhaften
Bestimmung. Der Sinn jedes Teils der Wirklichkeit eröffnet sich
        <pb n="178" />
        Zweckbegriff und Naturbegriff.

165

erst in dieser teleologischen Deutung und Beziehung; das Sein
des Kosmos, der Umschwung der Gestirne, wie das Werden der
Organismen erschliesst sich unserem Verständnis erst, wenn wir
es aus dieser lebendigen und ursprünglichen Zweckeinheit begreifen.

Von diesem Punkte aus ergibt sich sogleich die Grundabsicht
und die ironische Nebenbedeutung von Montaignes „Apologie“. Indem
 sie die einzelnen Beweise scheinbar zu stützen und zu verteidigen
 unternimmt, zerschneidet sie in Wahrheit den Lebensnerv,
der alle Argumente des Werkes in sich zusammenhält. Sie löst
die naive Einheit, die hier zwischen dem Naturbegriff des Menschen
 und seinem Offenbarungsbegriff besteht. „Wer hat ihn gelehrt,
 dass der bewunderungswürdige Umschwung des Himmelsgewölbes,
 dass das ewige Licht der Leuchten, die über seinem
Haupte kreisen, für seine Bequemlichkeit und zu seinem Dienste
eingesetzt ist und sich für ihn durch die Jahrhunderte erhält?
Gibt es etwas Lächerlicheres, als dass dieses elende und ärmliche
Geschöpf, das nicht einmal Herr seiner selbst ist, sich zum Herrn
über das Universum berufen glaubt, von dem es nicht den winzigsten
 Teil zu erkennen, geschweige zu beherrschen vermag!“
Durch alles Pathos des Zweifels klingt selbst hier eine neue positive
 Grundanschauung hindurch. Der Ausschluss der materialen
Zweckmässigkeit erschafft einen neuen Begriff des Gesetzes
und damit der objektiven Natur. Deutlicher, als in der „Apologie‘“
tritt diese Wendung in der dialektischen Auflösung des Begriffs der
„Zweckursachen“ zu Tage, die die „Essais“ in ihrer Gesamtheit
vollziehen. „Wenn die Weinstöcke in meinem Dorfe erfrieren, so
beweist mein Pfarrer daraus den Zorn Gottes über das menschliche
Geschlecht. Wer ruft nicht beim Anblick unserer Bürgerkriege, die
Maschine der Welt gehe aus den Fugen und der jüngste Gerichtstag
 fasse uns am Schopf, ohne zu bedenken, dass schlimmere Dinge
geschehen sind und dass die tausend übrigen Teile der Welt bei
alledem munter fortbestehen .. Wer sich das grosse Bild unserer
Mutter Natur in seiner ganzen Erhabenheit vergegenwärtigt, wer
in ihrem Antlitz eine allgemeine und beständige Mannigfaltigkeit
sieht und in ihm nicht nur sich selber, sondern ein ganzes
Reich nur wie einen winzig feinen Punkt erblickt, der allein bemisst
 die Dinge nach ihrer wahren Grösse“ (Essais I, 25.). Wie
        <pb n="179" />
        166

Der Shepticismus. — Montaigne.

hier der subjektive Anspruch des Individuums vor einer neuen
Anschauung des Kosmos verschwindet, so wird auf der andern
Seite das vermeintliche Privileg des Menschen in der Folge und
Stufenreihe der Lebewesen beseitigt: in immer erneuten Beispielen
 verficht die Apologie die biologische und geistige Wesensgleichheit
 zwischen Mensch und Tier. Und dieser theoretischen
Ansicht entspricht ein neues Einheitsgefühl: an die Stelle der
Vereinzelung des Menschen in der theologischen Betrachtung
tritt hier das Bewusstsein einer Gemeinschaft, die alles Lebendige,
 die Pflanze und Tier gleichmässig umfasst und wechselzeitig
 verknüpft (IT, 11).
Spricht sich hierin nur die allgemeine Grundstimmung aus,
die wir überall in der Renaissance mit der neuen Ansicht der
Natur verbunden finden, so nimmt dennoch von diesem Punkte
aus der Gedanke eine andere Wendung. Der Naturphilosophie
der Renaissance bedeutet die Einheit zwischen Mensch und Natur
vor allem das Bewusstsein ihrer inneren, metaphysischen Wesensgemeinschaft:
 das Individuum ist zur Erkenntnis des Universums
berufen und befähigt, weil es mit ihm von gleichem Stoffe, weil
es das Erzeugnis derselben schöpferischen Grundkraft ist, die die
äussere Welt hervorbringt und beherrscht. Und dennoch ist mit
dieser Antwort das Problem erst in seinem ganzen Umfang und
in seiner vollen Schärfe bezeichnet. Sofern das Subjekt dem
Ganzen der Naturkausalität untergeordnet wird, sofern erscheint
die Erkenntnis an die bestimmten und besonderen Naturbedingungen
 ihrer Entstehung geknüpft und bleibt in ihrer Ausdehnung
und Geltung an sie gebunden. Das Erkennen wird zum Teilprozess
 innerhalb des gesetzlichen Ablaufs des Gesamtgeschehens:
wie liesse sich aus diesem Bruchstück, selbst wenn wir es in sich
selber vollständig übersehen und bestimmen könnten, die Regel
des Ganzen herleiten? So ergibt sich eine eigentümliche Umkehrung:
 was der ästhetischen Phantasie des Pantheismus als
die eigentliche Lösung gilt, das bedeutet für den logischen Ana-Iytiker
 erst den prägnanten Ausdruck des Rätsels. Die Kraft und
Eigenart von Montaignes Skepsis bekundet sich darin, dass sie
gerade die positiven Ergebnisse und Rechtstitel der neuen Forschung
 dialektisch in Waffen gegen den Wert und die Allgemeingültigkeit
 menschlichen Wissens umschmiedet. Der Gedanke
        <pb n="180" />
        Die Kritik des Pantheismus.

167

der Unendlichkeit der Welten, der etwa für Giordano Bruno die
sicherste Bürgschaft für die Selbstgewissheit des reinen Denkens
bedeutet: hier dient er nur dazu, das Individuum zu vereinzeln
und die Geltung seiner Erkenntnisgesetze zu relativieren. Die
Prinzipien und Regeln, die wir innerhalb des engen Umkreises
unserer Erfahrungswelt bestätigt finden, sind für die Gesamtverfassung
 des Alls unverbindlich: „c’est une loy municipale, que tu
allegues, tu ne scais pas, quelle est l’universelle“, Die Skepsis berührt
 hier eine innere Schwierigkeit, die in der Tat mit der Grundanschauung,
 die uns bisher entgegentrat, eng verknüpft ist und
die ihr notwendig anhaftet. Die Harmonie zwischen Denken und
Sein herzustellen, den menschlichen Geist als Abbild und Symbol
der höchsten absoluten Wirklichkeit zu erkennen: das ist die Aufgabe,
 an der die neuere Zeit überall in ihren Anfängen arbeitet
Nikolaus Cusanus selbst knüpft hier an Raymund von Sabonde an,
und trotz aller wichtigen und fruchtbaren Ansätze zu einer Neuschöpfung
 des Problems wächst auch bei ihm die Begriffsbestimmung
 der Erkenntnis nicht endgültig über diese Fragestellung
hinaus. Diese Ansicht aber enthält in sich ein unbewiesenes und
anbeweisbares Postulat. Denken und Sein können nicht zu wahrer
innerer Uebereinstimmung und Deckung gebracht werden, solange
sie gleichsam verschiedenen logischen Dimensionen angehören, solange
 das absolute Sein als allgemeiner Oberbegriff dem Denken
vorausgeht und es wie einen Sonderfall umfasst. Diese Einsicht
zu voller Deutlichkeit entwickelt zu haben, ist das mittelbare logische
 Verdienst der Skepsis. Hier liegt die einheitliche Tendenz,
an der ihre verschiedenen, modernen Ausprägungen gleichmässig
teilhaben: wie Montaigne, so stellt Sanchez, dessen Werk gleichzeitig
 mit den Essais erscheint, die Zweideutigkeit bloss, die in
dem Wort von der Identität des Mikrokosmos und Makrokosmos
sich verbirgt. Wenn sonst aus der durchgängigen Verknüpfung
und Wechselwirkung zwischen dem Individuum und allen Teilen
des Universums die Möglichkeit der Erkenntnis des Alls gefolgert
wird, so kehrt er diesen Schluss um: das Einzelne selbst kann,
sofern es durch das All bedingt ist, nur aus diesem, also nur unter
Voraussetzung einer unendlichen Erkenntnis, die uns Menschen
verschlossen ist, begriffen werden.!)
In der Tat: wenn der Gegenstand als ein Aeusseres und
        <pb n="181" />
        38

Der Skepticismus. — Montaigne.

Transscendentes gesucht wird, so kann das Bewusstsein nicht
mehr den Weg zu seiner Erkenntnis weisen; es bezeichnet alsdann
 nur noch die trügerische Hülle, mit der wir alle Inhalte
bekleiden und die uns ihre echte Wesenheit verbirgt. Unser
Wissen vermittelt uns nicht die Form und Beschaffenheit der
Dinge, sondern lediglich die Eigentümlichkeit des Organs, das
von ihnen eine Einwirkung erfährt. Wie ein und derselbe stetige
 Luftstrom durch verschiedene Instrumente zu einer Mannigfaltigkeit
 von Tönen gebrochen und abgewandelt wird, so übertragen
 unsere Sinne die Qualität, die ihnen selbst eigen ist, auf
das ursprünglich einheitliche Objekt. Den Umkreis des Seins
vermögen wir somit nicht zu ziehen: denn töricht wäre die Annahme,
 dass die Schranken unserer Empfindungsfähigkeit zugleich
die Grenzen der physischen Wirklichkeit sind. Wie der Verlust
eines bestimmten Sinnes die Aenderung unseres gesamten Weltbildes
 nach sich ziehen müsste, so müsste der Gewinn einer neuen
sinnlichen Erkenntnisquelle uns Gebiete des Daseins eröffnen, die
uns unter den gegebenen Bedingungen unserer Organisation dauernd
 verschlossen bleiben. Das Denken der Wissenschaft und
der logischen Schlussfolgerung vermag diesen Mangel nicht zu
ersetzen, da ihm nur die Verknüpfung gegebener Wahrnehmungen,
 nicht die Entdeckung und Erschaffung neuer Tatsachenkreise
 zukommt; da es somit gleichfalls die irrationale Zufälligkeit
 unserer empirisch-physiologischen Bildung nirgends zu überwinden
 vermag. Und mit dem äusseren Gegenstand schwindet
auch der Begriff des „Subjekts“ als einer einheitlichen festen Norm
dahin. Was wir als die Einheit eines Individuums betrachten,
ist in Wahrheit nur eine Abfolge verschiedener, einander widerstreitender
 Zustände, zwischen denen keine Rangordnung und
keine Wertunterscheidung zu vollziehen ist; kein Kriterium vermag
 zwischen den Wahrnehmungen, die wir als „gesunde“ und
„kranke“, als Erfahrungen des Wachens und des Traumes einander
gegenüberzustellen pflegen, eine wahrhaft logisch gegründete Entscheidung
 zu treffen. Das Ich, wie es einerseits die Voraussetzung
für die Wahrnehmung der Dinge bildet, wird auf der anderen
Seite selbst wieder von ihnen und ihrer stetigen Veränderung bestimmt.
 Wenn wir es als Naturursache der Erkenntnis ansehen
 konnten, so ist es eben damit auch Naturprodukt und
        <pb n="182" />
        Die Natur und die Erkenntnis.

169

daher dem gleichen Wandel und der gleichen Unbestimmtheit,
wie die äussere Welt unterworfen. Die beiden Gegenglieder, die
durch den Prozess der Erkenntnis miteinander verknüpft werden
sollten, sind nunmehr in sich selber aufgelöst. Jede „Wahrheit“
beansprucht, eine feste, unaufhebliche Beziehung zwischen dem
„Innern“ und „Aeusseren“ zu setzen: wie aber liesse sich eine derartige
 Setzung noch behaupten und rechtfertigen, da die beiden
Elemente dieses Verhältnisses in beständiger Umbildung begriffen
sind und niemals zu einem eindeutigen „Sein‘“ gelangen?
Wir verfolgen nicht die weitere Argumentation und die
Mannigfaltigkeit der Instanzen, die Montaigne zum Beweise seines
Hauptsatzes häuft. Sie alle gehen auf antike Vorbilder, vor allem
auf das allgemeine Schema zurück, das Sextus in der Aufstellung
seiner zehn „Tropen“ geschaffen hatte. Aber es ist, als gewönnen
alle diese bekannten Beweisgründe erst in der Energie und in der
subjektiven Lebendigkeit von Montaignes Stil ihre Schärfe und
die eindringliche Bedeutung, mit der sie auf die Folgezeit wirken.
Im Mittelpunkt steht auch hier das Problem des unendlichen
Regresses im Beweisverfahren: um zwischen den Erscheinungen
 eine Entscheidung zu treffen, bedürfen wir eines Instrumentes
 des Urteils; um dieses zu prüfen der logischen Schlussfolgerung,
 die indes selber erst durch dieses Instrument wieder beglaubigt
 und gesichert werden könnte (II, 12). Oder wäre es möglich,
 den Syllogismus und vor allem den Induktionsschluss aus
diesem Zirkel zu befreien; liesse sich ein Weg finden, allgemeine
Obersätze der Induktion zu gewinnen, die, wenngleich sie nur in
der Beziehung auf die Erfahrung Sinn und Geltung haben, dennoch
 nicht als Aggregate von Einzelbeobachtungen zu denken
sind? In dieser Frage grenzt sich die moderne Erfahrungstheorie,
die mit Galilei beginnt, ihr Gebiet und ihre Aufgabe ab. Montaigne
 hat keinen positiven Anteil an ihr; aber auch hier bleibt
ihm das Verdienst, dass er dort, wo die gleichzeitige Philosophie,
wo insbesondere Telesio und seine Schule die eigentliche Lösung
sah, das Problem aufzurichten wusste. —
Dieser Sinn und diese Kraft der Skepsis tritt schliesslich,
deutlicher als im Gebiet der theoretischen Erkenntnis, an den
Prinzipien der Sittlichkeit hervor. Zunächst zwar scheint hier
mit dem Schwinden des unbedingten Maasstabes die ethische
        <pb n="183" />
        Der Skhepticismus, — Montaigne.

Grundfrage selbst entwurzelt und zu Nichte gemacht. Wie die
Empfindung uns nicht das Sein des äusseren Gegenstandes, sondern
 nur die Natur des eigenen Ich im äusseren Widerschein
anthüllt, so ist der Wert, der an den Dingen zu haften scheint,
in Wahrheit keine objektive Beschaffenheit ihrer selbst, sondern
der Reflex des urteilenden Subjekts. An sich ist Nichts weder
gut noch böse: erst unsere „Vorstellung“ verleiht ihm diese Beschaffenheit:
 „nous appellons valeur en les choses, non ce
qu’elles apportent, mais ce que nous y apportons“ (I, 40).
Damit aber ist der Begriff des Guten der grenzenlosen Unbestimmtheit
 und Vieldeutigkeit preisgegeben: denn nirgends tritt der
Widerspruch und die Unvereinbarkeit der Einzelnen und der
Völkerindividuen schärfer zu Tage als hier. Kein noch so, exiremer
 und phantastischer Brauch, der nicht durch das Gesetz
.rgend einer Nation geheiligt wäre; kein anerkannter sittlicher
Inhalt, der sich nicht im Wechsel der Zeiten oder Räume in sein
Gegenteil verwandelte. Oertliche und politische Schranken werden
zu Grenzen für den Begriff der Moral: „was für eine Art Güte ist
es, die, gestern in Ansehen und Geltung, es morgen nicht mehr
ist und die beim Ueberschreiten eines Flusses zum Verbrechen
wird? was für eine Art Wahrheit, die durch diese Berge begrenzt
und jenseit ihrer zur Lüge wird‘ (IL, 12). „Die ersten und allgemeinen
 Gründe der sittlichen Vorschriften sind schwer zu fassen
and gehen unsern Lehrmeistern unter den Händen in Schaum
auf; oder aber sie wagen nicht einmal, an ihnen zu rühren, sondern
 werfen sich von Anfang an in die Freistätte der Gewohnheit;
 hier blähen sie sich auf und feiern einen billigen Triumph“
‘I, 22). So sehen wir uns der äusseren Meinung und der jeweiligen
 Konvention als einzigen Führern überwiesen: „das Ansehen
Jder Gesetze kommt nicht daher, dass sie gerecht, sondern dass
sie Gesetze sind; dies allein ist der mystische Grund ihrer Au-:orität;
 sie haben keinen andern.“
Und dennoch liegt in dieser Konsequenz, in der sich Montaignes
 skeptischer Lehrbegriff vollendet, zugleich die Peripetie
seiner philosophischen Gesamtanschauung. Das Problem der
Sittlichkeit ist es, an dem eine innere Umkehr des Gedankens
sich vollzieht. Zunächst nämlich trägt die Skepsis — hier, wie
‘m Altertum — von Anlang an einen bestimmten und wvositiven
        <pb n="184" />
        Die ethische Bedeutung der Skepsis.

171

ethischen Leitgedanken in sich. Ihr Endzweck ist die „Ataraxie“:
durch die Abwendung von allen absoluten Zielen soll der Geist
in sich selbst zu einem festen Gleichgewichts- und Ruhepunkt
gelangen, der durch den Wandel der äusseren Dinge nicht mehr
berührt wird. Was alles Streben nach Erkenntnis nicht vermochte,
 das leistet der selbstbewusste und freiwillige Verzicht.
Indem der Zweifel alle besonderen, autoritativen Normen ihres
mystischen Ursprungs entkleidet, schützt er den Einzelnen, der
sich ihnen praktisch immerhin unterwerfen mag, davor, sich
ihnen innerlich bedingungslos hinzugeben. Die Skepsis ist es,
die das Individuum davor bewahrt, sich den sittlichen Maassstab
von aussen aufdrängen zu lassen, die es, allen willkürlichen
moralischen Konventionen gegenüber, der gedanklichen Freiheit
 seines Urteils versichert. Die Kritik ist somit, wie sich
immer deutlicher zeigt, nicht so sehr auf das „Gute“, wie auf
lie relativen und wandelbaren „Güter“ gerichtet. So treten von
Anfang an und unmittelbar neben den skeptischen Leit- und
Hauptsätzen, die Grundmotive der stoischen Ethik in den
Essais bestimmend hervor. Unter den klassischen Autoren, deren
Citate sich in bunter Fülle durch das Werk verstreut finden,
steht Seneca an erster Stelle. Wie Montaigne sein Wesen und
seinen Stil in einem charakteristischen literarischen Portrait
darstellt, so ‘bilden seine Schriften, zugleich mit denen des
Plutarch, den unerschöpflichen Quell, aus dem er nach seinem
eigenen Wort „wie die Danaiden unablässig schöpft.“ {L, 25; 1, 10:
II, 32.) Hegels allgemeine Bemerkung, dass Skepticismus und
Stoicismus sich notwendig auf einander beziehen und sich wechselseitig
 bedingen, findet an Montaigne ihre charakteristische geschichtliche
 Bestätigung. „Das skeptische Selbstbewusstsein er-{ährt
 in dem Wandel alles dessen, was sich für es befestigen will,
seine eigene Freiheit als durch sich selbst gegeben und erhalten;
es ist sich diese Ataraxie des sich selbst Denkens, die unwandelbare
 und wahrhafte Gewissheit seiner selbst.“®) Wenn im
Theoretischen die kritische Auflösung des absoluten Gegenstands
nicht dazu führte, eine wissenschaftliche Theorie der Erscheinungen
 zu versuchen, wenn hier auch der Begriff des Ich
keinen sichern Halt bot, so enthält im Sittlichen die Vernichtung
der äusseren Normen unmittelbar die Aufforderung in sich, das
        <pb n="185" />
        1 —

Der Skepticismus. — Montaigne.

Gesetz, das damit zerstört scheint, aus dem eigenen Innern wieder
aufzubauen. Dass der Wert nicht an den Dingen haftet, sondern
dass wir es sind, die ihn an sie heranbringen: dieser „Subjektivismus“
 ist nicht die Widerlegung, sondern der Anfang und
die positive Voraussetzung der Möglichkeit der Ethik.
So treten denn jetzt den willkürlichen Gebräuchen und Satzungen
 die „Naturgesetze‘“ des Sittlichen als Kriterium gegenüber.
Wir haben die Natur, die uns so sicher und glücklich leitete, verlassen
 und wollen, dass sie von uns Lehre annimmt und doch muss
unser Wissen beständig zu ihr und den Spuren ihres Unterrichts
zurückkehren, um in ihr das Muster der Beständigkeit, der Unschuld
 und Ruhe zu finden. „Wir haben es mit ihr gemacht, wie
der Parfumeur mit dem Oel; wir haben sie durch Klügeleien und
Argumentationen so sehr sophistisch verfälscht, dass sie für Jeden
aine andere, wandelbare und besondere Gestalt angenommen und
die ihr eigentümlichen allgemeinen und unveränderlichen Züge
verloren hat. (III, 12.) Es gibt somit ein identisches gemeinsames
Grundgesetz, das uns nur durch die Sophistikationen unserer Vernunit
 verdeckt und entstellt wird. Wenn unter dem Gesichtspunkt
der theoretischen Erkenntnis die Natur sich uns in ein Chaos
vegelloser Eindrücke auflöste, so bezeichnet sie für das sittliche
Problem den Quell und die Gewähr des Gesetzes. Die Skepsis
wird zum Mittel, das zu dieser echten Grundlage zurückleitet.
Indem sie die fälschenden Zutaten der „Vernunft“ in sich selbst
vernichtet und gegen einander aufhebt, stellt sie damit die Regel
der Natur wieder in ihrer Ursprünglichkeit und Reinheit her.
Jede äussere und transscendente Begründung der Moral ist daher
überflüssig und schädlich: wahrhaft wertvoll ist nur diejenige
Handlung, die nicht durch äussere Vorschriften bestimmt ist, sondern
 aus der eigenen inneren Norm hervorgeht. So muss die
Sittlichkeit vor allem die Stütze der Religion, die ihre Gebote
an Furcht und Hoffnung knüpft, entbehren lernen. „Je V’ayme
elle que les loix et religions non facent, mais parfacent et auc-(orisent;
 qui se sente de quoy se soubstenir sans ayde; nee en
nous de ses propres racines, par la semence de la raison
universelle, empreinte en tout homme non desnature“
III, 12), Noch einmal hat sich somit der bisherige Gegensatz
umgestaltet: was wir Natur nennen, das ist in Wahrheit die Regel
        <pb n="186" />
        Die Natur als sittlicher Normbegriff.

173

der „universellen Vernunft“, die es gegenüber den kleinlichen
und engen Geboten des Herkommens (ces petites regles, feinctes,
usuelles, provinciales) zurückzugewinnen gilt. So wird dieser Begriff
 für Montaigne vielmehr zum Ausgangspunkt für eine Umund
 Neugestaltung der Geisteswissenschaften. Ethik und
Aesthetik, Geschichte und Psychologie werden unter einem neuen
Gesichtspunkt beurteilt und gestaltet, Und wenngleich die Theorie
der Wissenschaft an dieser Umbildung keinen Anteil nimmt, so
wirkt doch das Ergebnis dieser Gesamtentwicklung, in welcher ein
neuer Kulturbegriff gewonnen wird, mittelbar auf die Fassung
und die systematische Stellung des Erkenntnisproblems zurück.
Es ist zunächst die Pädagogik, die durch das neue Grundprinzip
 eine innere Wandlung und Bereicherung ihres Inhalts er-[ährt.
 Der Gehalt der ethischen Begriffe bewährt sich hier in einer
originalen und schöpferischen Leistung, in der alle Hauptzüge der
späteren Entwicklung, vor allem der Erziehungslehre Rousseaus,
vorweggenommen sind. Von dem dialektischen Gegensatz zwischen
Vernunft und Natur wird die Fragestellung auch hier beherrscht;
zugleich aber formuliert sie im Begriff des Selbstbewusstseins
einen entscheidenden Gedanken, der die Lösung vermittelt und
vorbereitet. In diesem Begriff liegt die Grenzscheide und die
Schutzwehr gegen allen scholastischen „Pedantismus“, der den Stoff
des Wissens von aussen her an das Subjekt heranbringt. Ueberall
dort, wo die Selbständigkeit des Ich ausgeschaltet ist, ist damit
auch die echte Materie der Erkenntnis vernichtet; einzig die Form
der Worte ist es, die zurückbleibt. Wir arbeiten nur daran, unser
Gedächtnis zu füllen, und lassen Verstand und Bewusstsein leer.
Das ganze Leben entartet zum Geschwätz: vier bis fünf Jahre
bringen wir damit hin, die Worte verstehen zu lernen und sie in
Perioden zu drechseln, die doppelte Zeit wenden wir daran, uns
im rhetorischen Aufbau und in stilistischen Feinheiten zu üben.
„Unsere Erziehung leitet uns nicht auf den Weg der Tugend und
Wahrheit: sie lehrt uns die Etymologie von beiden kennen“.
Echtes Wissen wird dagegen nur dort erzeugt, wo die unbedingte
autoritative Einwirkung ferngehalten und der gesamte Gehalt der
Erkenntnis aus der eigenen geistigen Tätigkeit gewonnen wird.
„Les abeilles pilotent decä delä des fleurs; mais elles en font aprez
je miel. qui est tout leur: ce n’est plus thym ni mariolaine: ainsl
        <pb n="187" />
        Der Skepticismus. — Montaigne.

les pieces empruntees d’aultruy, il les transformera et confondra
pour en faire un ouvrage tout sien, a scavoir son jugement: son
institution, son travail et estude se vise qu’ä le former. Qu'il cele
:out ce dequoy il a este secouru, et ne produise que ce qu'il en
a faict“. Die Vernunft und die Wahrheit sind allen gemein; wer
sie zuerst in Worte kleidet, besitzt sie nicht in höherem Maasse
als ein Späterer, der sie sich innerlich zu Eigen gemacht hat.
Eine Wahrheit gehört mir im selben Sinne, wie dem Platon, wenn
er und ich sie übereinstimmend sehen und begreifen. So ist jede
echte erzieherische Tätigkeit wiederum von dem Glauben an die
[(dentität der Vernunft bedingt und getragen; von der Annahme
siner ursprünglichen Gleichartigkeit zwischen dem geistigen Inhalt,
der dargeboten wird, und der geistigen Kraft und Wesenheit des
Subjekts, das ihn aufnimmt.) Wir erkennen hier in einem typischen
 Beispiel die tiefere Art des geschichtlichen Zusammenhangs,
 der die Renaissance an die Antike knüpft. Die Anlehnung
an das klassische Altertum wird von Montaigne verworfen, sofern
sie den Sinn hat, dem Einzelnen den Stoff des Wissens in fertiger,
 geschlossener Gliederung zu überliefern. Aber eben in dieser
Abweisung fühlt er sich als Erbe des griechischen Geistes. Er
beruft sich auf das Platonische Ur- und Anfangswort aller Pädagogik:
 so wenig sich blinden Augen die Sehkralft einsetzen lässt,
so wenig vermag die Erziehung der Seele einen geistigen Inhalt zu
geben, der nicht latent in ihr enthalten wäre (II, 24). Und Sokrates
 gilt ihm als der ewige Pädagoge des Menschengeschlechts,
sofern er zuerst ihm gezeigt hat, wieviel es aus eigener Kraft vermag
 (III, 12), Hier erhebt sich Montaignes Skepsis in der Ergänzung,
 die sie durch den Gedanken der freien Selbsttätigkeit des
Bewusstseins erhält, in der Tat zur echten Bedeutung des So-Kratischen
 Nichtwissens. Das Griechentum bildet das Vorbild,
nicht als Hüterin eines festen Wissensschatzes, sondern als
Weckerin und als geschichtliche Bürgschaft der Produktivität
 des menschlichen Geistes. Die Antike wird — im Gegensatz
 zur Scholastik — die Schule der „Naivität“ und Natürlichkeit;
 auch die Ueberlegenheit des Stils der Alten gilt Montaigne
nicht als ein zufälliger und äusserer Vorzug, sondern als gegründet
 auf die Klarheit ihres Denkens und auf die Kraft und Reinneit
 der objektiven Anschauung (IIL, 5).
        <pb n="188" />
        Psychologie und Geschichte.

175

So fällt allgemein von hier aus neues Licht auf die Geschichte,
 die nicht mehr im Sinne philologischer Altertumskunde
 gefasst, sondern als die allgemeine Psychologie des
Menschen gedacht wird: als die „Anatomie der Philosophie“, in
der die dunkelsten Gebiete unserer Natur uns durchsichtig werden
(TI, 25). Montaigne vertritt die doppelte Tendenz, die sich im modernen
 Begrift der Geschichte vereinigt. (Vgl. ob. S. 156 f.) Indem
er auf die Naturbedingungen alles historischen Geschehens, auf die
Bestimmtheit der theoretischen und sittlichen Kultur durch das
„Milieu“, durch Ort und Klima zurückweist, begründet er die Geschichtsbetrachtung
 der französischen Aufklärungsphilosophie, wie
sie sich vor allem in Montesquieu ausprägt (s. bes. II, 12), Und
dennoch ist es, trotz aller Mannigfaltigkeit und allem scheinbaren
Widerspruch, eine einheitliche „Natur“ des Menschen, die sich nach
ihm in allem Wandel des Geschehens enthüllt und offenbart. Von
den wechselnden Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens,
von aller Betrachtung der äusseren politischen Schicksale, in
denen Laune und Zufall vorherrschen, werden wir daher zuletzt
auf das Individuum als das eigentliche Objekt der Geschichtswissenschaft
 verwiesen, Plutarch und Tacitus gelten, weil sie zuerst
den Blick auf das „Innere“ des Menschen gelenkt haben, als die
klassischen Vorbilder (II, 10; III, 8). In analoger Weise wandelt
sich der aesthetische Maassstab, indem auch hier durchweg das
Charakteristische vor dem Novellistischen, die Kunst und Feinheit
 der psychologischen Motivierung vor der Entwicklung der
Fabel den Vorrang gewinnt. Das Grundgesetz des künstlerischen
Stils — und hier kehren die beiden Lieblingsbegriffe Montaignes
wieder — ist seine „Naivität“ und „Natürlichkeit“; alles Beiwerk,
das nicht unmittelbar und notwendig aus der Natur des darzustellenden
 Gegenstands fliesst, aller rhetorische Zierrat verstösst
gegen das erste aesthetische Erfordernis der Darstellung. Der
„Ciceronianismus‘“ und seine verschiedenen Abarten wird in den
Essais mit einer Energie und einer treffenden Sicherheit bekämpft,
die im Zeitalter des Humanismus überrascht. Man hat von der
Einwirkung gesprochen, die Montaigne auf Shakespeare geübt
hat: und in der Tat hört man an manchen Stellen bei Shakespeare
 den unmittelbaren Nachklang der „Essais“ noch deutlich
heraus.‘) Wichtiger aber als diese Uehbereinstimmungen im Ein-
        <pb n="189" />
        Der Skhepticismus. — Montaigne.

zelnen, auf die man verwiesen hat, ist der allgemeine Zusammenhang,
 der hier besteht. Hamlets Worte über das Schauspiel sind
Jer reinste Ausdruck und die Vollendung von Montaignes Aufjassung
 der „Natur“ als aesthetischem Normbegriff. Die Essais selbst
aaben diesen Begriff am Beispiel der mimischen Künste erläutert:
an dem Gegensatz zwischen der schlichten und ungezwungenen
Haltung des Künstlers und der Grimasse und der travestierenden
Uebertreibung des Nachahmers (II, 10). Unter dem neuen künstlerischen
 Ideal wendet sich der Blick wiederum auf die Volksdichtung
 zurück, deren naive Anmut Montaigne den vollkommensten
 Erzeugnissen der Kunstpoesie gleichstellt: das Kapitel
über die Dichtung der Naturvölker bildet den originalen Anfang
3äiner Entwicklung, die über Rousseau zu Herder hinführt. —
So hat auch hier die Skepsis ihre allgemeine Funktion erfüllt,
 durch Abstreifung der falschen konventionellen Hülle eine
neue und ursprüngliche geistige Wirklichkeit zur Entdeckung zu
bringen. Der Zweifel sinkt nicht ins Bodenlose: sondern er
indet, im Gebiete der Wertbetrachtung, überall festen Halt und
Ankergrund. Das!Selbstbewusstsein, das sich für den beobachtenden
 und reflektierenden Psychologen in eine heterogene
Mannigfaltigkeit wechselnder Zustände auflöste, wird jetzt als ein
[nbegriff geistiger Werte zurückgewonnen. Nicht in objektiven
 systematischen Formen prägt sich diese Umwandlung aus
aber sie stellt sich mittelbar in dem Maasse dar, als die Persönlichkeit
 Montaignes in der Fülle ihrer subjektiven Betätigungen
and Interessen sich vor uns entfaltet. In diesem Zusammenhang
wurzelt die unvergleichliche Eigenart von Montaignes philosophischem
 Stil. Er selbst spricht es aus, dass die Schilderung
des eigenen Ich in seiner konkreten Wahrheit seine „Physik
ınd Metaphysik“ bilde (IH, 13). Alle objektive Beobachtung
ınd Erfahrung ordnet sich diesem einheitlichen Hauptzweck als
Material und Mittel unter. Die Welt der Gegenstände bildet, an
sich genommen, nur einen gleichgültigen und gleichförmigen
Hintergrund; erst durch das Ich, das seine eigene Wesenheit auf
sie projiciert, gewinnt sie Leben und Gestalt. Werk und Autor
bilden daher hier eine untrennbare Einheit: „je n’ay pas plus
[aict mon livre, que mon livre m’a faict: livre consubstantiel
ä son auteur, d’une occupation propre, membre de ma vie,
        <pb n="190" />
        Der neue Begriff der „Selbsterkenntnis“ . 177

non d’une occupation et fin tierce et estrangiere, comme touts
aultres livres“ (II, 18.) Dennoch bliebe die neue literarische
Kunstform, die damit ins Leben tritt, ohne innere philo-Sophische
 Bedeutung, wenn das Ich, das sich in den Essais
darstellt, nicht zugleich einen allgemeinen und objektiven Gehalt
zum Ausdruck brächte, wie wir ihn in den verschiedenen Phasen
von Montaignes Naturbegriff entstehen sahen. Das Individuum,
sofern es sich nur rein in sich selber erfasst, sofern es sich von
aller Beschränkung durch den Beruf und die besonderen gesellschaftlichen
 Verbände, denen es angehört, freimacht, entdeckt in
sich die geistige Grundform der Menschheit überhaupt. 5)
In dem literarischen Bilde der Renaissance bezeichnet die
Selbstbiographie in ihrer neuen Entwicklung einen wesentlichen
 und notwendigen Zug. Sie tritt uns in zwei Hauptformen
entgegen, je nachdem sie, wie bei Cellini, den Menschen in
der Bewegtheit des äusseren Lebens darstellt oder sich wie bei
Petrarca, grüblerisch in den „geheimen Kampf seiner Herzenssorgen“
 vertieft. Montaignes Essais stehen ausserhalb dieser beiden
 Grundtypen. Von Petrarca sind sie von Anfang an durch
Tendenz und Stimmung geschieden: der Affekt der Reue, der
bei ihm den Grundton bildet, wird von Montaigne bewusst verworlen
 und als sittliches Prinzip entwertet. Allgemein ist es
nicht der Affekt, der in der Selbstschilderung Montaignes zum
Ausdruck drängt. Die Essais sind das Tagebuch seiner wechselnden
 „Phantasien“ und Meinungen: denn im Denken allein liegt
die Wesenheit und Wahrheit des Menschen. Noch einmal zeigt
sich uns hier die allgemeine theoretische Bedeutung und zugleich
die innerliche Grenze der Skepsis. Die neuen Wertbegriffe, die
sie erarbeitet, bleiben auf das denkende Selbstbewusstsein beschränkt:
 sie bestimmen und leiten das Urteil des Individuums,
ohne seinen Willen zu ergreifen. Jeder Versuch, die Schöpfung
des Innern auf die äussere Welt zu übertragen, die äusseren Verhältnisse
 nach dem neuen Maassstab umzugestalten, wird abgewiesen.
 Die Bedeutung, die dem Zweifel als Prinzip zukommt,
erweist sich hier noch einmal von negativer Seite: denn gerade
dort wo die Skepsis sich bescheidet, um sich den gegebenen politischen
 und sozialen Mächten unterzuordnen., vermag auch der
        <pb n="191" />
        A

Der Skhepticismus. — Montaigne.

Begriff des sittlichen Selbstbewusstseins nicht zur Reife und
Vollendung zu gelangen. —
Noch einmal enthüllt sich uns schliesslich das Doppelantlitz
 der Skepsis, wenn wir uns der Kritik des religiösen
Problems zuwenden. Zwar scheint hier der Weg eindeutig vorzezeichnet:
 indem die Apologie des Raymond de Sabonde die
rationale Theologie zerstörte, indem sie alle Beweise für das Dasein
 Gottes und für eine zwecktätige Leitung des Alls in ihrer
Nichtigkeit erkennen liess, hat sie damit zugleich den Offenbarungsglauben
 als den einzigen und echten Urgrund der
Religion erwiesen. Vor ihm muss jede Frage der Vernunft verstummen:
 der Zweifel hat seine höchste Aufgabe erfüllt, wenn es
ihm gelungen ist, die fundamentalen Glaubenssätze gegen die Anfechtungen
 des kritischen Verstandes zu sichern und zu schützen.
Und dennoch bedeutet auch diese letzte und scheinbar endgültige
Antwort für Montaigne nur den Beginn einer neuen dialektischen
Entwicklung. Ueberall finden wir den Gehalt der Religion an
bestimmte menschliche Formen und Formeln gebunden und
'n ihre Mannigfaltigkeit verstrickt. Der Glaube, den wir aus
unmittelbarer göttlicher Eingebung empfangen sollten, wird in
Wahrheit durch den Zufall der Geburt, durch die Laune des
Parteigeistes und den Vorteil des Augenblicks bestimmt. Nur die
Ethik wäre imstande, ein Kriterium zu liefern, das zwischen
Jem echten Gehalt der Offenbarung und unseren willkürlichen
Zutaten unterschiede; nur in der sittlichen Rückwirkung auf die
Gesinnung und das Tun ihrer Bekenner kann die wahrhafte
Wertdifferenz der Religionen liegen. „Alle übrigen Merkmale,
Hoffnung und Vertrauen, Ceremonien und Busse, Wunderberichte
and Märtyrer sind allen Religionen gemein: das besondere Zeugnis
unserer Wahrheit müsste unsere Tugend sein, wie es zugleich
das göttlichste und schwerste ist“ (II, 12.) Diese Forderung indes
steht in unmittelbarem Widerstreit zu dem empirischen Bilde
der Religion, das Geschichte und Kultur uns allenthalben darbieten.
 Nicht der Glaube ist es, der den Menschen nach sich
gestaltet und bildet, sondern umgekehrt nimmt er alle Formen
an, die unsere persönlichen Wünsche und Leidenschaften ihm
aufdrücken. Die Einheit der verschiedenen Sekten, die im Theoretischen
 vermisst wird: — wir finden sie im praktischen sitt-
        <pb n="192" />
        Die anthropologische Krink der Religion. 179

lichen Verhalten, in dem gleichen Fanatismus und der gleichen
Unduldsamkeit wieder, zu der jede einzelne von ihrer herrschenden
Meinung getrieben wird. Ueberall spiegelt uns daher die Religion,
in Ihrer empirischen Erscheinung, nur die herrschende Richtung
unseres Willens wider: die Menschennatur in all ihrer anthropologischen
 und ethnographischen Mannigfaltigkeit ist der
‚Naturgrund“, auf den sie zurückgeht. Und wenn in der Ethik,
aller Relativität der äusseren Satzung zum Trotz, ein allgemeiner
innerlich gültiger Maassstab zurückgewonnen wurde, so ist uns
hier dieser Ausweg verschlossen: denn welches Mittel des Selbstbewusstseins
 vermöchte ein seinem Begriffe nach transscendentes
 Sein zu sichern und zu verbürgen? So werden bei Montaigne
 die positiven Dogmen selbst zwar nirgends in den Kreis
der Untersuchung hineingezogen; aber eben in dieser Absonderung
 liegt ihre schärfste, ironische Kritik: denn jetzt gehören sie
dem festen convenltionellen Bestand der „Gebräuche“ an, dem
der Einzelne sich zu unterwerfen hat.
Diese Abwendung von den theologischen Motiven und der
Gewinn eines neuen Mittelpunktes der Betrachtung tritt vor allem
am Problem der Unsterblichkeit deutlich hervor. Das begriffliche
 Gewebe der rationalen Psychologie wird aufgelöst, indem
 sein Widerspruch zu den ersten Bedingungen unserer Vorstellung
 aufgedeckt wird: von den Grundlagen unseres empirischen
Daseins abstrahieren zu wollen, um eine neue Form des Seins
zu erdichten, heisst alle sicheren Grenz- und Haltpunkte der Erkenntnis
 verrücken. Unser Denken, das an irgendwelche sinnlichen
 Daten anknüpfen muss und auf sie verwiesen bleibt, vermag
 die Aufhebung der sinnlichen Erfahrungswelt nicht zu voll.
ziehen, ohne damit sich selber und seine Funktion aufzuheben
Die Identität der Persönlichkeit, die wir als notwendigen Bestandtei!
 der Unsterblichkeitslehre fordern müssen, verlangt zu
ihrer Feststellung die Beziehung auf eben jene materiellen Bedingungen,
 die wir mit der Loslösung der „Seele“ vom Körper
vernichtet denken. In der Ausführung dieses Gedankens legt
Montaigne, bis ins Einzelne, den Grund zu der modernen „anthropologischen“
 Kritik des Unsterblichkeitsglaubens.‘) Der tiefere
philosophische Gewinn indes liegt hier nicht in der dialektischen
Zergliederung des Dogmas, sondern wiederum in der neuen Wert-
        <pb n="193" />
        ‚80

Der Skepticismus. — Montaigne.

betrachtung, die ihr zu Grunde liegt. Das Problem des Todes
steht im Mittelpunkt der ethischen Betrachtungen der Essais:
‚Philosophieren“ heisst auch ihnen — wie in einem bekannten
Kapitel ausgeführt wird — „Sterben lernen“. Aber nicht um den
Ausblick in ein jenseitiges Sein, in dem das empirische Leben
erst seinen Sinn und seine Vollendung erhielte, handelt es sich.
Unser Dasein hat in sich selber sein eigenes Gesetz und seinen
Schwerpunkt gefunden. Jede Ansicht, die den Wert des Lebens
herabsetzt, ist lächerlich: denn immer bleibt es unser Sein,
unser Alles. „C’est contre nature que nous nous mesprisons et
mettons nous mesmes ä nonchaloir; c’est une maladie particuliere
 et qui ne se veoid en aulcune autre creature, de se hair et
lesdaigner“ (II, 3), Der Moment des Todes ist nicht als ein Ueber-3ang
 zu einer neuen metaphysischen Ordnung der Dinge zu denken,
sondern als ein notwendiges Glied der immanenten Naturgesetzlichkeit,
 die zu verstehen und anzuerkennen die letzte Aufgabe
aller Philosophie ist. „Verlasse diese Welt -— so spricht Allmutter
Natur zu uns — wie Du in sie eingetreten bist. Denselben Schritt,
den Du vom Tode zum Leben ohne Leiden und Furcht getan, tue
ihn vom Leben zum Tode zurück. Dein Tod ist ein Glied des Universums,
 ein Glied im Leben des Alls.. . Soll ich für Dich diese harmonische
 Verkeitung der Dinge aufheben? Er ist eine Bedingung
Deiner Erschaffung, ein Teil Deiner selbst, Du fliehst in ihm nur
Dich selber“ (I, 19). Erst wenn er in diesem Sinne erfasst wird, ist
der Gedanke des Todes keine Hemmung und Verkümmerung der
Energie des Daseins mehr, sondern wird zur Anweisung, das Ziel
and die Richtschnur des Lebens in diesem selber und in seiner Rezelung
 und Ordnung zu suchen (II, 12). In der extensiven Begrenzung
 des Daseins ist uns zugleich eine intensive Erhöhung und
Steigerung seines Gehalts gegeben. Denn die Art und der Wert
des Lebens ist von seiner Dauer unabhängig. „Das Leben ist an
sich selbst weder ein Gut, noch ein Uebel: es ist der Sitz der Güter
und Uebel, je nachdem Du selber es dazu machst. Wenn Du einen
Tag gelebt hast, so hast Du alles gesehen: ein Tag wiegt alle andern
 Tage auf. Es gibt kein anderes Licht und keine andere
Nacht; dieselbe Sonne, derselbe Mond, dieselbe Ordnung der Gestirne
 ist es, an der Deine Voreltern sich erfreut haben und. die
Deine späten Enkel umfangen wird, Die wechselvolle Gliederung
        <pb n="194" />
        Der Wert des Lebens.

181

aller Akte des Schauspiels der Natur ist in einem einzigen Jahre
völlig beschlossen. Wenn Du auf den Wechsel der Jahreszeiten
Seachtet hast, so hast Du in ihnen die Kindheit, die Jugend, das
Mannes- und Greisenalter der Welt erlebt; sie hat ihr Spiel ausgespielt;
 alles, was sie vermag, ist, es von neuem zu beginnen“
(I, 19). So legt denn auch hier die Skepsis, indem sie den Blick
von den transscendenten Zielen hinweglenkt, den Grund zu einem
echten sittlichen „Positivismus“. Um die geschichtliche Stellung
Montaignes zu verstehen, muss man ihn etwa mit Agrippa von
Nettesheim vergleichen, dessen Werk „De incertitudine et vanitate
 scientiarum“ als das erste Kompendium der skeptischen Grundanschauung
 in neuerer Zeit gelten kann. Von den dialektischen
Spitzfindigkeiten des Mittelalters treibt es Agrippa.zur Natur zurück,
 die er in der Magie zu enträtseln unternimmt. Aber auch
in ihr findet er keinen Halt und Ruhepunkt: und so endet er damit,
 das eigene Grundwerk „de occulta philosophia‘“ zu widerrufen
 und skeptisch zu zerstören.”) Die Skepsis ist hier, wie man
sieht, nur das Widerspiel des mystischen Erkenntnisideals, das
das Verständnis und die Beherrschung des „Innern der Natur“
fordert. Der Zweifel bedeutet für Agrippa nur die Sehnsucht nach
dem verlorenen Paradies des absoluten Wissens; für Montaigne
spricht sich in ihm zugleich das Vorgefühl neuer Aufgahen der
Erkenntnis aus, Keines der neuen Probleme, die jetzt entstehen, hat
er selber positiv in Angriff genommen; aber bei ihm zuerst werden
 die geistigen Grundkräfte frei, die die Zukunft gestalten helfen.

Die philosophische Grundanschauung des Skepticismus ist
in den Essais gedanklich vollendet und allseitig dargestellt. Was
die Zeitgenossen und die Schüler Montaignes hinzubringen, betrifft
 nur die nähere Ausführung einzelner Züge, ohne an dem
Aufbau des Ganzen eine wesentliche Aenderung zu vollziehen.
Es ist eine eigentümliche geschichtliche Abfolge, dass hierbei
dem Theologen Charron die Aufgabe zufällt, die Kritik des
positiven Dogmas, die sich bei Montaigne selbst nur in versteckten
 Andeutungen aussprach, zu voller Klarheit zu gestalten.
 Hatten schon die Essais den Gegensatz zwischen religijöser
 und autonomer Moral betont. so wird dieser Gedanke
        <pb n="195" />
        L8%

Der Skepticismus. — Charron.

von Charron bis in seine letzten und schärfsten Folgerungen
lortgeführt.* Solange unser Handeln noch in äusseren Satzungen
 und Vorschriften seinen Halt und sein Vorbild sucht, solange
 bleibt unsere Rechtlichkeit „schülerhaft und pedantisch“:
eine Sklavin der Gesetze unter dem Zwange von Hoffnung und
Furcht. Es ist der Grundmangel aller theologischen Begründung
der Sittlichkeit, dass sie mit dieser inneren Unfreiheit rechnet
und auf sie ihre Gebote stützt. „Verabscheuenswert und furchtbar
 sind mir die Worte: wenn ich nicht Christ wäre, wenn ich
nicht Gott und die ewige Verdammnis fürchtete, so würde ich
Dies oder Jenes tun... Ich will, dass Du rechtschaffen bist,
weil Natur und Vernunft: das heisst Gott es gebieten, weil
die allgemeine Ordnung und Verfassung der Welt, von der Du
ein Teil bist, es verlangt, gegen die Du Dich nicht auflehnen
kannsi, ohne gegen Dich selbst, Dein Wesen und Deinen Zweck
zu streiten — es komme im Uebrigen, was kommen mag“ (II, 5).
Wenn somit die Skepsis damit begann, die menschliche Vernunft
von der echten Gotteserkenninis auszuschliessen, so endet sie hier
damit, Gott und Vernunft unmittelbar in Eins zu setzen: eine Identität,
 die durch den Gedanken der sittlichen Selbstgesetzgebung
vermittelt und verhürgt wird. Für die positiven Religionen und
Rechtssatzungen ist jetzt ein fester unwandelbarer Maassstab gewonnen.
 Das Original, auf das alles geschriebene Recht, auf das
der Dekalog sowohl wie alle positiven Gesetzessammlungen zurückgehen,
 ist in dem eigenen Selbst eines Jeden verborgen. Gleichviel,
 ob wir diesem Verhältnis einen ethischen oder religiösen
Ausdruck geben, ob wir Gott oder die Natur als Urgrund des höchsten
 Gesetzes denken; — beides sind nur verschiedene Ausdrücke
desselben Gedankens: „quid Natura, nisi Deus et divina ratio toti
mundo et partibus ejus insita“? —
Der innere Wert des Individuums wird daher von seiner
Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensform nicht bestimmt;
ja wo immer von dieser ein entscheidender Einfluss auf die
Sittlichkeit des Einzelnen geübt wird, da ist bereits der Grund
jeder echten sittlichen Gemeinschaft erschüttert. Die Geschichte
kennt kein stärkeres und unheilvolleres Motiv, als den Fanatismus
des Glaubens. „Es ist noch die lässlichste und gelindeste Handlung
 dieser Leute, auf Jeden, der ihre Ansicht nicht teilt. mit
        <pb n="196" />
        Die Kritik der religiösen Moral,

183

schelem Blick zu sehen, ihn wie ein Monstrum zu betrachten
und sich durch den Verkehr mit ihm befleckt zu glauben. Man
traue Niemand, dessen Moralität allein auf religiösen Skrupeln
beruht: Religion ohne Sittlichkeit ist, wo nicht schlimmer, so
doch gefährlicher, als der gänzliche Mangel von allem beiden.“
Die innere Selbständigkeit aber, die der Einzelne hier gewinnt,
wird ihm zugleich zum Ausdruck und zur Gewissheit einer
geistigen Gemeinschaft, die sich über alle konventionellen
Schranken der verschiedenen Sekten und Glaubenslehren erhebt:
gerade das Vertrauen auf die Einheit der menschlichen Vernunft
 lehrt uns, die Mannigfaltigkeit ihrer verschiedenen Aeusserungen
 mit gleicher Unbefangenheit zu umfassen und zu beurteilen.
 So hat das „Nichtwissen“ wieder jene sittliche Grundbedeutung
 angenommen, die ihm bei Nikolaus Cusanus zukam.
(S. ob. S. 59 f) Zugleich wird man hier an ein Werk erinnert,
das wenige Jahre vor Charrons Schrift „De la sagesse“ vollendei
wurde und den gleichen äusseren und zeitlichen Bedingungen wie
diese entstammt. Der Gedanke und die literarische Form, die
durch Nikolaus Cusanus’ Dialog „De pace seu concordantia fidei“
geschaffen war, wird durch Jean Bodins „Colloquium hepta:
plomeres“ am reinsten erfasst und am tiefsten fortgebildet. Bodin
gehört demselben Kreise, wie Montaigne und Charron an; auch
bei ihm sind es die französischen Religionskriege, die den politischen
 Hintergrund bilden. Montaigne ist es, der als einer der
Ersten sein literarisches Verdienst anerkennt und der ihn von
der „Schar der Skribenten der Zeit“ ausdrücklich und energisch
unterscheidet. (Essais I], 32). Was Charron betrifft, so finden sich
ebenfalls bestimmte Spuren, dass er zum mindesten sein Werk
„vom Staate“ gekannt und benutzt hat. Tiefer und bedeutsamer
aber ist der Zusammenhang in der religiösen Grundanschauung:
was von Charron als allgemeine Forderung hingestellt wird, das
war von Bodin, indem er die einzelnen positiven Religionen in
Vertretern von bestimmter persönlicher Charakteristik zu Worte
kommen liess, mit einer Fülle gelehrten Wissens und mit eindringender
 dialektischer Kunst im Einzelnen dargelegt und unmittelbar
 vor Augen gestellt worden. —
Auch hier sehen wir somit, wie die Skepsis sich der
religiösen Gesamtbewegung der Zeit innerlich einordnet. Goethe
        <pb n="197" />
        184 Der Skepticismus. — Sanchez und La Mothe le Vayer.

hat in Montaignes Essais, in der öffentlichen Beichte, die hier
der Einzelne vor aller Welt ablegt, eine Hindeutung auf den
Protestantismus gesehen: ein Zusammenhang, der von Montaigne
 selbst unmittelbar bestätigt wird. „En faveur des huguenots,
qui accusent nostre confession auriculaire et privee, ie me confesse
en public, religieusement et purement“ (III, 5), Enger noch knüpft
sich diese Beziehung in dem bekannten Kapitel der Essais über
Jas Gebet, wenn hier der religiöse Unwert jeder äusseren Zeremonie
 betont und die sittliche Geltung des Gebets einzig von der
Wandlung und „Reformation“ des Inneren, die sich in ihm darstellt,
 abhängig gemacht wird. Nicht auf der Macht der Heilsmittel,
 sondern einzig auf der Kraft und Reinheit der inneren Gesinnung
 muss das echte religiöse Vertrauen ruhen: wo immer es
anders ist, da wird die Gottheit in einen Dämon verwandelt, den
man durch magische Zaubermittel zu zwingen vermeint. —

Stehen hier die Probleme der Geisteswissenschaft im Mittelaunkt
 der Betrachtung, so ist bei Sanchez, dessen Werk „Quod
aihil secitur“ unabhängig von Montaigne entstanden ist, die
Skepsis wiederum an den Problemen der Naturerkenntnis entstanden
 und auf sie bezogen. Der Zweifel, so unbedingt er auftritt,
 trifft hier dennoch in erster Linie die bestimmte Form der
Schulwissenschaft, der Sanchez sich gegenüber sieht. Die
Syllogistik ist es, gegen die sich seine Angriffe in erster Linie
richten; von ihren Quaestionen und Distinktionen, durch die
ıns nur Namen und Namen der Namen gegeben werden, will er
zur Erforschung der Dinge und ihrer Ursachen zurückleiten.
Und wie hier der Dialektik gegenüber auf die Wahrnehmung
ınd Beobachtung zurückgegangen wird, so wird allgemein daran
festgehalten, dass die echte Gewissheit, sofern es eine solche gibt,
lem „diskursiven“ Denken entzogen und auf einen Akt des unmittelbaren,
 intuitiven Schauens gegründet sein muss. In solcher
inneren Selbsterfassung erkennen wir zunächst das eigene Ich
und seine Operationen. Aber freilich vermag auch diese Rückwendung
 auf das Selbstbewusstsein uns keinen festen und
dauernden Halt zu gewähren: denn wenn das Selbst alle anderen
Inhalte an Gewissheit überragt, so ist es ihnen doch, was die
Bestimmtheit der Anschauung betrifft, unterlegen. Wir bleiben
        <pb n="198" />
        Die Grenzen der skeptischen Kritik.

185

auch hier in einem Dämmerlicht befangen: da keine Abbilder
und Spezies der inneren Vorgänge uns gegeben sind, so vermögen
wir zwar ihr Sein festzustellen, ihr Wesen und ihre Eigenart
aber kaum zu bezeichnen, geschweige einzusehen.?) So sehen
wir, wie hier der Satz von der Selbstgewissheit des Ich durch
die andere Auffassung gekreuzt wird, nach der alles Erkennen
durch äussere Zeichen und Bilder, die sich von den Gegenständen
loslösen, bedingt sein soll. Voller und bestimmter entwickelt wird
uns dieser Widerstreit in der italienischen Naturphilosophie begegnen,
 von der Sanchez auch in seinen speziellen Versuchen der
Naturerklärung abhängig ist. Die induktive Forschung, der er
zustrebt und die — wie das Beispiel des antiken Skeptizismus
zeigt -— durch seine skeptischen Prinzipien als solche noch keineswegs
 ausgeschlossen war, bleibt bei ihm zuletzt dennoch eine
blosse Forderung, die sich an keinem Punkte konkret erfüllt.
Wenn er, um die Unsicherheit der empirischen Naturerkenntnis
zu kennzeichnen, auf die Erscheinungen des Magneten und die
mannigfachen widerstreitenden Erklärungen, die von ihnen gegeben
 werden, verweist,!°) so ist gerade dieses Beispiel geschichtlich
 lehrreich und bezeichnend: denn gerade der Magnetismus ist
es, an dem kurz danach die moderne Forschung einsetzt und an
dem zuerst durch das Grundwerk Gilberts der Uebergang von
der Naturanschauung der „qualitates occultae“ zur exakten mathematischen
 Methodik sich vollzieht. —
Von einer anderen Seite her stellt sich uns die innere
Schranke des Skeptizismus in La Mothe le Vayers „Dialogen“
dar, die in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, nachdem die
neue wissenschaftliche Denkart bereits zum Siege und in der Lehre
Descartes’ zum philosophischen Ausdruck gelangt war, noch einmal
 alle Argumente gegen die Möglichkeit der Erkenntnis in sich
zusammenfassen.!!) Es ist indes nicht die Natur in ihrem mathematisch-physikalischen
 Begriff, sondern die Anthropologie und Geschichte,
 bei deren Betrachtung La Mothe le Vayer verweilt und
der er seine Beweisgründe entlehnt. Das ethnographische und
psychologische Material, auf das er sich stützt, um die Wandelbarkeit
 und Relativität aller logischen und sittlichen Maassstäbe darzutun,
 hat sich noch gehäuft; aber je mehr es in den Mittelpunki
tritt. um so deutlicher muss ein Grundmangel in seiner Bearbei-
        <pb n="199" />
        86

Der Skhepiicismus.

tung hervortreten. Aus Reisebeschreibungen, wie aus historischen
Berichten werden die Tatsachen wahllos zusammengelesen; es fehlt
jedes Prinzip ihrer Sichtung und der kritischen Prüfung ihrer
Glaubwürdigkeit. Nirgends entdeckt man hier den entscheidenden
Charakterzug der modernen Zeit, nirgends einen Gegensatz zu der
Art, in der Sextus Empiricus seine Belege auswählt und gruppiert.
So zeigt sich eine merkwürdige Umkehrung: der Zweifel, so radikal
er gegenüber den logischen Grundlagen des Denkens auftritt, versagt
 gegenüber dem einfachen „Faktum“ und seiner Ueberlieferung.
Die Skepsis ist nicht zum Begriff der historischen Kritik vorzedrungen.
 Bei Montaigne bereits besteht ein bezeichnender Gezensatz
 zwischen der theoretischen Zweifelslehre und dem naiven
Zutrauen, mit dem er allenthalben abenteuerliche Erzählungen
und Berichte aufnimmt und zu Beispielen und Schlussfolgerungen
zusammenfügt. Ueber den skeptischen Gedankenreihen erhebt
sich eine eigene und unabhängige Welt der Phantasie. Wenn
indes diese Doppelheit hier in dem Stilcharakter des Ganzen wurzelt
 und mit zu dem ‚eigentümlichen Reiz des Werkes gehört, so
wird sie in der nüchternen und doktrinalen Form von La Mothe
ie Vayers Dialogen zum Widerspruch. Die nächste und notwendige
 Aufgabe innerhalb der Lehre musste die Kritik der geschichtlichen
 Ueberlieferung bilden: man erkennt hier eines der inneren
und sachlichen Motive, die zur Fortbildung des Skepticismus in
Bayle hinüberführen.
        <pb n="200" />
        Zweites Buch:

Die Entdeckung des Naturbegriffs.
        <pb n="201" />
        Erstes Kapitel:
Die Naturphilosophie.

Trotz seiner Verneinung der Wissenschaft und ihrer Prinzipien
 bot der Skepticismus dennoch den ersten Stützpunkt für die
allgemeine philosophische Fragestellung, die statt der Dinge
das Subjekt und seine eigentümliche Funktion in den Mittelpunkt
der Betrachtung rückt. Was verloren ging, war, wie sich zuletzt
zeigte ‚im Grunde nur eine bestimmte Ansicht der äusseren dinglichen
 Welt: damit aber war zugleich eine Schranke beseitigt, die
der reinen Erfassung des Ich bisher entgegenstand. Blicken wir
von hier aus zu der Naturphilosophie der Renaissance hinüber,
wie sie sich gleichzeitig und einstimmig in Deutschland und Italien
entwickelte, so stellt sich uns eine bezeichnende Umkehrung in
der Abfolge und Abhängigkeit der beiden Grundmomente dar
Völlig und ungeteilt ist die Forschung hier auf das Objektive gerichtet,
 dessen Sicherheit ihr von Anbeginn in der Wahrnehmung
und anschaulichen Vorstellung verbürgt ist. Kein kritischer Zweifel
stört diese erste unmittelbare Gewissheit: alle Kräfte des Geistes,
die Empfindung sowohl wie die sinnliche Phantasie, werden gleich
unbefangen befragt und als objektive Zeugen hingenommen. Und
dennoch vollzieht sich auch hier, gleichsam ungewollt und unvermutet,
 eine neue Entwicklung. Indem das Denken der Zeit an
einer Umgestaltung des Naturbegriffs arbeitet, wandelt sich ihm
unvermerkt zugleich die Auffassung und die Definition der Erkenntnis.
 War die Skepsis von der begrifflichen Auflösung der
äusseren Wirklichkeit ausgegangen, um in der Gewissheit des
Inneren“ ihre Grenze und ihren Ruhepunkt zu finden, so steht
        <pb n="202" />
        ‚90

Die Natur philosophie.

hier die Sicherheit der Gegenstände am Anfang: als das Endzie]
aber erweist sich allmählich immer deutlicher der Zweifel und
die Kritik an der herkömmlichen Begriffsbestimmung des Selbstbewusstseins.
 Beide Richtungen der Betrachtung, so widerstreitend
 sie scheinen, bedingen und ergänzen einander in ihrem
‚etzten Ergebnis: die doppelte Bewegung, die hier einsetzt, dient
dazu, „Subjekt“ und „Objekt“ mit neuem Inhalt zu erfüllen und
ıhr bisheriges Verhältnis umzugestalten. —
In ihren Anfängen freilich ist die Naturphilosophie dadurch
charakterisiert, dass sie die beiden Momente, an deren schärferer
Scheidung und Klärung auch sie unbewusst mitarbeitet, noch
völlig ungeordnet neben einander enthält. In das Bild der äusseren
Natur sind die Gestalten der subjektiven Einbildungskraft unmittel-Dar
 verwoben: neben der exakten Beobachtung, die hier zum ersten
Male getreu und umfassend geübt wird, bestimmen individuelle
Wünsche und Willensregungen die Auffassung und Deutung des
Ausseren Seins. Ein lebendiges und persönliches Zeugnis von
diesem Ineinander der gedanklichen Motive bietet uns die Selbstviographie
 des Cardano dar, in der sich die Kraft des Dämonenand
 Wunderglaubens an einem Vertreter der neuen empirischen
Denkweise und Forschungsart selbst darstellt. Von der eigentlichen
Wissenschaft der Natur bleibt daher diese Richtung ihrem ganzen
Wesen und ihrer Grundanschauung nach getrennt. Es ist vergebens,
 wenn historische Darstellungen und Urteile versuchen, die
scharfe Grenzlinie, die zwischen der Naturphilosophie und der exakten
 Forschung besteht, zu verwischen. Kepler selbst, der in
seiner aesthetischen Gesamtauffassung des Kosmos noch manchen
 Einzelzug, der hier erwachsen ist, aufnimmt, hat die methodische
 Schranke, die ihn von den Vorgängern trennt, in bewusster
 Strenge aufgerichtet. In seiner Polemik gegen Männer wie
Fracastoro und Patrizzi reift seine eigene Grundüberzeugung,
reift das Bewusstsein vom auszeichnenden und unterscheidenden
logischen Werte der Mathematik heran. (Vgl. Buch II, Kap. 2). So
unverrückbar indes dieser Gegensatz ist, so darf man dennoch,
wenn es sich darum handelt, die philosophischen Anfänge der
neuen Naturanschauung blosszulegen, an der Epoche der Naturphilosophie
 nicht vorbeigehen. Durch den dichten Schleier hinjurch,
 mit dem Phantasie und Aberglauben sie umhüllen, treten
        <pb n="203" />
        Der Begriff des Weltorganismus.

191

hier dennoch die Umrisse und Formen eines neuen Bildes der
äusseren Wirklichkeit heraus. Die intellektuelle Arbeit der Zeit
führt nur selten zu sicheren und fruchtbaren Ergebnissen, an die
die spätere Forschung direkt anzuknüpfen vermöchte: aber sie
deutet gleichsam in symbolischer Form und Sprache auf allgemeine
 gedankliche Prozesse voraus, die sich im Aufbau der Wissenschaft
 wiederholen werden.
Es ist eine bunte Fülle individueller Gestalten, die uns in
der Entwicklung der Naturphilosophie, die sich zeitlich über mehr
als ein Jahrhundert erstreckt, entgegentritt. Und von all diesen
Denker gilt, was Goethe von Cardano gesagt hat, dass ihr Einfluss
 auf die Erneuerung der Wissenschaft nicht minder als in ihren
positiven Beobachtungen, in ihrer persönlichen Denk- und Lehrart
wurzelt. So reizvoll indes für den Kulturhistoriker diese lebendige
 und vielseitige Mannigfaltigkeit ist, so muss doch die philosophische
 Betrachtung von ihr zunächst absehen, um sich den
festen sachlichen Kern zu vergegenwärtigen, der hier allenthalben
zu Grunde liegt. Die starren schulmässigen Verbindungen sind
gelöst: aber dennoch ist es ein und derselbe Problemgehalt,
der in aller Arbeit der Einzelnen immer von neuem heraustritt
und immer mehr zu einheitlicher Gestaltung drängt.

A) Der Begriff des Weltorganismus.
Wie die mannigfachen Bestrebungen zur Erneuerung der
geistigen Kultur ihren Halt und ihre Zusammenfassung zuletzt
in der Florentinischen Akademie fanden, so ist auch die Naturbetrachtung
 des 15ten und 16ten Jahrhunderts mit gedanklichen
Motiven des Neuplatonismus durchsetzt. In dieser gemeinsamen
 geschichtlichen Beziehung bekundet sich alsbald die sachliche
 Einheit, die die beiden Richtungen und Interessen zuletzt
verbindet. In der Lehre der Neuplatoniker, in der alle Gegensätze,
die das antike Denken bewegten, aufgehoben und ausgeglichen
schienen, in der Platonische und Aristotelische Gedanken sich
mischten und naivster Wunderglaube mit Elementen der stoischen
        <pb n="204" />
        „992

Die Natur philosophie,

Physik und des stoischen Materjalismüs verschmolz: in dieser Lehre
glaubt auch das Denken der neueren Zeit zunächst die begriffliche
Synthese für seine verschiedenartigen Tendenzen gefunden zu
haben. Es ist vor allem der schillernde Begriff der Entwickelung,
der, wie er Natur- und Geistesgeschichte gleichmässig umfasst, die
Fragen, die sich aus beiden ergeben, in einer gemeinsamen metaphysischen
 Formel zu enthalten und zu lösen scheint. Innerhalb
der Neuplatonischen Lehre bildet die Entwicklung das Zauberwort,
 ’das die beiden äussersten Enden des Systems, das die
(dee und Erscheinung mit einander verknüpft. Wie sehr auf der
einen Seite das Absolute als jenseit alles Seins und alles Denkens
betrachtet wird, so führt doch nunmehr eine stetige und notwendige
 Folge von der Welt der reinen Formen zum stofflichen
Dasein der Dinge hinüber. Die logische Verbindung der Gegen-„ole
 wird im Begriff der Kraft entdeckt: das Urwesen ist reine
ınd absolute Tätigkeit, die, in einem System von Abstufunzen
 und Abschwächungen, auf das abgeleitete Sein überfliesst
ınd es damit erzeugt und ermöglicht. Jetzt ist die Körperwelt
ınd ihre Mannigfaltigkeit nicht mehr schlechthin ein Nicht-Seiendes;
 sie ist zugleich als ein Symbol gedacht, in dem die
Einheit der „Idee“ sich ausprägt. —
Diese dynamische Grundauffassung ist es vor allem, die
für die neuere Zeit zur Vorbereitung und zum Hebel einer Umgestaltung
 des Naturbegriffs wird. Damit die Natur als selbständiges
 Problem gefasst und herausgehoben wird, muss sie
zunächst als geschlossenes Ganze gedacht werden, das in sich
selbst und dank der eigenen, in ihm liegenden Kräfte sich erhält
und umgestaltet. Jede Veränderung in ihr muss im immanenten,
gesetzlichen Zusammenhang mit einem zeitlich und räumlich
venachbarten Ereignis aufgefasst werden, das seinerseits wieder
auf neue Bedingungen und schliesslich, in letzter Analyse, auf
lie Totalität der Kräfte des Alls zurückweist. So ist die Absonderung
 des Einzelnen im Grunde lediglich ein Werk der
Abstraktion, während einzig das Ganze in lebendiger Wirklichkeit
besteht und seinen Teilen vorangeht. Die Natur ist — wenn wir
liesen Gedanken aus der Sprache der Logik in die der unmittelbaren
 Anschauung übersetzen — ein einziger Organismus: eine
Abfolge mannigfacher Erscheinungen, die sich von innen heraus
        <pb n="205" />
        Der Begriff der Entwickelung.

198

und aus sich selbst.einem gemeinsamen Ziele zubewegen und in
ihm ihre Einheit finden. Der Gedanke der wechselseitigen Bedingtheit
 aller Glieder des Universums wandelt sich unmittelbar
 in die Anschauung der Belebtheit des Alls. Dass zwei getrennte
 Momente des Seins auf einander wirken, dass somit die
Aenderung des einen in dem andern reflektiert wird und sich in
ihm bemerklich macht, erscheint nur dadurch möglich, dass
beide Glieder ein und desselben übergeordneten Lebenszusammenhangs
 sind.
Bestimmt und anschaulich tritt diese Grundansicht vor allem
in der deutschen Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts hervor.
Das Werk des Agrippa von Neitesheim über die geheime Philosophie
 erhält, so mittelalterlich es sich zunächst in seiner Physik
der „dunklen Qualitäten“ ausnimmt, von ihr sein individuelles
und modernes Gepräge. Wir können dem All nicht anders Wert
verleihen, als indem wir es mit einer ursprünglichen Wesenheit
und Kraft, mit einer selbständigen Seele begaht denken. Töricht
und widersinnig ist es, zu glauben, dass beliebige unvollkommene
Korpuskeln und Teilchen des Universums, dass die niedrigsten
Tiere des Lebens gewürdigt sein sollten, während es dem Universum
 selbst, dem vollkommensten und edelsten Körper, versagt
bliebe. Die fortschreitende Stufenreihe der stoffllichen Struktur
ist nur als das Sinnbild einer entsprechenden Gliederung und
Abstufung des seelischen Daseins verständlich. „Absurd wäre es,
wenn der Himmel, die Sterne und die Elemente, die für alle Einzelwesen
 der Quell des Lebens und der Beseelung sind, selbst ihrer
ermangeln sollten; wenn jede Pflanze und jeder Baum an einer
edleren Bestimmung Anteil hätte, als die Sterne und die Elemente,
die seine natürlichen Erzeuger sind“.!) So gewiss die Wirkung die
Ursache nicht übertreffen kann, so gewiss vermag Lebendiges
nicht aus Leblosem zu erstehen, noch aus ihm seine Nahrung zu
ziehen. Und wie wir hier dazu gedrängt werden, den einzelnen
Gliedern Sinn und Bewusstsein zuzusprechen, so führt der geregelte
Verlauf und die Zusammenstimmung aller Teilprozesse dazu, sie
einem umfassenden belebten Ganzen untergeordnet zu denken:
„es gibt somit eine Weltseele, ein einiges Leben, das alles erfüllt
 und durchströmt, alles in sich zusammenhält und verknüpft,
um die Maschine der gesamten Welt zu einer Einheit zu machen“
        <pb n="206" />
        Die Naturthilosoßhie.

(ut unam reddat totius mundi machinam).”) Der Mechanismus
 selbst und seine allumfassende Geltung lässt sich somit nicht
denken ohne den Gedanken der Allbeseelung. Dieser Gedanke
bildet — auf der Stufe der Betrachtung, auf der wir uns hier beinden
 — keine spezielle metaphysische Annahme, die zu dem Stoff
ınd Inhalt der Erfahrung von aussen her ergänzend hinzuträte:
er ist geradezu die Voraussetzung für die erste Aussprache und
Formulierung des Naturproblems selbst. In dem Bilde des Kosmos,
 das sich jetzt vor uns darstellt, drückt sich in symbolischer
Hülle zuerst die strenge und allgemeine Forderung der durchzehenden
 causalen Gesetzlichkeit aus, vermöge deren ‘jede
Einwirkung, die auf einen einzelnen Punkt geübt wird, sich in
ihren Folgerungen auf die Gesamtheit aller Erscheinungen weiterarstreckt.
 „Wie im menschlichen Körper die Bewegung des einen
Gliedes die des andern hervorruft und wie auf einer Laute bei
Berührung einer Saite alle andern mitschwingen, so wird jede
Bewegung eines Teils der Welt in allen anderen verspürt und
aachgeahmt“.®) Der Begriff des Weltorganismus, der hier erveicht
 wird, ist die erste Form, in die der Gedanke der Immanenz
 und Selbstgenügsamkeit der Naturgesetze sich kleidet. Jetzt
kann keine Veränderung mehr durch fremde Willkür — sie sei
menschlicher oder „dämonischer“ Art — gesetzt werden, wenn
sie nicht zugleich durch die eigenen Bedingungen, die in dem
momentanen Zustand der Dinge und ihrem inneren Entwicklungsgesetz
 liegen, bestimmt und vorgeschrieben ist, Selbst der Ge-Janke
 der Magie, der die gesamte Auffassung Agrippas durchdringt
 und beherrscht, erhält daher ein neues Ziel. Wir sahen,
wie bereits im Mittelalter Magie und Astrologie dazu dienten, im
Gegensatz zu dem religiösen Subjektivismus die Auffassung der
Natur als einer objektiven Macht, die durch selbständige Gesetze
geleitet wird, zu behaupten und zu bekräftigen. (Vgl. ob. S. 149 f.)
Jetzt dringt diese Auffassung weiter, indem an Stelle der Magie
der Symbole und Zeichen eine „natürliche Magie“ sich entwickelt,
die die Dinge nicht mehr durch die geheime Kraft des Wortes,
sondern durch die Beherrschung ihrer regelmässigen inneren Anlagen
 und Fähigkeiten zu meistern gedenkt. Diese Wandlung,
die ihren Ausdruck und Abschluss im 16. Jahrhundert in dem
jekannten Werk Giambatista Portas über die natürliche Maegie
        <pb n="207" />
        Die Immanenz der Naturgesetze.

195

findet‘), ist im Keime schon bei Agrippa vorhanden, bei dem
im ganzen freilich die ältere Vorstellungsart noch vorherrscht.
„Die Erkenntnis der Abhängigkeit der Dinge in ihrer Aufeinanderfolge“
 ist, wie er im selben Zusammenhange ausspricht, „das Fundament
 jeder Wunderwirkung und irrig ist es, zu glauben, dass
ein Ereignis die Natur übersteigt und ihr entgegen ist, das nur
von ihr aus und ihr gemäss erfolgen kann.“ Der geschichtliche
 Gang des Denkens geht nicht von einem mechanischen
Bilde des Alls aus, dem die Phantasie nachträglich Leben und Beseelung
 verliche; vielmehr ist die ursprüngliche konkrete Einheitsanschauung,
 die Bewegung und Leben in Eins setzt, die Vor:
bedingung, aus der durch wissenschaftliche Analyse und Sonderung
 der Begriff des Mechanismus gewonnen wird. —
Und wie hier der Gedanke der Weltseele dem neuen
Naturbegriff vorangeht und ihn vorbereitet, so dient er auf der
andern Seite dazu, die unableitbare Eigentümlichkeit des Bewusstseins
 festzuhalten und auszusprechen. Das Bewusstsein
kann nicht von den Dingen und Elementen der Natur als
sekundäres Ergebnis hergeleitet und aus ihnen erklärt werden:
es muss als erste und notwendige Bestimmung bereits von An-{ang
 an in sie hineingelegt werden. Der „Sinn“ ist — wie es
Campanella ausspricht, der als Letzter in der Reihe der Naturphilosophen
 das Ergebnis der Gesamtbewegung noch einmal zusammenfasst
 — keine äussere Beschaffenheit, kein Modus, der
an irgend einem einzelnen Sein haltete und darauf beschränkt
bliebe, sondern ein wesentliches Attribut und eine aktive Kraft
„Sensus non videtur esse modus quidem existentiae, sed res
assentialis visque activa“.5) In diesem Ineinander von Bewusstsein
 und Kraft sehen wir ein metaphysisches Motiv vor
uns, das bis weit in die neuere Philosophie hinein fortwirkt und
das vor allem auf Leibniz vorausweist. Die Naturphilosophie
der Renaissance hat das Material geschaffen, das Leibniz seiner
Auffassung und Theorie des Organismus zu Grunde legt. Die
Kraft ist auch hier nicht ein Produkt des Seins, sondern dessen
notwendige Bedingung: keinem Wesen können wir ein bestimmtes
Dasein zusprechen, ohne dass wir es zuvor mit bestimmten
„Vermögen“ und Fähigkeiten ausstatten. Die Existenz jedes
Dinges ist dadurch bedingt, dass es die Tendenz besitzt, von dem

1a*
        <pb n="208" />
        ‚96

ie Natur philosophie.

Einzelpunkte des Daseins, in den es zunächst gesetzt scheint, fortzuwirken,
 sich auszubreiten und sich zu vervielfältigen.®) Die Wirklichkeit
 des Naturkörpers enthält eine Vielheit räumlicher Gliederungen,
 sowie ein Nacheinander zeitlicher Entwicklungsphasen
in sich: beides können wir nur verstehen, wenn wir die Mehrheit
auf eine Einheit zurückbeziehen, die sich in ihr entfaltet und offenbart.
 Diese Einheit in der Mannigfaltigkeit, die wir in dem
Begriff der unteilbaren qualitativ einfachen Kraft im Gegensatz
zu ihren successiven Aeusserungen denken, bezeichnet zugleich
den Grundcharakter dessen, was wir „Leben“ nennen: „vita
dieitur a vi“.7) Es gibt kein Sein ohne Wirken, kein Wirken
ohne ein Analogon des Bewusstseins: alle Existenz ist somit ihrer
selbst bewusstes Leben.®) Innerhalb dieser Alleinheitslehre aber
geht das Einzelne dennoch nicht restlos im Absoluten unter,
sondern bedeutet ihm gegenüber ein eigenes Problem und einen
neuen Anspruch. Es ist ein vergeblicher Versuch, alle Wirksamkeit
 der Natur auf das göttliche Urwesen zurückführen und in ihm
erschöpfend begründen zu wollen: das konkrete Geschehen verlangt
zu seiner Erklärung überall eigentümliche und individuelle Prinzipien.
 Nicht Gott ist es, der — wie eine bestimmte metaphysische
 Theorie es will — in der Flamme nach oben strebt-und in
der Sonne leuchtet: sondern die eigene spezifische Natur des
Feuers und des Lichts. Die Vollkommenheit der Naturdinge beweist
 sich eben darin, dass sie in sich selbst den Keim und das
Vermögen zur Selbsterhaltung besitzen. So ist insbesondere die
menschliche Seele der Notwendigkeit eines übernatürlichen Beistands
 enthoben: sie selber, nicht eine jenseitige Macht ist es, die
unsere Gedanken denkt und unser Wollen und Tun leitet. Die
besonderen Akte des Geschehens verlangen zu ihrem Verständnis
überall die Zurückführung auf besondere „Kräfte“ und damit, im
;etzten Sinne, auf besondere Bewusstseinszentren und Einheiten.®)
In diesen Ausführungen Campanellas ist genau das Problem
 bezeichnet, das sich später zu dem metaphysischen Gegenzatz
 des Okkasionalismus und der praestabilierten Harmonie verlichtet
 hat.ıo) Allgemein beginnt hier der Begriff der Kraft die
bestimmtere und schärfere Form anzunehmen, die ihn in der
neueren Zeit auszeichnet. An dem Aristotelischen Begriff der
‚Potenz“ haftet von seiner Entstehung an eine innere Zweideutig-
        <pb n="209" />
        Die Kritik des Krafilbegriffs.

197

keit: das Mögliche im Sinne des öuvdıcı &amp;amp; drückt nur logisch die
Bestimmbarkeit eines Etwas, die allgemeine Fähigkeit, sich in
ein anderes zu wandeln, aus, ohne selbst das positive Prinzip
der Umwandlung und den Antrieb zu ihr zu bedeuten. Die
„Materie“ tritt als etwas völlig Bestimmungsloses den reinen Formen,
 die die Wurzel aller Bestimmtheit in sich tragen, mit dem
Anspruch einer eigenen Realität gegenüber: der Begriff des Seins
selbst verliert in diesem Dualismus seine eindeutige Klarheit.
Wiederum ist es Leibniz, der in der monistischen Gestaltung seines
Energiebegriffs, den er dem „nakten Vermögen“ der Scholastiker
ausdrücklich entgegenstellt, den Monismus des Seinbegriffs zu begründen
 sucht. Und auch hier finden wir eine erste logische
Vorstufe dieses Versuchs in der Kritik, die die neuere Naturphilosophie,
 die insbesondere Telesio und Patrizzi an dem
Aristotelischen System üben. Die Art, wie die Dinge in ihrem
‚Samen“ enthalten sind, bildet — wie hier ausgeführt wird — ein
[undamentales sachliches Grundverhältnis, das durch die herkömmliche
 Unterscheidung von Akt und Potenz cher verhüllt, als
verdeutlicht wird. Denn der gegenwärtige Zustand besitzt, sofern
er als Keim und schöpferische Bedingung künftiger Zustände und
Veränderungen gedacht wird, zugleich das höchste „aktuelle“
Sein; — er ist „wirklich“, weil er ein eigentümlicher und notwendiger
 Faktor im Prozess des Wirkens selbst ist. Eine andere
Art des Seins aber kann es nicht geben: die Naturbetrachtung
kennt nur solche „Wesenheiten“, die sich in tatsächlichen Kräften
und Tätigkeiten äussern. Der scholastische Potenzbegriff: die Annahme
 eines Vermögens, das nicht in sich selbst das Streben zu
seiner Verwirklichung trägt, sondern als gleichgültiges Substrat
alle Bestimmung von aussen erwartet, ist ein haltloses logisches
Zwitterding. Er macht eine abstrakte gedankliche Beziehung und
Vergleichung, die wir zwischen dem gegenwärtigen und künftigen
Zustand anstellen, zu einem eigenen und selbständigen Sein. So
beruht — wie jetzt im Einzelnen gezeigt wird — die Zweiteilung,
die die gesamte Peripatetische Naturlehre beherrscht, auf einer
ontologischen Verwechslung. Die empirische Betrachtung der
Natur bietet zu einer derartigen Verdoppelung der Prinzipien
keinerlei Anlass. Sie sieht in den räumlich und zeitlich ausgebreiteten
 Dingen nur die extensive Gestalt und Erscheinungs-
        <pb n="210" />
        Die Naturphilosophie.

form derselben Kräfte, die intensiv bereits im „Samen“ eingeschlossen
 sind und seine eigentliche Realität ausmachen. !!)
Einen neuen Ausdruck findet diese Grundanschauung in der
Erörterung und Kritik des Arisiotelischen Zweckbegriffs. So
schr die Naturansicht des Aristoteles verlangt, dass die „Formen“
der Dinge als die immanenten Zwecke gelasst werden, denen
sie zustreben, so wird doch diese Einsicht durch den Abschluss,
den seine Metaphysik erhält, wiederum in Frage gestellt. Denn
als der letzte Grund und als das Endziel alles Geschehens erscheint
hier der „unbewegte Beweger“, der ausserhalb der Welt und von
"'hrem Sein und Werden unberührt, ein unabhängiges Dasein führt.
Der Zweck der Entwicklung liegt somit nicht mehr in der Selbstverwirklichung
 der inneren Wesenheit der Dinge, sondern in
ainem jenseitigen Sein: der Weltbegriff hat seine Selbständigkeit an
den Gottesbegriff verloren. Dieser innere Widerstreit des Systems
ist es, an den die Polemik und die Reform des Telesio anknüpft.
Wenn alle Wandlung der Wesen in ihnen selbst nicht zum Abschluss
 kommt, ‚wenn ein äusseres Ziel ihr Weg und Richtung
weist, so schwindet unter diesem Gesichtspunkt der Wert und die
Selbständigkeit der Einzelwesen dahin. Die Formen, sofern sie
‚individuelle Prinzipien des Wachstums und der Entwicklung
bedeuten sollen, werden zu müssigen Erdichtungen: all ihre Wirksamkeit
 löst sich in die des Einen allumfassenden Urwesens auf.
Wenn die Naturdinge in sich selbst zuletzt keine bewegende Kraft
und keinen Antrieb zur Veränderung besitzen, wenn all ihre scheinbare
 Tätigkeit in Wahrheit somit nur ein Leiden ist; so fehlt
uns jedes Mittel, sie von einander zu unterscheiden und als gesonderte
 Substanzen zu behaupten.!) Nur die reine Immanenz
 des Zweckes vermag dem Sein seine Unabhängigkeit, wie
seine Fülle und gegliederte Mannigfaltigkeit zurückzugeben. Jede
Gattung ist um ihrer selbst willen geschaffen und besitzt in sich
den Mittelpunkt ihres Daseins und Wirkens; wenngleich alle in
stetiger Stufenfolge miteinander verbunden sind und aufeinander
hinweisen. Von den Metallen zu den Pflanzen, von diesen zu den
niederen Tieren und den Fischen und Vögeln, höher hinauf zu
den Säugetieren und Menschen führt eine beständig fortschreitende
körperliche Organisation, der wir eine entsprechende, immer reichere
 Entfaltung in den Graden des Bewusstseins zugeordnet denken
        <pb n="211" />
        Die Kritik des Aristotelischen Formbegriffs.

199

müssen.1®) Der Begriff des Weltorganismus verbietet, irgend eine
einzelne Art schlechthin als Mittel für die Ziele einer höheren
zu denken: er fordert, das wir in jedem, noch so begrenzten Sein
das Gesamtgesetz vollständig verkörpert finden. An Stelle der
äusserlichen Betrachtung des Zwecks tritt die Erkenntnis der
durchgehenden Harmonie im Bau und in der Entwicklung aller
Lebewesen. So können wir von der Verwandlung einzelner Pflanzenarten
 in einander auf den gleichen Prozess im gesamten Bereich
 des Organischen schliessen; so verstatten uns bestimmte ontogenetische
 Vorgänge, wie die Entwicklung der Raupe zum Schmetterling,
 einen Einblick in die prinzipielle Möglichkeit der Umbildung
 der tierischen Spezies. Solche Gedanken, die sich z. B
bei Vanini finden,!‘) treten freilich noch zusammenhangslos und
antermischt mit abenteuerlichen Analogien und Spekulationen
auf; aber sie deuten dennoch auf eine umfassende geistige Bewegung
 zurück. Dem Naturbegriff erwächst, verglichen mit der
mittelalterlichen Anschauung, ein tieferer Sinn. Nicht unmittelbar
als Abbild der Gottheit, sondern nach dem Muster der Welt, also
als „Bild des Bildes“ ist — wie Agrippa von Nettesheim ausspricht
- der Mensch geschaffen: nicht direkt, sondern nur durch die
Vermittlung der gesamten organischen Wirklichkeit vermag er
sich somit zu erkennen und seine Beziehung zum „Absoluten“ zu
arfassen.!) Schon die ausgehende Scholastik hatte in Raimund
von Sabonde auf diesen Gedanken hingedeutet, der sodann in der
Schule des Nikolaus Cusanus durchgebildet und weitergeführt
wurde: jetzt wächst er im Natursystem des Paracelsus zu zen:
iraler Bedeutung heran.

Die Grundansicht des Paracelsus von der wechselseitigen
Entsprechung des Mikrokosmos und Makrokosmos setzt ein
neues Verhältnis des Geistigen und Natürlichen voraus. Die isolierte
 Betrachtung des Menschen muss notwendig ins Dunkel und
in die Irre führen; alles Licht, das wir über sein Wesen zu gewinnen
 vermögen, strahlt lediglich von der Erkenntnis des einheitlichen
 Lebens der Gesamtnatur zurück. „Also ist der Mensch
ein bildtnuss in eim spiegel gesetzt hinein durch die vier Element
 .. Darumb so ist die Philosophey nichts anders, allein
        <pb n="212" />
        200 Die Naturphilosophie. — Paracelsus.

das gantz wissen und erkanntnuss des dings, das den glantz im
spiegel gibt. Und zu gleicher weiss wie der im Spiegel niemandts
 mag seins wesens verstand geben, niemandts zuerkennen
geben, was er sey, dann allein es steht da, wie eine todte bildtnuss:
Also ist der Mensch an ihm selbst auch und auss ime wird nichts
senommen, allein was aus der eussern erkantnuss kompt, des
Ögur er im spiegel ist.“16) Es gilt den Mikroskosmos durch die
„Eltern des Mikroskosmos“, die Art und das Individuum aus dem
Gesamtgesetz, das sie in sich verkörpern und reflektieren, zu begreifen.
 Damit schwindet der dualistische Gegensatz, der bisher
die „himmlische“ und die „irdische“ Welt getrennt hatte. Ein
und dieselbe Regel ist es, die uns die „niedere“ und die „höhere“
Sphäre, die uns den Leib des Menschen und das Firmament erkennen
 lehrt und die uns damit zur Einsicht bringt, „wie ein
Firmament, ein Gestirn, ein natur und ein wesen da sey under
zetheilter gstalt und form“.1) Wieder ist es der Gedanke des
Weltorganismus, der zum Vehikel für den Einbeitsbegriff der
Natur und Erfahrung wird. Und es ist interessant und merkwürdig,
 wie dieser metaphysische Gedanke bei Paracelsus sich
allmählich mit empirischem Gehalt erfüllt und wie er bis in
die besondere Gestaltung seiner Arzneikunde hinein sich fruchtbar
 erweist, Die Medizin kann sich nur auf dem Grunde der
allgemeinen theoretischen Naturbetrachtung erheben; das
„Umwenden“ der grossen Welt in die kleine gibt den Arzt. Was
in dem einzelnen Teile unsichtbar und unbegreiflich liegt, das
wird in dieser Rückbeziehung auf das Ganze sichtbar und greiflich:
 der äussere Himmel wird der Wegweiser des inneren. !®)
Zugleich aber fordert die Grundanschauung, die wir von der
Wirkungsweise der organischen Natur 5©Wonnen haben, dass wir
alle Vorgänge, die sich im Körper abspielen, nicht lediglich als
äusserlich in ihm gewirkt, sondern als durch ihn selbst und seine
Eigenart bedingt denken. Jede Krankheit ist ein einheitlicher Prozess,
 der in genatem und notwendigem Zusammenhang mit der
3esamten inneren Beschaffenheit des individuellen Lebewesens zu
petrachten und zu erforschen ist. Nur unter diesem Gesichtspunkt
kann ihre Entstehung und ihr Verlauf begriffen und ihre Heilung
versucht werden. „Dann da merckent den ursprung der kranckaeiten,
 das der Centrum die kranckheit macht, darumb ein jed-
        <pb n="213" />
        Das „Sichtige“ und das „Unsichtige“. 201

licher Morbus sich centriert unnd ausserhalben des Centrums
wird kein kranckheit. Darumb umbsonst vom faulen Lufft
geredt wird, unnd Thu die Stuben zu, nicht gang an den Nebel:
Allein die Constellatio sey in dir, sonst wirdt dirs nichts schaden.
Nuhn hierauf wisset, das der grundt in solchen dingen muss nicht
auss dem Laufft genommen werden eusserlich, als einer der vom
Sonnenschein redet, unnd nicht von der Sonnen mit: ... Auss
demselbigen ursprung verstanden die geburten der kranckheiten,
nicht vom eusserlichen anwehen“.!) Und in gleichem Sinne ist
denn auch die Wirksamkeit des Heilmittels zu verstehen: „die
Natur ist der Artzt, du nicht: Aus ihr musst Du, nicht auss dir:
Sie setzt zusammen, nicht du: Schau du, das du lernest, wo ihre
Apotecken seyen, wo ihr Virtutes geschrieben standen ... Darumb
so muss der Artzt aus der Natur wachsen mit vollkommenem verstand.
 Das istein vollkömmlicher Verstand, das die Hend
greiffen, das die Augen sehen dasjenige, das in der verborgen
 Hirnschalen fürgenommen wirdt. Dann was verborgen
 hegriffen wirdt, gibt allein den Glauben: den aussgang
unnd das vollkommen geben die Werck; die Werck seind sichtlich.
 Also sichtigs und unsichtigs in einem und nicht
in zweien, die gantze vollkommene tröstliche erkantnuss, darinn
die Seeligkeit ist, und alle gute arbeit, lehr und underricht ausszehet.“20\

In diesen Worten hat Paracelsus in der That das moderne
[deal der empirischen Naturbetrachtung und -beschreibung in
urwüchsiger Kraft verkündet und anschaulich vorgezeichnet. Die
echte Philosophie hat kein anderes Ziel, als den Gehalt, der in der
Natur verborgen ist, ans Licht zu ziehen und zum Bewusstsein zu
erheben: „was ist die Natur anders dann die Philosophey? Was
ist die Philosophey anders dann die unsichtige Natur?“ Schritt
für Schritt lässt sich bei Paracelsus verfolgen, wie er die Gesamtheit
 der mittelalterlichen Lehrverfassung allmählich in das System
der Erfahrungswissenschaften hinüberleitet. Noch sind es
häufig die mittelalterlichen Ausdrücke und Bezeichnungen, die er
braucht, aber es ist ein neuer Sinn, der jetzt aus ihnen spricht,
Es ist vor allem die „Alchymie“, die nunmehr von jeglichem Zusammenhang
 mit den magischen Zielen und Künsten gelöst und
zum Begriff der theoretischen Chemie geläutert wird. Die Erfor-
        <pb n="214" />
        202

Die Naturphilosophie. — Paracelsus.

schung der natürlichen Ursachen aller stofflichen Veränderungen
und die Synthese der natürlichen Kräfte und Keime zu neuen
Wirkungen bildet ihre alleinige Aufgabe. . Ein Alchymist ist der
Bäcker, indem er Brot bäckt, der Winzer, indem er den Wein
macht: „also was auss der Natur wachst dem Menschen zu nutz,
derselbige, der .es dahin bringt, dahin es verordnet wirdt von der
Natur, der ist ein Alchimist“.”) Nicht minder besteht Paracelsus
auf der durchgehenden Analogie, die zwischen dem menschlichen
 Körper und dem Firmament, zwischen der organischen
Gliederung des Leibes und der Ordnung der Gestirnwelt besteht.?)
So phantastisch er indes diesen Vergleich durchführen mag, so
bleibt dennoch der Gedanke herrschend, dass alles Geschehen
der Natur durch besondere Ursachen und specifische Kräfte zu
leisten und zu erklären ist. Die Astrologie hat somit bei ihm
ihre Kraft und Geltung verloren. Selbst Agrippa von Nettesheim
hatte sich — in der späteren Periode seines Schaffens — die fundamentalen
 Einwände, die Pico von Mirandola gegen sie gerichtet,
zu Eigen gemacht und sie auf die übrigen Zweige der geheimen
Künste auszudehnen gesucht.®) Bei Paracelsus kommt ein neuer
Zug hinzu, indem er das Problem zugleich nach der naturwissenschaftlichen,
 wie nach der sittlichen Seite hin ergreift und ausspricht:
 den biologischen, wie den sittlichen Eigenwert des Individuums
 sucht er zu erhalten und zu rechtfertigen. Die Gestirne
‚gewaltigen gar nichts in uns, sie inbilden nichts, sie eignen nichts,
sie inclinieren nichts: sie sind frey für sich selbst und wir frey
[ür uns selbst“.*) Für die Abwehr des physischen Zwanges, sowie
für das neue Verhältnis von Ich und Natur, das er an seine Stelle
setzt, hat Paracelsus in der sinnlichen Bildkraft seiner Sprache
den bezeichnendsten Ausdruck geschaffen. „Nuhn ist es nicht,
das der Himmel hinein in Menschen stoss ... sondern das
Gestirn im Menschen, das ist in der Hand Gottes verordnet,
nachzuthun, das der Himmel eusserlich anhebt und gebiert, darumb
 muss es hernach im Menschen“.%) Wenngleich somit der
Mensch, wie die irdische Gesamtnatur, zu ihrer Erhaltung den
Beistand und die Mithülfe der kosmischen Bedingungen bedürfen,
so leitet sich doch ihr inneres und eigentliches Werden nicht
von ihnen ab. „Ein Sam, der in ein Acker geworffen wird, der
ziebt sein Frucht von ihm selbst, dann er hat Ens Seminis in
        <pb n="215" />
        Der neue Naturbegriff und die Kritik der Astrologie.

203

ihm: Aber so die Sonn nit were, so wüchs er nicht. Dencken
nicht, dass die Sonn ihn mache, Firmament oder dergleichen:
aber also mercken, das die werme der Sonnen eine solche Zeit
gibt . . . Zween Zwilling, die einander gleich sehen, weicher hatts
vom anderen, das er dem andern gleich sieht? Keiner. Was wollten
wir dann uns Jovische kinder heissen und Monische, dieweil wir
sind gegeneinander wie die Zwilling?“ So tritt auch hier
die wechselseitige harmonische Entsprechung an die Stelle
der unmittelbaren Abhängigkeit : der „physische Einfluss“ wird
durch den „idealen“ Einfluss ersetzt, den alle Teile des Universums,
 als Repräsentanten ein und derselben Gesamtordnung, auf
einander ausüben. Wenn dennoch in diesem absolut umkehrbaren
Wechselverhältnis ein Vorrang des einen Gliedes vor dem andern
bezeichnet werden soll, so könnte er nur auf Seiten des Menschen
gefunden werden: billiger sage man, der Mars arte dem Menschen
nach, als der Mensch dem Mars, „denn der Mensch ist mehr als
Mars und andere Planeten.“ Es ist eine eigentümliche Wendung
und Rückkehr, die der Gedanke hier vollzogen hat. Um die an-Ihropocentrische
 Zweckbetrachtung zu entwurzeln und der Natur
ihr eigenes Recht zu verschaffen, musste von der Bedingtheit des
Mikrokosmos durch den Makrokosmos ausgegangen werden. Jetzi
aber zeigt sich die entgegengesetzte Tendenz: das Ich soll dem
Naturlauf nicht unbedingt aufgeopfert, cs soll aus ihm herausgehoben
 und ihm entgegengestellt werden. Der Mensch wird
wieder der ideelle Mittelpunkt des Seins: er ist „so edel bei Gott
und so hoch bei Gott fürgenommen, dass sein Bildtnuss abcontrafeith
 ist im Himmel mit allem seinen Thun und Lassen, guts und
böses.“2%) Der Widerspruch. der sich hier aultut, ist indes die
Vorstufe einer neuen Synthese. Die zentrale Stellung, die dem
empirischen Menschen entrissen ist, gilt es in einem anderen
und tieferen Sinne, dem Bewusstsein und dem Geiste wiedelr
zu erobern. Der Versuch der reinen und objektiven Abscheidung
des Naturproblems führt selbst zu dieser Aufgabe zurück, die nunmehr,
 wie wir sehen werden, von verschiedenen Seiten her in Angriff
 genommen wird. —
Tritt somit ein neues Bild der Wirklichkeit bei Paracelsus
deutlich heraus, so ist es allerdings mehr in naiver Sicherheit
arschaut, als im Einzelnen abstrakt und begrifflich begründet. Es
        <pb n="216" />
        Die Naturphilosophie. — Paracelsus.

ist zweifellos zu viel gesagt, wenn der neueste Biograph des Paracelsus
 ihn in der Geschichte der Methode der Naturforschung
zu den „Grössten der Renaissance“ zählen will.?) Diese Wertschätzung
 muss den Männern vorbehalten bleiben, die in der
Mathematik das theoretische Grundmittel der Naturerkenntnis
entdeckt und bewährt haben. Dennoch haben die grossen methodischen
 Gegensätze, die die Zeit bewegen und die auf eine neue
philosophische Grundlegung der Erfahrungswissenschaft hinzielen,
 auch bei Paracelsus ihren Ausdruck und ihren Reflex. ge-(unden.
 Auch bei ihm wird gegen die Willkür der Ueberlieferung
 und der Spekulation der alleinige Schutz und Halt in der
unmittelbaren sinnlichen Erfahrung gesucht: das Wissen
muss von der Art sein, „dass auch die Augen den verstand begreiffen:
 unnd dass es in den Ohren thöne, wie der fall des Rheins,
und dass das gethön der Philosophey also hell in den Ohren
ige, als die sausenden Winde auss dem Meer ... Ausserhalb
lieser erkandtnuss ist widerwertig alles das, das der Natur zugeleget
 und geben wirt“.2®) Gilt es somit „Sichtiges“ und „Unsich-‘iges“
 durchgehend in Eins zu fassen, jeden Begriff direkt in einer
sinnlichen Anschauung zu beglaubigen, so bleibt trotzdem eine
eigene Leistung des Verstandes in der Sichtung und Ordnung
des empirischen Stoffes anerkannt. Von der „Spekulation“ wird
die „Invention“ geschieden ??), die zwar in der Wahrnehmung
ihre feste Stütze hat, aber in ihrer Vereinzelung nicht aufgeht.
Wer sich bei der „Erfahrung“ im landläufigen Sinn des Wortes
veruhigt, wer sie der Theorie entgegensetzt: dessen Lehre reicht
nicht weiter, als die Einzelfälle, die er beobachtet hat. Wie dürfen
wir aber der besonderen Erscheinung als Solcher irgendwelche
bindende Schlusskraft zusprechen, da wir doch niemals sicher sind,
Jass die zufälligen Bedingungen, unter denen sie stand, sich jemals
völlig gleichartig wiederholen werden? ®) So ergibt sich notwendig
 ein doppelter Begriff der Erfahrung: „die eine ist des
Arztes Grund und Meister, die andere sein Irrsal und Verführung“.
Jene ist die methodische Kunst der chemischen Analyse, die zu
der Erkenntnis der drei Paracelsischen Grundsubstanzen und damit
 zum theoretischen Grund seiner Heilkunde zurückführt, —
diese ein blosses Flickwerk zusammenhangsloser Wahrnehmungen.
Ein und dasselbe Phaenomen der Natur wandelt sich je nach dem
        <pb n="217" />
        Der Begriff der Erfahrung.

205

Auge, dem es sich darstellt: der Prozess der Verbrennung etwa,
der einen Körper der sinnlichen Wahrnehmung entrückt und ihn
damit für das Auge des Bauern zu Nichts macht, enthüllt dem
Forscher vielmehr seine Wesenheit und Zusammensetzung und
wird so zum Anfang der wahren „artzneyischen Augen“. Wie
zuvor der spekulative Gedanke im Sinnlichen, so muss umgekehrt
auch alles „Sichtige“ am „Unsichtigen“ geprüft und erprobt werden.
 „Das ıst die recht Erfahrenheit nach Philosophischer und
Astronomischer Art, alle ding in ihrer Unsichtigkeit zu erkennen
... Das gestern erfahren ist, was nützt es dem heutigen Tag oder
die heutige Erfahrenheit dem morgigen Tag“.2) Es genügt somit
nicht mehr, wenn der Sinn der Natur nachspürt und sich mit
ihrem Inhalt zu erfüllen sucht: vielmehr verlangt die echte Erlahrung
 das bewusst und methodisch geleitete Experiment.
„Ein jegklich Experiment ist gleich einem Waffen, das nach art
seiner Krafft muss gebraucht werden: Als ein Spiess zum Stich,
in Kolben zum Schlahen, also auch die Experimenten ... Darumb
 das höchst ist, ein jegklich Experiment in solchen Kräfften
selbs zu erkennen, in was gestalt cs gebraucht sol werden. Experimenten
 brauchen will ein Erfarnen Mann haben, der der
Stich und Streich gewiss seye: das ist, das ers brauchen und gewaltigen
 möge, darzu dann sein Art ist... .“%)
Die Geschichte der Medizin und der Naturlehre hat darüber
zu entscheiden, wie weit Paracelsus das Vorbild, das er hier gezeichnet,
 in seiner eigenen Forschung erreicht hat. Die beiden
Haupt- und Grundmomente jeder theoretischen Erfahrungswissenschaft
 hat er allgemein erkannt und bezeichnet. Eine ausgebildete
 Theorie der Induktion wird man auf der Stufe philosophischer
 Betrachtung, auf der wir hier stehen, freilich nicht erwarten.
Wie schwierig es auch für Paracelsus noch ist, das Ich und die
Natur, die Welt der Objekte und die eigene Funktion des Geistes
zu sondern und dennoch miteinander ins Einvernehmen und ins
Gieichgewicht zu setzen, das lässt sich am deutlichsten aus der
Doppelbedeutung ersehen, die der Grundbegriff des „natürlichen
Lichts“ bei ihm besitzt. Das „Licht der Natur“ ist ihm einmal
das Gesetz der objektiv realen Wirklichkeit im Gegensatz zur
spekulativen Willkür: „wie eine grosse blindtheit ist es und eine
grosse verfürung eigen Köpffen nachzufolgen, die doch nit meister
        <pb n="218" />
        206

Die Naturphilosophie. — Paracelsus.

sind, nit Doctor sind: das Licht der Natur ist Meister, nit unser
Hirn, nit unser fünff sinn“.%) Aber die Natur selbst ist dennoch
zugleich das Symbol und der Widerschein des göttlichen Geistes;
und um sie nach dieser ihrer eigentlichen Wesenheit zu begreifen,
 muss zuvor das erkennende Subjekt sich selbst zur inneren
 Klarheit und Freiheit der Betrachtung läutern. Das natürliche
 Licht könnte nicht in uns aufgenommen werden, wenn cs
nicht zugleich in uns selbst seinen Quell und Ursprung hätte.
Der gesamte Reichtum der äusseren Welt, die Gestirne und das
Firmament liegen beschlossen im „Gemüt“ des Menschen. „Dann
as ist ein solch gross Ding umb des Menschen gemüth. also das
3s niemandt möglich ist auszusprechen: Und wie Gott selbs und
Prima Materia und der Himmel, die Drey ewig und unvergengklich
 sindt; also ist auch das Gemüth des Menschen .. Und wenn
wir Menschen unser Gemüth recht erkennten, so were uns nichts
unmöglich auff dieser Erden“.*) So nahe grenzt der Begriff der
Erfahrung in seiner Ausführung und Verfolgung hier noch an die
Mystik an. Die angeführten Sätze gehören freilich einer Schrift
an, deren Echtheit nicht sicher bezeugt ist: doch liegen sie durchaus
 in der Richtung von Paracelsus’ Grundanschauung und werden
 durch Aussprüche, die sich in verwandten Gedankenkreisen,
bei Agrippa von Nettesheim und Fracastoro finden, bestätigt
 und ergänzt. Wer sein eigenes Sclbst wahrhaft begreift, der
erfasst in ihm zugleich das All der Dinge: „Cognoscet in primis
Deum, ad cujus imaginem factus est, cognoscet mundum, cujus
simulacrum gerit, cognoscet creaturas omnes, cum quibus symbolum
 habet .. et quomodo singula singulis suo loco, tempore,
ordine, mensura, proportione et harmonia aptare queat et ad se
trahere atque deducere, non Secus atque magnes ferrum“.%)
Hier erfassen wir einen charakteristischen Grundzug, der den
Denkern dieser Epoche und Richtung gemeinsam ist. Sie alle
rufen nach der äusseren sinnlichen Wirklichkeit, in die sie sich
zu versenken und an die sie sich völlig hinzugeben trachten,
aber sie alle finden in dem Bilde, das sich ihnen hier offenbart,
zuletzt wiederum den Reflex des eigenen „Gemütes“ wieder. Eine
[dentität des „Subjektiven“ und „Objektiven“ wird gefordert und
in dunkler Vorahnung ergriffen: aber da die Wissenschaft nicht
reif ist. dieses Verlangen zu stützen oder zu leiten, so bleibt es
        <pb n="219" />
        Das „Licht der Natur“.

207

zuletzt allein die Mystik, die den Einheitstrieb der Erkenntnis zu
stillen vermag.

B) Die Psychologie des Erkennens.
Es ist eine höhere Stufe der Abstraktion, die uns in den Anängen
 der italienischen Naturphilosophie entgegentritt. Auch
hier ist— in Telesio und seiner Schule — der Trieb zur unmittelbaren
 Beobachtung und Einzelerfahrung herrschend; zugleich aber
regt sich die erste Reflexion über den Prozess und die Entstehungsbedingungen
 der Erfahrung selbst. Eine psychologische Theorie
des Erkennens wird jetzt in allgemeinsten Umrissen entworfen.
Freilich ist sie noch nicht das Fundament der Gesamtanschauung,
sondern mit ihr verglichen nur ein Aussenwerk; dennoch aber
stellt sie ein geschichtliches Mittelglied dar, das uns allmählich zu
einer neuen Fragestellung hinüberleitet. —
Die psychologischen Kämpfe des 15. Jahrhunderts waren, wie
wir uns erinnern, durch den Dualismus innerhalb des Aristotelischen
 Seelenbegriffs bedingt und hervorgerufen. Auf der einen
Seite war hier der Sinn als alleinige und unumgängliche Erkenntnisquelle
 anerkannt, während andrerseits doch in der „tätigen
Vernunft“ eine Form des Bewusstseins anerkannt blieb, die losgelöst
 von der Empfindung und abgetrennt von der Existenz des
Körpers für sich zu bestehen vermag. (S. ob. S. 110 If.) Um diesem
Zwiespalt zu entgehen, bleibt jetzt, nachdem der Ausgang des Streites
alle Versuche einer Vermittlung als hinfällig erwiesen hat, nur
zine radikale Lösung übrig. Es gilt, das Fundament, auf das
Aristoteles selbst verwiesen hat, zu sichern und nach allen Seiten
folgerecht auszubauen; es gilt die Erkenntnis somit durchweg in
die Grenzen der unmittelbaren Wahrnehmung einzuschliessen.
Wo immer andersartige Instanzen, wie eine angeblich eigene Leistung
 der Begriffsbildung und des Schlussverfahrens angerufen
werden, da muss der trügerische Anspruch, der hier verborgen
liegt, aufgedeckt und aller Gehalt, den diese Faktoren zu bergen
scheinen, wiederum in sinnlichen Eindrücken aufgezeigt werden.
Die Einheit des Wissens ist nur durch seine völlige Reduktion
        <pb n="220" />
        200

Die Naturphilosophie. — Fracastoro.

auf den Einzelgegenstand, den die Empfindung uns vermittelt,
zu gewinnen und aufrecht zu erhalten.

Wenn wir uns dem ersten Vertreter der italienischen Naturphilosophie,
 dem Arzt und Naturforscher Girolamo Fracastoro
zuwenden, So finden wir bei ihm diesen allgemeinen Grundgedanken
 zwar bereits betont, dennoch aber mit Bestandteilen der schulmässigen
 Ueberlieferung noch deutlich untermischt. Fracastoros
Dialog über die Erkenntnis („de intellectione‘) ist in der Geschichte
der Philosophie, wie es scheint, völlig vergessen; dennoch bildet
er ein wichtiges verbindendes Glied und eine Grenzscheide zwischen
 der Scholastik und der modernen Denkart. Die veränderte
Auffassung tritt hier freilich nur allmählich heraus und kleidet
sich zunächst noch in die Begriffssprache des Mittelalters. Insbesondere
 ist es die Theorie der „Species“, die von Fracastoro zur
Erklärung des Wahrnehmungsprocesses ohne nähere Prüfung hinzenommen
 wird. (S. hrz. ob. S. 45 ff.) Dass Gegenstände, die unser
Ich nicht unmittelbar in räumlicher Nähe berühren, uns bewusst
werden können, — dass wir sie, nachdem ihr direkter Eindruck
geschwunden, in der Erinnerung zurückzuerschaffen vermögen:
diese Tatsache ist ihm nicht anders erklärbar, als durch die Einschaltung
 eines mittleren Seins, das von den Dingen in uns übergeht
 und als fester Bestand in uns zurückbleibt. Alle Erkenntnis
ist daher nicht ein Ergreifen des Objekts in seiner eigenen Wesenheit,
 sondern seine mittelbare Darstellung durch ein sinnliches
Symbol. Dass die Seele in dieser Repräsentation eine eigene,
selbständige Tätigkeit ausübt, wird ausdrücklich bestritten: müsste
sie sich doch alsdann demselben Inhalt gegenüber zugleich erschaffend
 und aufnehmend, aktiv und passiv verhalten.®) Aus
dieser Problemstellung indes ergibt sich sogleich eine innere
Schwierigkeit. Wie die äussere Realität nunmehr durch eine
Summe fester Einzeldinge und ihrer Zustände bestimmt ist, so
ist die Seele zu einem Sammelplatz von Vorstellungsbildern
geworden, von denen jedes auf ein eigenes gegenständliches Ori-
        <pb n="221" />
        Die Psychologie des Erkennens.

209

zinal zurückweist. Dass indes damit der Begriff des Bewusstseins
 nicht erschöpft ist, muss sogleich deutlich werden: denn
alle seelischen Processe und Operationen, ferner alle abstrakten
Verhältnisbegriffe und Beziehungen ermangeln nunmehr der zureichenden
 psychologischen Darstellung. Sie alle können weder
durch ein Einzelbild, noch durch eine Summe von Einzelbildern
zum vollständigen Ausdruck gebracht werden; es entsteht somii
die Aufgabe, ihren Gehalt, sofern ein solcher zugestanden und anerkannt
 wird, wenigstens indirekt durch Einführung neuer „Organe“
 und Tätigkeiten der Seele verständlich zu machen.
Die gesamte Psychologie des Erkennens, die Fracastoro entwickelt,
 ist auf diese Schwierigkeit und diese Frage gerichtet:
wie ist es möglich, dass aus der Menge der sinnlichen Einzelinhalte,
 die unser Ich ausfüllen, der Gedanke des Allgemeinen, der
universale Begriff sich heraushebt und selbständig macht? Um
diese Frage schrittweise zu beantworten, wird eine Stufenfolge
seelischer Vermögen und Tätigkeitsformen eingeführt. An den
untersten Grad, der durch die blosse Aufnahme der Eindrücke
und durch die Verknüpfung der Empfindungen verschiedener
Sinne zu einer Einheit bezeichnet wird, schliesst sich eine Tätigkeit,
 vermöge deren wir einen Inhalt, der uns zunächst als komplexes,
 noch ungeklärtes Ganze gegeben ist, nacheinander in
seine Teilmomente zerlegen. Dem Ich wohnt eine eigene
Bewegung und gleichsam ein innerer Trieb inne, der es über
die Schranke des ersten Eindrucks hinausdrängt, um das verworrene
 Gesamtbild, das ihm anfangs gegeben ist, zu entwickeln,
zu gliedern und zu verdeutlichen. Von der sinnlichen Empfänglichkeit
 ist dieses zergliedernde und analytische Vermögen des
Bewusstseins — für das Fracastoro im Begriff der „subnotio“
einen eigenen neuen Terminus prägt — dadurch getrennt, dass es
eine tätige Teilnahme des Ich voraussetzt; von den höheren gedanklichen
 Verknüpfungsweisen unterscheidet es sich dadurch,
dass es sich in ihm nicht um Wahrheit und Falschheit, also nicht
am logische Beurteilung, sondern lediglich um einen einfachen
and gleichsam instinktiven Uebergang vom einen zum andern
Inhalt handelt. In dieser Mittelstellung erweist sich die neue
psychologische Funktion, die Fracastoro einführt, dem modernen
Begriff der Association verwandt: bemerkenswert ist es indes,
        <pb n="222" />
        A

Die Naturphilosophie. — Fracastoro.

dass ihr nicht die Reproduktion vorher gegebener Empfindungen
 zufällt, sondern ihre Mitwirkung bereits beim ersten Zustandekom
 men des Wahrnehmungsinhalts vorausgesetzt wird.
Ohne das Vermögen der Sonderung, ohne die successive Apperception
 und Herausarbeitung der Einzelmomente eines Komplexes,
ist selbst der erste Rohstoff der „Vorstellung“ nicht zu begreifen. 7)
Allgemein bilden Verknüpfung und Trennung die wesentlichen
 Hauptzüge des Denkens, die sich bis in seine höchsten
Formen und Leistungen festhalten und nachweisen lassen. Hier
muss somit auch die Entstehung der Allgemeinbegrifle ihre Erklärung
 finden, Indem wir einen bestimmten Einzelinhalt nachsinander
 in mehrfachen und wechselnden Verbindungen antreffen,
 lernen wir allınählich, ihn als selbständiges Element herauszulösen
 und ihm eine gesonderte Wesenheit unabhängig von
den zufälligen Nebenumständen, mit denen er überall vermischt
arschien, zuzuordnen. Der Begriff ist somit nichts anderes, als
die „Aehnlichkeit“. zwischen verschiedenen verwandten Wahrnehmungskomplexen:
 eine Aehnlichkeit, die zwar vom betrachtenden
 Geiste isoliert, nicht aber als ein selbständiges dingliches
Etwas vorgestellt werden darf. Sein Verhältnis zum einzelnen
sinnlichen Eindruck ist damit geklärt: die einzelne „Species“ vermag
 den Gehalt des Begriffs zwar nicht unmittelbar abzubilden,
wohl aber symbolisch zu repräsentieren, sofern in ihr eine Beziehung
 zu allen andern gleichartigen Wahrnehmungen mitgedacht
 wird. An sich und seiner eigentümlichen psychischen
Qualität nach ist jeder Bewusstseinsinhalt singulär: „universal“
kann er nur durch den subjektiven Gesichtspunkt der Betrachtung
 werden, sobald wir in ihm ein Zeichen der gesamten Klasse
‚on Inhalten sehen, der er angehört. 38) Diese Lösung, die in der
neueren Zeit noch in Berkeleys Begriffstheorie unverändert ernalten
 ist, mündet, rückwärts verfolgt, in den scholastischen
„Terminismus“ ein. Mit Wilhelm von Occam unterscheidet Fracastoro
 jetzt Begriffe erster und zweiter Ordnung (intentiones
primae et secundae), von denen jene sich direkt auf äussere Gezenstände,
 diese sich nur auf unsere Aussa gen über Gegenstände
beziehen und somit in einer Reflexion des Verstandes auf sich
selbst ihren Ursprung haben. Die Abtrennung in Arten und Gat-‘ungen
 gehört lediglich diesem zweiten Typus des Denkens an:
        <pb n="223" />
        Die Entstehung der Allgemeinbegriffe.

211

die Klassen, die derart entstehen, haben einzig den Wert conventioneller
 Namen und Bezeichnungen, deren Behandlung eher ein
Interesse der Grammatik und Rhetorik, als der Erkenntnislehre
ausmacht. Indessen erweist sich alsbald auch diese Erklärung
and dieser Gegensatz als zu eng, um das Ganze des Bewusstseins
zu umspannen und auszumessen. Die eigenen Tätigkeitsweisen
 des Geistes, die Phantasie und die logische Schlussfolgerung,
 das abstrakte Denken und die associative Verknüpfung
lassen sich unter keines der beiden Glieder des Gegensatzes eindeutig
 einreihen. Wir können sie nicht ohne Einschränkung den
Begriffen der ersten Art zugesellen, da sie nicht der äusseren Welt,
sondern einzig dem Ich selber angehören; — hier aber besitzen
sie wiederum eine eigene, unveränderliche Realität und Wahrheit,
 die sie von den wechselnden und willkürlichen Benennunzen
 scheidet. Sie haben nicht nur, wie beliebige subjektive Gebilde
 in der Seele ihren Sitz, sondern auch ihren Halt und ihren
notwendigen, immer gleichen Ursprung: nicht nur ein „esse in
anima“, sondern ein „esse ab anima“ ist es, das ihnen eignet.
Die Operationen des Geistes „sind in der Seele, als ob sie ausserhalb
 wären“: sie tragen den Charakter objektiver Bestimmtheit,
sind also in diesem Sinne zu den Begriffen erster Ordnung zu
rechnen, ohne doch dingliche Existenz zu besitzen.?) So sehen
wir — und diese Entwicklung wird sich später noch deutlicher
verfolgen lassen — wie zuletzt gerade das zentrale Problem des
Selbsthbewusstseins den Rahmen und das Schema, das eine
sensualistische Psychologie des Erkennens entworfen hat, durchbricht.
 In der Tat sieht sich Fracastoro, um der Seele ihre eigentümliche
 „Realität“ zu wahren, geradezu zur Averroistischen Doktrin
 des Einen allumfassenden Intellekts gedrängt, wodurch indes
im Widerspruch zu seiner Erkenntnislehre wiederum ein „Allgemeines“
 hypostasiert wird. Und noch eine andere Frage ist
es, die sich an dieser Stelle aufdrängt. Wenn Fracastoro es unternahm,
 die Entstehung des Allgemeinen aus dem Besondern nachzuweisen,
 so war sein Interesse hierbei lediglich auf die Gattungsbegriffe,
 nicht auf die universalen Relationen des Geistes und
ihre Geltung gerichtet. Ist aber damit das Problem erschöpft,
ist es zulässig, Begriffe, wie Raum und Figur, Grösse und Zahl
mit dem Begriff des „Weissen“, den wir aus den Einzelwahr-
        <pb n="224" />
        ned

Die Naturphilosophie. — Telesio

nehmungen des Schnees und der Milch abstrahieren, unmittelbar
auf eine Stufe zu setzen? *) Noch innerhalb der Naturphilosophie
wird sich diese Schwierigkeit erheben, die sich zur vollen Klarheit
 allerdings erst entwickeln kann, nachdem der Fortschritt der
Wissenschaft selber die Forderung einer Logik der Relationen
zum Bewusstsein und zur Anerkennung gebracht hat,

Wie Fracastoro den scholastischen Begriff der „Species“ aufnahm,
 den Gegensatz indes, der hier zwischen „sinnlicher“ und
‚intelligibler“ Species bestand, auszugleichen und aufzuheben
trachtete, so verfolgt auch die Lehre des Telesio den gleichen
Weg. Hier indes handelt es sich nicht mehr um losgelöste psychologische
 Untersuchungen, vielmehr erhebt sich das Erkenntnisproblem
 nunmehr auf dem weiteren Unterbau, der durch das Ganze
der neuen Naturlehre geschaffen ist. Der Process des Erkennens
ist dem allgemeinen Zusammenhang der biologischen Probleme
eingeordnet und unterstellt: er bezieht sich auf die Frage, wie das
Leben des Alls, das in jedem Teile gleichmässig vorhanden ist,
sich unter besonderen Bedingungen in individuelle Empfindung
umsetzt und wandelt. „Erkennen“ heisst „Leiden“: heisst ein Aufzeben
 des eigenen Lebens, um ein fremdes in sich aufzunehmen
und nachzubilden. Aber diese Umbildung gilt es nicht lediglich
abstrakt auszusprechen, soudern sie wird gemäss der Denk- und
Darstellungsart der Naturphilosophie in einer unmittelbaren Anschauung
 verkörpert und dargestellt. Alles Leben vollzieht sich
lurch die Wirksamkeit zweier widerstreitender Potenzen, durch
jas Wechselspiel, das die beiden Grundkräfte der Wärme und
Kälte an der für sich trägen Materie, die sich in konstanter
Menge erhält, ausüben. Die Mannigfaltigkeit der Naturformen
entsteht aus der wechselnden Teilnahme an diesen beiden Gegensätzen.
 So wird alle qualitative Verschiedenheit und mit ihr alle
individuelle Besonderung des Seins auf eine einzige ursprüngliche
 Grundform des Wirkens zurückgedeutet. Alle sinnlich
wahrnehmbaren Eigenschaften lösen sich in Arten der Bewe-
        <pb n="225" />
        Die Theorie der Wahrnehmung.

213

gung, alle Differenzen des einheitlichen Stoffes in Grade der
Verdichtung und Verdünnung auf, wie sie durch die Wirkung
des Warmen und Kalten in vielfältiger Abstufung erzeugt werden,
So ist denn auch die Empfindung nur dadurch möglich, dass
eine äusserlich existierende Bewegung von bestimmter Eigenart
und Geschwindigkeit auf die seelische „Substanz“ fortgeleitet und
übertragen wird. Aristoteles hatte das Denken allgemein als eine
„Berührung“ des voic mit dem Gedachten geschildert: jetzt wird
diese Bestimmung weiter gefasst und voller sinnlicher Ernst mit
ihr gemacht. Alle Arten des Erkennens sind nur spezielle Weisen
der Tastwahrnehmung und durch räumliche Annäherung
des Objekts an den „Geist“ bedingt. Dieser ist somit, da er die
körperlichen Bewegungen unmittelbar in sich aufnimmt, selbst
durchaus körperlich zu denken: er wird als eine feine und dünne
Substanz und gleichsam als ein elastisches Medium beschrieben,
das jede Schwingung, die von aussen an es herantritt, nachahmt
und fortpflanzt. Auf die nähere Ausgestaltung dieser Grundanschauung
 ist besonders die Stoa und ihre Lehre vom Pneuma
von Einfluss gewesen. Die Dinge wirken auf uns, nach dem Grad
ihrer Mischung von Wärme und Kälte, durch Ausdehnung und
Zusammenziehung dieses subtilen Stoffes („spiritus‘), der, wenngleich
 nicht sichtbar, dennoch durch das gesamte Nervensystem
stetig verbreitet gedacht werden muss. Die Frage, wie die verschiedenartigen
 Bewegungen des seelischen Grundstoffes auch als
solche zum Bewusstsein kommen, wie sie auf einander bezogen
und zur Einheit zusammengefasst werden, wird hierbei nicht gestellt.
 Durch die naive Annahme der allgemeinen Beseelung' des
Stoffes wird von Anfang an jede Reflexion, die sich hierauf richten
könnte, abgeschnitten. Die Gesammtanschauung, die Telesio zu
Grunde legt, lässt sich daher im strengen Sinne noch nicht einmal
 als „Materialismus“ bezeichnen: denn wo die Bewusstseinsf[unktion
 logisch noch nicht selbständig herausgehoben ist, wo
sie noch unmittelbar mit den körperlichen Dingen verschmilzt,
da fehlt die erste Voraussetzung, um nicht nur die Eigenart des
Seelischen, sondern selbst, den reinen Begriff der Materie im
wissenschaftlichen Sinne zu bezeichnen.
Zunächst spricht sich nun der Vorrang der geistigen Substanz
 nur darin aus, dass sie imstande ist, die Bewegungen, die ein-
        <pb n="226" />
        Die Naturphilosophie. — Telesio.

mal in ihr erzeugt werden, dauernd festzuhalten und willkürlich
oder auf einen äusseren Anreiz hin von neuem in sich hervorzurufen.
 Auf diesem Vermögen der Reproduktion, das zu dem ursprünglichen
 Vermögen der Wahrnehmung hinzutritt, beruht
alles vermittelnde Schliessen und alle denkende Verknüpfung des
Geistes, Der „Verstand“ ist nichts anderes, als die allseitige Anwendung
 jener primitiven Tätigkeit, die wir als physiologisches
‚Gedächtnis“ bezeichnen können. Alle Einsicht, die wir in das
Wesen der Dinge gewinnen, beruht auf der Möglichkeit, ähnliche
Eindrücke als solche zu erkennen und von einer Teilwahrnehmung,
die uns unmittelbar gegeben ist, zu dem Gesamtkomplex überzugehen,
 in dem sie uns früher erfahrungsgemäss begegnet ist.
So wird aus wenigen bekannten Eigenschaften eines gegebenen
Körpers — etwa aus seiner Härte, seiner Dehnbarkeit und Farbe
— unmittelbar zu der Vorstellung desjenigen empirischen Ganzen
fortgeschritten, das wir durch den Namen und Begriff des Goldes.
bezeichnen. Alles Leben und aller Fortschritt der Erkenntnis
führt sich auf dergleichen Analogieschlüsse, auf ein blosses
Vermuten aus associativer Erinnerung, zurück, Der „Intellekt“
ist selbst nur gleichsam ein besonderes Sinnesorgan, vermittels
dessen wir das Entfernte, das keine direkte Einwirkung auf uns
ausübt, aufzufassen vermögen. Notwendigerweise freilich bleibt
eine solche Auffassung, verglichen mit der Wahrnehmung des
Gegenstandes selbst, lückenhaft und unvollkommen. Das Denken
bietet keine Kritik und keine Kontrolle der Sinne, sondern nur
einen Notbehelf, der sich einstellt, wo die direkte Empfindung
fehlt. Es über die Sinne setzen hiesse das Mittel höher stellen,
als den Zweck, von dem es einzig seine Bedeutung empfängt;
hiesse das echte Ziel des Erkennens über dem zufälligen und
ausserlichen Werkzeug vergessen. 4!)
Man hat Telesio wegen dieser Sätze einen Vorläufer des Sensualismus
 genannt, damit aber, bei aller äusseren Uebereinstimmung
 .in den Hauptsätzen,. das. Zentrum und .die geschichtliche
Eigenart seiner Lehre nicht zutreffend bezeichnet. Im Sensualismus
 herrscht, wenngleich.in unfertiger Weise, dennoch das Interesse
der Erkenntnis vor: es wird die Aufgabe gestellt, von den Empfindungen
 und Eindrücken den Weg zu den objektiven Gegenständen
zu finden. .Die Psychologie bildet den Ausgangspunkt und die
        <pb n="227" />
        Verhältnis zum modernen Sensualismus.

215

oberste Instanz, die auch die Grundbegriffe der Physik. aufzuklären
und verständlich zu machen hat. Telesios Lehre schreitet in entgegengesetztem
 Sinne fort; sie sucht von einem bestimmten: Grunddogma
 der Physik den Uebergang zur Physiologie, die ihr mit der
Psychologie zusammenfällt. Die Dinge sind das Selbstverständliche
 und Gegebene, die Empfindung und das Bewusstsein nur ein
Teilproblem innerhalb der Welt der Gegenstände. Wie es möglich
 ist, dass die starren und fertigen Objekte sich in den Fluss
und Prozess des Bewusstseins wandeln — diese Frage wird nicht
aufgeworfen. Der Vorgang der Erkenntnis wird durchaus als ein
Uebergang von Ding zu Ding gefasst und beschrieben. Deutlich
 tritt dies vor allem in der Theorie des Sehens hervor,
die man etwa mit Berkeleys späterer Lehre vergleichen muss,
um sich den Abstand vom philosophischen Sensualismus anschaulich
 zu machen. Dass die äusseren Dinge in ihrer mannigfachen
Gestaltung und Färbung sich in uns abbilden, dass der Geist sie
in entsprechenden zugehörigen Bewegungen enthält und wiedervibt,
 gilt nur dadurch als möglich, dass ein besonderes körperliches
 Medium zwischen beiden besteht. Das Licht, das die
Gegenstände umspielt und durchdringt, nimmt alle ihre Eigenschaften
 und Formen in sich auf, um sie der seelischen Substanz
zu überliefern. Indem es von den verschiedenen Objekten eine
Aenderung seines Bewegungszustandes erfährt, bekleidet es
sich gleichsam mit all ihren Qualitäten und Beschaffenheiten und
vermag danach weiterhin auch die Bewegung das Geistes mannigfach
 und wechselnd zu bestimmen. Hierbei sind es nicht nur
die Dinge selbst, sondern zugleich ihre vielfältigen Beziehungen,
 die sich auf diese Weise abbilden: wir „sehen“ unmittelbar
nicht nur Helligkeiten und Farben, sondern auch den Zwischenraum
 zwischen den Objekten und stellen danach ihre Lage: und
Ordnung vor. Alle diese Bestimmungen gehen ohne weiteres in
„Affektionen“ des Lichtes über, um sich weiterhin in solche .des
Geistes zu verwandeln.) Die psychologische Ansicht, die hier entwickelt
 wird, hat ihre metaphysische Fortbildung in Patrizzis
Philosophie gefunden: hier erscheint das Licht, da es notwendig
an: den Körpern: haftet,; anderseits aber seiner Wesenheit nach
dem Körperlichen entrückt ist, als ein „Mittleres“ zwischen Materie
And Immateriellem., zwischen Stofflichem und :Göttlichem.*%
        <pb n="228" />
        +

Die Naturphilosophie. —- Telesio.

Man sieht, wie weit der Standpunkt, von dem diese Lehren
ausgehen, von jeder psychologischen Theorie des Erkennens
abliegt, gleichviel welche Richtung sie verfolgt. Wo von der
Erkenntnis ausgegangen wird, da entsteht die Aufgabe, die verschiedenen
 möglichen Beziehungen zwischen den Dingen, vor
allem also ihre Grösse und Entfernung, als komplexe Verhältaisse
 nachzuweisen, die aus ursprünglicheren Elementen abzuleiten
 sind; die Relationen somit nicht fertig vorauszusetzen,
sondern in die Bedingungen ihrer Entstehung aufzulösen. Die
Coordination zwischen den einfachen Empfindungen selbst, und
den Ordnungen, in denen sie sich darstellen, wird hier unbedingt
 aufgehoben — gleichgültig, welcher von beiden Faktoren
als das sachliche Prius angesehen wird. Dass diese Scheidung bei
Telesio nicht erfolgt ist, wird besonders aus seiner Auffassung und
Beurteilung der Mathematik deutlich. Nicht nur, dass er den
anschaulichen Charakter ihrer Grundzüge hervorhebt: die geometrischen
 Axiome verschmelzen ihm auch unmittelbar mit den
empirischen Aussagen über einzelne Wahrnehmungsgegenstände.
Hier wie dort bildet das Associationsgesetz der „Aehnlichkeit“,
bilden Induktion und Analogie das leitende Prinzip. Wir „deinteren“
 einen Kreis oder ein Dreieck, indem wir ihnen alle diejenigen
 Eigenschaften zuschreiben, die der „Sinn“ an ihnen entjeckt.
 Der Sinn indes war bisher nur auf Physische Objekte
Jezogen: nur was an den Kräften der Wärme und Kälte teilhat,
vermag ihn nach den Grundsätzen des Systems zu rühren und zu
yewegen. Der neuen Klasse von Inhalten gegenüber muss daher,
ıäher betrachtet, seine Funktion versagen. Auch die Auskunft,
lass diese Inhalte durch Abstraktion aus den Objekten der
Wahrnehmung abgelesen und entlehnt sind, ist abgeschnitten;
lenn um aus dem bunten Stoffe der Empfindung die reinen mathematischen
 Gestalten herauszusondern, wäre stets ein eigener Gesichtspunkt
 des Denkens, also eine Aktivität des Geistes erfor-Jerlich,
 die sich hier weder verstehen, noch begründen lässt. Der
Widerspruch offenbart sich besonders deutlich am Begriff des
„reinen Raumes“, den Telesio ausdrücklich festhält, ja den er
als notwendige Voraussetzung seines Körperbegriffs dulden
und anerkennen muss. (S. unten Abschn. C.) Denn wie könnte
ler Inhalt dieses Begriffs uns jemals in dem Sinne „gegeben“ und
        <pb n="229" />
        Die Verdinglichung des „Geistes“ und der Erkenntnis. 217

zugänglich sein, den die Erkenntnistheorie des Telesio erfordert?
Allgemein lässt sich sagen, dass jede Auffassung, die von den
Dingen als abgeschlossenen und fertigen Existenzen ausgeht, den
reinen gedanklichen Beziehungen keine Stelle und Bedeutung mehr
anzuweisen vermag: der Gedanke und der Geist selbst muss für
sie zum Dinge, ja in letzter Instanz zum Körper werden. In
späteren Lehren wird zumeist versucht, diese Konsequenz zu verhüllen
 und abzuschwächen: hier in diesen naiven Anfängen tritt
sie uns in einem typischen Beispiel entgegen.
So bleibt Telesio schliesslich von der neuen Denkart, in
der die moderne Naturwissenschaft wurzelt, auch dort getrennt,
wo er ihren Resultaten am nächsten kommt. Der Widerspruch,
der in seiner Lehre zurückbleibt, lässt sich vom Standpunkt
geschichtlicher Betrachtung mit einem Worte kennzeichnen: der
Aristotelische Formbegriff, der in der Physik überwunden ist,
hat in der Psychologie noch seine Herrschaft bewahrt. Hier
lebt er in dem scholastischen Speziesbegriff, sowie in der Gesamtanschauung
 nach, dass im Prozess des Erkennens die Dinge
selbst, mit einem Teil ihrer Wesenheit, in den Geist eingehen
und sich in ihn verwandeln. Diese Auffassung aber lässt sich
von dem Boden der Aristotelischen Metaphysik, aus dem sie erwachsen
 ist, nicht loslösen. (Vgl. ob. S 45 ff, 82 f.) Das substantielle
„geistige“ Sein, das diese Metaphysik den Naturdingen beilegte,
ist geschwunden: wird jetzt dennoch der Prozess der Erkenntnis
unter dem überlieferten Gesichtspunkt gedeutet und beschrieben,
so muss er sich notwendig in einen rein stofflichen Uebergang
zwischen den Objekten und dem Bewusstsein wandeln.
Auch bei den Nachfolgern Telesios wirken diese Probleme
und Schwierigkeiten nach. Die Akademie von Cosenza, die er
begründet, wird zum ersten, festen Mittelpunkt für die Sammlung
und exakte Beschreibung physikalischer Einzeltatsachen; aber
die Beobachtungsfülle, die sich damit erschliesst, bleibt zunächst
noch ungesichtet und ohne sichere methodische Gestaltung. Bei
Patrizzi, dessen „Neue Philosophie“ neben Telesios Hauptwerk
der bedeutendste Versuch einer einheitlichen und selbständigen
Naturerklärung ist, lenkt die Frage. nach dem Ursprung der
Erkenntnis wiederum gänzlich in die Bahnen des Neuplatonismus
 ein. Wenngleich der „Logos“ sich vom göttlichen Ur-
        <pb n="230" />
        1

Die Naturphilosophie. — Campanella.

wesen scheidet, so kann er dennoch des Bewusstseins seines Ursprungs
 niemals gänzlich verlustig gehen. Das „Gewahrwerden“
seines Zusammenhangs mit dem höchsten Sein und die Liebe,
die aus dieser Erkenntnis entspringt, bildet die innere Wesenheit
und den Grundtrieb des Intellekts, der sich zur Betrachtung
seiner selbst und seiner Ursache zurückwenden muss, um hier
mittelbar alle anderen Dinge wiederzufinden und zu begreifen.
Alles Wissen will und erstrebt nichts anderes, als die Vereinigung
mit seinem Gegenstande, zuletzt also die Auflösung in das absolute
 Sein: „cognitio“ ist — wie etymologisch spielend ausgeführt
wird — mit „coitio cum suo cognobili“ gleichbedeutend.4) Von
neuem sehen wir hier, wie nahe der „Empirismus“ der Epoche
an die spekulative Mystik angrenzt. Die Verbindung und
Mischung dieser beiden Züge tritt uns sodann noch einmal in
merkwürdiger individueller Ausprägung in dem Manne entgegen,
der die Entwicklung der Naturphilosophie abschliesst, Die
Metaphysik Campanellas ist es, in der alle gedanklichen Motive
der Zeit sich nochmals zusammendrängen und in der all ihre
Gegensätze in Eins gefasst sind. —

HI.

Durch Campanellas Erkenntnislehre zieht sich derselbe
Zwiespalt, der für seine gesamte Philosophie, wie für sein Wesen
und seine Persönlichkeit charakteristisch ist. Die widerstreitenden
 Tendenzen, die das Zeitalter der Renaissance bewegen,
treten sich bei ihm noch einmal in all ihrer Energie und
Schroffheit entgegen. Wie er, im Gebiete der Politik, zum Verkünder
 und Märtyrer seiner sozialen Gedanken wird, zugleich
aber in seiner Schrift über die Spanische Monarchie noch einmal
das strenge mittelalterliche Ideal der Hierarchie vorzeichnen und
verteidigen kann, so bleibt er, der in seiner Apologie für Galilei
{ür. die Freiheit. der, wissenschaftlichen Forschung eingetreten
war, durch innere wie äussere Gründe an die kirchliche Entscheidung
 über das neue Weltsystem gebunden. Dieselbe Schrift,
die die Umrisse seiner sensualistischen Psychologie entwirft,
spürt zugleich den ersten Gründen der Magie und ihrer Wirkungen
        <pb n="231" />
        Die Verwandlung des Ich in die Dinge.

91%

nach. Ueber einer Naturbetrachtung, die sich auf die Prinzipien
des Telesio stützt und die sich durchgehend auf Erfahrung und
Beobachtung beruft, erhebt sich eine Metaphysik, die in ihrem
Bau und in ibrer inneren Gliederung noch völlig an Thomas
von Aquino erinnert. Alle diese Widersprüche der Welt- und
Lebensanschauung finden ihren Ausdruck und Reflex in seiner
Theorie des Erkennens, in der auf der einen Seite das Bewusst -
sein den Dingen als ihr Ergebnis untergeordnet wird, während
es andrerseits, in einem neuen Ansatz, als der Ausgangspunki
und das Fundament aller Gewissheit erwiesen wird. —
Gerade hierin besteht die eigentümliche Leistung Campanellas:
 dass er die Prinzipien, die die Naturphilosophie für die
Auffassung der Erkenntnis geschaffen hatte, bis in ihre letzten
und radikalsten Folgerungen weiterführt, dass er sie damit indes
unvermerkt bis zu einem Punkte leitet, an dem sie sich in sich
selber auflösen und aufheben müssen. Der Geist kann die äussere
Welt nur dadurch gewahr werden, dass er sich in sie verwandeli
und ihr Sein in sich selber wiederholt. Soll das Ich die Mannigfaltigkeit
 der Dinge begreifen, so muss es sich selber in ihre Verschiedenheit
 umsetzen: „cognoscere est fieri rem cognitam“.
Zwar kann die „Form“ des erkannten Objekts — und dies ist eine
Einschränkung, die Campanella an der Aristotelischen, wie an der
Telesischen Ansicht versucht — nicht unmittelbar in das Bewusstsein
 übergehen: denn hieraus würde folgen, dass das Objekt, wie
das Subjekt im Process des Erkennens seines eigenen Wesens verlustig
 ginge. Der Geist wäre unier dieser Voraussetzung unfähig,
solange er mit einem Inhalt beschäftigt und in ihn gleichsam aufgegangen
 wäre, einen andersartigen Inhalt aufzunehmen und auf
den ersten vergleichend zu beziehen. An die Stelle des gänzlichen
Uebergangs der Form tritt lediglich die Bestimmtheit durch
sie; bei der das Ich eine Wandlung erfährt, die nur seinen äusseren
 Zustand, nicht seine Wesenheit berührt. Der Begriff der „informatio“
 wird auf diese Weise durch den der „immutatio“ ergänzt.und
 ersetzt, wobei jedoch als gemeinsames Moment festgehalten
 wird, dass alle Erkenntnis ein „Leiden“ von dem eindringenden
 äusseren Gegenstande in sich schliesst. Dieser braucht
indes nur mit irgend einer vereinzelten. und besonderen Beschaffenheit
 auf uns einzuwirken, um vermöge des Schlusses der Aehn-
        <pb n="232" />
        220

Die Naturphilosophie. — Campanella.

lichkeit und der associativen Verknüpfung sogleich in der Allheit
seiner Merkmale rekonstruiert zu werden.) Die Ausführung dieses
 Gedankens erfolgt in der bekannten physiologischen Bilderund
 Gleichnissprache: von jedem Eindruck bleibt eine Spur und
gleichsam eine „Narbe“ im Geiste zurück, die es ermöglicht, den
ursprünglichen Inhalt unter bestimmten Bedingungen zurückzurufen
 und ihn sich von neuem in dem Zusammenhang, in dem
ar zuvor erschien, zu vergegenwärtigen. Und da jede Wirkung
sich zuletzt auf Bewegung reduziert, Bewegung aber nur von
Körpern aufgenommen und fortgeleitet werden kann, so folgt
weiterhin, dass die empfindende Seele mit körperlichen Eigenschaften
 und Kräften behaftet ist, die denen der äusseren Materie
zleichen und symbolisch entsprechen. Nur deshalb, weil er selbst
beweglich, vermag der Geist die Schwingung der Töne, nur deshalb,
 weil er selbst leuchtend ist, vermag er das Licht und alle
die wechselnden Bestimmtheiten, die sich in ihm widerspiegeln,
zu erfassen. Wenn indes auf beiden Seiten absolute Identität
bestände, so wäre auch damit die sinnliche Wahrnehmung unerklärlich:
 denn jede Wirkung setzt eine Spannung zwischen ungleichartigen
 Zuständen und ein Gleichgewicht, das sich zwischen
 ihnen herstellt, voraus. Das „eingeborene“ Licht der Seele
ist somit von dem Lichte draussen zwar nicht dem Stoffe, wohl
aber dem Bewegungszustande nach verschieden: die Wechselwirkung
 zwischen beiden vollzieht sich in derselben Art, wie bewegtes
 Wasser, wenn es auf einen glatten Wasserspiegel trifft,
Jiesen in Erregung versetzt.46) Die empfindende Seele bewahrt
lie Eindrücke nicht wie Bilder auf einer Tafel, sondern wie Bewegungen
 sich in der Luft erhalten, und schliesst von ihnen
aus auf ihre wirkende Ursache zurück. Ein besonderes psychologisches
 Vermögen der Reproduktion anzunehmen, ist daher
müssig, wie es auch keiner besonderen Funktion des Geistes bedarf,
 um die Verbindung der Einzeleindrücke zu erklären. In
beiden Fällen sind es die zugehörigen Bewegungen, die sich unmittelbar
 erneuen oder mit einander verschmelzen.4?) Wieder
zeigt sich uns in dieser ganzen Ausführung die Tendenz, an der
allgemeinen Peripatetischen Auffassung vom Verhältnis des
Denkens zum Sein festzuhalten: zugleich indes die Ergebnisse,
die Aristoteles vom Standpunkt der Metaphysik gewonnen hatte,
        <pb n="233" />
        Die Schranken der physiologischen Erklärung. 2921

in die Sprache der Physiologie und der empirischen Naturlehre
zu übersetzen. (Vgl. ob. S. 217.) Zugleich aber muss an dieser
Stelle deutlich werden, dass diese Umformung ein vergebliches
Bemühen ist und dass, ehe der wirkliche VUebergang von der
Scholastik zur exakten Wissenschaft gefunden werden konnte.
eine innere, logische Kritik der Gesamtstellung, die die Peripatetische
 Philosophie dem Erkennen einräumt, vorausgehen
musste, Bei Campanella dagegen erhallen wir nur eine neue
Beschreibung des alten überlieferten Gehalts, die zudem in sich
selber unzureichend und zwiespältig ist. Zwei Bewegungen
können sich verbinden und zu einer neuen konkreten Bewegung
von einheitlicher Richtung und Geschwindigkeit verschmelzen:
aber die beiden Komponenten sind hier in dem Gesamtergebnis
nicht mehr gesondert wiederzuerkennen, sie sind in ihm ausgelöscht
 und untergegangen. Das Eigentümliche der geistigen „Synthese“
 ist es dagegen, dass die. Momente, die sich in ihr zur Einheit
 fügen, als solche in individueller Besonderung und Bestimmtheit
 erhalten bleiben. Nicht minder finden alle Analogien der
Mechanik an dem Vermögen des Bewusstseins, Vergangenes durch
Gegenwärtiges zu „repräsentieren“, ihre feste Schranke: die empfindende
 Seele, wie Campanella sie schildert, vermöchte im
günstigsten Falle lediglich ihren momentanen Bewegungszustand
gewahr zu werden, nicht aber in ihm die „Spur“ des Vergangenen
von dem direkten Eindruck des Objekts zu trennen und zu unter
scheiden.
Von der Gleichsetzung zwischen der Sinneswahrnehmung und
der reproduktiven Vorstellung schreitet die Nivellierung weiter,
indem sie, gestützt auf die physiologische Einheitsanschauung,
nunmehr auch das Denken und den Begriff in den gleichen Kreis,
der durch die Empfindung begrenzt und beschlossen wird, hineinzieht.
 Wir verfolgen diesen Fortgang nicht im Einzelnen, da sich
in ihm nur die Entwicklungen des Telesio gleichlautend wiederholen.
 Der diskursive Schluss besitzt keine eigene Bedeutung
neben und über der Wahrnehmung: er hat nur das Ziel, Lücken
unserer Erfahrung, die nicht direkt durch die sinnliche Beobachtung
 ausgefüllt werden können, mittelbar gemäss dem Prinzip der
Aehnlichkeit und der associativen Erwartung zu ergänzen. Auf
einen derartigen Prozess gehen alle Verhältnisse und Kategorien
        <pb n="234" />
        Die Naturphilosophie. — Campanella.

der reinen Wissenschaft, gehen die Begriffe des Raumes und der
Zeit, der Tätigkeit und des Leidens, der Form und der Materie zurück.
 Wenn Aristoteles die Leistung des Sinnes darauf einschränkt,
dass er uns das „Was“, nicht das „Warum“ eines Gegenstandes
oder Vorganges zu erkennen gebe, so ist auch diese Begrenzung
hinfällig. Denn einen Inhalt begründen und ableiten heisst ihn,
Jer an und für sich ungenügend und ungewiss ist, auf einen
anderen sichereren Ursprung zurückleiten. Der sinnliche Ein-Iruck
 dagegen ruht in sich und trägt seine Gewähr unmittelbar
in sich selbst; gerade dieser Vorzug und dieses ihm eigentümliche
Privileg ist es, das ihn jeder weiteren Nachforschung nach entfernteren
 „Gründen“ überhebt. Wo das Bedürfnis „rationaler“
Deduktion noch besteht, da ist eben dies der Beweis dafür, dass
Jas höchste Ziel der Evidenz noch nicht erreicht ist, dass ein
letzter Halt, der nur in einer unmittelbaren Wahrnehmung liegen
kann, noch vermisst wird. Die Vernunft, die aus einer Gruppe
von Objekten die gemeinsamen Merkmale heraushebt, vermag
eben darum die Empfindung, in der sich uns die volle Konkretion
 des Gegenstandes erschliesst, an Bestimmliheit nicht zu erreichen:
 sie ist ein „unvollkommener Sinn“, der das Objekt nicht
in seiner eigenen Natur, sondern nach seiner generischen Achnlichkeit
 mit anderen gleichartigen Dingen erfasst.48)
Alle diese Ausführungen besitzen nun aber in Campanellas
Metaphysik von Anfang an ein eigentümliches Gegenbild, das sie
berichtigt und ergänzt. Das Werk beginnt mit einer ausgebildeten
 Theorie des Skepticismus, die zwar nirgends als eigene,
andgültige Lehre behauptet wird, die sich jedoch in der Ausführlichkeit
 und Genauigkeit, mit der sie dargestellt wird, als ein wichtiges
 bedingendes Moment der logischen Gesamtentwicklung erweist.
 In der Tat ist, näher betrachtet, die Skepsis das natürliche
Correlat und die notwendige Kehrseite des Erkenntnisideals,
das bisher gezeichnet wurde. Wir erfassen die Aussendinge nur
in den Eigenbewegungen unseres Geistes: welches Miltel aber vermöchte
 uns zu lehren, die zufällige und die wesentliche Bewegung,
die fremde Zutat und das wahrhafte Sein des Gegenstandes zu
scheiden? Dem Kreise der Subjektivität ist nirgends zu entrinnen,
„jeder besitzt eine eigene Philosophie, je nachdem er in verschie-Jlener
 Weise von den Dingen sinnlich bestimmt wird“. Man glaube
        <pb n="235" />
        „Umfang“ und „Inhalt“ des Begriffs.

223

nicht, durch irgend ein anderes, höheres Mittel des Bewusstseins
sich über diese individuelle Beschränkung erheben zu können:
sind sie doch alle, wie wir sahen, in die Bedingtheit des „Sinnes“
einbezogen und verstrickt. Der abstrakte Allgemeinbegriff vor
allem, dem man die Einsicht in das „Wesen“ der Dinge zuzutrauen
 pflegt, ist hierzu seinem Ursprung und seiner Ableitung
nach unvermögend. Wer nur die „Wesenheit“ des Menschen,
wer also nur die allgemeinen Züge und Merkmale kennt, die allen
Individuen der Gattung igleichmässig zukommen, dem ist damit
der Einblick in die Varietäten und Besonderungen, die erst das
wirkliche Sein von Diesem oder Jenem ausmachen, verschlossen.
Hier enthüllt sich uns eine innere Antinomie, zu der alles mensch.
liche Erkennen uns notwendig immer von neuem zurückführt.
„Erkennen“ heisst für uns eine unendliche Mannigfaltigkeit von
Einzeleindrücken und Einzelfällen in eine abgekürzte Formel zusammenfassen:
 wer aber versichert uns, dass bei dieser notwendigen
 Arbeit der „Abstraktion“ nicht gerade die wesentlichen
Momente des Falles übersehen und geopfert werden? Wir glauben,
indem wir von den besonderen Merkmalen absehen, zu höherer
Allgemeinheit emporzusteigen, während wir dadurch nur die
scharfen und deutlichen Umrisse des Einzelnen immer mehr aus
dem Auge verlieren, also statt der Weite nur Verschwommenheit
des Bildes eintauschen.*) In der Tat verbirgt der herkömmliche
logische Gegensatz zwischen dem Inhalt und dem Umfang der
Begriffe eine innere Schwierigkeit und ein Problem, das von Campanellas
 bisherigen Voraussetzungen aus nicht zu lösen ist. Wenn
dem Erkennen ernstlich die Aufgabe gestellt wird, die konkret
vorhandenen Dinge direkt und einzeln nachzubilden, so werden
die Gattungsbegriffe selbst zu starren dingartigen Gebilden; zu
Kopien der Objekte, die diese indes nicht in ihrer ursprünglichen
 Frische, sondern oberflächlich und abgeblasst wiedergeben.
 Jeder neue Schritt und jede neue Leistung des Denkens
wird so zu einer immer weiteren Abkehr vom ursprünglichen
Wesen der Wirklichkeit. Erst die neue Form der Logik, die
zugleich mit der modernen Wissenschaft entstanden ist, hat diesen
Einwand und diese Schwierigkeit wahrhaft aufzuklären und zu
beseitigen vermocht. Denn die echte Allgemeinheit, die sie
fordert und verbürgt, eignet nicht den Gattungsdingen. sondern
        <pb n="236" />
        Die Naturphilosophie. — Campanella.

den fundamentalen Urteilen und Beziehungen, die den Prozess
der Erfahrung beherrschen und leiten. Von Gesetzen und Relationen
 wird ausgegangen, denen zunächst, wie den reinen
nathematischen Gebilden, kein einzelnes empirisches Abbild unmittelbar
 entspricht. Wenn sodann die Forderung einer konkreteren
 Bestimmung sich einstellt, so kann ihr nicht anders geaügt
 werden, als dadurch, dass wiederum eine neue Beziehung
antdeckt wird, die die vorhergehende ergänzt und sich mit ihr
Jurchdringt. Immer aber erscheint hier der besondere Fall, der
betrachtet wird, nur als der Schnittpunkt, in dem die Linien
mehrerer Gesetze sich treffen: immer erscheint hier das Allgemeine
 als das Mittel und das ewig fruchtbare Motiv, das uns das
Einzelne entdecken lehrt. Einzig auf diesem Wege begreifen
wir das Erkennen in der Tat als fortschreitenden Akt der Bestimmung,
 während es unter dem Bilde der „Abstraktion“ umgekehrt
 als wachsende Unbestimmtheit erscheint. Campanella
aat sich diese Lösung verschlossen, weil er von einem anderen
Begriff der Erfahrung, als dem der neuen Wissenschaft, ausgeht.
 Ihm ist die Induktion, die auch der Grund der universellen
 Axiome und Prinzipien sein will, nichts anders als eine
blosse Sammlung und Häufung der Einzelbeobachtungen: „experimentorum
 multorum coacervatio.“ Mit diesem einen Worte
scheidet er sich von Galileis Ideal der Erfahrung. Wie dieser
liebt er es zu wiederholen, dass die Philosophie einzig und allein
ım Buche der Natur, das vor unser aller Augen offen liegt, geschrieben
 sei: aber die Buchstaben, mit deren Hilfe wir es enträtseln
 sollen, sind ihm nicht die „Linien, Dreiecke und Kreise“,
sondern die subjektiven Qualitäten und Wahrnehmungen der
einzelnen Sinne. Von diesem Standpunkte aus aber können die
skeptischen Einwände, die er selbst sich entgegenhält, in der Tat
nicht grundsätzlich gehoben werden: sie liegen auf dem Grunde
seines Begriffes der Erkenntnis und sind in ihm bereits vorgebildet.
Aber eben dadurch sind sie mehr als ein blosses rhetorisches
Beiwerk seiner Metaphysik, wofür man sie zunächst halten könnte;
— sie enthalten zugleich eine Selbstbesinnung, die zu neuen Fragen
hinüberleitet. —
Denn jetzt droht nicht nur der Gegenstand, sondern selbst das.
Subjekt der Erkenntnis seiner Wahrheit und Wesenheit verlustig
        <pb n="237" />
        Die skeptische Kritik der Erkenntnis.

225

zu gehen. Im Akt des Erkennens wird das Ich sich selber entfremdet;
 — es verliert sein eigenes Sein, um ein fremdes dafür
einzutauschen. Die Dinge „begreifen“ heisst von ihnen ergriffen
werden und in sie untergehen. So gibt es keine Schranke mehr.
die das Wissen vom — Wahnsinn scheidet: „scire est alienari,
alienari est insanire et perdere proprium esse et acquirere
alienum: ergo non est sapere res, prout sunt, sed fieri res et
alienatio. Sed alienatio est furor et insania, tunc enim insanit
homo, cum in aliud esse convertitur“.®0°) Vor dieser äussersten
Paradoxie, die dennoch, wie man erkennen muss, aus der einmal
 eingeschlagenen Richtung des Gedankens notwendig folgt,
macht die Betrachtung Halt. Zwei verschiedene Wege der Lösung
sind es, auf die wir nunmehr verwiesen werden, indem das eine
Mal der Begriff des Seins, das andere Mal der des Subjekts,
indem also auf der einen Seite die Metaphysik, auf der andern
die Psychologie eine neue Bestimmung erfährt. Das Ich und
sein Gegenstand sind keine einander fremden Potenzen, sofern sie
beide aus ein und demselben absoluten Urgrund der Dinge hervorgegangen
 sind und auf ihn zurückdeuten. Wir erinnern uns,
wie gerade die Einordnung des Ich in den gesetzlichen Zusammenhang
 der Allnatur den Keim und Antrieb zur modernen
Skepsis in sich barg: denn wie vermöchte der Teil das Ganze,
dem er selbst ursächlich unterworfen ist, begrifflich zu beherrschen?
 (S. ob. S 166 f.) Campanella wiederholt diese Frage;®')
aber ihm ist in der metaphysischen Grundansicht, von der er
ausgeht, die Antwort bereits implicit gegeben. Die Verwandlung
des Ich in die Dinge ist nur scheinbar ein Abfall von seiner
eigenen Natur: sofern alle Objekte Teile und OÖffenbarungen der
Gottheit sind, in letzter Instanz somit zu dem wahren Quell
des Selbst zurückführen. So tritt die spekulative Theologie
in die Lücke ein, die die Logik nicht zu schliessen vermochte,
Das Einzelwesen besitzt nur insofern Bestand und Halt, als es die
ursprünglichen Bestimmungen des absoluten Seins, als es die
drei „Primalitäten“ der Macht, Weisheit und Liebe in sich
enthält und je nach dem Maasse seiner Vollkommenheit teilt.
Die Ausführung, die Campanella diesem Gedanken gibt, verknüpfi
in: eigentümlicher Mischung die neuen naturphilosophischen
Prinzipien mit der metaphysischen Psychologie der Liebe, wie
RR
        <pb n="238" />
        226

Die Naturphilosophie. — Campanella.

Thomas von Aquino sie entwickelt hatte und wie sie uns in
der neueren Zeit machtvoll! und tiefsinnig noch einmal bei
Dante begegnet. Die Liebe, mit der jedes Wesen sich selbst
und die äusseren Objekte des Begehrens umfasst, enthält die
Hindeutung und Tendenz auf das göttliche Sein bereits unmittelbar
 in sich: das Individuum müsste seines Daseins verlustig
gehen, sobald es sich dieses seines innersten Grundtriebes entäussern
 könnte.) Und wie alles Streben sich unbewusst auf
diese höchste und letzte Einheit richtet, so ist auch der Akt
des Erkennens nichts anderes als eine Verschmelzung mit der
höchsten allumfassenden Vernunft: bei Campanella findet sich, wie
bei Augustin und Ficin, der Satz, dass alles reine und „apriorische“
Wissen, das nicht an den einzelnen sinnlichen Beispielen haftet.
ein Schauen der Dinge in Gott ist.)
Tiefer in den eigentlichen Mittelpunkt der Frage hineın
[ührt uns indes die zweite Richtung der Betrachtung, durch die
wir in die unmittelbare Nähe der Anfänge der neueren Philosophie
 versetzt werden. Der Zweifel selbst schliesst eine Gewissheit
 ein: wer zweifelt, der bekundet damit, dass er weiss, was
„Wahrheit“ und „Wissen“ bedeutet, da er sonst beides nicht einmal
 negativ als Maasstab brauchen könnte. Die Behauptung des
Nichtwissens hebt somit zwar einen bestimmten angeblichen Besitz
 der Erkenntnis, nicht aber diese selbst in ihrem Begriffe
auf. Und über diesen abstrakten Begriff hinaus erschliesst uns
der Zweifel zugleich die fundamentale Tatsache, auf die fortan
alle Evidenz zu gründen ist: „wir vermögen zwar zu denken,
dass es keine Dinge gibt, nicht aber, dass wir selbst nicht existieren,
denn wie vermöchten wir zu denken, ohne zu sein?“54) Mit
diesen Sätzen wird Campanella zum Vermittler zwischen Augustin,
auf den er ausdrücklich zurückweist, und Descartes. Schon innerhalb
 der Schule des Telesio zeigte sich das Problem der Selbsterkenntnis
 als die eigentliche innere Schranke, die der Entwicklung
 der naturphilosophischen Prinzipien gesetzt war. Denn
alles Wissen setzt nach diesen Prinzipien eine Einwirkung des
Gegenstandes auf unsere Organe, setzt also eine ursprüngliche
Verschiedenheit zweier Seinselemente und deren schliesslichen
Ausgleich voraus. (Vgl. S. 220 f.) Wo dagegen, wie im Selbstbewusstsein,
 eine vollkommene Identität zwischen dem Akt
        <pb n="239" />
        Das ‚Selbstberwusstsein:

227

des Erkennens und seinem Inhalt’ besteht, da müsste folgerichtig
 jede Möglichkeit der Erkenntnis aufgehoben sein. Die passive
Aufnahmefähigkeit des Ich muss somit — wie schon bei den
nächsten Nachfolgern Telesios erkannt war — durch die Annahme
 einer eigenen selbsttätigen Form der „Bewegung‘“ und
eines ursprünglichen Impulses ergänzt und berichtigt werden.)
Wie jedem Wesen der Trieb der Selbsterhaltung angeboren ist,
so muss es ein latentes Vermögen in uns geben, kraft dessen wir
uns innerlich erfassen und begreifen. Das ganze Sein der Seele,
sowie jedes erkennenden Subjekts geht in diesem Akt des Wissens
auf: „esse animae et cujuslibet cognoscentis est cognitio sui“.%)
Die Schranke zwischen Begriff und Existenz ist an diesem Punkte
durchbrochen: nur „formal“ lassen sich hier Erkennen und Sein
unterscheiden, während sie „real“ und „fundamental“ in eins zusammenfallen.5)
 Alle Streitfragen über das „Wesen“ der Seele
entstehen nur daraus, dass eine falsche reflektierende Auffassung
sich an die Stelle der ursprünglichen Gewissheit schiebt, dass wir
„diskursiv“ und syllogistisch zu begründen suchen, was sich nur
anschaulich erfassen lässt.®) Jede Zerlegung des Erkenntnisprozesses,
 jede Verdoppelung in ein „Subjekt“ und ein „Objekt“
wird hier hinfällig. Wenn bei der Erfassung der Aussenwelt der
Intellekt sich leidend verhält, wenn er eine innere Umformung
seiner Wesenheit erfährt, so ist er im Akte des Selbstbewusstseins
 dieser Bedingtheit enthoben. Dieser Akt ist uns zugleich
„verborgen“ und „gewiss“: — das erstere, weil der Inhalt, den
wir in ihm ergreifen, sich nicht unmittelbar nach Art der Sinnendinge
 vor Augen legen lässt, das zweite, weil er nichts anderes
als der Ausdruck unseres eigenen Wesens ist, der vor jeder gegenständlichen
 Erkenntnis vorangehen muss.5)
So führt die neue Fragestellung — und dies hebt sie über
ihre lediglich metaphysische Bedeutung hinaus — zu einer inneren
Umgestaltung in der Rangordnung des Erkennens. Vereinzelte
 Motive dieser Umbildung finden sich bereits in den ersten
Bestimmungen des Systems. Wenn alles abstrakte Denken auf die
Wahrnehmung der Aehnlichkeit zwischen sinnlichen Inhalten
zurückgeführt wird, so wird dies zunächst durchaus im nominalistischen
 Sinne verstanden: Bewegungen, die ihn gleichartig affizieren.
 werden vom Geist mit ein und demselben Namen belegt

A»
        <pb n="240" />
        228

Die Naturphilosophie. — Campanella,

und damit äusserlich unter ein gemeinsames Schema zusammengefasst.
 Die Thomistische Metaphysik Campanellas aber vermag
bei dieser Auffassung nicht stehen zu bleiben, sondern sucht zugleich
 in dem Reich der „Ideen“ eine höhere Gewähr und Rechtfertigung
 der Gattungsbegriffe. Die Gemeinsamkeiten, die wir
in der Vergleichung der Empfindungen entdecken, weisen auf ursprüngliche
 Einheiten im göttlichen Verstande zurück und
finden in ihnen ihr Correlat und ihre Bestätigung.®) Der Geist
vermag das All zu begreifen, sofern er selbst an diesen schöpferischen
 Urbildern, aus denen es erzeugt wurde, Teil hat.) Der
Platonismus, den Campanella in diesen Sätzen bekennt, trägt
{reilich selbst noch durchaus die Züge der mittelalterlichen Auffassung:
 aber es ist interessant zu beobachten, wie er selbst in dieser
Verkleidung wiederum zum logischen Sinn der Ideenlehre hinleitet.
 Die äusseren Dinge sind nur die Gelegenheitsursachen
des Wissens, dessen wahrer causaler Grund jedoch in der eigenen
Erkenntniskraft des Geistes zu suchen ist. Die Objekte machen
den Menschen nicht weise noch bestimmen sie sein Wollen und
Handeln; sie bezeichnen nur eine Richtung und eine „Spezifikation“,
 die das Denk- und Willensvermögen in uns erfährt. ®)
Die Wahrnehmung selber ist nicht lediglich als ein Leiden,
sondern zugleich als ein Tun zu denken, da sie eine logische
Operation und einen Urteilsakt einschliesst, der uns nur wegen
der Schnelligkeit, mit der er von Statten geht, nicht gesondert
zum Bewusstsein kommt. Die receptive Erfassung eines Inhalts
ist von seiner „diskursiven“ Betrachtung nicht zu trennen. 6%)
Wenn Campanella die Einheit der Grundlegung dadurch zu
retten sucht, dass er diese Tätigkeit des Verstandes selbst unter
den Gattungsnamen der „Empfindung“ einbegreift, so liegt die
Schwäche dieses Auswegs zu Tage: denn wie könnte der Intellekt
a0och als „unvollkommener Sinn“ bezeichnet werden, wenn er
doch als Bedingung jegliches bestimmten und in sich vollendeten
 Wahrnehmungsaktes anerkannt wird? Der Weg, den Campanella
 nunmehr zurückgelegt hat, lässt sich am einleuchtendsten
an seiner Begriffsbestimmung der „Vernunft“ verfolgen. Wenn
der‘ Nominalismus die allgemeinen Begriffe als Fiktionen, als
‚Entia rationis“ verwirft, so trifft dieses Urteil, wie jetzt ausge-;prochen
 wird, nicht die Vernunft selbst, deren Operationen und
        <pb n="241" />
        Der Rationalismus in Campanellas Erkenntnislehre. 229

Vermögen vielmehr durchaus als Realitäten zu gelten haben.
Die Grundakte des Erkennens sind keine blossen Gebilde und
Erdichtungen der Abstraktion, sondern echte wirkende Potenzen:
„ratio non est Ens rationis“.%) In dieser epigrammatischen
Zuspitzung wird scharf und treffend der Gegensatz zweier Denkarten
 bezeichnet, die in Campanellas eigener Lehre dicht neben
einander liegen. Nirgends im Aufbau seiner Lehre vermag er
der rationalen Bedingungen und Faktoren zu entraten, deren
Anerkennung ihm doch durch die Anfänge seiner Erkenntnislehre
versagt ist. Sein System müsste als blosse eklektische Mischung
erscheinen, wenn wir in ihm nicht vielmehr die Gegenwirkung
und den Kampf zweier Motive sehen dürften, die ihre wahrhafte
Versöhnung erst in der Grundlegung der exakten Wissenschaft,
der Campanella fern steht, gefunden haben. —
Die Grenze von Campanellas Philosophie erweist sich daher
nirgends deutlicher als in seiner Beurteilung der Mathematik,
die wie überall, so auch hier der sicherste Reflex und Gradmesser
der Erkenntnislehre ist. Der unbedingte Kriterienwert der Wahraehmung
 bleibt auch an diesem Punkte erhalten: er rühmt es
als den entscheidenden Vorzug seiner Lehre, dass ihr die streng
sensualistische Begründung der Mathematik gelungen sei, die
Aristoteles verfehlt habe. Die höchste Leistung der Wissenschaft,
die Wirklichkeit und ihre Verhältnisse wiederzugeben, bleibt der
Mathematik wie der Logik versagt. Beide können nicht im eigentlichen
 Sinne als Erkenntnisse, sondern nur als Bruchstücke und
Handhaben des Wissens gelten, da sie selbst kein ihnen eigentümliches
 „Subjekt“ besitzen, sondern dieses nur mittelbar anderen
 Wissenszweigen entlehnen. Welcher Wert könnte einem
System von Beziehungen zukommen, die sich zuletzt auf leere
[dentitäten zurückführen: einer Lehre von blossen Zeichen
und deren Verknüpfungen, die an die wahren physischen Ursachen
 nirgends heranreichen? So gewiss jede wahre Erkenntnis
die Zurückführung auf Gründe verlangt und so gewiss die Gründe
des wirklichen Geschehens in realen Wirkungen und Kräften
liegen, so gewiss ist die physikalische Darstellungs- und Beweisart
 der geometrischen überlegen. Die Epicykeln, die excentrischen
Bewegungen, die Drehung der Erde und ähnliche „Idealgebilde“,
die der Mathematiker entwirft, machen uns nicht mit den echten
        <pb n="242" />
        230

Die Naturphilosophie, — Campanella.

astronomischen Ursachen und mit der tatsächlichen. Verfassung
des Kosmos vertraut: hier und überall muss die Mathematik sich
bescheiden, die „Magd der Physik“ zu bleiben. Wenn der Geometer
 von den zufälligen und besonderen Eigenschaften des Körpers
absieht, um sich nur ihren allgemeinsten quantitativen Grundbestimmungen
 zuzuwenden, so zeigt eben dies nicht seine methodische
 Kunst, sondern seine methodische Schwäche: „denn Alles
betrachtet, wer weise ist“.6%) Wieder ist es jenes Ideal der abso-Iuten
 Erschöpfung des Erkenntnisumfangs, das den Inhalt der
Logik und Mathematik entwertet. Kepler, der scharf und klar
wie kein anderer das Gebiet der Physik von dem der Mathematik,
die blosse Hülfsannahme der Messung und Rechnung von der
‚wahren Ursache“ zu scheiden weiss, bleibt dennoch in seiner
Grundansicht vom Verhältnis beider Wissenschaften Campanella
in jedem Punkte entgegengesetzt. Man erkennt an diesem Punkte,
dass es nicht nur eine äusserliche, sondern zugleich eine methodische
 Schranke war, die Campanella zuletzt bei dem astronomischen
 Weltbild des Mittelalters verharren liess.®) —
Immerhin setzt auch an diesem Problem dieselbe allgemeine
 Bewegung und Entwicklung ein, die wir im Ganzen von
Campanellas Metaphysik verfolgen konnten. Mögen immerhin
die Begriffe der Geometrie in der empirischen Welt, die uns
umgibt, nirgends verwirklicht sein: wir vermöchten sie nicht einmal
 geistig zu entwerfen, wenn ihnen nicht dennoch irgend eine
Art des Seins entspräche. Unser gedankliches Konstruieren verlangt
 ein reales Substrat, auf das es sich stützt. Eine solche
Grundlage aber ist der reine absolute Raum, der als ursprüngliche
 Existenz vor der gesamlen Körperwelt, die erst in ihm und
anter seiner Voraussetzung entstehen kann, vorhanden ist. Der
„Ort“ ist als das unbewegliche und unkörperliche Behältnis, in
las jedes materielle Dasein sich einfügen muss, die „ersie Substanz“
 und die „Basis aller Existenz“. Damit aber ist auch für
die Sätze der Geometrie ein neuer Halt und eine neue Anknüpfung
gewonnen: sie haben reale Gültigkeit, sofern sie sich auf dieses
primitive Sein beziehen, das allen empirischen Einzeldingen seiner
Natur und seinem Ursprung nach vorangeht.®) Nunmehr entsteht
 eine neue eigenartige Entsprechung und Durchdringung des
„Idealen“ und „Realen“. Wenn wir etwa davon reden, dass eine
        <pb n="243" />
        Verhältnis zur Mathematik.

281

Linie durch die Bewegung eines Punktes, eine Fläche durch die Bewegung
 einer Linie entstehe, so nehmen wir alle diese Bezeichnunzen
 nicht physisch, wohl aber, ideal und real zugleich, zum Ausdruck
 für physische Dinge (non physice, sed idealiter et realiter ad
significanda Physica).®) Alle Wahrheit der reinen mathematischen
 Gestalten beruht darauf, dass ihnen in der Welt des reinen
Raumes reale Gegenbilder zur Seite stehen. Die Forderung einer
dinglichen Entsprechung wird also für alle unsere Ideen aufrecht
erhalten: aber wenn früher die Begriffe der Mathematik in ihrem
Werte verdächtigt wurden, weil sie diesem Postulat nicht genügten,
 so wird jetzt ein neues Sein erdacht, das ihnen ihren Bestand
 und ihre Festigkeit zurückgeben soll.®) Es ergibt sich eine
Stufenfolge von Daseinsformen, unter denen die materielle und
zeitliche Wirklichkeit den niedrigsten Rang einnimmt: über ihr
erhebt sich der Raum als die ewige, mathematische Welt, die
wiederum als Mittlerin auf die metaphysische Welt des Geistes
hinweist,
Damit aber sind wir in einen neuen Gedankenkreis eingetreten,
 der auch geschichtlich auf eigene Vorbedingungen zurückweist.
 Es. ist die Raumlehre des Patrizzi und ihre neuplatonischen
 Grundmotive, die jetzt von entscheidendem Einfluss werden.
 Die Frage nach der Giltigkeit der Mathematik sehen wir
in das metaphysische Problem nach der Wesenheit des Raumes
verstrickt. Zum ersten Male stellt sich uns hier ein Zusammenhang
 dar, der seither in der Geschichte der Philosophie, wie in
der der mathematischen Naturwissenschaft beständig weitergewirkt
hat und der noch bei Newton uneingeschränkt erhalten ist. Um
die Charakteristik, die nunmehr von der Geometrie und ihrer
Evidenz gegeben wird, zu verstehen, müssen wir uns zunächst
der Entwicklung jener metaphvsischen Frage zuwenden.

Ü) Die Begriffe des Raumes und der Zeit. —
Die Mathematik.
Nur allmählich und schrittweise hat sich innerhalb ‘der
italienischen Naturphilosophie die Auffassung des Raumes aus
        <pb n="244" />
        2392

Die Naturphilosophie.

der Aristotelischen Tradition gelöst. Bei Cardano, der die
Reihe eröffnet, finden wir noch unverändert die scholastische
Ansicht: der „Ort“ jedes Körpers ist gleichbedeutend mit der
Oberfläche, die ihn umgibt und gegen seine materielle Nachbarschaft
 abschliesst. Der eine und bleibende Ort der Welt ist
daher der letzte äusserste Umkreis des Alls, der, als die Grenze
der unbewegten Himmelssphäre, selbst unveränderlich und ewig
ist.) Es ist ein Fortschritt der logischen Abstraktion, wenn
Julius Caesar Scaliger in seiner Gegenschrift gegen Cardanos
Werk besonders auch diese Begriffsbestimmung heraushebt, um
sich ihr gegenüber auf die Raumlehre der antiken Atomistik
zu berufen, die durch die Aristotelischen Beweisgründe nicht
widerlegt sei. Der Raum wird für ihn wiederum mit dem
„‚Leeren“ identisch, das allerdings nicht als konkrete gesonderte
Einzelexistenz neben und ausserhalb der Körper, wohl aber als
das Behältnis zu denken ist, das überall mit den Körpern zugleich
vesteht und mit ihnen notwendig und unablösbar verbunden ist.
Der Ort eines materiellen Gebildes ist daher nicht mehr durch
Jessen begrenzende Oberfläche bestimmt und gegeben, sondern
?r ist gleichbedeutend mit dem dreidimensionalen geometrischen
inhalt, der durch jene Grenzen umschlossen wird. Raum und
Körper werden somit auf der einen Seite einander genähert, da
aunmehr in allen ihren Verhältnissen und Abmessungen eine
genaue Entsprechung und VUebereinstimmung stattfindet, andererseits
 indes ihrem begrifflichen Gehalte nach rein und grundsätzlich
 geschieden. Die logische Wertordnung der Momente,
die hierbei eintritt, geht allerdings noch nicht prinzipiell über
die scholastische Auffassung hinaus. Auch hier noch bleibt die
Kategorie der Substanz „der Natur nach“ früher, als jede Art der
Beziehung; der Einzelkörper ist somit ursprünglicher, als die
cäumliche Ordnung, die nur zwischen bereits vorhandenen und
'ertigen Einzeldingen sich einstellen und Vollzichen kann. Der
Raum steht daher an fundamentaler begrifflicher Bedeutung
hinter dem Stoffe zurück, wenngleich beide physisch nur inınd
 miteinander zu bestehen vermögen. Besonders deutlich tritt
diese Ansicht in der Auffassung und Abschätzung des Correlatbegriffs
 der Zeit hervor. Auch die Zeit bildet nach Scaliger keinen
zlementaren Erkenntnisinhalt, sondern stellt eine Abstraktion von
        <pb n="245" />
        Die Begriffe des Raumes und der Zeit. — Die Mathemalik. 233

der Bewegung dar, die zuvor in empirischer Wirklichkeit gegeben
 sein muss. Der Satz, dass. sie das Maass und somit die Bedingung
 der Bewegung sei, wäre also im metaphysischen Sinne
umzukehren: das Faktum der Ortsveränderung, der Umschwung
der Himmelskugel musste vorausgehen. wenn der Gedanke der
Zeit sich bilden sollte. 7!)
Erst die Philosophie des T elesio beseitigt auch diese letzte
Schranke. Nicht als eine Beschaffenheit der materiellen Inhalte ist
nach ihr der Raum zu denken, sondern als ursprüngliche Existenz,
die bei allem Wechsel in den Lagen und Bewegungen der Einzeldinge
 in unwandelbarer Identität ihnen gegenüber verharrt: bereit,
die verschiedensten körperlichen Gestalten und Abmessungen in
sich aufzunehmen, dennoch aber von jeder einzelnen unter ihnen
durch seine Natur und seine Wesenheit dauernd unterschieden.
Er bildet ein eigenes, für sich bestehendes Sein, das der körperlichen
 „Masse“ entgegengesetzt ist. Wie er aller Wirkungsfähigkeit
 bar ist, so bietet er auch nirgends die Möglichkeit
einer inneren qualitativen Unterscheidung, sondern ist in allen
seinen Teilen streng gleichförmig zu denken. Die Aristotelische
Ansicht, die das Naturgeschehen damit erklärt, dass sie den
einzelnen Elementen ein Streben nach ihrem „natürlichen Ort“
beilegt, ist daher — da jeder Teil des Raumes sich gegen jede
Materie gleichgültig verhält — obne Halt und Fundament: der
neue Raumbegriff verlangt und bedingt eine neue Physik.”?) Insbesondere
 werden auch hier die Gründe, die in der peripatetischen
Schule gegen die Existenz des „Leeren“ vorgebracht werden, verworfen.
 Ueberall, wo wir sehen, dass Körper sich einander zu
nähern suchen und nach gegenseitiger Berührung streben, haben
wir dies lediglich bestimmten immanenten Kräften, die in ihnen
wirksam sind, nicht einer allgemeinen Tendenz, die auf Vermeidung
 oder Aufhebung des leeren Raums gerichtet st, zuzuschreiben.
 Und wie der Raum, so ist auch die Zeit eine unabhängige
Existenz, zu deren Erkenntnis wir zwar durch die Wahrnehmung
der Bewegung zuerst veranlasst werden, deren Wesen aber ohne
Rücksicht auf sie gedacht und bestimmt werden muss, Der stetige
Fluss der Zeit selbst wäre nicht aufgehoben, wenn wir auch alle
Inhalte, die in ihr aufeinander folgen, vernichtet dächten; alle
logischen Eigentümlichkeiten und Merkmale der Zeit lassen sich
        <pb n="246" />
        Die Naturphilosophie.

unabhängig von der Betrachtung dieser Inhalte und ihrer Verinderung
 festhalten und definieren. Die psychologische Tatsache,
 dass wir uns die Dauer nur mit Hülfe der Bewegung vorstellig
 machen können, raubt der Zeit nichts von der Eigenart
und Selbständigkeit ihrer begrifflichen Wesenheit.?®) Wenn diese
Sätze einen Fortschritt in der Unterscheidung der reinen Ordnungsprinzipien
 von dem Wahrnehmungsstoff, der sich in ihnen darstellt,
 enthalten, so sehen wir doch, dass die Erkenntnistheorie des
Telesio selbst diese Sonderung nicht tiefer zu begründen vermag:
 der „Sinn“, auf dessen unmittelbares Zeugnis wir auch hier
verwiesen werden, bietet kein Mittel, uns des „reinen Raumes“
wie der reinen Zeit zu versichern. (Vgl. ob. S. 216 £))
In eine neue Phase tritt das Problem im System des Patrizzi
ein, in welchem es auf veränderte logische und metaphysische
Vorbedingungen triflt. Zwar auch hier ist es zunächst die einlache
 Wahrnehmung, die die Wahrheit der räumlichen Beziehung
and die Existenz des Leeren unmittelbar in sich enthalten und
verbürgen soll: „denn wird nicht der Abstand zwischen Erde
und Himmel ebenso direkt wie diese Objekte selbst vom Gesichtssinn
 erfasst?“ Wer diese Grundtatsache der Empfindung leugnet,
für den ist alle dialektische Untersuchung verloren: „cernentibus
enim et mente pracditis nostra scribimus“. Und doch muss
diese naive Sicherheit sogleich erschüttert werden, wenn es gilt,
las Wesen des Raumes in feste Begrifle zu fassen und es einer
der Klassen zuzuweisen, in die wir alles Sein zu gliedern pflegen.
Alle üblichen Ordnungen und Einteilungen versagen für die
Charakteristik dieses eigentümlichen sinnlichen Datums. Was
‚st jener Raum, der vor der Welt voranging, der sie umfasst und
jenseit ihrer eine eigene Erstreckung und Ausbreitung besitzt?
Ist er die blosse Fähigkeit (aptitudo), körperliche Inhalte aufzunehmen?
 Oder kommt ihm eine Art dinglicher Wesenheit- zu:
ist er somit als Substanz oder als Accidens, als körperlich oder
unkörperlich zu denken? Keine dieser Bestimmungen trifft zu:
denn sie alle sind nur Mittel, die Dinge in der Welt zu bezeichnen,
 können daher nicht zur Charakteristik des Raumes dienen,
der keinem Gegenstande, er sei materiell oder immateriell, als
Merkmal oder Beschaffenheit anhängt. Ein neuer Gesichtspunkt
ler Betrachtung ist daher zu fordern: eine Philosophische Beur-
        <pb n="247" />
        Der Raum und das Kategoriensystem.

235

teilung, die sich nicht auf die herkömmlichen logischen Kategorien
 beschränkt und einengt. Wir können etwa dem Raum
„Grösse“ zusprechen: aber nur insofern, als wir ihn damit nicht
der Kategorie der Quantität unterordnen, sondern als deren
Quell und Ursprung bezeichnen wollen. Wir können ihn eine
Substanz im wahrsten und tiefsten Sinne dieses Begriffes nennen.
da er es ist, der, ohne sich selbst auf ein anderes Sein zu stützen,
der ganzen Körperwelt ihren Halt und ihre Unterlage gibt: — aber
auch hier müssen wir uns gegenwärtig halten, dass die bekannten
Unterscheidungen, die wir in der Kategorie der Substanz mitzudenken
 pflegen, für ihn ihre Gültigkeit verlieren. Denn er
ist weder ein Individuum nach Art eines einzelnen dinglichen
Seins, das sich aus Materie und Form zusammensetzt, noch auch
ein Gattungsbegriff, da er keine Unterarten in sich fasst, von
denen er als allgemeine Bestimmung prädiziert werden könnte. Er
ist weder materiell noch immateriell, da ihm auf der einen Seite
die Fähigkeit des Widerstandes, also die Grundeigenschaft der körperlichen
 Naturen abgeht, auf der anderen Seite dagegen das Merkmal
 der Ausdehnung zukommt, das ihn von allem geistigen Sein
unterscheidet. So erkennen wir in ihm überall ein „Mittleres“
zwischen Gegensätzen, die wir gewohnt sind, als ausschliessend
und contradiktorisch zu betrachten: „Corpus incorporeum est ei
noncorpus corporeum“.%) In diesem Oxymoron vollendet sich
die Charakteristik, in der zum erstenmale der Raumbegriff der
Naturwissenschaft seine Selbständigkeit gegenüber dem scholastischen
 Begriffs- und Kategoriensystem gewinnt. Die Fragen,
die hier gestellt werden, werden uns noch einmal auf einem Höhepunkt
 der mathematischen Naturwissenschaft, in. den Werken
Leonhard Eulers, völlig übereinstimmend begegnen. Man hat
sie mit der Problemstellung Kants in der Inauguraldissertation verglichen,
 von der sie indes durch den metaphysischen Zusammenhang,
 dem sie angehören, prinzipiell getrennt sind. Wohl aber
Jässt sich auch hier zwischen den Extremen eine stetige geschichtliche
 Vermittlung aufweisen, sofern die Lehre des Patrizzi in dem
spekulativen Spiritualismus Henry Mores weiterwirkt, der selbst
wieder das Vorbild der Newtonischen Raumlehre geworden ist
(S. Bd. IL)
Die logische Zergliederung hat ‚die ‚völlige Wesensver-
        <pb n="248" />
        236

Die Naturphilosophie.

schiedenheit von Raum und Körper dargetan: nun gilt es, vom
Standpunkt der Metaphysik aus, einen Ausgleich dieses Gegensatzes
 und seine Aufhebung in einer übergeordneten Einheit zu
suchen. Wiederum ist es der Begriff der Entwicklung, dem
diese Aufgabe zufällt: die beiden Momente sind als zwei entgegengesetzte
 Phasen ein und desselben Prozesses des Werdens zu
begreifen, in dem das Urwesen sich successiv entfaltet und zur
konkreten Wirklichkeit bestimmt. Dem Raume kommt hierbei
notwendig die erste Stelle zu: ist er es doch, dessen Setzung alle
übrigen Inhalte erst ermöglicht, dessen Aufhebung auch alle
anderen Elemente zu Nichte machen würde.®) Und wie er die
Voraussetzung aller materiellen Dinge ist, so sind auch weiterhin
alle physischen Bestimmungen überhaupt, insbesondere alle
Qualitäten, die — wie Wärme und Kälte, Licht und Dunkelheit —
die Körper durchdringen oder an ihrer Oberfläche haften, von
ihm abhängig zu denken. Alle jene qualitativen Merkmale sind
zwar nicht an und für sich als räumliche Quanta zu betrachten,
wohl aber nehmen sie mittelbar durch ihre Beziehung zu den
Körpern an der Natur des Raumes und der Möglichkeit fester
Grössenbestimmung Teil.%®) Zwischen den Grundqualitäten selber
herrscht ferner eine feste, natürliche Rangordnung: die erste
Stufe der physischen Erfüllung bildet das Licht, das den Raum
allseitig durchdringt und aus dem sich weiterhin „Wärme“ und
‚Flüssigkeit“ als fortschreitende Grade der Verdichtung entwickeln.
 Jeder empirische Körper hat im bestimmten Maasse
an diesen vier Elementen (spatium, lumen, calor, fluor) Teil.?)
Hier erkennt man bereits deutlich die Schranke der gesamten
Auffassung: der Raum hildet kein Glied in der Reihe der
logischen Bedingungen mehr, die dem konkreten Sein vorangehen,
 sondern ist selbst zum einzelnen Physischen Zustand und
Grundstoff geworden. So erklärt es sich schliesslich auch, dass
gedankliche Grundbestimmungen der absoluten Ausdehnung —
wie etwa ihre „Unbeweglichkeit“, die aus ihrem Begriffe notwendig
 folgt — nur wie besondere Physikalische Einzelbeschaffenheiten
 ausgesprochen und empirischen Zuständen bestimmter
 Körper direkt coordiniert werden: es gibt nichts schlechthin
 Ruhendes, ausser dem Raum und — der Erde, die im Zentrum
des Alls festliegt und verharrt. 78)
        <pb n="249" />
        Patrizzis Lehre vom „Minimum“,

237

Schärfer treten die eigentümlichen Vorzüge und die Grenzen
dieser Lehre hervor, wenn wir sie wiederum an den Prüfstein
der Mathematik und ihrer Prinzipien halten. Ueber die Grundanschauung
 der italienischen Naturphilosophie wächst Patrizzi
als Einziger hinaus, indem er das logische Wertverhältnis zwischen
der Mathematik und Physik, das hier allgemein angenommen
war, umkehrt. Wie der Raum der Materie vorangeht, so ist die
Wissenschaft des Raumes ursprünglicher und gewisser als die
der Naturkörper. Der Begriff der Ausdehnung, den wir der
Geometrie zu Grunde legen, ist nicht durch Abstraktion von den
materiellen Einzelobjekten entlehnt und aus ihnen gleichsam
zusammengelesen: sondern er bildet umgekehrt die Bedingung,
unter der wir die besonderen, endlichen Objekte erst zu setzen
und zu betrachten vermögen. Die Einzelgebilde entstehen uns,
indem unser Geist in dem einheitlichen und stetigen Ganzen des
Raumes bestimmte Grenzen setzt und feste Einteilungen vornimmt.)
 Zwei Faktoren: ein absolutes Sein und eine subjektive
Leistung des Denkens und der „Imagination“ sind es somit, die
zur Entstehung der mathematischen Begriffe zusammenwirken.
Wenn der Begriff des „Continuums“ vorzugsweise auf das erste
Moment zurückgeht, so ist es das zweite, das erst die Begriffe der
Zahl und der Mehrheit und damit die Möglichkeit des Maasses
erschafft.8) Jedes Messen und damit jede mathematische Fixierung
 eines Inhalts setzt eine feste Einheit voraus, deren Ermittlung
 und Ableitung die erste Aufgabe der Betrachtung bilden
muss. Ueber den Charakter und die Besonderheit dieser Grundeinheit
 entscheidet jedesmal die Eigenart des bestimmten Problemgebiets:
 die Erkenntnislehre vermag nur die allgemeine Forderung
zu vertreten, dass überall, wo von einem wahrhaften Begreifen
die Rede sein soll, der Gedanke auf solche letzte Elemente
zurückgehen und in ihnen seinen Halt finden muss. Die Lehre
von der unendlichen Teilbarkeit der Ausdehnung ruht somit
auf blossem, trügerischen Schein: logisch ist auch hier der Abschluss
 in einem absoluten räumlichen Minimum zu verlangen.
In der Begründung und Ausführung dieser Lehre tritt wie in der
gleichzeitigen Schrift Giordano Brunos „de triplici minimo et
mensura“ der Einfluss des Nikolaus Cusanus unverkennbar hervor.
Wie es ein „Grösstes“ des Raumes, nämlich ‚seine unendliche
        <pb n="250" />
        238

Die Natur philosophie.

Erstreckung, gibt, so muss es notwendig auch ein „Kleinstes“ in
ihm geben: die Gegensätze bedingen sich wechselweise und
können nur miteinander gesetzt und gedacht werden. Wir gelangen
 somit zum Begriff des Punktes als dem logischen Widerspiel
 der reinen absoluten Ausdehnung: wie diese alle Dimensionen
 umfasst, so muss hier von ihnen allen abgesehen werden;
wie sie alle Teile in sich schliesst, so ist in ihm jeder Gedanke
ziner weiteren Zerfällung fernzuhalten. Einheit und Punkt sind
Wechselbegriffe: sie drücken dasselbe Problem, nur unter verschiedenen
 Gesichtspunkten und verschiedenem Namen, aus.
Zwar wird auch das Moment der Zeit und der Bewegung als
unteilbar bezeichnet; beide aber stehen an Ursprünglichkeit
hinter dem räumlichen Element zurück, da die Zeit nur in und
mit der Bewegung zu denken ist, diese aber die materiellen
Körper und damit den Raum voraussetzt. Sie wird daher auch
für die Ableitung der weiteren geometrischen Grundgebilde verworfen:
 wenn die Linie durch das „Fliessen“ des Punktes erklärt
wird, so ist damit die wahre logische Rangordnung verkehrt.
Die Linie ist eine eigene gedankliche Setzung, die daher die
Rückführung auf eine neue Einheit, ein neues „Minimum“ von
destimmter qualitativer Eigenart verlangt. Ihre endliche Grösse
muss in unteilbare Linienelemente aufgelöst und aus ihnen
zusammengesetzt werden: dass das Teilbare und Ausgedehnte
derart aus dem „Indivisiblen“ hervorgeht, ist nicht wunderbarer,
als dass etwa der einzelne Körper sich (nach Aristotelischer Lehre)
aus Form und Materie zusammensetzt, die dennoch beide von
ihm verschieden sind. Wie aus Elementen, die selbst weder
schwer noch leicht sind, die leichte oder schwere Materie, so
resultiert aus solchen, denen an sich weder Grösse noch Kleinheit
 zukommt, der grosse oder kleine Körper. 81)
Bei dem Uebergang zu den höheren Dimensionen und bei
lem Aufbau des Gesamtinhalts der Geometrie, der hieraus entspringt,
 handelt es sich somit nicht um eine Anhäufung von
Teilen, sondern — wie wir Patrizzis Gedanken zusammenfassen
und umschreiben können — um eine Synthese von Prinzipien
zu einer höheren begrifflichen Einheit, In der Behauptung von
GClementen, die die charakteristische Natur und Wesenheit des
Gesamtgebildes ohne seine extensive Form und Erstreckung be-
        <pb n="251" />
        Verhältnis von Zahl und Ausdehnung. 239

sitzen, liegt ein fruchtbares und wichtiges Motiv des künftigen
Differentialbegriffs; zugleich aber zeigt sich, dass die dialektischen
 Schwierigkeiten, die diesem Begriff entgegenstehen, hier
noch kaum bemerkt, geschweige gelöst werden. Das Verhältnis
zwischen dem Stetigen und dem Diskreten ist nirgends geklärt.
Die Frage, ob der Begriff des Continuums oder der der Zahl sachlich
 früher ist, wird in ihrer Allgemeinheit von Patrizzi abgewiesen:
 sie ist müssig, da beide Momente auf einander bezogen
sind und nur mit einander bestehen können. Wo er ihr dennoch
 näher tritt, da erscheint bei ihm die stetige unendliche
Grösse als die Grundlage, aus der wir durch einen besonderen
Akt des Geistes das Begrenzte erst heraussondern. Das Continuum
 ist somit der fundamentalere Begriff und die Bedingung
der Diskretion: die Arithmetik ist der Geometrie untergeordnet.)
Die Setzung der arithmetischen Einheit wäre demnach so zu vollziehen,
 dass sie den Grundpostulaten der Continuität, vor allem
also der unendlichen Teilbarkeit, nirgends widerstreitet. Statt
dessen sehen wir, wie die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen
wird: der Begriff des „Minimums“ ist der Versuch, die stetige
Quantität nach den Forderungen der diskreten Auffassung zurechtzurücken
 und umzudeuten. Den echten „Königsweg der Geometrie“,
 den Patrizzi nach seinem eigenen Ausspruch mit seiner Methode
 weisen will‚,%) hat er daher verfehlt: denn dieser liegt in
der Richtung auf den Begriff und die Analysis des Unendlichen.
Und der tiefere Grund hierfür liegt darin, dass er zwar die Zahl
als ein Gebilde des Denkens erkennt und bestimmt, die stetige
Ausdehnung aber nur als unabhängiges absolutes Sein behauptet,
nicht aus einem eigenen Prinzip begründet hat. Bei Campanella,
der Patrizzis Lehre fortführt, vollendet sich sodann die Hypostasierung
 des Raumes zu einer eigenen geistigen Wesenheit, der
nicht nur Selbstbewusstsein und Selbsterhaltungstrieb, sondern
sogar Unsterblichkeit zugesprochen wird. Hier sehen wir unmittelbar
 den Zusammenhang zwischen der Raumlehre und der
spekulativen Gotteslehre vor uns, der später von Henry More
weiter entwickelt werden wird: Golt ist zwar nicht im Raume,
wohl aber der Raum in ihm als seinem belebenden und erhaltenden
 Prinzip zu denken.84)
        <pb n="252" />
        A

Die Naturphilosophie.

So mündet denn die Betrachtung, wie sehr sie darnach
strebt, die Natur nach „eigenen Prinzipien“ zu begreifen, immer
von neuem wieder in den Gottesbegriff ein. Es wäre indes irrig,
in diesem Zusammenhang, der freilich gelöst werden musste, ehe
der wissenschaftliche Begriff der Natur entstehen konnte,
lediglich ein Hemmnis der Entwicklung zu sehen. Vor allem
ist es das religiöse Problem selbst, das jetzt dank den neuen
Fragen, mit denen es sich berührt, eine Wandlung und Vertiefung
 erfährt. Der Humanismus wie die Naturphilosophie wirken
aunmehr zu dem gleichen einheitlichen Ziele der ethischen Universalreligion
 zusammen. Schon die Naturansicht des Paracelsus
steht in engster Verbindung mit seiner religiösen Grundanschauung,
 in der er sich vor allem mit der freieren Gestaltung der
protestantischen Gedanken in Sebastian Franck berührt. (S. ob.
5. 160.) Die Einzigkeit und Beständigkeit der Natur verbürgt uns
die Einheit der echten Gottesidee, die von keinem besonderen
Cult oder keinem besonderen Dogma ausgeschöpft oder erreicht
wird. Wie die Erkenntnislehre Campanellas den „eingeborenen“
Sinn, in dem wir das eigene Wesen ursprünglich erfassen, von
len äusserlich hinzutretenden Wahrnehmungen und Kenntnissen
unterschied, so scheidet seine Religionsphilosophie die Eine natürliche
 Gottesverehrung von den fremden Zutaten, die sich im Verauf
 der Geschichte und im Wechsel der Zeiten und Völker an
sle herandrängen. Der ursprüngliche Kern bleibt durch alle
verschiedenen Aeusserungsformen hindurch ein und derselbe:
„diversitas nulla est intus, nisi sicut in scientia et modo“. Die
Welt erschliesst sich uns als das Sein, „an dem wir die Breite der
Gottheit lesen“: sie ist das Standbild und der Tempel, in dem die
göttlichen Gedanken niedergelegt und in lebendigen Symbolen
verkörpert sind. „Selig, wer in diesem Buche liest und von ibm
die Wesenheiten der Dinge erlernt, nicht aber sie nach eigenem
oder fremdem Gutdünken ersinnt.“ 5) Um sich die religiöse
Grundanschauung Campanellas zu vergegenwärtigen, muss man
sie freilich nicht lediglich in seiner Metaphysik aufsuchen, in
der die Nachwirkung der Scholastik, wie die Rücksicht auf die
kirchliche Autorität die Freiheit und Weite der Betrachtung einengen.
 Sie gelangt erst in seinen Dichtungen, in denen sie sich
mit dem neuen sozialen Ideal, sowie mit der Aussprache der
        <pb n="253" />
        Der Begriff des Unendlichen,

D41

eigenen persönlichen Lebensschicksale. Campanellas durchdringt,
zum reinen und ergreifenden Ausdruck.
Begrifflich wird der Uebergang ins Gebiet der Religion
durch die Idee des Unendlichen vermittelt, die hier, wie später
für Descartes, zum Mittel wird, um aus dem Umkreis, der
durch den Satz des Selbstbewusstseins gezogen wurde, in das
Bereich des absoluten Seins hinauszuschreiten. Indem der menschliche
 Intellekt, kraft der Notwendigkeit seiner Natur, über jede
konkreie Gegebenheit, über jedes „Hier“ und „Jetzt“ zu unendlichen
 Welten in Raum und Zeit hinausschreitet, beweist er
damit unmittelbar seinen göttlichen Ursprung. Er vermöchte
auch in Gedanken nicht über die empirische Wirklichkeit fortzugehen,
 wenn er aus ihr allein stammte und in ihr die zureichenden
 Gründe seines Daseins hätte. „Welch ein Wunder,
dass die Einbildungskraft sich ohne Flügel zum Himmel aufzuschwingen
 und sich den gesamten Bau der Dinge zu unterwerfen
vermag, dass sie, wenn die Bahnen der Gestirne sich ihren Bezeichnungen
 nicht fügen, neue Epicykeln und Kreise ersinnt,
mittels deren sie die Erscheinungen so genau bestimmt, dass es
den Anschein hat, als passe sich der Himmel unserem Calcül an,
als würde er durch uns nicht nur begriffen, sondern hervorgebracht.“
 Der Trieb ins Unbegrenzte ist Jedem von uns an- und
eingeboren: das Wort Alexanders des Grossen, dass er den Erdball
 verlassen möchte, um die unendlichen Welten Demokrits zu
erobern, ist der Ausdruck und das Sinnbild jeglichen menschlichen
 Strebens überhaupt.®) Allgemein bietet der Unendlichkeitsbegriff
 der logischen Beurteilung eine zweifache Seite dar,
je nachdem er als Prinzip oder als Objekt des Denkens gefasst
wird. Die Epoche der Naturphilosophie fasst Beispiele beider
Betrachtungsweisen in sich. Bei Cardano findet sich der Ausspruch,
 dass alles, was von einem begrenzten Geiste begriffen
werden soll, selbst begrenzt sein müsse: denn zwischen dem
Endlichen und Unendlichen findet keine Proportion, somit
auch keine Erkenntnis statt.) Wie bei Nikolaus Cusanus, ist
somit alles Erkennen wiederum als ein „Messen“ gedacht und
beschrieben. Für das Problem aber, um das es sich hier handelt,
 enthält dieser Gedanke einen Doppelsinn: sofern das Unendliche
 das eine Mal als der Gegenstand, den es zu messen

8
        <pb n="254" />
        Die Natur philosophie

gilt, das andere Mal dagegen als der Maassstab angesehen
werden kann, den wir in uns selbst tragen. Campanella hat,
von metaphysischen Voraussetzungen aus, diese letztere Bedeutung
wiederherzustellen gesucht; aber er vermochte auch hier den
Gedanken nicht zum inneren Abschluss zu bringen, da er die
Vermittlung der Mathematik, deren Unendlichkeitsbegriff er bekämpft.
 verschmäht hat.
        <pb n="255" />
        Zweites Kapitel.

Die Entstehung der exakten Wissenschaft.

In der Schilderung, die Sokrates im Phaedon von dem
Wege seiner philosophischen Entwicklung entwirft, treten zwei
Grundarten der Naturbetrachtung und -beurteilung scharf ‚und
praegnant einander gegenüber. Die eine wendet sich unmittelbar
den Dingen zu, die sie in ihrer vollen sinnlichen Bestimmtheit
zu erfassen und in ihrem ganzen Gehalt an tatsächlichen Merkmalen
 und Eigenschaften auszuschöpfen sucht: „mit den Augen
nach den Gegenständen blickend und mit jeglichem Sinn versuchend,
 sie zu ergreifen.“ Das Ziel des Wissens aber wird mit
diesem Verfahren nicht erreicht: die Seele muss gegenüber der
bunten und vielgestaltigen Welt erblinden, wenn sie sich ihr
unvermittelt zu nähern trachtet. So gilt es denn vor allem, das
Werkzeug zu schmieden, das den Geist tüchtig und ausdauernd
macht, den Anblick dieser Fülle und Vielheit der Dinge zu
ertragen: von den Gegenständen lenkt der Weg zu den Begriffen
 zurück, in denen zuerst wir die Wahrheit des Seienden
erschauen müssen, ehe wir versuchen können, seine empirische
Form und Einzelheit zu verstehen. Zu den ersten und ursprünglichen
 Setzungen des Denkens müssen wir flüchten, um gemäss
der Uebereinstimmung mit ihnen über Wert uud Unwert, über
Wahrheit und Wirklichkeit der Objekte entscheiden zu lernen.
In dieser Fixierung des Grundverhältnisses zwischen den
Adyoı und den xpdypata, zu der man immer von neuem sich
zurückwenden muss, hat Platon — denn er selbst ist es, den wir
hier, deutlicher als sonst, im Bilde des Sokrates wiedererkennen —

Anke
        <pb n="256" />
        Die Entstehung der exakten Wissenschaft,

nicht nur die Gedankenentwicklung blossgelegt, die ihn selber zur
Entdeckung der Ideenlehre geleitet hat, sondern zugleich den
Weg vorgezeichnet, auf dem die geistige Kultur der Menschheit
künftig zur Entdeckung der deduktiven Wissenschaft fortschreiten
sollte. Für die innere Kraft und die sachliche Tiefe der Grundgedanken
 des Idealismus bildet dieses geschichtliche Verhältnis
len überzeugenden mittelbaren Beweis. Der Gegensatz, der hier
gezeichnet ist, charakterisiert in geschichtlicher Treue und Wahrheit
 den Widerstreit, in dem die Anfänge der modernen, methodischen
 Forschung sich gegenüber der Naturphilosophie
der Renaissance fanden. Wieder war es hier der „Sinn“ — der
äussere, wie der innere — der sich mühte, mit dem Wesen der
Dinge zu verschmelzen, um auf diese Weise ihr Geheimnis zu
anträtseln. Und wiederum wurde auf diesem Wege nicht die Erfahrung,
 nicht die gesetzliche Ordnung und Gliederung des
Seins, sondern nur ein phantastisches Schattenbild der Wirklichkeit
 ergriffen; nicht die exakte Beobachtung, sondern die vage
sinnliche Analogie entschied über den Zusammenhang der Erscheinungen.
 Der Zweckbegriff sollte durch den Kraftbegriff
verdrängt werden, aber der sachliche Gehalt dieses Begriffs selbst
Dlieb gänzlich innerhalb der Grenzen der anthropomorphistischen
Auffassung. Ein Beispiel, das für dieses Verhältnis und für die
Schranken der Denkart typisch ist, bildet die Erklärung, die Telesio
 für das Anwachsen der Fallgeschwindigkeit gibt: wie der
Mensch sich einer unwillkommenen Notwendigkeit rasch zu ent-'edigen
 trachtet, so streben auch die Körper danach, ihre Bewegung
zegen das Erdzentrum, die sie wie einen lästigen Zwang empfinden,
zu beschleunigen.) Die Empfindung geht unmittelbar auf den
Gegenstand über; nur wenn wir uns mit dem eigenen Triebe und
der eigenen Begehrung in das Wesen der Dinge hinein versetzen,
können wir hoffen, es zu verstehen. Die Wissenschaft beginnt
mit der Aufhebung dieses Problems: die Beschleunigung wird
für sie zum Gegenstand, sofern unter ihr nicht ein innerer Zustand
der Körper, sondern eine rein numerische Beziehung und Gesetzlichkeit
 gedacht ist, die sich unabhängig von den „Substanzen“,
 an denen sie sich darstellt, begreifen und zur Darstellung
 bringen lässt. Der Weg zur Natur führt durch die
höyor in dem doppelten Sinne, in dem sie sowohl die Vernunft-
        <pb n="257" />
        Begriff und. Erfahrung.

245

gründe, wie die mathematischen Verhältnisse bedeuten. Das
Gewirr der Empfindungen kann nicht unmittelbar zum Objekt
der Forschung werden: erst in seiner gedanklichen Verarbeitung,
in einer Auflösung der festen Dinge in mathematische Funktionen
und Prozesse entsteht die Frage, mit der die Wissenschaft beginnt.
So klar und eindeutig allerdings, wie dieses Ergebnis sich
uns darstellt, wenn wir uns die mathematische Naturwissenschaft
 in ihrer vollendeten Gestalt vergegenwärtigen, vermag es
in ihren Anfängen nicht sogleich hervorzutreten. Mannigfache
andersartige Einflüsse, die ihren Ursprung in der besonderen
geschichtlichen Problemlage der Zeit und im Verhältnis zur
wissenschaftlichen Tradition haben, wirken mit, um die einfachen
 Züge des Bildes zu komplizieren und umzugestalten. Zunächst
 findet sich das Denken nicht mehr, wie bei Platon,
der Natur selber gegenüber: was es vorfindet, ist ein festes und
fertiges Begriffssystem, das den Anspruch erhebt, in seinen
Grenzen jede künftige Beobachtung im Voraus zu enthalten und
zu umschliessen. Gegen diese Herrschaft des scholastischen Begriffs
 wird der Sinn und die Wahrnehmung angerufen. An der
Erfahrung erst vermag das Denken zum Bewusstsein und Verständnis
 seiner selbst zu gelangen; an ihr erst vermag es sich
seiner prinzipiellen Aufgabe und ihrer Unerschöpflichkeit zu
versichern. An dieser echten, sich selber stetig erneuernden Wirklichkeit
 gemessen, sinken die ontologischen Begriffe zu blossen
„Namen“ herab. Von allen Seiten her, von der Skepsis, wie der
Naturphilosophie, vom Humanismus, wie der mathematischen
Physik, ertönt dieselbe Forderung: von den Worten zu den Sachen,
von der Verknüpfung der Syllogismen zu den Zusammenhängen
der Natur zurückzukehren. Aller Wert und alle Verantwortung
des Wissens wird somit auf die Empfindung als den ursprünglichsten
 und untrüglichsten Zeugen übertragen. Aber eben in
der Feststellung des Empfindungsinhaltes selbst, in der Sicherung
und Abgrenzung der Beobachtungen. entdeckt das Denken nunmehr
 seine neue methodische Kraft und Leistung. Und so wird
es, nachdem der Kampf entschieden ist, klar, dass das Losungswort
 der Parteien die wahre Bedeutung des Problems nicht völlig
ausmisst und erschöpft. Für das Recht der Wahrnehmung wurde
gestritten: aber das Ergebnis ist zugleich eine neue Auffassung und
        <pb n="258" />
        246

Die Entstehung der exakten Wissenschaft.

zine neue Systematik des Begriffs. Die neue Ansicht der Wirklichkeit
 hat — nach einem notwendigen Zusammenhang, der uns
auf verschiedenen geschichtlichen Stufen bereits entgegentrat —
zu einer Reform der Logik geführt.
Wir können uns diesen Zusammenhang zugleich an dem
konkreten Hauptproblem vergegenwärtigen, das überall, wo es sich
um die Entstehung und Herausarbeitung der neuen Naturanschauung
 handelt, im Mittelpunkt steht. Der Kampf um die neuen Prinzipien
 der Forschung fällt zeitlich und inhaltlich zusammen mit
dem Kampf um die moderne astronomische Weltansicht. Beide
Fragen bedingen einander notwendig und innerlich: bei Galilei
insbesondere kann man verfolgen, wie das Eintreten für das
Copernikanische System für ihn zum Zentrum und zum Hebel
für alle abstrakten Einsichten wird, die er in der Mechanik und
Philosophie gewinnt. Und der Erste, der die methodischen
Grundlagen der Erfahrungswissenschaft bestimmt ansgesprochen
hat, hat zugleich die neue Anschauung des Weltbaues vorweggenommen:
 bei Leonardo da Vinci ist die Erde zum Stern
anter Sternen relativiert, die Sonne zum unbewegten Mittelpunkt
geworden.?) Der Zusammenhang beider Probleme wurzelt in ihrer
gemeinsamen logischen Grundlage. Galilei bereits sieht den
eigentlichen Ruhm der Copernikanischen Entdeckung nicht im
Ergebnis, sondern in der Denkweise, die sich in ihr bekundet: in
der Kraft und Lebendigkeit, mit der der Geist hier allem unmittelbaren
 Sinnenschein zum Trotz die Gründe der Vernunft behauptet
 und aufrecht erhält.®*) In dem modernen Bilde der Welt ist
der Vernunft ein neuer Platz und ein neues Anrecht erobert.
Die Jebendige Anschauung des Naturganzen, seine Zusammenfassung
 in einen einheitlichen „Kosmos“ bleibt das Grundziel der
Betrachtung. Zugleich aber wird klar, dass diese Einheitsanschauung
 nicht unmittelbar der sinnlichen Betrachtung gegeben,
sondern durch die rationalen und mathematischen Mittel der Erkenntnis
 erst zu erarbeiten ist: die Erfassung der Wirklichkeit führt
durch Mittelglieder, die nur der Gedanke, nicht die direkte Wahrnehmung
 zu beglaubigen vermag. Die astronomische Theorie
begegnet sich somit mit der allgemeinen Methodenlehre der neugren
 Wissenschaft in demselben charakteristischen Merkmal: sie
zichtet sich auf eine tiefere Durchdringung des Begrifflichen und
        <pb n="259" />
        Zeonardo da Vinci.

247

Sinnlichen, die aber nicht zur Verquickung, sondern zur Wahrung
 und Sonderung des Rechtes beider Momente wird.

|. Leonardo da Vinci.

Um die wissenschaftliche Geistesart Leonardo da Vincis zu
bezeichnen, genügt es nicht, sich nacheinander die Fülle der
neuen theoretischen Grundanschauungen zu vergegenwärtigen, die
sich bei ihm in der Mathematik, wie in der beschreibenden
Naturwissenschaft, in der Astronomie, wie in der Entwicklungsgeschichte,
 in der allgemeinen Wissenschaftslehre, wie in den
besonderen. technischen Anwendungen zeigen. So unbegreiflich
und unerschöpflich sich dieser Reichtum immer von neuem erweist:
 die Eigenart von Leonardos Genius wird durch ihn nicht
bestimmt. Das Quattrocentro kennt Männer, die sich in der
Allseitigkeit des Interesses und der Betätigung, wenngleich nicht
in der Tiefe und Freiheit des Denkens, mit Leonardo vergleichen
lassen; ja darin, dass er noch einmal den ganzen sachlichen
Umfang des Wissens in sich vereinigt, scheint er eher ein verzangenes,
 als ein modernes Ideal zu erfüllen. Was aber in die
Zukunft der Philosophie wie der Wissenschaft weist, ist dies:
dass diese Mannigfaltigkeit in der Einheit eines methodischen
Grundgedankens zusammenhängt und durch sie umgrenzt und
gebändigt ist. Die Aufzeichnungen und Fragmente Leonardos gehören
 in gleichem Sinne, wie der Geschichte der Wissenschaft,
der Geschichte des Erkenntnisproblems an, sofern in ihnen mit
den neuen Ergebnissen zugleich ein neues Bewusstsein von der
Form und dem Grunde des Wissens sich ausprägt.
Die Naturbetrachtung Leonardos hängt in ihren Anfängen
und Ansätzen mit der naturphilosophischen Spekulation der Zeit
noch unverkennbar zusammen. Erst wenn man sich diesen Zusammenhang
 vergegenwärtigt, kann man ganz den Weg ermessen,
den das Denken hier zurückgelegt hat, ehe es zu seinen letzten
und höchsten Ergebnissen gelangte. Es ist der Künstler in
Leonardo, der die Ansicht der Natur als eines lebendigen Gesamtorganismus
 erfasst und in Bildern von anschaulicher Klarheit
        <pb n="260" />
        248 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Leonardo da Vinci,

entwickelt. So wird ihm die Erde zum beseelten Wesen, dessen
Herzschlag und Atem wir im Wechsel von Ebbe uud Flut verspüren,
 dessen Lebenswärme uns in den vulkanischen Erscheinungen
 fühlbar wird.) Und der Lebens- und Liebestrieb des
Menschen wird zum Schlüssel und zur Quintessenz der Allnatur:
wie der Mensch sich beständig nach dem neuen Frühling sehnt,
wie er in ungeduldiger Erwartung der Zukunft lebt, die ihn doch
ler eigenen Auflösung entgegenführt, so streben alle Elemente
aus der Bindung und Vereinzelung, in der sie begriffen, zur
Wiederkehr in das All zurück.” Das Wirken der Natur erschliesst
 sich nur in dem „Modell“, das unser Geist uns darbietet.
Jede Kraft ist ihrem Begriffe und ihrem Ursprung nach eine
geistige Wesenheit, „die Tochter der materiellen, aber die Enkeltochter
 der spirituellen Bewegung“.‘)
Alle diese Bilder aber, die zunächst die Gesamtbetrachtung
der Wirklichkeit beherrschen, werden sogleich zurückgedrängt,
sobald es sich um die Erklärung und Ableitung der Einzelerscheiaungen
 handelt. Hier herrscht einzig und allein der Anspruch
der Notwendigkeit. „Die Notwendigkeit ist die Meisterin und
Schützerin, der Grundgedanke und die Entdeckerin der Natur;
ihr ewiges Band und Gesetz“.”) Sie ist es, die allen phantastischen
Erdichtungen, allen Erklärungen, die auf das willkürliche Eingreifen
 geistiger Ursachen zurückgehen, mit ihrer schlichten und
strengen Forderung entgegentritt. Das Mittel aber, vermöge dessen
diese Forderung sich allein zu vollziehen und ins Werk zu setzen
vermag, sind die Begriffe der Mathematik. Das ist das Entscheidende
 in Leonardos Auffassung der Mathematik, dass sie nicht
nur um ihrer inneren, immanenten Gewissheit, ihrer subjektiven
„certezza“ willen an die Spitze tritt, sondern dass sie als notwendige
 Vorstufe gilt, um den Begriff einer Regel und eines Gesetzes
 der Natur zu fixieren. Solange wir die Natur für sich allein
lenken, bleibt sie uns ein Wirrsal verborgener Kräfte und Wunderwirkungen.
 Das Kriterium des Mathematischen erst scheidet die
Eine unverbrüchliche Gesetzesordnung, die keine chimärische
Ausnahme zulässt, von beliebigen Gebilden der Einbildungskraft,
bildet somit die Grenzlinie zwischen Sophistik und Wissenschaft.
 „Wer die höchste Gewissheit der Mathematik schmäht,
aährt seinen Geist von Verwirrung und wird den sophistischen
        <pb n="261" />
        Die Mathematik.

249

Lehren, die nur auf ewige Wortstreitigkeiten hinauslaufen, niemals
 Schweigen gebieten können“. Mit wenigen Sätzen entwurzelt
 Leonardo das Fundament‘ der magischen Künste und
Lehren, auf dem das Naturwissen des Quattrocento und Cinquecento
 noch vollständig ruhte. Alle physischen Erscheinungen bestehen
 in einem Inbegriff körperlicher Veränderungen, die sich
somit in der Anschauung nachweisen und im Einzelnen verfolgen
lassen müssen. Jeder übernatürliche Eingriff in das materielle
Geschehen, jede direkte Einwirkung geistiger Mächte auf die
Materie fällt somit dahin; — Kräfte sind, soweit sie Gegenstand für
die mathematische Betrachtung bilden sollen, an materielle Organe
 und materielle Bedingungen gebunden.) In der Materie aber
kann keine Bewegung aus Nichts erzeugt werden: alle diejenigen,
die nach einem perpetuum mobile suchen, gesellt Leonardo ausdrücklich
 den Alchymisten und Goldmachern bei.!®) So erweist
sich der Einfluss der mathematischen Methodik in erster Linie
darin, dass sie zu einer schärferen Bestimmung und Analyse des
Causalbegriffs hinführt. Auch in diesem rein logischen Sinne
gilt das Urteil, das Leonardo über die Mechanik fällt: dass sie
das Paradies der mathematischen Wissenschaften sei, weil man in
ihr zur „Frucht der Mathematik“ gelange.!!) Die einzelnen mechanischen
 Leistungen Leonardos: die Formulierung des Fallgesetzes
auf der schiefen Ebene, sowie die Vorwegnahme des Prinzips der
virtuellen Geschwindigkeiten sind bekannt und wiederholt dargestellt;!?)
 darüber hinaus aber sind auch die wichtigsten der
reinen Grundbegriffe der Mechanik von ihm mit prinzipieller
Schärfe und Klarheit formuliert worden. So wird vor allen Dingen
der Begriff der Zeit diskutiert, der zwar ein Beispiel und eine
Unterart der stetigen Grösse sei, dennoch aber nicht völlig in
das Bereich der Geometrie (sotto la geometrica potentia) falle.
Es ist freilich ein und dieselbe Art der Beziehung, die zwischen
Punkt und Linie auf der einen Seite, und dem unteilbaren Moment
 und der endlichen Zeitstrecke andererseits, obwaltet; es ist
ein und dasselbe Grundgesetz der unendlichen Teilbarkeit, das
Raum und Zeit, wie alle continuierlichen Quantitäten, gleichmässig
 beherrscht. Aber dieser Zusammenhang in einer höheren
Gattung darf nicht dazu führen, die spezifischen Besonderheiten
zu verwischen: ausdrücklich wird die Forderung formuliert, die
        <pb n="262" />
        250 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Leonardo da Vinci,

Eigentümlichkeit der Zeit, losgelöst von den Bestimmungen der
Geometrie, zu beschreiben.!?) Mit dieser Herausarbeitung des
Eigengehalts des Zeitbegriffs hängt die Bedeutung zusammen, die
dem Begriff der Entwicklung im Ganzen von Leonardos Anschauung
 zukommt. Die Kenntnis der Entwicklungsgeschichte
heisst ihm die‘ Zierde und Nahrung des menschlichen Geistes.
Allgemein sehen wir nunmehr, wie der Begriff der Mathematik
selber sich weitet und sich, über die blosse Geometrie hinaus,
neue Problemgebiete unterwirft. Zugleich ist der Maassstab des
Erkenntniswertes überhaupt ein anderer geworden: die Schätzung
des Wissens hängt nicht von seinem Gegenstand, sondern von
dem Grad und der Stufe objektiver Gewissheit ab, die es in sich
trägt. Wie wesentlich und entscheidend diese Wandlung ist, lehrt
ein Blick auf die gleichzeitige Literatur: so bestreitet z. B. Frazastoro,
 ein Jüngerer Zeitgenosse Leonardos, den Wert der Mathematik,
 weil diese, wenngleich sie eine „gewisse Sicherheit“ der
Beweisführung enthalte, doch von niedrigen und wenig schätzbaren
 Objekten handelt.!‘) Wie eine Antwort auf solche Anschauungen
 lesen sich Leonardos Sätze: „Von solcher Verächtlichkeit
 ist die Lüge, dass, wenngleich sie Gutes von göttlichen
Dingen sagte, sie ihrer Göttlichkeit den Wert nähme; von solcher
Trefflichkeit die Wahrheit, dass sie den geringsten Dingen, die
sie lobt, Adel verleiht. So übertrifft die Wahrheit, wenn sie auch
von Geringem und Niedrigem handelt, noch unendlich alle
schwankenden und unwahren Meinungen über die erhabensten
und höchsten Verstandesprobleme (discorsi). ., Du aber, der Du
von Träumen lebst, findest Dein Gefallen mehr an sophistischen
Gründen und Trugschlüssen in grossen und ungewissen Dingen,
als an den sicheren natürlichen Schlussfolgerungen, die sich nicht
zu dieser Höhe erheben‘‘.!)
So gründet Leonardo seinen Idealbegriff der Wahrheit und
der Vernunft in dem fruchtbaren „Bathos der Erfahrung“, während
umgekehrt der Erfahrungsbegriff selbst seinen Wert aus dem notwendigen
 Zusammenhang erhält, in dem er mit der Mathematik
steht. Die Berufung auf die Erfahrung ist zunächst der lebendige
 Ausdruck des Gegensatzes gegen die Autorität und die Ueberlieferung.
 Die Erfahrung ist die grosse und ewige Lehrerin: die
Meisterin jener Meister der Schule, zu der man immer von neuem
        <pb n="263" />
        Die Erfahrung und die „Vernunfigründe“ 251

sich zurückwenden muss. Nicht in dem verblassten und entstellten
 Abzug, den die Bücher und die Autoren uns bieten, sondern
 in ihrer originalen Kraft und Lebendigkeit soll die Natur
erfasst und begriffen werden.!) Aber je weiter wir uns in diese
ursprüngliche Wirklichkeit versenken, umsomehr schwindet aus
ihr jeder Schein der Willkür und Zufälligkeit: um so tiefer blicken
wir in ein Gewebe notwendiger Zusammenhänge und Gründe
hinein. Die Erfahrung selbst ist nichts anderes als die äussere
Erscheinungsform der Vernunftbeziehungen und Vernunftgesetze,
‚Sie lehrt uns, als Dolmetsch zwischen der schaffenden Natur
und dem menschlichen Geschlecht, die Art, in der die Natur sich
unter uns Sterblichen tätig erweist; sie zeigt uns zugleich, dass
Jiese Wirksamkeit, von der Notwendigkeit gebunden, nicht anders
arfolgen kann, als die Vernunft, ihr Steuer, sie vorschreibt“.!7)
Und so wird denn alle Wissenschaft als ein Wechselverhältnis
zwischen diesen beiden Grundmomenten, der Beobachtung und
der Vernunft, beschrieben. Das Experiment muss den Anfang
machen; aber es steht zunächst nur als ein Problem da, das uns
auffordert, die notwendigen Gründe der Erscheinung zur Entdeckung
 zu bringen. Das Verhältnis, das in der Natur zwischen
Ursache und Wirkung besteht, muss der Gedanke umkehren:
wenn jene vom Einfachen zum Zusammengesetzten, von den Bedingungen
 zum Effekt fortschreitet, so muss dieser mit der komplexen
 Erscheinung beginnen, um sie analytisch auf ihre GrundaJemente
 zurückzuführen.!®) In diesen Bestimmungen hat Leonardo
vorgreifend die „resolutive Methode“ Galileis und der neueren
Naturwissenschaft beschrieben. Und auch dies wird klar, dass
die Aufgabe, die damit gestellt ist, unabschliessbar ist: die Zahl
der „ragioni“, die niemals in die Erfahrung getreten sind, ist unendlich
 und kann somit auch auf keiner künftigen Einzelstufe
des Wissens als völlig erschöpft gelten.)
Es ist nach diesem Gesamtzusammenhange kein Widerspruch,
wenn auf der einen Seite betont wird, dass alles Wissen mit der
Empfindung beginnt, andererseits indes der Vernunft eine eigene
Funktion über und ausserhalb der Wahrnehmung zuerkannt wird.
Deutlich strebt die Betrachtung nach einem Mittelbegriff zwischen
diesen beiden Grundfaktoren. Wir dürfen uns nicht in der Betrachtung
 des Einzelnen verlieren, sondern müssen das allgemeine
        <pb n="264" />
        252 Die Entstehung der exahten Wissenschaft. — Leonardo da Vinci.

Gesetz zu verstehen trachten, das über ihm steht und es be:
herrscht. Zugleich aber ist es nicht genug, dieses Gesetz bloss
in einer abstrakten Formel auszusprechen, sondern wir müssen
es in seiner lebendigen Wirksamkeit und in konkreter Anschauung
 erfassen. Die Geometrie weist uns den Weg, diese doppelte
Aufgabe zu erfüllen: sie ist es, die uns das Walten der allgemeinen
Vernunftregeln gleichsam verkörpert und in plastischer Gestaltung
vor Augen stellt. In nicht geringerem Maasse aber ist die bildende
Kunst, die die geometrische Welt räumlicher Formen und Gestalten
 erst völlig durchdringt und bis ins Einzelne beherrscht,
ein Mittel und ein Analogon der echten „Philosophie“. „Wer die
Malerei missachtet, der ist auch der Philosophie und der Natur
feind“.?) So schliessen sich die mannigfachen Züge in Leonardos
geistiger Natur zu einem einzigen, einheitlichen Ziele zusammen. Die
produktive Kraft der Phantasie ist ihm zugleich ein Grundmittel
and eine Bedingung der theoretischen Forschung: nur dasjenige
dürfen wir uns zu begreifen rühmen, was uns die Natur nicht
wahllos, wie von selbst darbietet, sondern was wir im eigenen
Geiste entwerfen und vorzeichnen.?!) Aber dieses innere Vorbilden,
mit dem wir der tatsächlichen Beobachtung vorauseilen, hat zugleich
 durch das ideelle Musterbild der Mathematik in sich selbst
seine Regel und Begrenzung gefunden. Das echte Schauen und
Spekulieren des Forschers scheidet sich für immer von der
schweifenden Phantasie der „Schwarmgeister“ (vagabondi ingegni).??)
 Der ästhetische Idealismus Leonardos, der sich in dem
Satz ausspricht, dass nur diejenige Schönheit von Dauer ist, die
nicht dem Stoffe als solchem anhaftet, sondern vom Geist des
Künstlers auf ihn übertragen ist, bewährt sich auch in der Entdeckung
 des Naturbegriffs.®) —
Es ist ein allgemeines Streben der Renaissance, das wir bis
zu Descartes hin verfolgen können, die besondere Leistung und
den besonderen Wert, der der „Einbildungskraft“ im Ganzen des
menschlichen Erkennens zukommt, auszuzeichnen und zu umgrenzen.
 In einer Einteilung der „Seelenvermögen“, die Campanella
 vornimmt, wird an letzter Stelle, neben dem diskursiven
Verstand und über die sinnliche Reproduktion erhaben, eine
eigene Tätigkeit der „Imagination“ anerkannt. Ihr Ziel ist nicht
nur, gegebene Vorstellungselemente zu neuen, bisher unbekannten
        <pb n="265" />
        Die logische Bedeutung der „Imagination“, 253

Verbindungen zusammenzufügen, sondern zugleich Wissenschaften
durch Festsetzung von Prinzipien und Entwicklung von Schlussfolgerungen
 von Grund aus hervorzubringen und zu gestalten.
Diese Bedeutung der „geistigen Einbildungskraft“, die von der
sinnlichen Phantasie ausdrücklich geschieden wird, bewährt sich
aicht nur im Gebiet des Denkens, sondern zugleich in dem des
Wollens und Handelns: es ist bezeichnend für Campanella, dass
er sie vor allem für das Gebiet der Politik in Anspruch nimmt,
in. dem sich seine eigene ideelle Gestaltungskraft am reinsten betätigt
 hat.) Für das Problem der Naturerkenntnis dagegen vermochte
 ihm die neue geistige Funktion, die er allgemein zu bezründen
 versuchte, nicht fruchtbar zu werden. Erst Kepler ist
2s, bei dem aus der Vereinigung der beiden Grundeigenschaften,
die auch Leonardo kennzeichnen: aus der Freiheit und Lebenligkeit
 der ästhetischen Phantasie und der Reinheit und Tiefe der
mathematischen Spekulation der neue Begriff der Erfahrung
arwächst.

2. Kepler.

a) Der Begriff der Harmonie.
Wenn das wesentliche Interesse, das die Philosophie an der
Entstehungsgeschichte der Wissenschaft nimmt, darauf gerichtet
ist, die „subjektiven“ und „objektiven“ Motive, den Anteil des
Gegenstandes und des Intellekts zu bestimmen und gesondert zu
verfolgen: so bildet die Persönlichkeit Keplers unmittelbar ein
anziehendes und prägnantes philosophisches Problem. In ihr
sind beide Momente noch direkt zur Einheit verbunden und auf
eine bestimmte conkrete Aufgabe bezogen, ohne jedoch wahllos in
ainander überzugehen und in ihrem sachlichen Gehalt und Werte
vermischt zu werden. Die Hingebung an die äussere Wirklichkeit,
 die Forderung ihrer reinen und voraussetzungslosen
gegenständlichen Erfassung bildet den ersten Ausgangspunkt.
Jeder Schritt der Deduktion wird an dem Bereich der Tatsachen
geprüft; jeder Baustein des neuen gedanklichen Gebäudes. ist in
        <pb n="266" />
        254 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

exakter Beobachtung bewährt und gegründet. Die „Erfahrung“, die
bisher ein dialektisches Schlagwort war, das der Skeptiker, wie der
Mystiker, die Wissenschaft und die spekulative Naturphilosophie
gleichmässig für sich in Anspruch nahm, erfüllt sich zum ersten Male
mit realem,lebendigem Gehalt. In Keplers Beobachtungen über die
Marsbewegungen ist das neue Ideal der Induktion bereits mit einer
logischen Schärfe und Reinheit, die später kaum zu überbieten
war, verwirklicht. Kepler selbst berichtet in der Darlegung seines
Forschungsganges, wie er zunächst zu einer Hypothese gelangt sei,
lie alle Beobachtungen bis auf acht Minuten genau darstellte, und
wie der einzige Umstand, dass er diese, nach dem Maassstab und
Urteil seiner Zeit geringfügige Differenz nicht übersah und vernachlässigte,
 ihn zur Reform der gesamten Astronomie geführt habe.
Diese strenge Bezogenheit des Denkens auf die Wahrnehmung,
in der es seine notwendige und unerlässliche Kontrolle findet,
ist die Grundforderung seiner Wissenschaft. An die Stelle der
Epicykeln und Kreise der Ptolemäischen Astronomie, die nur als
willkürliche Erdichtungen und als Hilfsmittel der Rechnung eingeführt
 und behauptet werden, tritt der Anspruch, die wahren,
gegenständlichen Ursachen der Himmelsbewegungen blosszulegen.
Die unverbrüchliche objektive Ordnung der Dinge, die nicht beliebig,
 sondern nur auf Eine, notwendige Weise durch den Gedanken
 wiederzugeben ist, bildet das Ziel und Vorbild der Beirachtung.

Dennoch aber — und damit setzt das neue Motiv ein —
handelt es sich in dieser Wiedergabe nicht um stumpfe Aufnahme
 des Gegebenen. Das reine unvermischte Bild der Wirklichkeit
 erschliesst sich nur der selbständigen Tätigkeit des
Geistes. Aus dem eigenen Innern quellen die tiefsten Entdeckungen,
in denen das Geheimnis der Natur sich offenbart. „Nicht der Ein-{luss
 des Himmels ist es, der jene Erkenntnisse in mir gewirkt
hat, sondern sie ruhten gemäss der Platonischen Lehre in der
verborgenen Tiefe meiner Seele und wurden nur geweckt durch
jen Anblick der Wirklichkeit. Das Feuer des eigenen Geistes
und Urteils haben die Sterne geschürt und zu rastloser Arbeit und
Wissbegier entfacht: nicht die Inspiration, sondern nur die erste
Anregung der geistigen Kräfte stammt von ihnen“ 2) Bei Kepler,
wie später bei Galilei, steht somit der Platonische Gedanke der
        <pb n="267" />
        Jer Begriff der Harmonie.

D55

„Wiedererinnerung“ im Mittelpunkt der Lehre vom Ursprung und
Erwerb der Erkenntnis; bei beiden können wir verfolgen, wie er
allmählich immer mehr seine mythischen Bestandteile abstreift
and zu reiner logischer Bedeutung heranreift. Wie Sokrates, der
den ethischen „Begriff“ und damit gegenüber der sophistischen
„Satzung“ die Objektivität des Sittlichen entdeckt, sich dennoch
auf die Lenkung seines sittlichen Daimonions beruft: so spricht
Kepler, der das Gesetz der Natur allen schwankenden Hypothesen
und Meinungen entgegenhält, von dem eigenen Genius, der ihn
bei aller Betrachtung und Untersuchung leite. Und damit ist nicht
nur seine persönliche Geistesart bezeichnet — obwohl auch diese
im Aufbau und der Gestaltung seiner Erkenntnisse bestimmend
mitwirkt — sondern zugleich auf allgemeine Gesichtspunkte und
{nteressen verwiesen, die als Maximen und richtunggebende Kräfte
ler objektiven Forschung wirksam sind.
In diesem Zusammenhange eröffnet sich zugleich das Verständnis
 des philosophischen Grundbegriffs, der alle Teile von
Keplers wissenschaftlichem System durchdringt und zur Einheit
(ügt: des Begriffs der Harmonie. Die Harmonie erscheint zunächst
 in objektiver Wendung und Bedeutung: sie bezeichnet die
Anschauung der Welt als eines geordneten und nach geometrischer
 Gesetzlichkeit gegliederten Kosmos. So bleibt sie nicht
auf den Bau der Gestirne beschränkt, sondern umfasst und beherrscht
 gleichmässig alle Gegenstände und Wirksamkeiten der
Natur: wir können sie in der Bildung der Krystalle, wie in der
Struktur der organischen Körper, in den Formen, die die Natur,
wie in denen, die der Instinkt beseelter Wesen erschafft, verfolgen.
 Die festen Verhältnisse, die zwischen den Weltkörpern,
zwischen ihren Abständen und ihren Umlaufszeiten bestehen,
bilden nur das markanteste Beispiel des allgemeinen Grundgesetzes.
 Und was sich hier der Anschauung als ein Ganzes im
Beisammen des Raumes darstellt, das findet seine genaue Entsprechung
 in den Verhältnissen der Zeit und des Nacheinander.
Die harmonischen Zusammenklänge der Töne enthüllen uns den
Bauplan und das Modell der gesamten Wirklichkeit: die geomeirische
 Bedingtheit, die darin besteht, dass die Entfernungen
der Planeten nach dem Schema der fünf regulären Körper bestimmt
 sind. verschwistert sich mit dem musikalischen Gesetz. das
        <pb n="268" />
        256 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

ihre Bewegungen regelt und einstimmig macht. Zwischen den
veränderlichen Geschwindigkeiten eines einzelnen Weltkörpers
sowohl, wie zwischen den mittleren Werten der Geschwindigkeit
der verschiedenen Planeten muss eine Beziehung herrschen, die
derjenigen zwischen den Schwingungszahlen harmonischer Töne
analog ist. In der ‚spekulativen Verfolgung dieser Analogien, in
dem Versuch, sie in eine feste zahlenmässige Formel zu fassen,
ist Kepler zur Entdeckung seines dritten Gesetzes gelangt, das
die Umlaufszeit eines Planeten als Funktion seines Abstandes von
der Sonne bestimmt. 2)
Aber selbst abgesehen von diesem fundamentalen empirischen
Ergebnis, lässt sich ein rein logischer Kern aus dem Begriff der
Harmonie herausschälen. Die Betrachtung nimmt zunächst eine
neue Richtung, indem sie sich von den Beziehungen, die unter
den Objekten herrschen, zu‘ ihrem Ursprung zurückwendet: indem
 sie somit die Harmonie nicht als ein Attribut der Dinge,
sondern des Geistes zu verstehen und zu entwickeln sucht. Die
harmonischen Verhältnisse der Objekte bilden das Correlat, dessen
der Geist zu seiner eigenen Ergänzung und Vervollkommnung
notwendig bedarf: die zahlenmässigen Beziehungen am Himmel
sind die Erquickung und Nahrung der Seele, ohne die sie verkümmern
 müsste. Die Welt ist nach dem Muster der geomeltrischen
 Proportion geschaffen, damit das Ich in ihr beständig neue
Aufgaben und. neues Material seiner rastlosen Selbstbetätigung
finde.?) In diesem Bilde, das dem Mysterium Cosmographicum,
Keplers Erstlingsschrift angehört, ist, bei aller idealistischen Kraft
des Gedankens, die Harmonie dennoch noch als ein Aeusseres beschrieben,
 das der Geist ergreift, um es zu bewältigen und der
eigenen Natur anzupassen. Zwischen dem menschlichen Intellekt
und den menschlichen Sinnen einerseits und der Gliederung der
Himmelskörper und ihren Bewegungen besteht, wie der Kommenlar
 über die Marsbewegungen näher ausführt, eine innere Verknüpfung
 und „Angemessenheit“: beide sind auf einander angelegt
und durch einander messbar.®) In diesem Parallelismus sind
die beiden Glieder: die Ordnung und Verknüpfung der Ideen
und die der Dinge, wenngleich aufeinander bezogen, so doch nicht
minder ihrer Wesenheit nach von einander getrennt. Es ist daher
2in weiterer Fortschritt der Charakteristik, den das Werk über die
        <pb n="269" />
        Die Harmonie als eine Schößfung des Geistes, 257

Weltharmonie vollzieht. Hier ist auch der letzte Rest des Duauismus
 geschwunden. Der Geist nimmt die harmonischen Vernältnisse
 nicht nur von aussen in sich auf, sondern ist zu ihrem
Urbild und Schöpfer geworden. Was eine geometrische Proportion
‚st, welcher Bestand und welche Wesenheit ihr zukommt, lässt
sich nicht einsehen, ohne eine Tätigkeit des Geistes als ihr notwendiges
 Correlat anzunehmen.?) Auch hier freilich ist das Bewusstsein
 zunächst noch in seiner mythischen Form als „Weltseele“
gedacht: das einheitliche Leben, das das All durchdringt, vermittelt
die mathematische Ordnung und Abhängigkeit, die zwischen seinen
Teilen besteht. Wir erinnern uns indes, dass schon innerhalb der
Naturphilosophie der Begriff der Weltseele eine Vorbereitung für
den Gedanken der durchgängigen und immanenten kausalen
Wechselwirkung der Dinge bildet. Jetzt wird dieser logische
Charakter des Begriffs gefestigt und vertieft: denn nicht mehr als
eine wirkende Kraft, die nach der Analogie des Triebes und der
Muskelbewegung gedacht wäre, sondern als reine funktionale Beziehung
 zwischen den Gliedern des Universums wird die Seele
beschrieben. Nicht die Kräfte der Gottheit, nicht die Schöpfung
des Alls gilt es zu enträtseln: dies hiesse, wie Kepler gegenüber
der. theologischen Betrachtungsweise ausdrücklich betont, ein unmögliches
 und unlösbares Problem stellen. Was wir zu begreifen
vermögen, ist allein die gedankliche Verfassung des Ganzen,
leren Grundzüge wir in uns selber im Begriff der Grösse vorgezeichnet
 finden.®) So lenkt die Untersuchung im letzten Grunde
dennoch zum menschlichen Geiste, als dem echten Erkenntaisgrund
 der Harmonie, zurück. Sie knüpft vor allem an die
ästhetischen Betätigungsweisen an; — wie bei Platon die Idee
des Schönen es ist, die den Aufstieg vom Sinnlichen zum Gedanklichen
 vermittelt und leitet, so ist für Kepler die Lust, die durch
die musikalische Consonanz in uns erregt wird, ein „Mittleres“
zwischen dem blossen Sinnengenuss und der höheren intellektuellen
 Befriedigung, die der Geist im Bewusstsein des eigenen
Schaffens empfindet. Dieselbe Ordnung, die wir in den Tönen
durch eine dunkle angeborene Anlage ergreifen, gelangt im Fortschritt
 der Forschung zu vollendeter Gestalt und Klarheit: ein
und derselbe Grundtrieb des Bewusstseins ist es, der sich im
künstlerischen Geniessen und in der astronomischen Forschung
        <pb n="270" />
        258 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kehpler,

vegt.%) Denn in der Freude am Rhythmus und Zusammenklang ist
der Geist nur scheinbar passiv: in Wahrheit entfaltet er auch hier
eine selbständige Bewegung und Tätigkeit. Die Erhöhung und
Anregung seines Wesens, die er empfindet, ist im Grunde sein
eigenes Werk, zu dem er indes nicht durch bewusste Absicht,
sondern durch einen natürlichen „Instinkt“ geführt wird.)
Diese Auffassung des ästhetischen Eindrucks ist für die
philosophische Gesamtanschauung Keplers von grundlegender Bedeutung
 geworden: denn hier liegen bereits die allgemeinen Motive
 und Keime für die Theorie der sinnlichen Wahrnehmung
überhaupt. Aeusserlich zwar erscheint Keplers Lehre an diesem
Punkte noch als getreues Abbild der traditionellen Ansicht: die
Kenntnis der Dinge wird durch sinnliche „Spezies“ vermittelt, die
in den Geist eindringen. Immer handelt es sich hierbei um einen
direkten physischen Einfluss, um eine kausale Wechselwirkung
zwischen dem „Inneren“ und „Aeusseren“, wobei sich die einzelnen
 Sinne nur nach der Rolle und Mitwirkung des Mediums
von einander unterscheiden. Aus Goethes Geschichte der Farbenlehre
 sind „die kühnen, seltsamen Ausdrücke“ bekannt, in denen
Kepler das Wesen der Farbe zu beschreiben sucht: „color est lux
in potentia, lux sepulta in pellucidi materia, si Jam extra visionem
zonsideretur; et diversi gradus in dispositione materiae, causa
raritatis et densitatis, seu pellucidi et tenebrarum efficiunt diserimina
 colorum“. Diese Erklärung ist noch völlig in der Aristotelischen
 Definition des Lichtes als der „Energie des Durchsichtigen“
 und in der scholastischen Auffassung vom Gegensatz des
Lichtes zur absoluten Dunkelheit der Materie befangen. Eine exakte
 physikalische Vorstellungsart ist nicht erreicht: das Licht
bleibt eine immaterielle Wesenheit, der wir nur im übertragenen
Sinne örtliche Bewegung zusprechen können, da sie sich in Wahrheit
 zeitlos ausbreitet und fortsetzt.°) Und wie hier, so gilt jede
Sinneswahrnehmung überhaupt durch „Ausflüsse“ von den Objekten
 her bedingt und bezeichnet daher lediglich einen empfangenden
und leidenden Zustand des empfindenden Organs. 34)
Wenn indes der Stoff der Wahrnehmung und somit die
erste Grundlage für jede Vergleichung sinnlicher Vorstellungen
von aussen gegeben werden muss, So ist doch die Verhältnissetzung
 selbst, so ist die Harmonie, die wir zwischen verschie-
        <pb n="271" />
        Die Theorie der Wahrnehmung.

259

denen Inhalten empfinden, aus diesen materialen Voraussetzungen
nicht verständlich zu machen. Was die Sinne uns darbieten,
bleibt eine wirre chaotische Masse beziehungsloser Eindrücke:
Einheit und Zusammenhang entstehen erst in der Auffassung
and Beurteilung durch den Intellekt, der diese Prädikate von
sich aus auf die Gegenstände überträgt. Man wende nicht ein,
dass die Seele im Akte der Vergleichung die Proportion
zwischen den Inhalten nur vorfinde, nicht erschaffe; — dass
sie also kein notwendiger und unerlässlicher Faktor für die Entstehung
 und den Gehalt der Harmonie sei. Der Geist vermöchte
die harmonischen Verhältnisse nicht als solche aufzufassen und
anzuerkennen, wenn er nicht in eigener und freier Tat die gegebenen
 Inhalte mit dem „Urbild“ der Ordnung und Einstimmigkeit
 zusammenhielte, das er in sich selbst trägt.®) Die echten
‚Archetypen“, die „Paradigmata“ des Schönen und des Wahren
empfangen ihr Sein erst von der Seele. Ihnen eine substantielle
Wesenheit ausserhalb des Bewusstseins zuzuschreiben, ist ein
innerer logischer Widerspruch: „extra animam archetypos illos
constituere est oppositum in adjecto“.%) Das ist das Charakteristische,
 dass Kepler, wenn er an Platon anknüpft, zugleich den
Gedanken der Immanenz der Idee in den Mittelpunkt stellt
und dass er daher die Darstellung, die Aristoteles von der
Genesis der Platonischen Philosophie und von der Lehre der
Wiedererinnerung gibt, ausdrücklich bekämpft. Er schliesst sich
hierin eng an Proklus an, dessen Entwicklung der Ideenlehre
ar eingehend und mit ausführlichem Kommentar verfolgt. Bezeichnend
 für die Richtung seines mathematischen Interesses
and seines mathematischen Genies ist es hierbei, dass er nicht
von der Zahl, sondern vom Raume, nicht von der Grösse überhaupt,
 sondern von der geometrischen Gestalt ausgeht. Den
abstrakten Allgemeinbegriff der Zahl gibt er der nominalistischen
Kritik ausdrücklich preis: die Beziehungen zwischen den blossen
Zahlen haben für sich selbst und losgelöst keinen Erkenntniswert,
sondern erhalten ihre Bedeutung erst von den gezählten Dingen,
von den astronomischen Konfigurationen und Bewegungen, zu
deren Darstellung sie verwendet werden. Erst in der stetigen
Grösse und ihrer qualitativen Eigenart gewinnen wir ein reines
Beispiel einer freien und ursprünglichen Schöpfung des Denkens
vn
        <pb n="272" />
        260 Die Entstehung der exaklen Wissenschaft. — Kepler.

Der gesamte Bestand der geometrischen Figuren wurzelt in der
Wirksamkeit des Geistes: man denke sich die „Energie“ der
Seele aufgehoben und alle Bestimmtheit und Besonderung der
äusseren Gestalt müsste verschwinden. Nicht die sinnlichen
Zeichen und Bilder, die wir zur Erläuterung brauchen, sind die
echten Vermittler des mathematischen Wissens; nicht die Wahrnehmung
 ist der notwendige Träger und die Stütze für alle
Tätigkeit des Intellekts. Selbst wenn ihm niemals ein sinnliches
Auge beigegeben gewesen wäre, würde der Geist aus sich selbst heraus,
 nach reinen geometrischen Gesetzen, das Auge ersinnen und als
Werkzeug zur Erkenntnis der äusseren Wirklichkeit postulieren.
„Denn die Erkenntnis der Quantitäten, die der Seele eingeboren
ist, bestimmt, von welcher Art das Auge sein muss: der Bau des
Auges richtet sich somit nach der Natur des Geistes, nicht umgekehrt“.87)

So sehr indes hier die Tendenz vorherrschend ist, den
Eigenwert des Denkens zu wahren und zu erhöhen, so fällt doch
auch dem Sinn eine neue und eigentümliche Funktion zu. Die
Sinnlichkeit selbst wird zum Hebel und Instrument des Idealismus.
 Die Empfindung enthält bereits, verborgen und ungeklärt,
lie reinen intellektuellen Harmonien. Wir dürfen die sinnlichen
 Inhalte als echte Anfänge des Wissens anerkennen, weil
in ihnen der Hinweis auf das Mathematische bereits gegeben
und somit bestimmte gedankliche Verhältnisse bereits vorgebildet
 sind. So ist es zuletzt der Intellekt selbst, der die Wahrnehmung
 fordert und beglaubigt. Diese Correlation, die wir geschichtlich
 bis zu Nikolaus Cusanus zurückverfolgen können,
aat ihren reifen, wissenschaftlichen Ausdruck in Keplers Optik
zefunden. In ihr wird bis ins Einzelne deutlich, wie in dem
iertigen Bilde, das wir von der Grösse und Entfernung der Objekte
 haben, Empfindung und Denken einander notwendig belingen
 und ergänzen. Die endgültige räumliche Gliederung und
Stellenordnung ist ein Werk des Verstandes, das auf Grund
ler Daten der Wahrnehmung geschaffen ist.®) So kann Kepler,
mit den gleichen Worten wie Leonardo, die Sinneserfahrung den
Anfang aller philosophischen Forschung nennen und dennoch,
wie dieser, in ihr nur das „Schwungbrett“ zum Denken des
Intelligiblen sehen. Auch die wahre astronomische Ordnung des
        <pb n="273" />
        Grössenbegriff und Naturbegriff.

261

Alls erschliesst sich nur den Vernunftgründen, die zwar an
die unmittelbare Beobachtung anknüpfen, sie aber dennoch zugleich
 berichtigen und übertreffen müssen. 3?)
Denn wenn in der sinnlichen Harmonie zwar die Form rein
aus der Seele selbst entspringt, der Stoff aber von aussen entlehnt
werden muss, so ist in der geometrischen Gestalt auch diese
Doppelheit geschwunden. Stoff und Form gehen hier unmittelbar
in einander auf; sie gehören demselben Bereich und demselben
Ursprung an. Diese völlige Durchdringung der beiden Momente
stempelt die Erkenntnis der Quantitäten zum Muster alles Wissens
überhaupt. Nicht unmittelbar kann das Denken jeden beliebigen
Inhalt ergreifen; es muss sich zuvor die Handhabe schaffen, die
den empirischen Stoff für den Verstand fassbar und zugänglich
macht. Wir verstehen das Sein erst, nachdem wir es zuvor in
aine Form gegossen, die derjenigen unseres eigenen Geistes wesensverwandt
 ist. Die Natur des menschlichen Intellekts bedingt
es, dass alles, was er vollkommen begreifen soll, entweder selbst
Grösse sein oder ihm durch Grössen vermittelt werden muss.%)
Erst in diesem allgemeinen spekulativen Zusammenhang lässt
sich die ganze Bedeutung ermessen, die die mathematische
Hypothese für Kepler besitzt. Sie ist für ihn‘ kein technisches
Hilfsmittel, das sich im Laufe der Forschung gelegentlich einstellt,
 sondern der Anfang und Ansatz, kraft dessen wir uns erst
den Weg zur richtigen Stellung des wissenschaftlichen Problems
Dahnen. Wenn Patrizzi Zweifel darüber geäussert hatte, ob die
tatsächlichen Bahnen der Planeten in mannigfachen ungeordneten
Krümmungen verlaufen, oder aber durchaus bestimmte und ein-[örmige
 Linien sind, die nur der unvollkommenen sinnlichen Auffassung
 verworren und regellos erscheinen: so erblickt Kepler
schon in dieser Frage ein fundamentales Missverständnis der
Aufgaben der „philosophischen“ Astronomie. Dass die Himmelsörscheinungen
 einer strengen mathematischen Gesetzlichkeit gehorchen,
 dürfen wir nicht von der Beobachtung zu lernen verlangen;
 vielmehr ist dies die Voraussetzung, unter der unsere
Forschung überhaupt erst einsetzen kann. Wer diese erste Veraunftforderung
 anzweifelt und verfehlt, bei dem muss, wie bei
Patrizzi der Weg durch lauter Wunder führen. Indem er schein
bar der reinen Wahrnehmung folgt und alle gedanklichen Antici-
        <pb n="274" />
        232 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler,

pationen von ihr fernzuhalten sucht, verstrickt er sich in Wahrheit
 nur um so fester in willkürliche Fiktionen und mystische
Annahmen. 4} —
Um Keplers Theorie der „Hypothese“ im Einzelnen zu verstehen
 und zu würdigen, muss man sich den Stand der astronomischen
 Methodenlehre, den er vorfand, vergegenwärtigen. Von
Platon stammt die Forderung an die Astronomen, diejenigen
streng geordneten und gleichförmigen Bewegungen festzustellen,
unter deren Voraussetzung die Erscheinungen am‘ Himmel wiederzegeben
 und „gerettet“ werden könnten (3ıaowley td Kepi tde UV
3816 TÜV ThavwiLEvOV Camipeva).42) Die antike Himmelskunde suchte
liese Aufgahe dadurch zu lösen, dass sie die komplizierten Bahnen
ler Gestirne als Resultanten einfacher Kreisbewegungen darstellte,
wobei sie zunächst die Planeten noch an materielle Sphären
Defestigt dachte, die durch ihren Umschwung den Körper, der an
ihnen haftete, mit sich herumführen sollten. Diese letztere Annahme
 vermochte indes schon im Altertum der Mannigfaltigkeit
ler Erscheinungen nicht mehr gerecht zu werden. Die Anzahl der
‚esten Sphären, die sich ineinanderschoben, häufte sich mehr und
mehr — sie wird von Eudoxos und Kalippos auf 25, von Aristo-'eles
 bereits auf 49 angegeben, — ohne dass damit doch eine exakte
Beschreibung der Phänomene geleistet wurde. Bereits die alexan-Irinischen
 Astronomen verzichteten daher auf jede nähere physizalische
 Erklärung der Himmelserscheinungen und begnügten
sich mit der geometrischen Ausbildung der Epicykelntheorie, wonach
 die Planeten eine Kreisbewegung um ein Centrum ausführen,
das selbst wiederum auf einem grösseren „deferierenden“ Kreise
um die Erde herumgeführt wird. Nach der „Wahrheit“ dieser
Theorie, nach der Möglichkeit, die einzelnen Componenten, in
die sie die Bewegungen der Gestirne zerlegt, in empirischer Wirksamkeit
 und Wirklichkeit nachzuweisen, ward hierbei nicht ge-(ragt:
 genug, dass damit ein bequemer methodischer Kunstgriff und
ein Hilfsmittel der Rechnung gefunden war, vermöge dessen sich
der Ort eines Planeten zu einer bestimmten Zeit mit genügender Annäherung
 bestimmen liess. Zu Beginn der neueren Zeit war sodann
von Peurbach und Regiomontan eine Ausgleichung zwischen
der geometrischen und physikalischen Betrachtungsweise versucht
worden, die jedoch, wenngleich sie eine einheitliche anschauliche
        <pb n="275" />
        Der Begriff der Hypothese.

263

Vorstellungsweise darzubieten schien, die Mängel beider Ansichten
nicht prinzipiell überwand.‘®) Die Forderung der blossen „Beschreibung“
 der Phänomene und die Frage nach ihrer kausalen
„Erklärung“ standen somit einander noch unvermittelt gegenüber:
erst Kepler ist es, der beide Aufgaben, die er logisch scharf zu
sondern weiss, durch seine wissenschaftliche Leistung in Eins
fasst. Nun könnte es zunächst als eine innere, sachliche Schwierigkeit
 erscheinen, wenn auch er der „astronomischen‘“ Hypothese, die
nur den Zwecken der Rechnung dient, die „physische“ entgegenstellt.
 Denn — so darf man im Sinne seiner eigenen Grundgedanken
 fragen — ist in der Funktionsgleichung, in der die
Rechnung zu ihrem Abschluss und Ziel gelangt, nicht auch das
volle Sein der Planetenbewegung im wissenschaiftlichen Sinne erschöpft?
 Und scheint es nicht, als sollten neben und ausserhalb
der mathematischen Gesetzlichkeit der Bewegung wiederum
verborgene Qualitäten und innere Kräfte in ihr anerkannt werden,
die sich der Rechnung entziehen? Dieser Verdacht ‘schwindet
indes, sobald man die Grundtendenz der Keplerschen Unterscheidung
 näher erwägt und ihrer Ausführung im einzelnen nachgeht.
 Die Ergänzung, die für die Mathematik gefordert wird,
verbleibt selbst durchaus im Bereich der Phänomene: das Ziel
ist nicht, die Erscheinungen, statt sie bloss zu berechnen, in ihrer
absoluten metaphysischen Wesenheit zu begreifen, sondern sie
auf Gesetze zurückzuführen, in denen jedoch nicht bloss die
geometrischen, sondern die physikalischen Grundbeziehungen
des empirischen Seins sich darstellen. Damit eine Hypothese
„wahr“ sei, genügt es nicht, dass sie einzig und allein die
astronomischen Erscheinungen, die doch nur einen begrenzten
Ausschnitt aus unserer Gesamterfahrung bilden, in einer kurzen
Formel zum Ausdruck bringt: sie muss sie zugleich in einer
Weise wiedergeben, die unserer Einsicht in die Bedingungen
alles konkreten Naturgeschehens überhaupt entspricht. Die
Begründung der Astronomie kann nur im Zusammenhang mit
der wissenschaftlichen Grundlegung der Physik geleistet
werden. Das ist der entscheidende Vorzug der echten „physischen“
Hypothese, wie Kepler sie fordert und darbietet: dass sie nicht
als Abdruck eines bestimmten Teilgebiets, nicht aus einer Summe
test umschränkter Himmelsbeobachtungen entstanden ist, sondern
        <pb n="276" />
        264 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

in allgemeinen theoretischen Grundüberzeugungen über die Art
und Wirksamkeit einer „Naturkraft“ wurzelt. Wir werden im
Einzelnen verfolgen können, wie der Kraftbegriff Keplers, der
ihm den Maassstab dafür abgiebt, welche Erklärungen als „wahr“
zu gelten haben, sich aus dem allgemeinen Funktionsbegriff
entwickelt hat. Die Wahrheit einer bestimmten Annahme wird
also nicht einzig durch die unmittelbare Bestätigung, die sie in
einzelnen sinnlichen Tatsachen findet, bezeugt, sondern bedarf
der Prüfung und Kontrolle durch ein System mathematischphysikalischer
 Grundsätze. Erst durch die Einordnung in diesen
universalen Zusammenhang wird eine Erscheinung wahrhaft beglaubigt
 und „gerettet“. Die abstrakte wissenschaftliche Mechanik
— dies ist der schlichte Gedanke, der hier überall deutlich vorschwebt
 — muss das Fundament des wahren Weltsystems abgeben.
 Wenn diese Forderung erst bei Galilei wahrhaft erfüllt ist,
30 ist sie bei Kepler bereits in prinzipieller Schärfe erfasst: bei
ihm erst ist die Kosmographie — im Gedanken der allgemeinen
Gravitation, den er als Erster erfasst — zu einem Einzelglied der
Kosmophysik geworden. (S. unt. S. 277 ff.)
Der wesentliche Vorwurf, den er gegen den traditionellen
Sinn der Hypothese richtet, ist es daher, dass in ihr der
Astronom zum Rechner erniedrigt und aus der „Gemeinschaft
der Philosophen“.ausgeschlossen werde.4) Eine Gesamtanschauung,
 ein begrifflicher Entwurf der „Natur der Dinge“ muss vorausgehen,
 ehe die Rechnung einsetzen kann. Copernicus hat die
Ptolemäische Astronomie nicht dadurch überwunden, dass er
neue Tatsachen und Beobachtungen, also neues Material der
Rechnung beibrachte, sondern dass er die Form und gedankliche
 Einheit des Systems von Grund aus umgestaltete. „Zunächst
 bilden wir in Hypothesen die Natur der Dinge ab, dann
errichten wir auf dieser Grundlage einen Kalkül, d. h. wir leiten
aus ihr in strengem deduktivem Beweise die Bewegungen ab.“
Dieses „Abbilden“ der Wirklichkeit (naturam rerum depingimus)
ist nicht als blosses Kopieren zu verstehen: es bezeichnet, wie
bei Leonardo da Vinci, das freie geistige Vorbild, mit dem wir
an die Welt der Wahrnehmung herantreten.4) Wiederum können
wir uns hier das logische Verhältnis durchaus nach der Analogie
von Keplers ästhetischen Grundlehren verdeutlichen: wie die
        <pb n="277" />
        Die astronomische und die physische Hypothese. 265

Harmonie nicht in den Tönen selbst liegt, sondern erst von
unserem Geiste erschaffen wird, so bringt erst die gedankliche
Regel Einheit und Zusammenhang in das Chaos der Empfindungen.
 Was uns unmittelbar gegeben ist, sind stets nur Zeichen
und „Symptome“, nicht die inneren Gründe der Naturvorgänge;
diese sind niemals durch direkte Wahrnehmung, sondern nur
durch Vernunftbegriffe zu fassen, die wir hypothetisch aufstellen,
um sie nachträglich in ihrer Fruchtbarkeit für die künftige Beabachtung
 zu bewähren.4®) In dem Motto, das er seiner Schrift
über die Marsbewegungen voranstellt, nimmt Kepler scherzend
den Lehrstuhl des Petrus Ramus, den er demjenigen versprochen
 hatte, dem es gelingen würde, eine Astronomie ohne
Hypothesen zu schaffen, für sich in Anspruch. Ein Brief an
seinen Lehrer Mästlin gibt hierzu die Begründung und den
Kommentar. Besagt die Forderung nur die Verwerfung aller
Annahmen, die, statt sich auf wissenschaftliche Beweise zu
stützen, blinden Glauben verlangen, so ist sie durch Copernicus
und durch ihn selbst, als dessen echten Nachfolger. erfüllt:
verlangt sie indes die Ausschaltung der Hypothesen überhaupt,
der wahren und naturgemässen, wie der willkürlichen und erdichteten,
 so ist sie grundlos und töricht: eher aber — fügt
Kepler launig hinzu — müsse er für sich selbst eine königliche
Professur in Anspruch nehmen, als er sich entschliessen könne,
den Ramus einen Toren zu nennen.“) Der Astronomie den
Gebrauch der Hypothese zu versagen, hiesse ihr den Lebensnerv
abschneiden, hiesse den astronomischen Begriff selbst entwurzeln.
 —
Hier liegt denn auch die scharfe Grenzscheide, die Keplers Harmoniebegriff
 von der Neuplatonischen und Neupythagoreischen
Conception des Alls sondert, mit der er anfangs noch eng verbunden
 und verquickt scheint. Die Mathematik als solche und
ohne schärfere logische Bestimmung und Kennzeichnung vermag
die Trennung nicht zu vollziehen: war sie doch innerhalb der
Renaissance, und noch zuletzt bei Agrippa von Nettesheim,
selbst in den Dienst der Mystik und Magie gedrängt worden.
Der Versuch, die Wirklichkeit in reine Zahlenverhältnisse aufzu-{ösen,
 führt zu blossen allegorischen Spielen, wenn er sich nicht
von Anfang an in den Dienst der strengen, kausalen Ana-
        <pb n="278" />
        266 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

Iyse der Naturvorgänge stellt, wenn er die Mathematik nicht als
eine Bedingung der empirischen Gesetzeserkenntnis verstehen
 und brauchen lehrt. Kepler selbst hat die geschichtliche
Aufgabe, die ihm an diesem Punkte zufiel, mit unübertrefflicher
Klarheit durchschaut und ausgesprochen. Wenn er dem Verhältnis
 des „goldenen Schnitts“ allgemeine spekulative Wahrheiten
abzugewinnen sucht, wenn er es bis in die Wirkungen der organischen
 Natur, bis in die Entstehung und Bildung der Pflanzen
hinein verfolgt — so bleibt er sich bei alledem bewusst, dass
die „Wahrheit“ der Naturdinge in der Anhäufung derartiger Analogien
 nicht ergriffen wird. „Auch ich spiele mit Symbolen und
habe ein Werk ersonnen, das den Titel „Cabbala geometrica“
‚ühren und von den Ideen der Dinge handeln soll, soweit sie sich
in der Geometrie finden. Aber ich spiele so, dass ich niemals
 vergesse, dass es sich nur um ein Spiel handelt.
Denn durch Symbole wird Nichts bewiesen; kein Geheimnis der
Natur wird durch geometrische Symbole enthüllt und ans Licht
gezogen. Sie liefern uns nur Ergebnisse, die schon zuvor bekannt
waren; — wenn nicht durch sichere Gründe dargetan wird, dass
sie nicht lediglich Gleichnisse sind, sondern die Art und die Ursachen
 der Verknüpfung der beiden mit einander verglichenen
 Dinge zum Ausdruck bringen.%) Und wie Kepler hier gegen
diejenigen kämpft, die sich kraft der mathematischen Symbole
der physikalischen Ursachenforschung für überhoben halten, so
muss er sich auf der anderen Seite gegen ’eine Ansicht wenden,
die das lebendige Sein der Natur unabhängig von der idealen
Begriffswelt der Mathematik ergreifen zu können wähnt. Die
Natur soll — wie der Mystiker Robert Fludd es gegen Kepler
ausspricht — direkt in voller Gegenständlichkeit erfasst, nicht
aus den Abstraktionen des Denkens bestimmt werden. Die
Antwort, die Kepler hierauf erteilt, beleuchtet den neuen Begriff
der Wirklichkeit. Jeder Beweis und jede deduktive Ableitung
muss in abstrakten Begriffen erfolgen, die indes die realen Vernältnisse
 der Dinge vollständig ausdrücken und widerspiegeln,
„denn was könnte einander ähnlicher sein, als das Abbild dem
Urbild?“ Wenn Fludd zur Erkenntnis der Wesenheit der Dinge
auf höhere Prinzipien, als die mathematischen verwiesen hatte,
so gesteht Kepler, dass ihm das „nakte Innere“ der Substanzen,
        <pb n="279" />
        Mathematische und mystische Naturanschauung. 267

ohne Vermittlung ihrer Relationen und Eigenschaften, verschlossen
 sei: unter diesen letzteren aber stehen, wofür er sich
auf Aristoteles selbst berufen kann, die Beziehungen der Quan-Ljtät
 an erster Stelle. Gegen den Einwurf aber, dass der notwendige
 Zusammenhang, der hier zwischen Mathematik und
empirischer Forschung gefordert wird, auf eine Vermischung der
Grenzen beider Forschungsarten hinauslaufe, führt er — wie
später Galilei — das Platonische Wort an, dass Arithmetik und
Geometrie, die abstrakten Grundwissenschaften von Zahl und
Form, die Flügel der Astronomie seien, vermöge deren sie sich
allein zur Erkenntnis der Ordnung der Sinnendinge aufzuschwingen
vermöge.4) In diesem Gedanken fühlt er sich als den berufenen
Fortbilder der antiken Wissenschaft und Philosophie im Gegensatze
 zu all denen, die von beiden nur einige zufällige und
äusserliche Bestimmungen übernehmen, während sie die eigentlichen
 Grundmotive preisgeben.®) .Den „Paracelsisten“ und „Alchymisten“
 mag es überlassen bleiben, die Natur in sinnlichen
Bildern und Gleichnissen zu beschreiben und fassen zu wollen:
die Wissenschaft beginnt erst, wo das Bewusstsein. herrschend
wird, dass das Auge ohne das Hilfsmittel der mathematischen
Beweisgründe blind ist. Es ist, bis auf den Ausdruck genau,
Jlieselbe Anschauung und dieselbe logische Wendung, wie sie Sokrates
 im Phaedon vertritt. (S. ob. S. 243.) Die Forderung, die
Wirklichkeit durch den Gedanken „abzubilden“, gelangt hier zu
schärferer Unterscheidung und Abhebung. Auch der Mystiker
strebt nach einer Abschilderung des Wirklichen; — aber. statt
Hypothesen, die der Kontrolle und Gerichtsbarkeit des Denkens
unterstehen, sind es Hieroglyphen, deren er sich bedient: Gestalten
 und Zeichen, die bei all ihrer anschaulichen Lebendigkeit
dem Urteil des Verstandes undurchdringlich bleiben.”) So entsteht
 eine Umkehrung aller logischen Wertverhältnisse, die sich
bei Robert Fludd naiv ausspricht, wenn er die Erkenntnis der
Quantitäten als ein „Wissen von Schattenbildern“ verwirft, das
nirgends bis zum eigentlichen physischen Sein der Dinge vordringe.
 In dieser Geringschätzung des Erkenntnismittels der Grösse
stellt sich die Verachtung bloss, die der Theosoph für die Natur
und ihre „niedere“ empirische Wirklichkeit empfindet. Die astronomische
 Forschung, die sich darauf beschränkt. die Bahnen der
        <pb n="280" />
        268 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Keßler.

Himmelskörper, somit die blossen Accidentien geschaffener Dinge
zu beschreiben, vermag nach ihm an die Metaphysik der ewigen
und unvergänglichen Substanzen nicht heranzureichen. Wieder
deckt Kepler den tiefsten Unterschied der Denkrichtungen auf,
wenn er betont, dass sein Gegner darauf ausgehe, die inneren
Tätigkeitsweisen der Naturwesen zu verstehen und in Klassen
zu ordnen, während er sich begnüge, die äusseren, durch die Erf{ahrung
 selbst gegebenen Bewegungen zu betrachten. „Ich erf[asse,
 wie Du sagst, die Wirklichkeit am Schwanze, aber ich
halte sie in der Hand; Du magst immerhin suchen, ihr Haupt
zu ergreifen, wenn es nur nicht bloss im Traume geschieht. Ich
bin mit den Wirkungen, d. h. mit den Bewegungen der Planeten
zufrieden; kannst Du dagegen in ihren Ursachen selber so durchsichtige
 harmonische Verhältnisse finden, als ich sie in den Umläufen
 gefunden habe, so ist es billig, dass ich Dir zu dieser Entdeckung
 und mir zu ihrem Verständnis Glück wünsche, sobald
ich nur einmal imstande bin, sie zu verstehen‘.#)
Derselbe typische Denkgegensatz, der uns früher bei Leonardo
 da Vinci und Fracastoro begegnete, tritt uns hier von
neuem in grösserer Energie und Klarheit entgegen. Und diese
Wiederkehr ist nicht zufällig, sondern weist auf einen fundamenialen
 Widerstreit in der Geschichte des Denkens zurück. Es ist
in der Tat nicht nur die Mystik, gegen die Kepler hier anzukämpfen
 hat: es ist die gesamte Aristotelisch-scholastische Weltansicht
 der substantiellen Formen, die damit gleichzeitig getroffen
wird, Kepler selbst sieht seinen Unterschied von Aristoteles darin,
dass dieser, da er über die Geometrie hinaus nach einer höheren
und allgemeineren Wissenschaft strebte, von einem ersten formal-logischen
 Gegensatze, dem der Identität und Verschiedenheit
 seinen Ausgang genommen habe. Ihm dagegen sei alle Verschiedenheit
 in der Materie gegründet: wo immer aber von Materie
 die Rede sei, da beginne auch die unumschränkte Herrschaft
 der Geometrie. Während es daher zwischen den Gliedern
 des Aristotelischen Gegensatzpaares kein Mittleres gibt, sei es
das Auszeichnende der mathematischen Beirachtungsweise, dass
sie eine derartige Vermittlung und einen stetigen Uebergang
zwischen den Elementen zulässt und fordert: der „Einheit“ tritt
nicht die nackte „Andersheit“, sondern in einer doppelten Unter-
        <pb n="281" />
        Die Kritik der Aristotelischen Natıtransicht. 269

scheidung das „Mehr“ und „Weniger“ gegenüber.) An die Stelle
der absoluten Gegensätze der Ontologie treten die relativen
Richtungsgegensätze der wissenschaftlichen Betrachtung und Bearteilung.
 Es ist ein Grundzug von Keplers Darstellungsart, dass
er — hierin Galilei ungleich — die neuen Gedanken noch überall
 an die Tradition der Schule anzuknüpfen sucht: hier sehen
wir, wie selbst der alte Thomistische Satz, dass die Materie das
principium individuationis sei, in seinen Händen zur Waffe für
sein geometrisches Erkenntnisideal wird. Der Gegensatz tritt dadurch
 nur um so schärfer hervor: auf der einen Seite das Denken
 der Hypothese, auf der anderen eine Welt lebendiger Wesenheiten,
 die nach immanenten Zwecken tätig sind; hier ein Inbegriff
 intellektueller Prinzipien, dort ein Reich der Intelligenzen
und „Entelechien“. (Vgl. hierzu ob. S. 44ff.) Wenn hier das Sinnliche
 als Grundproblem festgehalten, als instrumentales Mittel
der Wissenschaft dagegen nur in seiner Korrektur durch die reine
Mathematik anerkannt wird, so gilt es bei den Gegnern als das
echte Fundament der Erkenntnis, während doch das endgültige
Ziel des Erkennens auf eine übersinnliche Wirklichkeit gerichtet
bleibt. Wir werden sehen, wie in der Steigerung und immer
schärferen Herausarbeitung dieses Widerspruchs das moderne
Denken zuerst zum Bewusstsein seiner neuen Aufgabe und seiner
neuen Eigenart gelangt ist.

b) Der Begriff der Kraft.
Die moderne Wissenschaft der Natur wurzelt in einer neuen
Gestaltung und logischen Grundlegung des Kraftbegriffs. Die
Einzelphasen, die dieser Begriff in seiner Entwicklung durchläuft,
bilden die konkreten geschichtlichen Symptome für die Aenderung,
 die sich in der allgemeinen Auffassung des Verhältnisses
zwischen Denken und Sein vollzieht. Es ist der Vorzug der
neueren Zeit, dass sie das Problem sogleich in dieser bestimmten
Fassung ausspricht: nicht die „Substanz“, sondern die Kraft ist es,
in der ihr Begriff des Seins sich von Anfang an konstituiert.
Schon den ersten Vorbereitungen und Vorstufen ist dieser Grundzug
 eigen: schon die Naturphilosophie beginnt mit der Kritik und
        <pb n="282" />
        270 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

Weiterbildung des Aristotelischen „Potenzbegriffs“.. Die Wirklichkeit,
 wie sie sich in ihrem Bilde darstellt, wird durch keinen einzelnen
 ruhenden Zustand bezeichnet; ihre Wesenheit enthüllt sich
allein in dem Wechselspiel und Widerstreit von Prozessen und
Kräften. Zu erkennen, wie Natur im Schaffen lebt, wie sie
nach künftigen, immer erneuten Gestaltungen und Daseinsformen
trachtet, bildet das Ziel der Forschung. So verschmilzt der Begriff
 der Kraft mit dem des Lebens; die Welt der Objekte wird
erst verständlich, wenn wir sie als Aeusserung eines immanenten
Lebensgefühls deuten. (S. ob. S. 193 ff.)
Diese Grundanschauung, die die gesamte Naturbetrachtung
durchdringt, findet. in der Astronomie — zu der Zeit, da Kepler
mit seinen Untersuchungen beginnt — ein genaues Korrelat und
eine neue Stütze. Wenn das moderne Denken in ihr vor allem
das theoretische Musterbeispiel der mechanischen Notwendigkeit
 und Gesetzlichkeit sieht, so muss auf dieser geschichtlichen
Stufe der Schluss die umgekehrte Richtung nehmen: überall, wo
durchgängige Ordnung und Verknüpfung der Erscheinungen,
wo eine strenge Regel der Wiederkehr besteht, da müssen ursprüngliche
 seelische Prinzipien die Herrschaft führen. Die
Planetenbewegung bildet das gewisseste und unmittelharste Beispiel
 für die Wirksamkeit der „Formen“ und geistigen Wesenheiten.
 Da der Umschwung der Himmelskörper kreisförmig und
somit ewig ist, so bedarf er zu seinem Fortbestand eines ewigen
Bewegers; da er sich ferner in mannigfacher und wechselnder
Weise vollzieht, so muss es notwendig eine individuelle Unterscheidung
 und Abstufung der geistigen Substanzen geben, denen
lie Leitung der verschiedenen Bahnen anvertraut ist.5) So durchzreifend
 und allgemein ist diese Ansicht, dass der Streit der
Schulen, wie heftig er sonst von allen Seiten geführt wird, vor
ihr verstummt: noch Giordano Bruno kann es aussprechen, dass
28 keinen Philosophen von Bedeutung gibt, der nicht die Welt
und ihre einzelnen Sphären in irgend einer Weise als belebt ansieht.®)
 Nicht nur das theoretische, auch das ästhetische Weltbild
 der Zeit wurzelt in dieser Grundanschauung: man braucht
nur an die grandiose Vision zu denken, in der Dante im Einzang
 des Paradiso die Einheit und Verknüpfung der Himmelskreise
 und ihrer „seligen Beweger“ erschaut. In den Anmerkun-
        <pb n="283" />
        Kraftbegriff und Seelenbegriff.

271

gen zum „Mysterium Cosmographicum“ schildert Kepler, wie er
selbst anfangs noch völlig in dieser Denkrichtung und insbesondere
 in Scaligers Lehre von den führenden Intelligenzen befangen
 gewesen sei: aber er hat hier zugleich das lösende Wort
gefunden, das ihn für immer von dieser Ansicht scheidet. „Als
ich erwog, dass die Bewegungsursache der Planeten mit ihrem
Abstand von der Sonne abnimmt, in derselben Weise, wie
das Licht mit der Entfernung von der Sonne schwächer wird: so
schloss ich daraus, dass diese Ursache etwas Körperliches
sein müsse.“ Die Anschauung des Jugendwerkes, dass die Wirksamkeit
 der Planetenseelen sich abschwäche, je weiter der Planet
vom gemeinsamen Centrum abstehe, enthält, wie Kepler näher ausführt,
 bereits den Keim des Prinzips in sich, auf dem sich später
die Beobachtungen über die Marsbewegungen und die gesamte Physik
 des Himmels aufbauen sollten: mit dem einzigen Unterschied,
dass an Stelle des Seelenbegriffs, wie er dort gebraucht worden
sei, der Kraftbegriff treten müsse. Kraft und Seele, die zuvor
synonym als Bezeichnungen und Unterarten derselben logischen
Gattung gebraucht wurden, treten somit jetzt als begriffliche
Gegensätze einander gegenüber. Und derselbe Gedanke spricht
sich in verändertem Ausdruck aus, wenn die „geistige“ Wirksamkeit
 von der „natürlichen“ scharf geschieden und diese
letztere einem eigenen Prinzip und einer selbständigen Gerichtsbarkeit
 unterstellt wird. In dieser doppelten Entgegensetzung
bestimmt und entfaltet sich der Begriff der „Naturkraft“ in seiner
streng begrenzten Bedeutung. Die neue Wendung stellt sich,
nach aussen hin, am deutlichsten in dem Grundbegriff der
Energie dar, der hier zuerst aus seiner Verwandtschaft mit der
„Entelechie“ und substantiellen Form gelöst und zu seiner
modernen Bedeutung umgestaltet wird.) Kepler spricht das
Problem sogleich in jener schärfsten dialektischen Zuspitzung
aus, in der es seither durch die neuere Philosophie geht: nicht
wie ein göttliches Lebewesen, sondern nach der Analogie eines
göttlichen Uhrwerks ist der Bau der Welt zu begreifen.°)
Wenn auch fürderhin noch bisweilen von einer Beseelung der Gestirne,
 und insbesondere der Sonne, die Rede ist, so handelt es
sich, wie ausdrücklich betont wird, um ein Spiel der ästhetischen
Phantasie, nicht um einen Gedanken von objektiver wissenschaft-
        <pb n="284" />
        272 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

iicher Bedeutung und Notwendigkeit.®) Wie man sieht, ist es
eine methodische Erwägung, die Kepler zu diesem Ziele hin-‚eitet:
 die Ermittlung der mathematischen Abhängigkeit,
die zwischen den Entfernungen und den Geschwindigkeiten der
ainzelnen Planeten besteht, entscheidet darüber, dass die bewegende
 Ursache als ein physisches Sein anzusehen ist. Nicht
als Körper im eigentlichen Wortsinne, nicht als Stoff soll sie
gedacht werden, wohl aber ist sie ihrem ganzen Sein und ihrer
ganzen Bedeutung nach auf die Körperwelt bezogen und mit
ihr unter ein und derselben umfassenden Gesetzlichkeit enthalten.)
 Zur „Natur“ — im neuen Sinne dieses Wortes — gehören
 nur solche Prozesse, die durch eine feste Regel der
Grössenbeziehung mit einander verknüpft und einander
wechselseitig zugeordnet sind: der Funktionsbegriff ist es,
der den Inhalt des Körperbegriffs, wie des Naturbegriffs abgrenzt
und bestimmt.
Bis ins Einzelne hinein wird dieser allgemeine Grundgedanke
durch die Ableitung bestätigt, durch die, in der Schrift über die
Marsbewegung, die beiden ersten Keplerschen Gesetze gewonnen
werden. In strenger und genauer Fügung, wie in einem schulmässigen
 Syllogismus, schliessen sich hier die einzelnen Glieder
der begrifflichen Entwickelung aneinander. Vorausgeschickt
wird das allgemeine „Axiom“, dass zwei Vorgänge, die sich in
all ihren Einzelphasen entsprechen und die gegenseitig in ihren
„Dimensionen“ und Grössenbestimmungen übereinkommen, sich
antweder direkt wie Ursache und Wirkung verhalten, oder abgeleitete
 Folgen ein und derselben, weiter zurückliegenden Ursache
sein müssen. Da die Voraussetzung nun für das Verhältnis
zwischen der Geschwindigkeit des Mars und seinem Abstand
von der Sonne zutrifft, so bleibt nur eine dreifache, logische
Möglichkeit: es kann einmal die vergrösserte Entfernung vom
Zentrum die Ursache der verlangsamten Bewegung, oder umgexehrt
 die Verzögerung der Bewegung die Ursache des vermehrten
Abstandes sein, schliesslich aber beides in einem gemeinsamen
Grunde seine Erklärung finden. Nachdem weiterhin die beiden
letzten Fälle durch Erwägungen logischer und physikalischer
Art von Kepler ausgeschlossen worden sind, bleibt nur der erste
Weg offen: es gilt, eine Vermittlung zu finden. vermöge deren
        <pb n="285" />
        Die logische Bedeutung des Funktionsbegriffs. 273

wir die Kraft des Planeten als Funktion bekannter Grössen, als
abhängig von den gegebenen, numerischen „Elementen“ der Bahn,
darstellen und ableiten können. Die genauere Analyse lehrt
sodann drei Gruppen dieser Elemente unterscheiden: das Maass
der Kraft, die einem Planeten in einem bestimmten Teile seiner
Bahn zukommt, ist gegeben durch die Grösse der Radienvektoren
 für die einzelnen Punkte der Bahn, durch die Länge des
Jurchlaufenen Bogens, wie durch die Zeit, in der die betrachtete
Weglänge zurückgelegt wird.%®) Nicht die innere treibende Ursache
 der Bewegung wird gesucht, sondern der Begriff der Ursache
 selbst löst sich in einen Inbegriff mathematischer Bedingungen
 auf. Wir werden sehen, wie diese prägnante Fassung
der Aufgabe die Entwicklung der speziellen Theorie der
Gravitation bei Kepler Schritt für Schritt bestimmt hat. Zunächst
 -indes müssen wir bei den allgemeinen, spekulativen
Folgerungen verweilen, die in dem Grundgedanken bereits latent
sind. Das Eingreifen übersinnlicher, immaterieller Faktoren in
den Naturprozess ist nunmehr endgültig ausgeschaltet: denn nur
im Gebiet der körperlichen Ausdehnung lassen. sich feste Maassbestimmungen,
 lässt sich somit der neue exakte Begriff der
Kausalität zur Anwendung und Durchführung bringen. Wo
immer der Geist auf die Materie einwirken soll, da müssen —
da er nicht durch „blossen Wink“ den Stoff beherrschen und
meistern kann — zugleich materielle Organe und Vermittlungen
 seiner Tätigkeit aufgezeigt werden: damit aber werden
wir wiederum in die Grössengesetzlichkeit der „Natur“ verstrickt,
die als ein einheitlicher und eindeutiger Zusammenhang jeden
andersartigen Erklärungsgrund entbehrlich macht. Denken wir
uns diesen Gesamtzusammenhang an einer einzigen Stelle gelockert,
 lassen wir auch nur die Mithülfe einer auswärtigen
Instanz zu, So ist damit eine geometrische „Ungewissheit“ geduldet,
 die der wahren göttlichen Verfassung des Universums,
nach der jedes Element aus dem andern in beweiskräftiger
Weise ableitbar sein muss, widerstreitet.®) Mit dieser Grundanschauung
 ist zugleich die Zweckbetrachtung, in ihrem alten
Aristotelischen Sinne, aus der Physik verbannt. Die Physik des
Aristoteles baut sich auf dem Grundgegensatz auf, der zwischen
schweren und leichten Körpern besteht: während jene dem

‘x
        <pb n="286" />
        Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

Mittelpunkt der Welt als ihrem „natürlichen Ort“ zustreben,
wohnt diesen der entgegengesetzte Trieb zur absoluten Aufwärtsbewegung
 nach der Peripherie hin inne. Ein Verhältnis, wie es
hier zwischen Beweger und Bewegtem angenommen wird, widerspricht
 der neuen Grundeinsicht von der logischen und mathematischen
 „Gleichartigkeit“, die zwischen Ursache und Wirkung
bestehen .muss: auf der einen Seite ein blosser Punkt, auf der
anderen ein dreidimensionaler Körper, hier ein Gebilde, das, wie
das angenommene Weltzentrum, lediglich unserer subjektiven
Phantasie sein Dasein verdankt, dort eine physische Masse mit
allen ihren realen .Bestimmtheiten.®) Der neue Kraftbegriff
wurzelt, statt in der vagen Analogie zum sinnlichen Begehren
gegründet zu sein, in dem reinen Erkenntnisgesetz der Zahl:
Kepler selbst spricht es aus, dass er an Stelle der himmlischen
Theologie und Metaphysik des Aristoteles die himmlische
Philosophie und Physik setze, die zugleich eine neue Arithmetik
 der Kräfte in sich schliesse.®) Für die geschichtliche
Problemlage ist es hierbei bezeichnend, dass er sich, um die
Möglichkeit dieser neuen Wissenschaft zu erweisen, vor allem
auf das Beispiel der Statik beruft: die Hebelgesetze sind ihm
das Musterbild, an dem er das Gesetz der Abnahme der Kraftwirkung
 bei wachsender Entfernung vom Zentrum verdeutlicht. %)
In der Tat bot die Statik in der festen wissenschaftlichen Verfassung,
 die sie durch: Archimedes und in der neueren Zeit noch
eben durch Stevin erhalten hatte, den einzigen sicheren Anknüpfungspunkt
 des neuen Gedankens, der indes in seiner Bedeutung
 und Fruchtbarkeit weit über ihre Grenzen hinausreicht.
Es ist das Ideal der modernen Dynamik, das Kepler hier entworfen
 und vorgezeichnet hat.. Er selbst hat die Forderung, die
er gestellt hat, nicht zu erfüllen vermocht: seine Gesetze geben
den vollendeten Umriss der reinen geometrischen Anschauung
und Verfassung des Alls, ohne zur Arithmetik der Grundkräfte,
aus denen es sich gestaltet, vorzudringen. Aber was uns früher
im Verhältnis Keplers zu Galilei deutlich wurde, das findet hier,
wenn wir sein Verhältnis zu Newton betrachten, eine Ergänzung
und Bestätigung: die methodischen Gedanken, die bei diesem zur
wissenschaftlichen Tat wurden, sind bei Kepler bereits. in der
        <pb n="287" />
        Die Arithmetik der Kräfte,

9275

energischen Verfolgung seiner logischen Grundprinzipien, zur
Klarheit und Bestimmtheit erhoben worden. —

Keplers empirische Erklärung der Schwere, in der sich sein
allgemeiner Begriff der Kraft bewährt und mit konkretem Inhalt
erfüllt, knüpft geschichtlich an Gilberts Theorie des Magnetismus
 an. Gilberts Werk „Ueber den Magneten“, das im Jahre 1600
erschien, ist eines der frühesten Zeugnisse des modernen induktiven
 Verfahrens und wird als solches von Kepler und Galilei
gleichmässig hochgehalten. Beide knüpfen nicht nur an die Ergebnisse
 der Schrift an, die sie weiter ausbauen und aus allgemeinen
 theoretischen Gesichtspunkten zu begründen suchen:®)
es ist vor allen Dingen die methodische Denkart des Werkes,
der sie sich — während Bacon sie bezeichnender Weise missachtet
 — innerlich verwandt fühlen. Eine „neue Art des Philosophierens“
 hatte Gilbert selbst in der Vorrede proklamiert: und
in der Tat bildet für ihn wie für jeden tieferen Forscher zu Beginn
 der neueren Zeit der Kampf gegen die Vorherrschaft des
ontologischen Begriffssystems den entscheidenden Ausgangspunkt.
 Aristoteles hat die Verschiedenheit der Bewegung der Elemente,
 auf der seine ganze Physik ruht, auf einen inneren absoluten
 Gegensatz der Richtungen des „Oben“ und „Unten“ gegründet:
 er hat damit eine bloss logische Entgegensetzung fälschlich zu
einem realen Widerstreit von Kräften hypostasiert.®) Durch diese
erste grundsätzliche Verwechslung bestimmt sich der gesamte Charakter
 seiner Naturanschauung. Die Wirklichkeit wird nunmehr
zur abstrakten Phantasmagorie; die echten wirkenden Ursachen
werden durch begriffliche Schemen ersetzt und verdrängt. In der
Astronomie werden die mathematischen Fiktionen der Kreise und
Epicykeln zu existierenden Wesenheiten, zu festen krystallenen
Sphären verdichtet und verdinglicht. Ueberall ist es die willkürliche
 Definition und Bezeichnung, ist es in letzter Instanz somit
das Wort in all seiner schillernden Vieldeutigkeit, das sich immer
wieder an Stelle der wahrhaften Naturdinge schiebt und ihre gegenständliche
 Erfassung hindert: wir haschen statt der Objekte nur
die Schattengebilde der eigenen Einbildungskraft.®) Von dieser Art
sind die „substantiellen Eigenschaften“ und .„„Verwandtschaften“.

5
        <pb n="288" />
        276

Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

mit denen man bisher das Problem der magnetischen Anziehung
zu bezeichnen und zu lösen versucht hat: je allgemeiner diese
Erklärung scheint, um so vager und um so unfruchtbarer erweist
sie sich für die Ableitung der besonderen Phaenomene.®) An
ihre Stelle tritt bei Gilbert zuerst die empirische Theorie der
magnetischen und „elektrischen“ Kraft und die Erkenntnis des
Erdmagnetismus. Und die Untersuchung dieses Problems gewinnt
auch ihm sogleich kosmische Bedeutung, sofern durch sie ein
neuer, allgemeiner Begriff der Attraktion begründet wird. War
bisher die Schwere durch die Tendenz nach dem festen, absolut
ruhenden Erdzentrum erklärt worden, so weist Gilbert nach, dass.
keinem Punkte im Universum irgend ein physischer Vorrang und
eine physische Sonderstellung gebühre. Die Relativität der räumlichen
 Ordnung, die durch das Copernikanische Weltsystem zur
Gewissheit und Deutlichkeit erhoben worden war, schliesst es
aus, dass irgend einer blossen Lagebestimmung, die nichts vor
allen übrigen möglichen Setzungen voraus hat, bestimmte Kräfte
und Tätigkeiten zugeschrieben werden könnten, „Nicht der Ort
ist es, der in der Natur der Dinge wirkt und schafft, der über
Jie Ruhe oder Bewegung der Körper entscheidet. Denn er ist an
sich weder ein Sein, noch eine wirkende Ursache; vielmehr bestimmen
 die Körper sich erst vermöge der Kräfte, die ihnen einwohnen,
 ihre gegenseitige Stellung und Lage. Der Ort ist ein
Nichts, er existiert nicht und übt keine Kraft aus; sondern alle
Naturgewalt ist in den Körpern selbst enthalten und begründet“.®)
So ist auch die Wirkung der Schwere nicht an einen einzelnen
Punkt des Raumes gebunden, sondern geht von allen stofflichen
Massen gleichmässig aus: ohne sie, die nicht nur die irdische
Materie, sondern auch die Sonne und alle übrigen Himmelskörper
bindet und zusammenhält, müsste der Bau und die Ordnung des
Universums sich auflösen.“) Mit dieser Einordnung in das Gebiet
der allgemeinen Naturursachen ist der Gravitation zugleich eine
leste Grössenbestimmtheit und ein gegebener Umkreis ihrer Wirksamkeit
 vorgeschrieben: nicht vermöge ihrer „inneren“ Natur
streben die schweren Körper dem Centrum zu, sondern kraft
einer äusseren Einwirkung, die sich mit der Entfernung abschwächt,
 um bei genügend grossem Abstand völlig zu nichte zu
werden. Im Einzelnen denkt sich Gilbert diese Wirkung, analog
        <pb n="289" />
        Die Theorie des Magnetismus. — Gilbert. 277

den Erscheinungen des Magnetismus und der Elektrizität, durch
ein subtiles Fluidum vermittelt, das vom Mittelpunkte ausströmt
und sich in concentrischen Kugeln von immer geringerer Dichtigkeit
 um diesen herumlegt.”l)
Zwei Punkte sind es, in denen Kepler Gilberts Theorie, die
er in allen wesentlichen Hauptzügen übernimmt, umgestaltet und
vertieft hat: und beide weisen auf einen gemeinsamen Ursprung
zurück. Zunächst wird die Anziehung, die bei Gilbert nur
zwischen der Gesamtmasse eines bestimmten Himmelskörpers
und seinen einzelnen Teilen bestand, in ihrer Leistung und Bedeutung
 erweitert, indem sie als eine Grundkraft erkannt wird,
die über die Sphäre der Einzelkörper hinaus, zwischen den
verschiedenen kosmischen Massen wirksam ist. Kepler hat
hier eine Schranke beseitigt, die selbst für die kühnsten und
entschiedensten Anhänger der neuen astronomischen Weltansicht
noch durchgehend bestand: noch für Giordano Bruno bedeutet
 die Schwere lediglich den Zug der einzelnen Massenteile
zu dem Ganzen, von dem sie sich losgelöst haben, ohne auf die
Stellung und Wechselbeziehung der Himmelskörper unter einander
 von Einfluss zu sein.?) Indem Kepler seinen neuen Begriff
 der Gravitation insbesondere auf das Verhältnis der Erde
zum Mond anwendet, gelangt er damit zu einer Erklärung von
Ebbe und Flut, mit der er den entscheidenden Grundgedanken
der Newtonischen Theorie dieses Phänomens vorwegnimmt.
Dieser Ausdehnung in der empirischen Wirksamkeit des Begriffs
aber entspricht zugleich eine innere inhaltliche Wandlung: denn
noch bei Gilbert waren, so sehr er die dunklen Qualitäten und
Verwandtschaften ablehnt, die psychischen Potenzen nicht prinzipiell
 aus der Naturerklärung ausgeschlossen. Die Ordnung und
Beständigkeit der Planetenbewegung wird auch bei ihm noch
auf die Belebung der einzelnen Himmelskörper zurückgedeutet,
wie ihm denn auch die Konstanz der magnetischen Pole ein
Zeugnis für ein seelisches Prinzip ist, das die Erde in ihrem
Umschwung leitet.®) Für Kepler dagegen, der diese Anschauung
noch häufig und ernsthaft diskutiert, sind es zuletzt eben die Erscheinungen
 des Magnetismus, die ihn zum Bruch mit der alten
Naturanschauung hindrängen; die ihn — wie er selbst charakteristisch
 ausspricht — dazu bestimmen. „von der Seite des Geistes
        <pb n="290" />
        278 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

auf die Seite der Natur überzugehn“.“%) Und es ist wiederum
der gleiche erkenntnistheoretische Grund, der hierfür ange-[ührt
 wird: der Körper, von dem die magnetische Wirkung ausseht,
 wie das Medium, vermöge dessen sie sich fortpflanzt, sind
beide als feste Quanta bestimmt, gehören daher der immanenten
Gesetzlichkeit der Mathematik und der „Natur“ an.%®) Hierin
aber liegt zugleich ein neues Moment und eine neue Bestimmtheit.
 Der Begriff der Funktion, der uns als logisches Vorbild
und Richtmaass dient, sagt lediglich eine wechselseitige Bedingtheit
 von Grössen aus, ohne an sich darüber zu entscheiden,
welches der beiden Elemente wir als die unabhängige, welches
als abhängige Variable denken sollen. Die Beziehung, die er
ausspricht, ist rein umkehrbar: die Schwere ist somit — wenn
wir den allgemeinen mathematischen Gedanken auf das konkrete
Problem anwenden und in die Sprache der Physik übertragen —
als strenge Wechselwirkung zu fassen nnd zu definieren. Die
Erde zieht nicht nur den Stein, sondern auch der Stein die Erde
an, sodass beide mit einer Geschwindigkeit, die im umgekehrten
 Verhältnis zu ihrer Masse steht, sich einander zu nähern
trachten.?) Das analoge Verhältnis gilt für die Beziehungen der
Himmelskörper; auch hier ist z. B. durch die Gravitation ebensowohl
 eine Bewegung der Erde gegen den Mond, wie eine
Bewegung des Mondes gegen «die Erde gesetzt und gefordert.”)
In diesem Gedanken der Relativität erst wird der Animismus
andgültig entwurzelt. Die schlechthin „inneren“ Kräfte der Metaphysik
 schwinden: keine Kraft gehört mehr einem einzigen
„Suhjekt“ an und für sich an, sondern sie enthält in ihrer Definition
 bereits die notwendige Beziehung auf ein zweites „äusseres‘“
Element. Der Relationsbegriff ist es, der den Kraftbegriff nötigt,
gleichsam aus sich selber herauszutreten und sich in einer reinen
mathematischen Proportion zu bezeugen, Die Frage und das
Interesse wendet sich daher von dem Kraftbegriff dem Kraftgesetz
 zu: zum ersten Mal wird hier die Aufgabe gestellt, die
numerische Regel zu finden, nach der die Schwere sich mit dem
Abstand vom Zentrum ändert. Der Gedanke, dass die Grösse der
Anziehung dem Quadrat der Entfernung umgekehrt proportional
ist, wird hierbei ausdrücklich ausgesprochen und in Erwägung
zezogen; er wird schliesslich nur deshalb verworfen. weil nach
        <pb n="291" />
        Die Theorie der Gravitation,

279

Keplers Vorstellungsart die Schwere sich nicht wie das Licht,
nach allen Richtungen des Raumes gleichmässig, sondern nur
innerhalb der Ebene der Planetenbahnen fortpflanzt, somit ihre
Abnahme, wie es scheint, im einfachen Verhältnis des Abstandes
erfolgen muss. So hat er zuletzt das Newtonische Grundgesetz
allerdings nicht erreicht: „nichtsdestoweniger darf man schon
die blosse Erwägung der Gründe, warum die Wirkung der Sonne
auf die Planeten nicht, wie sich Kepler selbst einwirft, umgekehrt
proportional dem Quadrate der Entfernung sei, als die genialste
Anregung und das erste historische Auftreten des Grundgedankens
 des Gravitationsgesetzes ansprechen. Er hat
tatsächlich den Satz, dass die Körper proportional der Masse
und umgekehrt proportional dem Quadrate der Entfernung
wirken, zur Diskussion gestellt; und dass er für ein anderes
Wirkungsgesetz sich entschied, war für die Entwickelung des
Gravitationsgedankens bei weitem nicht so hemmend, als der
ganze Gedankengang selbst fördernd, zumal die klarere Fassung
der mechanischen Begriffe von selbst auf die Aufhebung der
Mängel führen musste, welche Keplers Ideen noch anhafteten“
‘Lasswitz).®) Wenn die Geschichte der Physik dieses Urteil fällt,
so muss die Geschichte des Erkenntnisproblems immer von
neuem auf das Faktum verweisen, dass das Ergebnis von Keplers
empirischer Forschung in der genauen, geradlinigen Fortsetzung
zeines philosophischen Grundprinzips erreicht worden ist. —
Indem der Kraftbegriff sich dem Funktionsbegriff und damit
dem Grundgesetz der Mathematik einordnet, zieht er mit Notwendigkeit
 auch seinen Korrelatbegriff in den gleichen logischen
Entwicklungsprozess hinein. Der Begriff der Materie erhält
hier zum ersten Mal in der neueren Zeit seine wissenschaftliche
Gestalt und Festigkeit. Wir sahen, wie selbst bei Telesio, obwohl
dieser den Grundgedanken der Erhaltung des Stoffes ausspricht,
 die Abstraktion, die zu dem strengen Begriff der Materie
hinführt, noch nicht endgültig vollzogen, das Problem somit nicht
in voller Reinheit bestimmt und abgegrenzt war. (S. ob, S. 213.)
Der Weg zu dem neuen Begriff der Materie führt durch den
Begriff der Masse, damit aber mittelbar wiederum durch den
Grössenbegriff hindurch, In dem Wirkungsgesetz der Attraktion,
Jas Kepler formuliert. begegnen uns die „Massen“ der Planeten
        <pb n="292" />
        280 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

zunächst 'als reine Zahlenwerte, als Faktoren, die sich mit dem
Gegenfaktor der anziehenden Kraft durchdringen und zu einem
eindeutigen quantitativen Endergebnis bestimmen. Wenn den
Himmelskörpern keine „natürliche Trägheit“, wenn ihnen nicht
„eine Art von Gewicht“ zukäme, so bedürfte es keiner Kraft,
um sie von der Stelle zu bewegen und die geringfügigste äussere
Ursache würde genügen, ihnen eine unendliche Geschwindigkeit
zu verleihen. Nun aber, da wir sehen, dass der Umlauf der
Planeten in fest bestimmten Zeiten, dass er bei den einen langsamer,
 bei den andern schneller erfolgt, werden wir notwendig
dazu gedrängt, das Moment des „Widerstands“ der Materie einzuführen,
 vermöge dessen sich jene Verschiedenheit zu exakter
Darstellung und Berechnung bringen lässt.) Es ist charakteristisch
 für die Neuheit des Gedankens, wie Kepler hier noch
überall mit dem Ausdruck zu. ringen hat, wie er insbesondere
den Begriff der Masse das eine Mal durch die Analogie zum
‚Gewicht“ zu verdeutlichen, auf der anderen Seite jedoch eine bestimmte
 Unterscheidung zwischen beiden Momenten festzuhalten
sucht.®) Auch der Ausdruck der „Trägheit“ entwickelt sich erst
allmählich und schrittweise aus einem sinnlichen Bilde zu der
Bestimmtheit eines festen, mathematischen Prinzips; zu einem
begrifflichen Merkmal, das uns gestattet, die Körper, vermöge
ihrer verschiedenen Reaktion auf ein und dieselbe Bewegungsarsache,
 zu unterscheiden und innerhalb des Gesamtsystems als
’ndividuell abgegrenzte Einheiten zu behaupten. Es ist ausserordentlich
 lehrreich zu verfolgen, wie sich der neue Gedanke aus
ainem alten metaphysischen Gegensatz herausbildet. Kepler
setzt den Begriff der „Materie“ zunächst noch im Aristotelischen
Sinne der reinen „Form“ entgegen —, wobei er unter der Form
jedes bewegende Prinzip, in dem frühesten Stadium der Belrachtung
 also die führenden Intelligenzen der Planeten versteht.
 Indem er nunmehr einen Faktor entdeckt, der dem Antrieb
 zur Bewegung entgegengerichtet ist und widerstrebt, fällt
dieser notwendig dem Gebiete des Stoffes anheim; wobei der
Stoff noch durchaus als eine eigene, metaphysische Qualität und
‚Natur“ gedacht wird: als ein Hemmnis, dessen die reine Form
sich zu bemächtigen und das sie zu bemeistern hat. Jetzt aber
setzt eine völlig neue Entwicklung ein: die bewegungserzeugenden
        <pb n="293" />
        Die Entdeckung des Massenbegrifs. 281

Ursachen selbst werden, wie wir sahen, aus geistigen. Prinzipien
zu „Kräften“, somit zu Organen und Gliedern der „körperlichen
Natur“. An die Stelle der Trennung von Materie und Kraft tritt
jetzt ihre notwendige. Entsprechung und Zusammengehörigkeit;
beide stellen nur die verschiedenen Seiten der einheitlichen
mathematischen Kausalität dar.%) Der Begriff des Stoffes dient,
»benso wie der der Kraft, dazu, die Anwendung der Geometrie
 zu ermöglichen: ubi materia, :ibi etiam geometria.®®)
Wir verstehen hier, von..einem neuen Zusammenhange ‚aus, ‚die
veränderte Beurteilung und Wertschätzung, die die Körperwelt,
die somit die „Natur“ im Keplerschen Sinne erfährt. . Gegen Patrizzi
 erhebt Kepler den Vorwurf, dass er, wie alle, die nach den
abstrakten Formen und Wesenheiten haschen, die Materie, „nächst
Gott das einzige und höchste Objekt“, allzu selbstgewiss verachte,
and sich daher notwendig in Sophismen verstricke.®) Das Verhältnis
 von Gott und Natur hat sich gewandelt; Gott ‚tritt nicht
mehr von aussen in die Natur, als einen fremden und unwürdigen
Stoff, ein, sondern die Natur selbst ist es, die kraft ihres eigenen
Wesens, zum Göttlichen. weil zur geometrischen Gesetzlichkeit.
hinstrebt.%) ,
Die individuelle Entwicklung Keplers aber hat an diesem
Punkte allgemein-systematische und vorbildliche Bedeutung. Bis
weit in die neuere Zeit dauert der Kampf, der sich in ihm darstellt,
 fort, und lebt in immer neuen Formen auf. Der Dualismus
 von Kraft und Stoff, der noch heute in logischen
Versuchen zur Grundlegung der Naturwissenschaft ungeschwächt
fortbesteht: er hat, wie man erkennen muss, seine letzte Wurzel
in dem alten ontologischen Gegensatz der Form und Materie.
Die Erkenntnis dieses geschichtlichen Zusammenhangs enthält
zugleich die sachliche Aufforderung in sich, den Widerstreit zu
überwinden, indem beide Momente auf einen einheitlichen Begrifl
Jer „Energie“ bezogen und aus ihm abgeleitet werden.

c) Der Begriff des Gesetzes.
in der Methodik der mathematischen Wissenschaften steht
Jie Geometrie für Kepler an erster Stelle. Sie ist das Muster,
        <pb n="294" />
        282 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

an dem er sich über den Erkenntniswert des Mathematischen
überhaupt orientiert. In dieser Beschränkung zeigt er seine logische
 Meisterschaft. So befestigt und stärkt er modernen Einwänden
 gegenüber von neuem die Autorität Euklids, Von
Petrus Ramus war der Vorwurf gegen Euklid erhoben worden,
lass er die wahre methodische Ordnung verleugne, indem er einen
Inbegriff verschiedenartiger Definitionen an die Spitze stelle, statt
für jedes Einzelgebiet und jedes Einzelproblem erst dann, wenn
es im Fortschritt der gedanklichen Entwicklung erreicht sei, den
besonderen logischen Unterbau zu schaffen. „Bringt doch die
Natur, wenn sie den Wald erschaffen will, nicht erst die Wurzeln
aller Bäume hervor und legt doch der Architekt beim Erbauen
einer Stadt nicht erst den Grund zu sämtlichen Gebäuden“.%)
Gegen eine derart oberflächliche Betrachtung und Beurteilung
führt Kepler wiederum seine tiefere Einsicht in das Wesen der
wissenschaftlichen „Hypothese“ ins Feld. Das ist der Grundirrtum
ler Gegner, dass sie den wahren Sinn der „Elemente“ nicht zu
fassen vermögen: dass sie darunter nur eine vielfältige beziehungslose
 Menge von Begriffen und Theoremen verstehen, die auf alle
Sorten von Grössen anwendbar und für deren wissenschaftliche Behandlung
 tauglich sind. In dieser Auffassung wird der Architekt
les Gebäudes der Geometrie zum blossen Handlanger erniedrigt,
der das Material herbeizuschaffen und allenfalls zu bearbeiten
hat. Für Euklid dagegen liegt die eigentliche Bedeutung des Elements
 nicht in der Materie, sondern in der Form: nicht das
zzor/eiov, sondern die otoryelmwcıc, die Art und Notwendigkeit der
Verknüpfung ist es, die ihn fesselt,8%) Die Geometrie bleibt somit
für Kepler das Vorhild und Richtmaass für jegliche Art begrifflicher
 Deduktion. Die Rangordnung, die das Erstlingswerk Keplers,
das „Mysterium Cosmographicum“, feststellt, bleibt für sein ferneres
 wissenschaftliches Schaffen maassgebend. Die Aufgabe, die
hier gestellt ist, die Struktur des Universums auf die Gestalt der
fünf regulären Körper zurückzuführen, hat sich allmählich vertieft
und erweitert; immer aber bleibt der Gedanke herrschend, dass
in den geometrischen Bildern und Formen, die dem Geiste eingegraben
 und mitgegeben sind, der „Archetyp“ der äusseren
Welt enthalten sei. Auch alle Würde, die wir der reinen Zahl
zusprechen mögen, stammt zuletzt und ursprünglich aus der Geo-
        <pb n="295" />
        Die Geometrie als logische Grundvorausselzung . 283

metrie: die abstrakte Zahl, die den Zusammenhang mit der Gestalt
aufgibt und verleugnet, würde damit zum blossen Gattungsbegriff,
in der Sprache des scholastischen Terminismus zum „Conceptus
zsecundae intentionis“ herabsinken. Der Versuch der „Pythagoreer
 und Platoniker“, aus den Beziehungen und Eigentümlichkeiten
 der reinen Zahlen die Welt der Dinge in ihrem substantiellen
 Gehalt aufzubauen, wird daher ausdrücklich verworfen;
- es ist nur bedingt und mit wesentlichen Einschränkungen
richtig, wenn man Keplers Lehre als „empirischen Pythagoreismus“
 bezeichnet hat.#) Gerade dies unterscheidet Kepler von
Descartes, dass er in seiner ganzen Denk- und Forschungsart noch
durchaus in der synthetischen Geometrie der Alten wurzelt,
während bei diesem zwar gleichfalls das Raumproblem im
Mittelpunkt steht, jedoch bereits in einer methodischen Umwandlung
 ergriffen wird, durch die es nur als Spezialfall und Beispiel
des Allgemeinbegriffs der Grösse erscheint. —
Den grundlegenden Unterschied der Betrachtungsarten hat
Kepler selbst in seinem Werk über die „Weltharmonie“ bei der
Erörterung der ebenen regulären Polygone mit voller Klarheit
charakterisiert. Wenn wir uns die Aufgabe stellen — so wird hier
ausgeführt — einen gegebenen Kreis durch ein regelmässiges eingeschriebenes
 Vieleck in sieben gleiche Teile zu zerlegen, so finden
wir alsbald, dass sie unlösbar ist, dass es kein geometrisches Verfahren
 gibt, durch das die Seite des verlangten Polygons sich darstellen
 Jiesse. Hier stehen wir unvermittelt vor einer Forderung,
der sich die geometrische Konstruktion versagt, wenngleich sie
sich ihrem rein begrifflichen Charakter nach nicht erkennbar
von andern lösbaren Aufgaben, etwa von der Darstellung des regulären
 Vier- und Fünfecks, unterscheidet. Die algebraische Ana-Iysis
 zwar — (doctrina analytica ab Arabe Gebri denominata
Algebra, Italico vocabulo cossa) — vermag die verlangte Seite
vollständig zu definieren und in einer Gleichung zum Ausdruck
zu bringen; sie darf sie somit als eine feste, von allen übrigen
verschiedene Grösse betrachten. Aber mit dieser Art der Bestimmtheit
 ist über ihre „Existenz“ noch nichts ausgesagt: vielmehr
bleibt hier die Forderung bestehen, dass nur diejenigen Inhalte
„möglich“ sind, die sich durch die Anschauung bewähren lassen,
Kepler knüpft hieran die Mahnung an. die „Metaphysiker“, den
        <pb n="296" />
        284 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Kepler,

alten ontologischen Grundsatz, dass es vom Nicht-Seienden keine
Bestimmungen und Merkmale gebe, zu verbessern: denn hier
liege ja ein Inhalt vor, dem an und für sich kein Sein zukommt,
der aber dennoch durch gewisse Bedingungen umgrenzt ist und
dem bestimmte Eigenschaften wenigstens hypothetisch beigelegt
 werden können, sofern man sagen kann, dass, wenn ein
vegelmässiges Siebeneck in den Kreis eingeschrieben wäre, seine
Seite diese oder jene Beschaffenheit besitzen müsste. Das echte
wissenschaftliche Sein, die „essentia scientialis“ eines Elements
vermag freilich im letzten Sinne allein die geometrische Grund-'egung
 und „Beschreibung“ zu sichern: „scientiae possibilitatem
praecedit descriptionis possibilitas“. Auch ein unendlicher Verstand
 würde von der verlangten Polygonseite keine „Idee“, weil
keine innere Anschauung besitzen.®) Wenn Apelt es als einen
Grundzug des Aristotelisch-scholastischen Begriffs der „substantiellen
 Form“ bezeichnet, dass in ihm zwei, verschiedenartige
Dinge: die Form der intellektuellen Synthesis und die Form der
ügürlichen Synthesis, d. i. Gesetz und Gestalt“ miteinander vereinigt
 seien, so trifft diese Kritik auch Keplers ursprüngliche Ansicht:
 die „Idee“ ist auch bei ihm zunächst noch völlig in die
„Gestalt“ verwoben und in ihre Bedingtheit aufgegangen.
Erst der allmähliche, stetige Gang von Keplers empirischer
Forschung führt dazu, diesen anfänglichen logischen Grundzusammenhang
 und diese Abhängigkeit zu lockern. Kepler selbst
hat wiederholt berichtet, mit welchen inneren Schwierigkeiten
er zu ringen hatte, ehe er sich zu dem Gedanken entschloss, die
absolute geometrische „Vollkommenheit“ der Planetenbahnen
aufzuopfern, die -— wie er annahm — nur in ihrer streng kreisförmigen
 Gestalt bestehen könnte. Noch bei Copernicus begegnet
 uns an diesem Punkte eine naiv-teleologische Ableitung:
die Himmelskörper müssen ihren Umschwung in Kreisen vollziehen,
 damit sie im Akt ihrer Bewegung selbst ihr „Sein“ d. h.
ihre geometrische Form und Begrenzung als Kugelgestalten zum
Ausdruck und zur angemessensten Darstellung bringen. Innerhalb
 dieser reinen kreisförmigen Bahnen aber könnte eine Ungleichförmigkeit
 der Bewegung nur von einer Veränderung
der bewegenden Kraft oder von einer unregelmässigen Gestaltung
des bewegten Körpers herstammen: beides Annahmen, denen
        <pb n="297" />
        Die Gesetzlichkeit des‘ „Ungleichförmigen.“ 285

unser Intellekt widerstrebt und die der besten Verfassung und
Ordnung des Universums unwürdig wären.®) Kepler hat,
indem er „durch die Beobachtungen gezwungen“ zu den elliptischen
 Bahnen überging, durch diese einzige Tat zugleich eine
methodische Grundanschauung entwurzelt; er hat den Gedanken,
der Ordnung und Gesetzlichkeit des Ungleichförmigen
zum ersten Mal zur wissenschaftlichen Wirklichkeit erhoben.
Sein Briefwechsel mit Fabricius, der in Prag unter Tycho
de Brahe sein Jugendgenosse und Mitarbeiter gewesen war und
der, wie er, seine Forschung vor allem auf das Gesetz der Marsbewegung
 richtete, zeigt greifbar und deutlich, dass Keplers Entdeckung
 nur deshalb gelingen konnte, weil ihn die logischen
Fesseln nicht mehr banden, die jener nicht abzustreifen vermochte.
 Fabricius wendet ein, dass die Regel der Planetenbewegung
 so lange nicht gefunden sei, als die Kurve, in der wir
sie darstellen, einen veränderlichen Abstand von der Sonne
und damit eine veränderliche Geschwindigkeit bedinge: selbst
wenn die Erfahrung der Hypothese der Ellipse günstig scheine,
dürfe man daher nicht früher abstehen, als bis man diese „Unrcgelmässigkeit“
 als blossen Sinnenschein erwiesen und sie auf
konstante Kreisbewegungen zurückgeführt habe. ‘ Für Kepler
aber liegt, wie er hierauf scharf und prägnant erwidert, die
gesuchte Konstanz nicht mehr in der Gestalt der Bahn, sondern
in den Prinzipien seiner Mechanik und Physik: konstant ist
die Einwirkung der anziehenden Kraft, konstant das „magnetische“
Vermögen der Sonne, wenngleich ihm seiner Natur nach für jeden
Punkt der Bahn ein anderer zahlenmässiger Wert zukommt.
Das eindeutige Funktionsgesetz, das den Inbegriff der unendlichen
möglichen Veränderungen wie „in einem Bande zusammenknüpft‘“,®)
 bindet und bestimmt den Weg der Planeten sicherer
als die fiktiven Himmelskreise es jemals vermocht hätten. Was
uns wahrhaft gegeben ist, sind einzig die wechselnden Abstände;
wir dürfen diese Grunderscheinung nicht durch Hilfshypothesen
aufheben und verdrängen, sondern müssen sie in ihrer Mannigfaltigkeit
 selbst als Einheit erkennen und aussprechen. Das
Streben nach der „Gleichförmigkeit“ der Natur bleibt bestehen:
aber wir suchen sie nicht mehr in festen geometrischen Gebilden.
 sondern in jener ursprünglichen „Arithmetik der Kräfte“,
        <pb n="298" />
        286 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

nicht mehr im Resultat, sondern in den begrifflichen Komponenten.
 In diesem Sinne führt Kepler das Platonische Wort des
Sv xl xohhd gegen Fabricius an: wie könnte es eine wahrhafte
Einheit geben, die nicht die Vielheit in sich fasste und als Ursprung
 enthielte?®) Der Begriff der Veränderung enthüllt uns
das Sein und Leben der Natur; die Ungleichförmigkeit auch aus
den Erscheinungen verbannen, hiesse die Physik als Wissenschaft
aufheben.®®)
Zu voller Bestimmtheit aber entfaltet sich der neue Grundgedanke
 erst in seiner scheinbaren dialektischen Umkehrung:
denn wie das moderne Erkennen hier die Ungleichförmigkeit
logisch begreifen und rechtfertigen musste, so muss es sie an
anderer Stelle bestreiten und abweisen. Die alte Physik ruht auf
der Anschauung des Gegensatzes der irdischen und himmlischen
Sphäre: auf dem Widerstreit, der zwischen der Unveränderlichkeit
der Himmelskörper und der sublunaren Welt, als dem Schauplatz
des Wechsels und der Vergänglichkeit besteht. Gegenüber diesem
Dualismus zweier physischer Welten gilt es die Einheit und
Unverbrüchlichkeit des neuen Begriffs der Natur hervorzuheben.
 Der Gedanke des Gesetzes schliesst, wenn er die Vielheit
lordert, die „Ausnahme*“ von sich aus: es ist ein und dieselbe
Verfassung des Alls, die uns in jedem seiner Punkte gleichmässig
entgegentritt. Wir dürfen daher von einer gegebenen Einzelerscheinung
 — etwa von dem Phänomen der irdischen Schwere —
ausgehen und dennoch sicher sein, in ihr ein Beispiel allgemeingültiger
 kosmischer Verhältnisse zu besitzen und festzuhalten.
Denken wir uns diese latente Voraussetzung aufgehoben, so
wäre damit der physikalischen Induktion und ihrer Anwendung
 der Boden entzogen. Im Grunde ist diese Anschauung nur
eine Folgerung und ein Muster des Gedankens der durchgängigen
 Relativität, wie er durch das neue astronomische Weltsystem
 allmählich zur Anerkennung und Durchführung gelangt.
Wie wir hier darüber belehrt werden, dass keinem Punkte des
Raumes eine absolute auszeichnende Eigentümlichkeit und Sonderstellung
 zukommt, dass es daher an und für sich gleichgültig ist
von welcher Stelle wir ausgehen wollen, um die Gesamtgesetzlichkeit
 des Universums zu entwerfen und zu konstruieren: so kann
auch im Gebiete der Physik nirgends eine feste, unbedingte Grenz-
        <pb n="299" />
        Die Constanz der Naturgesetze.

287

scheide bestehen, so muss auch hier jeder Teil in gleicher Weise
die Grundregel des Ganzen vertreten und zur Darstellung bringen.
Ptolemäus hatte im „Almagest“, dem Grundwerk der älteren
Astronomie, ausgeführt, dass wir die Entscheidung darüber, was
am Himmel als einfach und naturgemäss zu gelten habe, nicht
in den irdischen Erscheinungen suchen dürften: denn wo ein
diametraler Gegensatz der Gegenstände und Substanzen besteht,
 da kann nicht ein und derselbe Maassstab des Urteils an
gelegt werden. Dieser Ansicht gegenüber betont Kepler, dass die
„Beispiele“ für das Prinzip der Himmelsbewegungen uns überall
in alltäglichen und bekannten Phänomenen unmittelbar vor Augen
liegen. Es heisst den Unterschied, der aus der Eigenart der Objekte
 herstammt, überspannen, es heisst die Kraft der Wissenschaft
 und der astronomischen Hypothese entwurzeln, wenn man
glaubt, dass ein Prinzip, das für uns, für das Urteil der Vernunft
und der Geometrie „einfach“ und grundlegend ist, an den kosmischen
 Phänomenen gemessen diese Geltung und Bedeutung einbüssen
 könnte.®) So sehen wir, wie im Begriff des Naturgesetzes,
 der hier zum ersten Mal in terminologischer Bestimmtheit
 zur Bezeichnung der drei Keplerschen Grundregeln gebraucht
wird,®%) der anfängliche geometrische Gesichtspunkt sich weitet:
indem hier das Moment der Veränderung aufgenommen, das der
allgemeinen und notwendigen Geltung aber nichtsdestoweniger
festgehalten wird, wird damit erst die „Idee“ zum ersten Mal für
das Gebiet der konkreten empirischen Wirklichkeit entdeckt und
fruchtbar gemacht. Immer klarer weisen die Richtlinien von
Keplers Denken auf ein Ziel voraus, das er selbst nicht mehr erreicht
 hat, immer dringender fordern sie ihre einheitliche Zusammenfassung
 in der Logik der Galileischen Physik. —
Auch der Begriff der Ursache nimmt nunmehr an der neuen
Entwicklung teil, die der Begriff des Gesetzes erfahren hat. Das
„Mysterium Cosmographicum“ stellt sich noch durchaus die Aufgabe,
 die Ursachen des „Seins“ und der ruhenden Verfassung
des Universums zu enträtseln: die Zahl, die Ordnung und die
Grösse der Himmelskörper sollen auf ihren wahren Ursprung
zurückgeführt werden. Es soll nicht genügen, alle diese Verhältnisse
 empirisch zu erfassen, sondern es wird ein „apriorischer“
Grund gefordert, der sie aus einem „metaphysischen‘“ Prinzip ab-
        <pb n="300" />
        288 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Kepler.

leitbar macht. ®) Die moderne Physik hat die Unlösbarkeit dieser
Forderung erkannt; sie hat den Ausgangspunkt und die Fragestellung
 Keplers verworfen. Das Gebiet, das sie für ihre Forschung
absteckt, ist nicht das Dasein, sondern das Werden; nicht für
den Gesamtbestand des Alls, sondern lediglich für jede Veränderung,
 die sich in ihm nach immanenter Gesetzlichkeit vollzieht,
 fordert sie die Erklärung und Einsicht aus Gründen. Aber
zs bedurfte eines langen geschichtlichen Weges, ehe beide Fragen,
die noch bei Descartes und Leibniz einander mannigfach
lurchkreuzen, zu scharfer und bestimmter Abhebung und Sonderung
 gelangien. Und man kann sich den logischen Fortschritt,
Jen Keplers Denken stetig vollzogen hat, am deutlichsten vergegenwärtigen,
 wenn man sieht, wie er auch an diesem Prozess,
der seinen Anfängen direkt entgegengerichtet scheint, positiven
Anteil genommen hat. Dass er allgemein das Verhältnis zwischen
Ursache und Wirkung wissenschaftlich durch eine funktionale
Abhängigkeit veränderlicher Grössen dargestellt sehen will, haben
wir bereits verfolgt; aber darüber hinaus ist er auch explicit
zu einer Einschränkung und Berichtigung des früheren Standpunkts
 vorgedrungen, Eine ganze Reihe von Problemen, die das
Mysterium Cosmographicum gestellt hatte, werden von den Erjäuterungen
 zu dem Werk, die von ihm durch einen Zeitraum
von 25 Jahren getrennt sind, mit klarem Bewusstsein beseitigt.
„Ich bin nicht der Erste — heisst es hier — den die unnütze
Frage gequält hat, warum der Tierkreis an eine bestimmte
Stelle des Raumes versetzt worden ist, da ihm doch unendlich
viele andere Lagen hätten angewiesen werden können. Ein ähniches
 Problem findet sich bei Aristoteles: warum bewegen sich
die Planeten in einem bestimmten Sinne, statt im entgegengesetzten?
 , . worauf er selbst die Antwort gibt, dass die Natur
ınter den möglichen Fällen stets das Beste auswähle,
dass es aber den Himmelskörpern besser und vorzüglicher sei,
sich nach vorwärts, als rückläufig zu bewegen. Eine törichte
Auskunft; — denn bevor die Bewegung, bevor die Körper existierten,
 gab es keinen Unterschied des Sinns und der Richtung,
gab es kein Vor- und Rückwärts.“ Auch die Berufung auf Analogien
 des Alls mit einem Lebewesen, dem sein Bau aus Gründen
der organischen Erhaltung vorgeschrieben sei, führt hier nicht
        <pb n="301" />
        Der Grund des Seins und das Gesetz des Werdens. 289

weiter: beim Bau des Menschen z. B. müsse sich von neuem die
Frage wiederholen, warum seine Gliedmaassen ihre bestimmte,
tatsächliche Anordnung und nicht die umgekehrte, die sie im
Spiegelbilde besitzen, erhalten haben.®%) Man wird hier sogleich
an die verwandten Probleme erinnert, die im Briefwechsel zwischen
 Leibniz und Clarke diskutiert werden, ja die noch bis zu
Kants Abhandlung vom „Unterschied der Gegenden im Raume“
fortwirken. Die Antwort aber, die Kepler gibt, bekundet die reife,
prinzipielle Einsicht, die er nunmehr erlangt hat: es ist müssig,
die Welt als eine von verschiedenen „Möglichkeiten“ zu denken
und den Gesichtspunkt der Wahl auf sie anzuwenden, da sie uns
in ihrer Gesamtheit nicht als Exemplar eines Gattungsbegriffes,
sondern nur einmal in eindeutiger empirischer Bestimmtheit und
Gesetzlichkeit gegeben ist: „comparatio locum non habet mundorum,
 ubi unus solus est“.®”) So hat Kepler zuletzt gegenüber
den ontologischen Fragen, die selbst Leibniz noch zu täuschen
vermochten, die treffende Abwehr gefunden, weil es im letzten
Grunde die Einheit der Erfahrung und ihrer Prinzipien ist, die
er verficht.

3. Galilei.
In der Geschichte des modernen Geistes gehört der Briefwechsel
 zwischen Kepler und Galilei zu den anziehendsten und
charakteristischsten literarischen Zeugnissen. Die Kraft des
neuen wissenschaftlichen Bewusstseins und die sittliche Rückwirkung,
 die aus ihm floss, stellt sich hier an einem vollendeten
Beispiel dar. Es bleibt für immer denkwürdig, wie die beiden
Begründer der mathematischen Naturwissenschaft trotz aller
äusseren Einwirkungen und Intriguen, die sie zu entzweien
trachten, sich alsbald in dem gleichen sachlichen Ziele und
dem gleichen philosophischen Eros, der der persönliche
Urquell ihrer Entdeckungen ist, zusammenfinden. Der Briefwechsel
 knüpft an Galileis Entdeckung des Fernrohrs und an die
neuen Himmelsbeobachtungen an, die sich unmittelbar an sie
anschlossen. Wir sehen, wie diese Beobachtungen, in denen
Galilei selbst die letzte empirische Bestätigung für die Wahrheit
        <pb n="302" />
        AU

Diz Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei,

Jes neuen Weltsystems sieht, von allen Seilen und mit allen
Mitteln bekämpft werden, wie selbst der Zweifel an der subjekven
 Wahrhaftigkeit Galileis sich hervorwagt und immer von
neuem laut wird. Nicht nur die Gegner der Copernikanischen
Lehre, auch ihre festesten und frühesten Anhänger, wie Keplers
Tübinger Lehrer Maestlin, sind in diesem Verwerfungsurteil
ainig. An Kepler selbst drängt sich immer von neuem die Zumutung
 heran, sich bestimmt gegen die neuen Ergebnisse zu erklären;
 ja ein früherer Schüler von ihm, Martin Horky, glaubt
sich durch eine Schmähschrift, die er gegen Galilei richtet, seinen
Beifall verdienen zn können. Sogleich indes bricht Kepler jede
Gemeinschaft mit ihm ab: nichts könne ihm schmerzlicher
sein — schreibt er in seinem ersten Briefe — als das Lob eines
Mannes, der in seiner Beurteilung Galileis sein Unvermögen,
wahre geistige Grösse zu schätzen; so offen bekundet habe. Und
es bleibt nicht bei dieser persönlichen Annäherung: sondern es
irängt ihn dazu, öffentlich für den Charakter Galileis und für
lie Wahrheit seiner Beobachtungen Zeugnis abzulegen. Er setzt
sofort sein ganzes wissenschaftliches Ansehen für dieses Ziel ein:
noch ehe er das neue Instrument mit eigenen Augen geprüft hat,
ist er — der als der Begründer der modernen Optik die theoreschen
 Grundlagen der Entdeckung sogleich durchschaut — von
seinem Werte überzeugt und sucht ihn gegen die „grämlichen
Krittler des Neuen“, denen alles unerhört heisst, was über die Enge
des Aristotelischen Systems hinausliegt, zu verteidigen. In der
schlichten Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit, die den Grundzug
seines persönlichen und wissenschaftlichen Wesens bildet, gesteht
er sogleich eigene, ältere Irrtümer ein, die nunmehr durch die
neuen Erfahrungen berichtigt seien. Ein Zweifel an diesen aber
kann ihm nicht aufkommen: schon der Stil Galileis bürgt
ihm für ihre Sicherheit. Der Stil Galileis: das ist der Ausdruck
und Reflex der methodischen Denkart. die Kepler als die seinige
wiedererkennt.®)
Diese Gemeinsamkeit bewährt sich zunächst in negativer
Richtung in der Stellung, die Kepler sowohl wie Galilei zum
herrschenden Schulsystem einnehmen. Es ist literarisch interessant
 zu verfolgen, wie beide sich gegenseitig die Waffen schmieden
 und darreichen, mit denen sie die Ueberlieferung bekämpfen:
        <pb n="303" />
        Der Kampf gegen die Syllogistik.

291

wie hier ein bezeichnendes Argument, das der Eine prägt, von
dem Andern aufgegriffen und weitergeführt wird, wie dort eine
epigrammatische Wendung des Einen noch nach Jahren in den
Schriften des Andern fortklingt und nachwirkt. In solchen Zusammenhängen
 enthüllt sich uns gleichsam die Stilgeschichte der
neueren Wissenschaft. ®) Einig sind beide vor allem in dem
Streit gegen die Syllogistik und ihren Geltungsanspruch. „Ich
danke Dir — schreibt Galilei an Kepler — dass Du, wie es von
der Schärfe und dem Freimut Deines Geistes nicht anders zu erwarten
 war, zuerst, ja fast als Einziger, meinen Behauptungen
 vollen Glauben beigemessen hast, noch bevor Du Dich durch
den Augenschein überzeugt hattest. Was aber wirst Du zu den
ersten Philosophen unserer hiesigen Hochschule sagen, die trotz
tausendfacher Aufforderungen niemals die Planeten oder den
Mond durch das Fernglas betrachten wollten und die somit ihr
Auge mit Gewalt gegen das Licht der Wahrheit verschlossen?
Diese Sorte Menschen glaubt, die Philosophie sei ein Buch, wie
die Aeneis oder die Odyssee: sie werde nicht in der Welt oder
in der Natur, sondern (dies sind ihre eigenen Worte!) durch die
Vergleichung der Texte ausgefunden und erforscht. Wie würdest
Du lachen, wenn Du hören könntest, wie der angesehenste Philosoph
 unserer Hochschule sich abmühte, die neuen Planeten durch
logische Argumente, als wären es Zaubersprüche, vom Himmel
wegzudisputieren und loszureissen.“ Wie getreu und typisch
diese Schilderung ist, darüber werden wir in Keplers Diskussionen
 mit den Aristotelikern der Zeit Schritt für Schritt belehrt.
Es ist besonders bezeichnend, wenn Chiaramonti, in einem
Streit über die Natur der Kometen, Kepler mit dem Vorwurf abzufertigen
 meint, er habe den „methodus arguendi“ mit dem
„methodus respondendi‘“ verwechselt, er habe das Verfahren der
Mathematik auf die Topik angewandt u. s. w.100) Nach der geschichtlichen
 Problemlage, die durch diese Beispiele erleuchtet
wird, begreift man, wie die Logik immer mehr als der wahre
Gegensatz und das eigentliche Hemmnis der empirischen Forschung
 empfunden werden musste. Es galt zunächst das scholastische
 Ideal des Begreifens zu entwurzeln: jenes Ideal, das
seinen naivsten und schlagendsten Ausdruck bei einem der Peripatetischen
 Gegner Galileis gefunden hat, der sich weigerte, durch
        <pb n="304" />
        292 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

das Fernglas zu blicken, weil dies „seinen Kopf nur verwirren
würde“.101) Der leeren Allgemeinheit des Schulbegriffs tritt die
Forderung exakter Einzelbeobachtung, der „trockenen Abstraktion“
 das konkrete sinnliche Bild des Seins entgegen.1®) Wahrnehmung
 und Denken, Naturwirklichkeit und Verstandesbegriff:
in der Trennung und Gegenüberstellung dieser Momente scheint
nunmehr das Problem der neuen Wissenschaft und das Schicksal
des neuen Erfahrungsbegriffs beschlossen zu sein.
Dennoch ist in dieser Formel, die die Renaissance bevorzugt,
 nur der subjektive Ausdruck des Gegensatzes gegeben, ist
gleichsam nur der Affekt beschrieben und festgehalten, in dem
sich die neuere Zeit vom Mittelalter loslöst. Die selbständigen,
positiven Ziele der Forschung indes werden durch sie nicht aufgehellt,
 der systematische Sinn der neuen Fragestellung wird
durch sie nicht umgrenzt. Denn einmal ist der Reichtum an empirischem
 Gehalt, der sich im Aristotelischen Natursystem verlichtet
 hat, wie auch die Schätzung, die dem Faktor der Erfahrung
 im Ganzen der Aristotelischen Erkenntnislehre zufällt,
unverkennbar: Galilei und Kepler selbst sind es, die diesen Umstand
 hervorheben und die ihn den modernen Peripatetikern entzegenhalten.1®)
 Sodann aber — und dies ist die entscheidende
sachliche Erwägung —: wie wäre es möglich, die „Abstraktion“
zu verbannen und von der Grundlegung der Wissenschaft auszuschliessen?
 Gilt es nicht vielmehr, sie in einem neuen, fruchtbareren
 Sinne zu behaupten und zu festigen? In der Tat ist es
lehrreich zu verfolgen, wie die Einwände, die an diesem Punkte
zegen das Schulsystem erhoben werden, von ihm aus sofort eine
aigenartige Rückwendung erfahren. Immer von neuem
wird gegen Galilei der Vorwurf erhoben, dass er in seinem
Bemühen, die Natur unter allgemeinen Gesetzen und Prinzipien
 zu begreifen, den Einzelfall in seiner Unterschiedenheit
and Bestimmtheit vernachlässige. Die Kraft und Eigentümlichkeit
 des Besonderen werde verkannt, wenn man, wie er, alle
denkbaren Fälle der Bewegung von Körpern, wenn man den
Flug der Vögel, wie das Schwimmen der Fische, die Fortbewegung
 der „einfachen“ und der „zusammengesetzten“ Körper, in
eine einzige Formel zusammendrängen und in ihr gleichsam unter-‚ehen
 lassen wolle. Sei es doch eben das Auszeichnende der
        <pb n="305" />
        Das Recht der „Abstraktion“.

293

physikalischen Betrachtungsweise, dass sie von diesen Unterschieden
 nicht absehen kann, dass sie schon vermöge ihrer ersten
Fragestellung an sie gebunden und auf sie angewiesen bleibt.
Die wahre Aufgabe der physikalischen Induktion besteht in der
getreuen Sammlung und Sichtung des Einzelnen: man vermag
 ihr nicht gerecht zu werden, wenn man die Natur, statt sie
durch all ihre Besonderungen hindurch zu verfolgen, in ein
System allgemeiner mathematischer Beziehungen und — Abstraktionen
 auflöst. Ein derartiger Einwurf lässt sich vom
Standpunkt des Aristotelischen Systems aus in der Tat begreifen.
Indem Aristoteles die mathematischen Gebilde aus der Tätigkeit
 der Abstraktion hervorgehen lässt, hat er ihren Ursprung
in einer eigenen, freien Machtvollkommenheit des Geistes aufgehoben,
 hat er die physischen Dinge, von denen der Gedanke
seine Grundbestimmungen abliest, an die erste Stelle gesetzt. Er
selbst zeigt sich hierbei wenigstens bemüht, die „Richtigkeit“
und die logische Zulässigkeit dieses Verfahrens zu verteidigen,
er sucht zu zeigen, dass bei dem Weglassen der konkreten zufälligen
 Einzelbeschaffenheiten kein Fehler und kein Irrtum sich
eindrängen könne. Der entschlossenere Empirismus der neueren
Zeit indes hatte auch diesen Vorbehalt aufgehoben: bei Campanella
 gilt die Beschränkung, die sich das Denken auferlegt,
indem es die Fülle der sinnlichen Inhalte unter bestimmten
begrifflichen Gesichtspunkten sondert und zerlegt, unmittelbar als
ein Beweis seiner Schwäche und Unzulänglichkeit. (S. ob. S. 222 ff.)
Von hier aus gewinnt die Forderung, mit der die moderne
Wissenschaft anhebt, eine veränderte Gestalt. Während sich im
biologischen System des Aristoteles der Zusammenhang und der
Stufengang der organischen Formen vor uns enthüllte, ist jetzt
nur die nakte „mechanische“ Gesetzlichkeit zurückgeblieben —
während dort die Natur in ihrer individuellen Lebensfülle den
Vorwurf bildete, tritt sie uns nunmehr nur in der Leere und
Allgemeinheit der mathematischen Formel entgegen. Man sieht,
wie die Rollen in dem Streite sich unmerklich vertauscht haben:
wie Galilei, der davon ausging, der Syllogistik eine neue Ansicht
der konkreten Wirklichkeit entgegenzustellen, eben dadurch mit
Notwendigkeit zum Verteidiger und Vorkämpfer der wissenschaftlichen
 Abstraktion geworden ist. In dieser Umkehrung deckt
        <pb n="306" />
        294 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei,

sich die Zweideutigkeit auf, die dem alten Begriffsgegensatz des
„Allgemeinen“ und „Besonderen“ anhaftet. Es ist, als sollte sich
der mittelalterliche Kampf des Nominalismus und Realismus, die
Frage nach der „Wirklichkeit“, die unsern universalen Ideen und
Grundsätzen zukommt, hier auf höherer geschichtlicher Stufe
nochmals erneuern. In der Tat werden wir noch einmal in den
systematischen Mittelpunkt dieses Problems zurückversetzt; zugleich
 aber sehen wir von ihm aus die neuen Begriffe entstehen,
die dazu bestimmt sind, den Streit für immer zum Austrag zu
ringen. —
Eins freilich müssen wir uns hier von Anfang an gegenwärtig
 halten: dass Galilei, so sehr er eine neue Methode der
Erkenntnis handhabt und zur Anwendung bringt, selbst kein
Systematiker der Philosophie und Erkenntnistheorie ist. Die
lurchgängige Uebereinstimmung zwischen Mathematik und Natur,
lie Harmonie zwischen dem Gedanken und der Wirklichkeit
steht ihm, vor aller philosophischen Reflexion, als subjektive
Ueberzeugung fest. Wir werden sehen, wie diese Grundüberzeugung
 alle Teile seiner Lehre gleichmässig durchdringt und
innerlich zusammenhält. Aber wenngleich sie sich immer prägnanter
 ausprägt und fortschreitend entfaltet: nach ihrem Grunde
und ihrer Rechtfertigung wird nicht gefragt. Gerade in der
Selbstgewissheit, mit der das wissenschaftliche Denken sich hier
erfasst und bei sich selbst verweilt, liegt das Auszeichnende der
Galileischen Forschung: denn wenn ihr dadurch auf der einen
Seite zwar ein Zurückgehen auf die allgemeinsten Fragen der
Erkenntniskritik versagt ist, so ist sie andererseits davor bewahrt
worden, den Ursprung der wissenschaftlichen Wahrheit aus
einem „höheren“ metaphysischen Prinzip erklären und ableiten
 zu wollen.
Der Gegensatz zur scholastischen Denkweise findet seine
vollendete Darstellung in einer Stelle der „Dialoge über die Weltsysteme“,
 in der die Anwendbarkeit der geometrischen Begriffe
und Sätze auf die Gegenstände der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung
 erörtert wird. Der Schulphilosophie, wie sie hier in Simplicio
 verkörpert wird, bietet diese Frage keine Schwierigkeit: sie
besitzt für sie die gleiche bequeme Lösung, die die Philosophie
des „gesunden Menschenverstandes“ auch seit den Tagen Galileis
        <pb n="307" />
        Mathematik und Natur.

295

noch immer bereit hält. Die mathematischen Spitzfindigkeiten
mögen, abstrakt genommen, richtig und zutreffend sein; aber es
wäre unbillig, für sie eine genaue und exakte Entsprechung in
der „sinnlichen und physischen Materie‘ zu fordern. Dass eine
Kugel eine Ebene nur in einem Punkte berühre, trifft zwar in
der Theorie, nicht aber in der Welt der empirischen Wirklichkeit
 zu. In der Analyse dieses Satzes geht Galilei vor allem
davon aus, den Dualismus zwischen Wahrheit und Wirklichkeit,
 der hier vorausgesetzt wird, zu beseitigen. Die Kugel,
wie die Ebene besitzen keine andere Existenz, als die Wahrheit
 und Bestimmtheit, die aus ihren Begriffen fliesst; es ist
müssig und irreführend, diesem Sein der reinen Definition
 eine andersartige, konkrete Daseinsform entgegenzustellen.
 ‚Dass ein vorhandenes empirisches Gebilde eine bestimmte
Figur „ist“, kann nichts anderes besagen, als dass es alle Forderungen
 und Relationen erfüllt, die in dem Begriff dieser
mathematischen Gestalt zusammengefasst sind. Die Wissenschaft
 besteht aus einem System reiner Bedingungssätze,
deren Geltung von der Frage unabhängig ist, ob es in unserer
Wahrnehmungswelt Subjekte gibt, auf die die vorausgesetzten
Bedingungen zutreffen. Man kann die Existenz solcher Subjekte
leugnen, ohne damit die Auffassung von dem Charakter und Erkenntniswert
 der reinen Beziehungen im geringsten zu berühren.
Denn auch in diesem Falle ist nicht etwa eine Kluft zwischen
„Abstraktem“ und „Konkretem“ angenommen: es ist vielmehr
die Forderung gestellt, die abstrakten Sätze durch Einführung
neuer fortschreitender Begriffsmomente derart zu entwickeln und
weiterzuführen, dass sie zureichend werden, den empirisch gegebenen
 Fall, der sich anfangs der gesetzlichen Bestimmung zu entziehen
 schien, in sich zu fassen. Die mangelnde Uebereinstimmung
 ist „weder durch das Abstrakte, noch durch das Konkrete,
weder durch die Geometrie, noch durch die Physik verschuldet;
sie fällt allein dem Rechner zur Last, der die Rechnung nicht
richtig anzustellen weiss“.1%) Es heisst die eigenste Aufgabe der
produktiven, wissenschaftlichen Vernunft verleugnen, wenn man
ihr die Befugnis beschränken will, ihre abstrakten und reinen
Begriffe für immer weitere Gebiete des tatsächlichen empirischen
Seins fruchtbar zu machen. Kein gegebener, materieller Einzel-
        <pb n="308" />
        296 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

inhalt kann sich diesem Prozess und diesem rastlosen Fortschritt
als Hemmnis entgegenstellen: überall sind es nur relative und
jeweilige Endpunkte, die das wissenschaftliche Denken auf einer
gegebenen Stufe seiner Entwicklung begrenzen. Man erkennt
nunmehr, wie der Widerstreit zwischen Wahrheit und Wirklichkeit,
 den die Gegner annehmen, im letzten Grunde in ihrer metaphysischen
 Auffassung des Wirklichen, in ihrem Begriff des
absoluten Daseins wurzelt. Erst wenn das Verlangen nach
einer unmittelbaren Existenz der wissenschaftlichen Inhalte uns
nicht mehr beirrt und ablenkt, wenn es aus den Anfängen und
der Grundlegung prinzipiell verwiesen wird, wird die ideelle
Freiheit in der Gestaltung der Begriffe erreicht, als deren letztes
Ziel und Ergebnis uns nunmehr wiederum eben jene — Existenz
entgegentritt. Mit meisterhafter Klarheit hat Galilei dieses Doppelverhältnis
 entwickelt und erläutert. Der Begriff der gleichförmigen
 Beschleunigung, von dem er ausgeht, ist ihm zunächst
nichts anderes als eine „hypothetische Voraussetzung“, die nicht
unmittelbar auf die „Tatsachen“ der Natur bezogen und an
ihnen gemessen werden darf, sondern zuvor der Zerlegung und
Entfaltung in ihre einzelnen mathematischen „Eigenschaften“
und Folgerungen bedarf. Erst nachdem dieser deduktive Teil
der Aufgabe abgeschlossen ist, und nachdem er zu festen, zahlenmässigen
 Beziehungen hingeleitet hat, ist für die Vergleichung
des reinen Gesetzes mit dem Beobachtungsinhalt der Boden bereitet,
 ist das Maass und die einschränkende Regel gewonnen,
mit der wir jetzt an die Mannigfaltigkeit des Wahrnehmungsstoffes
 herantreten können. „Zeigt die Erfahrung nunmehr,
lass solche Eigenschaften, wie wir sie abgeleitet, im freien Fall
ler Naturkörper ihre Bestätigung finden, so können wir ohne
Gefahr des Irrtums behaupten, dass die konkrete Fallbewegung
mit derjenigen, die wir definiert und vorausgesetzt
haben, identisch ist: ist dies nicht der Fall, so verlieren doch
unsere Beweise, da sie einzig und allein für unsere Voraussetzung
zelten wollten, nichts von ihrer Kraft und Schlüssigkeit, — so
wenig es den Sätzen des Archimedes über die Spirale Abbruch
tut, dass sich in der Natur kein Körper findet, dem eine spiral-[örmige
 Bewegung zukommt‘.!%) Die Schroffheit, in der hier die
Trennung des Begriffsgehalts von der Beobachtung vertreten wird.
        <pb n="309" />
        Der Begriff der Materie.

297

erklärt sich aus der polemischen Absicht dieser Sätze. Man begreift
 indes, dass es in erster Linie nicht auf die Loslösung der
Begriffe, sondern auf ihre innigere Durchdringung mit dem Wahrnehmungsstoffe
 abgesehen ist: eine Durchdringung, die jedoch
nur dann erreicht werden kann, wenn die Begriffe rein aus sich
selbst und unabhängig zu immer spezielleren Folgerungen fortgeführt
 worden sind. Bis in die astronomische Einzelforschung
hinein hat Galilei diesen Grundgedanken seiner Wissenschaft
festgehalten: wie Kepler verlangt er auch hier, dass der konkreten
Beobachtung durch einen vorangehenden begrifflichen Entwurf,
durch eine Frage des Denkens vorgearbeitet und die Richtung
gewiesen werde.10%)
Schritt für Schritt entfaltet sich nunmehr der Inbegriff der
hypothetischen Setzungen, die uns im stetigen Fortgang zum
konkreten Sein der Dinge hinleiten sollen. Die „sinnliche und
physische Materie“ galt bisher als das Hemmnis, das der Ausprägung
 der reinen Mathematik in der empirischen Wirklichkeit
entgegensteht. Sie erscheint somit als eine eigene metaphysische
Potenz, die dem reinen Gedanken entgegenwirkt, als ein Zwang,
dem der Begriff sich zu fügen hat. Es ist die alte Aristotelische
Entgegensetzung: alle Erkenntnis wird ihrem Inhalt und Ursprung
nach durch die Allgemeinheit der „Form“ erschaffen und gewährleistet,
 während die Materie an sich das schlechthin Unerkennbare
bezeichnet. In diesem metaphysischen Gegensatz ist der methodische
 Unterschied zwischen Idee und Erscheinung, zwischen
Geometrie und Physik zum absoluten, unaufheblichen Widerspruch
 gesteigert. Die Lösung dieses Widerstreits kann nach
den allgemeinen Grundsätzen Galileis nur in einer: Richtung
versucht werden: die Materie, die hier zum eigenen, unabhängigen
Sein hypostasiert ist, muss wiederum dem stetigen Zusammenhang
 der Prinzipien eingeordnet und aus ihm entwickelt werden;
sie muss aus einer Schranke zu einem Postulat des reinen
Begriffs umgebildet werden. Wir sahen, wie Kepler bereits mit
diesem Gedanken rang und wie er in ihm seinen Unterschied
gegen die Naturphilosophie bestimmte. Die Entwicklung, der er
zustrebte, vollendet sich jetzt klar und mühelos: da die körperliche
 Natur selbst ein ewiges und notwendiges. Ganzes ausmacht,
 so müssen sich auch alle ihre Erscheinungen allgemeinen
        <pb n="310" />
        298 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

und zwingenden Beweisgründen fügen. Erst dann, wenn diese
Rückführung auf notwendige Erkenntnisse vollzogen ist, haben
wir die Wirklichkeit, haben wir somit die Materie in ihrem
wahren Begriffe erfasst und bewältigt. Von allen sinnlichen Besonderheiten
 und Eigenschaften des Stoffes wird abgesehen: —
festgehalten werden von ihm nur diejenigen Bestimmungen, nach
denen er mit den logischen Bedingungen und Erfordernissen der
Wissenschaft zusammenstimmt. . Die Mannigfaltigkeit der wahrnaehmbaren
 Körper und Veränderungen als Modifikation eines
zinheitlichen, ursprünglichen Urstoffes aufzufassen: diese Forderung
 besagt für Galilei nichts anderes als die Aufgabe, die
zhaotische Vielheit der Erscheinungen auf ein letztes unveränderliches
 Element zu beziehen und in ihm: erkennbar zu machen.
Der „Materialismus“, den seine kirchlichen Gegner ihm vorwerfen,
ist daher nichts anderes, als die Behauptung des allseitigen und
ausnahmslosen Rechtes der wissenschaftlichen Vernunft: der Beariff
 der Materie ist das unentbehrliche Correlat des Begriffs der
Notwendigkeit. 19)
An diesem Punkte lässt sich der genaue Zusammenhang
armessen, der Galilei mit der antiken Spekulation verbindet. Die
zedankliche Verwandtschaft Galileis mit Demokrit ist mit Recht
hervorgehoben worden!®); aber sie erweist sich nicht sowohl
'n seiner Atomistik, die, so interessant und problemreich sie
st, im Ganzen des wissenschaftlichen Systems doch nur ein
\ussenwerk bleibt, als vielmehr in den logischen Fundanenten
 seiner Physik. Auch der antike Materialismus ist geschichtlich
 nicht direkt aus der physikalischen Beobachtung, sonlern
 aus dialektischen Problemen und Erfordernissen herausgewachsen.
 Es ist der Eleatische Gegensatz des Einen und Vielen,
les Denkens und der Sinneswahrnehmung, der in ihm zugleich
geschärft und geschlichtet werden sollte, Die Forderung des
reinen Begriffs, der Anspruch der strengen unveränderlichen
[dentität war fixiert: nun galt es, sofern eine Wissenschaft
der Phänomene möglich sein sollte, die Erscheinungen derart zu
vpestimmen und zu deuten, dass in ihnen selber ein Ewiges und Unwandelbares
 sich darstellte und heraushob, (Vgl. ob. S. 31 {f.) Es
ıst dieselbe Aufgabe, wenn auch in unvergleichlich grösserer Eindringlichkeit
 und Bestimmtheit gefasst, mit der Galileis Denken
        <pb n="311" />
        Verhältnis zur antiken Atomistik,

299

einsetzt. Auch für ihn steht das Eleatische Ideal des Begreifens
fest, das er in Platonischen Wendungen formuliert: Wissenschaft
ist nur von dem möglich, was in dauernder Einheit sich erhält. 1%)
Aber wenn dieser Gedanke für Platon vor allem in der Mathematik
 seine Bewährung und Erfüllung fand, so wird jetzt die
Forderung unmittelbar und strenger auf die physischen Objekte
gerichtet. Jeder Verdacht einer „Abtrennung“ der Idee von den
Sinnendingen muss jetzt schwinden: sie selber, ihr Wechsel und
ihre Bewegung sind erforderlich, um sich der Konstanz des Gesetzes
zu versichern. Es könnte auffallend, es könnte bei dem Entdecker
 der Experimentalmethode wie ein Rückfall und eine
Ueberspannung des Apriorismus erscheinen, dass er die Methode
der „Wiedererinnerung‘“, die Platon am Beispiel der Geometrie
darstellte und zur Geltung brachte, unmittelbar auf physikalische
Gegenstände und Probleme überträgt. Verständlich wird diese
Weiterführung nur, wenn man die Art erwägt, in der Galilei zu
seinem Begriff der Natur vorgedrungen ist. In ihm ist nicht
eine Mehrheit beliebig zusammengeraffter Tatsachen und Beobachtungen
 zu äusserlicher Einheit verknüpft, sondern eine strenge
Abgrenzung und Bestimmung des Erfahrungsstoffes nach Kriterien
 der Geometrie getroffen. Zur Natur, im echten wissenschaftlichen
 Sinne des Wortes, gehören nur „die wahren und notwendigen
 Dinge, die sich unmöglich anders verhalten können“:
von ihnen aber gilt der Satz, dass der Verstand eines Jeden, Sofern
 er jemals ihre Erkenntnis erlangen soll, diese „aus sich
selber“ (da per se) zu schöpfen hat.!!%) Mit aller Entschiedenheit
wird somit anerkannt, dass jeder Forschung ein allgemeiner Idealbegriff
 der Wirklichkeit vorangehen muss: aber freilich kann nur
die Beobachtung darüber entscheiden, ob es in der Welt der sinnlichen
 Wahrnehmung, die uns umgibt, Inhalte gibt, die jener
ersten idealen Forderung entsprechen, ob somit eine exakte Wissenschaft
 möglich ist. Die Erfahrung bestimmt jeden Einzelschritt
des Weges: das Gesamtziel aber und die Aufgabe der Erkenntnis
wird von den reinen Begriffen vorgezeichnet und erleuchtet. Das
Verhältnis des Abstrakten und Konkreten ist nunmehr schlichter
und klarer bezeichnet, als es selbst bei Kepler der Fall war.
Kepler sucht für die unbedingte Entsprechung beider Gebiete noch
eine tiefere, metaphysische Ableitung: die Gemeinschaft des
        <pb n="312" />
        300 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Galilei,

menschlichen Intellekts mit dem göttlichen Geiste, als dem Schöpfer
und Urgrund der Objekte, ist das Mittelglied, das den Zusammenhang
 von Idee und Wirklichkeit herstellt und verbürgt. Auf Erklärungsgründe
 dieser Art hat Galilei endgültig verzichtet: sie gehören,
 wie er klar erkennt und ausspricht, einem andern Gebiet
und einer anderen Fragestellung, als der der Wissenschaft, an.
In dem mechanischen Grundwerk Galileis wird der Satz abgeleitet,
 dass ein Körper, der von dem höchsten Punkte einer Kreisperipherie
 herabfällt, alle Sehnen des Kreises, die von diesem Punkt
aus gezogen werden können, in gleicher Zeit durchmisst: denken
wir uns also eine Mannigfaltigkeit von Körpern von einem gemeinsamen
 Ausgangspunkte aus nach allen Richtungen auf unendlich
 vielen, schiefen Ebenen von verschiedener Neigung herabrollen,
 und betrachten wir die verschiedenen Lagen, die sie nach
einer bestimmten Zeit einnehmen, so wird der Inbegriff von Punkten,
 der dadurch entsteht, stets einen Teil einer Kugelperipherie
ausmachen. Simplicio knüpft an diesen Satz die Bemerkung,
lass hier ein grosses Mysterium und einer jener verborgenen
Gründe berührt zu werden scheine, die die Erschaffung des Alls
selbst geleitet haben: eine Andeutung, die ersichtlich auf Kepler
zielt, der in der Tat wiederholt mit dem Gedanken gespielt hatte,
lass die Weltschöpfung nach der Analogie und dem Sinnbilde
ler geometrischen Gestalt der Kugel zu begreifen sei.111y Um so
»harakteristischer und geschichtlich bedeutungsvoller wirkt in
diesem Zusammenhang die Enigegnung Galileis: er wolle solchen
tiefen Betrachtungen nicht widerstreben, nur führten sie auf
Lehren, zu deren Höhe er selber nicht aufstrebe: „UNS muss es
genügen, dass wir jene weniger erhabenen Werkleute sind, die
den Marmor aus der Tiefe hervorsuchen und ans Licht fördern,
aus dem der Fleiss des Künstlers sodann die wunderbaren Gebilde
 erzeugt, die unter seiner rauhen und einförmigen Hülle verborgen
 lagen‘“.112) In der stolzen Selbstbescheidung dieser Worte
sondert sich für immer das Gebiet der wissenschaftlichen Forschung
and der ästhetischen Phantasie, wandelt sich Keplers Zweckbegriff
der Harmonie in den Gesetzesbegrilf der neueren Zeit.
Es sind nur die ersten begrifflichen Ansätze der Problemstellung
 Galileis, die uns in den bisherigen Erwägungen entgegeniraten:
 aber auch sie enthalten im Keime bereits fundamentale
        <pb n="313" />
        Die Subjektivität der sinnlichen Qualitäten.

301

empirische Ergebnisse und Folgerungen in sich. So ist z.B. die
Lehre von der Subjektivität der sinnlichen Qualitäten
in den vorangehenden Begriffsentwicklungen unmittelbar als
Faktum enthalten und mitgesetzt; nicht als abgeleitetes Resultat
wird sie erreicht, sondern die ursprüngliche Abgrenzung und
Definition des Forschungsgebiets selbst ist es, aus der sie herfliesst.
 Die sinnlichen Merkmale der Farbe und des Tones, die
sich je nach der Beschaffenheit des aufnehmenden Organs ins
Unbegrenzte wandelbar erweisen, können nicht dem Gebiet des
„wahrhaften“ Seins angehören, das als ein Inbegriff „ewiger und
notwendiger“ Beschaffenheiten und Merkmale zu denken ist. Es
ist eine erborgte und erdichtete Realität, die ihnen eignet — eine
Realität, die sich unter der scharfen und durchgeführten Analyse
des Gedankens in Nichts auflösen muss. So übernimmt Galilei
auch diesen Satz durchaus in dem Sinne, in dem er bei Demokrit
gebraucht und angelegt war. Die Materie oder die körperliche
Substanz lässt sich nicht begreifen, ohne in ihr zugleich die
Merkmale der Begrenzung, der räumlichen Gestalt und der
Grösse mitzudenken, ohne sie ferner, sofern sie in individueller
Bestimmtheit aufgefasst werden soll, nach ihrer örtlichen und
zeitlichen Lage, sowie nach ihrem Bewegungszustand determiniert
anzusehen. Alle diese Gesichtspunkte, die sich unter den Grundkategorien
 der Zahl, der Zeit und des Raumes zusammenfassen
 lassen, gehören somit notwendig ihrem Begriff an, von
dem sie sich durch keine Anstrengung der subjektiven „Einhildungskraft“
 loslösen lassen. Ob sie dagegen rot oder weiss,
bitter oder süss, tönend oder stumm, wohl- oder übelriechend ist,
brauchen wir nicht zu entscheiden; alle diese Beschaffenheiten
bezeichnen lediglich wechselnde Zustände, nicht Bedingungen,
an die der gedankliche Vollzug des Begriffs gebunden. wäre,
Verstand und Vorstellungsvermögen (il discorso 0 l’imaginazione)
vermögen für sich allein niemals zu dieser zweiten Gattung von
Merkmalen hinzuführen; nur die direkte sinnliche Wahrnehmung
ist es, die uns ihrer versichern kann. Damit aber ist erwiesen, dass
jene Qualitäten aus dem objektiven Bild der Wirklichkeit auszuschalten
 sind, dass sie nicht mehr als blosse „Namen“ sind und
nirgends anders, als im empfindenden Körper ihren Bestand haben.
Man denke sich die lebenden Wesen und ihre Organe aufgeho-
        <pb n="314" />
        302 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

ben: und die Welt der sinnlichen Eigenschaften wäre gleichzeitig
vernichtet.!1®) Man muss sich, um sich der radikalen Schärfe
dieser Folgerung ganz bewusst zu werden, in den Ausgangspunkt
der Untersuchung zurückversetzen. Wir sahen, wie die Wissenschaft
 der neueren Zeit damit begann, gegenüber einem physikalischen
 Weltbilde, das in blossen ontologischen Gegensätzen
und Unterscheidungen wurzelte, auf den Urquell der Sinneserfahrung
 zurückzuweisen; wie sie damit dasjenige, was bisher
als festes und erschöpfendes System von Begriffen galt, zu einer
blossen Sammlung von „Namen“ herabsetzte. (S. ob. S. 245 und 275.)
Die sinnliche Empfindung selbst aber führte, je schärfer und
klarer die Aufgabe, die sie in sich enthält, gefasst wurde, zu der
Forderung der mathematischen Analyse zurück, in der der
Begriff nunmehr ein neues Sein und eine neue Verkörperung
fand. Indem dieser neue Gesichtspunkt entsteht und sich fortschreitend
 vertieft, bildet sich damit zugleich innerhalb des bisherigen
 Gegensatzes eine völlige Umkehrung heraus: denn jetzt
ist es, wie wir sahen, die einzelne Wahrnehmung, die, sofern
sie sich nicht auf eine reine mathematische Bestimmtheit zurückführen
 und in ihr beglaubigen lässt, als willkürlicher „Name“
zilt. Wieder ist ausgesprochen, dass der Verstand nur dasjenige
als objektives Sein anerkennen darf, was er aus sich selbst und
seinen eigenen Mitteln zu begreifen vermag: zugleich aber ist
deutlich geworden, dass es für seine Begriffe keine andere Vermittlung
 und kein anderes Feld der Betätigung gibt, als dasjenige,
das sich in der exakten Analyse der Erfahrung erschliesst.
Wer das Denken von jener notwendigen Beziehung loslöst, der
bleibt ebenso, wie derjenige, der in der Empfindung den einzigen
und vollgültigen Zeugen sieht, in einer leeren Scheinwelt befangen.!114)
 Der echte Gegenstand der Natur wird erst gewonnen,
wenn wir in dem Wandel und Wechsel unserer Wahrnehmungen
selbst die notwendigen und allgemeingültigen Regeln festzuhalten
lernen. Es ist besonders bezeichnend, dass Galilei für die wissenschaftliche
 Konstituierung der Materie nicht nur auf Farbe und
Ton, sondern zugleich auf die Tast- und Widerstandsempfindung
 ausdrücklich Verzicht leistet, dass ihm somit die
Schwere, so wesentlich und unentbehrlich sie als empirische
Eigenschaft ist. dennoch nicht in den Begriff des Körpers ein-
        <pb n="315" />
        Die Erhaltung des Stoffes.

303

geht. Ja es scheint, als solle durch die Reduktion auf Grösse
und Gestalt auch der physikalische Gesichtspunkt der „Masse“
ausgeschaltet werden, wie es später bei Descartes der Fall sein
wird. Man begreift diese Beschränkung indes aus dem logischen
Interesse, das an dieser Stelle vorwaltet: die Realität des Körpers
ist allein aus der Mathematik zu bestimmen, die hier noch
wesentlich mit der Geometrie zusammenfällt. Der physikalische
Körperbegriff hat sich bei Galilei allmählich und im selben
Maasse entwickelt, wie die Mathematik bei ihm den Uebergang
von ihrer antiken Gestalt zur modernen Form der Analysis
vollzog.
Der Fortschritt, der hier auf dem Wege zur Bestimmung
des konkreten Inhalts erreicht ist, bewährt sich in einer Folgerung,
 die sich direkt aus den bisherigen Prämissen ableitet: mit
dem Begriff der Materie, den Galilei zu Grunde legt, ist zugleich
der Gedanke der Erhaltung des Stoffes gegeben. Indem wir
den Wechsel und die Veränderlichkeit, die den subjektiven Inhalten
 der Wahrnehmung eignet, von dem „realen“ Gegenstand
der Natur ausgeschlossen denken, haben wir diesen damit als
beharrende identische Einheit fixiert. Ein absolutes Entstehen
 und Vergehen würde einen unmittelbaren Gegensatz zu
demjenigen Weltbegriff in sich schliessen, den der Verstand
aus sich selbst entdeckt und entwirft. Eine wahrhafte „substantielle
 Umwandlung“, bei der ein Stoff sich derart umformt, dass
er als völlig vernichtet gelten muss, ist ein unvollziehbarer Gedanke.
 Es ist charakteristisch, wenn in den Dialogen über die
beiden Weltsysteme der Aristotelische Gegner Galileis sich zur
Widerlegung dieses Satzes auf den unmittelbaren Sinnenschein
beruft: denn sehen wir nicht täglich Kräuter, Pflanzen und Tiere
vor unsern Augen entstehen und vergehen, sehen wir nicht, wie
die Gegensätze beständig mit einander ringen, wie die Erde sich
in Wasser, das Wasser in Luft verwandelt und diese sich wieder
zu Wolken, Regen und Gewitter verdichtet? Solche offenkundigen
 Tatsachen leugnen, heisst die Prinzipien der
Wissenschaft selbst und damit die Möglichkeit jeder Beweisführung
 aufheben.!!5) So sehen wir, wie der Aristotelismus das
Schicksal der wissenschaftlichen Axiome an die Anerkennung
oder Verwerfung bestimmter meteorologischer „Erfahrungen“ ge-
        <pb n="316" />
        304 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

knüpft denkt. Für einen „Empirismus“ dieser Art hat Galilei kein
Verständnis und keine Duldung mehr. Nicht alles, was sich auf
das angebliche Zeugnis einer unmittelbaren Beobachtung stützt, gilt
ihm als Faktum im Sinne der Wissenschaft. Erst die systematische
Verknüpfung und die Uebereinstimmung mit der Allheit der Phänomene
 entscheidet über den Wert einer einzelnen „Tatsache“: um
aber diese Uebereinstimmung zu prüfen, müssen wir den besonderen
 Fall mit allgemeinen systematischen Grundsätzen zusammenhalten.
 Durch die Beziehung auf solche Kriterien, wie z. B. auf
das Gesetz der Erhaltung der Materie, wird ein Prozess, der sich
für die Wahrnehmung als absolute Schöpfung und Vernichtung
darstellt, für das Urteil zu einer blossen relativen Verschiebung
von Teilen innerhalb der homogenen Gesamtheit des Stoffes.
Wir wissen durch Galileis eigenes Zeugnis, dass die Richtung des
Denkens, die hier geschildert ist, auch bei der Entdeckung des
Grundfaktums seiner Wissenschaft, bei der Entdeckung der Fallgesetze,
 eingehalten worden ist. 116)
Allgemein zeigt es sich, dass der Begriff der Bewegung, je
mehr er in den Blickpunkt des Interesses tritt und je deutlicher
er sich als der eigentliche Typus der physikalischen Wirklichkeit
heraushebt, eine analoge Entwicklung eingeht, wie wir sie am
Begriff des Stoffes verfolgen konnien. Zunächst wird auch hier
die Scheidewand zwischen abstrakter und konkreter Betrachtung,
zwischen Theorie und Anwendung beseitigt: die Bewegung ist
für Galilei ein ebenso vollgültiger und legitimer mathematischer
Begriff, wie das Dreieck oder die Pyramide. Nichts Fremdes,
nichts Aeusserliches tritt mit ihr in den Kreis der reinen ma-'hematischen
 Objekte ein.!!%) Durch Galileis Schriften zieht sich
der Kampf gegen diejenigen, die für die Eigenheit der physischen
 Gegenstände eine eigene „physische Methode“ verlangen,
die der „mathematischen“ entgegengesetzt oder auch von ihr nur
in irgend einem wesentlichen Merkmal unterschieden wäre. Die
unmittelbare Anwendbarkeit geometrischer Folgerungen auf die
empirischen Veränderungen leugnen: das ist ebenso lächerlich,
als wolle man behaupten, dass die Gesetze der Arithmetik bei
der Abzählung eines konkreten Quantums versagten. Der Aristotelische
 Satz, dass man in den natürlichen Dingen keine Beweise
 von mathematischer Strenge suchen und fordern müsse,
        <pb n="317" />
        Die Bewegung als Objekt der reinen Mathematik. 305

ist Galilei daher innerlich unverständlich: er weiss und spricht
es aus, dass mit ihm der Begriff und das Gesamtgebiet seiner
Forschung zur Chimäre wird. Die Natur bedeutet nichts anderes
als ein Bereich und einen Inbegriff von Folgen, die streng notwendig
 und eindeutig aus einander hervorgehen: besässe man
doch sonst kein Mittel, sie von einer erdichteten Fabelwelt zu
unterscheiden. !!8) Alle blossen Wahrscheinlichkeitsschlüsse, wie
sie in der Rhetorik oder Jurisprudenz am Platze sein mögen,
widersprechen daher der Forderung und dem Ideal der Physik:
der Induktion ist hier von Anfang an das Ziel gesetzt, die deduktive
 und demonstrative Ableitung der Folgerungen aus der
Voraussetzung zu ermöglichen und vorzubereiten.119) Für Aristoteles,
 dem in der Einzelsubstanz das wahrhaft Wirkliche gegeben
 ist, mochte die Sorge um die Beziehungen und Verknüpfungen,
 die diese nachträglich eingeht, zurücktreten; — für Galilei
würde mit der Notwendigkeit der Verknüpfung das Fundament
und das wahre xpötzpov A dos Selbst hinfällig. Die „spezifisch
Physikalische“ Methode, deren die Peripatetiker sich rühmen, die
Ableitung der Erscheinungen aus qualitativen Gegensätzen, setzt
in der Tat an die Stelle wissenschaftlicher Bestimmtheit eine unendliche
 Vieldeutigkeit möglicher Erklärungsgründe,!2%) Am Beispiel
der Hydrostatik führt Galilei aus, dass, während er ein schlechthin
 universelles Gesetz zu Grunde lege und aus ihm alle Besonderheit
 des Einzelfalls fortschreitend ableite, die Gegner ihr
Erklärungsprinzip nur durch immer verwickeltere Unterscheidungen
 und Einschränkungen zu stützen vermögen: der Zusammenhang
 zwischen dem Allgemeinen und Besondern, der in der
mathematischen Gleichung mit unmittelbarer Gewissheit zu Tage
tritt, kann hier nur durch immer neue logische Distinktionen —
durch den Gegensatz dessen, was „an sich“ und „per accidens“,
was im eigentlichen oder uneigentlichen Sinne, was absolut oder
beziehungsweise gilt — aufrecht erhalten werden. 12!) Für den
Peripatetiker bedeutet die materiale „Ursache“ eines Geschehens
nur ein isoliertes Teilmoment, dessen Erfolg und Wirksamkeit
von der innerlichen Beschaffenheit des „Subjekts“, auf das sie
gerichtet ist, abhängig ist, während Galilei in ihr den Inbegriff
aller Bedingungen und aller, äusseren wie inneren, Relationen zu-
        <pb n="318" />
        306 Die Entstehung der exakten VVissenschaft. — Galilei

sammenfasst, deren Setzung einen bestimmten Effekt mit Notwendigkeit
 in sich schliesst.12?) —
Aus dem reinen mathematischen Begrifl der Bewegung leilet
sich weiterhin — der Entwicklung entsprechend, die der Begritl
der Materie nahm — der Gedanke und die Forderung ihrer unveränderlichen
 Erhaltung ab. Die Entdeckung des Beharrungsgesetzes
 hängt mit dem Ausgangspunkt und den Grundgedanken
von Galileis Forschung innig und unverkennbar zusammen.
Schon aus der Betrachtung dieses Zusammenhangs heraus sollte
jeder Zweifel daran schwinden, ob Galilei die volle Einsicht von
der Allgemeinheit und Tragweite seines neuen Grundsatzes besessen
 hat. Die Beweisgründe, die in neuerer Zeit dagegen ange-(ührt
 worden sind, beleuchten nur die geschichtlichen Schwierigkeiten,
 die sich dem Gewinn der neuen Erkenntnis entgegenstellten,
 zeigen nur die mannigfachen psychologischen Vermitllungen
 und Vorstufen, die notwendig waren, ehe der Gedanke
sich in voller Reinheit herauslösen konnte. So sehr es von
historischem Interesse ist, diesen stetigen Gang der Entdeckung
zu verfolgen: die Klarheit und Sicherheit des Ergebnisses, wie es
uns vor allem in den „Discorsi“ entgegentritt, wird dadurch nicht
berührt.!®) Die Ableitung, wie sie hier gegeben wird, kann
wiederum als ein Musterbeispiel für das Verhältnis von Denken
und Empfindung gelten. Von einer Vorbereitung, von einem
Ansatz des Denkens geht die Untersuchung aus: es ist eine reine
„Konzeption des Geistes“ an die die Frage sich richtet.!? Der
Streit über den „empirischen“ oder „apriorischen“ Ursprung des
Beharrungsgesetzes ist daher im Grunde müssig: denn so wenig es
eines Wortes darüber bedarf, dass das Gesetz nur an den Tatsachen
der Erfahrung zur Entdeckung kommen konnte, so deutlich wird
auf der anderen Seite, dass eben jene Tatsachen selbst nicht der
direkten Wahrnehmung blosslagen, sondern durch das Denken der
„resolutiven Methode“ erst herauszusondern und zu gewinnen
waren. In meisterhafter Weise hat Galilei diese Kunst der Analyse
in der Kritik der Aristotelischen Auffassung der Wurfbewegung
bewährt. Hier ist es, wie bekannt, das Medium, das zur Erklärung
 der Fortsetzung der Bewegung herbeigezogen wird: beim
Fortschleudern eines schweren Körpers wird zunächst die benachbarte
 Luft in schnelle kreisende Bewegung versetzt, die all-
        <pb n="319" />
        Das Beharrungsgesetz

807

mählich immer weitere Teile ergreift und damit mittelbar auch
lem heweglien Körper in jedem Moment einen neuen Impuls
mitteilt. Dabei werden drei verschiedene Phasen begrifflich
unterschieden und die Erfahrungen des Wurfes nach ihnen gedeutet;
 im Anfang, da die Gesamtmasse der Luft noch nicht von
der Bewegung ergriffen worden ist, schreitet der Körper langsam
fort, erreicht dann einen bestimmten, höchsten Wert der Geschwindigkeit,
 um von ihm, je mehr die übertragene Bewegung
der Luftteilchen sich abschwächt, wieder allmählich herabzusinken.1%)
 Galilei deckt zunächst den logischen Grundmangel
dieser angeblichen Erklärung auf: sie setzt voraus, dass wenigstens
der Luft die Fähigkeit zukommt, einen empfangenen Eindruck
iber den ersten Moment hinaus während einer bestimmten Zeitdauer
 zu bewahren und festzuhalten; sie muss also dem Medium
eben jene Eigenschaft zugestehen, die sie für den bewegten
Körper selbst leugnete. Die Schwierigkeit ist hier nicht gelöst,
sondern ersichtlich nur um einen Grad zurückgeschoben. Denken
wir uns ferner das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung
als strenge quanlitative Bestimmtheit. so müsste, wenn das
Medium die Ursache der Erhaltung und Fortpflanzung der Bewegung
 wäre, die Grösse der Geschwindigkeit proportional der
Dichtigkeit des Mediums zunehmen, während die Erfahrung das
Gegenteil zeigt. Hier wie bei Kepler ist es der Gedanke der
exakten funktionalen Abhängigkeit, der die Anwendung des
Kausalbegri(fs regelt und einschränkt.!?®%) Wenn Aristoteles weiterhin
 die Erhaltung der „natürlichen“ Bewegung zugestanden, die
der „gewaltsamen“ dagegen bestritten hatte, so zeigt sich auch
an diesem Punkt das Charakteristische der neuen Denkart. Die
Natur im Aristotelischen Sinne steht unter dem Gesichtspunkt
and der Vorherrschaft des Zweckbegriffs: natürlich ist die Bewegung,
 die dem inneren Wesen des Subjekts und seinem immanenten
 Formprinzip angemessen ist. Für die moderne Wissenschaft
 dagegen ist es der Gedanke der Notwendigkeit, der den
Sinn und Inhalt des Naturbegriffs ausmacht. Sie schliesst demnach
 nicht von der Qualität und Beschaffenheit einer vereinzelten
Bewegungsiorm auf ihre Beharrung und Fortdauer; sondern umgekehrt
 ist es das allgemeine Gesetz der Erhaltung, durch das
ihr die Geschwindigkeit. die in der unmittelbaren. naiven Aufad
        <pb n="320" />
        308 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. -— Galilei,

fassung nur wie ein beliebig auftauchender und verschwindender
{nhalt erscheint, zur Realität im Sinne der Erkenntnis, zur dauernden
 und bestimmten „Wesenheit“ wird. —
Wir müssen an diesem Punkte länger verweilen: denn hier
stehen wir an einem Wendepunkt, an dem sich die Zeitalter
scheiden. Um uns den Stand des Problems, wie Galilei ihn vorland,
 völlig zu vergegenwärtigen, dürfen wir nicht sowohl die
Aristotelische Ansicht selbst, wie ihre Ausführung und Darstellung
in der neueren Naturphilosophie zu Grunde legen. Hier bietet uns
insbesondere die Bewegungslehre des Fracastoro ein typisches
Beispiel: denn dieser fasst die überlielerte Theorie noch einmal
prägnant zusammen, wie er anderseits, als Arzt und Naturforscher,
bemüht ist, sie der Erfahrung und Einzelbeobachtung zu nähern
and anzupassen. Die inneren Schwierigkeiten, die sich der neuen
Fragestellung entgegenstellten, können wir uns hier am Beispiel
eines Denkers verdeutlichen, der die Bekämpfung der „dunklen
Qualitäten“ und die Erforschung der echten, realen Mittelursachen
bereits als Grundaufgabe der Forschung erkennt und ausspricht.
Auch bei ihm ist es noch der Begriff der qualitativen Verwandtschaft
 und des qualitativen Gegensatzes, der für die
Erklärung der räumlichen Ordnung eintritt, Die Lage und relative
 Stellung der einzelnen Elemente entspricht dem Grade ihrer
innerlichen Zusammengehörigkeit. Aus dem Triebe der Selbsterhaltung,
 der jedem Naturkörper eingepflanzt ist, folgt zunächst
der Ausschluss des leeren Raumes. Alle Elemente streben nach
wechselseitiger Berührung, da sie in ihr allein ihren Fortbestand
 wahren und sichern können: denn das Vacuum ist, als
der ausgeprägte logische Gegensatz gegen den Begriff des Körpers,
 zugleich eine beständige Bedrohung ihrer physischen Existenz.12)
 Der gleiche allgemeine Gesichtspunkt erklärt weiterhin
die bestimmte örtliche Gliederung: Jedes Element nimmt „seiner
Natur nach“ denjenigen Ort ein, in dem es von fremden Einwirkungen
 und widerslreitenden Eigenschaften am besten ahgesondert
 und geschützt ist. So hat das Feuer seinen Platz zwischen
der konkaven Wölhung oberhalb der Mondsphäre und der äusseren
 Grenze der irdischen Atmosphäre: hier grenzt es auf der
einen Seite an die Region des Lichtes an, der es durch die Quaiität
 der „Trockenheit“ verwandt ist, auf der andern an die Re-
        <pb n="321" />
        Das Rangverhältnis zwischen „Sein“ und „Wirken“. 309

gion der Luft, mit der es die Qualität der Wärme teilt. Analog
kommt der Luft die Stellung zwischen Feuer und Wärme zu, die
ihr am angemessensten isi, da sie mit beiden durch die Eigenschaft
 der Wärme bezw. der Feuchtigkeit in Gemeinschaft steht.
Allgemein muss, wo immer wir ein Beisammen von Stoffen oder
eine Aufhebung dieses Beisammen finden, dies auf rein innerliche
Verhältnisse der „Sympathie“ und „Antipathie“ zurückgeführt
werden: sehen wir z. B. die Luft in einem Schlauch durch das
eindringende Wasser verdrängt, so ist dieser Prozess, wie ausdrücklich
 betont wird, nicht rein mechanisch aufzufassen und
zu erklären, sondern beruht auf der Disharmonie, die zwischen
der Natur der beiden Elemente besteht. „Wie die Teile eines
lebenden Wesens unter einander mannigfache Uebereinstimmungen
 und Beziehungen aufweisen, wie sie eine bestimmte
Anordnung und Gliederung verlangen, so bestimmen sich auch
die Teile des Alls, das nicht minder als lebendiger Organismus
 zu denken ist, wechselseitig ihre Lage; wäre dies nicht
der Fall, so würde das Universum selbst sich nicht in seiner gehörigen
 Verfassung hefinden“.!?) Der absolute Charakter des Subjekts
 entscheidet über die Beziehungen, in die es eingeht: die
Dinge werden geordnet und in Klassen eingeteilt, um aus dieser
Einteilung das Prinzip für die Unterscheidung der Bewegungen
zu gewinnen.!?®) Bei Galilei erst wird der alte Satz: „operari sequitur
 esse“, den die Scholastik der naiven dinglichen Weltansicht
 entlehnt, zu nichte. Er beginnt mit einer allgemeinen Gesetzlichkeit
 des Wirkens, die unabhängig von aller Besonderheit
 der empirischen Objekte allgemeine und notwendige
Geltung beansprucht; erst unter ihrer Voraussetzung werden die
Arten und Gattungen des Seins unterscheidbar. Wir erinnern
uns, dass es der gleiche Grundgedanke war, der für Kepler bei
seiner Aufhebung des Dualismus zwischen irdischer und himmlischer
 Welt bestimmend war. (S. ob. S. 286 f.) In der Geschichte
des Erkenntnisproblems ist nunmehr ein neuer fundamentaleı
Gegensatz zur Klärung und entschiedenen Herausarbeitung gelangt.
 Der alte Widerstreit des „Empirismus“ und „Rationalismus“
 tritt zurück; er wird gegenüber den Systemen Galileis und
Keplers, die durchaus auf der Durchdringung und Wechselbeziehung
 von Erfahrung und Vernunft beruhen, unbestimmt und
        <pb n="322" />
        310 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei,

unfruchtbar. Ein anderes, tieferes Problem ist jetzt gestellt: die
Frage ist, ob mit den Dingen oder den Beziehungen, ob mit
lem Dasein oder mit den Formen der Verknüpfung zu beginnen ist.
Gegenüber der substantiellen Weltansicht.erhebt sich eine Auffassung,
 die auf dem Grunde des Funktionsbegriffs erwachsen
ist. An dieser Stelle wird es besonders deutlich, dass die Geschichte
 der neueren Philosophie ausserhalb des Zusammenhangs
 mit der exakten Wissenschaft nicht zu begreifen und nicht
zu entwickeln ist. Der dialektische Widerstreit, der hier entstanden
ist, wird die treibende Grundkraft der künftigen Systeme: die
Cartesische, wie die Leibnizische Erkenntnislehre bilden nur bestimmte
 Einzelphasen in jenem allgemeinen Fortschritt von der
Substanz zur Funktion. —
Bei Galilei nun ist der neue Gesichtspunkt nicht nur in der
Art und Richtung seiner Forschung implicit enthalten, sondern
auch mit überraschender Präcision und Klarheit formuliert. „Entweder
 wir suchen auf dem Wege der Spekulation in das wahre
ınd innerliche Wesen der natürlichen Substanzen einzudringen,
oder wir begnügen uns mit der Erkenntnis einiger ihrer Merkmale
 und Eigentümlichkeiten (affezioni). Den ersteren Versuch
halte ich für ein Bemühen, das bei den nächsten irdischen wie
bei den entferntesten himmlischen Substanzen gleich eitel und vergeblich
 ist... Wollen wir indes bei der Einsicht in bestimmte
Merkmale stehen bleiben, so brauchen wir hieran bei den entlegensten
 Körpern und Naturerscheinungen ebensowenig zu verzweifeln,
 wie bei denen, die uns direkt vor Augen liegen“.18%) So
überwindet das Naturgesetz kraft seiner Allgemeinheit die räumjichen
 Unterschiede der Nähe und Entfernung: aber es muss
hierfür den Anspruch aufgeben, auch nur die nächsten, angeblich
ınmittelbar bekannten Wirkungen in ihrem absoluten Sein zu
erfassen. Für Galilei enthält dieses Eingeständnis nichts von
skeptischer Grundstimmung in sich: denn der Verzicht auf die
Metaphysik ist ihm der Preis, für den er die Sicherheit der empirischen
 Erkenntnis gewinnt. Unter dem Gesichtspunkt der
Erfahrungswissenschaft ist die Relativität nicht die äusserliche
Schranke des Erkennens, als welche sie einem dogmatischen
KEmpirismus erscheint; sie ist seine Bürgschaft und seine Stärke.
Erst wenn wir die Frage nach dem Wesen der Schwere beiseite
        <pb n="323" />
        Substantielle und funktionelle Weltansicht. 831l

lassen, erschliesst sich uns das allgemeingültige Gesetz der Fallbewegung.
 Das Verfahren der Ontologie dagegen verfällt umgekehrt,
 in dem Streben, die innere „Natur“ der Dinge zu ergreifen,
der Leitung und Herrschaft des blossen Wortes. Die Polemik
gegen Galilei bietet hierfür krasse Beispiele. So bestreitet der
Jesuit Scheiner — um das Dogma der Unveränderlichkeit des
Himmels aufrecht zu erhalten --—- dass die Sonnenflecken in der
Sonne selbst ihren Sitz und Ursprung haben könnten: sei doch
die Sonne ihrer „Natur“ nach der leuchtendste Körper und daher
unfähig, den Gegensatz der Dunkelheit aus sich zu erzeugen. Als
wären — bemerkt Galilei -— die Dinge und Wesenheiten um der
Namen willen da, nicht die Namen um der Dinge willen.11) Es
ist das Charakteristische der menschlichen Erkenntnis, dass sie
stets nur von Erscheinung zu Erscheinung fortschreiten, dass sie
nicht schlechthin von der unbedingten Natur der Dinge, sondern
nur von den „Affektionen“, in denen sie sich äussern und offenbaren,
 ihren Ausgang nehmen kann. Diese „Affektionen“ aber
— unter denen Galilei den Ort, die Bewegung, die Grösse, die
Gestalt hervorhebt — bilden in sich selber ein notwendiges
Ganze, in dem jedes Glied durch ein weiter zurückliegendes bedingt
 wird, in dem daher jede Lösung immer wieder auf ein
neues Problem zurückweist.
Diese Unabschliessbarkeit der wissenschaftlichen Aufgabe
 bildet ein charakteristisches und notwendiges Moment der
neuen Grundanschauung. Wir sahen, wie der Empirismus, der
sich unter der Herrschaft der substantiellen Weltansicht herausbildete,
 von Anbeginn an den Keim der Skepsis in sich trug:
wenn die Erkenntnis auf die Einzeldinge als letztes Ziel bezogen
 ist, so muss sich alsbald ihr Unvermögen zeigen, die
Gesamtheit des Wissensstofles zu umspannen. Um dem Wissen
sein Recht und seine Geltung wiederzugeben, gibt es kein anderes
 Mittel, als das Ideal des Erkennens von Grund aus umzugestalten,
 als den extensiven Maassstab in einen intensiven
umzuwandeln, Mit der gleichen Sicherheit, in der er seinen
allgemeinen wissenschaftlichen Ausgangspunkt begründet hat,
wird dieser Schritt nunmehr von Galilei vollzogen. Extensiv
beurteilt, d. h. an der Menge der Objekte, die es zu begreifen
gilt. gemessen, ist der menschliche Intellekt gleich einem Nichts
        <pb n="324" />
        312 ; Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

zu achten: .denn wie weit er immer in der Beschreibung des
Kinzelnen fortgeschritten sein mag, so muss sich doch stets das
Erreichte zu dem, was noch zurückbleibt, wie eine endliche
uürösse zur Unendlichkeit verhalten. Fasst man dagegen das
Verstehen intensiv nach der Geltung und Vollkommenheit auf,
zu der es sich zu erheben vermag, so gibt uns die reine Mathematik
 das Musterbeispiel einer Erkenntnis von absoluter, objekliver
 Sicherheit, einer Sicherheit, die in sich selbst ihre Wurzel
und völlige Gewähr hat und die durch keinen Vergleich mit
einer höheren Instanz — und wäre es der unendliche göttliche
Intellekt — in diesem ihrem Eigenwerte herabgesetzt werden kann.
Das „Absolute“ entschwindet uns, wenn wir es als das äussere
Objekt der Erkenntnis ansehen und erforschen wollen; wir gewinnen
 cs zurück, wenn wir lernen, es lediglich in den fundamentalen
 geistigen Wahrheiten selbst zu suchen. Es gibt keine
Erkenntnis vom Absoluten, wohl aber absolut gewisse Erkenntnisse.!%)
 Fortan ist die Forderung des Syslems im alten Sinne,
in dem es einen endgiltigen und unbedingten Abschluss bezeichnete,
 aufgehoben: systematische Prinzipien sind vielmehr
diejenigen, die, während sie nach der Tiefe hin als erste „Vorıussetzungen“
 (prime supposizioni) ihren festen Halt und Abschluss
 haben, sich in der Richtung der konkreten Anwendungen
zu immer erneuten und immer fruchtbareren empirischen Folgerungen
 weilerentwickeln. 13) Selbst der geringfügigste Teil der
Natur bietet der Erkenntnis in diesem Sinne ein unerschöpfliches
&amp;gt;roblem. 11) Sieht man somit den Sinn der Induktion in der
\bzählung des Einzelnen, so enthält dies einen innerlichen methodischen
 Widerspruch. Sie wäre alsdann entweder unmöglich
der unnütz: unmöglich, wenn die Anzahl der besonderen Fälle
unendlich; unnütz, wenn sie begrenzt wäre, da im ersten Fall
4as Verfahren niemals zum Abschluss gelangen könnte, im zweiten
aber das Ergebnis in den Vordersätzen schon vollständig gegeben
und somit nichts als eine leere Tautologie wäre. Der Obersatz
jeder Induktion darf der abgesonderten Einzelbeobachtung nicht
gleichwertig zur Seite stehen, sondern muss ihr als allgemeingültige,
 mathematisch begründete Relation übergeordnet sein; die
blosse Summierung des Einzelnen kann niemals die Anwendung
auf die Allheit der möglichen Fälle begründen und rechtferti-
        <pb n="325" />
        Die Erfahrung als unendliche Aufgabe. 8313

gen.!1%) „Diese einzige Antwort Galileis“ — so urteilt Prantl mit
Recht — „zeigt ein tieferes Verständnis vom Wesen der Induktion.
als all jene phrasenhaften Stellen zusammen, in welchen der oberflächliche
 und grosssprecherische Baco von Verulam über inventio.
experimentum u. dgl. geplaudert hat“,13)
Wenn der Wertbegriff des „Absoluten“ nunmehr allein von
der Art und Geltung unserer Erkenntnisse gebraucht wird, so
erscheint damit zugleich sein Korrelat- und Gegenbegriff unter
einem veränderten Gesichtspunkt: der Begriff der Relation ist
nicht mehr als Hemmung und Widerstreit, sondern als notwendige
Ergänzung für den neuen Sinn des Absoluten zu denken. In der
Tat bildet der logische Grundsatz der Relativität der Bewegung
die notwendige Voraussetzung, unter der Galileis Bewegungsgesetze
erst zur Entdeckung und Aussprache kommen konnten. Solange
die Bewegung als inhärente Eigenschaft eines einzelnen, bestimmten
 Subjekts gedacht wurde, so lange erschien die Vereinigung
 zweier verschiedener Bewegungen in ein und demselben
Körper, wie sie von der Copernikanischen Theorie gefordert war,
in der Tat wie ein innerer Widerspruch. Die qualitativen Grundeigenschaften,
 in denen die Aristotelische Analyse endete, stehen
zu einander in ausschliessendem, kontradiktorischem Verhältnis.
Die blosse Möglichkeit der „Mischung“ und Gradabstufung enthält
 unter dem Gesichtspunkt der absoluten Gegensätze eine
innere Schwierigkeit und Paradoxie: „wen sollte es nicht verwundern
 — heisst es wiederum sehr bezeichnend bei Fracastoro —,
dass die feindlichen Qualitäten des Kalten und Warmen, des
Trockenen und F euchten, die einander aufzuheben trachten, sich
dennoch im selben Subjekt mit einander vereinigen und in bestimmten
 Graden nebeneinander bestehen können?“137) Für die
neue Ansicht ist dieses Problem hinfällig geworden. Wie es
innerlich entgegengesetzten Beschaffenheiten möglich ist, sich zu
verbinden und sich gegenseitig zu durchdringen, ist allerdings
zuletzt eine unlösbare metaphysische Frage. Die Verknüpfung
von Relationen aber bietet keine Schwierigkeiten: denn Relationen
 sind — nach dem Worte Keplers — „Erzeugnisse des
Geistes“, die somit nicht zu einer dinglichen Einheit verschmelzen,
sondern sich wechselseitig nur zu einer eindeutigen Schlussfolsgerung.
 zu einer Einheit des Urteils bestimmen wollen. Die
        <pb n="326" />
        314 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

Lösung des Wurfproblems, die Zerlegung der Geschwindigkeit in
lie beiden Komponenten von horizontaler und vertikaler Richtung
and ihre Zusammenfassung zur Wurfparabel bietet hierfür das
klare methodische Beispiel. Hier wird zunächst von der Forderung
 ausgegangen, für die beiden Momente, die in Betracht
kommen, für die gleichförmige Bewegung auf der Horizontalen
und den gleichförmig beschleunigten Fall in der Senkrechten, ein
gemeinsames Maass zu definieren: dieses gemeinsame Maass
verbürgt und stellt unmittelbar die gemeinsame „Natur“ dar,
die für die Vereinigung der Inhalte zu fordern ist.13) Die Schwere
als „innerlicher Hang“, als „propensione intriseca“ gedacht, lässt
sich mit der „gewaltsamen“ Wurfbewegung nicht vereinbaren;
erst wenn sie als Beschleunigung bestimmt und somit als reine
Grösse objektiviert wird, kann sie als Faktor in das Gesamtprodukt
 eingehen. !%)
Die Zusammensetzung der Kräfte bietet jetzt kein schwierigeres
 Problem mehr, als die der Zahlen — der Gedanke der
reinen „Arithmetik der Kräfte“, in dem Kepler sich von der
Naturphilosophie schied, ist vollendet. Die Aufwärtsbewegung
eines Steines erscheint nunmehr nicht minder einfach, als seine
Fallbewegung, sofern beide unter einer gemeinsamen mathematischen
 Regel begriffen werden können: die Einheit des Prinzips,
 nicht die Einfachheit des Subjekts, bildet das entscheidende
 Kriterium. Die ältere Ansicht muss im Grunde fordern,
dass die Erkenntnis der einzelnen Substanzen erledigt und abgeschlossen
 sei, ehe wir daran gehen können, die Beziehungen zwischen
 ihnen festzustellen. Immer von neuem kehrt daher gegen
Galileis Bewegungsgesetze der Einwand wieder, dass die Subjekte,
 von denen sie handeln, nicht Gegenstände der Natur, sondern
 rein fiktive Gebilde seien; immer wieder erhebt sich die
Forderung, die Körper, wenn wir ihr Verhalten erforschen wollen,
in all ihren Beschaffenheiten und Eigenschaften (con tutte le sue
passioni) zu Grunde zu legen.!%) An dem Kampfe Keplers gegen
Robert Fludd konnten wir uns vergegenwärtigen, wie sehr dieses
scheinbar so gesunde, empiristische Erkenntnisideal der Mystik
nahesteht. (S. ob. S. 267 £) Wieder ist es das Problem der
Wurfbewegung, dessen Behandlung durch Galilei hier die scharfe
orinzipielle Grenze zieht. Ueber alle Zufälligkeiten des konkret
        <pb n="327" />
        Die Relativität der Erkenntnis.

32315

vorliegenden Falles, über die unendlichen Verschiedenheiten der
Schwere, der Geschwindigkeit und der Gestalt der einzelnen Körper
 lässt sich keine sichere Theorie geben (non si puö dar
ferma scienza). Von alledem muss, um den Gegenstand wissenschaftlich
 zu behandeln, abgesehen werden. Das Ergebnis muss
zunächst für den Fall, dass keine äusseren Hindernisse obwalten,
rein abstrakt abgeleitet und alsdann praktisch mit denjenigen Einschränkungen,
 die die Erfahrung uns anzeigt, angewandt
werden. !41) Die „kompositive Methode“, die zum Einzelnen hinleitet,
 ist ohne feste Leitung und Richtschnur, wenn ihr nicht die
zerlegende Analysis, die auf die allgemeinen Beziehungen zurückführt,
 vorangegangen ist. Wie sehr die Geltung solcher Beziehungen
 von der Beschaffenheit der empirischen Subjekte unabhängig
 ist, das ist gelegentlich der Diskussion des Beharrungsgesetzes
 bei Galilei zur prägnanten Aussprache gelangt. Simplicio
will den Satz, dass die Geschwindigkeit eines sich selbst überlassenen
 Körpers sich auf der Horizontalen erhält, unter der Voraussetzung
 zugestehen, dass der Körper selbst, von dem die Rede
ist, von dauerhaftem und unzerstörbarem Stoffe ist. Damit hat
er indes, wie ihm eingeworfen wird, den wahren Charakter der
Frage verkannt; denn die Vernichtung des Körpers würde lediglich
 zu den zufälligen und äusserlichen Hemmnissen gehören, von
denen für die theoretische Entscheidung der Frage abzusehen ist. 14?)
Hier ist der Ausdruck der Reinheit und Unabhängigkeit der Relation
 noch gesteigert: bei der Formulierung des Gesetzes dürfen
wir nicht nur von der Beschaffenheit, sondern von dem Dasein
der Einzeldinge abstrahieren. In dieser Hyperbel ist der Vorrang
des Funktionsbegriffes vor dem Dingbegriff zu voller
Klarheit gelangt. —
Unmittelbar deutlich offenbart sich die neue Ansicht weiterhin
 in der veränderten Auffassung des physikalischen Raumbegriffs.
 Der moderne Begriff des Raumes ist erst durch den
Gedanken der Relativität erschaffen und ermöglicht worden; selbst
bei denen, die später einen absoluten Raum behaupten, wird diese
Annahme nicht als Widerspruch, sondern als Ergänzung und Korrelat
 zum Grundsatz der Relativität der Bewegung gedacht. Für die
naive Ansicht sind zunächst die einzelnen Dinge und mit ihnen ihre
wahre räumliche Ordnung. als eine Eigenschaft. die ihnen an-
        <pb n="328" />
        316 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei,

haftet, fertig gegeben. Indem die neue astronomische Weltansicht
diese letztere Annahme als sinnliche Täuschung erweist, berichtigt
 sie damit mittelbar auch die entsprechende allgemeine Auffassung
 der Wirklichkeit. Ein besonderer empirischer Gegenstand
 ist, was er jst, erst durch die bestimmte räumliche Lage
and durch seine Stellung im Ganzen des Universums; haben wir
somit eingesehen, dass sein wirklicher Ort und seine wirkliche
Bewegung niemals durch die unmittelbare Wahrnehmung, sonlern
 erst auf Grund verwickelter Schlussfolgerungen bestimmt
werden kann, so begreifen wir, dass auch zu dem wahrhaften
Sein der Objekte auf keinem anderen Wege zu gelangen sein
wird. Es ist interessant zu betrachten, wie bei den Begründern
der modernen Wissenschaft die neue Erkenntnis sich allmählich
durchringt. Copernicus beginnt mit einer klaren Formulierung
des Relativitätsgedankens: alle sichtbare Ortsveränderung kann
entweder aus der Bewegung der Objekte oder aus der des Zuschauers,
 oder endlich aus einer Vereinigung dieser beiden Momente
arklärt werden. Die Angabe des jedesmaligen Coordinatenmittelpunkts
 ist somit notwendig, um dem Urteil über eine einzelne Bewegungserscheinung
 Klarheit und Bestimmtheit zu verschaffen. 143)
In der konkreten Einzelanwendung indes konnten auch bei ihm
ıoch Irrtümer bestehen bleiben, die davon herrührten, dass er
lie Planetenbahnen bald auf die Fixsterne, bald auf den Mittelunkt
 der Drehung als Orientierungspunkt bezog; — die somit
mangelnde Klarheit über den selbstgefundenen ersten Grundsatz
bekundeten. 14) Kepler hat diese Mängel des Systems verbessert —
aber selbst bei ihm handelt es sich mehr darum, den absoluten
Mittelpunkt zu verlegen, als sein Dasein überhaupt zu leugnen.
Die Begrenzung und die Kugelgestalt der Welt gilt ihm, wenn
nicht aus astronomischen, so doch aus metaphysischen Gründen
als erwiesen.14#5) Bei Galilei erst ist auch diese Schranke beseitigt,
and wenngleich er es in kritischer Zurückhaltung vermeidet,
über Giordano Brunos Satz von der Unendlichkeit der Welten
positiv zu entscheiden, da diese Frage über die Grenzen der Erkenntnis
 hinausliege, so steht ihm doch die Unabschliessbarkeit
der Erfahrung überall fest. Es gibt keinen einzelnen bevorzugten
 Puukt des Universums mehr: auch die Sonne weist
zeinerlei Eigenart und keinerlei „Bedingung“ auf. vermöge deren
        <pb n="329" />
        Die Relativität der Erkenntnis.

317

wir sie vom Heer der übrigen Fixsterne lostrennen und unterscheiden
 könnten. !#) Allgemein wird jetzt deutlich, dass sich die
wahre räumliche Ordnung uns nicht von Anfang an darstellt,
dass sie selbst vielmehr ein Produkt der fortschreitenden wissenschaftlichen
 Erfahrung ist und, wie diese, daher stets nur zu
relativem Abschluss gelangen kann. Der Raum unserer Anschauung
 wandelt sich in den Raum unserer wissenschaftlichen
Konstruktion; die Ordnung, die uns bisher als feste, gegebene
Begrenzung zu umschliessen schien, wird jetzt allmählich aus
dem Prozess der Erkenntnis gewonnen und entwickelt. Freilich
kann sich das Denken nicht der Aufgabe entziehen, von dem bestimmten
 Standpunkt aus, den es in seinem Fortschritt erreicht
hat, die Eine, wahre und eindeutige Verfassung des Raumes und
des Universums zu fixieren: zugleich aber wird anerkannt, dass
die „Wahrheit“ jedes derartigen Ansatzes nichts anderes bedeuten
und besagen kann, als dass er die Gesamtheit aller PhänomMene
 — nicht nur der astronomischen, sondern zugleich der physikalischen
 — unter der Einheit einer Regel und eines gedanklichen
Zusammenhangs befasst. „Denn eine höhere Wahrheit darf und
kann man in einem wissenschalftlichen Satze nicht suchen, als
dass er allen besonderen Erscheinungen entspricht“. 147)
Das „Absolute“ indes, das Galilei zu bekämpfen hat, bedeutet
 nicht lediglich die feste, abgeschlossene Gegebenheit der
Dinge: es hat seine eigentliche Wurzel nicht in der Welt der
äusseren Objekte, sondern in der des „inneren“ Geschehens. Der
Zweckbegriff ist es, der uns innerhalb des Aristotelismus das
immanente Entwicklungsgeseiz des Werdens und die Wesenheit
der „Formen“ vermittelt und erschliesst. Auch hier bildet die
substantielle Weltansicht die notwendige, latente Voraussetzung:
als „zweckmässig“ können wir ein einzelnes Geschehen nur bezeichnen
 und begreifen, wenn uns das Ganze, auf das wir uns
in diesem Urteil beziehen, als vollständig gegeben und fertig erkannt
 vor Augen liegt. Die neue Forschungsweise, die vom Einzelnen
 zum Ganzen aufstrebt, scheint zunächst, verglichen mit
lieser Anschauung, ein blosses Aggregat und Stückwerk zu sein:
denn heisst es nicht, den Begriff selbst und seine umfassende
Bestimmung und Geltung zu leugnen, wenn man ihn zum blossen
Sammel- und Beziehungspunkt der besonderen Beobachtungen
        <pb n="330" />
        318 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

und Erfahrungen macht? In der Tat sehen wir, wie Galilei, den
die Gegner beschuldigten, dass seine Methode in leeren Abstraktionen
 verharre und für die Bestimmung des Einzelnen unfruchtbar
 bleibe, auf der andern Seite sich zugleich gegen den Vorwurf
wehren muss, dass sein Verfahren der echten „Universalität“ ermangele.
 Wahrhaft allgemein — so schildert Simplicio diesen
Einwurf — sind lediglich die grundlegenden logischen und ontologischen
 Bestimmungen, die sich auf alle Klassen und Spezies
von Dingen gleichmässig beziehen. In der Ermittlung solcher
obersten Gattungen besteht die eigentliche Aufgabe der Philosophie,
 die Aristoteles für das Problem der Bewegung ein für
allemal gelöst hat, indem er ihre wesentlichen Eigenschaften, ihre
Einteilung in einfache und zusammengeselzte, in natürliche und
gewaltsame fixierte. Die weitere malhematische Behandlung —
insbesondere die Ermittlung des Beschleunigungsverhältnisses —
betrifft nur nebensächliche Subtilitäten und „Zufälligkeiten“ (accidenti),
 die man getrost dem Mechaniker oder irgend einem anderen
 untergeordneten Handwerker überlassen mag. !48) Mit diesen
Sätzen ist ein wirkliches Charakteristikum der Peripatetischen
Auffassung bezeichnet. Die Mathematik hat ihr im Ganzen des
Systems keinen ursprünglichen philosophischen, sondern lediglich
technischen Wert; sie bestimmt und definiert nicht das Seiende,
 die Substanz als solche, sondern vermag sie im besten Falle
nachträglich mit bestimmten „Accidentien“ auszustatten. Für Ga-Jilei
 ist die Allgemeinheit von den „Begriffen“ auf die Gesetze,
von dem Umfang auf den Inhalt übergegangen. Die grundlegenden
 Beziehungen aber sind ihm zugleich universal und individuell,
 d. h. in concreto bestimmt: wie die allgemeine Funktionsgleichung
 zugleich alle möglichen Einzelwerte des x unmittelbar
 in sich schliesst und den Wert der abhängigen Veränderlichen
für sie bestimmt. Wenn somit auch hier das Allgemeine vorangeht,
 so hat es doch lediglich den Wert der Hypothese und der
Frage an die Natur: nicht, wie im Zweckbegrill, im % z Ay sivat
unmittelbare metaphysische Wirklichkeit.
Wiederum tritt der Unterschied am schärfsten und eindringlichsten
 hervor, wenn man die Peripatetische Lehre in der bestimmten
 Gestalt und Ausbildung betrachtet, die sie zu Galileis
Zeiten erhalten hatte. Im Jahre 1613 — nach dem Erscheinen von
        <pb n="331" />
        Erfahrung und Denken.

319

Keplers Werk über die Marsbewegung und nach Galileis Entdeckung
der Jupitertrabanten — veröffentlicht Cremonino, der angesehenste
 italienische Aristoteliker der Zeit, einen Kommentar zur
Schrift „de coelo“, in dem die Lehre des Copernicus als eine „moderne
 astronomische Kuriosität“ erwähnt und abgetan wird: sie gehöre
 einem „anderen Wissensgebiet“ an, um das der „Philosoph“
sich nicht zu kümmern habe.!#®) Man wende nicht ein, dass die
Aristotelische Ansicht vom Himmelsgebäude sich nur auf die
Erfahrungen seiner Zeit stütze und somit durch spätere Beobachtungen
 berichtigt werden könne: habe doch Aristoteles seine
Lehre nicht mit Rücksicht auf das Bekannte und Unbekannte,
sondern mit Rücksicht auf die allgemeine Natur der Dinge ausgebildet.
 10) Diese „allgemeine Natur“ ist durch die teleologische
Betrachtung ein für alle Mal erkannt und festgesetzt: die Vollkommenheit
 des Himmels bestimmt mit einer inneren Notwendigkeit,
 an die keine andersartige Erfahrung heranreicht, die Arl
und Gestalt seiner Bewegungen. !®!) Wenn in der individuellen
Substanz die eigentliche Grundlage im Voraus bekannt ist, so
genügt es, aus ihr die Einzelbestimmungen und Accidenzen rein
deduktiv zu entwickeln; wenn in dem immanenten Zweck eines
Dinges seine Wesenheit olfen zu Tage liegt, so begreift es sich,
dass alle entgegengesetzten Anzeichen, die Experiment und Beobachtung
 uns bieten, danach berichtigt und umgedeutet werden
müssen. Das Verhältnis zwischen Vernunft und Erfahrung,
zwischen Apriori und Aposteriori ist hier — wie Galilei nicht
müde wird, zu zeigen -— nicht zu klarer prinzipieller Entscheidung
gelangt. Statt sich gegenseitig in ihrer Notwendigkeit und ihrer
besonderen Eigenart anzuerkennen, gehen beide Momente nur
eine äussere und zufällige Mischung ein. Der Blick richtet
sich anfangs von der sinnlichen Welt hinweg auf ein rein
„ideales“ Universum, um in ihm das architektonische Vorbild der
Sinnenerfahrung zu entdecken. Der Begriff der Bewegung wird
als wesentlicher Inhalt des Naturbegriffs herausgehoben; die
Arten der Bewegung werden bestimmt und unterschieden. Aber
in diese Unterscheidung bereits, die nach der Absicht des Ganzen
aus rein logischen Gesichtspunkten erfolgen sollte, mischt sich ein
empirisches Moment. Indem die Sonderung der Bewegung der
Sonderung der Elemente folgt, indem dem Feuer eine absolute
        <pb n="332" />
        320 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.

Aufwärtsbewegung, der Erde eine absolute Abwärtsbewegung zugesprochen
 wird, sind damit die Begriffe des „Oben“ und
‚Unten“, die nur in der fertigen materiellen Welt Sinn und
Bedeutung haben, in die allgemeine Prinzipienlehre aufgenommen.
„Die Karten werden uns unter der Hand vertauscht, statt den
erfahrungsmässigen Bau der Welt gemäss den Vorschriften des
ideellen Grundrisses auszuführen, wird der Plan selbst unvermerkt
 dem vorhandenen Gebäude angepasst.“ 152) So erweist sich
der Zweckbegriff innerhalb der theoretischen Naturbetrachtung
durchgehends als Öotepov xpitepov: wie er auf der einen Seite
Verhältnisse, die der konkreten Welt entlehnt sind, zu allgemeinen
Axiomen erhöht, so macht er andrerseits an Stelle der reinen
objektiven Gesetze die subjektive Vorstellung und das subjektive
Gefallen des Individuums zum Maassstab. Wenn Galilei es als
zine Verwegenheit bezeichnet, den Verstand und die Wirksamkeit
der Natur nach den engen Schranken unseres Verstehens zu bemessen,
 so kann dies, verglichen mit den Irüheren Entwicklungen,
zunächst als ein Widerspruch erscheinen: denn stammten nicht
auch die mathematischen Prinzipien, die die wahre Bestimmung
 und Begrenzung der Wirklichkeit abgeben, „aus uns
selbst“ und dem Gesetze unseres Begreifens? Der Zusammenhang
indes, in dem diese und ähnlich lautende Sätze sich finden,
klärt sogleich über ihren Sinn auf: nicht das „a priori“ der
nathematischen Idee, sondern das des Zwecks soll damit
getroffen werden. 153) Das Postulat, in das absolute Innere der
Dinge einzudringen, sie nach ihrem Sinn und ihrer Bedeutung
für uns abzuschätzen, wird zurückgewiesen; denn wie erhaben und
rein hier auch das Kriterium genommen zu sein scheint, es
enthüllt sich zuletzt doch immer als durch die zufälligen Wünsche
und die empirischen Bedürfnisse des Individuums bedingt. „Es
ist eine Anmassung, zu verlangen, dass die blosse Sorge um
uns der adaecquate Ausdruck und die Grenze für das Wirken
Gottes sei. Wenn man mir entgegenhält, dass ein unermesslicher
sternenleerer Raum zwischen den Planetenbahnen und der Sternensphäre
 nutzlos und müssig sei, dass ferner eine unermessliche,
 all unsere Fassungskraft übersteigende Ausdehnuug, die die
Fixsterne in sich fasst, überflüssig wäre, so erwidere ich, dass
as vermessen ist, unsern schwachen Verstand (il nostro deholissimo.
        <pb n="333" />
        Das „a priori“ der Idee und das „a priori“ des Zwecks. 321

discorso) zum Richter über die Werke Gottes zu machen und
alles im Universum, was nicht unserm Nutzen dient, eitel und
überflüssig zu nennen“.154) Die Einsicht in den Nutzen: das ist
die falsche Forderung des Verstehens, die es abzuwehren gilt;
ihr tritt der Hinweis auf den allumfassenden „Verstand der Natur“
entgegen, der sich wiederum rein in den Gesetzen der Mathematik
erschliesst.
Es ist indes nur die gröbere und äusserliche Form der Teleologie,
 die sich in der Frage nach dem Nutzen ausspricht: der
tiefere Reiz und die gefährlichere Lockung des Zweckgedankens
liegt nicht in dieser Richtung, sondern in dem Zusammenhang
mit den ästhetischen Begriffen und Problemen. Hier hatte, wie
wir sahen, auch Copernicus den Standpunkt der Betrachtung nicht
geändert: auch ihm bildet die „Vollkommenheit“ der geometrischen
 Gestalt die letzte Ursache und den letzten Beweisgrund
der Verfassung des Universums. Der Begriff des Kosmos fordert
den Begriff der Harmonie als Ergänzung und als absoluten Maassstab.
 15) Es war der letzte und geschichtlich vielleicht der schwerste
Schritt, den Galilei vollzog, indem er auch diesen Zusammenhang
kritisch aufhob. Hier kommt in der Schärfe und Eigenart des
neuen Gedankens zugleich die ganze Kraft seines Witzes und seines
polemischen Stils zur Entfaltung. Er habe — bemerkt er gegen
Sarsi — niemals die Chroniken und Adelsregister der geometrischen
Figuren studiert, könne somit nicht darüber entscheiden, welche
unter ihnen von älterem und höherem Rang seien. Vielmehr
glaube er, dass sie alle in ihrer Art vollkommen und altehrwürdig
oder, besser gesagt, dass sie an sich weder edel noch unedel,
weder vollkommen noch unvollkommen seien; nur dass freilich,
wenn es sich um das Aufführen von Mauern handele, die viereckige
 Form grössere Vollkommenheit als die spbärische besitze,
und dass für das Fortrollen eines Wagens die Rundung besser
als das Dreieck tauge.15) Erwägt man diese Sätze in ihrem historischen
 Wert und Zusammenhang, so ist man versucht, auf
Galilei das Urteil anzuwenden, das Aristoteles — wenngleich in
entgegengesetzter Wendung und Tendenz — über Anaxagoras gefällt
 hat: er tritt wie ein Nüchterner unter lauter Trunkene. Und
in der satirischen Wendung, die der Relativitätsgedanke hier erhält.
 verbirgt sich zugleich eine wichtige logische Ansicht. In
        <pb n="334" />
        322

Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei,

der antiken Mathematik stehen die einzelnen geometrischen Gestalten
 als streng abgeschlossene und isolierte Inhalte einander
gegenüber, es gibt zwischen ihnen keine Vermittlung und keinen
Uebergang. Noch Kepler, der, wenngleich er einer der Begründer
der Infinitesimalmethode ist, im Ganzen die ältere Auffassung
der. Geometrie teilt, kann daher an dem absoluten Gegensatz
des Geraden und Krummen festhalten. Bei der Vergleichung
veider gibt es zwar ein Grösser und Kleiner, muss es somit auch
einen Begriff der Gleichheit geben, der aber für menschliche
Wissenschaft nicht erreichbar und festzustellen ist: „illud aequale
[ugit scientiam hominis; nam infiniti nulla scientia“. 157) Für
Galilei dagegen hat sich die Starrheit der geometrischen Begriflsbildung
 gelöst. Wie er in seiner Physik lehrt, die räumliche
Ordnung und Gestaltung der Körper nicht als ein Gegebenes aufzufassen,
 sondern aus fortschreitenden relativen Setzungen zu entwickeln,
 so ist in seiner Mechanik zuerst die endliche Wegstrecke
 als Integral der Geschwindigkeit dargestellt, somit aus
ihrem Element abgeleitet. Die Lösung des Wurfproblems hat
sodann gezeigt, wie die gekrümmte Bahn des Körpers sich aus
den geraden Komponenten und Bestimmungsstücken ergibt und
zusammensetzt. Von allen Seiten ist somit die Aufhebung der begrifflichen
 Sonderung angebahnt, in der Galilei selbst den Eckstein
 und das Fundament der gesamten Aristotelischen Physik
sieht.!®3) Die Kontinuität zwischen den einzelnen geometrischen
Gestalten, vermöge deren sie sich streng mit einander vergleichen
und in einander überführen lassen, hebt den unbedingten Wertvorzug
 der einen vor der andern auf. „Vollkommenheit“ besagt
 jetzt nichts anderes mehr, als durchgängige, eindeutige Gesetzlichkeit:
 der Ausdruck bezeichnet somit den Gattungscharakter
der geometrischen Erkenntnisweise üherhaupt, nicht die spezi-Äsche
 Differenz einer einzelnen Gestalt, die in ihr entsteht. —
Blicken wir von hier aus nochmals zurück, so vermögen
wir jetzt zu übersehen, wie die einzelnen Gedanken sich in klarer
Bestimmtheit aus dem Grundprinzip entwickelt haben. So wenig
Galilei eine abgesonderte Theorie des Erkennens, neben und
ausserhalb seiner wissenschaftlichen Leistungen, entwickelt: so
deutlich stellt sich in diesen Leistungen selbst eine neue einheitliche
 Grundauffassung von der Aufgabe der Erkenntnis dar. die
        <pb n="335" />
        Die philosophische Bedeutung von Galileis Wissenschaft. 3238

er durchgehend und konsequent betätigt. Glied reiht sich an
Glied in strenger innerer Folgerichtigkeit. Von der Erfahrung,
von Experiment und Beobachtung, wurde ausgegangen. Aber die
Erfahrung selbst ist hier nicht mehr, wie in der Naturphilosophie.
die blosse beziehungslose Anhäufung des Wahrnehmungsstoffes,
„experimentorum multorum coacervatio“; sie ist ein streng gegliedertes
 Ganze und ein notwendiger Zusammenhang. Aus
diesem Gesichtspunkt der Notwendigkeit bestimmte sich für Galilei
 die Auffassung und die Definition der Materie und der Bewegung.
 Zugleich wurde deutlich, dass der Charakter der Notwendigkeit
 nicht in den Dingen, sondern in den Bedingungssätzen
 der Mathematik gegründet ist: dass er daher nicht in
letzten und höchsten schematischen Gattungsbegriffen, sondern
in universellen Beziehungen und Gesetzen zu fixieren ist. So
steht die neue Ansicht unter der Herrschaft und Leitung des Relationsgedankens,
 der seine deutlichste Ausprägung im Begriff der
Funktion besitzt. Nicht lediglich das neue Tatsachenmaterial,
sondern die veränderte prinzipielle Ansicht, aus der es gewonnen
wurde, bildet die Grenze zwischen der Scholastik und der neueren
 Zeit. Galilei hat — nach einem Worte Campanellas — einen
neuen Himmel und eine neue Erde entdeckt; aber er vermochte
es nur auf Grund des neuen Erkenntnisideals, das er für die
Wissenschaft formulierte.1%) Er selbst hat das geleistet, was er
der syllogistischen Lehre abspricht:!'®) die Logik ist bei ihm zum
positiven und fruchtbaren Werkzeug der Naturerkenntnis, zum
„Organon“ der Entdeckungen geworden. „Ich achte den ersten
Erfinder der Lyra — so urteilt er selbst — wenngleich sein Instrument
 noch unfertig im Bau und rauh im Klang gewesen sein
mag, darum nicht geringer, ja ich stelle ihn höher, als hundert
andere Künstler, die später seine Erfindung vervollkommnet
haben. Von geringfügigen Anfängen aus zu grossen Entdeckungen
 vorzudringen, in dem ersten kindischen Scheine den Keim
wunderbarer Kunst zu erblicken: das ist keine Leistung von
Dutzendköpfen, sondern erfordert Gedanken und Entwürfe einer
über das Maass des Menschlichen hinausragenden Geisteskraft“. 161)
Wir dürfen diese Worte auf Galilei selber anwenden; wie sehr
das gedankliche Instrument der Naturerkenntnis, das er geschaffen,
in der Geschichte der Wissenschaft geschärft und verfeineri

Se
        <pb n="336" />
        524 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Die Mathematik.

worden ist: er muss für immer als sein erster und originaler Entlecker
 gelten.

4. Die Mathematik.
Die Mathematik ist uns bisher lediglich in der Bedeutung
entgegengetreten, die sie als Voraussetzung und Bedingung des
modernen Naturbegriffs besitzt. Ihre Leistung, soweit die vorangehenden
 Entwicklungen sie bestimmen konnten, erschöpft sich
in dem Verhältnis, das Galilei in bekannten Worten zum reinen
und klassischen Ausdruck gebracht hat. Das Buch der Philosophie
 ist das der Natur, das vor unseren Augen beständig dalegt,
 das jedoch nur wenige zu entziffern und zu lesen vermögen,
da es in Buchstaben, die von denen unseres Alphabets verschieden
sind, in Dreiecken und Quadraten, in Kreisen und Kugeln, in
Kegeln und Pyramiden verfasst und geschrieben ist.!®@) So
Charakteristisch indes diese Sätze sind: das Ganze von Galileis
Leistung und der eigentliche philosophische und wissenschaft-'iche
 Fortschritt, den sie bedeutet, wird durch sie nur ungenügend
yezeichnet. Die Sprache der Natur, wie sie hier bestimmt wird,
ist die der antiken, synthetischen Geometrie. Ihre Grammatik
ist in den Elementen Euklids und, in weiterem Ausbau, in
Apollonius’ Lehre von den Kegelschnitten als fester Besitz gegeben.
 Sie mag genügen, noch Keplers Gesetze der Planetenbahnen
 zu verstehen: für die Fallgesetze und die dynamische
Grundanschauung, die sich auf ihnen aufbaut, reicht sie nicht
aus. Galileis Aufgabe beschränkte sich nicht darauf, mit fertigen
wissenschaftlichen Werkzeugen an die Deutung der Erscheinungen
heranzutreten; es galt für die neue Naturansicht eine neue
Sprache erst zu entdecken, ihre Charaktere zu bestimmen und
ihren syntaktischen Bau in feste Regeln zu fassen. Im Verhältnis
von Mathematik und Physik ergibt sich jetzt eine derart enge
Wechselbeziehung, dass das logische Rangverhältnis beider darüber
 bisweilen wie verkehrt erscheint. Es sind nicht lediglich
die mathematischen Begriffe, die in selbständiger immanenter
Fortbildung bis zu den Anfängen der Mechanik sich entwickeln:
        <pb n="337" />
        Die Wechselwirkung zwischen Mathematik und Physik. 325

es ist ebensoschr das System der physikalischen Grundbegriffe,
das rückwirkend die Gestalt der Mathematik bestimmt. Das neue
Ziel, das der Betrachtung gesteckt ist, schafft aus sich heraus
die neuen Mittel. Der wesentliche philosophische Ertrag der
Galileischen Wissenschaft lag uns darin, dass durch sie eine veränderte
 Ansicht von der Aufgabe der Erkenntnis heraufgeführt
wird; jetzt lässt sich weiter verfolgen, wie diese systematische
Umgestaltung der Problemstellung auch auf den Ausbau der besonderen
 mathematischen Begriffe und Methoden unmittelbaren
Einfluss gewinnt und wie erst hier, innerhalb der Einzelforschung,
das abstrakte Ideal zu voller Wirksamkeit gelangt.
Wir versuchen an dieser Stelle nicht, die Entwicklung,
die nunmehr einsetzt und deren Endpunkt durch die Entdeckung
der analytischen Geometrie und der höheren Analysis bezeichnet
ist, in ihren einzelnen Phasen darzustellen. So sehr hier jeder
einzelne Schritt, jede immanente, technische Neuerung auch
methodisch von Bedeutung ist: es muss einer philosophisch gerichteten
 Geschichte der Mathematik überlassen bleiben, diese
mannigfachen Wendungen und Fortschritte zu beschreiben und
mit den allgemeinen Gedanken der wissenschaftlichen Kultur in
Beziehung zu setzen. Hier dürfen uns die einzelnen mathematischen
 Begriffe nur das Paradigma bilden, an dem wir uns den
Weg und die Wandlung des allgemeinen Erkenntnisproblems zur
Anschauung bringen können. Die neuen Bildungen, die jetzt auf
den verschiedensten und scheinbar entlegensten Gebieten hervortreten,
 die Entdeckung der Buchstabenrechnung wie die Anfänge
der neueren projektiven Geometrie, die Einführung der Logarilhmen
 wie die Theorie der Reihen: sie alle weisen auf ein gemeinsames
 Motiv und eine gemeinschaftliche Wurzel hin, in der
sie mit einander zusammenhängen.
In einem ersten, vorläufigen Umriss stellt sich uns diese
Einheit dar, wenn wir uns dem Problem des Unendlichen zuwenden.
 Um diesem Problem seine richtige Stellung innerhalb
des Ganzen der modernen Naturanschauung anzuweisen, muss
freilich zunächst eine Unterscheidung getroffen werden: die direkte
logische und dialektische Erörterung des Unendlichen bei Kepler
und Galilei ist von der mittelbaren Wirksamkeit und Fruchtbarkeit.
 die der Begriff im wissenschaftlichen System beider ent-
        <pb n="338" />
        326 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Die Mathematik.

faltet, zu trennen. Erst das zweite Moment entscheidet endgültig
iber die eigentliche sachliche Bedeutung des Prinzips, während
die explizite Aussprache und Formulierung noch vielfach an bestimmte
 geschichtliche Bedingungen gebunden und durch sie
aingeengt bleibt. Dies gilt vor allem für Kepler, für den das Unendliche
 noch den antiken Sinn des drxeıpov besitzt: es ist das Unbegrenzte
 und Gestaltlose, das sich der Möglichkeit des Maasses
und dem Reiz der geometrischen Harmonie entzieht. „Quae
‘gitur finita circumscripta et figurata sunt, illa etiam mente
:;omprehendi possunt: infinita et indeterminata, quatenus
talia, nullis scientiae, quae definitionibus comparatur,
aullis demonstrationum repagulis coartari possunt“.16®)
indem sich indes die Betrachtung — in einer Wendung, die wir
im Einzelnen verfolgen konnten — von der geometrischen Konstanz
 zum Problem der Veränderung hinkehrt, wandelt sich
damit allmählich auch der Wert und die Leistung des Unendlichen.
 In der „Astronomia nova“, die zuerst den Keplerschen
Kraftbegriff zur Darstellung bringt, wird nach einem Maasse der
Wirkung gefragt, die die Sonne und ihre magnetische Anziehung
auf einen gegebenen Planeten innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts
 seines Umlaufs ausübt. Da diese Wirkung von dem Abstand
 des Planeten abhängig und somit von Punkt zu Punkt veränderlich
 ist, so muss, um ihre Intensität festzustellen, ein Mittel
gefunden werden, die unendlich vielen, verschiedenen Antriebe,
die für die einzelnen Momente gelten, zu einem einheitlichen Inbegriff,
 zu einer Gesamtgrösse zusammenzufügen. Der Begriff des
bestimmten Integrals gelangt hier zu klarer Heräushebung: wie
für die betreffende Funktion, um die es sich handelt, die Intezration
 mathematisch durchgeführt wird, so ist auch der allgemeine
 logische Gesichtspunkt eines unendlichen „Aggregats“, das
die Allheit der veränderlichen Grössenwerte umschliesst und in
sich fasst, deutlich bezeichnet.!%) In der „Stereometria doliorum“
vom Jahre 1615 sehen wir sodann, wie dieser Gesichtspunkt von der
Zeit auf den Raum übertragen ist. Die festen geometrischen Gebilde
 selbst sind jetzt in. Gesamtheiten von Punkten aufgelöst.
 Um etwa den Inhalt des Kreises zu berechnen, müssen wir
seine Peripherie aus unendlich vielen Punkten zusammensefügt
 denken, von denen jeder die Basis eines gleichschenk-
        <pb n="339" />
        Der Begriff des Unendlichen.

327

ligen Dreiecks bildet, dessen Spitze im Mittelpunkt liegt: die
Summierung dieser Dreiecke gibt die gesuchte Fläche. Das gleiche
Verfahren gilt für die Kugel, die wir gedanklich in eine unendliche
 Vielheit von Kegeln zerlegen können, die mit ihren Spitzen
sämtlich im Zentrum zusammentreffen. Es ist, wie man sieht,
der Gedanke der Teilung und Zusammensetzung, der
Keplers Untersuchung beherrscht. Das Unendlichkleine, wie
er es fasst, ist ihm das letzte Element in der Auflösung und
Zerfällung der stetigen räumlichen Gebilde.!®) Auch bei Galilei
ist es dieser Gesichtspunkt, der die Untersuchung zunächst leitet.
Das geometrische Paradoxon, das er an die Spitze stellt, lässt
ich, rein abstrakt gefasst, dahin aussprechen: dass eine Linie
von bestimmter Länge sich durch verschiedene Methoden der
Vergleichung nacheinander bald einer kleineren, bald einer
grösseren Strecke Punkt für Punkt eindeutig zuordnen lässt, dass
sie also, nach gewöhnlichem Sprachgebrauch, selbst bald als
„grösser“, bald als „kleiner“ erscheint.!®) Deutlicher tritt der
gleiche Gedanke in dem arithmetischen Beispiel hervor: denken
wir die beiden unendlichen Mengen der positiven ganzen Zahlen
und die der Quadratzahlen einander gegenübergestellt, so sehen
wir, dass jedem Element der ersten Reihe ein und nur ein Element
 der zweiten entspricht. Dennoch ist von den beiden Mannigfaltigkeiten,
 die in dieser Betrachtung und Zuordnung als
„gleich“ erscheinen, die eine ein „Teil“ der andern, da die Quadratzahlen
 in dem Inbegriff der positiven ganzen Zahlen eingeschlossen
 sind.1®%) Den Widerspruch, der hierin liegt, löst Galilei
 mit der Bemerkung, dass die Attribute der Gleichheit, des
Grösser und Kleiner von uns nur für endliche Inbegriffe definiert
worden sind, auf unendliche Mengen daher keine Anwendung
finden können. Er berührt damit in der Tat ein allgemeines 10-gisches
 Problem, das zugleich geschichtlich von Bedeutung und
Interesse ist. Der Begriff der Gleichheit war es, an dem Platon
im Phädon die allgemeine Charakteristik der Idee vollzog: dass
sie zwar von den sinnlichen Inhalten ihren Anfang und ihren
psychologischen Ausgangspunkt nimmt, in ihnen aber ihrem
Werte und Sinne nach nicht enthalten ist. Die gleichen Stein
und Hölzer erwecken den Geist nur zur Wiedererinnerung des
Urbildes“ der Gleichheit. das wir in uns selbst tragen; wir ver-
        <pb n="340" />
        328 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Die Mathematik.

möchten konkrete Gegenstände niemals als gleich zu bezeichnen
und anzuerkennen, wenn wir sie nicht auf diesen reinen Musterbegriff
 beziehen könnten. Den unmittelbaren Objekten der Wahrnehmung
 gegenüber kann indes der Platonische Gedanke immer
von neuem in Frage gestellt werden; immer wieder gewinnt es
hier den Anschein, als hafteten die reinen Beziehungen unmittelbar
 an den Dingen, als seien Relationen, wie Gleichheit und
Grösse, in derselben Art wie Farbe und Ton als Eigenschaften
ler konkreten Dinge mitgegeben. Erst die Entwicklung der
Mathematik klärt endgültig über diesen Irrtum auf. Denn hier
sehen wir beständig neue Klassen von Inhalten entstehen, für
die die Anwendung der bisherigen Begriffe fraglich wird; — für
lie in jedem Falle der ideelle Gesichtspunkt der Beurteilung erst
zu entdecken ist. Die unendlichen Mannigfaltigkeiten bilden hierfür
 das deutlichste Beispiel. Wir dürfen — wie die moderne
Weiterentwicklung des Galileischen Gedankens gelehrt hat — auch
bei ihnen von „Gleichheit“ sprechen: aber wir vermögen dies nur
auf Grund einer neuen Definition und „Hypothese“ der Gleichaeit
 und auf Grund einer veränderten Fassung, die wir den Begriffen
 des „Grösser“ und „Kleiner“ geben. Der ideelle Charakter
der begrifflichen Beziehung zeigt sich hier besonders deutlich, da
diese Beziehung und dieser Maassstab nicht unmittelbar bereit
liegt, sondern von uns erst zu erschaffen ist. Die neuere Mathematik
 hat im Begriff der verschiedenen „Mächtigkeit“ einen
solchen Gesichtspunkt der „Vergleichung“ für unendliche Mannig-‘altigkeiten
 gefunden und ausgezeichnet; sie kann daher, in einem
von ihr selbst genau begrenzten und vorgezeichneten Sinne, auch
in ihnen eine Art der „Grössenbestimmtheit“ festhalten. —
Für Galilei bleibt allerdings, solange er bei der Betrachtung
und Zerlegung des räumlichen Kontinuums verweilt, eine
innere dialektische Schwierigkeit zurück. Er hält durchgehends
an der Strenge und Wahrheit des Satzes von der unendlichen
Teilbarkeit fest; er bekämpft den Versuch, diesen Satz durch
logische Unterscheidungen der „potentiellen“ und „aktuellen“
Unendlichkeit abschwächen und in seiner unbedingten Anwendbarkeit
 beschränken zu wollen. Die endliche Strecke enthält
ihre unendlich vielen Teile wirklich in sich: nur muss man
[reilich diese Wirklichkeit als eine solche auffassen. die durch
        <pb n="341" />
        Die Umförmung des Grössenbegriffs.

329

einen mittelbaren Prozess des begrifflichen Denkens und der
Schlussfolgerung zu erweisen, nicht direkt in der sinnlichen
Wahrnehmung und Anschauung zu belegen ist.16%%) Aber ebenso
zweifellos, wie die Unabschliessbarkeit der Teilung steht die Notwendigkeit
 letzter, unteilbarer Elemente fest, aus denen die
stetige Grösse sich zusammensetzt: sie selbst müsste in Nichts
zerfallen, wenn sie sich nicht auf einen solchen Urgrund ihres
Seins zurückzubeziehen vermöchte. Die beiden Sätze, dass das
Kontinuum durch Teilung nicht zu erschöpfen ist, wie dass es
aus indivisiblen Teilen besteht, widersprechen einander nicht,
sondern bedingen einander wechselseitig. Eben weil wir durch
fortgesetzte Zerfällung einer gegebenen Grösse immer nur zu
endlichen, wiederum zusammengesetzten Strecken gelangen, eben
weil auf diesem Wege also die „ersten Komponenten“ niemals
zu erreichen sind, ist es notwendig, das Fundament der Grösse
in schlechthin unteilbaren Elementen zu legen.1®) Freilich ruht
diese Beweisführung auf einem Trugschluss: denn wer bürgt uns
dafür, dass solche „erste Komponenten“ der stetigen Grösse
überhaupt bestehen? Müssen wir wirklich das „Sein“ der Linie,
die selbst nur eine reine Relation darstellt, aufgeben, wenn es
uns nicht gelingt, es auf letzte schlechthin einfache und abso-Iute
 Setzungen zurückzuführen? Man sieht, dass Galilei hier
noch mit derjenigen Begriffsbestimmung des Seins zu ringen hat,
die er selbst im Ganzen seiner Forschung kritisiert und auflöst.
Solange das unteilbare Element — wie dies besonders in Galileis
Atomistik hervortritt — als ein einzelnes, für sich bestehendes
Sein gedacht wird, aus dessen äusserer Vereinigung und Zusammenfügung
 die konkrete Wirklichkeit der endlichen Gebilde
 resultieren soll: solange ist der Widerspruch zwischen
einer solchen „Diskretion“ und der stetigen Grösse nicht zu hbeseitigen.
 —
Galilei selbst greift daher, wo immer er seine Anschauung
des Unendlichen zu verdeutlichen sucht, von dem Problem des
Raumes unwillkürlich zum Problem der Bewegung über. 1%)
Hier nimmt die Frage eine neue Richtung: denn nun handelt es
sich nicht mehr darum, ein bestehendes Ganze nachträglich in
seine Teile zu zerlegen, sondern eine Grundlage zu schaffen, aus
Jder die Ortsbewegung als ein einheitlicher, streng geregelter
        <pb n="342" />
        380 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Die Mathematik.

Prozess des Werdens fassbar und bestimmbar wird. Die
Bewegung erschöpft sich in einem beständigen Entstehen und
Vergehen; das „Dasein“, das eine Dauer und ein Beisammen
ihrer einzelnen Momente verlangen würde, ist ihr versagt. Wenn
wir sie dennoch als eine Einheit denken und festhalten wollen,
wenn sie uns nicht in ein beziehungsloses Nacheinander isolierter
Folgezustände zerfallen soll, so muss in jedem ihrer Einzelmomente
 die Beziehung auf den Gesamtprozess und auf
die Regel, nach der er sich vollzieht, bereits mitenthalten sein.
Das Gesetz, das Raum und Zeit aneinander bindet, geht voran:
erst wenn es gegeben ist, ist die Bewegung aus einem flüchtig
auftauchenden und wieder verschwindenden psychologischen
inhalt zu einem wahrhaften wissenschaftlichen Objekt geworden.
Aber es genügt nicht, die funktionale Abhängigkeit, die in ihm
gesetzt ist, allgemein auszusprechen und sie etwa an dem Verhältnis
 einer beliebig herausgegriffenen, endlichen Raumstrecke
zu der ihr entsprechenden Zeitdauer zu erläutern. Das Gesetz
soll unbeschränkt für jeden beliebig kleinen Teil der Bahn, für
jeden der einzelnen Zustände gelten, in deren Nacheinander die
Bewegung besteht. Sein Inhalt und seine Allgemeinheit tritt
daher erst dann vollständig hervor, wenn wir es in dieser
punktuellen Wirksamkeit und Bestimmtheit auffassen: wenn
wir die Verknüpfung, die in ihm zwischen Raum und Zeit
ausgesprochen ist, bereits in jedem unteilbaren Zeitmoment bestehend
 und giltig denken. Es gehört der Geschichte der Mathematik
 und Mechanik an, zu untersuchen, wie aus diesem Gedanken
ıeraus der Begriff des „Moments“ und mit ihm das erste, typische
Beispiel des „Unendlich-Kleinen“ entstanden jist.!7!) Für uns ist
3s vor allem von Wichtigkeit, dass der Begriff des Unendlichen,
der, auf das räumliche Kontinuum allein bezogen, mit inneren
Schwierigkeiten und Zweideutigkeiten behaftet blieb, seine erste
Klärung und Fixierung im Begriff der Geschwindigkeit geiunden
 hat. Nicht das Differential des Raumes, ja auch nicht
das der Zeit vermochte von sich allein aus den Weg zu weisen:
der Begriff des Differentialquotienten bildete den geschichtlichen
 und logischen Ausgangspunkt. Die Funktionalgleichung
 bietet — auf ihren reinsten und prägnantesten Ausdruck
gebracht — zugleich den sichersten und „substantiellsten“ Unter-
        <pb n="343" />
        Das „Indivisiöle“ und die Erneuerung der Geometrie.

331

grund, den das wissenschaftliche Denken für den Aufbau der
Grösse zu bieten vermag. —
Die unmittelbare Rückwirkung, die Galileis mechanische
Prinzipien und Grundgedanken auf die Auffassung des geometrischen
 Raumes ausübten, stellt sich in Cavalieris „Geometrie
der Indivisibilien“ dar. Aus einem Briefe Cavalieris geht hervor,
dass das Problem, das im Titel des Werkes bezeichnet ist, von
Galilei selbst gestellt und in Angriff genommen war, und weitere
Spuren und Zeugnisse weisen auf Keplers „Stereometria doliorum“
als die gemeinsame Quelle und Anregung zurück.!?) So stellt
sich die sachliche Kontinuität der Gebiete unmittelbar in den persönlichen
 Zusammenhängen dar. Das Verfahren Cavalieris besteht,
 wie bekannt, darin, dass er sich zunächst jede ebene Figur
durch parallele Linien oder „Regeln“ begrenzt denkt. Nehmen wir
nun die eine dieser Regeln, die dem betreffenden Gebilde zum Abschluss
 dient, als beweglich an und denken wir sie, parallel zu
sich selbst, derart verschoben, dass sie zuletzt mit der ihr gegenüberliegenden
 Grenzlinie der Figur zusammenfällt, so wird die
Allheit der so entstandenen, parallelen Geraden die gegebene,
»bene Figur vollständig ausfüllen und wiedergeben: alle Beziehıngen
 und Sätze also, die sich von dieser Allheit erweisen lassen,
werden unmittelbar auf das Gebilde selbst übertragbar sein. „Ebene
Figuren stehen zu einander in demselben Verhältnis, wie die Alheit
 ihrer, nach ein und derselben Regel genommenen Geraden;
körperliche Gestalten im selben Verhältnis, wie die Allheit ihrer
nach einer bestimmten Regel genommenen Ebenen“. 1) Indem
Cavalieri hier die Figur durch das „Fliessen“ der Regel erfüllt
and ausgemessen denkt, verbindet er damit die Betrachtungsweise
Keplers und Galileis, vereinigt er das Prinzip der „Zusammensetzung“
 mit dem Gedanken der gleichförmigen Bewegung. Der
Begriff des „stetigen Fliessens“ gilt seit Newton als Ausdruck und
Korrelat des Zeitbegriffs. Hier indes, in der rein geometrischen
Betrachtungsweise, müssen wir von der konkreten Zeit jedenfalls
 absehen, um lediglich das allgemeine Grundprinzip der
kontinuierlichen und gleichförmigen Veränderung herauszuheben.
 Die Gestalt wird in ihrer Entstehung aufgefasst und
bestimmt: die Verschiedenheit in der Art und dem Gesetz des
Wachstums erklärt und bedingt die Grössendifferenzen der ferti-
        <pb n="344" />
        382 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Die Mathematik.

gen Figuren. Diese Verschiedenheit selbst aber lässt sich nicht
darstellen, ohne vorher eine gemeinsame Grundvariable festzusetzen,
 auf deren gleichmässigen Fluss wir alle Veränderungen
stillschweigend beziehen. Es ergibt sich, dass dort, wo wir es
scheinbar nur mit einer isolierten Einzelgrösse und dem Prinzip
ihres Werdens zu tum haben, in Wahrheit ein zweiter, latenter
Beziehungspunkt vorauszusetzen ist. Dies ist daher der logische
 Grundgedanke, mit dessen Ausdruck Cayvalijeri beständig
zu ringen hat: dass das geometrisch Unendliche nichts an sich
selbst, kein für sich bestehendes Sein bedeutet, sondern dass es
lediglich das Instrument und die konzentrierte Darstellung der
Proportionen des Endlichen bilden will: dass es — wie Cava-.Jeri
 es in der Schulsprache bezeichnet — kein „Infinitum simpliciter“,
 sondern ein „Infinitum secundum quid“ besagt. Um es
von der metaphysischen Hypostasierung zu wahren, wird es daher
— wie später von Leibniz — mit den Methoden- und Operationsbegriffen
 der Algebra verglichen: mit dem x der Gleichung, dessen
‚Sein“ ja auch darin aufgeht, als Ansatzpunkt und als ideelles Subjekt
 zur Aussprache von Grössenrelationen zu dienen.!*4) Dennoch
ist gerade im Verhältnis zur Metaphysik endgültige Klarheit von
Cavalieri nicht erreicht: so sieht er sich, um den „Philosophischen“
Einwänden zu entgehen, zuletzt zu dem Eingeständnis gezwungen,
lass er niemals das Kontinuum selbst mit der Allheit seiner Elenente
 gleichgesetzt, sondern nur behauptet habe, dass dieselben
numerischen Verhältnisse, wie zwischen den fertigen stetigen
Gebilden, zwischen den Gesamtheiten ihrer Linien obwalten.175)
Wenn aber in jeder zahlenmässigen Vergleichung, in jedem ma-‘'hematischen
 Urteil also, das Kontinuum durch die Allheit seiner
Konstituentien bezeichnet und ersetzt werden kann, so fällt beider
begriffliches Sein vom Standpunkt wissenschaftlicher Erkenntnis
 allerdings zusammen: und es verrät einen falschen Maassstab,
 wenn man beides in irgend einem inneren Merkmal und
irgend einer „inneren Wesenheit“ noch zu trennen sucht.
Das Verfahren Cavalieris findet seine Ausbildung und Fortsetzung
 bei Roberval, in dessen Tangentenmethode sich zugleich
 eine Erweiterung des logischen Gesichtskreises vollzieht.
War bisher der Begriff der Bewegung anerkannt, aber auf die Entstehung
 eines einzelnen Gebildes aus seinem Element beschränkt
        <pb n="345" />
        Die Anfänge der analytischen Geometrie. 833

worden, so soll jetzt die Tangente aus einer Vereinigung und
Wechselbestimmung verschiedenartiger Bewegungen bestimmt
und erkannt werden. Die verschiedenen Bedingungen, denen
die Kurve ihrem Begriffe nach genügen muss, erscheinen als ebensoviele
 Kräfte, die in ihrer Zusammenwirkung die Richtung in
jedem Momente eindeutig bestimmen. Die Grundlage und das
Schema dieser Zusammensetzung wird von Roberval in dem
Satz von dem Parallelogramme der Geschwindigkeiten richtig erkannt.!%)
 So sehen wir, wie Geometrie und Mechanik unter einem
gemeinsamen Gesichtspunkt vereint werden: eine Verbindung,
die nur darum keinen logischen Sprung darstellt, weil das
physische Sein der Bewegung und der Kraft zuvor seinen abso-Iuten
 Charakter eingebüsst und sich ih einen Inbegriff von Relationen
 aufgelöst hatte. Bei Galilei bereits zeigte es sich, wie
er in der Konstruktion der Wurflinie, in dem Ausgleich, den er
hier zwischen „natürlicher“ und „gewaltsamer“ Bewegung vollzog,
 die qualitative Scheidung des Geraden und Krummen aufhob:
jetzt tritt deutlicher hervor, dass das Krumme keinen unauflöslichen,
 primären Inhalt, sondern gleichsam eine Durchäringung
und Synthese einfacher „Bewegungen“ darstellt. Die Richtung
selbst, aus deren stetiger Veränderung die Kurve hervorgehend
gedacht wird, ist nichts schlechthin Einfaches; auch das scheinbare
 „Element“ zerlegt sich für die fortschreitende Analyse in
eine Mehrheit von Bestimmungen. In diesem Gedanken nähern
wir uns bereits den Anfängen der analytischen Geometrie,
wie sie schon vor der eigentlichen prinzipiellen Ausführung bei
Descartes durch Fermat festgestellt waren. Während für die
unmittelbare Anschauung, an der die antike Geometrie haften
blieb, jedes Einzelgebilde ein für sich gegebenes und in sich
selbst ruhendes Ganze ausmacht, wird hier zum ersten Male
gleichsam der allgemeine Begriff der Figur entdeckt. Wiederum
lösen sich die einzelnen Gestalten zunächst in eine unendliche
Mannigfaltigkeit von Punkten auf, deren Einheit und Zusammenhang
 jedoch durch die gemeinsame Regel, an der sie teilhaben,
verbürgt ist: durch die Form der Beziehung, die zwischen jedem
Gliede des Inbegriffs und den beiden willkürlich fixierten Koordinatenaxen
 besteht. Diese universale begriffliche Grundbeslimmung
 sprengt die festen Schranken der konkreten geome-
        <pb n="346" />
        3834 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Die Mathematik.

trischen Sonderobjekte. Eine einfache algebraische Operation genügt
 jetzt häufig, um den analytischen Ausdruck der einen Gestalt in
den der andern überzuführen und beide somit in ihrer Verwandtschaft
 erkennen zu lassen; die blosse Variation eines Parameters
lässt Gebilde, die sonst verschiedenen Gattungen zugerechnet
wurden, aus einander hervorgehen. Und dieser Grundzug wird
weiterhin auch von derjenigen geometrischen Ansicht und Betrachtungsweise
 bestätigt, die sonst überall wie der Gegensatz
und das Widerspiel zur algebraischen Methode erscheint: auch
die projektive Geometrie, wie sie jetzt von Desargues ausgebildet
 wird, lenkt nicht zur antiken synthetischen Auffassung zurück,
 sondern hat den modernen Grundbegriff des Unendlichen
und der Veränderung in sich aufgenommen und verarbeitet,
So wird hier z. B. eine allgemeine Definition des Kegelschnittes
zu Grunde gelegt, aus der durch Abstufung eines bestimmten
Einzelmerkmals die besonderen Unterarten erst entwickelt und
die verschiedenen möglichen Einzelgestalten abgeleitet werden. !?7)
Wieder bewährt sich die neue Denkrichtung darin, dass dasjenige,
was zuvor als begriffliche Trennung erschien, auf einen blossen
quantitativen Unterschied zurückgedeutet wird; — dass, nach dem
Worte Keplers, der kontradiktorische Gegensatz in eine Differenz
des „Mehr und Weniger“ sich auflöst. (S. ob. S. 268 f.) Die Methode
der Projektion ist das Mittel, ein und dieselbe qualitative Bestimmtheit
 gleichsam unter verschiedenen quantitativen Formen
und Abwandlungen zu betrachten und zu beurteilen, Wie schr
diese Wendung der abstrakten Mathematik geeignet war, das
Fundaments des Aristotelischen Weltgebäudes zu untergraben, zeigt
ein Einwand, den Benedetti, der bedeutendste der Vorgänger
Galileis, gegen Aristoteles erhebt. Dieser hatte behauptet, dass
auf einer endlichen Geraden keine ununterbrochene Bewegung
möglich sei: der Körper müsse am Ende der Bahn notwendig
zur Ruhe kommen, ehe er in entgegengesetztem Sinne zurückkehre.
 Um diesen Satz zu widerlegen, geht Benedetti davon aus,
zunächst die Bewegung des Körpers auf einer geschlossenen
Kreislinie zu betrachten und das Ergebnis, das sich ihm hier
darbietet, dadurch auf die Gerade zu übertragen, dass er sich
jeden einzelnen Punkt der Kreisperipherie auf diese projiciert
denkt. Die vollkommene geometrische Entsprechun”s und Ab-
        <pb n="347" />
        Die projektive Geometrie.

335

hängigkeit, die sich hierbei zeigt, gilt ihm als Beweis dafür, dass
auch die Bewegung auf beiden Bahnen keine inneren, wesentlichen
 Unterschiede aufweisen kann, dass sie also in dem einen,
wie im andern Falle kontinuierlich verlaufen muss. 175) Das
Verhältnis der eindeutigen Zuordnung, das wir vermöge der
Methode der Projektion entdecken, hebt den angeblichen Gegensatz
 des Begriffs und des physikalischen Verhaltens auf.
Blicken wir nunmehr von der Geometrie zur Algebra hinüber,
 so steht auch hier das logische Verhältnis von Quantität
 und Qualität im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Einführung
 der Buchstabenrechnung, die den Keim der künftigen
Entwicklung in sich enthält, nimmt von einer neuen Beziehung
zwischen Zahl und Raum, zwischen der abstrakten Quantität und
der benannten Grösse ihren Ausgang. Die reinen arithmetischen
Operationen bleiben nicht länger isoliert; sie nehmen eine Bezeichnung
 und eine Ausdrucksform an, die sie unmittelbar zur
Wiedergabe der Verknüpfung und konstruktiven Vereinigung
räumlicher Grössen befähigt. Die Symbole, mit denen gerechnet
wird, sind nichts anderes, als die Zeichen für bestimmte Grundgebilde
 des Raumes: die „figürliche“ Analysis unterscheidet sich
von der gewöhnlichen dadurch, dass sie statt mit Zahlen mit den
Gestalten und Formen der Dinge operiert.!®) Damit scheint
zunächst die Arithmetik einer einschränkenden Bedingung unterworfen
 zu werden, die sich in der Tat gleich anfangs in Vietas
Gesetz der Homogeneität ausspricht.!*9) Die zahlenmässige
Vergleichung von Inhalten setzt deren ursprüngliche begriffliche
Gleichartigkeit voraus: die Elemente müssen zuvor einer gemeinschaftlichen
 qualitativen Einheit untergeordnet werden, ehe
wir sie als Glieder eines algebraischen Verhältnisses behandeln
können. Die begriffliche Fixierung der „Dimension“, die Feststellung
 des allgemeinen Gesichtspunkts der Messung muss vorausgehen,
 bevor zur tatsächlichen Vergleichung geschritten werden
kann. Wenngleich indes die Geometrie für diesen Gedanken
das klarste Beispiel und die unmittelbare Illustration enthält,
so greift doch sein Inhalt und seine Anwendung über ihre Grenzen
 hinaus. Nicht die Ausdehnung ist es, in der sich die wahre
Verkörperung und die endgültige Begrenzung des Dimensionsbegriffs
 darstellt: über die räumliche Anschauung hinaus schreitet
        <pb n="348" />
        336 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Die Mathematik,

Vieta zu beliebig hohen Potenzen und ihrer Darstellung und Berechnung
 fort. So sehen wir hier ein dialektisches Ineinandergreifen
 entgegengesetzter Tendenzen: wenn die Abstraktionen der
Algebra durch die Beziehung auf die geometrische Anschauung.
bedingt und eingeschränkt schienen, so hat jetzt auch der geometrische
 Begriff des Maasses durch die Berührung mit einem
neuen Problemgebiet neue Weite und Allgemeinheit erlangt. In
beiden Richtungen bildet Descartes’ analytische Geometrie die
geradlinige philosophische Fortsetzung von Vietas Grundgedanken.
 18!) Allgemein schen wir jetzt, wie gerade die neue Analysis
zum Mittel wird, Inhalte, die zuvor einander ungleichartig erschienen,
 miteinander zu verknüpfen und an einander zu messen.
Wenn Galilei etwa, in der Ableitung der Wurfparabel, Raumstrecken,
 Zeiten und Impulse dadurch vergleicht, dass er eine einzige
 begrenzte Gerade als gemeinsame symbolische Einheit für
alle diese verschiedenen Grössenarten zu Grunde legt, so hat er
darin das echte Verfahren der „figürlichen“ Charakteristik zur
Anwendung gebracht.) Wir begreifen an diesem Beispiel, inwielern
 die neue Methode die generischen Unterschiede der Grösse
auf der einen Seite erst zur Anerkennung zu bringen, auf der
andern jedoch wiederum auszugleichen und aufzuheben scheint.
Für die betrachteten Grössen wird Gleichartigkeit verlangt‘
welche Inhalte indes als gleichartig zu gelten haben, darüber entscheidet
 ‚nicht die unmittelbare Sinnenauffassung, sondern der
mathematische Gesichtspunkt der Begriffsbildung und Definition.
Raum, Zeit und Geschwindigkeit, so sehr sie, dinglich betrachtet,
unvergleichlich scheinen, werden homogen, wenn die Mathematik
 ein Verfahren entdeckt, durch das die Maasszahl der
einen Grösse auf die der andern bezogen werden kann. —
Unter den Fortschritten der speziellen Arithmetik steht
die Einführung der Logarithmen an erster Stelle. Es gibt
in der Geschichte der Wissenschaft vielleicht kein zweites Beispiel
 dafür, dass eine wichtige technische Neuerung zugleich von
so allgemeinem und abstraktem systematischen Interesse wäre,
wie es hier der Fall ist. In der ersten Darstellung der Logarithmen
 geht Neper davon aus, zwei Zahlenreihen miteinander
zu vergleichen, von denen die eine in arithmetischer, die andere
 in geometrischer Progression fortschreitet. Um diese Regel
        <pb n="349" />
        Buchstabenrechnung und Logarithmen.

337

des Fortschritts zum Ausdruck zu bringen, wird eine mechanische
 Analogie angewandt, Auf zwei verschiedenen Graden
werden gleichzeitig erfolgende Bewegungen angenommen, durch
deren eine in gleichen Zeiteinheiten gleiche Raumstrecken, durch
deren andere proportional abnehmende Längen durchmessen
werden, Die Wege, die unter dieser doppelten Voraussetzung innerhalb
 eines bestimmten Zeitintervalls beschrieben werden, verhalten
 sich zu einander, wie die Logarithmen zu den Zahlen, denen
sie zugehören.18) Kepler, der Nepers Gedanken wiederum als
einer der Ersten aufnimmt und sie weiterzuentwickeln und einzubürgern
 sucht, bezeichnet sehr charakteristisch das neue Moment,
das mit ihnen in die Algebra eingeführt war. Er berichtet, wie
die meisten Mathematiker vor allem an dem Hilfsbegriff der
Bewegung Anstoss nahmen, da dieser in seiner Wandelbarkeit
und Schlüpfrigkeit kein festes Fundament für den exakten „Stil“
der mathematischen Beweisführung bilden könne. Er selbst
sucht seinerseits diesem Einwand zu begegnen, indem er in seiner
Ableitung von jeder „sinnlichen Quantität“ und jeder sinnlichen
 Bewegung absieht und den Logarithmus allein „unter dem
Gattungsbegriff der Relation und der reinen, intellektuellen Grösse“
betrachtet (sub genere relationum dquantitatisque mentalis), Er
wird ihm unter diesem Gesichtspunkt zur blossen Maasszahl von
Verhältnissen, zum dpıdwöc 00 A6j00, der dazu dient, ein gemeinsames
 Maass aller Arten von Grössen abzugeben.1%) Kein
Zweifel, dass Kepler damit die Grenzen des Einzelproblems, um
das es sich hier handelt, schärfer gezogen und seinen logischen
Ort bestimmter bezeichnet hat. Man darf darüber indes nicht
den fruchtbaren Gedankenkeim übersehen, der Nepers allgemeiner
Bestimmung zu Grunde liegt. Was Kepler auf dem Gebiete der
Astronomie zu: leisten hatte, das war hier innerhalb der reinen
Mathematik bereits vollzogen: die Veränderung, die seit den
Zeiten des griechischen Idealismus dem Gebiet des Sinnlich-Unbestimmten
 verfallen schien, war wiederum als reine gedankliche
Beziehung erkannt und zugelassen. Der Grund der „variablen
Zahl“ ist gelegt: Nepers charakteristischer Ausdruck des stetigen
„Fliessens‘“ wirkt in Cavalieris Geometrie, seine Definition der
gleichförmigen und ungleichförmigen Bewegung in Galileis Mechanik
 weiter.
        <pb n="350" />
        3838 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Die Mathematik.

Einen neuen Antrieb seiner Erneuerung und Umgestaltung
empfängt der Zahlbegriff sodann von seiten der Gleichungslehre,
 indem hier zuerst die Bedeutung des Negativen und
Imaginären sich deutlich darstellt. Freilich kann man gerade
an dieser Stelle verfolgen, wie das philosophische Begreifen mit
den Fortschritten der mathematischen Einzelerkenntnis nicht
gleichen Schritt zu halten vermag: wie nur allmählich und
schrittweise das logische Recht der neuen Gedanken erkämpft
wird. Die negativen Zahlen gelten anfangs noch schlechthin
als „absurde Zahlen“; das Imaginäre wird dem „Unmöglichen“
durchweg gleichgesetzt. Es ist — wie Cardano, sein eigentlicher
Entdecker, ausspricht — eine „sophistische Grösse“: ein Gebilde,
 das lediglich auf formaler Logik beruht, „da man an ihm
nicht, wie an den übrigen Grössen, die Rechnungsoperationen
ausüben, noch weiterhin fragen kann, was es ist und zu bedeuten
hat“.1865) Wäre die Anwendbarkeit der allgemeinen algebraischen
Verfahren und Betrachtungsweisen für das Imaginäre ausgeschlossen,
 so wäre damit freilich das Verwerfungsurteil notwendig,
das hier gefällt wird. Die Geschichte der Mathematik aber weist
einen andern Weg: es galt eine neue Logik zu schaffen, die dem
neuen Inhalt gerecht würde. Der Zahlbegriff in seiner Weiterbildung
 vollzieht daher am klarsten den Bruch mit dem überlieferten
 Ideal des Erkennens. Wenn wir von den einzelnen
Individuen und „Substanzen“ ausgehen sollen, um sie in begriftlichen
 Merkmalen abzubilden, so müssen wir für jeden noch so
allgemeinen Begriff zuletzt eine konkrete Entsprechung fordern,
so muss jeder Gedanke, der sich nicht derart als mittelbares
Abbild vorhandener Gegenstände beglaubigen kann, hinfällig
werden. Die neue Denkweise indes lehrt von dieser Forderung
absehen: nicht als Erzeugnis der „Abstraktion“ vom Einzelnen,
sondern als Erzeugnis der Definition entsteht ihr der Begriff.
Die Grundlegung kann vollzogen werden, die Geltung und deı
Eigenwert unserer ersten gedanklichen Relationen kann entwickelt
und ausgebildet werden, unbekümmert darum, ob direkte Gegenbilder
 für sie in der Welt der dinglichen Wirklichkeit vorhanden
sind. So wird auch die Zahl zum Ausdruck eines reinen Verlahrens
 und einer Operation des Denkens: ihr „Sein“ ist gesichert,
wenn es gelingt, eine strenge und allgemeine Erklärung zu finden
        <pb n="351" />
        Die negative und die imaginäre Zahl.

339

und eine Gesetzlichkeit zu fixieren, die alle ihre besonderen Einzeigestaltungen
 umfasst. Das Beispiel des Imaginären lehrt deutlich,
 dass man sich den Gehalt der Mathematik nicht verständlich
machen kann, wenn man in ihren Begriffen nur direkte oder
vermittelte Beschreibungen von Eigenschaften des Wirklichen
sieht, statt von der allgemeinen Charakteristik ihrer Erkenntnisfunktion
 auszugehen und sich von hier den Zugang zu den spezielleren
 Methoden zu bahnen.
        <pb n="352" />
        Drittes Kapitel.

Das Copernikanische Weltsystem
und die Metaphysik. — Giordano Bruno.

Wenn die neue astronomische Weltansicht, um in ihrem
Gehalt begriffen und dargestellt zu werden, sich zuvörderst eigene
gedankliche Mittel erschaffen musste, wenn sie somit zunächst
auf eine Umgestaltung des theoretischen Inhalts der Erkenntnis
gerichtet war, so ist doch darin ihr philosophischer Wert nicht
erschöpft. Die Kraft und der Enthusiasmus, mit der die Copernikanische
 Lehre von ihren ersten Anhängern ergriffen und verfochten
 wird, wurzelt nicht allein in der veränderten logischen
Auffassung, die sich in ihr eröffnet, noch auch in der allgemeinen
Erneuerung des Naturbegriffs, Die Wandlung in dem Bilde
der objektiven Wirklichkeit bestimmt unmittelbar zugleich den
Inhalt und das Gepräge der Geisteswissenschaften. Eine neue
ethische Lebensansicht, eine neue Welt- und Wertbetrachtung gelangt
 jetzt überall zum Ausdruck. Nicht nur in der Philosophie,
auch bei den Männern der exakten Wissenschaft zeigt sich die
Durchdringung dieser beiden Grundmotive, An den Schicksalen
der Lehre von der Erdbewegung, an ihren ersten antiken Anfängen,
 ihrer späteren Verdunkelung und ihrer modernen Neuerweckung,
 gewinnt Kepler die allgemeine Einsicht in das Wesen
der Geschichte, fasst er zuerst den Gedanken einer stetigen
„Erziehung des Menschengeschlechts“ zur Natur- und
Selbsterkenntnis.!) Und selbst bei einem so exakten ünd nüch-
        <pb n="353" />
        Das Copernikanische Weltsystem und die Metaphysik, 341

ternen Beobachter wie Gilbert mischt sich in die Widerlegung
der herkömmlichen Einwände gegen die neue Anschauung ein
sittliches Pathos: kleinmütige und ängstliche Gemüter heissen
ihm. alle die, die durch die Erdbewegung den festen Halt und
die feste Stellung im Universum zu verlieren fürchten.?) Goethes
Urteil über das Copernikanische System bringt diese ethische Rückwirkung,
 die von ihm ausgehen musste, zum lebendigen Ausdruck,
„Vielleicht ist noch nie eine grössere Forderung an die Menschheit
 geschehen; denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung
 in Dunst und Rauch auf: ein zweites Paradies, eine
Welt der Unschuld, Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis
der Sinne, die Ueberzeugung eines poetisch-religiösen Glaubens;
kein Wunder, dass man dies alles nicht wollte fahren lassen:
dass man sich auf alle Weise einer solchen Lehre entgegensetzte,
die Denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher unbekannten, ja
ungeahnten Denkfreiheit und Grossheit der Gesinnungen berechtigte
 und aufforderte.“ In der Tat wird in der neuen Lehre das
Individuum, das zunächst durch die Anschauung und das Gegenbild
 des Alls beschränkt zu werden scheint, in Wahrheit in seinem
sittlichen Selbstbewusstsein erhöht und befestigt. Wenn das erkennende
 Subjekt trotz der Begrenzung und Relativität seines Standortes
 die Ordnung des Alls einzusehen und festzustellen vermag, so
ist eben darin die durchgängige Einheit der Natur und des Erkenntnisgesetzes
 verbürgt. Die scholastische Auftassung dagegen,
so sehr in ihr die Natur überall auf das Individuum bezogen und
erst in ihm ihren Mittelpunkt zu finden scheint, endet dennoch
überall in der dualistischen Entgegensetzung von Natur und Geist.
In ihrer Wertbetrachtung ergibt sich ein Widerspruch, den Galilei
scharf und treffend bezeichnet: die Erde, die als das Zentrum des
Alls und als der Zielpunkt gilt, auf den alles Geschehen abzweckt,
bleibt dennoch, im Gegensatz zur unwandelbaren Vollkommenheit
der himmlischen Sphären, gleichsam die „Hefe der Welt“ und
der Sitz alles Verworfenen und Niedrigen.) Nur durch den
Mittelbegriff der Erlösung, damit aber der Sünde, kann der
Zweckvorzug und die Ausnahmestellung des Menschen behauptet
und gerechtfertigt werden; erst in ihr erhält die Persönlichkeit
ihre religiöse Idealität, die indes ihrer Freiheit und Selbstbestimmung
 widerstreitet. —
        <pb n="354" />
        342 Das Copernikanische Weltsystem und die Metaphysik,

Es ist somit aus einem innerlichen sachlichen Zusammenhang
 zu erklären, dass sich der Kampf um das Weltsystem alsbald
zu der allgemeinen Frage nach den Grenzen der Religion und
Wissenschaft, des Glaubens und der Vernunft erweitert. Wenn
man die Akten des Galileischen Prozesses studiert, so staunt man
über die Klarheit und Schärfe, in der diese Fragestellung von
beiden Seiten erfasst und festgehalten wird. Der anfängliche
Ausgangspunkt tritt immer mehr zurück gegenüber dem neuen,
tieferen und umfassenden Problem.‘) Lange zuvor hatte Galilei
selbst in seinem bekannten Brief an die Grossherzogin Mutter
Christine von Lothringen die scharfe Scheidelinie zwischen der
theoretischen und praktischen Bedeutung der Religion gezogen,
die er in seiner Verteidigung durchgehend einhält. Wenn hier
die Natur und die heilige Schrift beide gleichmässig als Zeugen
der göttlichen Offenbarung anerkannt werden, so kann doch. über
das Rangverhältnis, das zwischen diesen beiden Grundquellen
besteht, kein Zweifel bestehen. Die sicheren Erfahrungen der
Sinne und die demonstrativen Schlüsse, die wir auf ihnen aufbauen,
 müssen uns als die erste und unbezweifelbare Grundlage
gelten, von der aus wir erst die Deutung der biblischen Bücher
und die Ermittlung ihres wahren und widerspruchslosen Sinnes
versuchen können. Der Gedanke einer „doppelten Wahrheit“
ist klar und sicher beseitigt: unmöglich ist es, dass derselbe Gott,
der uns. mit Sinnen, mit Verstand und Einsicht begabt und uns
in ihnen die Mittel zur klaren Erfassung der Wirklichkeit gegeben
hat, uns über das Sein der Naturdinge zugleich auf eine andere
Art durch unmittelbare Offenbarung in der Schrift belehren
wollte. Alle Aussagen und Urteile über die Existenz von Objekten
 sind lediglich durch das Zeugnis der wissenschaftlichen Erfahrung
 und in.dem geregelten vorgeschriebenen Gang ihrer
Methodik zu gewinnen. In der Notwendigkeit, die sich uns
hier erschliesst, liegt ein festes und unverrückbares Kriterium,
das von keiner anderen Instanz beschränkt oder überboten werden
kann. Wenn die Schrift den Willen und das Wesen der Gottheit
 in einer Form ausdrückt, die dem Verständnis und der
Fassungskraft des Volkes angepasst, die somit wechselnder und
verschiedenartiger Auslegung fähig ist — so schwindet vor der
Natur selbst als der einmaligen und unveränderlichen Selbstbe-
        <pb n="355" />
        Religion und Wissenschaft,

343

zeugung der Gottheit jeder Zweifel und jede Zweideutigkeit.
Die mathematischen Charaktere, in denen sie verfasst ist,
schliessen jede willkürliche Auffassung, jede Umdeutung nach
den zufälligen Wünschen und Zwecken des Individuums aus.
„Warum sollen wir in der Erkenntnis des Alls und seiner Teile
eher mit der Erforschung der Worte Gottes, als mit der seiner
Werke beginnen; — oder ist vielleicht das Werk weniger
edel und vorzüglich als das Wort“?®) Wenn die Naturphilosophie
 noch in Campanella, um sich die Möglichkeit ihres Objekts
 und ihrer Betrachtungsart zu sichern, das Wort von der
„doppelten Offenbarung“ prägen musste, so ist hier selbst dieser
Parallelismus beseitigt. Von der Nebenordnung ist zur Unterordnung,
 von dieser zur völligen Sonderung der Gebiete fortgeschritten.
 Alle Wahrheit von Tatsachen fällt der Gerichtsbarkeit
 des wissenschaftlichen Begriffs anheim, während die Aufgabe
 der Religion und ihrer Urkunden einzig in die Vermittlung
der sittlichen „Heilswahrheiten“ gesetzt wird. Mit dieser Abgrenzung
 erst sind die verschiedenen Richtungen und Vermögen des
Bewusstseins zur inneren Uebereinstimmung gebracht, ist die unverbrüchliche
 Einheit und Notwendigkeit des Intellekts selbst
verhürgt.‘) Die Behauptung des Copernikanischen Weltsystems
wird für Galilei gleichbedeutend mit der Selbstbehauptung der
Vernunft.
Diese Rückwirkung der neuen Weltansicht auf das Selbstbewusstsein
 des Individuums stellt sich am deutlichsten in der
Persönlichkeit und den Werken Giordano Brunos dar.
Es ist nicht, wie zumeist angenommen wird, der allgemeine
Begriff der Natur und ihrer exakten wissenschaftlichen Erkenntnis,
 die Bruno zum Vorgänger Keplers und Galileis stempelt. So
wichtig und entscheidend seine Gedanken für die Reform der
Kosmologie sind, so handelt es sich doch in ihnen nur um neue
Grundtatsachen, nicht um eine völlig veränderte Richtung der
Betrachtung und Forschung. Der moderne Begriff der mathematischen
 Kausalität bleibt Bruno fremd. Wir sahen, wie
dieser Begriff und mit ihm die Möglichkeit der wissenschaftlichen
Mechanik erst in der strengen Scheidung entsteht, die Kepler
zwischen „geistigen“ und „natürlichen“ Ursachen, zwischen Seelenbegriff
 und Kraftbegriff vollzog. (S. ob. S. 271 ff.) Für Bruno da-
        <pb n="356" />
        Giordano Bruno.

gegen bildet gerade die Indifferenz dieser beiden Momente den
charakteristischen Ausgangspunkt und die Voraussetzung, die er
auch in den fortgeschrittensten Folgerungen nirgends verlässt.
Hier wurzelt er durchaus in den Grundgedanken der deutschen
und italienischen Naturphilosophie: alle Wirksamkeit zwischen
den Einzelgliedern des °Alls ist nur durch das Walten und die
Vermittlung eines gemeinsamen seelischen Prinzips, an dem sie
gleichmässig teilhaben, möglich. Der Begriff der Weltseele ist
das notwendige Korrelat zum Gedanken der ursächlichen Verknüpfung.
 Wir vermögen die Abhängigkeit zwischen räumlich
getrennten Elementen des Seins nur dadurch zu verstehen, dass
wir einen ursprünglichen einheitlichen Gemeingeist zu Grunde
legen, der das Universum durchdringt und, je nach den besonderen
 Bedingungen der Organisation, bald deutlicher, bald verworrener
 in den verschiedenen Gattungen und Individuen zum
Ausdruck kommt. Dieser „innere Sinn“, vermöge dessen jedes
beschränkte endliche Sein an dem unendlichen Leben des Ganzen
 Teil nimmt, während es sich zugleich in seiner Individualität
 zu behaupten strebt, kommt nicht nur den höheren Organismen,
 sondern jedem Einzelwesen als solchen zu: „nicht ohne
eine Form des Sinnes oder des Bewusstseins, die jedoch von der
oberflächlichen Philosophie nicht bemerkt wird, ballen sich selbst
die Wassertropfen zur kugelförmigen Gestalt, die ihrer Selbsterhaltung
 am gemässesten ist‘.’) Sympathie und Antipathie,
Streben und Gegenstreben bilden daher den Grundtypus alles
natürlichen Geschehens. Kein Körper vermag als solcher, sofern
er als blosse Materie betrachtet wird, auf einen andern Körper
einzuwirken: vielmehr muss jede wahrhafte Tätigkeit in der
Form, in der inneren „Qualität“ der Elemente und somit schliesslich
 in der Seele ihren Ursprung haben.®) Auch die Möglichkeit
der Erkenntnis beruht auf diesem Zusammenhang: auf der
Kontinuität und Gemeinschaft, die das Einzelsubjekt als einen Teil
des Universums mit dessen sämtlichen übrigen Gliedern verknüpft.*)
 Das allgemeine Weltbild, das sich hier vor uns auftut,
ist, wie man sieht, von dem eines Fracastoro, ja selbst eines Agrippa
von Nettesheim nicht prinzipiell verschieden.) Auch innerhalb
der Astronomie hält Bruno an der Peripatetischen Ansicht der
Beseelung der Himmelskörper fest, in deren Bekämpfung Kepler
        <pb n="357" />
        Das Unendliche und die Denkfunktion.

345

sich zu seiner originalen wissenschaftlichen Grundanschauung
durchgerungen hatte: die Lehre von den „seligen Bewegern“ der
Gestirne umkleidet er noch einmal mit dem ganzen Reize, den
die künstlerische Phantasie diesem Bilde zu geben vermag.!))
Trotz allen diesen gemeinsamen Zügen indes, die Bruno mit
der älteren Naturphilosophie teilt, erscheint sein Standpunkt
von dem ihren dennoch scharf geschieden, sobald man die Art
seiner Begründung und das erkenntnistheoretische Fundament,
 auf dem er ruht, ins Auge fasst. Hier ergibt sich alsbald
ein charakteristischer Gegensatz: ein Gegensatz, der es rechtfertigt,
 wenn wir, für die Geschichte unseres Problems, Brunos
Lehre von der seiner Vorgänger und Zeitgenossen loslösen, um
uns ihr erst jetzt nach der Darstellung der mathematischen Naturwissenschaft
 zuzuwenden. Die Naturphilosophie — die des Paracelsus
 sowohl, wie die des Telesio oder Campanella — ruht auf der
Voraussetzung, dass der Sinn und die Wahrnehmung es sind,
denen sich das Sein der Dinge unmittelbar erschliesst. Sie bilden
den Punkt der Vereinigung, an dem sich das Ich und die äussere
Wirklichkeit treffen und zusammenschliessen, die höchste Gewähr
und die direkte Verwirklichung der harmonischen Verschmelzung
von „Subjekt“ und „Objekt“. Das Einzelding in seiner vollen Bestimmtheit
 bildet die höchste Aufgabe des Wissens: die blosse
Wiederholung des Prozesses, der uns die Kenntnis des Einzeinen
 vermittelt, muss uns auch zur Einsicht in die Regel des
Ganzen hinführen. (S. ob. S. 221 ff.) Für Bruno, der von dem
Gedanken der Unendlichkeit der Welten ausgeht, ist diese
Denkart von Anfang an hinfällig geworden. Das Universum, wie er
es begreift, kann nicht aus gesonderten sinnlichen Einzeltatsachen
aufgebaut und in ihnen zum Abschluss gebracht werden, so wenig
das Unendliche als die Summe des Endlichen zu fassen und zu
verstehen ist. Es ist eine eigene grundlegende Konzeption der
Vernunft, die uns der Unendlichkeit des Einen Seins versichert:
ein Gedanke, der zwar durch die Beobachtung und Einzelerfahrung
 angeregt wird, in ihr allein indes niemals seinen Halt
und seine volle Gewähr findet. „Wer das Unendliche vermittels
der Sinne zu erkennen verlangt, gleicht einem, der die Substanz
und die Wesenheit mit den Augen erblicken will; wer alles das,
was nicht sinnlich wahrnehmbar, leugnen wollte, der müsste
        <pb n="358" />
        340

Giordano Bruno.

notwendig dazu gelangen, auch sein eignes Sein und Wesen
zu verneinen... Dem Verstand allein kommt das Urteil und die
Entscheidung über alles zu, was nicht direkt und gegenwärtig gegeben,
 sondern räumlich und zeitlich von uns getrennt ist. Die
Wahrheit nimmt zwar von den Sinnen als einem ersten schwachen
Anfang ihren Ausgangspunkt, aber sie hat in ihnen nicht ihren
Sitz: sie ist in dem sinnlichen Objekt wie in einem Spiegelbilde;
in der Vernunft in der Form diskursiven Denkens; im Intellekt
als Prinzip und Schlussfolgerung; im Geiste endlich in ihrer
ureigenen und lebendigen Gestalt enthalten.“12) So sehen wir
den Begriff des Unendlichen mit dem Problem des Selbstbewusstseins
 in Beziehung gesetzt: Copernicus ist für Bruno der
geistige Befreier der Menschheit, weil er die krystallenen Sphären,
in die der Zwang der Sinne und ein Jahrhundertelanger Irrtum
uns einengte, zerbrochen hat und damit das Selbst und seine
Erkenntniskraft ins Ungemessene erweitert hat, An der Unbe-Sschränktheit
 der neuen objektiven Aufgaben erst gelangt das
Denken zum Bewusstsein seiner Reinheit und Unabhängigkeit. 18)
Wenn die Wahrnehmung zur Ausübung ihrer Funktion des
äusseren Reizes und der Hinwendung auf ein äusseres Sein bedarf,
 so ist es dagegen der Charakteristische Vorzug des Intellekts,
dass er seinen objektiven Inhalt aus sich selbst schöpft; — dass
er zugleich das Licht ist, das alle Gegenstände erleuchtet und
das Auge, das sie sieht.!4) Dieses Licht ist uns innerlicher gegenwärtig
 und unserm Bewusstsein deutlicher und fassbarer, als
aller Glanz der äusseren Gegenstände es für unser Gesicht sein
kann; denn während dieser zugleich mit der Lichtquelle, der er
entstammt, entsteht und vergeht, beharrt jenes in der unwandelbaren
 Einheit und Identität, die dem eigenen Ich zukommt. 15)
Wahrhaftes Begreifen ist daher stets ein inneres Lesen und
Verstehen: die „intellectio“ ist „interna lectio“, Wir sind dieser
Wendung, die aus der Erkenntnislehre des Thomas von Aquino
stammt, bereits bei Campanella begegnet: hier jedoch in einem
Zusammenhang, der den Gegensatz der Denkart klar hervortreten
lässt. Dem Intellekt blieb bei ihm keine andere Leistung, als die
Aufnahme des von aussen gegebenen Stoffes in das eigene Sein:
‚intellectus: nil intus Jegit, nisi deforis acceperit per sensum“.16)
Es darf indes nicht übersehen werden, dass Brunos Begriffs-
        <pb n="359" />
        Die metaphysischen Grundlagen von Brunos Erkenntnislehre. 347

bestimmung des Intellekts bereits eine Folgerung aus seiner Metaphysik,
 nicht ihren Anfang und ihr Fundament darstellt. ‘Der
Charakter und die Geltung des Denkens bestimmt sich nach
der Art des absoluten Seins; nicht umgekehrt dieses nach jenem:
Um die Erkenntnislehre Brunos richtig zu deuten und ihr ihren
Platz im Gesamtsystem anzuweisen, müssen wir daher überall
auf die Grundzüge seines Pantheismus zurückgehen. Die Eine
unendliche Substanz kann nicht anders, als in einer Unendlichkeit
von Wirkungen sich selber offenbar werden. Denn sie ist keine
einzelne‘ losgelöste Existenz, die ausserhalb der Natur gesonderten
 Bestand hätte, sondern besitzt ihre Realität lediglich in
ihrer immanenten Betätigung: Potenz und Akt, Vermögen und
Dasein fallen in ihr in Eins zusammen. Wir können daher den
Aeusserungen der Einen Grundkraft keine Schranken setzen,
ohne damit, da all ihr Sein in ihrem Wirken aufgeht und beschlossen
 ist, sie selber zu begrenzen.!’) Geistiges und körperliches
 Sein werden jetzt gleichmässig zum Sinnbild der unbeschränkten,
 göttlichen Schöpfertätigkeit; sie enthalten. zur Vielheit
 entfaltet, was in ihr in ursprünglicher Einheit gegeben ist.
Der Intellekt selbst samt all seinen Bestimmungen ist somit eine
Darstellung und gleichsam eine symbolische Nachahmung desselben
 ursprünglichen Prinzips, aus dessen Grunde die Natur hervorgeht.
 Die Art, in der er seine Inhalte erschafft, indem er die
Vielheit des Wahrnehmungsstoffes unter begriffliche Einheiten
festhält und bindet, das Verfahren, durch welches er rückschreitend
 diese Einheit wiederum in eine Mannigfaltigkeit von
Momenten auflöst; dies alles ist nichts anderes, als eine Wiederholung
 des Prozesses, durch den die Natur vom „Kleinsten“ zum
„Grössten“, von einer Grundkraft, die bereits im ersten Keime
ungeteilt vorhanden ist, zum entwickelten Gebilde fortschreitet.18)
Wie die höchste intelligible Einheit durch „Konkretion“ sich
entfaltet und in unsere Welt herabsteigt, so müssen wir umgekehrt
 wiederum durch Abstraktion zu ihr aufzusteigen
suchen, indem wir die unendliche Menge der Individuen auf feste
Arten und Begriffstypen einschränken und diese in stetiger
Stufenfolge bis zur höchsten allumfassenden Gattung hinaufverfolgen.!®)
 Wie die Dinge sich zu ihren Urbildern im göttlichen
Geiste verhalten, so. verhält sich der menschliche Verstand
        <pb n="360" />
        Giordano Bruno.

und sein Begriffsvermögen zu ihnen selbst: er ist nur ein mattes
Nachbild ihrer ursprünglichen Wesenheit. Die Welt der Begriffe
ist der blosse Schatten der dinglichen Welt, die ihrerseits
wiederum das Reich der ungewordenen und ewigen Ideen widerspiegelt.”)
 Auch die Schrankenlosigkeit des Verstandes im Fortschritt
 seiner Operationen ist nichts anderes, als eine Abart und
ein Abglanz der unendlichen produktiven Tätigkeit des Alls. 21)
Wenn somit eine durchgehende Entsprechung zwischen dem
Intellekt und der Wirklichkeit besteht, so gilt sie doch nicht als
durch die Erkenntnis selbst gesetzt und geschaffen, sondern
ist das Produkt und der Ausdruck der ursprünglichen metaphysischen
 Verfassung des Universums.
Auch die Darlegung des erkenntnistheoretischen Verhältnisses
 zwischen Denken und Sinnlichkeit bleibt daher für
Bruno an die Voraussetzungen seiner Metaphysik gebunden. In
der dialektischen Entwicklung, die an diesem Punkte einsetzt,
wiederholt sich noch einmal der Grundgegensatz, der die Philosophie
 des Nikolaus Cusanus ‚beherrschte; aber an die Stelle
der Mathematik, die hier den Gedanken leitete, ist ein anderes
 Motiv der Vermittlung getreten. Brunos Metaphysik verfolgt
 — vor allem in der frühesten systematischen. Schrift: „De
ambris idearum“ — zunächst durchaus den Neuplatonischen Weg.
Die Transscendenz des „Einen“ steht im Mittelpunkt der Betrachtung:
 wie immer der Intellekt vom Einzelnen zum Allgemeinen
 aufstreben mag, so bleibt doch zwischen seinen höchsten
Einsichten und dem obersten Grunde alles Wissens eine Kluft
bestehen, die er niemals auszufüllen vermag. Das Urwesen selbst
ist jenseits alles Seins und alles Erkennens: alle Prädikate; die
wir von ihm aussagen, zeigen es uns nicht in seiner eigenen
Gestalt und Wahrheit, sondern vermögen nur negativ den Abstand
 und den Unterschied von jeder Bestimmung des endlichen
Wissens zum Ausdruck zu bringen.?) Die Materie, als Grund
der Vielheit und Erscheinungswelt, fällt dem Gebiete des Nichtseins
 anheim; sie ist lediglich der wesenlose Widerschein und
der „Abfall“ vom echten und höchsten Urgrunde. So muss denn
auch die sinnliche Auffassung, die sich an die Vielheit und den
Wechsel der Erscheinung verliert, lediglich als täuschender Schein
gedeutet werden, den es zu vergessen und zu überwinden gilt.
        <pb n="361" />
        Die Idee des Schönen.

349

Das diskursive Denken, das die Mannigfaltigkeit der wahrnehmbaren
 Species als Stoff voraussetzt, das sich nur in der Bearbeitung
 und Verknüpfung der „Eindrücke“ zu betätigen vermag,
bleibt selbst nur ein „Schatten“ des wahren Seins; nicht nur die
Sinnlichkeit selbst, sondern auch die vermittelnde Vernunfttätigkeit,
 die an sie anknüpft, verharrt im notwendigen Gegensatz zur
Welt der Idee. —
Indessen erschöpft sich in dieser schroffen Sonderung schon
bei Plotin selbst nicht das Ganze seiner Grundanschauung.
Schon bei ihm kommt alsbald ein latentes Gegenmotiv zur Geltung:
 wenn die Materie den weitesten Abstand vom ursprünglich
Einen bezeichnet, so trägt sie doch noch immer, wenngleich verblasst,
 die Züge ihres Urbildes in sich, so ist doch wenigstens die
„Sehnsucht“ nach dem reinen Sein in ihr nicht erloschen, Je
weiter Bruno in der eigenen originalen Ausbildung seiner Metaphysik
 fortschreitet, umsomehr gewinnt auch bei ihm diese
zweite Richtung der Betrachtung die Vorherrschaft. Er selbst
knüpft — in einem der späteren Werke — an diese Wendung
des Gedankens an: die Materie ist, wenngleich sie in ihrem rastlosen
 Streben nach dem Schönen und Guten ihren inneren Mangel
bezeugt, darum doch nicht an sich selber als schlecht und verwerflich
 zu bezeichnen — denn wäre sie dies, so müsste eben
diese Tendenz ihrem eigenen Wesen widerstreiten. . Die tiefere
philosophische Betrachtung lehrt somit, im Stoffe selber den Anfang
 und den Keim zu seiner künftigen Gestaltung zu suchen, und
eben in diesem inneren Streben zur Form seine Verwandtschaft
und Gemeinschaft mit den idealen Urbildern zu erkennen.?®) Wie
bei Platon und Plotin wird das Schöne zum Mittler zwischen der
sinnlichen und intelligiblen Welt. Die sinnlich vollendete Gestalt
ist es, an der der philosophische Eros sich zuerst entzündet, an der
die Seele sich ihres Ursprungs und ihres höchsten Zieles bewusst
wird. Für den Künstler ist der Gegensatz des Sinnlichen und
Intelligiblen ausgelöscht. „Sowie die wahre Philosophie zugleich
Musik und Poesie und Malerei ist, so ist auch die echte Malerei
zugleich Musik und Philosophie, die echte Poesie zugleich ein
Ausdruck und Bildnis der göttlichen Weisheit‘.®) In Brunos
Dialog „Degli eroici furori“, der der Entwicklung dieses Gedankens
 gewidmet ist, zeigt sich die ganze Kraft der innerlichen
        <pb n="362" />
        350

Giordano Bruno.

Fortwirkung, die der Grundgedanke des Symposion und des
Phaedrus im wissenschaftlichen und künstlerischen Bewusstsein
der Renaissance geübt hat. Im Symposion insbesondere war der
Gedanke der Immanenz der Idee in der Erscheinung von
Platon selbst bereits zu reiner Darstellung gebracht: in ihm
konnte daher die Zeit ihre Anschauung des Geistigen mit der
Anschauung der Natur, die sie neu zu gewinnen strebte, vereint
 und durchdrungen sehen. Die Sonette Michelangelos sind
das tiefste und vollendetste Zeugnis dieser inneren Neubelebung
der Ideenlehre. Wie für Michelangelo, so entsteht für Bruno der
Eindruck der Schönheit einer körperlichen Gestalt durch den Abglanz
 einer bestimmten „Geistigkeit“ (spiritualitä), der uns aus ihr
entgegenleuchtet. Nicht die Formen oder Farben als solche sind
es, die einen Gegenstand schön erscheinen lassen, sondern der
Einklang und die „Harmonie“, die alle seine einzelnen Glieder
unter einander bewahren; diese aber wurzelt niemals in dem
materiellen Objekt selbst, sondern ist eine Auszeichnung und ein
Vorrang, der allein der Seele zukommt und von ihr auf das Sinnliche
 übertragen wird. Nicht der besondere, wahrnehmbare Umriss,
 sondern sein „intellektuelles“ Urbild ist es, was wir in der
Vollkommenheit der körperlichen Formen erschauen. So wird
denn auch die echte Schönheit der Naturdinge nicht erkannt,
wenn wir uns der Betrachtung ihrer Mannigfaltigkeit und Vereinzelung
 überlassen, sondern erst dann, wenn wir uns von ihnen
zu uns selbst zurückwenden und hier den wahrhaften Einheitspunkt
 finden. Nicht im Anschauen der Gestirne und der Himmelssphäre,
 sondern durch die Umkehr in die Tiefe des eigenen Ich
wird der Aufstieg zur Welt der Idee vermittelt.2%) So bleibt zwar
auch hier die Sinneswahrnehmung für sich allein unzureichend;
dennoch aber wird in ihr selber ein Trieb und Anreiz anerkannt,
der sie über ihre eigenen Schranken hinausführt. In lebendiger
Wechselrede lässt der Dialog „Degli eroici furori“ nunmehr beide
Grundkräfte, Sinn und Intellekt, einander entgegentreten und ihr
Recht und ihren Anspruch verfechten. 2%)
Deutlicher tritt der Zusammenhang beider Vermögen sodann
hervor, indem unter der Bezeichnung der „Imagination“ ein
wichtiger Mittelbegriff eingeführt wird. Wir kennen die geschichtliche
 Bedeutung dieses Begriffs und die wichtige Rolle, die
        <pb n="363" />
        Die Immanenz der Idee in der Erscheinung. 351

ihm innerhalb der Renaissancephilosophie wiederholt zugewiesen
wurde. (S. ob. S. 252 f.) Hier bezeichnet er das Bindeglied zwischen
der passiven Aufnahme des sinnlichen Stoffes und der reinen
Vernunftbetätigung. Wenn die Empfindung lediglich auf den
äusseren Eindruck bezogen ist und in ihm gleichsam sich selbst
verliert, so gewinnt sie in der Fähigkeit der „Einbildungskraft“
die Kenntnis ihrer selbst und wird damit zu einem selbstbewussten
 Akte erhoben. Auf der anderen Seite bleibt es das
Charakteristikum der menschlichen Erkenntnis, dass sie auch
in ihren rationalen Entwicklungen und Folgerungen auf das
Material hingewiesen bleibt, das ihr durch die „Imagination“
vermittelt wird.”) Die Vernunft bleibt beständig von der zwiefachen
 Tendenz des reinen Denkens und der Einbildungskraft
bestimmt und bewegt: ist ihr von hier aus der Trieb auf unwandelbare
 Einheit und Identität eingeboren, so sieht sie sich dort
immer von neuem in die Mannigfaltigkeit und den Wechsel der
Erscheinung verstrickt.®) Ihre Mittel- und Doppelstellung bewährt
die Imagination vor allem am Begriff des Unendlichen als dem
Grund und Ausdruck des metaphysischen Seins: denn wenn der
„Sinn“ überall auf feste Begrenzung, auf die Einschränkung des
Weltbildes durch einen abgeschlossenen wahrnehmbaren Horizont
 hindrängt, so treibt die Einbildungskraft über jedes solche
willkürlich angenommene Ende hinaus und erweist sich darin
dem Intellekt verwandt, dessen Charakter und Wesenheit. in
der Unendlichkeit seiner Operationen besteht.) Ist somit hier
ein Durchgangs- und Vermittlungspunkt gefunden, so drängt die
weitere Ausbildnng von Brunos Naturbegriff immer mehr darauf
hin, die beiden Grundmomente in relativer Selbständigkeit zu
erkennen und darzustellen. Die letzte metaphysische Hauptschrift
„De triplicı minimo et mensura“ (1591) zeigt den Abschluss dieser
Entwicklung. Der Versuch, die Daten der Wahrnehmung von
begrifflichen Gesichtspunkten aus umzudeuten, wird hier schroff
zurückgewiesen. Jedes der beiden Gebiete besitzt sein eigenes
Recht und unterliegt eigenen, aus ihm selber geschöpften Kriterien
 der Beurteilung. Der Sinn wird nicht getäuscht, da er
— richtig verstanden und gedeutet — nirgend mehr als relative
Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, da seine Aussagen also
niemals für die Gegenstände als solche. sondern für deren Be-
        <pb n="364" />
        35

Giordano Bruno.

ziehung auf das empfindende Subjekt Geltung haben wollen. So
wie nur das Gesicht über die Farben, nur das Gehör über Töne
urteilen kann, so sind unsere empirischen Erkenntniskräfte trotz
der Grenzen, die ihnen gesteckt sind, das einzige und vollgültige
Mittel, um uns in der Welt unserer unmittelbaren Erfahrung heimisch
 zu machen. Töricht wäre es, die Sinnendinge mit einem
Maasse messen zu wollen, das nur für das ewige und unveränderliche
 Sein geschaffen und angelegt ist. Es sind zwei gänzlich verschiedene
 Bedingungen des Erkennens, die in beiden Fällen obwalten:
 „stupidi est discursus velle sensibilia ad eandem conditionem
 cognitionis revocare, in qua ratiocinabilia et intelligibilia
 cernuntur“. „Die Objekte der Empfindung sind wahr, nicht
nach irgend einem abstrakten und allgemeinen Maassstab, sondern
nach dem ihnen gleichartigen, besonderen und eigentümlichen
Maasse, das selbst als wandelbar und veränderlich anzunehmen ist.
Von sinnlichen Inhalten eine allgemeine Bestimmung und Definiion
 geben zu wollen, ist daher. nicht anders, als wenn man das
Intelligible vom Standpunkt der Sinnlichkeit beurteilen wollte“.30)
Die Scheidung der Vermögen schliesst also jetzt zugleich die
Anerkennung ihrer Eigenart und der ihnen eigentümlichen
Funktion in sich. Fast scheint damit ein Standpunkt erreicht,
wie er Kants Habilitationsschrift: „De mundi sensibilis atque
intelligibilis forma et principiis“ kennzeichnet: das Sinnliche und
[ntelligible bilden zwei streng gesonderte Reiche des Seins, die
nach verschiedenen Prinzipien der Erkenntnis aufzufassen und
zu beurteilen sind. Nur dass sich für Giordano Bruno kein Weg
und kein Mittel bietet, um innerhalb der Welt der Erscheinungen
selbst allgemeingültige Sätze und Relationen herauszusondern,
dass ihm hier somit die individuelle Beschaffenheit jedes Einzelsubjekts
 die einzige Richtschnur bleibt.#) Die Möglichkeit
einer exakten und notwendigen Wissenschaft der Phänomene,
auf die Brunos Tendenz eigentlich abzielt, ist nicht gewährleistet,
denn, wenngleich die beiden Potenzen der Erkenntnis für sich
allein nunmehr nach ihrer charakteristischen Leistung gewürdigt
sind, so ist doch ihr Zusammenwirken an ein und demselben
 Inhalt des Bewusstseins nach den bisherigen Voraussetzungen
 nicht zu begreifen. Die Korrelation von Denken und
Sinnlichkeit, von Vernunft und Erfahrung, die Galilei zur wissen-
        <pb n="365" />
        Die sinnliche und die intelligible Welt.

353

schaftlichen Darstellung bringt, vermag Bruno vom Standpunkt
seiner Erkenntnislehre nicht endgültig zu begründen: was er erreicht,
 ist lediglich, sie in Seiner ästhetischen Einheitsanschauung
 vorwegzunehmen. Es ist das Charakteristische von
Brunos Lehre und der Erklärungsgrund für alle Widersprüche,
die man in seiner Verhältnisbestimmung von Immanenz und
Transscendenz von jeher gefunden hat, dass er den Gedanken der
Immanenz, den seine Anschauung der Natur fordert, in seiner
Lehre vom Begriff nicht zur reinen Durchführung gebracht
 hat.3) Seine Metaphysik verlangt die Einheit aller seelischen
 Vermögen, ja im letzten Grunde ihre absolute Indifferenz:
ist es doch ein und dasselbe Bewusstsein, das alle Formen der
Natur durchdringt und das sich auf den niederen Stufen als
dumpfe und verworrene Empfindung, auf den höheren und
höchsten als reine Vernunfttätigkeit äussert.%®) Aber das psychologische
 Postulat, das hier gestellt wird, vermag Brunos Erkenntnislehre
 nicht zu rechtfertigen: wir werden im Einzelnen
verfolgen können, wie sie, durch ihren Verzicht auf das echte
Mittelglied der Mathematik, den Ausgleich zwischen Anschauung
and Denken notwendig verfehlen muss. —
Dennoch lassen sich auch hier wenigstens die Ansätze bezeichnen,
 die auf ein derartiges Endziel hindeuten. Wenn die
Eigentümlichkeit der Sinnlichkeit in ibrer grenzenlosen Relativität
 gefunden wird, so erscheint nunmehr auch das Denken
and wissenschaftliche Begreifen auf die Feststellung und Bewährung
 von Beziehungen verwiesen. Nicht darum handelt
es sich, durch Aufhebung bestimmter Merkmale zu immer
höheren, aber auch inhaltsärmeren Gattungen aufzusteigen
und auf diese Weise das Besondere zu allgemeinen logischen
Abstraktionen zü verflüchtigen. Der Weg des Denkens ist vielmehr
 der der Analyse: es gilt, ein zunächst verworren aufgefasstes
 Ganze in seine inhaltlich bestimmenden Grundmomente
zu zerlegen, um diese Einzelglieder sodann wiederum zu einer
Einheit zusammenzufassen, in der sie nach ihrem wechselseitigen
 Verhältnis zu einander klar begriffen und dargestellt sind.
Wie ein einzelnes Glied des Leibes, wenn wir es im Gesamtorganismus
 betrachten, grössere Deutlichkeit und „Erkennbarkeit“
besitzt. als wenn wir es losgelöst und für sich allein in Erwä-7%
        <pb n="366" />
        a

Gierdano Bruno.

gung ziehen, so kann auch jeder Teil des Universums erst dann
als völlig erkannt gelten, wenn wir seine Beziehung zu allen
übrigen Elementen und zu der gesamten ursprünglichen und
vollkommenen Ordnung des Alls verstanden haben.#%) Diese
Funktion, die Mannigfaltigkeit der Bestimmungen in einer Einheit
der Regel zu begreifen, erscheint jetzt im Gegensatz zur herkömmlichen
 logischen „Subsumption“ als der eigentliche Chavrakter
 des Verstandes. So vermag z. B. die blosse Wahrnehmung
den Begriff des wahrhaften, mathematischen Kreises nicht zu
fassen, ja sie könnte nicht einmal eine exakte Kreisgestalt, wenn
sie ihr empirisch dargeboten würde, als solche erkennen und
von den übrigen verworrenen Inhalten des Sinnes unterscheiden.
Denn die Idee des Kreises setzt erstlich die Auffassung eines einzelnen
 Punktes, sodann aber das Durchlaufen einer unbeschränkten
 Vielheit von Punkten voraus, wobei zugleich das Gesetz mitzudenken
 ist, das die Beziehung dieser einzelnen Lagen untereinander
 und auf das gemeinsame Zentrum beherrscht.®) Diese
Forderung kann aber nur vom Verstande erfüllt werden, dessen
auszeichnende Eigentümlichkeit es ist, die unbestimmte Viclhheit,
die die Empfindung und selbst das gewöhnliche „diskursive“
Denken darbieten, in einem einzigen Blicke zu überschauen. 3%)
Der Begriff der Einheit bezeichnet sowohl die Funktion, wie
den Gegenstand des Erkennens: wäre die Einheit aufgehoben, so
wäre damit zugleich jedes Objekt des Denkens beseitigt.3) Mit
einem Neuplatonischen Bilde vergleicht Bruno daher den Sinn,
der Eindruck an Eindruck gleichmässig ins Unbestimmte aneinanderreiht,
 der geraden Linie, während der Intellekt, der alle
Mannigfaltigkeit seines Inhalts zugleich reflexiv auf seinen eigenen
 Mittelpunkt zurückbezicht, dem Kreise gleichgesetzt wird.
Die menschliche „Vernunft“ dagegen, die die Spuren und Bedingungen
 beider Grundvermögen an sich trägt, kann insofern als
ihre Resultante dargestellt und unter dem Bilde einer „Schiefen
Linie‘ begriffen werden.%®) Indessen sind auch in dieser symbolischen
 Bezeichnung die beiden Grundbestimmungen noch nicht
zu voller, innerlicher Versöhnung gelangt. Noch immer erscheint
die Mannigfaltigkeit in der logischen Charakteristik des Denkens
als ein gleichsam fremdes und untergeordnetes Moment, das im
[dealbegriff der Erkenntnis ausgeschaltet und überwunden ist.
        <pb n="367" />
        Einheit und Vielheit.

355

Wie die Vielheit der Dinge nur für den oberflächlichen Blick
besteht, so ist auch in dem Charakter des Bewusstseins die Mehrheit
 kein positives und wesentliches Element. Sofern unser
Geist sich selbst in seiner reinen nnd ungeschiedenen Einheit
nicht‘ zu erfassen vermag, sondern nur in der Beziehung auf
die Objekte und ihre Verschiedenheit sein eigenes Wesen begreift,
 sofern ist er eben damit von der höchsten Vernunft geirennt.
 Denn in dieser ist jeder Unterschied ausgelöscht; die
Einheit ist zur absoluten „Einfachheit“ geworden. Die Beziehung
auf das Mannigfaltige erscheint somit nicht als eine Bedingung,
sondern als eine Schranke und ein Hemmnis des reinen Selbstbewusstseins.®)
 Wir stehen hier an der Grenze von Brunos Erkenninislehre:
 die weitere Entwicklung und Umbildung des
Gegensatzes gehört nicht mehr der Logik, sondern der Naturphilosophie
 an und wirkt erst von dieser aus mittelbar auch
auf die Gestaltung des Frkenntnisprohblems zurück.

Der Naturbegriff der neueren Zeit knüpft, wie wir im Einzelnen
 verfolgen konnten, an den Aristotelischen Gegensatz der
Materie und Form an. Ueberall wird das Sein zunächst in
diesem doppelten Sinne vorausgesetzt: als ein ruhendes Substrat
und als das Prinzip der Gestaltung, das diese Grundlage ergreift
und sie aktiv nach sich bestimmt.. Zugleich aber sehen wir,
wie diese absolute logische Trennung von Tätigkeit und Leiden
sich unfähig erweist, den Gehalt und Stoff, den die neue Physik
darbietet, begrifflich darzustellen und zu bewältigen. Der Kraftbegriff,
 der jetzt in den Mittelpunkt der Untersuchung tritt, enthält
 schon in seinen Anfängen die Kritik des Aristotelischen Dualismus
 in sich. Er ist bereits dem herkömmlichen gegensätzlichen
 Schema entrückt: denn wie er als Prinzip des Wirkens
und der Umgestaltung mit. der „Form“ verwandt ist, so erscheint
er andererseits, da er als eine Energie gefasst wird, die in dem
Stoffe selbst begründet liegt, nicht von aussen an ihn herangebracht
 werden muss, der „Materie“ zugehörig. Nicht mehr die
bloss unbestimmte und indifferente „Möglichkeit“, sondern die

10%
        <pb n="368" />
        356

Giordano Bruno.

Tendenz und gleichsam die innere Spannung, die zur Umbildung
hindrängt, will jetzt der Begriff der „Potenz“ bedeuten. (S. ob.
8. 197 £.).
Indem Bruno diesen dynamischen Begriff des Seins aufnimmt,
 gewinnt er an ihm erst die Vorbedingung, unter der er
das Grundproblem seiner Metaphysik, das Verhältnis des Endlichen
 zum Unendlichen, zu anschaulicher Klarheit zu entwickeln
 vermag. Solange er hierfür auf die räumlichen Analogien
 verwies, konnte die „Teilhabe“ des Individuums am AlI, die
„Durchdringung‘“ des Besonderen und Allgemeinen nur in unbestimmten
 Metaphern ausgesprochen werden. Wie ein und dieselbe
 Stimme von unbeschränkt vielen empfindenden Subjekten
vernommen und aufgefasst werden kann, ohne darum in ihrer
Wesenheit zerteilt und geschwächt zu werden, so soll das Leben
der Gesamtnatur völlig und ungeteilt in jedem ihrer Glieder gegenwärtig
 sein; — wie das Licht, das von einem Punkte ausstrahlt,
sich nach allen Richtungen hin gleichmässig verbreitet, so vermag
 die schöpferische Tätigkeit des Universums die Vielheit der
Einzeldinge, ohne in sie verstrickt und aufgelöst zu werden, zu
erleuchten.4°) Zu schäıuferer begrifflicher Bestimmung gelangt
der Gedanke, der solchen symbolischen Wendungen zu Grunde
liegt, erst dort, wo an Stelle des blossen Daseins das Werden,
an Stelle des Raumes die Zeit in den Mittelpunkt der Betrachtung
 tritt. Niemals kann im Ssinnlich-konkreten Dasein
das Einzelne mit dem All wirklich zusammenfallen: nur in
dem Streben des Endlichen nach dem Unendlichen, in dam
Fortschritt und der Tendenz zu immer neuen Bildungeh, enthüllt
 sich der Zusammenhang beider Grundmomente. Ihre Einheit
 ist niemals in einem einzelnen, gegebenen Zeitpunkte vorhanden
 und aufzeigbar, sondern stellt sich innerhalb des Naturprozesses
 beständig von neuem her, ohne jemals zu einem völligen
Abschluss zu gelangen. Kein begrenztes Wesen ist jemals zugleich
 alles das, was es seiner Natur und seiner Wesenheit nach
zu sein vermag: aber es enthält auf jeder Einzelstufe seines Seins
die Kratt und den Keim zu allen künftigen Formen in sich und
ist durch sie seiner Unendlichkeit versichert.4l)
Es ist somit der Begriff der Entwicklung, der dem Begrift
der Materie neuen Sinn und Inhalt verleiht. Anfangs zwar
        <pb n="369" />
        Materie und Form.

8357

scheint die Auffassung der Entwicklung selbst bei Bruno noch
unter der Herrschaft des dualistischen Vorurteils zu stehen: alle
Umformung wird nach der Analogie des künstlerischen Schaffens
 gedacht, das einen vorhandenen, für sich gegebenen Stoff
vorfindet und bearbeitet. Mit einer Wendung, die bei Paracelsus
vorherrschte, lässt Bruno den göttlichen Künstler die Gestalt der
Welt aus dem ungeformten Grundstoffe herausschnitzen.*)
[n der weiteren Darstellung indes, die insbesondere der Dialog
„De la causa, principio et uno“ gibt, tritt dieser Vergleich immer
mehr zurück. Die Materie erhält ihre Abmessung und Gestalt
nicht von aussen, sondern entsendet und entfaltet sie aus dem
eigenen Innern. Es ist ihr eigener, ewig fruchtbarer Schoss, aus
dem sich die mannigfachen Bildungen fortschreitend hervorringen.
Nicht die Form ergreift und zwingt den Stoff, sondern der Stoff
selber ist es, der zur Gestaltung aufstrebt und sich nacheinander
mit den wechselnden Formen bekleidet. So wächst er über die
nackte „Potenz“ hinaus, der jedes tätige Vermögen und jede Vollendung
 abgeht, zum lebendigen „Samen“ aller Dinge. Nur die
sinnliche Auffassung verlangt, dass der Gegenstand ihr in fertiger
Ausbreitung vor Augen liege: das Auge der Vernunft dagegen
vermag die Wesenheit der Dinge bereits in ihrer impliciten
Grundform zu erkennen, vermag die „Substanz“, die die Bedingung
aller künftigen Veränderungen in sich trägt, noch vor ihrer Entfaltung
 und Auseinanderlegung in die Vielheit der Einzelgestalten
zu erfassen.%®) Die wahre und echte Realität kann keinem
Sonderdinge, sondern nur derjenigen Wesenheit zukommen, die
die unbeschränkte Vielheit aller Maasse, aller Figuren und
Dimensionen in sich vereinigt.) Mit dieser Kritik des Seinsbegriffs
 ist dem Aristotelischen Begriff der „individuellen Substanz“
 die Grundlage entzogen. Denn alle Individualität ist
an räumliche .und zeitliche Begrenzung, ist an ein „Hier‘““ und
„Jetzt“ gebunden: sie kann somit nicht die wahrhafte Einheit
darstellen, die über alle Einzelschranken hinaus die Allheit
ihrer möglichen Folgen in sich enthält und darstellt.45)
Der geschichtliche Zusammenhang zwischen dem Substanzproblem
 und dem Erkenntnisproblem, der sich uns besonders
 deutlich bei Galilei darstellte, erfährt hier eine neue
Bestätigung und Beleuchtung. VUeberall sind es logische
        <pb n="370" />
        JA

Giordano Bruno.

Kriterien, die in Brunos Kritik der Aristotelischen „Entelechie“
mitwirken. Wenn nur das Beharrliche als das „wahrhaft
Seiende“ gesetzt werden kann, weil es allein dem Verlangen des
Denkens nach unverbrüchlicher Identität seines Gegenstandes
genügt: so kann nur der Eine und wandellose Grundstoff, .nicht
irgend eine seiner bestimmten und hesonderen Ausprägungen als
wirklich gelten. Es ist bezeichnend, dass Bruno in seinem Kampf
für das Recht und die Würde der Materie nicht unmittelbar
an die antike Atomistik, sondern weiter zurückgreifend, an ihre
dialektischen Vorgänger, an Xenophanes und Parmenides anknüpft‘)
 Die Entelechien kommen und gehen in buntem
Wechsel; einzig dem Substrat, das ihrer Wirksamkeit unterliegt,
kommt das auszeichnende Merkmal der Erhaltung zu. Ihm
allein gebührt daher der Vorrang „unter dem Gesichtspunkt
der Substanz, als das, was ist und verharrt, begriffen zu
werden.“4) Dass wir diese „substantielle“ Einheit und Unvergänglichkeit
 der Materie sinnlich nicht zu erfassen und zu erweisen
 vermögen, dass sie nur dem Auge des Intellekts evident
zu Tage liegt, wird hierbei ausdrücklich betont.) Klar und
unverkennbar tritt das logische Motiv, das in Brunos Umgestaltung
 des Seinsbegriffs mitwirkt, in den Thesen hervor, die er
gegen die Pariser Peripatetiker gerichtet hat. Hier geht er zunächst
 darauf aus, den Widerspruch aufzudecken, der zwischen
dem Aristotelischen Ideal. der Erkenntnis, das nur dem „Allgemeinen“
 wahrhalfte wissenschaftliche Geltung zuspricht und seinem
Grundbegriff der Entelechie besteht, in dem ein Sonderdasein
zum Range der höchsten Realität erhöht wird. Wir sahen, dass
auch Telesio und seine Schule ihre Kritik vor allem auf diese
Antinomie hinrichteten, die in der Tat für das gesamte System
verhängnisvoll ist. Die Lösung, die sie selbst dem Problem gaben,
verläuft jedoch in entgegengesetzter Richtung, wie bei Bruno:
um die Besonderheit des Erkenntnisobjekts zu retten, wurde
die Allgemeinheit der Erkenntnisfunktion bestritten und aufgehoben.
 Die Rolle des Verstandes beschränkte sich auf die Zusammenfassung
 und abgekürzte Wiedergabe von Urteilen, die
ihre letzte und endgültige Gewähr einzig in der Einzelwahrnehmung
 fanden. (Vgl. ob. 212ff.) Im Widerspruch hierzu hält
Bruno an dem Platonischen Grundgedanken fest. der sich hei
        <pb n="371" />
        Die Kritik des Substanzbegriffs.

359

Aristoteles fortwirkend erwiesen hatte: wahre Wissenschaft ist
nur von einem unwandelbaren und ewigen Objekt möglich.
Das räumlich eingeschränkte und zeitlich begrenzte Dasein ist
ein Gegenstand der Empfindung, nicht des Wissens. Soll daher
die Natur zum Inhalt der Erkenntnis werden, so dürfen wir
unter ihr nicht eine blosse Sammlung besonderer und vergänglicher
 Substanzen verstehen, sondern müssen sie als das Eine
beständige und überall sich selber gleiche Urwesen denken.
Verbleiben wir innerhalb der Schranken der Einzelwesen, so gejangen
 wir über das Gebiet der trügerischen Meinung und des
Sinnenscheins nirgend hinaus. Nicht von den Menschen als
einer Summe von Individuen, nicht von Sokrates oder Platon,
sondern nur von dem gemeinsamen und umfassenden Wesen
des Menschen, als von einem Allgemeinen und Dauernden, kann
es rationale Erkenntnis geben: das Einzelne dagegen gibt lediglich
der historischen Kenntnisnahme, nicht der echten, wissenschaftlichen
 Einsicht Raum. Kein sophistischer Versuch der
Versöhnung kann diesen Grundgegensatz zur Aufhebung bringen:
was als sinnliches und veränderliches Ding gegeben ist, das kann
weder mittelbar, noch unmittelbar, weder an und für sich, noch
„per accidens“ zum Gegenstande für den reinen Intellekt werden,
Erkennbar im strengen Sinne ist daher niemals das Naturding,
sondern die Natur als der einheitliche Grund und die universale
 Regel, auf der alle besonderen Erscheinungen beruhen.‘9)
So sehen wir, wie Bruno hier den wichtigen und bezeichnenden
Versuch unternimmt, seinem Pantheismus, der freilich von
anderen Voraussetzungen und Motiven her erwachsen ist, nachträglich
 ein erkenntnistheoretisches Fundament zu geben.
Sein Verhältnis zur modernen Wissenschaft, mit der er die Bekämpfung
 des Aristotelischen Substanzbegriffes teilt, tritt an
lieser Stelle in positiver wie negativer Richtung besonders
deutlich hervor. Dass nur das „Allgemeine“ der wahrhafte Gegenstand
 exakter Erkenntnis sein könne, ist ein Satz, den auch
Galilei zugeben dürfte: betont er doch unablässig, dass das
Einzelne in seiner vollen Konkretion niemals durch den reinen
Begriff zu erfassen und auszuschöpfen ist. Die Allgemeinheit
aber, auf die Bruno hinzielt, ist die der alldurchdringenden, einheitlichen
 Substanz, während sie für Galilei diejenige der
        <pb n="372" />
        360

Giordano Bruno.

obersten mathematischen Gesetze ist. Immer handelt es sich
für ihn um die Erschliessung jener inneren Wesenheit der
Dinge, auf deren Erkenntnis Galilei ausdrücklich Verzicht leistet,
um sich der reinen Ordnung der Phänomene zuzuwenden,
(Vgl. S. 310.) Die Kategorie der Substanz bildet daher auch bei
ihm den maassgebenden und vorherrschenden Gesichtspunkt; nur
dass gegenüber dem Aristotelischen System ihre Anwendung
und ihre metaphysische Funktion eine andere geworden ist. In
diesem Sinne kann man sagen, dass Bruno dasjenige, was Galilei
in der Logik geleistet, in der Ontologie vorbereitet hat. Noch
tritt bei ihm der Begriff der Relation gegenüber dem Begriff
des Dinges zurück; aber indem er die Wissenschaft von dem
Einzelobjekt hinweg auf die Allnatur zurückweist, schafft er damit
 den Uebergang zu der neuen Ansicht, für die die „Natur“
mit dem allgemeinen Gesetz gteichbedeutend wird. Er selbst
ist es, der hie und da seinen Grundbegriff genau in diesem Sinne
bestimmt: „die Natur ist nichts anderes, als die Kraft, die den
Dingen eingepflanzt ist und das Gesetz, nach dem sie ihren
eigenen Lauf vollenden.“5%) Mit Kepler teilt Bruno sodann die
Grundtendenz, den Begriff der Materie zu neuer Kraft und Geltung
 zu erwecken, den Stoff, der bisher der reinen Gestalt und
dem reinen Wesen entgegengesetzt war, als ursprüngliches und
„göttliches“ Sein zu behaupten. Aber auch hier tritt die Verschiedenheit
 der Grundrichtung charakteristisch hervor: denn
wenn Bruno der Materie eine eigene innere Schaffenskraft und
damit eine eigene seelische Tätigkeit zuspricht, so verweilt
Kepler lediglich bei ihrer Bestimmung als Quantität, um aus
ihr den Zusammenhang mit der Geometrie und der exakten gesetzlichen
 Erkenntnis abzuleiten. —

N

Bei aller Konsequenz, mit der die Erkenntnislehre Brunos
sich aus den Grundsätzen seiner Naturphilosophie entwickelte,
enthält sie dennoch, schärfer betrachtet und zergliedert, eine
innere Antinomie. Die Dinge, die uns in der Wahrnehmung
        <pb n="373" />
        Der Begriff des Minimums.

361

gegeben sind und an die daher jede wissenschaftliche Betrachtung
 und Forschung anknüpfen zu müssen scheint, haben sich
für die tiefere logische Analyse als unerkennbar erwiesen.
Das zusammengesetzte, veränderliche Wesen des Einzelkörpers
ist dem reinen Begriff und seiner unwandelbaren Einheit dauernd
iremd und unfassbar. Sobald wir die Untersuchung auf diesen
bestimmten Himmel und diese bestimmten Gestirne richten,
die uns vor Augen liegen, haben wir damit das Feld der echten,
deduktiven Erkenntnis bereits verlassen.5) Die Einzelobjekte, so
sehr sie uns den Schein einer eigenen selbständigen Natur vortäuschen,
 haben weder Sein noch Wahrheit.) Mit dieser letzten
Folgerung ist die Physik in die Metaphysik aufgelöst und aufgehoben.
 Wie zuvor zwischen Sinnlichkeit und Denken, so tut sich
jetzt zwischen dem Allgemeinen und Besonderen eine Kluft auf:
es zeigt sich kein Weg, der das Sinnliche mit dem „Intelligiblen“
in Beziehung setzt und es zu ihm hinanführen könnte.) Zwar
mag das Besondere noch immer den Anlass und Antrieb der
reinen idealen Erkenntnis bilden: die Hoffnung aber, es in sich
selber zu begreifen, es bei Erhaltung seiner Eigenart unter universellen
 Beziehungen und Regeln zu verstehen, ist geschwunden.
Alles Wissen von Tatsachen bleibt bedingt und zufällig: es gibt
lediglich eine Geschichte, nicht eine exakte Wissenschaft der
ampirischen Natur.#) Und dennoch war es die moderne, astronomische
 Erfahrung, von der Bruno ausgegangen war, dennoch
ist es dieser Himmel und dieses Sonnensystem, das für ihn das
Vorbild ist, an dem er seine metaphysische Gesamtanschauung
des Alls entwickelt. So stehen sich hier zwei Grundmotive, an
deren jedem die Eigenart und das Schicksal des Systems zu
hängen scheint, widerstreitend gegenüber. Ks ist eine innere
Dialektik, die über die bisherigen Festsetzungen weiter treibt,
die zu einer neuen Würdigung und logischen Wiederherstellung
les Einzelwesens hindrängt.
Von diesen Erwägungen aus lässt sich die Wandlung begreifen,
 die Brunos Philosophie in ihrer letzten Phase: in der
Schrift „de triplici minimo et mensura“ erfährt.
In der Tat bedeutet der Begriff des Minimums zunächst
nichts anderes als einen neuen Halt- und Stützpunkt, den Bruno
in der Frage nach dem Verhältnis des Allgemeinen und Be-
        <pb n="374" />
        362

Giordano Bruno,

sonderen gewinnt. Es gilt zu zeigen, wie das All-Eine sich in
bestimmte Arten und Gattungen differenziert und auseinanderlegt;
es gilt, diesen Arten selbst ein festes Sein und eine unveränderliche
 Eigenart zu sichern. Wir verlangen eine Einheit, die die
Verschiedenheit nicht auslöscht und vernichtet, sondern die sie
erhält und erklärt. Wo immer uns die Empfindung sinnliche
Besonderung zeigt, da muss auch ein Begriff gefunden werden,
der sie verständlich macht. Die Welt der Wahrnehmung kann
in ihrem Aufbau nur verstanden werden, wenn wir sie auf ein
System qualitativ bestimmter und unterschiedener Einheiten
 zurückführen. Jedes Sondergebiet fordert hierbei, wenn es
wirklich in seiner Eigentümlichkeit erfasst werden soll, ein eigenes
Grundelement, ein eigenes „Minimum“. Es ist eine allgemeine
logische Forderung, die hier gestellt wird: jede Mehrheit, wie
sie sich uns in der Anschauung darstellt, ist als ein Vermitteltes zu
denken, das zu seiner exakten Erkenntnis aus einem „einfachen“
Ursprung abzuleiten ist. Es ist nicht lediglich die Operation des
Zählens und Messens, sondern die des Denkens überhaupt, auf
die Bruno sich hierbei stützt. Alles Denken muss von ursprünglichen
 primären Setzungen seinen Ausgang nehmen und von ihnen
aus versuchen, den zusammengesetzten Inhalt synthetisch zu erschaffen.
 Nicht also in der Zerfällung und Auflösung eines gegegebenen
 Vielfältigen wird der echte Begriff der Einheit gewonnen,
 sondern er bildet den ersten unentbehrlichen Anfang und
die erste schöpferische Grundlegung, die der Gedanke vollzieht.
Weil unsere Begriffe sich aus ursprünglichen Definitionen
aufbauen, darum müssen die Dinge, um von uns erkannt zu werden,
überall auf fundamentale Einheiten zurückgeführt werden. Die
sprachliche Doppelbedeutung des „Prinzips“ macht sich geltend:
was der Grund und Ursprung eines Inhalts ist, das müssen wir
auch als den ersten Anfang seiner Entstehung setzen.
Solcher Anfänge gibt es daher so viele, als es verschiedene
Klassen von Gegenständen, ja, genauer gefasst, als es verschiedene
Gruppen von Problemen gibt. Wie für den Physiker das Atom,
so stellt für den Geometer der Punkt, für den Grammatiker der
Buchstabe das letzte, unteilbare Minimum dar. Wo immer eine
Teilung ins Unendliche behauptet wird, da hat der oberflächliche
Sinnenschein die echte und wahrhafte Forderung der Vernunft
        <pb n="375" />
        Das Minimum als „Maass der Dinge“.

363

überwunden. Die Geometrie insbesondere bedarf zu ihrem Aufbau
 und zum Erweis ihrer Sätze nirgend. der Annahme eines
räumlichen Continuums. So wahr sie es mit Gebilden von
fester Gestalt und Begrenzung zu tun hat, so wahr verlangt sie
feste, in sich gegliederte Maasse, die sie nur in letzten diskreten
 Einheiten gewinnen kann. So stellt sich z. B. die Linie
als ein Aggregat von Punkten dar, die, wenngleich nicht weiter
teilbar, dennoch eine bestimmte Ausdehnung besitzen, durch
die sie imstande sind, eine endliche Grösse zu konstituieren.
Allgemein ist es der Gesichtspunkt der Zusammensetzung,
der den Begriff der Grösse erst erschafft und ermöglicht. Nur
dort, wo wir Einheit für Einheit gesondert aufzeigen und
aufreihen können, haben wir das Ganze erkannt und gleichsam
in seiner inneren Struktur durchschaut. Das „Irrationale“ ist sowenig
 ein Gegenstand der Geometrie, wie des Denkens überhaupt,
dessen erstem Grundgesetz es vielmehr widerstreitet, An dem
Begriff des „Incommensurablen“ zeigt sich am deutlichsten die
Ohnmacht der bisherigen Geometer, die in Wahrheit, zugleich
mit dem Begriff des Minimums, jegliches echte Maass entbehrten:
„ametrae sunt vulgares geometrae, quod minimo carent“.®) Wenn
das Wort Ad7oc zugleich für Vernunft und für Verhältnis gebraucht
 werden darf, so ist jede Grösse, die zu einer anderen
keine bestimmt angebbare, zahlenmässige Proportion besitzt, eben
Alarum auch in sich selbst unfassbar und undenklich. So schwindet
freilich die Mathematik in ihrer bisherigen Gestalt dahin: aber
statt über den Untergang des Unmessbaren und Irrationalen zu
klagen, sollten wir uns vielmehr der Wiedergeburt des Maasses
und der Vernunft freuen.®) —
Wir müssen an diesem Punkte innehalten, um uns, bevor wir
zu den paradoxen und widerspruchsvollen Folgerungen Brunos
weiterschreiten, des Grundmotivs bewusst zu werden, aus dem
seine Lehre hervorgegangen ist. Es bedarf keines Wortes darüber,
dass Bruno sich mit diesen ersten Anfangssätzen bereits die Einsicht
 in den wissenschafllichen Charakter der Mathematik dauernd
verschlossen hat. Für die moderne Analysis insbesondere ist der
Begriff des Irrationalen, in seiner schärferen und reineren
Fassung, zum Ausgangspunkt und Hebel ihres wichtigsten Erkenntnisfortschritts
 geworden: er ist es, an dem sich zuerst der
        <pb n="376" />
        364

Giordano Bruno.

Begriff der Grenze und mit ihm das Grundprinzip der Infinitesimalrechnung
 zur logischen Klarheit durchrang. Bruno steht
mit seinem Widerspruch gegen das „Unmessbare“ in der Geschichte
der neueren Philosophie nicht allein: auch Hobbes und Berkeley
 haben diesen Begriff und mit ihm Theoreme, wie den
Pythagoreischen Lehrsatz, bestritten. Das Eigentümliche und
Charakteristische von Brunos Kampf aber ist es, dass es Motive
und Gedanken des Rationalismus sind, die er ins Feld führt:
dass es die Vernunft der Logik und Ontologie ist, mit der er der
Vernunft der Mathematik entgegentritt. Nicht der Sinn soll
über die Wahrheit und Gesetzlichkeit der Grösse entscheiden,
sondern die reinen Postulate des Verstandes. Wenn in der
Praxis jede Gestalt in jede beliebige andere überlührbar ist, wenn
also aus demselben Klumpen Blei das eine Mal ein Würfel, ein
andermal eine Pyramide oder Kugel geformt werden kann, so
haben dergleichen Umformungen für das Urteil und das exakte
Beweisverfahren keinerlei bindende Kraft. Ja selbst wenn der
Geometer lehrt, ein Dreieck in ein Rechteck, dieses wiederum in
ein Parallelogramm und ein Quadrat zu verwandeln, so sind
auch diese Operationen durchweg nur bequeme Hilfsmittel und
Anpassungen an die sinnlich-mathematische Auffassung;
nicht reine Vernunftsätze, die allein über das Wesen und den
Zusammenhang der realen physischen Gestalten etwas entscheiden
könnten.) Die Kritik Giordano Brunos stimmt mit derjenigen
Berkeleys in einer wichtigen Forderung überein: beide verlangen
 die Auflösung alles Gegebenen in letzte, diskrete Teilelemente,
 aus denen es verständlich werden soll. Aber während
für Berkeley das „Einfache“ in den „Impressionen“ gegeben ist,
wird es bei Bruno durch einen Akt des Denkens gesetzt: wenn
dort das psychologische, so ist es hier das metaphysische Atom,
das gegen die Rechte der mathematischen „Anschauung“ behauptet
wird. Das „Incommensurable“ muss als Trugbild verworfen
werden, nicht weil es sich der Möglichkeit der Wahrnehmung,
sondern weil es sich dem Denkmittel der diskreten Zahl
entzieht, nach welchem allein Brunos Logik gestaltet ist.®) —
Den Irrwegen von Brunos Mathematik brauchen wir hier
nicht im Einzelnen zu folgen®): nur an die Hauptzüge, in denen
sich der allgemeine Begriff des Minimums näher bestimmt und
        <pb n="377" />
        Die Entstehung der Einzelgestalten.

365

kennzeichnet, sei kurz erinnert. Da der Gedanke die Hervorbringungen
 und Synthesen der Natur lediglich nachahmend
wiederholen kann, werden die Gebilde der Mathematik durchweg
wie physische Körper gedacht, deren Eigentümlichkeit sich aus
der Summierung und relativen Anordnung ihrer Grundatome
ableitet. Die Grundgestalt, die dem einfachen Minimum zukommt,
ist innerhalb der Ebene der Kreis; aus ihm gehen sodann das
Dreieck, das Quadrat und die übrigen zusammengesetzten
Figuren dadurch hervor, dass verschiedene Minima nach einer
bestimmten Regel sich aneinanderlagern und zu einem Ganzen
verschmelzen. So bedarf es, damit ein Dreieck zustande kommt,
mindestens drei, damit ein Quadrat sich bilde, mindestens vier
Minima. Um sodann zu einem zusammengesetzten Kreis zu gelangen,
 der aus mehr als einem Minimum besteht, müssen wir
ans das Element im Zentrum rings herum von anderen Elementen
umgeben und berührt denken; da aber eine derartige Berührung
nur in sechs verschiedenen Punkten möglich ist, so werden im
Ganzen sieben Minima zur Darstellung des verlangten Gebildes
erforderlich sein. Auch das Wachstum der einzelnen Gestalten
ist an ganz bestimmte arithmetische Regeln gebunden: so kann
ein Dreieck nur nacheinander durch den Zuwachs von 3, 4, 5
Minima in ein anderes, grösseres sich verwandeln; ein Quadrat
kann, da die Differenzreihe der Quadratzahlen durch die Reihe
der ungeraden Zahlen gebildet wird, nur durch die Hinzufügung
von 5, 7, 9.. Elementen vergrössert werden u. s. w. Sind somit
die einzelnen Gattungen in dem Gesetz ihres Aufbaus verschieden,
so bleiben sie auch in ihrem Sein streng von einander getrennt;
da die verschiedenen Arten der Figuren stets aus einer ungleichen
Anzahl von Elementen bestehen, so ist es unmöglich, in voller
Exaktheit die eine in die andere überzuführen. Ja auch innerhalb
 der einzelnen, bestimmten Gattung bleibt jedes Individuum
 eine schlechthin einmalige, unvergleichliche Wesenheit,
 da die Natur sich in ihren Schöpfungen niemals wiederholt,
Ja sie also niemals dieselben Minima in identischer Weise zu
zin und derselben Gestalt zusammenfügt. Nur die Stumpfheit
der Sinne ist es, die uns das Vorhandensein durchaus gleicher
Formen vortäuscht; die gesamte Mathematik, soweit sie auf
Jer Voraussetzung exakter Gebilde beruht, entstammt daher
        <pb n="378" />
        266

Giordano Bruno.

nicht Festsetzungen des Denkens, sondern einer verworrenen und
ungenauen Auffassung der äusseren Objekte.®)
Ein Gesichtspunkt ist es, der in dieser Kritik bestimmend
hervortritt: die Inhalte der geometrischen Anschauung werden als
Dinge gedacht, die in einem physischen Prozessauseinem bestimmten
 Grundstoff hervorgehen und sich in ihn im Wechselspiel der
Atome wiederum zurückverwandeln. Dass es, noch ehe wir von
derartigen Naturobjekten und deren Verwandlung Sprechen können,
reine ideale Gesetze und Beziehungen geben könne, deren Geltung
von der Beschaffenheit des Existierenden und Körperlichen unabhängig
 ist: dieser Gesichtspunkt kommt nirgend in Frage.
Und dennoch lässt sich innerhalb Brunos Lehre selber genau
der Punkt aufzeigen, an dem dieses Problem mit innerer sachlicher
 Notwendigkeit entstehen muss. Brunos Auffassung der
Mathematik ruht auf der scharfen Trennung, die er zwischen
dem Begriff des „Minimums“ und dem Begriff der „Grenze“,
terminus) vollzieht. Aller logische Irrtum in der gewöhnlichen
mathematischen Prinzipienlehre gilt ihm dadurch verschuldet,
dass man sich dieser fundamentalen Unterscheidung nicht bemächtigt
 hat oder sie nicht in eindeutiger Klarheit festzuhalten
vermochte.®) Wendet man etwa ein, dass unteilbare Elemente,
wie die Minima, keine endliche Grösse hervorzubringen im Stande
sind, weil sie, aus einem einzigen Punkte bestehend, sich auch
nur in diesem berühren können, also notwendig in einander
zusammenfallen müssten, so hat man die Bedeutung verwechselt,
 die dem Punkt als Grenze und als Teil der Ausdehnung
 zukommt. Das Minimum, obwohl selbst nicht weiter
zerlegbar, bildet doch einen selbständigen Teil und den ersten
Grundbestand des Ganzen, das sich aus ihm zusammensetzt; die
Grenze dagegen besitzt weder Teile, noch ist sie selber ein Teil;
sie bezeichnet nur das Gebilde, vermöge dessen zwei Teile oder
zwei Ganze sich wechselseitig berühren.®) Ihr daher kommt in
der Tat keine Ausdehnung zu, kann somit auch die wahre Erzeugung
 der Grösse nicht zugeschrieben werden: eine Mehrheit
von Grenzpunkten oder Linien kann niemals zu einer realen
kleinsten Linie oder Fläche zusammenfliessen.®) Mit diesen
Sätzen aber, so notwendig sie für Bruno sind, um die Eigenart
seiner Mathematik zu verdeutlichen, ist zugleich der innere
        <pb n="379" />
        Minimum und Grenze.

367

Mangel der gesamıten Denkweise mittelbar zugestanden. Denn
jetzt sehen wir, dass sich jedenfalls noch hinter den Begriff des
Minimums zurückgehen lässt, dass es Beziehungen und Bestimmungen
 gibt, die durch den Gesichtspunkt der Zusammensetzung
 nicht erschöpft und nicht in ihrer Bedeutung erfasst
werden. Indem die Minima sich gegenseitig berühren, erschaffen
sie dadurch ein neues Gebilde, das mit ihnen nicht von gleicher
Art ist, sondern einem eigenen Begriff und einer eigenen Gesetzlichkeit
 untersteht. Eben diese Gesetzlichkeit aber ist es, auf die
die wissenschaftliche Geometrie sich in Wahrheit richtet und die
sie für sich in Anspruch nimmt. Brunos kritische Angriffe liessen
sich mit der einzigen Erklärung entkräften, dass, im Sinne seiner
Unterscheidung, die Mathematik lediglich die Lehre von den
Termini, von ihrer Eigenart und ihren Verhältnissen, sein könneund
sein wolle, dass sie daher nicht nach dem Maassstab und Gesichtspunkt
 des „Minimums“ zu beurteilen sei. Wenn Minimum und
Grenze, wie Bruno selbst ausspricht, „nicht in derselben Art als
Quanta‘““ zu bezeichnen sind,%) so muss es doch wohl einen
Oberbegriff der Grösse überhaupt, eine allgemeine und
reine Kategorie der Quantität geben, aus der sich weiterhin die
Begriffsgegensätze: Teil und Ganzes, Element und Aggregat ableiten
 lassen; nicht aber können umgekehrt diese speziellen Gegensätze
 zum Prüfstein für die allgemeinen Definitionen und
Beziehungen gemacht werden. die das reine mathematische
Denken entwirft.
So drängt denn die weitere Entwicklung und Bestimmung,
die der Begriff der „Grenze“ erfährt, immer deutlicher zu einer
Einschränkung und Berichtigung des ersten logischen Ansatzes.
Die Grenze zwischen zwei Minima gehört weder dem einen noch
dem andern als Bestandteil an, sondern konstituiert ein eigenes
Sein: Minimum und Terminus stehen einander wie das „Volle“
und das. „Leere“ der antiken Atomistik gegenüber.®) Es gibt
keine unmittelbare Berührung realer Gebilde, sondern immer
ist zwischen beiden ein leerer Zwischenraum anzunehmen. %,)
Die Atome bilden unter einander niemals einen stetigen Zusammenhang,
 sondern sind durch bestimmte Abstände von
einander getrennt, die z. B. zwischen den einzelnen Elementen
der Diagonale des Quadrats als grösser anzusehen sind. als die-
        <pb n="380" />
        ‚88

Giordano Bruno.

jenigen zwischen den Teilen der Quadratseite.®) Um somit die
Grössenverschiedenheit der einzelnen Gebilde zu verstehen und
zu bestimmen, werden wir auf den Begriff des „Intervalls“, damit
aber mittelbar auf den reinen Raum, sofern er noch nicht als
gegliedertes Aggregat von Einheiten gedacht ist, zurückverwiesen.
Vergleichen wir Bruno an dieser Stelle mit der antiken Atomistik,
so treten die Grundmomente und die Schranken seiner Denkart
deutlich hervor. Auch Demokrit unterscheidet Volles und Leeres,
den Gegenstand der Physik und der Geometrie, wie „Seiendes“
und „Nicht-Seiendes“; aber er wagt den kühnen und entscheidenden
 Satz, dass das gleiche Recht und der gleiche logische
Anspruch, der dem Sein eignet, auch dem Nicht-Sein zukommt,
dass beide somit für die Erkenntnis gleich unabhängige und
gleich unentbehrliche Faktoren sind. Dem ‚substantiellen Dasein
lritt der stetige geometrische Raum, als Quell möglicher Beziehungen,
 ebenbürtig zur Seite (s. ob. S. 32f). Für Bruno dagegen
 ist das Minimum die Substanz der Dinge nicht nur, sondern
 jedes Denkinhalts überhaupt. So muss er, weil es keine
gleichen Objekte gibt, den exakten Begriff der Gleichheit
verleugnen und aufheben, so muss er die höheren begrifflichen
Gebilde, statt auf dem Wege der Definition und der gedanklichen
Synthesis, durch sachliche Zusammensetzung und Verschmelzung
aus den einfachen hervorgehen lassen.
Dass hierbei aber das eigentliche logische Ziel, das die Lehre
vom Minimum sich steckt, nicht erreicht wird, lässt sich wiederum
an den eigenen Grundbestimmungen Brunos deutlich machen.
Dieses war, wie wir sahen, darauf gerichtet, den komplexen
Inhalt aus seinen einfachen Begriffskomponenten aufzubauen
und entstehen zu lassen. Jetzt aber zeigt sich, dass die Elemente
selbst, nicht minder als die physischen Dinge, eine unübersehbare
 Mannigfaltigkeit darstellen: es gibt ebensoviel qualitativ
verschiedene Minima, als es verschiedene Spezies, ja verschiedene
 Individuen gibt.®) In strenger Sonderung und ohne
die Möglichkeit einer gegenseitigen Ueberführung stehen die Gestalten
 der einzelnen Elemente einander gegenüber. Damit
aber ist eine notwendige und unaufhebliche Vielheit gesetzt,
von der nicht ersichtlich ist, wie sie aus dem ursprünglich
Einen hervorgehen soll. Auch die Auskunft. dass nach dem
        <pb n="381" />
        Krilik der Minimum-Lehre.

369

Prinzip der „Coincidenz der Gegensätze“ im Absoluten selbst
alle diese Unterschiede verschwinden und zur Auflösung gelangen,
 reicht hier nicht aus: was wir suchen, ist ein Mittel;
sie innerhalb unserer endlichen Erkenntnis selbst zum
Begriff und zur Ableitung zu bringen. Wie überall, so zeigt es
sich auch an dieser Stelle, dass Bruno den Gegensatz von Transscendenz
 und Immanenz nicht endgültig zu überwinden vermag.
Wenn er die Grundgebilde, wie Dreieck und Quadrat, dadurch
abzuleiten unternimmt, dass er das einzelne, kreisförmige Minimum
 gleichsam als chemisches Atom betrachtet, das durch die
Verschiedenheit seiner Lagerung unterschiedliche Gestalten
hervorbringt, so hat er hierin den Begriff bestimmter geomeirischer
 Ordnungen und Konfigurationen bereits vorausgesetzt.
Das Minimum soll das universale Maass der Dinge bilden: aber
um es hierzu tauglich zu machen, sieht sich Bruno genötigt, es in
fester Gestaltung und Konkretion zu denken, damit aber die
Beziehungen.der reinen Mathematik implieit bereits anzuwenden
und vorwegzunehmen.
So kann denn die Frage nach dem Verhältnis des Abstrakten
und Konkreten, die, wie wir sahen, das treibende Motiv aller bisherigen
 Untersuchungen war, auch an dieser Stelle nicht zum
Abschluss kommen. Die Einheit des Elements, wie Bruno sie
ursprünglich dachte, erhielt von der Einheit des Intellekts
ihren Sinn und ihre Bedeutung: „mensura“ und „mens“ sind für
ihn, wie für Nikolaus Cusanus, Wechselbegriffe. Das Denken
bietet das vollgültige Beispiel einer Einheit, die nicht aus der
Zerlegung der Mehrheit gewonnen ist, sondern dieser als Anfang
vorangeht und sich in sie entfaltet. Hier fügt sich der Begriff
des Minimums in der Tat dem gedanklichen Zusammenhange
zin, aus dem die Grundlegung der Infinitesimalrechnung hervorgewachsen
 ist: wir können ein bestimmtes Gebilde selbst dann,
wenn wir von seiner extensiven Ausbreitung absehen, noch bezrifflich
 und in seinen qualitativen Eigentümlichkeiten und Verhältnissen
 erhalten denken. (Vgl.a. ob. S. 238 f.) Die neue Auffassung
aber bleibt dadurch beschränkt, dass Bruno sich zu ihrer Durch-[ührung
 lediglich auf das Mittel und die Analogie der diskreten
Zahl hingewiesen sieht, dass alles Denken ihm also im letzten
und höchsten Sinne ein „Zusammensetzen“ bleibt.®) Die beiden
        <pb n="382" />
        370

Giordano Bruno.

Gesichtspunkle der „Quantität“ und „Qualität“ gehen noch unmittelbar
 ineinander über: die Einheit der Regel, die wir z. B.
in jedem Punkte einer bestimmten Kurve denkend festhalten können
und vermöge deren uns noch der einzelne Punkt die Eigenart der
besonderen Gestalt, der er angehört, begrifflich repräsentiert, wird
zuletzt als die Einheit eines Teiles und Bestandstückes gedeutet.
Vom Standpunkte der diskreten Quantität aber bleibt dasjenige,
was Bruno doch gemäss seinem metaphysischen Grundprinzip
dauernd behaupten muss, ein Rätsel und ein Widerspruch: hier
ist nicht einzusehen, wie der Teil jemals das Ganze ohne Einschränkung
 in sich „enthalten“ und darstellen kann. Deutlich
zeigt sich an diesem Punkte der prinzipielle Gegensatz, der
zwischen dem Minimum und dem Leibnizischen Begriff der Monade
 besteht. Nur derjenige, dem sich die Geschichteder Philosophie
in eine Geschichte von Formeln und Redewendungen auflöst,
kann über der Einheit des Namens den weiten sachlichen Abstand
 vergessen, der Brunos Lehre von Leibniz trennt. Das „Minimum“
 bleibt, wenngleich der Wahrnehmung entzogen, dennoch
zuletzt mit den sinnlichen Grundbestimmungen der Ausdehnung
behaftet, da es sich mit anderen gleichartigen Elementen berühren
 und mit ihnen; zu einem Ganzen zusammenschmelzen
kann. Die Ausdehnung bildet somit ein absolutes Prädikat,
das die metaphysische Wesenheit der Dinge zum Ausdruck
bringt. In der Bekämpfung eben dieses Gedankens wurzelt der
Leibnizische Begriff der Substanz. Niemals wird die Monade als
Teilelement des Kontinuums gedacht, das vielmehr, nach
dem Grundsatz der unendlichen Teilbarkeit, mit dem Leibnizens
Philosophie steht und fällt, die Möglichkeit „einfacher“ Atome
ausschliesst. Ihre Einheit ist die des Selbstbewusstseins, die
die Vorstellung der mannigfaltigen Ausdehnung in sich enthält
und aus sich entwickelt. Die Lehre von der Idealitätdes Raumes
wird für Leibniz zum Mittel, die strengen Forderungen der mathematischen
 Kontinuität festzuhalten, indem er sie zugleich auf das
Bereich der Phänomene einschränkt. Bei Bruno dagegen bleiben
die „Atome“, selbst wenn er ihnen nachträglich eine Art des
Sinnes und des Bewusstseins zuspricht, dennoch räumliche Gebilde
 von bestimmter Gestalt und Form. Materie und Denken
gelangen hier zwar zu einer metaphysischen Verschmelzung und
        <pb n="383" />
        Kritik der Minimum- Lehre.

371

Indifferenz, ohne dass doch ihr Dualismus logisch behoben
wird.) Der Begriff des Intellekts selbst und sein Verhältnis
zur Natur wird an dieser Stelle innerlich zwiespältig. Am
Problem des Unendlich-Grossen erfasste Bruno seinen Grundgedanken
 der durchgängigen Uebereinstimmung und Harmonie
zwischen der Kraft des Denkens und der Natur. Die Lehre
von der Unendlichkeit der Welten stützte sich auf die Unendlichkeit
 der Einbildungskraft, hinter der die absolute Wirklichkeit
 nicht zurückbleiben könne: ist doch das Vermögen der
Phantasie nur ein Teilprodukt eben dieser Wirklichkeit selbst.
S. ob. S. 347 f) Hier dagegen, in der Zerlegung und Auflösung
des Kontinuums, ist dieser Zusammenhang gebrochen: die Natur
verlangt und setzt feste Grenzen, während die Vorstellung über
jede derartige Schranke hinauszugehen trachtet. Die Operationen
des mathematischen Denkens erscheinen jetzt wie eine subjektive,
täuschende Zutat. Der Gegensatz zwischen den Bedingungen des
Geistes und denen des Seins tritt unverkennbar hervor: „alia
szecundum naturae, alia secundum nostrae mentis conditionem
 prinecipia“.7l) Zwar der allgemeine Wert der Mathematik
 und die Bedeutung, die sie als Vorbild jeder wissenschaftlichen
 Erkenntnis hat, steht für Bruno fest, Von ihm geht
er aus: seine Lehre vom Minimum will einen neuen „Königsweg
zur Geometrie“ weisen.®) So tritt er für Plato und Pythagoras
ein; so betont er, dass Aristoteles selbst, wie sehr er als Logiker
und Dialektiker der Mathematik feind sei, sich zu der Verschmähten
 zurückwenden müsse, sobald er versuche, in die
tieferen Probleme der Natur einzudringen.®) Das „Mathematische“
 ist auch für Bruno das „Mittlere“ zwischen den Gegenständen
 der Wahrnehmung und den reinen Ideen. Charakteristisch
aber ist es, dass er im selben Zusammenhang, in dem er diesen
Gedanken ausführt, die gleiche Zwischenstellung alsbald für die
— Magie in Anspruch nimmt. Beide Gebiete gehen bei ihm noch
uınmerklich in einander über: wie Agrippa von Nettesheim kennt
er eine besondere Form der „mathematischen Magie“, die er in
eigenen Abhandlungen darlegt und begründet.) Dieser eine Zug
ist für das historische Gesamtbild Brunos bezeichnend. Wie kein
anderer ist er von dem Verlangen, die empirische Wahrheit
und Wirklichkeit der Dinge zu ergreifen, erfüllt: das „verificare
        <pb n="384" />
        79

Giordano Bruno.

con la natura“ steht jeder rationalen Theorie als einschränkende
Bedingung gegenüber.®) Auf der anderen Seite bildet der Kampf
für das Recht und die Selbständigkeit des reinen Denkens das Grundmotiv
 seiner Lehre und seiner Persönlichkeit. Aber indem er diese
beiden Momente, deren jedes eine unentbehrliche Vorbedingung
der modernen Wissenschaft enthält, nicht in ihrer wechselseitigen
Bestimmung durch einander erfasst, kann er sie auch gesondert
nicht durchweg in gleicher Klarheit festhalten. So sehr er danach
ringt, der Natur selbständig und ohne fremde Vermittlung gegenüberzustehen,
 so wenig gelingt es ihm, wie der gesamten Naturphilosophie,
 die Magie von seinem Pfade zu entfernen. Weil ihr
der freie Ausblick in eine mathematische Theorie der
Erfahrung verwehrt ist, muss sich die Methodenlehre Brunos
in die dürren und unfruchtbaren Wege der Lullischen Gedächtniskunst
 verlieren und damit in das mittelalterliche Ideal der Erkenntnis
 zurücklenken.
        <pb n="385" />
        Drittes Buch:

Die Grundlegung des Idealismus.
        <pb n="386" />
        Erstes Kapitel.

Descartes.

Wenn man versucht, in den mannigfachen gedanklichen
Strömungen und Tendenzen, die zur Bildung der neueren Philosophie
 zusammenwirken, einen gemeinsamen Grundzug herauszusondern,
 so bietet sich als bezeichnendes Merkmal zunächst das
Verhältnis dar, in welchem sie insgesamt zum mittelalterlichen
Begriff der Logik stehen. In der Abweisung der Dialektik, in
der Verwerfung des Syllogismus als Grundmittels der Erkenntnis,
begegnen sich Skepsis und Erfahrungswissenschaft, vereinen sich
das humanistische Ideal der Geschichte, wie die neue Naturphilosophie.
 Es kann eine Zeit lang scheinen, als wäre in dieser
Negation das letzte Wort gesprochen; als soilte die unmittelbare
Beobachtung der Dinge die Reflexion über das Wesen und die
Verknüpfungsgesetze des Begriffs zurückdrängen und ersetzen.
Der Geist bedarf der dialektischen Schulung und Leitung nicht
länger; er tritt unmittelbar der äusseren und inneren Erfahrung
gegenüber, in der ihm ein reicherer und sichrerer Quell des
Wissens erschlossen ist. Dennoch erkannten wir in der Entstehungsgeschichte
 und Ausbildung der neueren Wissenschaft
gerade dies als ihre charakteristische Eigenheit: dass sich ihr in
ihrer reinen Hingabe an den Stoff des Wissens, zugleich und
angewollt eine neue Logik der Forschung ergibt. Immer deutlicher
 spricht sich allmählich auch dieses Bewusstsein aus: immer
mehr tritt der Gedanke eines „neuen Organons“ in den Mittelunkt.
 Es ist nicht nur Bacon. der diese Forderung vertritt:
        <pb n="387" />
        Sm x
1

Descartes.

auch in der spekulativen Naturphilosophie, die nach ihrem
Grundgedanken den Geist nur als Objekt unter Objekten zu verstehen
 vermag, kündigt sich allmählich eine veränderte Wendung
der Betrachtung an. Bei Campanella, dessen Philosophie nur
die Lehre des Telesio fortsetzt und ausbaut, taucht dennoch
bereits der Plan einer eigenen Wissenschaft auf, die nicht mehr
die Natur der Dinge, sondern die Art unserer Erkenntnis zu
ihrem Gegenstand haben soll; „rerum naturas Cognoscere difficile
quidem est, at modum cognoscendi longe difficilius“.!) Und bei
Bruno nimmt, wenn man das Ganze seiner literarischen Tätigkeit
 überblickt, der Inbegriff der „methodologischen“ Schriften
bereits einen grösseren Umfang ein, als seine Werke zur Reform
 der Kosmologie und Naturanschauung. Freilich lehrt eben
dieses Beispiel deutlich, dass der Sinn des Problems in all
diesen verschiedenen Versuchen nicht eindeutig gefasst und festgestellt
 ist. Bei Bacon soll die Methode, so sehr ihr scheinbar
nur die Aufgabe gestellt ist, das empirische Material zu sammeln
und zu sichten, zuletzt zur Entdeckung der „Formen“ der
Dinge im scholastischen Sinne dienen: bei Bruno wird sie
zum Mittel der Lullischen Kunst, vermöge deren die Unendlichkeit
 des Wissensinhalts in das Netzwerk bestimmter symbolischer
Formeln eingefangen und für das Gedächtnis aufbewahrt
werden soll. So ist hier überall die Methode nur ein Schlagwort,
das sehr verschiedenartige Inhalte deckt und das an, sich selbst
noch keine prinzipielle Erneuerung des Erkenntnisideals bedeutet
und gewährleistet. Selbst dort, wo sie am reinsten erfasst
und gebraucht wird, bildet sie nicht das Grundprinzip, sondern
eine nebenhergehende Instanz, die den Erwerb des Wissens
unterstützt und kontrolliert. Sie leitet zu den Quellen, aus
denen uns die Erkenntnis fliesst; aber sie ist nicht selbst der
Urgrund und das Fundament. Zum Begründer der neueren
Philosophie wird Descartes daher nicht dadurch, dass er den
Gedanken der Methode an die Spitze stellt, sondern dadurch,
dass er in ihm eine neue Aufgabe erfasst. Nicht lediglich die
formale Gliederung, sondern der gesamte Inhalt der „reinen“ Erkenntnis
 soll aus dem ursprünglichen methodischen Prinzip gewonnen
 und in lückenloser Folge hergeleitet werden. Er selbst
hat alle seine mannigfachen wissenschaftlichen Leistungen nur
        <pb n="388" />
        Die Einheit der Erkenntnis.

37
7

als ebensoviele Entfaltungen und Verzweigungen dieses einen
Grundstammes gedacht und bezeichnet. Die analytische Geometrie,
 die am Anfang seiner Entdeckungen steht und die für sie
alle die dauernde Voraussetzung bleibt, ist ihm nicht anderes, als
die „spontane Frucht der eingeborenen Prinzipien der Methode“.®)
Diese Beziehung zu begreifen und sie bis in ihre konkreten
Entwicklungen in der Grundlegung der Mechanik und der
speziellen Physik zu verfolgen, bildet das erste Erfordernis für
das geschichtliche und sachliche Verständnis des Cartesischen
Systems der Philosophie.)

[. Die Einheit der Erkenntnis.
Das methodische Erstlingswerk Descartes’, das sein metho-Jisches
 Hauptwerk geblieben ist, beginnt mit einem charakteristischen
 Bilde, in‘ dem die historische Eigenart der neuen Denkart
 sich widerspiegelt. Alle Wissenschaften insgesamt sind nichts
Anderes, als die Eine menschliche Weisheit, die immer dieselbe
bleibt, auf wie verschiedene Objekte sie auch angewandt werden
mag, und die von den Gegenständen so wenig eine innere Veränderung
 erfährt, wie das Licht der Sonne von den vielerlei
Dingen, die es erleuchtet. Dieses Gleichnis, das Descartes. von
Plotin entlehnt, hat in der neueren Philosophie eine selbständige
Geschichte. In der Naturphilosophie und insbesondere bei Giordano
 Bruno dient es regelmässig dazu, die „Teilhabe“ des Einzelnen
 am Absoluten zu bezeichnen; zu verdeutlichen, wie das
All-Eine, trotz der mannigfachen Formen und Gestalten, in denen
es sich spiegelt, dennoch in steter unwandelbarer Identität beharrt.
 (S. ob. S. 356.) Entgegen der Vereinzelung und Zersplitterung,
 in der sich das Universum den Sinnen darstellt, wird hier
der Gedanke einer in all ihren Aeusserungen gemeinsamen Grundkraft
 festgehalten, die sich der reinen Vernunftanschauung
unmittelbar erschliesst. So bezeichnet denn schon hier das Bild
den Fortschritt zu einer höheren gedanklichen Synthese, zu einer
neuen „intelligiblen“ Auffassung des Alls. Und dennoch bleibt
diese Wendung noch völlig ausserhalb des Gesichtskreises, den
Descartes. von seinen ersten Schritten an. für das Problem be-
        <pb n="389" />
        37%

Descartes.

stimmt und umgrenzt. Ihm handelt es sich nicht mehr um die
Welt der Gegenstände, sondern um die der Erkenntnisse; nicht
um die Kräfte, die das Naturgeschehen beherrschen, sondern um
die Regeln, die den Aufbau der Wissenschaft leiten. Die Frage
nach dem Verhältnis der Einheit zur Vielheit hat einen
veränderten Sinn erhalten und ist auf einen neuen Boden verpflanzt.
 Wie eine Andeutung dieser bestimmten geschichtlichen
Lage, in der er sich der Naturphilosophie gegenüber befand,
klingt es, wenn Descartes ausspricht, dass es töricht sei, über die
Geheimnisse der Natur und den Einfluss der himmlischen Sphären
 auf die irdische Welt, über die Kräfte der Pflanzen, die Bewegung
 der Gestirne und die Verwandlung der Metalle zu ‘grübeln,
 ohne doch jemals der richtigen Führung des Geistes und
dem universalen Begriff des Wissens selber nachgedacht zu
haben: da doch alles andere nicht sowohl um seiner selbst, als
um dieses Zweckes willen zu schätzen sei. Erst wenn wir die
Forschung einzig auf diese letzte und einheitliche Aufgabe beziehen,
 begreifen wir die innere Möglichkeit der Erkenntnis. Die
Vielheit der Dinge ist unendlich und unfassbar; es ist ein vergebliches
 Unternehmen, sie im Begriff zusammenhalten und übersehen
 zu wollen. Dagegen kann es kein unermessliches Werk
sein, die Grenzen des Geistes zu bestimmen, da wir ihn unmittelbar
 in uns selber gewahr werden, noch alle Inhalte, soweit
sie in dieser Gesamtheit befasst sind, erschöpfend zu hbestimmen.‘)
Noch bei Giordano Bruno, wie sehr er dem Denken die Kraft zusprach,
 das Unendliche zu ergreifen und zu umspannen, behielt gerade
 in dieser Grundfrage zuletzt die Skepsis Recht: wie das Auge
alle Dinge sicht, ohne sich selbst zu erblicken, so vermag der
menschliche {Intellekt niemals sich selber deutlich und durchsichtig
zu werden.®) Es ist derselhe Einwand, der auch Descartes von seinen
Gegnern vorgehalten wird und dem er seine neue Auffassung des
Selbsthbewusstseins entgegenstellt.© Wir vermögen nichts von
den Dingen zu erkennen, ohne damit zugleich der Wesenheit unseres
eigenen Denkens inne zu werden. Der reine Verstand bildet das
erste Objekt, das uns in der Reihe der Wahrheiten entgegentritt. 7)
Wir sahen, wie das Streben der Naturphilosophie darauf gerichtet
war, die Erscheinungen als eine immanente Ordnung, von
        <pb n="390" />
        Die Grenzbestimmung des Verstandes.

379

eigenen und unabhängigen Kräften geleitet und bewegt, zu
denken. Aber indem ihr das Problem des Bewusstseins fremd
blieb, indem sie somit den wahren Mittelpunkt der Immanenz
verfehlte, vermochte sie auch in der Welt der äusseren Wirklichkeit
 ihrer ursprünglichen Richtung nicht treu zu bleiben, —
gewannen auch hier Magie und Astrologie wieder die Vorherrschaft
 über die ersten Anfänge empirischer Erklärung. Die
Methode Descartes’ erschliesst ein neues Zentrum und einen
neuen Ausgangspunkt: die Rechtfertigung dieses Anfangs aber
xann wiederum nur darin gesucht werden, dass er sich in der
»bjektiven Erkenntnis der Natur, in der Grundlegung der wissenschaftlichen
 Physik fruchtbar erweist. —
Es ist eine doppelte Richtung der Betrachtung, die wir im
Aufbau und der Begründung der Cartesischen Philosophie deutlich
 unterscheiden können. Während auf der einen Seite die
„Einheit des Intellekts“ in immer bestimmteren und konkreteren
 Prinzipien entwickelt und dargestellt und der Inhalt
der Mathematik und Naturerkenntnis aus ihr in stetigem Gange
abgeleitet wird, steht auf der anderen Seite der Versuch, den
gesamten Inbegriff des Wissens, der auf diese Weise entsteht,
in einem höchsten metaphysischen Sein zu gründen
and ihm hier seinen letzten Halt und Ankergrund zu
geben. Wenn wir in der gedanklichen Rekonstruktion des
Systems zunächst einzig und allein der ersten Entwicklung
nachgehen, so leitet uns hierbei ein doppeltes geschichtliches
Interesse. Einmal nämlich liegt in dem, was die „Methode“ für
die Wissenschaft und ihre Grundsätze geleistet hat, die eigentliche
geschichtliche Kraft und die unvergängliche Wirkung der Cartesischen
 Philosophie, während die Metaphysik schon bei den
nächsten Nachfolgern und Schülern in eine Mannigfaltigkeit
widerstreitender Systeme zerfällt. Sodann aber bleiben auch in
der eigenen individuellen Gedankenentwicklung Descartes’ die
beiden Motive deutlich von einander geschieden. Von dem Zeitpunkt
 der Entdeckung des methodischen Grundgedankens — eine
Fagebuchnotiz bestimmt ihn als den 10. November 1619% — vergehen
 neun Jahre, die — wie der „Discours de la methode“ bezeugt
 — völlig von mathematischen und physikalischen Studien
ausgefüllt sind. Hier bilden und befestigen sich. wie sich bis
        <pb n="391" />
        380

Descartes.

ins Einzelne verfolgen und nachweisen lässt, die Grundzüge des
Systems der Erkenntnis, noch ehe irgend ein metaphysisches
Problem in den Umkreis der Betrachtung eingetreten ist.9) Die
Metaphysik dient nicht der Entdeckung, sondern nur der nachträglichen
 Bestätigung und Beglaubigung der Prinzipien der
Wissenschaft.!°) Entspricht somit die Sonderung zwischen dem
methodischen und dem metaphysischen Faktor der Systembildung
der inneren Entstehungsgeschichte der Cartesischen Philosophie,
so kann durch sie weiterhin auch erst volle Klarheit über die
Cartesische Metaphysik selbst, ja über den Charakter ihres
Schöpfers gewonnen werden: denn hier muss es sich zeigen, ob
der Fortgang zur Metaphysik — wie selbst Fr. Alb. Lange behauptet
 hat — nur aus äusserlichen und zufälligen Motiven erfolgte,
 oder ob notwendige und innerliche Probleme, die aus
der Methode selbst hervorwuchsen, auf diesen Uebergang hinirängten.
 —

In der Schilderung, die der „Discours de ]a methode“
von der Entstehung des Grundgedankens entwirft, treten drei
Gruppen sachlicher Vorbedingungen bestimmend hervor. Die
Musterung des überlieferten Stoffes der Erkenntnis trifft, nachdem
sie alles rhetorische Beiwerk und allen äusseren Zierrat des
Wissens abgestreift, auf drei relativ feste Punkte, die als Anfang
und Grundlage des künftigen Aufbaus dienen können. Logik,
Geometrie und Algebra sind es, in denen, trotz allen Mängeln
ihrer traditionellen Behandlung, der Charakter des echten Wissens
nicht völlig ausgelöscht werden konnte. Freilich lehrt die Logik
der Schule mit ihren Definitionen und Syllogismen eher Bekanntes
 zu erklären, als Unbekanntes zu entdecken; freilich bietet
die geometrische Analyse der Alten und die moderne Arithmetik,
durch ihre beständige Abhängigkeit von der unmittelbaren sinnlichen
 Anschauung und durch die ungefüge Art ihrer symbolischen
Bezeichnungsweise, eher eine verwickelte 'T echnik, die den Geist
verwirrt, als eine völlig durchsichtige Erkenntnis, die ihn klärt
and bildet. So gilt es denn, eine andere Methode zu suchen, die,
während sie die Vorzüge dieser drei Grundwissenschaften vereint.
        <pb n="392" />
        Die Universalmathematik.

8381

von ihren Mängeln frei ist. Logik und Grössenlehre müssen sich
zusammenschliessen und durchdringen, um den neuen Begriff
der Universalmathematik zu erzeugen. Von der Logik entlehnt
 diese neue Wissenschaft das Ideal des streng deduktiven
Aufbaus und die Forderung erster „evidenter‘“ Grundlagen der
Beweisführung: nach dem Vorbild der Geometrie und Algebra
bestimmt sie den Inhalt, den sie diesen Grundlagen gibt. Wenn
wir untersuchen, welcher Art dieser Inhalt ist, wenn wir fragen,
warum nicht nur die Lehre von den Zahlen, sondern auch die
Astronomie, die Musik, die Optik, die Mechanik der „Mathematik“
 zugerechnet werden: So finden wir, dass die Gemeinsamkeit
ihres Objekts und ihres Verfahrens in dem Begriff der Ordnung
und des Maasses wurzelt, den sie insgesamt zu Grunde legen.
Man mag diese Ordnung in den Gestalten oder Zahlen, in den
Sestirnen oder Tönen aufsuchen und bestimmen; immer bleibt
der allgemeine Gedanke des Verhältnisses und der Beziehung
ler einheitliche Ausgangspunkt. Eine reine Wissenschaft
der „Proportionen“ und „Relationen“ — unabhängig von
aller Besonderheit der Objekte, in denen sie sich darstellen und
verkörpern — bildet somit die erste Forderung und den ersten
Gegenstand, auf den die Methode sich richtet. 1!)
Um die Bedeutung dieses scheinbar so schlichten und
einfachen Gedankens zu ermessen, muss man, den Weisungen
Descartes’ folgend, die geschichtliche Lage der Grundwissenschaften,
 von denen er ausgeht, im Einzelnen analysieren. Was
die Logik betrifft, so braucht man hierbei nicht ihre scholastische
 Gestalt ins Auge zu fassen — denn diese konnte schon
durch die Kritik des Humanismus und der Naturphilosophie als
überwunden gelten — sondern muss sie in ihren fundamentalen
 Entstehungsbedingungen bei ihrem ersten Urheber aufsuchen
und beurteilen. Die Logik und Kategorienlehre des Aristoteles
setzt seine Metaphysik, setzt seine Lehre vom „Seienden als
Seienden“ notwendig voraus. Sie beginnt mit dem Begriff der
Substanz, der von der Metaphysik her als die Form und der
Urgrund alles Seins bekannt ist. Dass alle Aussagen, die wir
machen können, an feste und fertige Dinge anknüpfen müssen,
dass die Substanz nicht nur dem Dasein, sondern auch der Erkenntnis
 nach das Erste ist: dieser Satz hat für Aristoteles den
        <pb n="393" />
        342

Descartes.

Charakter eines Axioms. Idvzwv % bdola KpötovV Xal Ad Kal YVosı,
xat ypöv. Alle anderen Merkmale treten erst nachträglich an
dem so bestimmten Sein auf. „Die erzeugende Substanz (Ör0xeipsvov)
 ist das eigentliche Subjekt des Urteils; alles andere nur
nebenbei; und wie im Wirklichen die Sache oder Eigenschaft
entstanden, so soll sie im Prädikate ausgesagt werden.“12) Wenn
wir von den Beziehungen der Quantität und Qualität sprechen, so
müssen wir sie doch immer bestimmten Dingen „anhaftend“ denken,
wenn wir von Verhältnisbegriffen, wie von denen des „Grossen
und Kleinen“ ausgehen, so dürfen wir doch nicht, mit Platon,
glauben, in ihnen Elemente des Wirklichen erfasst zu haben.
Das wissenschaftliche Ideal, das dieser Anschauung entspricht, ist
im Grunde die systematische Klassifikation der Objekte: es
gilt, die verschiedenen „Formen“ der Natur gegen einander abzugrenzen
 und ihre Eigenschaften in bestimmte Ordnung zu
stellen (s. ob. S. 44f). Die Gefahr, die der Physik aus dieser
Auffassung erwuchs, ist bekannt. Zwar auch ihr mag man noch
die Erforschung der Substanz als Aufgabe stellen; ist es doch
ihr Ziel, das Bleibende im Wechsel der Erscheinungen zu bestimmen
 und festzuhalten. Der fundamentale Irrtum aber entsteht,
 wenn sie dieses Bleibende selbst in der Form des Dinges,
nicht in der der Regel des Geschehens Sucht; wenn sie, mit
andern Worten, den Gesetzen die „Qualitäten“ und „Wesenheiten“
als die realen Ursachen unterschiebt. Wie diese Anschauung
überall überwunden sein musste, ehe die moderne Physik und
Astronomie einsetzen konnte, haben wir im Einzelnen verfolgt:
wir sahen, wie Kepler den Begriff der Kraft durch den Begriff der
Funktion klärte und umbildete, wie Galilei, von dem Wesen
der Erscheinung absehend, das Gesetz als den einzigen Inhalt und
Fragepunkt der Naturwissenschaft feststellte. Descartes zieht somit
 nur das philosophische Facit der wissenschaftlichen Gesamtentwicklung,
 wenn er eine allgemeine Logik der Relationen
fordert, die aller Betrachtung der besonderen Objekte vorangeht.
 Er erfüllt bereits mit der ersten Formulierung seiner Aufgabe
 die Forderung, die er an sich gestellt hat: eine Logik, nicht
der Beschreibung und Darlegung von Tatsachen, sondern der
Entdeckung und Forschung zu geben. 1») Er selbst hebt es als
das Charakteristische seiner Kategorienlehre hervor. dass sie
        <pb n="394" />
        Die Kritik der Syllogistik.

383

ihre Einteilung der Inhalte des Wissens nicht unter dem Gesichtspunkte
 des Seins, sondern unter dem Gesichtspunkte der
Erkenntnis trifft: nicht wie sie „an sich“, sondern wie sie in
der Ordnung des Erkennens und Begründens von einander abhängen
 und aus einander hervorgehen, sollen die Gegenstände
sich in ihr folgen. Es ist daher auch kein Widerspruch, wenn die
„einfachen“ Elemente, die sich für diese Betrachtungsweise ergeben
 — wie etwa der Begriff der „Ursache“ oder des „Gleichen“
— in Wahrheit blosse Beziehungen darstellen: einzig die Metaphysik,
 nicht die Wissenschaft hätte ein Interesse daran, noch
hinter diese Verhältnisbegriffe und Wahrheiten auf letzte „absolute“
 Grundlagen zurückzugreifen.!!‘) Während die scholastische
Logik und Physik der „Wesenheiten‘“ vom abstrakten und inhaltsleeren
 Gattungsbegriff ausging, um ihn durch die Skala der „metaphysischen
 Grade“ hindurch bis zur untersten Art hin zu verfolgen,
 stehen hier inhaltlich völlig bestimmte, einfache Elementarverhältnisse
 am Anfang, die wir fortschreitend zu immer complexeren
 Verhältnissen weiterführen und ausbauen, 5)
Von hier aus klärt und bestimmt sich zugleich das Verhältnis
 zur Syllogistik. Der Syllogismus soll keineswegs ausgeschaltet
 oder entwertet werden: ist er doch das eigentliche
formale Beweismittel, dessen sich die Mathematik, und insbesondere
 die Euklideische Geometrie, bedient. Dennoch soll die
synthetische Form des Beweises, wie sie sich hier in einem
klassischen Beispiel verkärpert, nicht die einzige und ursprüngliche
 bleiben. Denn wenngleich dieses Verfahren allgemein anwendbar
 ist, wo es sich darum handelt, von gegebenen Voraussetzungen
 aus zu unbekannten Folgerungen fortzuschreiten, so
versagt es doch, wenn die Aufgabe in der Aufsuchung der
Prämissen selbst besteht. Ueberall dort, wo es darauf ankommt,
die ersten Fundamentalbegriffe selbst erst zu entdecken und
herauszustellen — wo also, wie in der Philosophie, die „Prinzipien“
 nicht den Anfang, sondern das Ziel der Untersuchung
bedeuten — da kommt die synthetisch-syllogistische Schlussart
nur als Umkehrung einer vorangehenden und ursprünglichen
Analysis in Frage. Der Syllogismus zwingt, aber er überzeugt
nicht: während die Analvsis die innere Gliederung des Problems
        <pb n="395" />
        Descartes.

durchsichtig macht und den Ursprung und Gang der Entdeckung
 weist. 18)
Beide Verfahrungsweisen ruhen somit auf der Annahme
bestimmter Voraussetzungen; aber wenn der „Dialektiker“ fordert,
dass die einzelnen Prämissen als die „Materie“ des Schlusses bekannt
 seien, so begnügt die analytische Methode sich mit der
bescheideneren Forderung, dass die Frage, um die es sich
handelt, fest umgrenzt und völlig verstanden ist, In dieser
anfänglichen Bestimmtheit bereits liegt ein Erkenntnisgehalt,
der die künftige Lösung ermöglicht. Soll etwa eine Figur konstruiert
 werden, die bestimmten Bedingungen zu genügen hat,
so geht der Geometer, wie bekannt, davon aus, diese Bedingungen
als erfüllt anzusehen, d. h. sich die Figur mit den geforderten
Eigenschaften fertig in der Anschauung darzustellen. Er entdeckt
von hier aus, indem er dem Zusammenhang der Einzelmerkmale
 der betreffenden Gestalt nachforscht, eine Verbindung
zwischen den gesuchten Prädikaten und anderen „einfacheren“
Bestimmungsstücken, bis es ihm zuletzt gelingt, eine Beziehung
herzustellen, vermöge deren das „Gesuchte“ als eindeutige Funktion
 bekannter und „gegebener“ Elemente erscheint. 2”) Deutlicher
noch tritt die Eigenart dieses Verfahrens an den algebraischen
Problemen hervor. Wenn hier nach einer Zahl gefragt wird,
die bestimmte Relationen erfüllen soll, so genügt es, die geforderte
Beziehung durch eine Gleichung zum Ausdruck zu bringen, um
damit auch den Weg, den die Auflösung einzuschlagen hat, von
Anfang an zu fixieren, Als „unbekannt“ erscheint uns das x der
Gleichung nur, sofern es noch nicht entwickelt und expliziert
ist; zugleich aber ist es hekannt, sofern es eindeutig determiniert
ist und wir z. B. von jeder uns gegebenen Zahl aussagen
können, ob sie die Gesuchte ist, oder nicht. Der Ansatz der
Gleichung ist, mit anderen Worten, logisch bereits das Entscheidende,
 dem gegenüber die Auswicklung und die Isolierung
der Unbekannten nur wie eine technisch-mathematische Schwierigkeit
 erscheint. Die Art und Richtung des gedanklichen Fortschritts
 ist schon hier bestimmt vorgezeichnet; wir wissen. dass
wir, um zur Lösung zu gelangen, nicht über die Bedingungen
des Problems selbst hinauszugehen, nicht ausserhalb seiner nach
fremden zufälligen Hilfsmitteln zu suchen brauchen. —
        <pb n="396" />
        Die philosophische Bedeutung der analytischen Methode. 385

Damit aber erschliesst sich uns sogleich der allgemeine
Wert, den die mathematische Analysis als Muster und Vorbild
für die Philosophie erlangen kann. Denn eben dies ist der
Grundgedanke, auf den die „Methode“ sich stützt: dass die Erkenntnis
 eine selbstgenügsame und in sich abgeschlossene Einheit
 ist; dass sie somit für die Aufgaben, die sie sich mit Recht
stellen darf, die allgemeinen und hinreichenden Voraussetzungen
in sich selber trägt, ohne eine äussere, transscendente Instanz
anrufen zu müssen. Wiederum ist es interessant, an diesem
Punkte den geschichtlichen Vorbedingungen des Cartesischen
Problems nachzugehen. Im Menon, in dem Platon das Verfahren
 der geometrischen „Analysis“, dessen Entdecker er ist,
philosophisch darstellt und begründet, steht zugleich ein allgemeineres
 Problem im Mittelpunkt der Untersuchung. Von der
sophistischen Vexierfrage, ob die wissenschaftliche Forschung
sich auf bekannte oder unbekannte Objekte bezieht, wird ausgegangen:
 wenn auf bekannte, so ist sie nutzlos und überflüssig; —
wenn auf unbekannte, so haben wir keinerlei Anhalt, der unserer
Erkenntnis die Richtung wiese und keinerlei Merkmal, an dem
wir den Gegenstand, nach dem wir fragen, wenn er sich uns
zufällig darböte, von anderen zu unterscheiden und als den gesuchten
 anzuerkennen vermöchten. Dieser „streitsüchtigen“
Frage, die dennoch für die naive Ansicht der Erkenntnis eine
innere Schwierigkeit birgt, begegnet Platon mit seinem Satz der
„Wiedererinnerung“, nach dem alles echte Wissen nicht von
aussen in die Seele eindringt, sondern aus ihr selbst, bei Gejegenheit
 der äusseren Eindrücke, entspringt und erschaffen wird.
Ueberall, wo die neuere Zeit auf das Problem der Geometrie
zurückging, ist ihr damit zugleich diese philosophische Grundanschauung
 wieder lebendig geworden. In scharfer und prägnanter
 Wendung fanden wir sie bereits bei Nikolaus Cusanus
ausgesprochen. Von den begrifflichen Voraussetzungen, der
Fragestellung geht zugleich das Licht aus, das uns in der
Lösung leiten muss: quod in omni inquisitione praesupponitur,
est ipsum lumen, quod etiam ducit ad quaesitum. (S. ob. S. 73f.)
Seitdem ist der Gedanke der „Wiedererinnerung“ uns bei den
Klassikern der modernen Wissenschaft, bei Kepler und Galilei,
immer von neuem begegnet, und auch Descartes weist nunmehr

DD
        <pb n="397" />
        286

Descartes.

ausdrücklich auf ihn zurück, um die Entstehung der mathematischen
 Begriffe zu erläutern.!®) An diesem Punkte wird er, der
Feind der Ueberlieferung und der bloss geschichtlichen Bildung,
zum Lobredner der Antike, die in ihrer naiven und vorurteilslosen
 Anschauung der Dinge die „eingeborenen Samenkörner“ der
Wahrheit, die in Jedem von uns latent sind, noch rein und unverfälscht
 besessen habe. Wenn wirklich den antiken Denkern
die Geometrie die einzige Eingangspforte zur Philosophie war, so
müssen sie in ihrem Begriff ein Anderes gedacht haben, als eine
Anhäufung besonderer Lehrsätze und spezieller Aufgaben: so
müssen sie in ihr eine Einheit und eine Gesetzlichkeit geahnt
haben, die als Vorbild jedes wissenschaftlichen Verfahrens überhaupt
 dienen kann.!%)
Und dies ist genau der Punkt, an dem Descartes’ neuer
Begriff der Geometrie einsetzt und angreift, Die Sonderung
und Vereinzelung der Probleme, die für die überlieferte Gestalt
der Mathematik charakteristisch ist, gilt es zu überwinden und
aufzuheben. So lange der einheitliche Zusammenhang aller
Fragen, die das geometrische Denken zu stellen vermag, nicht
erkannt ist, so lange herrscht in der Auflösung der einzelnen
Aufgaben Zufall und Willkür: so lange bleibt die Betrachtung
der Figuren und ihrer Verhältnisse eher ein Spiel der Einbildungskraft,
 als eine Uebung und Stählung des Intellekts.%) Die Probleme
 dürfen nicht wahllos aufgegriffen und untersucht werden,
sondern es muss eine einheitliche Grundregel festgestellt
werden, die alle Fälle umfasst und aus einander in streng eindeutiger
 Weise ableitbar macht. In diesem Sinne hat es Descartes
selbst ausgesprochen, dass die gewöhnliche Arithmetik und Geometrie
 nur „Beispiele“ einer universalen Wissenschaft sind, die
sich in ihnen eher verbirgt, als enthüllt. Und wenn er dem
„Discours de la methode‘‘ konkrete Anwendungen seiner neuen
Methode hinzufügt, so sieht er in der „Dioptrik“ und der Schrift
über die „Meteore“ nur die subjektive Probe für ihre Fruchtbarkeit,
 während ihm die „Geometrie“ der zwingende demonstrative
 Beweis ihrer Wahrheit ist. 2)
Wir wissen bereits, dass wir, um zu einem klaren und
sicheren Ergebnis zu gelangen, über die scharfe und genaue
Analyse der Frage nicht hinauszugehen brauchen. Ordnung
        <pb n="398" />
        Die Grundlegung der analytischen Geometrie. 887

und Maass sind es, die den Inhalt der Mathematik ausmachen
und ihren gesamten Gegenstand erschöpfen. Alle anderen Momente,
 die sich diesen Grundbestimmungen nicht einfügen und
nicht restlos in ihnen aufgehen, sind daher von Anfang an auszuschalten.
 Das Maass selbst aber gilt es wiederum nicht als ein
sachliches Etwas zu verstehen, das uns von den Dingen selbst
unmittelbar aufgedrängt würde, sondern als das Ergebnis
eines gedanklichen Verfahrens der Bestimmung und Auswahl.
„Messen“ selhst bedeutet nichts anderes als eine reine Form
des „Beziehens“, die also nach dem Grundgedanken der Cartesischen
 Logik, unabhängig von jedem besonderen „Subjekt“,
zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden kann. Die
„Dimension“ bezeichnet die gedankliche Regel (modus et ratio),
gemäss der ein Objekt als messbar angesehen wird; somit fallen
unter ihren Begriff nicht nur Länge, Breite und Tiefe, sondern
auch die Schwere, als der Maassstab, nach dem das Gewicht der
Körper, die Geschwindigkeit, nach der die Grösse der Bewegung
geschätzt und bestimmt wird: — ja es sind allgemein alle Bestimmungsstücke,
 die eine Grösse eindeutig definieren und sie damit
 von allen anderen unterscheidbar machen, als „Dimensionen“
dieser Grösse zu bezeichnen. Man ersieht hieraus, dass durch
sie den Dingen selbst Nichts hinzugefügt, keine neue „Gattung
des Seins“ gesetzt wird, sondern dass sie eine reine Kategorie
des Geistes ist, mit der. wir an die Objekte herantreten, um sie
begrifflich zu bewältigen und zu beherrschen.®) In dieser Erkenntnis
 ihres Ursprungs sichern wir uns zugleich die volle
gedankliche Freiheit, mit der wir über den Begriff der „Dimension“
 schalten und ihn den Erfordernissen unseres Verstandes
 und der Eigenart des jeweiligen Problems anpassen
können. Wenngleich also sachlich die stetige und die diskrete
Grösse, die Raumgrösse und die Zahl sich wie heterogene Gebilde
gegenüberstehen; so wird doch dieser Unterschied für die Methode
 nicht prinzipiell unüberwindbar sein dürfen, da wir mit
Hilfe einer. willkürlich bestimmten Einheit das Stetige stets für
den Begriff in eine Mehrheit von Teilen auflösen und damit der
Zählung zugänglich machen können.®) Als eine solche Einheit,
als das gemeinsame Maass aller Quantitäten, die in einem bestimmten
 Problem auftreten, können wir sowohl eine extensive
D5*
        <pb n="399" />
        388

Descartes.

Strecke wählen, wie das unteilbare Element, aus dessen kontinuierlicher
 Wiederholung wir die einzelnen, endlichen Gebilde
entstanden denken. Innerhalb des Gebietes der Ausdehnung wird
dieses letzte, nicht weiter zerlegbare Element durch den Begrift
des Punktes bezeichnet, der nur den Gedanken der einfachen
räumlichen Setzung in sich schliesst. Descartes selbst beruft sich
hier auf die gewöhnliche Vorstellung und Bezeichnungsweise der
Geometer, nach der sie die Linie aus dem Punkt, die Fläche aus
der Linie durch Bewegung hervorgehen lassen:2) eine Grundanschauung,
 die bei Nikolaus Cusanus bereits zu philosophischer
 Verallgemeinerung und Vertiefung gelangt war, Aber
er begreift, dass es nicht genügt, das Verhältnis eines endlichen
Ganzen zu dem unausgedehnten „Moment“, aus dem es hervorgeht,
 nur allgemein ins Auge zu fassen und in Bildern und
Gleichnissen zu beschreiben. Was auf diese Weise erreicht
wird, ist immer nur ein Hilfsmittel zur anschaulichen Verdeutlichung,
 nicht zur exakten begrifflichen Erfassung des Verhältnisses.
 Die Analyse muss tiefer dringen: sie muss nicht
nur allgemein die Auflösung in die Teilelemente vollziehen,
sondern zugleich zeigen, wie ein bestimmtes, individuelles Gebilde
in streng eindeutiger und gesetzlicher Weise aus diesen Elementen
entsteht und sich aufbaut. Die Verschiedenheit der Gestalten
 ersetzen wir durch die Verschiedenheit der Bewegungen
 von Punkten. Wenn Ordnung und Maass als
die Grundmittel mathematischen Denkens bezeichnet waren, so
sehen wir jetzt, wie zwischen diesen beiden Faktoren selbst eine
logische Unterordnung und Abhängigkeit sich ergibt. Die geometrischen
 Gebilde werden, ehe sie der exakten Messung zugänglich
 und unterworfen gedacht werden, in „Ordnungen“ von
Punkten aufgelöst, die nach einer bestimmten Regel] auf einander
{olgen.
Dabei wird der Punkt als ein „absolutes“ Element genau
in dem Sinne gedacht, in dem die Methode diesen Begriff fixiert
und begründet hat. Er darf vom Standpunkt der Erkenntnis als
ein Letztes gelten, auf das wir alle komplexen Gestalten zurückführen;
 — aber dies hindert nicht, dass wir seine eigene Bestimmtheit
 durch eine Beziehung ausdrücken und wiedergeben.
Das „Absolute“ ist, wie wir sahen, nicht mehr der ausschliessende
        <pb n="400" />
        Der Raum als Erkenntnismittel.

8389

Gegensatz der Relationen, sondern es bezeichnet die grundlegenden
 Verhältnisbegriffe selbst. So werden wir denn auch das
räumliche Element nicht als eine schlechthin losgelöste und isolierte
 Setzung, als eine „natura solitaria“,%) betrachten, sondern
die einfache „Lage“ im Raum durch eine arithmetische Relation
zum Ausdruck bringen. Das ist allgemein die Bedingung jeder
streng methodisch geführten Untersuchung, dass in jeder ihrer
Einzelphasen das Gesuchte durch sein Verhältnis zu gewissen
gegebenen Elementen genau umschrieben und bestimmt ist.
Jede Erkenntnis, die nicht durch einen einfachen, intuitiven Akt
des Geistes zustande kommt, wird durch eine Vergleichung
zwischen zweien oder mehreren Inhalten erreicht. Damit eine
derartige Vergleichung möglich ist, müssen die unbekannten und
die bekannten Glieder insgesamt auf eine „gemeinsame Natur“
bezogen werden, um gemäss dem Verhältnis, das sie zu diesem
gemeinschaftlichen Bezugssystem haben, mittelbar auch in
ihrer gegenseitigen Abhängigkeit erkannt zu werden. Die ganze
methodische Arbeit der Vernunft besteht in der Vorbereitung
dieser entscheidenden und abschliessenden Operation. Eine Vergleichung
 im exakten Sinne ist aber nur dort möglich, wo
beide Termini, die wir betrachten, ein Mehr oder Weniger
zulassen, also unter den allgemeinen Begriff der Grösse
fallen. Und hier ist es wieder die Raumgrösse, die allein die
brauchbare Grundlage und das „Subjekt“, auf das wir uns zurückbeziehen,
 abgeben kann. Zwar mögen wir auch bei den sinnlichen
 Qualitäten von Gradabstufungen, von einem Schwächer
oder Stärker sprechen: wo immer aber wir zu genauer mathematischer
 Bestimmung und Objektivierung durchdringen wollen,
da müssen wir diese Unterschiede auf eine räumliche Skala
‘wie etwa die Differenzen der Wärmeempfindung auf ein Thermometer)
 übertragen. Die Ausdehnung bildet somit das gemeinsame
Substrat für alle Verhältnisbestimmung überhaupt; sie ist — Jetzt
dürfen wir diesen Begriff anwenden — das grundlegende Coorlinatensystem,
 auf das alle Fragen der Grössenvergleichung
zu beziehen sind.%®) Die geometrische Kurve war auf den Punkt
reduziert, der sie erzeugt; die jeweilige Lage dieses Punktes aber
wird durch seine Entfernung von zwei festen, beliebig angenommenen
 Geraden bezeichnet. Sofern die gesuchte Linie eine be-
        <pb n="401" />
        390

Descartes.

stimmte Eigenartaufweist, so mussdiese sich darin ausdrücken, dass
zwischen den beiden Grössen, die hier in Betracht kommen, beständig
 ein festes und unwandelbares Verhältnis erhalten bleibt,
das sich zahlenmässig in Form einer Gleichung ausdrücken lässt.
Die bisherigen Entwicklungen, die wir sämtlich den „Regulae
ad directionem ingenii“ entnahmen, haben uns unmittelbar bis
an die Schwelle der Cartesischen „Geometrie“ geführt; sie haben
uns nicht nur deren formale Gliederung, sondern auch ihre inhaltlichen,
 sachlichen Vorbedingungen verständlich gemacht. —
Ja, was mehr ist, wir befinden uns hier bereits in dem
logischen Zentrum, von dem aus die Grund- und Richtlinien der
Physik Descartes’. ausgehen. An keinem Punkte zeigt sich so
unmittelbar einleuchtend die Einheit der Wissenschaften und
ihr lückenloser Zusammenhang. Es gibt keine unvermittelten
Uebergänge, sondern jedes Gebiet von Fragen leitet von selbst
und unmerklich in die ihr verwandte und nächststehende Problemgruppe
 über. In der Tat: wenn ausgeführt wurde, dass
alle sinnlichen Eigenschaften für die Erkenntnis nur insoweit in
Betracht kommen, als sich in ihnen ein Mehr oder Weniger darstellt,
 wenn sich aber diese zahlenmässige Bestimmung nur mit
Rücksicht auf den Raum als möglich erwies: so heisst dies nichts
anderes, als dass alle Einzelmerkmale des empirischen Gegenstands
 sich wissenschaftlich lediglich in räumlichen Verhältnissen
 darstellen und wiedergeben lassen, Das Objekt der
Physik bietet der eingehenden und durchgeführten Analyse keine
andere Handhabe und keinen anderen Gesichtspunkt, unter dem
sie es betrachten könnte, als die Dimensionen der Länge,
Breite und Tiefe. Dies allein bedeutet es, wenn wir jetzt aussprechen,
 dass der physikalische Körper nichts anderes ist, als
der Inbegriff eben dieser Bestimmungen. Ausdrücklich betonen
die Regeln wiederum, dass es sich hierbei nicht darum handelt,
eine neue Existenz zu erdenken und einzuführen, sondern dass
damit nur der Gedanke festgehalten werden soll, dass alle Proportionen,
 welcher Art sie sein mögen und an welchem Subjekt
sie uns immer begegnen, ihr genaues Gegenbild und Correlat in
einem Verhältnis zwischen ausgedehnten Strecken besitzen
müssen.”) Die mannigfachen Beziehungen des Realen, wie unübersehbar
 sie auf den ersten Blick erscheinen. schliessen sich
        <pb n="402" />
        Der Raum als Erkenntnismittel.

391

zur Einheit zusammen, Sofern sie insgesamt eine exakte „Abbildung“
 in den Verhältnissen des Raumes zulassen. Dieser Begriff
 des Abbildens selbst hat hier eine charakteristische Verschiebung
 erfahren. Descartes stellt gelegentlich sein eigenes
Verfahren den „Vergleichen“ entgegen, die in der scholastischen
Physik herrschend sind: während diese sich zwischen verschiedenartigen
 und disparaten Gattungen bewegen, halte er stets nur
Gestalten mit anderen Gestalten, Bewegungen mit anderen Bewegungen
 zusammen und suche allgemein Elemente und Wirkungen,
die wegen ihrer Kleinheit der unmittelbaren Beobachtung unzugänglich
 sind, auf Vorgänge zu beziehen, von denen sich eine
anschauliche geometrische Konstruktion gewinnen lässt. Diese
Art der Beziehung und Vergleichung aber ist so unumgänglich
und notwendig, dass man von jeder Behauptung und Annahme,
die sich ihr prinzipiell entzieht, im Voraus urteilen dürfe, dass
sie falsch sei.2®) Die Beschreibung aller physikalischen Vorgänge
in räumlichen Relationen ist somit allerdings ein — Bild, aber
ein solches, wie es nicht die sinnliche Phantasie, sondern der
reine mathematische Verstand entwirft. Die „Analogie“ hat hier
genau denselben Sinn, in welchem der Ausdruck in der Mathematik
 genommen wird: sie ist nicht mehr und nicht weniger
als die „Proportion“,. In allen diesen Entwicklungen -— dies ist
ein Punkt von grundlegender Wichtigkeit — fungiert die Ausdehnung
 als ein Mittel der Erkenntnis, als ein Zeichen,
mit dessen Hilfe wir die Beschaffenheiten des wahrnehmbaren
Stoffes dem Geiste vorstellen. Wie der Begriff der „Mathesis universalis“
 über die Geometrie hinausgriff, so greift die Gesamtheit
unserer Bewusstseinswelt weiter, als das Raumbewusstsein; wie
aber dort alles, was von der Grösse überhaupt galt, gleichsam
auf die Ausdehnung projiziert werden musste, so sollen wir auch
hier eine analoge Umformung vornehmen, ehe wir mit der
wissenschaftlichen Behandlung beginnen. Nicht die Dinge selbst,
sondern bestimmte räumliche Symbole und „Abkürzungen“ von
ihnen, die aber ihren gesamten Gehalt in sich konzentrieren, sind
der Betrachtung zu unterbreiten: „non res ipsae sensibus externis
erunt proponendae, sed potius compendiosae illarum quaedam
 figurae“.®) Die Farbe etwa mag an sich selbst und ihrer
inneren Natur nach sein. was sie wolle: so hindert doch nichts,
        <pb n="403" />
        Descartes.

uns die Unterschiede und Abstufungen der einzelnen Farben
durch Verschiedenheiten der Gestalt darzustellen und vorzuführen:
wobei wir uns nur — wie Descartes niemals zu betonen unterlässt
 — zu hüten haben, den selbstgeschaffenen Bildungen unseres
Denkens eine neue selbständige Wesenheit unterzuschieben.%)
Nirgends bedeutet hier die Ausdehnung, wie später in der
Metaphysik, eine eigene Substanz, die sich vom Denken ablöst,
sondern ein Substrat, das wir den empirischen Naturerscheinungen
 unterbreiten, um sie messbar und damit „begreiflich“ zu
machen. In welcher inneren Uebereinstimmung Descartes sich
hier mit den wissenschaftlichen Klassikern, mit Gilbert und
Galilei, befindet, lehrt insbesondere die Erörterung des Magnetismus,
 die sich in den Regeln findet. Die meisten — so heisst
es hier — pflegen schon in den Anfängen einer physikalischen
Untersuchung sich zu verwirren, da sie nicht wissen, auf welche
Art von Gedanken sie ihren Geist richten sollen und da sie
wähnen, es gelte ein ganz unbekanntes und fremdartiges Sein
zu entdecken. Sollen sie etwa die Natur des Magneten bestimmen,
 so werden sie ihren Blick alsbald von den evidenten
und sicheren Erscheinungen ablenken und sich den schwierigsten
Fragen nach der inneren Struktur und Beschaffenheit der magnetischen
 Körper zuwenden: wobei sie sich mit der vagen Erwartung
 betrügen, im Umherirren durch das unendliche Gebiet
möglicher Ursachen vielleicht auf eine neue, zuvor unbekannte
zu treffen. Wer indes bedenkt, dass alle Erkenntnis, die
wir von diesem Gegenstand gewinnen können, sich jedenfalls aus
einfachen, an sich bekannten und zugänglichen Gründen und
Tatsachen aufbauen muss, der wird zunächst sorgsam alle
Experimente, die über den Magneten zu gewinnen sind, zusammenstellen
 und sodann, durch Analyse und Deduktion, zu
erforschen suchen, welche Verbindung „einfacher Naturen“ die
gegebenen Erscheinungen und Wirkungen hervorzubringen imstande
 ist. „Ist dies geschehen, so wird er getrost behaupten
dürfen, die wahre Natur des Magneten erfasst zu haben, soweit
dies wenigstens für die menschliche Erkenntnis und mit den
Daten, die die Erfahruug in ihrem gegenwärtigen Stande uns
darbietet, möglich ist‘“.%) Man kann das neue Ideal des Begreifens
 der Phänomene. das Galilei verwirklicht hat. nicht
        <pb n="404" />
        Der Raum als „eingeborene Idee“.

393

schärfer kennzeichnen und es nicht strenger von dem scholastischen
Verlangen nach Ergründung der Wesenheiten der Dinge abscheiden.
als Descartes es in diesen Sätzen getan hat. —
Und diese Tendenz bleiht keineswegs auf die Methodenlehre
beschränkt, sondern sie wirkt bis in die Metaphysik fort, ja sie
ist selbst in ihren entlegensten Folgerungen nicht gänzlich aufgehoben.
 Die Ausdehnung ist, in der Sprache dieser Metaphysik,
 eine „eingeborene Idee“: ein Inhalt, der nicht von aussen
her in den Geist übertragen wird, sondern ihm aus seiner eigenen
Tätigkeit, die nur der Anregung durch den äusseren Eindruck
bedarf, selbständig erwächst. Denn die Bew egungen, die von
aussen her unsere Sinnesorgane treffen, haben sämtlich eine fest
begrenzte, individuelle und besondere Natur: aus ihnen können
also ebensowenig die universalen logischen und wissenschaftlichen
Grundsätze, wie die reinen, mathematischen Begriffe entspringen,
wenn wir dem Denken nicht eine ursprüngliche Fähigkeit zusprechen,
 das Mannigfache und Getrennte zu einer Einheit zusammenzufassen,
 wenn wir, mit anderen Worten, die allgemeinen
Gedanken von Ausdehnung, Gestalt und Bewegung nicht als Norm
ınd Maassstab des Sinnlichen vorangehen lassen.®) Und so darf
es Descartes aussprechen, dass die Körperwelt selbst, in strenger
und eigentlicher Bedeutung, nicht durch die Sinne und die Einbildungskraft,
 sondern durch den reinen Verstand erkannt
wird.®) Wir tragen „in uns selbst die reinen Grundbegriffe, die
als die Originale anzusehen sind, nach deren Muster wir all
unsere anderen Erkenntnisse bilden.“ Solcher Grundbegriffe gibt
2s verschiedene, je nach den verschiedenen Klassen und Problemen,
 die Gegenstand unser Forschung werden können: während
 die einen, wie das Sein, die Zahl und die Dauer für alle
Inhalte gleichmässig gelten, beziehen sich die anderen, wie Raum,
Figur und Bewegung speziell auf den Körper, wieder andere,
wie die Idee des Denkens, allein auf die Seele.%) Wir können
von diesem letzteren Zusammenhange zunächst absehen, um allein
die Prinzipien zu betrachten, die zum Aufbau des physikaiischen
 Seins gebraucht werden. Wir erkennen alsdann, dass
derjenige Begriff der Natur, den die wissenschaftliche Forschung
zu Grunde legt, erst dadurch entsteht, dass wir mit unseren
reinen logischen und mathematischen Idealbegriffen dem empi-
        <pb n="405" />
        36
+

Descartes.

risch gegebenen Wahrnehmungsmaterial gegenübertreten und es
nach ihnen umformen: ein Grundgedanke, der zuerst von Nikolaus
 Cusanus in seinem Begriff der „Assimilation“ ausgesprochen
war und der uns seit ihm in immer reinerer Entwicklung begleitet.
 —
Die Frage, welcher Art das absolute Sein der Materie, des
Naturobjekts ist, kann uns jetzt nicht mehr beschäftigen und beirren.
 Der Gegenstand der Naturerkenntnis besteht, von dem
Standpunkt aus, den wir durch die bisherigen Entwicklungen
erreicht haben — und einen anderen. dürfen wir nach den Forderungen
 der Methode nicht kennen — allein in Verhältnissen und
Funktionen, die wir durch Proportionen zwischen Strecken
anschaulich darzustellen haben. Der Frage, was er darüber hinaus
noch sein möge, musste die Wissenschaft sich geflissentlich entziehen,
 um nur überhaupt einen sichern Anfang und Ausgangspunkt
ihrer Forschung finden zu können. Man kann sagen, dass Keplers
aesthetisch- wissenschaftliche Tendenz der Auflösung des Weltbegriffs
 in den Harmoniebegriff hier ihre erste, allgemeine
Begründung und philosophische Aufklärung gefunden hat. Wenn
weiterhin die Ausdehnung von Descartes als Substanz bezeichnet
 wird, so braucht auch hierin zunächst keinerlei Abweichung
von dem bisher eingehaltenen Wege gefunden zu werden. Da die
Erkenntnis kein anderes Material, als Raumgrössen und ihre Verhältnisse
 kennt, so ist auch das Sein des Objekts in ihnen hinlänglich
 bestimmt: sind doch Wahrheit und Sein Wechselbegriffe
‘Ja verite etant une meme chose avec Vlötre).3) Dieser Sinn der
‚Substantialität“ der Ausdehnung wird von Descartes besonders
 den sensualistischen Einwänden Gassendis gegenüber geltend
gemacht. Wenn ihm hier entgegengehalten wird, dass sein Begriff
des Raumes ein bloss mathematisches Gedankending sei und dass
es daher eine falsche Hypostasierung bedeute, ihn unmittelbar
in die Natur hineinzutragen, so gilt ihm dies als der „Einwand
aller Einwände“. „Denn wenn wir auf ihn hören, so müssen wir
folgerichtig alles, was wir wahrhaft verstehen und begreifen, aus
keinem andern Grunde, als weil es ein Werk unserer Einsicht
und unseres Verstandes ist, für die Darstellung der Wirklichkeit
 verwerfen. Jeder Weg zum Sein wäre somit verschlossen;
es sei denn, dass wir an Stelle des klaren und deutlichen Begrifts
        <pb n="406" />
        Die Anfänge der Physik.

395

die Willkür der Phantasie oder die widerspruchsvolle und
verworrene Empfindung zum Führer wählen wollten.“ Wer einen
Gegensatz zwischen Mathematik und Natur anerkennt, der verzichtet
 damit auf jeden Maassstab und jede Möglichkeit des Vernunfturteils.
 Unsere exakten Begriffe und Grundsätze mögen
vielleicht nicht die Norm des absoluten Seins darstellen; in jedem
Falle aber müssen sie, was für die Erkenntnis auf dasselbe
hinausläuft, das bindende Kriterium aller unserer Urteile über
Existenz bleiben. Denn was ist absurder und unüberlegter, als
iber Dinge urteilen zu wollen, von denen wir selbst zugestehen,
dass sie sich der „Perception‘“ unseres Geistes entziehen? Die
Philosophie und die Wissenschaft begreift den Unterschied nicht,
den eine falsche Metaphvsik ihr an diesem Punkte unterzuschieben
sucht. Ihr „Sein“ — das einzige, nach dem sie strebt — ist ihr
mit ihrer Wahrheit identisch: „a nosse ad esse valet consequentia.38)

Die Ausführung der speziellen Physik schliesst sich überall
 eng dem Grundschema an, das durch die Methodenlehre vorgezeichnet
 ist. Bei jeder Gattung von Fragen, die uns entgegentritt,
 handelt es sich zunächst darum, sie einer gedanklichen Umwandlung
 zu unterziehen, durch die diejenigen Momente, die
der Forderung exakter Erkenntnis genügen, an ihnen herausgehoben
 werden. Vor allem müssen wir uns beständig das Postu-‘at
 vor Augen halten, kein Element zu dulden und in der Untersuchung
 zuzulassen, dessen Inhalt sich nicht rein durch ein
‚Mehr“ oder „Weniger“, durch eine exakte Grössenbeziehung zum
Ausdruck bringen lässt. Die Fruchtbarkeit dieses Gedankens
arweist sich zunächst an den Problemen der Statik. Wenn zur
Zeit Descartes’ die verschiedenen „Maschinen“, wie der Hebel,
lie schiefe Ebene, der Flaschenzug, noch zumeist als gesonderte
Probleme und mit speziellen Darlegungen und Beweisen erörtert
wurden, so ergreift Descartes sogleich die philosophische Seite
der Frage, indem er einen gemeinsamen Oberbegriff verlangt,
aus dem all ihre Leistungen verständlich und ableitbar werden.
Er fixiert ihn im Begriff der „Arbeit“ und im virtuellen Prinzip,
das er als einer der Ersten in voller Schärfe und Allgemeinheit
        <pb n="407" />
        296

Descartes.

formuliert. „Die Erfindung sämtlicher Maschinen beruht auf
dem einzigen Prinzip, dass dieselbe Kraft, die ein Gewicht von
100 Pfund auf eine Höhe von zwei Fuss zu erheben vermag,
imstande ist, ein Gewicht von 200 Pfund auf die Höhe von
1 Fuss zu erheben. Dieser Grundsatz aber muss zugestanden
werden, wenn man nur erwägt, dass zwischen einem Vermögen
 (actio) und der Leistung, die es zu vollziehen vermag,
 stets notwendig ein festes und eindeutiges Grössenverhältnis
 bestehen muss: und dass es dieselbe Leistung ist,
zunächst 100 Pfund einen Fuss hoch zu heben und dies sodann
nochmals zu wiederholen, wie mit einem Male zweihundert Pfund
um 1 Fuss oder 100 um 2 Fuss zu erheben“.%) Man sicht, wie
hier die Vorschrift, komplexe Vorgänge zunächst in ihre einfachen
 Teilkomponenten zu zerlegen, um sie dadurch exakt
vergleichbar und auf ein einheitliches Maass beziehbar zu
machen, sich bewährt. Der Arbeitsbegriff ist ein reines und
eigentümliches Erzeugnis der „universalen Mathematik“. Ausdrücklich
 stellt Descartes ihn der populären Ansicht gegenüber,
nach der wir unter der „Kraft“ eines beseelten Wesens einen
unbestimmten Vorrat, ein quantitativ nicht fixiertes Vermögen,
neue Wirkungen hervorzubringen verstehen.®) Genauer bestimmt
wird die neue Grundanschauung beim Vehbergang zu den
dynamischen Problemen. Hier ist es zunächst, wie bei Galilei,
der freie Fall der Körper, der geschichtlich an der Spitze der
Untersuchung steht. Sobald Descartes — durch eine Frage
Beeckmanns angeregt — dem Problem seine Aufmerksamkeit
zuwendet, geht er davon aus, ihm eine geometrische Darstellung
 zu geben, indem er die einzelnen Geschwindigkeiten, die
in jedem Momente neu erworben werden, durch gerade Linien
repräsentiert und deren Summierung gemäss einem Verfahren,
das an Cavalieris weit spätere Methode der Indivisibilien erinnert,
 durchzuführen sucht. Wieder zeigt sich hier der Wert
der Ausdehnung als eines symbolischen Hilfsmittels zur
Wiedergabe der Verhältnisse des physisch Realen — und es vermindert
 den allgemeinen theoretischen Wert des Gedankens
nicht, dass Descartes, infolge eines eigentümlichen mathematischen
 Irrtums, den er begeht, an diesem Punkte nicht zur tatsächlichen
 Lösung seiner Aufgabe durchdringt.®) Die geome-
        <pb n="408" />
        Statik und Dynamik.

397

irische Auffassung und Repräsentation der Geschwindigkeit enthält
 weiterhin unmittelbar den Gedanken der durchgängigen
Relativität der Bewegung in sich; denn da uns die Bewegung
keine innere, absolute Eigenschaft eines Körpers mehr darstellt,
da wir an ihr nichts anderes, als den Stellenwechsel im Raume
betrachten, so ergibt sich, dass sie ohne Angabe eines festen
Bezugssystems jeglichen Inhalt verliert. Hierbei ist es, wenn wir
nur die Lageänderung zweier Körper gegeneinander betrachten,
offenbar völlig gleichgültig, welchen der beiden wir als feststehend,
welchen als bewegt betrachten, oder wie wir allgemein die relative
 Geschwindigkeit zwischen ihnen verteilen wollen. Das
Verhältnis ist durchaus wechselseitig und‘ rein umkehrbar, es
kann nicht ohne Widerspruch einem einzelnen der beiden Subjekte
 ausschliesslich anhaftend gedacht werden. „Ruhend“ und
‚fest“ ist also jedes Element, dem wir in unserem Denken
liese Bezeichnung und diesen Wert zusprechen: nicht der äussere
Zwang der Sache, sondern die Setzung des Gedankens enthält die
Entscheidung darüber. Wie mit dieser Grundanschauung systematisch
 zugleich der Gedanke der Zusammensetzung der Bewegung
 und des Kräfteparallelogramms gegeben ist, haben wir
früher verfolgen können. (S. ob. S. 333.) Allgemein hat für
Descartes die Einsicht in den bedingten und relativen Charakter
jeder räumlichen Setzung unmittelbar philosophische Bedeutung
und Rückwirkung gehabt. Sie hat ihn vor der gefährlichsten
Form der Verdinglichung desRaumes, vor seiner Hypostasierung
zu einer geistigen, immateriellen Wirklichkeit bewahrt. In dieser
Hinsicht ist besonders sein Streit mit Henry More, dem metaphysischen
 Vorläufer der Newtonischen Theorie des „absoluten
Raumes“, bezeichnend und bedeutsam.) Wir sahen bereits, wie
die Naturphilosophie, wo sie versuchte, die Reinheit und
Unabhängigkeit der mathematischen Wahrheiten festzuhalten,
 sich dazu gedrängt sah, ihnen in der Annahme eines
unkörperlichen Raumes einen festen existentiellen Halt und ein
dingliches Gegenbild zu geben. (S.ob.S.230f.) Der gleiche Gedanke
wird von Descartes’ Zeitgenossen Roberval erneuert, von ihm
aber ausdrücklich verworfen und zurückgewiesen.4) Und wir
erkennen in dieser Abwehr seine allgemeine Grundüberzeugung
wieder: die Sicherheit der Mathematik ist nicht auf das Dasein
        <pb n="409" />
        398

Descartes,

des „Leeren“ zu gründen, sondern umgekehrt muss alles Dasein
und alle physikalische Wirklichkeit von Anfang an so gefasst
und bestimmt werden, dass sie den Bedingungen der reinen
Geometrie genügt.
Schärfer noch als in der Begriffsbestimmung des Seins
kommt dieser Gedanke in der Analyse des Wirkens zum Durchbruch.
 Der Abstand,.der Descartes von der naiven Anschauung
und der unmittelbaren phantasievollen Erfassung der Wirklichkeit
 trennt, tritt hier mit voller Deutlichkeit hervor. Wenn
für diese, wie wir geschichtlich im Einzelnen verfolgen konnten,
das kausale Geschehen nur unter der Voraussetzung durchgehender
 Belebung der Dinge seinen Sinn erhielt, so wird hier
umgekehrt das Leben nur als ein Sonderfall der mathematischmechanischen
 Gesetze gedacht; wenn ‚dort das All, um uns
innerlich verständlich zu werden, mit Empfindung begabt werden
musste, so muss hier, zum gleichen Zwecke, die Empfindung
überall ausgeschaltet und selbst den Tieren abgesprochen werden.
Die Umformung der gesamten Denkart lässt sich nicht schärfer
kennzeichnen, als wenn man in dieser Hinsicht etwa Descartes
und Giordano Bruno vergleicht. Das materiale Weltbild beider
weist noch mancherlei äussere Aehnlichkeit auf. Bei beiden
wird die Einwirkung eines Einzelteils auf einen andern durch das
Dasein eines stetigen „Weltäthers“ vermittelt, geht somit alle
physikalische, wie chemische Veränderung im letzten Sinne
auf die Berührung und den Stoss unmittelbar benachbarter
materieller Teile zurück. Aber es sind völlig neue Motive, die
jetzt diese Gesamtansicht stützen und begründen müssen. ‘Jeder
Anthropomorphismus ist ausgeschaltet; was wir suchen, ist nicht
der Einblick in das innere Geschehen und gleichsam seine sinnliche
 Nachempfindung, sondern lediglich das Gesetz, das den
Uebergang von der Ursache zur Wirkung regelt. Wie wir in der Geometrie
 die Mannigfaltigkeit der Gestalten dadurch zur Bestimmung
brachten, dass wir sie auf ein festes Koordinatensystem bezogen,
SO erschaffen wir uns hier zunächst eine gleiche systematische
Grundeinheit für die Veränderung, indem wir bei allem Wechsel
eine bestimmte „Quantität der Bewegung“ als gleichbleibend erhalten
 denken. Ist diese mathematische Identität als erste
Voraussetzung festgestellt, so durchschauen wir damit bereits
        <pb n="410" />
        Die Erhaltung der Bewegungsmenge. 399

völlig den logischen Mechanismus der Ursächlichkeit: denn was
sich uns jetzt darbietet, ist nur die Tatsache, dass eine bestimmte
Geschwindigkeit an der einen Masse verschwindet, um an einer
andern wieder zum Vorschein zu kommen, dass also die Grundmenge
 der „Bewegung“ eine neue Verteilung erhält. Die Unterschiede
 der Massen aber lassen sich für die wissenschaftliche
Betrachtung rein durch die Verschiedenheit von Zahlen, die
der Geschwindigkeit durch die Grösse und Richtung von
Raumstrecken zum Ausdruck bringen: die Analyse hat somit in
dem Begriff der „Ursache“ zuletzt keine anderen Bestandstücke,
als die Elemente der Arithmetik und Geometrie zurückgelassen., 42)
Wie diese Grundanschauung bis in die konkretesten Fragen der
Physik weitergewirkt hat, wie sie sich fortschreitend die Biologie
und insbesondere die Physiologie erobert hat, ist bekannt und
bedarf keiner näheren Ausführung.
Erinnern wir uns jetzt der Eingangssätze der „Regeln“, dass
der Intellekt eine unteilbare Einheit sei und von der Mannigfaltigkeit
 der Probleme, denen er sich zuwendet, so wenig eine
innere Veränderung erfahre, wie das Licht der Sonne von
den Gegenständen, die es erleuchtet: so sehen wir, wie sie inzwischen
 Gestalt und Körper gewonnen haben. „Jetzt tragen die
Wissenschaften Larven — so schrieb der dreiundzwanzigjährige
Descartes in sein Tagebuch — und erst, wenn man diese entfernt,
würden sie in ihrer vollen Schönheit vor uns erscheinen. Wer
die Kette der Wissenschaften überschaut, dem wird es nicht
schwerer scheinen, sie insgesamt im Geiste zu beherrschen, als
die Reihe der Zahlen zu behalten“.4%) Die gesamte philosophische
 Entwicklung Descartes’ ist der Erfüllung dieses
Wortes gewidmet. Die Maske, die uns das wahre Wesen der
Wissenschaften verdeckt, ist das besondere Objekt, dem sie
sich hingeben: die Kunst der Methode besteht darin, durch sie
hindurch den gemeinsamen Grundcharakter des Wissens
wiederzuentdecken. Die einheitliche Funktion des Erkennens
ist es, die jedes Wissen erst zum Wissen macht. Wie alle Zahlen
aus einer einzigen, genau bestimmten Operation des Zählens
hervorgehen, so sind alle besonderen Erkenntnisse aus der
„Methode“ zu gewinnen; wie hier der Weg ins Unbegrenzte führt,
die Richtung des Fortschritts aber genau und unzweideutig
        <pb n="411" />
        Descartes.

vorgezeichnet ist, so sollen wir uns der unendlichen Fülle der
Erfahrung nicht verschliessen, aber sie mit einem festen und
zuvor bestimmten Plane und Entwurf des Gedankens zu beherrschen
 trachten.

Hier stehen wir vor einem neuen Problem: welcher Wert
kommt der Erfahrung zu und welche Bedeutung kann sie für
das Ganze der Methode in Anspruch nehmen? —
Von der Beantwortung dieser Frage hängt das geschichtliche
 und sachliche Urteil über Descartes’ Wissenschaftstheorie
ab. Wenn diese Theorie sich nicht für die empirischen Probleme
bewährt, wenn sie keinen Ansatzpunkt und keine Handhabe
bietet, vermöge deren sie zu den Tatsachen der Beobachtung
in Beziehung gesetzt werden kann, so bleibt sie ein spekulatives
Luftschloss, so ist sie im günstigsten Falle eine rein ideelle Form
ohne sachlichen Gehalt und Anwendung. War es doch die
Mannigfaltigkeit und Besonderheit der Dinge, von der Descartes
 zwar nicht mehr ausgehen wollte, auf die aber doch alle
Erkenntnis schliesslich wieder hinlenken und abzielen sollte.
In der Tat stellt daher der allgemeine Grundplan der Regeln
neben die Logik der Mathematik eine eigene Logik der Erfahrung,
 neben die „vollkommen bestimmten“ mathematischphysikalischen
 Probleme eine Reihe anderer Fragen, zu deren
Lösung wir auf das Experiment und seine Entscheidung zurückgreifen
 müssen.4) Der dritte Teil des Werkes, der diesen
Gedanken zur Ausführung bringen sollte, ist indes von Descartes
 nicht mehr geschrieben worden; das Fragment bricht gerade
 an diesem wichtigen Punkte ab. Es mögen innere Gründe
sSewesen sein, die Descartes an der Fortführung der Schrift gehindert
 haben. Seine Geometrie stand ihm, als er die „Regeln“
schrieb, zum mindesten in ihren wesentlichen Grundzügen
klar vor Augen: seine Physik indes war lediglich ein Entwurf,
der noch der Ausführung harrte. Erst im Jahre 1629 wendet
cr sich — angeregt durch eine Frage über das Phänomen der
„Nebensonnen“ — der Beobachtung physikalischer Erscheinungen
zu, die er alsbald über alle Hauptgebiete des Naturgeschehens
        <pb n="412" />
        Das Problem der Erfahrung.

401

gleichmässig ausdehnt, bis er in seinem Werke „Le monde“ zu
ainer durchgreifenden und allumfassenden mechanischen Erklä-"ung
 des Kosmos fortschreitet. 45) Die Schriften, die sich aus
diesem Grundwerk allmählich entwickeln und abzweigen -— insbesondere
 die „Dioptrik“ und die „Meteore“ — geben ihm sodann
Gelegenheit, seine Erfahrungstheorie an einem konkreten Beispiel
darzustellen und zu bewähren; sie mochten es überflüssig erscheinen
 lassen, den Faden der abstrakten Untersuchung dort, wo er
in den „Regeln“ fallen gelassen worden war, von neuem aufzunchmen.
 So müssen denn diese Schriften genügen, um einc Anschauung
 der besonderen physikalischen Methodenlehre Descartes’
zu vermitteln; hält man sie mit den Andeutungen zusammen,
die der erste ausgeführte Teil der Regeln enthält, so sieht man
in der Tat, wie beides sich wechselseitig bestätigt und ergänzt. —
Intuition und Deduktion sind die Grundmittel des Geistes,
die der Beginn des Werkes als die ersten und unumgänglichen
Erfordernisse jedes echten Wissens hinstellt. Alle anderen Wege
müssen uns als verdächtig und trügerisch gelten; wo wir nicht
lie gleiche und unbedingie Evidenz, wie gegenüber den Objekten
der reinen Mathematik erlangen können, da sollen wir lieber von
aller weiteren Forschung ablassen, als uns der Gefahr aussetzen,
beständig in die Irre zu gehen. Denn besser ist es, überhaupt
auf die Ermitllung der Wahrheit verzichten, als ohne sichere
Melhode zu ihr gelangen zu wollen: wird doch der Geist, der im
Dunkeln zu wandeln gewohnt ist, nicht geübt, sondern geschwächt
and verwirrt, bis er die Sehkralt der Vernunft und des „nalürlichen
 Lichts“ gänzlich einbüsst. Wir dürfen somit unser Auge
auf keinen Gegenstand heften, der nicht unmittelbar von diesem
Quell aller Erkenntnis erleuchtet, der nicht durch nolwendige
rationale Vermitllung aus den ersten evidenten Grundlagen eingeschen
 werden kann. Alles Wissen muss von dem Einfachen
zum Zusammengesetzten, von den Ursachen zu den Wirkungen
[ortschreiten.%) Die Erfahrung vermag uns über die Natur
eines verwickelten und komplexen Vorganges niemals vollständig
aufzuklären; ist doch die Antwort, die sie zu erteilen vermag,
selbst mehrdeutig und bedarf erst der Erläuterung und der Interbretation
 durch den reinen Begriff.
Und dennoch ist es nicht das alte scholastische Ideal

6
        <pb n="413" />
        .*)
a

Descartes,

des „apriorischen‘“ Wissens, das Descartes der sinnlichen Beobachtung
 entgegenhält. Wir sahen bereits am Beispiel des Magneten,
 wie hier alle Forschung allein auf die Deutung und Ableitung
 der Phänomene hingewiesen wurde. Die Wahrheit
der Erscheinung ist es, die es allein zu bestimmen gilt; die Erklärung
 „aus den Ursachen“ ist nichts anderes, als die Deduktion
aus einem universellen Gesetz. Wer sich mit der Hoffnung trägt,
darüber hinaus in das „Innere“ des Geschehens vorzudringen, der
muss entweder darauf vertrauen, dereinst mit einem neuen Sinn
begabt zu werden oder einer göttlichen Erleuchtung und Offenbarung
 harren. „Was dem menschlichen Geist zu leisten vergönnt
 ist, das werden wir für erreicht halten, wenn wir eine
Vereinigung bekannter Elemente und Naturen auffinden und
distinkt erkennen, die aus sich heraus imstande ist, dieselben
Wirkungen hervorzubringen, die uns am Magneten erscheinen“.17)
 Der Gedanke, der hier allgemein ausgesprochen wird.
findet in der „Dioptrik“ seine eingehende und genaue Bewährung.
Was das Licht ist, — ob es in Wirklichkeit nur in der Bewegung
 besteht oder nicht: das brauchen wir nicht zu fragen;
genug, dass diese Annahme hinreicht, alle seine tatsächlichen Eigenschaften
 und alle seine durch Beobachtung feststellbaren Merkmale
 vollständig abzuleiten.) Wir schen, wie das Verhältnis
zwischen Erfahrung und Denken sich schon hier näher bestimmt
und geklärt hat. Die Erfahrung ist als Kontrolle jeder wissenschaftlichen
 Annahme anerkannt. Die „Regeln“ verspotten die
Meinung jener „Philosophen“, die das Experiment beiseite setzen
und wähnen, die Wahrheit werde ohne Vermittlung aus dem
eigenen Hirn, wie Minerva aus dem Haupte des Jupiter, entspringen.)
 Es ist vergebens, bei der Feststellung der wahren
Naturursachen der Beobachtung entraten zu wollen; aber freilich
 handelt es sich auch jetzt nicht darum, das Ergebnis aus
dem sinnlichen Material einfach herüberzunehmen und abzulesen.
Unsere Forschung muss darauf gerichtet sein, aus einfachen Komponenten,
 die wir selber zusammenfügen, aus Bedingungen,
die wir erschaffen, deduktiv ein Ergebnis abzuleiten, das den Erscheinungen
 durchgehend entspricht. Wir nehmen nicht wahllos
 jede Tatsache hin, die die Beobachtung uns darbietet, sondern
wir versuchen die Synthesen der Natur in der Synthese einfacher
        <pb n="414" />
        Die gedanklichen Voraussetzungen der Induktion. 403

gedanklicher Elemente vorwegzunehmen; wobei allerdings erst
die Uebereinstimmung mit den Phänomenen uns der Wahrheit
einer bestimmten Annahme versichern kann. Die „Erfahrung“
wird an dieser Stelle selbst zu einer Bewährung und Bekundung
der Aktivität des Geistes: die Analyse erst ist es, die ihr den
Weg weist. Mit voller Klarheit tritt dieser Gedanke in der bekannten
 methodischen Untersuchung hervor, die Descartes an
einer Grundfrage seiner Optik durchführt. Wenn die Aufgabe
gestellt ist, das Verhältnis zwischen Einfallswinkel und Brechungswinkel
 allgemein zu ermitteln: so wird hier weder das
„Aapriorische“ Verfahren der Schulphilosophie, noch auch die unmittelbare
 Erfahrung zum Ziele führen können. Denn wir wissen
zunächst nicht, unter welchem bestimmten Gesichtspunkt wir den
komplexen Fall betrachten, welches Einzelmoment die Beobachlung
 herausgreifen und untersuchen soll. Somit gilt es zunächst,
eine einfache Bedingung festzustellen, von der das gesuchte Verhältnis
 abhängig sein kann; es gilt den besonderen Umstand, der
die Brechung zur Folge hat, hypothetisch zu fixieren. Hier
werden wir alsbald, als auf den einzigen Unterscheidungsgrund,
auf die verschiedene Dichtigkeit der Medien geführt. Wie
wir uns ferner die Aenderung zu erklären haben, die die Geschwindigkeit
 eines Lichtstrahls beim Uebergang zu einem dichteren
 Medium erleidet, das hängt von der Vorstellung ab, die wir
uns von der Natur des Lichtes selbst machen: eine Vorstellung,
die ihrerseits wieder durch unsere Anschauung von der Wirksamkeit
 einer Naturkraft überhaupt bedingt ist. So löst sich
uns die scheinbar einheitliche Frage forischreitend in ein Gewebe
mannigfach verschlungener Einzelläden auf. Erst wenn wir jeden
von ihnen einzeln herausgesondert und betrachtet, erst wenn wir
somit volle Einsicht in die innere logische Struktur des Problems
 gewonnen haben, können wir an die Erfahrung heran-Lrelen,
 um sie zu befragen, Denn nur von völlig „einfachen“ und
„absoluten“ Verhältnissen, die keinen uns prinzipiell fremden
Nebenumstand mehr in sich enthalten und bergen können, ist
eine sichere und eindeutige Erfahrung möglich.‘0) Die gedankliche
 Zerfällung in die Teilbedingungen entscheidet darüber, an
welchem Punkte der Untersuchung das Experiment mit Recht
und mit Erfolg einsetzen kann. So geht Descarles — um nur

Hi
        <pb n="415" />
        Descartes.

noch ein charakteristisches Beispiel herauszuheben — bei der
Erklärung des Regenbogens in den „Meteoren“ davon aus, dass
Jie Bedingungen dieses Phänomens nicht nur am Himmel, sondern
 überall dort gegeben sind, wo wir, wie bei den Springbrunnen,
 ein Zusammenwirken von Lichtstrahlen und Wassertropfen
 beobachten können. Indem er ferner erwägt, dass diese
Tropfen rund sind und dass ihre absolute Grösse für die Erscheinung
 selbst nicht in Betracht kommt, wird er dahin geführt,
seine Beobachtung nicht unmittelbar auf den Regenbogon selbst
zu lenken, sondern sich zuvor ein Modell] zu erschaffen, an dem
er alle Bedingungen und Einzelphasen des Problems‘ studiert:
indem er nämlich eine völlig durchsichtige Glaskugel mit Wasser
füllt und an ihr die Erscheinungen des durchgehenden Lichtsirahls
 beobachtet. Die Ergebnisse, die hier gewonnen werden,
werden sodann auf den wirklichen Vorfall übertragen: eine neue
Anwendung des „analogischen“ Verfahrens, dessen Wirksamkeit
wir allgemein in der begrifflichen Grundlegung der Physik verfolgen
 konnten.5!) In der Tat setzt jede echte wissenschaftliche
Induktion ein derartiges „Modell“ und gleichsam ein vorangehendes
 Gedankenexperiment voraus. Allerdings kann hierbei der
Fall eintreten, dass alle Mittel der Analyse und der Beobachtung
versagen, dass die Frage Iür uns, mit den gegebenen gegenwärtigen
 Mitteln der Forschung, nicht zu lösen ist. Aber auch diese
Einsicht wird uns alsdann nicht mehr lediglich ein Zeichen der
Ohnmacht des Geistes sein, sondern zugleich ein Zeichen seiner
ursprünglichen Kraft, da er die Gründe, die den weiteren Fortschritt
 hemmen, nunmehr völljg durchschauen, sich selber also
die Schranke seizen wird. Das Bewusstsein der Begrenzung
unseres Verstandes ist in nicht geringerem Maasse Wissenschaft,
 als eine Erkenninis, die uns das positive Sein der Dinge
erschliesst.52) —
Neben die beiden ursprünglichen Methoden der Intuition
und Deduktion, die nach den anfänglichen Festsetzungen das
Ganze des Wissens begrenzen und in sich schliessen sollen, Aritt
im Fortschritt der „Regeln“ ein drities Verfahren, das Descartes
als „Enumeration“ oder „Induktion“ bezeichnet. Ueberall
dort, wo zwischen zwei Gliedern, deren Beziehung wir suchen,
ein deduktiver Zusammenhang nicht unmittelbar einzusehen ist.
        <pb n="416" />
        Induktion und Enumeration,

405

gilt es zunächst den Umfang des einen Begriffs durch eine vollständige
 Einteilung in seine Unterarten auszumessen und zu erschöpfen.
 Will man etwa beweisen, dass die „vernünftige Seele“
nicht körperlich ist, so wird es genügen, die Körper in bestimmte
Klassen einzuteilen und von jeder dieser Klassen einzeln den verlangten
 Beweis zu führen; will man zeigen, dass der Inhalt des
Kreises ein Maximum unter allen Figuren mit gleichem Umfang
ist, so wird man nicht alle Einzelfälle und alle möglichen verschiedenen
 Gestalten gesondert zu betrachten brauchen, sondern
sich mit bestimmten Hauptfällen begnügen und das Ergebnis sodann
 durch „Induktion“ verallgemeinern.5) In diesem Beispiel
ıst das neue Verfahren auf ein Gebiet bezogen, das an und für
sich als das Muster rein deduktiver Zusammenhänge gilt. In
der Tat ist die „Enumeration‘“ nichts anderes, als ein Vorstadium
der Deduktion; als ein Mittel, Probleme, die zunächst nicht in
ihrer notwendigen Verknüpfung erkannt sind, der deduktiven
Behandlung zuzuführen und zugänglich zu machen.*) Nicht
darauf kommt es an, alle Arten eines Begriffs zu durchlaufen.
sondern die typischen Fälle herauszugreifen,'d. h. alle diejenigen,
 von denen wir gewiss sind, dass sie die entscheidenden, für
las Ergebnis wahrhaft bestimmenden Momente in sich enthalten.
Die Entscheidung darüber, welche Fälle als tiypisch zu gelten
haben aber kommt, wie wir sahen, der vorangehenden gedanklichen
 Analyse zu. Daher hängt auch der Erkenntniswert,
len wir einem bestimmten Experiment znsprechen, nicht sowohl
Javon ab, wie häufig wir es mit gleichem Erfolg wiederholen
konnten, sondern davon, ob wir sicher sind, in ihm alle fremden
Nebenumstände ausgeschaltet und nur die wesentlichen Grundbelingungen
 erfasst und selbständig herausgestellt zu haben. So
durchdringen sich in der echten „Erfahrung“ der deduktive und
induktive Faktor wechselseitig: beide bilden nur verschiedene
Seiten der an sich einheitlichen „Methode*.
Allgemein baut der Gedanke, ehe er an das Einzelne herantritt,
 sich zuvor eine „mögliche Welt“ auf, die er aus den
reinen Materialien der Mathematik erzeugt. Von der bestimmten
konkreten Wirklichkeit wird anfangs abgesehen, um nur auf
diejenigen allgemeinen Gesetze zu achten, die aus den eingeborenen
(deen unseres Geistes fliessen und denen wir notwendig so uni-
        <pb n="417" />
        Le

DeSCArtES.

verselle Geltung zusprechen, dass wir erwarten müssen, sic „In
jeder Welt, die Gott nur immer schaffen könnte“, bewahrheitet
zu finden. Das Prinzip der Erhaltung der Bewegungsquantilät,
der Grundsatz der Beharrung der Geschwindigkeit nach Grösse
und Richtung sind von dieser Art. Um sich der ganzen Bedeutung
 dieser Sätze zu versichern, gilt es „für kurze Zeit die
uns umgebende, unmittelbare Wirklichkeit zu verlassen“ und eine
andere zu betrachten, die wir vor unserem Geiste fortschreitend
entstehen lassen. Nicht als ob damit die Art wiedergegeben
werden sollte, in der die Dinge tatsächlich erschaffen worden
sind: genug, dass es für unseren Intellekt kein besseres Mittel
gibt, sie zu begreifen und zu beherrschen.®) Freilich haben wir,
so evident und notwendig alle Folgerungen sind, die wir auf
diese Weise gewinnen, keine Gewähr dafür, dass ihnen in den
wirklichen Erscheinungen irgend eine Anwendung entspricht;
dass die Bedingungen, die wir hypothetisch zu Grunde gelegt
haben, sich hier jemals tatsächlich zusammenfinden und damit
den vorausgesagten Erfolg bestimmen. Wollen wir dessen versichert
 sein, so gilt es, sich von der ideellen Welt des Begriffs,
die wir bisher vor uns erstehen liessen, wieder zum empirischen
 Dasein zu wenden, um in ihm eine Anknüplung zu
suchen. Die Wahrnehmung gehört zwar nicht zu den „Gründen“
der Physik, aber sie formuliert doch die letzte Aufgabe, die
der Wirklichkeitserkenntnis gestellt ist, und vollzicht die Auswahl
 unter der Fülle der an sich gleich möglichen und „wahren“
deduktiven Schlussreihen. Der theoretische Teil der Physik
muss — wie Descartes vor allem am Beispiel der Astronomie
dartut — durch eine „Geschichte der Phänomene“, durch eine
rein deskriptive Darstellung des gegebenen Materials „nach
Baconischer Melhode“ ergänzt werden.) Da die reinen Prinzipien,
 die wir an die Spitze stellen, so fruchtbar und allumfassend
 sind, dass aus ihnen weit mehr folgt, als die Erscheinungen,
 die wir in dieser sichtbaren Welt erblicken, so muss
mit einer kurzen Beschreibung dieser Erscheinungen selbst begonnen
 werden, nicht um sie als Mittel im Beweisverfahren
zu brauchen, sondern um aus den unzähligen Wirkungen, die
aus den gleichen Ursachen folgen können, eine Auslese zu treffen
        <pb n="418" />
        Die Hypothesen der Physik.

407

und unserm Geist und unsrer Forschung eine bestimmte Richtung
zu geben.57) -—
Wenn Descartes jetzt ausspricht, dass ihm in der Physik
kein Beweis genügt, der nicht logische Notwendigkeit einschliesst,
 mit Ausnahme derjenigen blossen Tatsachenwahrheiten,
 die durch die Erfahrung allein gegeben werden können,
wie etwa, dass unsere Erde nur Eine Sonne und Einen Mond
hesitzt:5) so steht dieser Idealbegriff in keinem ausschliessenden
Gegensatz mehr zur Anerkennung des methodischen Experiments.
Denn diese Notwendigkeit quillt — wie an anderer Stelle ausdrücklich
 hervorgehoben wird — nicht aus leeren Allgemeinbegriffen,
 sondern. aus den bestimmten Prinzipien der Mathematik.
 Und wenn hinzugefügt wird, dass wir durch sie nicht
nur lernen, wie die Dinge möglicherweise sind, sondern auch zu
beweisen vermögen, dass sie sich auf keine andre Weise verhalten
 können,®) so entspricht dies genau den Sätzen, in denen
Galilei die Aufgabe der Wissenschaft formuliert hatte. (S. ob.
5. 299, 305.) Die Phänomene werden durch die mathematischen
Annahmen „bewiesen“ und verständlich gemacht, aber eben diese
Annahmen selbst werden erst durch ihren Erfolg in der Erklä-‚ung
 und in der Voraussage der künftigen Erfahrung bestätigt
Wenn die scholastischen Gegner Descartes’ in dieser Wechselbedingtheit
 zwischen Prinzipien und Folgerungen einen logischen
 Zirkel sahen, so sieht er in ihr das Wesen und den
Fortschritt der Wissenschaft gegründet. Das gerade ist die Aulgabe:
 die komplexen Ergebnisse aus den grundlegenden Hypothesen
 abzuleiten und umgekehrt wieder die ersten Begriffe an
jenen letzten Ausläufern zu messen und zu prüfen.®) Um zu
srkennen, wie fruchtbar sich diese philosophische Grundansicht
/ür den Ausbau der empirischen Wissenschaften erwiesen hat,
braucht man nur ein Grundwerk der neueren Physik, wie
Christian Huyghens’ Traite de la Iumicre aufzuschlagen. Dieses
Werk, das zum ersten Male die Undulationstheorie des Lichtes,
also eine „Hypothese“ von grundlegender Bedeutung entwickelt.
beschreibt sein Verfahren fast mit den eigenen Worten Descartes’,
Die Beweise, die es entwickelt, sind — wie es hervorhebt — wenn
nicht von gleicher Gewissheit, dennoch zumeist von einer
Wahrscheinlichkeit, die den strengen Demonstrationen der
        <pb n="419" />
        408

Descartes.

Geometrie nicht nachsteht: „dies ist nämlich dann der Fall,
wenn die Folgerungen, welche man unter Vorausseizung dieser
Prinzipien gezogen hat, vollständig mit den Erscheinungen im
Einklang sind, die man aus der Erfahrung kennt; besonders
wenn deren Zahl gross ist und vorzüglich, wenn man neue KErscheinungen
 sich ausdenkt und voraussieht, welche aus der gemachten
 Annahme folgen, und dabei findet, dass der Erfolg
unserer Erwartung entspricht. Wenn nun alle diese Wahrscheinlichkeitsbeweise
 zusammenstimmen, so muss dieser Umstand den
Erfolg meiner Forschungsweise in hohem Maasse bestätigen und
es ist kaum möglich, dass die Dinge sich nicht nahezu so verhalten,
 wie ich sie darstelle“,®%) In diesen Sätzen hat Huyghens,
der die spezielle Physik der Cartesianer verwarf und energisch
hbekämpfte, die Forderungen, die Descartes an die Methode der
Erfahrungswissenschaft stellte, gebilligt und bestätigt. Ganz ebenso
hatten die „Prinzipien‘“ Descartes’ ausgeführt, dass wir nicht erwarten
 dürfen, unsere mathematischen Annahmen jemals in absoluter
 Strenge empirisch verwirklicht zu finden, dass uns aber
allmählich eine umso höhere „moralische Gewissheit“ von ihnen
erwächst, als sie sich zur Deutung und zur „Entzifferung“ der
Erscheinungen brauchbar erweisen. ®)
Wenn trotz allem dem Begriff der Erfahrung im Ganzen
der Cartesischen Philosophie mannigfache Schwierigkeiten anhaften,
 so betreffen sie, wie wir jetzt aussprechen dürfen, nicht
die Grundlegung, wohl aber den speziellen Ausbau der
Physik. Hier war es, wo Newtons Kritik einsetzte, die sich von
der Bestreitung der bestimmten Grundannahmen der Cartesianer
zur logischen Verwerfung des Hypothesenbegri{fts überhaupt fortdrängen
 liess. Aber nicht in der Schätzung der „Hypothese“ als
solcher liegt bei Descartes der entscheidende Mangel, sondern darin,
 dass er den stetigen Gang und den geduldigen Ausbau seiner
deduktiv-mathematischen Voraussetzungen verlässt, um unvermittelt
 zu der Erklärung verwickelter konkreter Sonderphänomene
überzuspringen. Mit voller Deutlichkeit tritt uns dies in den
Stossregeln Descartes’ entgegen, die als die speziellen Bewegungsgesetze
 den Gehalt seiner gesamten Physik in sich verkörpern.
Wenn die Ableitung hier nach den strengen Forderungen der
Methode fortschreiten wollte, so musste sie das Prinzip der Kon-
        <pb n="420" />
        Fundament und Ausbau der Cartesischen Physik.

409

stanz der Bewegungsmenge, das bereits allgemein erwiesen war,
zu Grunde legen und von ihm aus die verschiedenen möglichen
Fälle successiv entwickeln. Die einheitliche Grundgleichung
war festzuhalten; es galt nur, die Wandlungen zu verfolgen, die
sie bei der Variation bestimmter Parameter erfährt. Statt dessen
stellt Descartes in den „Prinzipien“ sieben verschiedene Fälle beziehungslos.
 nebeneinander und gibt für jeden von ihnen ein besonderes
 Gesetz. Versucht man diese verschiedenen Bestimmungen
 miteinander zu vereinen und ineinander überzuführen, so ergibt
 sich ein deutlicher Widerspruch; es zeigt sich z. B. ein anderer
 Erlolg, wenn wir unmittelbar den Zusammenstoss gleicher
Massen, nach der ersten Regel, bestimmen, als wenn wir von
ungleichen Massen ausgehend, durch stetige Verminderung ihrer
Differenz, zur Grenze der Gleichheit übergehen. Die Forderung,
die die „Regeln“ gestellt hatten, dass in einer „continuierlichen
Bewegung des Denkens“ von Problem zu Problem {fortzuschreiten
 sei, erweist sich somit hier als unerfüllbar: eben diese
Forderung sclbst ist es, an die Leibniz in seinem Continuitälsprinzip
 anknüpfen wird, um die Cartesischen Stossregeln zu kritisieren.®)
 Wenn Descartes ferner das Gesetz der Erhaltung der
Energie nicht in voller Allgemeinheit erkennt und ausspricht,
sofern er nämlich die Richtung der Bewegung als ein Moment
denkt, das ohne Aufwendung von Kraft geändert werden kann:
so ist er auch hier seinem eigenen Grundsatz, nur solche Faktoren
 zuzulassen, die als Grössen fest und eindeulig bestimmbar
sind, untreu geworden.®) Das Fundament der Cartesischen
Physik ist fest gegründet: wenn das Gebäude dennoch wankend
wurde, so ist die Schuld darin zu suchen, dass seine Einzelteile
nicht durchweg nach dem ursprünglichen gedanklichen Schema
und Bauplan ineinander gefügt waren.
Descartes’ Urteil über Galilei, auf das man immer wieder
zurückkommen muss, um die eigentliche Schwäche seiner eigenen
 Physik zu kennzeichnen, liefert hierfür einen neuen und entscheidenden
 Beweis. Was er Galilei vorwirlt, ist nicht etwa die
Hingabe an die empirische Beobachtung, es ist der Gebrauch,
den er von der „Abstraktion“ und Hypothese macht. Wenn er
ihm entgegenhält, dass sein Fallgesetz ohne Fundament sei, weil
es nur für den leeren Raum. der tatsächlich nirgend vorhanden
        <pb n="421" />
        Descartes,

sei, gelte; wenn er von 'ihm verlangt, dass er, ehe er an die
Untersuchung der gleichförmig heschleunigten Bewegung ging,
zuvor hätte bestimmen müssen, „was die Schwere sei“: so verletzt
er damit seine eigene Grundansicht vom Wesen und Wert der
mathematischen Voraussetzung, Dass unsere Begriffe die volle
Wirklichkeit niemals erreichen und decken, dass sie somit zur
‚adäquaten“ Darstellung des konkreten Einzelvorgangs nicht genügen,
 ist von den eigenen Prinzipien Descartes’ aus zwingend
einzusehen. Er selbst hat es in seinen Erwiderungen gegen die
Einwände Gassendis nicht minder scharf als Galilei ausgesprochen,
dass wir nicht nur vom Unendlichen, sondern auch von keinem
noch so beschränkten und winzigen Einzelgebiet der Wirklichkeit
jemals eine völlig abgeschlossene und erschöpfende Kenntnis erwerben
 können.®) (Vgl. ob. S. 310 ff.) Aber es war ihm nicht gegeben,
 bei dieser Entsagung, die für Galilei zugleich das Gefühl
und Bewusstsein des eigentümlichen Reichtums des wissenschaftlichen
 Geistes in sich schloss, dauernd zu verharren. Die metaphysische
 Forderung, den gesamten Umfang des Seins ein für
allemal mit dem Gedanken zu gewinnen und auszuschöpfen, wird
ihm von neuem lebendig. Weil jede mathematische Formel notwendig
 nur eine Annäherung an den wirklichen Vorgang darstellen
 würde, verzichtet er jetzt häufig von Anfang an darauf,
sich das Geschehen in einem exakten Yuantitativen Ausdruck
vorstellig zu machen. Ein ausgezeichneler Kenner der Cartesischen
 Philosophie, wie der Geschichte der Physik, Paul Tannery
hat ausgeführt, dass Descartes sachlich zumeist durchaus im Recht
war, wenn er gegenüber den mathematisch-physikalischen Theo-Zen
 seiner Zeitgenossen den Einwand erhob, dass in ihnen die
konkreten, empirischen Verhältnisse nicht mit unbedingter Genauigkeit
 wiedergegeben seien; — aber er knüpft hieran die paradoxe
 Bemerkung, dass der Irrtum sich in diesem Falle für den
Fortschritt der Wissenschaft fruchtbarer erwiesen habe, als die
wahre Ansicht.®) Vom Standpunkt der Methodenlehre besteht
 dagegen der eigentliche Irrtum eben darin, die „abstraklen“
 Wahrheiten zu verwerfen und preiszugeben, weil die Bedingungen,
 unter denen sie gelten, empirisch niemals vollständig
verwirklicht sind. An diesem Punkte ist Descartes unmittelbar
in den Grundfehler der Aristotelischen Gegner Galileis zurück-
        <pb n="422" />
        Kritik der Cartesischen Methodenlehre.

kn

gefallen. (S. ob. S. 292, 314.) In die willkürlich e physikalische
 Hypothesenbildung ist er nur dadurch verstrickt worden,
dass er trotz allen fruchtbaren Ansätzen das Recht und die Unentbehrlichkeit
 der echten Hypothesen nicht dauernd festzuhalten
 und zu verteidigen vermochte. Das allein ist der falsche
‚Apriorismus‘“, der eine unmittelbare Deckung zwischen den
rationalen Grundlagen und der wirklichen, sinnlich gegebenen
Erfahrung behauptet und anstrebt. Für die echte idealistische
Auffassung bleibt — so befremdend dies klingen mag — ein
Abstand zwischen „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ dauernd bestechen:
 eine Entfernung, die zwar beständig verringert, auf
keiuer gegebenen Einzelstufe der Erfahrung dagegen völlig zum
Verschwinden gebracht werden kann. Die Kraft des idealistischen
Grundgedankens bewährt sich gerade darin, dass er sich durch
diesen notwendigen Abstand an der Gültigkeit der reinen, begrifflichen
 Voraussetzungen nicht irre machen lässt. Wo dagegen
 die volle Identität zwischen Begriff und Sein behauptet
wird, da befinden wir uns bereits im Bannkreis der Metaphysik,
 die die Aufgabe, die allem Wissen gestellt ist, vorwegnimmt.
 Aber freilich können wir es jetzt innerlich verstehen, dass
Descartes sich zuletzt zu dieser metaphysischen Fragestellung
hingedrängt fühlte. Ihm war es nicht, wie Galilei und Kepler,
vor allem um die exakte Erforschung‘ eines Sondergebietes der
Wirklichkeit zu tun; es ist der Begriff der Wirklichkeit
selbst, der ihn bewegt und der über das Schicksal der Wissenschaft
 zu entscheiden scheint. Sollten die reinen, mathemalischen
 und physikalischen Gesetze, die die Deduktion ergibt, bei
all ihrer „Notwendigkeit“ dennoch blosse Beziehungen bleiben,
von denen wir niemals mit Sicherheit bestimmen können, ob
ihnen ein Sein in der Well der Tatsachen entspricht? Erscheint
damit nicht alle Arbeit des Denkens schliesslich vergebens und
grundlos? Die Logik und Methodik der Gesetze — wir müssen
es zulelzt einsehen — verhbürgt uns nicht die Existenz der Dinge.
So muss denn eine andere Richtung der Betrachtung eintreten
und ein neuer Weg gewiesen werden, der uns zu diesem Problem
hinführt. Wiederum vollzieht sich der Uebergang unmerklich
und mit gedanklicher Notwendigkeit. Und es bleibt das Einzigartige
 und Charakteristische der Cartesischen Metaphysik, dass
        <pb n="423" />
        Descartes.

sie — wie wir nunmehr zu verfolgen haben — in ihren ersten
Schritten noch völlig der „Methode“ treu bleibt, aus der sie erwachsen
 ist. —

I. Die Metaphysik.

Wenn wir uns von den ersten Sätzen der „Regeln“ zu der
Grundlegung der Metaphysik hinüberwenden, die Descartes in
len „Meditalionen“ vollzieht, so tritt uns die innere Verwandtschaft
 beider Betrachtungsweisen alsbald in bezeichnenden Einzelzügen
 entgegen. Es ist, wenngleich in verschiedener Fassung,
ein und derselbe Grundgedanke, der uns hier von Anfang an
begegnet; — ja fast scheint es, als walte er jetzt noch unumschränkter,
 als habe er durch die Loslösung von jedem bestimmten
wissenschaftlichen Inhalt noch grössere Freiheit und Weite gewonnen,
 Die mathematische Analysis Ichrte uns, dass wir, um
ine bestimmte Schwierigkeit zu lösen, von der genauen Zergliederung
 der Frage ausgehen müssen, dass wir keine fremde
und äussere Hülfe suchen, sondern hier allein, in der Zerlegung
der Aufgabe in ihre Teilbedingungen, die Lösung erwarten dürfen.
[st erst das volle Verständnis des Problems erreicht, so ist
damit bereits der Weg der Forschung eindeutig vorgeschrieben.
;S. ob. S. 384.) Man braucht diesen Gedanken nur ins Allgemeine
zu wenden, um den bekannten Anfang der Cartesischen Metaphysik
vor sich zu haben. Aus dem Zweifel muss die erste fundamentale
Wahrheit quellen; indem sie sich selber in Frage stellt, muss die
Erkenntnis zur ersten, unverbrüchlichen Gewissheit ihrer selbst gelangen.
 Die „Regeln“ sprechen es in Hinblick auf die Sokratische
Grundfrage aller Philosophie aus: dass das Bewusstsein des Nichtwissens
 die zweifellose Veberzeugung eines Unterschiedes von
Wahr und Falsch in sich enthält und verbürgt.®) Und allein
in diesem Sinne haben wir auch zu Beginn der „Meditationen“
len an sich vieldeutigen Begriff‘ des Denkens zu verstehen.
Nicht das Sein des Denkenden, sondern das des Gedankens gilt
2s hier zu begründen; nicht eine Existenz soll bewiesen,
sondern ein Kriterium und ein Wertmaassstab soll erschatten
        <pb n="424" />
        Die Metaphysik.

1...

werden. Welche Mittel wir auch immer haben, uns der äusseren
Dinge zu versichern; sie müssen sich, sofern sie ein Wissen
um die Gegenstände gewähren und vermitteln wollen, zuletzt als
Mittel des Bewusstseins erweisen. „Wenn wir uns die Aufgabe
stellen, alle Wahrheiten, zu deren Erkenntnis die menschliche
Vernunft zureicht, zu prüfen, was einmal im Leben jeder iun
muss, der zu wahrer Einsicht gelangen will, so werden wir
finden, dass Nichts früher erkannt werden kann, als der Verstand
 selbst, da von ihm die Erkenntnis alles Uebrigen abhängt,
 und nicht umgekehrt.“ Diese Sätze, die für Descartes den
Ausgangspunkt seiner Mathematik und Erfahrungswissenschaft
bilden, bezeichnen zugleich den streng begrenzten und bestimmten
Ursprung seiner Metaphysik. Sie weisen darauf hin, dass wir
vor jeder objektiven Uniersuchung zunächst die „Instrumente
des Erkennens‘“ in einer genauen Uebersicht uns vor Augen
stellen und prüfen müssen; sie gehen weiter zu der Forderung
über, dass wir nicht bei dieser passiven Betrachtung stehen
bleiben dürfen, sondern die Mittel und Bedingungen des Wissens
selbständig erschaffen müssen. Wie der Handwerker, der von
allen Hilfsmitteln verlassen, ein widerstrebendes Material zu bearbeiten
 hat, damit beginnen wird, sich die notwendigen Werkzeuge,
 sich Hammer und Ambos zu bereiten, so wird der Intellekt
sich nicht alsbald den Streitigkeiten der Philosophen, noch
selbst den Problemen der Mathematik zuwenden, sondern sich
zuvor seiner eigenen Wahrheit und seines eigenen Vermögens
versichern. Die Vernunft kann mit keinem anderen Objekt und
keinem andern Vorwurf beginnen, als mit sich selbst.®)
Und auch über die Art, in der diese fundamentale Selbstgewissheit
 des Denkens gewonnen und befestigt wird, kann nach
Jen ersten Festsetzungen der Methode kein Zweifel mehr sein, Dass
Jer Syllogismus keine neue inhaltliche Erkenntnis verschaffen.
Jass er nur gegebene Anfänge entwickeln und verdeutlichen kann,
Jas steht für Descartes durch die Anfänge seiner Wissenschalls-(heorie
 fest. (S. ob. S, 381 If.) Als ein Symptom des Missverständnisses
 gilt ihm daher die Auffassung, dass wir zu jener ersten
Grundlegung. dass wir zu dem Satze „Ich denke“, eine abstrakte
Begriffsbestimmung des Denkens überhaupt voraussetzen müssen,
Dieser ontologische Anfang wäre dem Verfahren, das wir am
        <pb n="425" />
        Descartes,

Beispiel der Mathematik kennen gelernt, unmittelbar entzegengeseizt.
 Nicht darum handelt es sich, von einem allgemeinen
 Gattungsbegriff die Sicherheit des Besonderen abzuleiten;
wir dürfen und müssen vielmehr von einer völlig bestimmten
Beziehung, die wir intuitiv erfassen, ausgehen, um sie als Mittel
ınd Element für den Aufbau der komplexen Verhältnisse zu
autzen. Wenn man die mittelalterlichen Gegensätze des Universalienstreits
 zum Maassstab nimmt, so ist Descartes, so sehr er
die reine Funktion des Begriffs und ihre Allgemeinheit betont,
sirenger und konsequenter „Nominalist“.%) Der psychologische
Weg der Begriffsbildung geht vom Einzelnen zum Allgemeinen; wir
werden uns der allgemeingültigen Relationen unmittelbar nur
an besonderen Beispielen bewusst, vermögen sie sodann aber aus
dieser Abhängigkeit loszulösen und selbständig herauszustellen.7)
So erfassen wir auch das „Denken“ nicht als einen universalen
Oberbegriff, der die mannigfachen und verschiedenen Arten und
„Modi“ des Bewusstseins in sich fasst und unter sich enthält,
sondern wir ergreifen es als eine „besondere Natur“, als einen konkreten
 und einzelnen Akt.) Nicht ein Produkt der „Abstraktion“,
sondern der Synthese ist es, das wir in ihm besitzen. Versuchen
wir das Bewusstsein nach Art eines logischen Gattungsbegrifls zu
definieren, so wäre das nur derart möglich, dass wir bestimmte
generische Merkmale, die sich in allen seinen Bestimmungen
wiederholen, absondern und zusammenfassen. In Wahrheit aber
besteht gerade hierin seine Eigenart: dass es als ein Inbegriff
solcher ruhenden und constanten Kigenschaften niemals bezriffen
 werden kann, dass es nur in seiner unmittelbaren Leistung
verstanden und festgehalten werden kann. Die Aktivität des
Denkens, nicht sein generisches „Sein“ ist es, die sich uns in dem
Fundamentalsatz enthüllt. Und Descartes kann es mit Recht als
den eigentlichen Vorzug seiner Lehre gegenüber der scholastischen
Ansicht bezeichnen, dass sie die verschiedenen „Vermögen“ des
Geistes nicht mehr zu ebensovielen „kleinen Wesenheiten“ hypostasiert,
 die in unserer Seele ihren Sitz und ihr selbständiges
Dasein haben.®) Die Anfänge seiner Psychologie sind, wie uns
hier wieder deutlich wird, von demselben Erkenntnisideal ge-‚enkt
 und bestimmt, aus dem die neue Physik hervorgegangen ist.
Und wie in der Meihodenlehre die Aufgabe entstand. von
        <pb n="426" />
        Die Analyse der Erkenntnis.

415

den mathematischen Ideen, die sich um das Dasein ihres Inhalts
nicht zu kümmern brauchen, den stetigen und sicheren Ueber-3ang
 zur Bestimmung des physikalischen Körpers zu finden, so
muss auch hier die Betrachtung sich von der Funktion und
Tätigkeit des Denkens alsbald zu ihrem Gegenstand hinüberwenden.
 Ohne ein bestimmtes Objekt, auf das es sich richtet.
hat das Denken selbst keinen Halt und keine innere Bestimmtheit.
 Aber auch hier werden wir, ehe wir weiter gehen dürfen,
mit einer genauen Zergliederung der Aufgabe und ihres Gehalts
 beginnen müssen. Wir werden fragen müssen, was das
Denken selber unter einem ihm gegebenen Objekt versteht:
welche Eigenschaft und Beschaffenheit es ist, die es mit dem
Namen der „Existenz“ belegt. Sicherlich kann unter dem „Sein“
eines bestimmten Körpers, unter dem Sein etwa eines Stückes
Wachs, das ich vor mir sehe, nicht der Inbegriff der sinnlichen
 Eigenschaften gemeint sein, die sich in ihm vereinigen.
Denn diese Eigenschaften können sich sämtlich wandeln, die
Farbe kann wechseln, die Härte verschwinden, der Dult sich
verllüchtigen, ohne dass wir aufhören, von dem Dasein desselben
 Dinges zu sprechen. Worauf beruht diese Identität,
die wir bei allem Wechsel der wahrnehmbaren Merkmale beharrlich
 festhalten und voraussetzen? Wir schen uns dazu gedrängt,
 die veränderlichen und wandelbaren Bestimmungen, die
die Sinne uns vermitteln, im Gedanken auf feste und unwandelbare
 Elemente zu beziehen und in ihnen ihr Sein zu begründen.
Den „subjektiven“ Empfindungsqualitäten werden auf diese Weise
die „primären“ Eigenschaften der Ausdehnung, Gestalt und Bewegung
 als Halt und Stütze unterbreitet. Aber wenngleich die
Physik sich mit der Konstanz, die sich ihr hier eröffnet,
begnügen mag, wenngleich Descartes’ eigene Grundlegung der
empirischen Wissenschaft nicht weiter als auf diese Grundfaktoren
(ührte, so kann die philosophische Analyse — und dies ist
eine neue und entscheidende Wendung — sich bei diesem Ergebnis
 nicht beruhigen. Auch nachdem sie das Stück Wachs
auf „etwas Ausgedehntes, Biegsames und Bewegliches“ reduziert
nat, muss sich ihr die Frage von neuem und in weiterem Umfange
wiederholen. Denn offenbar kann das Wachs, ohne aufzuhören
dasselbe zu sein, unzählig viele verschiedene Gestalten und
        <pb n="427" />
        116

Descartes.

Grössen annehmen; offenbar kann also Dasjenige, was es zum
Einen und Selbigen macht, nicht in einer dieser Formen, noch
auch in ihrer Summe enthalten sein. Die Forderung, alle jene
Einzelphasen der Veränderung nacheinander zu durchlaufen
und sie zu einem Ganzen zusammenzufassen, enthält bereits, da
lie Manniglaltigkeit, um die es sich handelt, unendlich und
unabschliessbar ist, einen inneren Widerspruch. Nicht die Kraft
der sinnlichen Phantasie vermag uns somit die gesuchte
Einheit zu geben und vorstellig zu machen; sie ist und bleibt
vielmehr ein Werk des „reinen Verstandes“, Ohne ihn, der
lie vielfältigen, successiven Einzelvorstellungen auf einen gemeinsamen
 Mittelpunkt bezieht und der sie damit in sich selber zusammenhält,
 würde auch der Begriff des Gegenstands hinfällig
werden. Wir können vom Sein des Wachses nicht sprechen,
ahne damit jenen „Blick des Geistes“ stillschweigend anzunehmen
und mitzusetzen: „Il faut demeurer d’accord que je ne saurois
pas meme comprendre par l’imagination ce que c’est que ce
morceau de cire et qu'il n’y a que mon entendement
seul qui le comprenne.. Ma perception n’est point une vision,
ai un altouchement, ni une imagination et ne ]’a jamais 6te,
quoiquwil le semblät ainsi auparavant, mais seulement une
'nspection de Vesprit, laquelle peut Gtre imparfaite et confuse,
:omme elle etoit auparavant, ou bien claire et distinete, comme
alle est A present.“ Jetzt erst, nachdem wir auf dem Grunde
les Dingbegriffs von ueuem den Begriff des Denkens wiederzelunden
 und entdeckt haben, gilt für Descartes der überzeugende
Beweis des Satzes erbracht, den die „Regeln“ allgemein hinstellten:
lass nämlich die Erkenntnis unseres Geistes ursprünglicher
und gewisser, als jede andere ist, weil wir keinen Gegenstand
begreifen können, ohne darin unser eigenes denkendes Wesen
zu betätigen und mittelbar gewahr zu werden. —
Wiederum sind cs die wissenschaftlichen Haupischriften,
lie das Ergebnis, zu dem die philosophische Analyse hier geführt
hat, erläutern und näher bestimmen. Descartes’ Wahrnehmungsiheorie,
 wie sie in der Dioptrik enthalten ist, geht davon aus,
las Vorurteil zu zerstören, dass die Erkenntnis der Aussendinge
lem Geiste durch Bilder vermittelt wird, die den Objekten, von
Jenen sie stammen. in allen ihren Teilen ähnlich sind. Was
        <pb n="428" />
        Die Analyse des Dingbegriffs.

417

zwischen Empfindung und Gegenstand zu fordern ist, ist nicht
diese stoffliche Uebereinstimmung, sondern eine derartige funktionale
 Wechselbedingtheit, dass jeder Veränderung des objektiven
Inhalts eine Differenz der Wahrnehmung entspricht, Wie die Methode
 die physischen Körper sämtlich auf die einzige Bestimmung
der Ausdehnung zurückbezog, nicht um ihre sonstigen qualitativen
Eigentümlichkeiten zu leugnen, sondern um sie in reinen Unterschieden
 von Grössen symbolisch darstellbar zu machen: so
[ragen wir jetzt zunächst noch nicht, wie das wirkliche Sein der
Körper mit dem Sein der Empfindungen in uns zusammenhängt,
sondern begnügen uns mit der wechselseitigen harmonischen Beziehung
 und eindeutigen Entsprechung beider Momente. Wie
eine perspektivische Zeichnung alle Eigentümlichkeiten des
Objekts, das sie darstellt, nur um so schärfer und genauer
wiederzugeben vermag, weil sie darauf verzichtet, das Original
in all seinen konkreten Beschaffenheiten und Dimensionen darzustellen
 — so ist auch die Zeichensprache der Wahrnehmung
dadurch nur um so vollkommener, dass sie die Dinge nicht ihrem
ganzen materialen Gehalt nach nachzuahmen, sondern nur all
ihre Verhältnisse analogisch auszudrücken trachtet.?®) Damit ist
die scholastische Wahrnehmungstheorie, die wir, in mannigfachen
Umformungen und Verkleidungen, noch überall in den Anfängen
 der neueren Philosophie herrschend fanden, im Prinzip überwunden.
 Wie stark und eindringend ihre Nachwirkung auch
zu den Zeiten Descartes’ noch war, kann man sich an einem so
modernen Denker wie Gassendi vergegenwärtigen. Dieser ernebt
 gegen den Cartesischen Ausgangspunkt vom Selbstbewusstsein
 den bezeichnenden Einwand, dass wir von unserm eigenen
Sein keine wahrhafte Erkenntnis besitzen: denn die Bedingung
zu jeder Erkenntnis ist, dass ein Ding von aussen her auf unser
geistiges Vermögen einwirkt und in ihm ein bestimmtes Abbild,
eine „Spezies“ seiner selbst, bewirkt und zurücklässt.**) Der
Grundmangel dieser Auffassung besteht darin, dass sie eine
metaphysische Annahme, ein reales Wechselverhältnis zwischen
dem Geist und den Dingen, dogmatisch an den Anfang stellt,
um von ihr aus den Akt des Erkennens zu erklären: während
Descartes’ Grundtendenz darauf gerichtet ist, von der klaren und
deutlichen „Idee“ aus, die ihm das unmittelbar Gewisse ist. zu

x
        <pb n="429" />
        Descartes.

den Aussagen über die Verhältnisse des Wirklichen fortzuschreiten.
 Erst das Urteil des Verstandes ist es, das die unmittelbar
 gegebenen Empfindungen, die an und für sich nichts andeves
 als „Zeichen“ darstellen, zu Objekten umgestaltet und ausdeutet.
 So ist insbesondere — wie wiederum die ‚Dioptrik‘ ausführt
 — alle räumliche Verteilung und Gliederung der Empfinlungsdaten,
 alle „Lokalisation“, vermöge deren wir von der Lage
ınd Entfernung von Objekten sprechen, ein Werk des Intel-‚ekts
 und der vernünftigen Schlussfolgerung. Der Sinn als solcher
enthält weder positiv noch negativ einen Ausspruch über das
Sein: er kann weder irren, noch einen Irrtum berichtigen, da
ar sich jeden Anspruchs, der über den unmittelbaren und augenblicklichen
 „Eindruck“ hinausgeht, begibt. „Wahrheit“ und
‚Falschheit“ sind Momente und Gesichtspunkte, die erst der Intellekt
 erschafft und anwendet. Selbst dort, wo wir scheinbar
die Daten des einen Sinnes nach denen des andern zurechtrücken
und korrigieren, wie wenn wir etwa den Stab, der für das Auge
im Wasser gebrochen erscheint, durch den Tastsinn als gerade
erkennen — ist es in Wahrheit allein der Verstand, der nach Anhörung
 aller rationalen „Gründe“ zwischen den widerstreitenden
Wahrnehmungen die Entscheidung trifft.%) „Da das Gesicht uns
an und für sich nichts als Bilder, das Gehör nichts anderes als
Klänge darbietet, so muss alles, was wir neben jenen Bildern und
Klangzeichen als den Inhalt denken, auf den sie verweisen, uns
lurch Ideen dargestellt werden, die von nirgend andersher, als
aus unserm Denkvermögen selbst stammen, und die wir somit
als eingeboren, d. h. als potentiell in uns enthalten bezeichnen
können“.®) Der Weg der psychologischen und erkenntnistheoretischen
 Analyse des Dingbegriffs, den später besonders
 Berkeley beschritten hat, ist damit klar gewiesen. Und
wenn dieser, statt auf die Aktivität des Geistes in der Synthese
der Einzelwahrnehmungen zu verweisen, sich auf die Association
 der Eindrücke und auf die Leistung des Gedächtnisses
beruft, so scheint es, als habe Descartes auch diese Auffassung erwogen
 und sie im Voraus entwurzeln wollen. Ausdrücklich weist
er darauf hin, dass in der Funktion des Gedächtnisses selbst die
Mitwirkung des „reinen Verstandes‘“ bereits vorausgesetzt werde.
Es genügt nicht, dass im Gehirn bestimmte „Spuren“ vergangener
        <pb n="430" />
        Das Objekt und die Urteilsfunktion.

419

Eindrücke zurückbleiben; sie müssen auch mit allen übrigen Inhalten
 in Beziehung gesetzt und ihrer zeitlichen Stellung und
Ordnung nach mit ihnen verglichen werden. Nicht nur der materiale
 Gehalt einer Vorstellung muss aufbewahrt, auch der Zeitpunkt
 ihrer Entstehung muss bestimmt und festgehalten werden,
damit wir von „Erinnerung“ an frühere Vorstellungsbilder sprechen
 können; dies aber setzt eine Unterscheidung der neu
hinzukommenden Inhalte von den zuvor gegebenen voraus, die
nur das Werk des Intellekts sein kann.%) Deutlich zeigt sich
hier das Verfahren, das Descartes gegenüher den sensualistischen
Einwänden durchgehend befolgt und das in der Tat allein radikal
 und entscheidend ist: wie zuvor in der direkten Sinnessmpfindung,
 so wird jetzt in dem Vermögen des „Gedächtnisses“
ain Faktor ausgesondert und blossgelegt, der auf einer reinen Einheitsbeziehung
 des Denkens beruht. Weder unsere Einbildungskraft,
 noch unsere Sinne können uns — wie der Discours de la
methode ausspricht — jemals irgend einer Sache versichern, wenn
nicht unser Verstand mit ihnen zusammenwirkt. Das Urteil
allein erschaflt und verbürgt die gegenständliche Existenz, die
lie naive und populäre Ansicht in der blossen Empfindung unmittelbar
 enthalten glaubt.)

So notwendig dies Ergebnis aus den ersten methodischen
Voraussetzungen fliesst, so enthält es dennoch eine eigentümliche
Paradoxie, wenn wir es mit dem Ausgangspunkt unseres Problems
zusammenhalten. Einer unabhängigen Existenz wollten wir uns
versichern: die Antwort aber, die wir erhalten haben, scheint nur
der Frage zu spotten. Was wir die gegenständliche Wirklichkeit
eines Empfindungskomplexes nennen, das hat sich der tieferen
Analyse als ein Akt des Geistes enthüllt. Aus dem Bereich und
Umkreis, den das „Cogito“ zieht, gibt es keinen Ausweg: der Weg,
der uns am sichersten über die Grenzen des Ich hinauszuführen
schien, hat uns in Wahrheit wiederum in den eigensten Mittelpunkt
des Bewusstseins zurückgeleitet. Wieder scheint somit alle Wahrheit,
 die das Denken für sich erringen kann, zu einer blossen
gesetzmässigen. Selbsttäuschung herabzusinken, zu einer Setzung
les Begriffs, der keine äussere Wirklichkeit entspricht.

7%
        <pb n="431" />
        ‚20

Descartes.

In diese Schwierigkeit muss man sich innerlich versetzen,
um den weiteren Weg, den Descartes von hier aus einschlägt, zu
begreifen. Wenn unser Wissen sich nicht in leere Beziehungen
ohne realen Urgrund auflösen soll, so muss in ihm zum mindesten
ein Punkt gefunden werden, an dem die Gegensätze, die sich hier
gegenüberstehen, sich einen und ineinander aufgehen. Innerhalb
der Welt des Bewusstseins muss es eine Idee geben, die die Gewähr
 des objektiven Daseins ihres Inhalts unmittelbar in sich
selber trägt; ein Begriff muss gefunden werden, in dem Wesenheit
und Wirklichkeit, Essenz und Existenz untrennbar mit einander
verschmolzen sind. So ist es eine Grundfrage der Erkenntnis
selber, die uns zum Gottesbegriff hinleitet, in dem allein jene
Forderungen erfüllt sind. Die Idee des „allervollkommensten
Wesens“ schliesst das Sein dieses Wesens notwendig in sich; ist
doch das Sein selbst nichts anderes als eine Unterart der Vollkommenheit.
 Wie wir in dem Begriff des Dreiecks die zweifellose
Gewissheit besitzen, dass seine Winkel gleich zwei Rechten sind,
so lässt sich das Dasein Gottes unmittelbar aus seiner Vorstellung
ableiten: wie die Aufhebung des einen Urteils, so würde die des anderen
 das Bewusstsein eines inneren logischen Widerspruchs
in uns zurücklassen.?)
Mit diesen Sätzen sehen wir uns unmitielbar in die Scho-Lastik
 zurück versetzt. Betrachtet man nur die Aussprache und Formulierung
 des Gotiesbeweises, sieht man nur auf seinen direkten,
materialen Gehalt, so lässt sich in der Tat kein irgend erheblicher
 Unterschied zwischen den Sätzen Descartes’ und der herkömmlichen
 Gestalt des ontologischen Arguments seit Anselm von
Canterbury nachweisen.®) Ueber die sachliche Schlusskraft dieses
Argumentes aber braucht man, nach der Kritik der reinen Veraunft,
 kein Wort mehr zu verlieren. Dennoch ist es ein neues
{nteresse und eine veränderte Fragestellung, die Descartes zum
Gottesbegriff zurückführt, Wenn in der Scholastik der ontologische
 Beweis nur der Ausgangspunkt und das Mittel war, um
den Weg zum Dogma und zu den religiösen Heilswahrheiten zu
bahnen, so ist es hier die Realität der Körperwelt und ihrer
im manenten Gesetze, die im Mittelpunkt der Untersuchung steht:
aicht Gott, sondern die „Natur“ ist es, die zuletzt „bewiesen“ werden
soll. Welcher Weg war für Descartes zurückgeblieben. um sich
        <pb n="432" />
        Das Problem der absoluten Existenz und die Gottesidee, 421

ihrer absoluten Realität zu versichern? Sollte er die sinnliche
Empfindung zum Stützpunkt und Bürgen der Wirklichkeit nehmen,
 Sollte er von ihr unmittelbar auf das Dasein transscendenter
dinglicher Ursachen schliessen? Dann aber wäre alle Kritik, die
der methodische Zweifel und die Grundlegung der Wissenschaft
an ihr geübt haben, verloren; dann würden wir in den „fundamentalen
 Irrtum“ einer direkten Aehnlichkeit und Entsprechung
zwischen Ding und Wahrnehmung zurückfallen. Oder sollten wir
die exakten wissenschaftlichen Grundbegriffe zum Ausgangspunkt
und zum Maassstab. machen? Aber gerade dies war die Eigentümlichkeit
 und der Vorzug der mathemalischen Ideen, dass
sie sich um die Existenz der Inhalte, die sie darstellen, nicht
zu kümmern brauchen, dass ihre Wahrheit von der Frage, ob
»s Körper gibt, die ihren Bedingungen entsprechen, nicht berührt
wird. Der Uebergang zur Physik hat diesen Standpunkt der Be-"rachtung
 nur scheinbar geändert. Die Prinzipien der Naturerxzenntnis
 sind wie die der Geometrie, mit denen sie Descartes beständig
 gleichsetzt, Erzeugnisse und Geschöpfe der „Methode“;
diese aber lässt, in ihrem stetigen Gange, nirgends eine petAßacı
zig dAho j£voc, einen Uebergang von der Essenz zur Existenz zu.
So muss denn ausserhalb des Gebiets, das durch die menschliche
Erfahrung und durch die Grundsätze der wissenschafilichen Erkenntnis
 abgegrenzt wird, ein klarer und deutlicher Begriff
des Geistes gefunden werden, in dem jene Forderung sich er-{üllt.
 Selbst an diesem Wendepunkt, jenseit dessen der Leit-{aden
 der Methode uns verlässt, bestätigt sich somit noch die
Kraft und Sicherheit von Descartes’ philosophischer Analyse. Die
einzelnen Momente, die uns zum Gottesbegriff hinleiten, gehen in
eindeutiger Strenge aus einander hervor. Nur ein Bedenken muss
gegenüber der Gesamtheit dieser Entwicklungen zurückbleiben:
ob nämlich — gemäss der Forderung, die von den „Regeln“ an
die Spitze gestellt wurde — die Frage, um die es sich handelt,
„völlig verstanden“, ob der Begriff der „absoluten Existenz“ in seine
Bedingungen verfolgt und aufgelöst ist. Die „Regeln“ schreiben
vor, dass wir, sobald wir im Fortschritt unserer Deduktionen zu
einem Problem gelangen, das unser Verstand nicht vollständig zu
lurchschauen vermag, die Untersuchung abbrechen und nutzlose
Mühe sparen sollen; sie fügen hinzu, dass wir auch in diesem
        <pb n="433" />
        422

Descartes.

Falle eine sichere Erkenntnis, wenn nicht vom Gegenstande,
so doch von der menschlichen Natur, von ihrer Bedingtheit
und Begrenzung, erlangen.®%) Von solcher kritischen Vorsicht ist
Descartes nunmehr weit entfernt. Dennoch ist der Weg, den er
zurückgelegt, für die Fortentwicklung der Philosophie und Wissenschaft
 nicht vergeblich gewesen. Das Ergebnis des methodischen
Zweifels, dass alle unsere Erkenntnis, soweit sie sich innerhalb
des Umkreises der Erfahrung und Wissenschaft hält, uns nur die
Gesetzlichkeit der Phaenomene erschliesst: dieses Ergebnis ist
nicht mehr rückgängig zu machen. Den Grund aber, dass Descartes
 selbst bei ihm nicht stehen zu bleiben vermochte, haben
wir in seiner eigenen Wissenschaftstheorie gefunden. Weil die
mathematischen Hypothesen und „Abstraktionen“ den vollen Gehalt
 der Wirklichkeit nicht ausschöpfen, weil sie in ihrer Anwendung
 immer nur angenäherte Gewissheit ergeben, sieht er
sich auf neue metaphysische Grundlagen hingewiesen. Der Absolutismus
 seines Wahrheitsbegriffs führt ihn zum Absolutismus
 des Seinsbegriffs: so ist auch hier, wo er die idealistische
Konsequenz seines Gedankens verfehlte. das idealistische Motiv
des Systems unverkennbar. —
Seine Bestätigung und Ergänzung erhält indes der ontolologische
 Beweisgrund bei Descartes erst durch eine andere Erwägung,
 die vom Begriff des Unendlichen ihren Ausgang
nimmt. Indem ich in mir die Idee Gottes als einer unendlichen,
allwissenden und unumschränkten Substanz vorfinde, erkenne
ich zugleich, dass ich selbst, als ein endliches und unvollkommenes
 Wesen, nicht ihr Schöpfer und Urbild sein kann. Das
wahrhafte „Original“, das alle Einzelzüge, die in der Vorstellung
gegeben sind, in wirklichem Sein enthält und umfasst, kann
nur jenseit des Bewusstseins zu suchen sein. Es ist zunächst der
Begriff des Selbstbewusstseins, der uns hier in neuer Wendung
 und Bedeutung entgegentritt. Unter dem „Denken“ durften
wir, nach den bisherigen Entwicklungen, einen Inbegriff reiner
Verknüpfungsformen verstehen, ein System von Prinzipien
and Operationen, durch die wir die Daten der Empfindung
umformen, um sie dadurch zum wahrhaften „Sein“ zu bestimmen.
Die Einheit des „Intellekts“, von der die Regeln ausgehen, war
mit der Einheit der Wissenschaft gleichbedeutend. Jetzt erst
        <pb n="434" />
        Der Begriff des Unendlichen.

423

hat das „Cogito“ jenen besonderen Sinn erhalten, der es mit dem
Sein der individuellen, begrenzten und endlichen Substanz verknüpft.
 Jenes „Ich“, das den Gedanken des Unendlichen nicht
als eigenes Erzeugnis begreifen, das in ihm nur noch die
Nachwirkung und das Abzeichen einer höheren Macht zu erblicken
 vermag, ist das empirische Selbst des Einzelnen. . Die
allgemeine Funktion des Denkens steht an sich selbst ausserhalb
 des Gegensatzes von „Endlich“ und „Unendlich“: sie soll
diesen Gegensatz, wie die übrigen Grundbegriffe, erst erschaffen
und aus sich hervorgehen lassen. Um das Ich als eine einzelne,
in ihrer Machtsphäre beschränkte Wesenheit zu denken, muss
ich zuvor den Akt der Beziehung selbst vergegenständlichen und
ihn als Ding unter Dingen betrachten. Ist aber dies.einmal geschehen,
 so lässt sich der weitere Schritt begreifen: für jeden Inhalt
 und Akt der Vorstellung muss jetzt eine dingliche Ursache
und Entsprechung gesucht, jede „objektive Realität“ des Bewusstseins
 muss — wie die scholastische Formel lautet, die Descartes
unverändert herübernimmt — auf eine „formale Realität“ des Seins
zurückbezogen werden. Wenn Descartes sich für diesen Vebergang
 auf das „Axiom“ der Kausalität beruft, wenn er in ihm
den Quell und das alleinige Fundament für all unsere sinnliche
wie übersinnliche Erkenntnis sieht: so scheint es, als habe er
sich das Recht auf eine derartige Berufung in der Tat durch den
Ausbau seiner Methode erwirkt. Denn in dieser wurde der Begriff
 der Ursache in strenger Folge entwickelt und, ebenso wie
der Begriff der Materie, als ein Gebilde der universellen Mathematik
 abgeleitet. In diesem Ursprung aber liegt zugleich eine Begrenzung:
 seine Leistung erstreckt sich darauf, Zustände und Ereignisse,
 die als Grössen bestimmt und vergleichbar sind,
gesetzlich mit einander zu verknüpfen. In der Aufgabe indes,
die dem Kausalprinzip jetzt gestellt ist, fehlt jede Möglichkeit einer
derartigen Anknüpfung. Zwar versucht Descartes bezeichnender
Weise auch hier, den Grössenbegriff wenigstens analogisch zur
Geltung zu bringen: die „formale Realität“ der äusseren Ursache
soll jedenfalls nicht geringer sein dürfen, als die Wirkung, die
ihr in der Welt der Vorstellung entspricht. Indessen handelt es
sich jetzt, wie man sieht, um eine blosse vage Vergleichung, die
keine exakte Bewährung und keine Zurückführung auf einen ein-
        <pb n="435" />
        E21

Descartes.

heitlichen Maassstab gestattet, Die Idee und ihre transscendente Ursache
 werden ausdrücklich als zwei verschiedene Arten des
Seins einander gegenübergestellt; wo ist also hier jene „gemeinsame
 Natur“ und Grundeinheit zu finden, auf die — nach einem
Ausspruch der Regeln — die zwei Glieder eines Verhältnisses
zurückbezogen werden müssen, um im strengen Sinne gleichartig
und durch einander erkennbar zu werden? Die Kausalität
bleibt hier, wo sie den Anspruch erhebt, zu einer absoluten,
jenseitigen Existenz hinauszuführen, eine rein dogmatische Beaauptung:
 ein Vorurteil, das der methodische Zweifel nicht zu
entwurzeln vermochte, Auch die obersten Gesetze der Mechanik,
die zuvor als reine Regeln der Erfahrung und der universellen
Mathematik behauptet wurden, müssen nachträglich, um ihrer
Geltung versichert zu werden, an die metaphysische Ursache
alles Seins angeknüpft und in ihr begründet werden.) —
Wichtiger und folgenreicher noch ist die Stellung, die dem Begriff
 des Unendlichen durch seine Verwendung im Gottesbeweise
zugeteilt wird. Indem er eine rein metaphysische Funktion und
Leistung übernimmt, scheidet er damit aus dem System der
reinen Erkenntnisse aus. Ausdrücklich betont Descartes, dass
die Begriffe der Substanz, der Dauer, der Zahl und andere
ihnen vergleichbare Kategorien keine innere Nötigung enthalten,
nach einer äusseren Ursache, die sie meinem Geiste eingeprägt
habe, zu forschen: die Idee, die ich von mir selbst habe, ist
für sie ein völlig zureichender Erklärungsgrund. Sie alle sind
Bestimmungen des Bewusstseins, die erst nachträglich auf die
äusseren Dinge übertragen und angewandt werden. Einzig für
den Begriff des Unendlichen versagt diese Art der Ableitung;
einzig an diesem Punkte sehen wir uns mit Notwendigkeit über
die Grenzen des Selbst hinausgetrieben.®) Die Fähigkeit, im
Zählen immer von neuem Einheit an Einheit zu knüpfen oder
eine gegebene endliche Strecke durch successive Vermehrung ins
Grenzenlose zu erweitern: diese Fähigkeit selbst wäre unbegreiflich,
wenn sie nicht in einem aktuellen unendlichen Dasein eine Stütze
und Entsprechung fände. Hier aber stehen wir vor einer neuen
inneren Schwierigkeit. Es lässt sich allenfalls begreifen, dass für
Jas einzelne constante Vorstellungsbild und seine Elemente eine
lingliche Ursache gesucht wird: wie aber ist die gleiche Forderung
        <pb n="436" />
        Die Transscendenz des Unendlichen.

125

zu verstehen, wenn sie sich nicht auf die Materie, sondern auf
die reinen Verknüpfungsformen des Denkens richtet? . Die Unendlichkeit,
 die diesen Formen eignet, ist kein Merkmal, das
von aussen an sie herangebracht und zu ihrer Leistung hinzugefügt
 werden könnte; sie ist in ihrer Funktion unmittelbar
mitgesetzt. Indem ich den reinen Begriff der Zahl fasse, der,
wie Descartes selbst zugesteht, aus dem eigenen Selbst hervorgehend
 gedacht werden kann, habe ich mich damit bereits der
Grenzenlosigkeit im Fortschritt des Zählens versichert; indem ich
den Uebergang von n auf n+1 verstehe und mir zugleich bewusst
 werde, dass er von der Bestimmtheit des Einzelelements
anabhängig ist, liegt mir bereits der gesamte unendliche Inbegriff
 der Zahlenreihe deutlich vor Augen. Descartes spricht gelegentlich
 aus, dass die Substanz, sofern wir sie an sich selbst
lenken und ohne ihr eine einschränkende Bestimmung hinzuzufügen,
 damit unmittelbar als ein unendliches Sein gesetzt
 ist.) Wir können diesen Satz aus der Sprache der Metaphysik
 in die der Methode, aus der des Seins in die der Erkenntnis
 zurückübersetzen: die reinen Operationen des Geistes
enthalten. in ihrer Definition bereits den Quell ihrer Unendlichkeit.
 Descartes dagegen hat, indem er in der Unendlichkeit überall
ein jenseitiges Sein suchte, indem er in ihr nur einen Hinweis
sah, der uns zum absoluten Ursprung unserer Existenz zurück-(ühren
 sollte, aus dem System der immanenten Begriffe und
Prinzipien, die für den Aufbau der Erfahrungswelt gelten, ein unntbehrliches
 Moment ausgeschaltet. Er selbst hat in der Geometrie
 ein Verfahren zur Anwendung gebracht, das den „Indivisibilien“
 Cavalieris und Galileis entspricht; er ist in der Phy-3ik
 von dem Satze der kontinuierlichen Erfüllung des Raumes
und der unendlichen Teilbarkeit ausgegangen. Die philosophische
 Erörterung und Vertiefung dieser Gedanken aber hat er
überall geflissentlich mit der Begründung von sich gewiesen, dass
es sich für den beschränkten Menschengeist nicht zieme, in die
Geheimnisse des Unendlichen eindringen zu wollen. So ragt das
Mysterium jetzt bis mitten in die Grundbegriffe der Wissenschaft
hinein, die, als die Vorbilder jeder Erkenntnis, vor allem klar
und dem Geiste völlig durchsichtig gedacht werden müssten. ®)
Der Widerspruch gegen die Anfänge des Svstems. der sich
        <pb n="437" />
        „26

Descartes.

hierin bekundet, tritt am deutlichsten am kosmologischen
Problem hervor, das seit den Zeiten des Copernicus als allgemeiner
Prüfstein der philosophischen Naturauffassung gelten darf. Die
Frage nach der Unendlichkeit der Welt bleibt — selbst wenn
wir von den theologischen Bedenken absehen, die ihre klare
Beantwortung verhinderten — bei Descartes unentschieden und
zweideutig. Er spricht es aus, dass vom Standpunkt unserer
‚klaren und deutlichen Perception“ eine räumliche Begrenzung
des Universums niemals nachweisbar sei, ja dass sie einen inneren
Widerspruch in sich schliesst. Und dennoch will er diesen
Widerspruch selbst nicht ausdrücklich und positiv verwerfen:
vermag doch die absolute göttliche Allmacht selbst das Widersprechende
 zu verwirklichen. ®%) Wir stehen hier vor einer völligen
Umkehrung des Verhältnisses zwischen Denken und Sein. Die
‚ewigen Wahrheiten“ der Geometrie wie der Logik sind nur deshalb
 giltig, weil Gott ihnen diesen Wert und diese Sanktion er-(eilt
 hat; sie sind das Produkt seiner freien, durch Nichts beschränkten
 Willkür. Der Satz der Identität selbst ist eine Notwendigkeit,
 die unserm Denken von aussen her als feste Satzung
singeprägt ist, nicht eine Norm, die für das Sein unbedingt
verbindlich ist. Vermessen wäre es, behaupten zu wollen, dass
es Gott unmöglich gewesen wäre, zu bewirken, dass ein Berg ohne
Tal existiere, oder dass 1 + 2 nicht gleich 3 sei; wir müssen uns
mit der Feststellung begnügen, dass er unseren Verstand derart
eingerichtet hat, dass er eine derartige Möglichkeit nicht zu begreifen
 vermag.) Das Grundprinzip des Rationalismus ist damit
aufgeopfert; die Gesetze der Erkenntnis sind zu zufälligen „Einrichtungen“
 und Konventionen herabgedrückt. In dieser Folgerung
 aber, die in der Tat notwendig war, wenn mit dem Begrifl
des unbedingten Daseins voller Ernst gemacht wurde, hat
Descartes nicht nur seine Erkenntnislehre, sondern selbst seine
Metaphysik entwurzelt. Wenn alle unsere logischen und ethischen
Maassstäbe für Gott selbst unverbindlich sind, wenn die „Gesetze
des Wahren und Guten die göttliche Allmacht nicht beschränken“:
was besagt alsdann jenes bekannte Argument, dass wir die Realität
der Körperwelt annehmen müssen, um Gott nicht zum „Betrüger“
zu machen? Auch die „Meditationen“ gingen in ihrer Beweisführung
 von der Voraussetzung aus, dass alles. was wir klar und
        <pb n="438" />
        Gott und die „ewiven Wahrheiten“.

427

deutlich begreifen, zugleich „mögliche Existenz“ besitzt; sie fussen
also in all ihren weiteren Entwicklungen auf einer Einschränkung
 des Begriffs der Möglichkeit, die jetzt aufgegeben ist.
War es vorher die Sicherheit der Idee, die uns allein zu jeder Art
von Sein hinführen konnte, so sollen wir jetzt dieser Sicherheit,
selbst in den klarsten und evidentesten Folgerungen der Mathematik,
 nicht eher vertrauen dürfen, als bis wir über den „Urheber
 unserer Existenz“ volle Gewissheit erlangt haben.)
Die Erkenntnis ist sich selber nicht mehr der giltige und echte
Ursprung; sie muss durch einen metaphysischen Daseinsgrund
bestätigt und gestützt werden. Der logische Zirkel, der hierin
unvermeidlich liegt, ist schon von den Zeitgenossen Descartes
bemerkt und hervorgehoben worden. Der Zweifel richtet sich
anfangs — wie besonders in der klaren und mustergiltigen Darstellung
 seiner einzelnen Phasen in der „Recherche de la verile
par la lumi@re naturelle“ deutlich wird — nur auf die Existenz
der transscendenten Objekte, nicht auf das Sein der Wahrheiten
selbst. Erst nachträglich und vermöge einer metaphysischen
Fiktion zieht er auch die formalen Prinzipien des Denkens in
seinen Kreis, verschliesst sich aber damit jeden möglichen Rückweg.
 Wir sahen, dass Descartes in der Physik nur deshalb zu
vorschnellen Annahmen gedrängt wurde, weil ihm der schlichte
Gehalt der mathematischen Voraussetzungen nicht genügte; wir
finden jetzt, dass er, indem er nach einem Seinsgrund für die Gesetze
 der Erkenntnis fragt, sich nur zu willkürlichen metaphysischen
 Hypothesen geführt sicht. Ueberall, wo das Denken
seinen eigenen Mittelpunkt und seine eigene, selbstgenügsame
Rechenschaftsablegung aufgibt, verfällt es damit äusseren, seiner
Wesenheit fremden Mächten, gleichviel, ob man diese als „göttlich“
oder „dämonisch“ bezeichnen mag. —
Einen inneren Gradmesser dieser Umwandlung besitzen wir
in dem Bedeutungswandel, den die „eingeborenen Ideen“ allmählich
 erfahren. Sie bezeichnen zunächst und ursprünglich nichts
anderes, als die grundlegenden Voraussetzungen der Methode:
für Descartes, wie später für Leibniz, ist der gesamte Inhalt der
Algebra und Geometrie „eingeboren‘“, weil er als „spontane
Frucht“ aus den Prinzipien der Methode erwächst.®) Niemals
hätte man somit Descartes den Widersinn zutrauen sollen, dass
        <pb n="439" />
        5-Descartes,



das Eingeborene ihm einen fertigen aktuellen Inhalt bedeute, der
von Anfang an der Seele gegenwärtig sei. Er selbst kommt
immer wieder von neuem darauf zurück, dass es sich in ihm
aur um eine „Fähigkeit“ des Geistes handelt, bestimmte Begriffe
 in der Arbeit des Denkens und der vernünftigen Schlussfolgerung
 ‘zu erzeugen und zu, begründen. Mit Recht darf er
daher gegenüber Einwänden, die schon zu seiner Zeit Jaut
wurden, darauf verweisen, dass keiner gründlicher und energischer
 als er selbst mit dem überflüssigen Hausrat „Scholastischer
 Entitäten“ aufgeräumt habe.®) Und wenn Hobbes, dem
Gottesbegriff die Bezeichnung als „eingeborene Idee“ versagt,
weil er nicht unmittelbar in der Vorstellung gegeben ist, sondern
aur durch ein verwickeltes Schlussverfahren gewonnen werden
kann, so bezeichnet Descartes es umgekehrt als das entscheidende
Charakteristikum der echten „Ideen“, dass sie nur auf diesem
Wege zum Bewusstsein gebracht werden können.%) Fällt somit
hier der entscheidende Nachdruck auf die Aktivität des Denkens,
50 vermag die metaphysische Psychologie Descartes’ diesen Gesichtspunkt
 nicht dauernd festzuhalten. Jetzt wird es als die
gemeinsame Eigentümlichkeit der „Ideen“ bezeichnet, dass sie —
im Gegensatz zu den Willensakten, zu denen auch alle Urteile
gerechnet werden — passive Bestimmtheiten des Bewusstseins
bedeuten. Wie im Wachs die Fähigkeit, verschiedene Gestalten
anzunehmen, nicht als eine Tätigkeit, sondern als ein Leiden
anzusehen ist, so müssen wir auch das Vermögen der Seele, bald
diese, bald jene Idee in sich zu empfangen, lediglich als eine
ruhende und indifferente Eigenschaft betrachten.®) Zwar ist
auch in dieser Scheidung und Abgrenzung der Gedanke, dass
unsere Vorstellung einer objektiven Wirklichkeit durch eine
Selbsttätigkeit des Geistes bedingt ist, nicht aufgegeben: — sind
es doch nach Descartes’ Grundanschauung eben die Urteile,
also die aktiven Elemente des Bewusstseins, die die gegebenen
sinnlichen Eindrücke erst zu „Gegenständen“ umzubilden vermögen.
 (S. ob. S. 418 f) Wenn aber jetzt, statt von eingeborenen
Operationen und Akten des Geistes, dauernd von „eingeborenen
Ideen“ gesprochen wird, so erkennt man, dass in diesem Bezriff
 zwei widerstreitende Momente mit einander verschmolzen
sind. Hier gewinnt daher die sensualistische Kritik in der Tat
        <pb n="440" />
        Die melaphysische Bedeutung der „eingeborenen“ Ideen, 429

einen neuen Anhalts- und Angriffspunkt. Wenn die „eingeborenen“
Prinzipien als feste und fertige Gestaltungen gedacht werden,
die auf dem dunklen Grunde des Bewusstseins irgendwie bereit
liegen und durch die Tätigkeit des Denkens nur in hellere Beleuchtung
 gerückt werden —: so werden die reinen Grundkräfte
 des Geistes wiederum zu „Potenzen“ im Aristotelischen
Sinne herabgedrückt. Wie der Begriff des Unendlichen, so erscheinen
 jetzt die übrigen „apriorischen“ Grundlagen vielmehr
als dingliche Produkte: als Siegel, die der Urheber unseres
Daseins uns eingedrückt und aufgeprägt hat. „Die intuitive
Erkenntnis ist eine Erleuchtung des Geistes, vermöge deren er
im Lichte Gottes die Dinge sieht, die dieser ihm entdecken
will: sie erfolgt durch eine unmittelbare Einwirkung der göttlichen
 Klarheit auf unseren Verstand, der hierin nicht als tätig
zu denken ist, sondern lediglich die Strahlen der Gottheit in sich
aufnimmt‘“.®) So mündet der wissenschaftliche Rationalismus
Descartes’ an diesem Punkte unmittelbar in die Mystik ein.
Die eingeborenen Begriffe werden von neuem in alle Zweideutigkeiten
 des Spiritualismus verstrickt: wie denn Descartes gegenüber
Einwänden Gassendis ausspricht, dass das Kind, sobald es von
den Banden des Körpers gelöst würde, die Begriffe Gottes und
aller Wahrheiten alsbald in sich entdecken würde.®*) In dieser
Weise vom „Körper“. abstrahieren, heisst von den Bedingungen
der Erfahrung und Wissenschaft absehen. ——
Die dualistische Trennung zwischen denkender und ausgedehnter
 Substanz, die jetzt einsetzt, lässt sich innerhalb der speziellen
 erkenntnistheoretischen Fragestellung an der Entwicklung
eines einzigen Grundbegriffs verfolgen. Es ist der Begriff der Einbildungskraft,
 an dem wir ebensowohl den Zusammenhang mit
der allgemeinen Mathematik, wie die neue metaphysische Grundtendenz
 deutlich beobachten können. Wir erinnern uns, welche
Bedeutung die „Im agination“ innerhalb der Methode selbst erlangte:
 war sie es doch, auf die alle Aussagen und alle abstrakten
 Verhältnisbestimmungen sich beziehen mussten und in der sie
allein ihre exakte Darstellung fanden. Die anschauliche Figur —
in der Art, wie sie hier gebraucht wurde — war daher selber ein
reines und unentbehrliches Erkenntnismittel. Die Ausdehnung
ist, in der Sprache der „Regeln“ ausgedrückt, eine „Dimension“:
        <pb n="441" />
        Descartes,

ein Gesichtspunkt und ein Verfahren, vermöge dessen wir scheinbar
 verschiedenartige Inhalte auf einander beziehen und mit einander
 vergleichen. (S. ob. S. 390 ff.) Die „Meditationen“ halten in
ihren anfänglichen Entwicklungen durchaus an dieser Auffassung
lest: wie sie davon ausgehen, dass Sinn und Einbildungskraft ohne
Mitwirkung des „reinen Intellekts“ nicht möglich sind, so ist für sie,
wie sie mit klaren Worten aussprechen, die Körperwelt kein abso-:uter
 Gegenstand, der sich von jeder Beziehung auf das Denken losösen
 liesse. „Quand je distingue Ja cire d’avec ses formes exierieures
ot que, tout de meme que si je lui avais öte ses vetements, je la
sonsidere toute nue, il est certain que, bien qu'il se Puisse encore
rencontrer quelque erreur dans mon jugement, je ne la puis
ıcanmoins concevoir de cette sorte sans un esprit humain“.
 Darüber also herrscht hier kein Zweifel, dass die Entzegensetzung
 selbst, vermöge deren wir das wahrhafte und
sleichbleibende „Sein“ des Wachses von seinen zufälligen Beschaffenheiten
 absondern, im Bewusstsein allein ihren Halt
and ihre Bedeutung hat. Ein Grundgedanke der neueren Philosophie,
 den wir bei Nikolaus von Kues entstehen sahen, begegnet
ans jetzt in neuer Fassung und Begründung: Anschauung und
Sinnesempfindung sind selbsteigene Mittel des Geistes, deren er
sich bedient, um auf einem scheinbaren Umwege zur tieferen Erkenntnis
 seiner Wesenheit durchzudringen. (S. ob. S. 60 fi.) Um
so unvermittelter ist der Uebergang, wenn später, um die „reale
Distinktion“ der denkenden Substanz vom Körper zu erweisen,
wiederum auf das Vermögen der „Imagination“ zurückgegriffen
wird. Zergliedere ich dieses Vermögen, so finde ich in ihm nichts
anderes, als „eine gewisse Hinwendung der Erkenntnistätigkeit
auf den Körper, der ihr innerlich gegenwärtig ist und der somit
— existiert“ (une certaine application de la faculte qui connoit
au corps qui lui est intimement present et partant qui existe). Es
kann nicht deutlicher als in diesen Worten zu Tage treten, dass
nier der blosse Akt der Beziehung auf ein äusseres Objekt in
ein unabhängiges Dasein umgedeutet wird: eine Wendung, die
aur möglich war, nachdem im Gottesbegriff der Unterschied
zwischen beiden Momenten bereits nivelliert und aufgehoben war.
Zwischen den beiden „Hälften“ des Seins aber, die sich jetzt
selbständig gegenübertreten, ist keine logische Vermittlung mehr
        <pb n="442" />
        Die denkende und die ausgedehnte Substanz.

481

möglich. Körper und Seele erscheinen nach dem Ausspruch der
Sinne und der alltäglichen Erfahrung, die Descartes in diesem
Punkte ebenso anerkennt, wie er sie anfangs verworfen hatte,
als „verbunden“: aber sie können niemals in wahrhafter Bedeutung
 begrifflich „geeint“ werden. Zwar versucht Descartes
gelegentlich eine solche Einigung, indem er ausführt, dass wir
verschiedene Klassen geistiger Kategorien besitzen, von denen die
zinen zur Darstellung der Körperwelt, die anderen zur Darstellung
der reinen Inhalte des Denkens bestimmt sind, während eine dritte
Klasse „ursprünglicher Begriffe“ dazu dient, uns den Zusammenhang
 von Geist und Körper darzustellen und verständlich zu
machen (Vgl. ob. S. 393.) Indessen lässt es sich zwar begreifen,
wie die Seele „in sich selbst“ die Urbilder findet, nach denen sie
las Denken und seine Bestimmungen umfasst und beurteilt; es
lässt sich weiter verstehen, wie sie mittels der Ideen der Auslehnung,
 Gestalt und Bewegung, die bereits als reine Erzeugnisse
des Denkens bezeichnet waren, das immanente Sein der materiallen
 Erscheinungen ihrem Gesetze unterwirft. Völlig dunkel aber
muss es bleiben, wenn in dem Geiste selbst eingeborene Begriffe
vorausgesetzt werden, die sich nicht auf die Tätigkeit oder den
Inhalt des Bewusstseins beziehen, sondern eine Beziehung zu
ziner fremden, heterogenen Substanz ausdrücken, mit der er
nicht wesentlich, sondern nur zufällig und nachträglich „in Verbindung
 steht“. Descartes selbst muss sich, um diesen Zusammenhang
 zu verdeutlichen, auf eine scholastische Grundanschauung
 berufen: wie die „Qualität“ der Schwere, die selbst
aur ein unteilbares und stoffloses Sein darstellt, die schwere Macerie
 zur Erde zieht, so soll auch die Seele den Körper bewegen
können, ohne sich mit ihm zu vermischen und ihm gleichartig
zu werden.®) Deutlich erkennt man hier, dass er den Anthropomorphismen,
 die er aus der Grundlegung der Physik
jür immer verbannt hatte, in der Ausdeutung des metaphy-‚schen
 Verhältnisses von Leib und Seele nicht zu entgehen
vermochte.
Und so ist es schliesslich — so paradox dies auf den ersten Blick
erscheinen mag — das psychologische Problem, an dem seine
Philosophie, die Philosophie des „Cogito“, scheitert. Die Erkenntnis
der äusseren Natur geht unbeirrt ihren sicheren methodischen
        <pb n="443" />
        UA

Descartes.

Gang. Nur scheinbar ist die ausgedehnte Substanz ihr eigentlicher
Gegenstand; das Objekt, worauf sie vorzüglich gerichtet ist, ist
die Bewegung und ihre Gesetze, Erst das Seelenproblem lenkt
wieder in die Bahnen der alten Metaphysik zurück, Das Selbstbewusstsein
 erfasst sich in seiner Reinheit und Unabhängigkeit:
noch aber vermag es sich nicht damit zu begnügen, sich als notwendige
 Voraussetzung aller Gegenständlichkeit zu denken; es
will sich selber unmittelbar gegenständlich werden. Wir konnten
die allgemeine Tendenz der neuen Wissenschaft kurz in der Formel
aussprechen: dass in ihr der Substanzbegriff durch den Funktionsbegriff
 ersetzt und überwunden wird. Eben dieser Grundgedanke
 ist es, den Descartes in seiner Logik und Wissenschaftstheorie
 zum erstenmal in voller Klarheit erfasst und darstellt,
den er indes gegenüber den Fragen’ der Psychologie nicht durchgehend
 festzuhalten weiss. Dass er diese Fragen in Angriff genommen,
 dass er auch an ihnen die neue Anschauung zunächst
durchaus bewährt und zur Geltung gebracht hat: das erst macht
ihn zum Begründer ‚der neueren Philosophie. Die Erfah rungswissenschaft
 selbst konnte ihren sicheren Halt erst damit gewinnen,
 dass die „substantiellen Formen“ in ihrem eigensten
Gebiet, aus dem sie stammten und aus dem sie beständig neue
Kraft zogen, entwurzelt wurden. Es ist das unvergleichliche geschichtliche
 Verdienst Decartes’, den Kampf, den er selbst nicht
mehr zu Ende führen sollte, zuerst auf dieses Gebiet übertragen
zu haben. Wie auch in ihm auf eine weite Strecke hin die
„Methode‘“ die Leitung und die Vorherrschaft behielt, konnten wir
im Einzelnen verfolgen. Wichtige Grundfragen, an denen die
grossen empirischen Forscher wie Kepler und Galilei vorübergehen
 durften, werden nunmehr zum erstenmal der Ontologie
und der scholastischen Metaphysik abgewonnen und der modernen
 wissenschaftlichen Denkart erschlossen. Wenn man Descartes
in seinem persönlichen Verhältnis zu den wissenschaftlichen
Zeitgenossen betrachtet, so erblickt man ihn in völliger Vereinsamung.
 In Fermat, dem genialsten Mathematiker der Zeit, sieht
er beständig nur den Rivalen, und Galileis Grundwerk erscheint
zu spät, um von ihm, den seine eigene wissenschaftliche Entwicklung
 bereits auf andere Bahnen gewiesen hatte, noch nach
seiner Bedeutung gewürdigt zu werden. Und dennoch fasst seine
        <pb n="444" />
        Die Grenzen der Cartesischen Philosophie. 433

Lehre, wenn man sie von einem höheren geschichtlichen Standpunkt
 betrachtet, alle Tendenzen und Strömungen der neueren
Wissenschaft in sich zusammen, dennoch hat sie den Widerstreit
der Denkarten, der dort nur an vereinzelten Problemen zum Austrag
 kam, allgemein zur Darstellung gebracht und in ihrer eigenen
Entwicklung verkörpert. So ist sie es denn auch, die den philosophischen
 Gehalt der bisherigen Forschung in sich vereint und
die zum Mittelpunkt wird, von dem aus alle die mannigfachen
Wege und Richtungen, die das Problem der Erkenntniskritik
künftig einschlägt. ihren Anfang nehmen.
        <pb n="445" />
        Zweites Kapitel.

Das Kriterium der klaren und deutlichen
Perception und die Fortbildung der
Cartesischen Philosophie.

Die Philosophie Descartes’ beginnt mit der Frage nach der
Geltung und den Grenzen unserer Erkenntnis; sie endet mit den
Problemen . von Seele und Gott. Dieser Gegensatz zweier Betrachtungsweisen
 ist es, der auch der Fortbildung des Cartesianismus
 bei den nächsten Schülern und Nachfolgern das charakteristische
 Gepräge gibt. Der Dualismus der geistigen und körperlichen
 Substanz erscheint äusserlich als dasjenige Problem, das
in der Weiterbildung des Systems zunächst zu bewältigen ist:
aber hinter diesem metaphysischen Dualismus verbirgt sich ein
weiter zurückgehender und tiefer reichender methodischer
Widerstreit. Von der Frage nach der Existenz und Natur der
Seele, nach ihrem Verhältnis zur Körperwelt und zur allumfassenden
 göttlichen Substanz sieht sich die Betrachtung immer wieder
auf die erneute Untersuchung des grundlegenden Kriteriums
der Erkenntnis zurückgewiesen. In all den bekannten Wendungen
 und Wandlungen des Substanzbegriffs — von der Theorie
der Gelegenheitsursachen bis zur prästabilierten Harmonie hin —
spiegelt sich zugleich ein immanenter logischer Entwicklungsprozess
 wieder. Geht man von den Ergebnissen zu den philosophischen
 Gründen und Motiven zurück, so stellt sich die
"nnere Fortbildung des Cartesianismus in den einzeinen Phasen
        <pb n="446" />
        Das Kriterium der klaren und deutlichen Perception. 435

dar, die der Begriff der klaren und deutlichen Erkenntnis
durchläuft. —
In der Betrachtung der Cartesischen Philosophie bestimmten
sich bereits die beiden äussersten Grenzpunkte, zwischen denen
die Entwicklung dieses Begriffs sich vollzieht. Der Wertausdruck
des „Klaren und Deutlichen“ kommt ursprünglich und zunächst
denjenigen Begriffen und Sätzen zu, die der Geist aus seinem
eigenen Grunde und aus eigenem Vermögen selbsttätig entwickelt.
Die Wahrheit jeglicher Erkenntnis ist dadurch bedingt, dass
das Material, aus dem wir sie aufbauen, wie die Mittel, die wir
zu ihrer Formung und Gestaltung verwenden, nicht von aussen,
von dem Zeugnis der Sinne, entlehnt, noch durch irgend eine
jenseitige Offenbarung, deren Grund sich unserem Bewusstsein
entzöge, gegeben ist. Indem das Bewusstsein in den „eingeborenen
Ideen“ die eigene Natur und Wesenheit durchschaut, erschliesst
sich ihm in dieser ersten Erkenntnis zugleich unmittelbar die
objektive Wirklichkeit. Von einer „Trennung“ und Loslösung
der Körperwelt, von einer Vermittlung daher, die die beiden geschiedenen
 Reiche des Seins wieder zusammenführt und zur Einheit
 verknüpft, kann auf diesem Standpunkt keine Rede sein.
Je mehr indes im weiteren Fortgang diese Frage sich
hervordrängte, je deutlicher damit die Wesenheit Gottes als
der Grund für das Dasein und die Verknüpfung der Dinge
herausgehoben wurde, umsomehr musste auch der Ursprung
der Erkenntnis auf diesen alleinigen Mittelpunkt zurückbezogen
werden. Die Ideenerkenntnis erscheint nunmehr als direkte Einwirkung
 der „göttlichen Klarheit“ auf unseren Verstand, der die
Wahrheit nicht zu erschaffen, sondern passiv zu empfangen hat:
die „Intuition“, das Grundmittel der Mathematik droht in das
‚innere Licht“ der Mystik zu verfliessen. (S. ob. S. 429.) Mit
dieser Wendung hat das Prinzip des „Cogito“ seine eigentümliche
and moderne Bedeutung eingebüsst. Wiederum: stehen wir jetzt
der Augustinischen Fassung der idealistischen Grundgedanken
gegenüber. In der Tat ist nicht nur der Ausgang vom Selbstbewusstsein,
 sondern selbst die Hinwendung zur Mathematik
und die Orientierung an ihren ersten Voraussetzungen ein Zug,
der Descartes und Augustin gemeinsam ist. Der entscheidende
und ursprüngliche Gegensatz liegt indes in der Anwendung und

AO
        <pb n="447" />
        136 Das Kriterium der klaren und deutlichen Perception.

dem philosophischen Gebrauch, den beide von der mathematischen
 Erkenntnis machen: während sie für den Einen das Mittel
zum Verständnis und zur Entdeckung der empirischen Wirklichkeit
 ist, ist sie für den andern nur das „Schwungbrett“, durch
das er sich zum Uebersinnlichen erhebt, und der sichere Besitz,
mittels dessen er sich im Reiche des „‚Intelligiblen“ heimisch
macht.)
Soll eine Begründung und Vertiefung der „klaren und deutlichen
 Perception“ gesucht werden, die der modernen Richtung
der Frage entspricht, so eröffnet sich hier nur ein einziger Weg:
die Prinzipien müssen, statt auf einen weiter zurückliegenden
metaphysischen Ursprung zurückgedeutet, in ihre wissenschaftlichen
 Folgerungen entwickelt und in ihnen bewährt und gerechtfertigt
 werden. Der Grund ihrer Geltung, nach dem wir
allerdings fragen müssen, erschliesst sich uns, wenn wir sie als
die notwendigen Bedingungen der wissenschaftlichen Erfahrung
und damit unseres Begriffs der Wirklichkeit erkannt und verstanden
 haben. Wo immer dagegen der Blick nicht nach vorwärts
 auf die Entfaltung der Grundsätze in der Erfahrung, sondern
 statt dessen auf ihre metaphysische Entstehung und Erwerbung
 gerichtet ist, da sind die Grenzen der mittelalterlichen
Weltanschauung nicht prinzipiell überschritten. Ueher der Erforschung
 des Anfangs wird das echte Ziel der Erkenntnis verloren
 und preisgegeben. So wird bei Augustin die Mathematik
zum Zeugen dafür, dass der menschliche Geist „nicht sein eigenes
Licht“ ist: dass er in seinem wandelbaren und vergänglichen Sein
die ewige Wesenheit der reinen Ideen nicht zu begründen, sondern
ihre Erkenntnis nur receptiv als Geschenk der göttlichen Allweisheit
 zu empfangen vermag. Wenn Augustin sich daher zur Begründung
 des rationalen Wissens auf den Platonischen Satz der
Wiedererinnerung berufen hatte, so nimmt er diese Erklärung
später ausdrücklich zurück: dass wir unabhängig von den Sinnen
und der Erfahrung zu den reinen intelligiblen Erkenntnissen uns
erheben können, beruht darauf, dass im Momente, in dem wir uns
ihnen zuwenden, das Licht der Einen universellen und ewigen
Vernunft uns unmittelbar gegenwärtig ist und sich auf uns überträgt.?)
 Das göttliche Wort ist die „verborgene Sonne“, die die
awigen Wahrheiten dem inneren Blick des Geistes enthüllt: es.
        <pb n="448" />
        Cartesianismus und Augustinismus.

437

bleibt für alle menschliche Wissenschaft der einzige und unfehlbare
 Lehrmeister.?)
Hatte sich schon Descartes selbst in der letzten Phase seiner
Enlwicklung dieser gedanklichen Wendung genähert, so tritt sie
immer schärfer bei den Nachfolgern hervor, die den theologischen
und dogmatischen Fragen nicht mehr mit der gleichen inneren
Freiheit und Unbefangenheit, wie er selbst, gegenüberstehen. Die
Verbindung von Cartesianismus und Augustinismus wird
jetzt einer der markantesten und hervorstechendsten Züge in der
geistigen und religiösen Signatur der Zeit. In ihr begegnen sich
die verschiedenen Richtungen, die sich innerhalb der Schule am
schärfsten befehden: in ihr stimmt der Jansenismus, stimmt vor
allem Arnauld mit Malebranche, seinem philosophischen Antipoden,
 überein. Der Gegensatz der Individuen und ihrer Geistesart
 verrät sich nur in der verschiedenen Art, in der sie die gemeinsame
 Aufgabe in Angriff nehmen, in der sie die widerstreitenden
 Denkrichtungen zu versöhnen und einander anzugleichen
 suchen. Wenn Arnauld in seiner Theologie die Gedanken
 Descartes’ und Augustins gleichmässig übernimmt und
fast naiv aneinanderreiht, so sucht Malebranche durch eine
kritische Umbildung der Cartesischen Ideenlehre zu einer höheren
philosophischen Synthese beider Systeme fortzuschreiten. Zur
vollen Erfassung und zu höchster individueller Bestimmtheit aber
gelangt der grundlegende philosophische Widerstreit in Pascal,
der nach seiner geistigen Doppelnatur die Gegensätze in sich
selber durchlebt und zur Darstellung bringt. Während auf der
einen Seite Augustins Lehre von der Erbsünde und Gnadenwahl,
wie sie ihm in dem Werke des Jansenius entgegentritt, seine
gesamte religiöse Entwicklung bestimmt, ist es andererseits das
Vorbild der neuen Methode und die Ausprägung, die sie in der
Geometrie gefunden, die seine Begriffsbestimmung des „Denkens“
bedingt. Wenn Augustin ihm den Inhalt seiner Philosophie darbietet,
 so gibt ihm die Schule der Cartesianischen Logik erst das
Rüstzeug und die Waffe, mit denen er sie behauptet und verteidigt.
 Je lebendiger und persönlicher aber die beiden Züge sich
in ihm durchdringen, um so deutlicher tritt in der Schärfe und
Unerbittlichkeit seiner Dialektik, die den Widerspruch nicht vermeidet,
 sondern ihn aufsucht und vertieft. ihre sachliche Unver-
        <pb n="449" />
        438

Pascal,

einbarkeit hervor. Sein gedankliches Ringen besitzt nicht nur
vereinzelte, psychologische Bedeutung; es wird zum allgemeingültigen
 Symbol, an dem wir uns den Gegensatz der Zeitalter und
den verschiedenen Wert, der dem Erkenntnisproblem in der
mittelalterlichen und der neuen Weltansicht zukommt. zur Anschauuns
 bringen können.

Ein Anhänger Descartes’ ist Pascal niemals in dem Sinne
zewesen, dass er die entscheidenden Ergebnisse seiner Philosophie
 angenommen hätte. Den Widerspruch zwischen der
modernen philosophischen Grundanschauung und dem Gehalt
der Dogmen, an denen er festhält, hat er jederzeit erkannt und
ausgesprochen. Auch die Uebereinstimmung zwischen Descartes.
und Augustin wird dort, wo er sie zuerst berührt, von ihm alsvald
 auf ihr richtiges Maass eingeschränkt. Der Gedanke des.
‚Cogito ergo sum“ ist nicht derselbe im Geiste Descartes’, wo
ar die feste Stütze einer ganzen Physik und die Grundlage einer
oewunderungswürdigen Reihe von Folgerungen ist, und im
Geiste Augustins, für den jenes Prinzip nur ein einzelnes „Apercu“
bedeutet; — beides unterscheidet sich, wie ein Mensch, der voll
von Leben und Kraft ist, sich von einem Toten unterscheidet.“‘)
Fällt in diesem Vergleich — der einer frühen Schrift Pascals,
Jer Abhandlung über den „Geist der Geometrie“ entstammt —
alles Licht auf die Seite der Cartesischen Lehre, so sind es dennoch
 nicht die Folgerungen aus ihr, zu denen Pascal sich
jekennt: es ist das'neue Forschungsideal, von dem er sich
ergriffen fühlt. Nicht im Hinblick auf den materiellen Gehalt
des Systems, sondern der intellektuellen Grundstimmung nach,
aus der, es hervorgegangen ist, ist er Cartesianer. Ein Zeuge
lieser Stimmung ist die einzige naturphilosophische Schrift, die
wir von Pascal besitzen: das Fragment einer „Abhandlung über
das Leere“, Die Grenzlinie zwischen der theologischen und
historischen Forschung, die sich auf Ueberlieferung und somit
auf Autorität stützen muss, und dem Verfahren der theoretischen
Naturwissenschaft, das keinen andern Richter über sich ale Ver-
        <pb n="450" />
        Die rationale Begründung der Wissenschaft. 439

nunft und Erfahrung anerkennt, ist hier in voller Schärfe gezogen.
 Wenn dort der Blick nach rückwärts gerichtet sein muss,
wenn somit die Vollendung mit der Erhaltung und dem Stillstand
 gleichbedeutend ist, so kann das Ziel der empirischen
Forschung nur in dem Ausblick auf einen unendlichen möglichen
 Fortgang begriffen werden. So besteht alle Kunst der
echten Methode in einer gerechten Verteilung von Gläubigkeit
und Misstrauen. Die Achtung vor der philosophischen und
wissenschaftlichen Vergangenheit muss, wie sie sich auf die
Vernunft stützt, von dieser zugleich bemessen und in ihre Grenzen
eingeschränkt werden. Der ununterbrochene, stetige Fortschritt,
der vor keinem festen Ergebnis Halt macht, ist das entscheidende
und charakteristische Vorrecht der wissenschaftlichen Vernunft:
 er ist es, der den Geist des Menschen von den blinden
Naturinstinkten scheidet, deren Werke, wie vortrefflich sie sein
mögen, stets auf ein und demselben Punkte verharren. „Die
Zellen der Bienen waren vor tausend Jahren ebenso genau abgemessen,
 als sie es heute sind; die erste, wie die letzte, stellt ein
reguläres Sechseck von gleicher, unbedingter Exaktheit dar.“
Das Gleiche gilt von allen andern instinktiven tierischen Aeusserungen;
 die Vollendung, in der sie von Anfang an auftreten, ist
zugleich ihr Ende, Von Geschichte im wahren Sinne lässt
sich nur innerhalb der Menschheit sprechen, die wie ein einziges
Individuum ist, das stetig fortdauert und sich beständig weiterund
 höherentwickelt. „Diejenigen, die wir die Alten nennen,
waren wahrhaft neu in allen Dingen und bildeten die Kindheit
des Menschen; wir dagegen, die wir zu ihren Kenntnissen die
Erfahrung der folgenden Jahrhunderte hinzugefügt haben, besitzen
 in Wahrheit jenes Alter, das wir in den Anderen verehren.
 Der Wahrheit, wenngleich sie eben erst entdeckt ist,
gebührt stets der Vorrang; ist sie doch stets älter, als alle Meinungen,
 die man jemals über den gleichen Gegenstand gehabt
hat. Es hiesse ihre Natur verkennen, wenn man glaubte, dass
ihr Sein erst mit dem Augenblick begonnen hätte, in dem sie
zuerst bekannt und ausgesprochen wurde.“ Der vortreffliche und
gelehrte Herausgeber von Pascals Werken, Ernest Havet, hat
aus der philosophischen Literatur des siebzehnten Jahrhunderts
mannigfache. interessante Parallelstellen zu diesen Sätzen ange-
        <pb n="451" />
        Pascal.

führt: dagegen ist ihm die nächstliegende Beziehung auf
Descartes entgangen. In Descartes’ Streitschriften gegen die
holländischen Theologen findet sich in der Tat der Gedanke
Pascals nicht nur seinem allgemeinen Gehalt, sondern auch
seiner eigentümlichen und charakteristischen Form nach vollständig
 wieder. Die Peripatetische Physik — so hält Descartes
hier seinen scholastischen Gegnern entgegen — enthält Nichts,
was nicht in Wahrheit neu, weil altbekannten Erfahrungen
widersprechend, ist: während die seinige sich hinwiederum nur
auf die ältesten Prinzipien, nämlich auf die Begriffe der Ausdehnung,
 Gestalt und Bewegung stützt, die allen Philosophen
gemeinsam und unserm Geiste selbst von allem Anfang an eingepflanzt
 und mitgegeben sind.®)
Schreitet man von Pascals Abhandlung über das Leere sodann
 zu seiner eigentlichen methodischen Hauptschrift fort,
so sicht man, wie in ihr das reine rationale Ideal der Erkenntnis
 sich festigt und zu schärferer Begründung gelangt.
Das Ziel des echten Wissens muss darin bestehen, von keinem
[Inhalt Gebrauch zu machen, den wir nicht zuvor in seiner Ilogischen
 Struktur und Zusammensetzung begriffen und aus den
ersten Bedingungen und Fundamenten des Denkens abgeleitet
haben. Erst in dieser durchgehenden und vollendeten Analyse
wird das gegebene Problemobjekt dem Machtbereich des Verstandes
 unterworfen und seinen Mitteln durchgehend zugänglich
gemacht. Die echte Methode wird somit keinen Begriff dulden
dürfen, den sie nicht zuvor selbsttätig definiert, keinen Satz,
len sie nicht aus diesen ursprünglichen Definitionen abgeleitet
and erwiesen hat. Wenn indes in dieser Forderung das absolute
Vorbild des Wissens festgehalten ist, so muss für die relative
menschliche Erkenntnis allerdings alsbald eine Einschränkung hinzutreten.
 Die ersten Prinzipien, die wir der Mathematik und
mathematischen Physik zu Grunde legen, entziehen sich der weiteren
 Zurückführung auf einfachere Elemente: die Klarheit und
Evidenz, mit der wir sie erfassen, bezeichnet zugleich die Schranke
ihrer begrifflichen Zerlegbarkeit und Beweisbarkeit. Stehen wir
somit hier vor einer Begrenzung, die in der Natur unserer Er-Kenntnis
 selbst ihren Grund hat, so wird doch der Charakter
ınd die immanente Gewissheit, die der Mathematik zukommt.
        <pb n="452" />
        Die Methode der Geometrie.

441

dadurch nicht berührt: „l’ordre de la g&amp;amp;ometrie est A la verite inferieur
 (a Vordre absolument accompli) en ce quwil est moins
convaincant, mais non pas en ce qu'il est moins certain“.
Gleichviel daher, welche Kritik wir vom Standpunkt des abso-\uten
 Wissens an der Geometrie üben: ihr Eigenwert und ihre
innere Selbstsicherheit wird hiervon nicht erschüttert. Die Wissenschaft
 kann im Vertrauen auf ihre ursprünglichen hypothetischen
 Setzungen fortschreiten und sich ausbilden, sie kann ihr
Gebiet sichern und abgrenzen, ohne von einer fremden Instanz
einen Einspruch fürchten zu müssen. Die Mathematik bleibt —
wie immer das Urteil lautet, das ein „unendlicher Verstand“
über sie fällen mag — das Maass und die Erfüllung unseres Intellekts:
 „ce qui passe la geometrie nous surpasse“, Sie allein ist
das Objekt, an dem unsere Logik sich üben und das Vorbild,
nach dem sie ihre Regeln bemessen kann. Es ist eine leere Selbsttäuschung,
 wenn man meint, diese Rangordnung umkehren zu
können; wenn man die geometrischen Beweise, statt in ihnen die
feststehende, sichere Orientierung zu sehen, als Spezialfälle abstrakter
 logischer Vorschriften zu begreifen sucht. Dass daher
die ersten Grundbegriffe, wie Raum, Zeit und Bewegung, keines
weiteren diskursiven Beweises fähig sind, dies wird hier, zu Beginn
 von Pascals Methodenlehre, noch keineswegs als ein innerer
Mangel empfunden. Das „natürliche Licht“ gibt uns eine tiefere
Gewähr ihrer Wahrheit und Beständigkeit, als jede abstrakte
Ableitung es zu tun vermöchte.‘) Das Vertrauen zu der Grundnatur
 unseres Verstandes ist hier noch nirgend erschüttert: sobald
es uns gelingt, sie rein zu erhalten und sie von allen Vorurteilen
der Sinne und der Phantasie zu scheiden, so besitzen wir in ihr
die unverrückbare und allgemeingültige Regel. Wir dürfen auf
eine Erklärung der Bewegung, wie etwa die Aristotelische Definition,
 sie sei die „Verwirklichung des Möglichen“, verzichten:
sind wir doch gewiss, dass Jeder von uns mit voller Sicherheit
und Eindeutigkeit den gleichen begrifflichen Inhalt mit dem
Wort „Bewegung“ verbindet. Ganz ebenso hatte — wiederum mit
Berufung auf das gleiche Aristotelische Beispiel — Descartes gesprochen.
 Gegen Herbert von Cherburys Schrift „De veritate“,
in der eine Begriffserklärung der „Wahrheit“ gesucht wird, hatte
er ausgeführt, dass jedes solche Bemühen müssig sei: „Wahrheit“
        <pb n="453" />
        Pascal.

ist ein Begriff von so ursprünglicher „transscendentaler“ Klarheit,
dass jeder Versuch einer weiteren Erläuterung ihn nur zu verdunkeln
 vermöchte.?)
Kein metaäphysischer Skrupel kann somit auf dem Standpunkt,
 zu dem uns Pascals Wissenschaftstheorie hingeleitet hat,
das Kriterium der klaren und deutlichen Erkenntnis in seinem
Werte beeinträchtigen. Von der Skepsis, die später in den „Pensces“
 gegen unsere „Natur“ und ihre unmittelbaren Offenbarungen
laut wird, findet sich hier noch keine Andeutung: la nature,
qui seule est bonne, est tout familiere et commune.®) Zwar
klingt schon an dieser Stelle ein Motiv des späteren Werkes
an, wenn Pascal zur Charakteristik des Erkenntnisprozesses vor
allem auf die Probleme des Unendlich-Kleinen und Unendlich-Grossen
 hinausblickt. Aber eben von dieser sachlichen Uebereinstimmung
 aus fällt helles Licht auf den Widerstreit, der zwischen
 der methodischen und der metaphysischen Grundabsicht
und Grundstimmung besteht. In den „Pensees“ führt der Einblick
 in die Unendlichkeit des Fortschritts, das Bewusstsein, dass
weder nach der Seite der Vermehrung, noch nach der der Teilung
 jemals ein Abschluss zu finden ist, zur Selbstvernichtung.
des Denkens und seiner Grundgesetze. Das Ich, das jeden Halt
und jeden Standort für sich verloren hat, versucht nicht länger,
das Geheimnis des Seins zu enträtseln: der Intellekt ist sich selbst
nach dem ganzen Umfang seiner Fähigkeiten und seiner Probleme
zum unlösbaren Widerspruch geworden. Die Schrift über die
geometrische Methode scheint äusserlich dieselbe Richtung des
Gedankens einzuschlagen. Auch ihr gilt als feststehend, dass das
Unendliche, von dessen Existenz uns notwendige und zwingende
Gründe überzeugen, uns seiner Natur nach unbegreiflich bleibt.
Hier aber ist es der Verstand selbst, der — im Widerstreit zu
den scheinbaren Gegeninstanzen der sinnlichen Beobachtung und
Vorstellung — das Sein des Unendlichen verficht und bekauptet;
hier sind es die unbestreitbaren und evidenten Prinzipien der
Geometrie, die die Wahrheit der Schrankenlosen Ausdehnung
und Teilbarkeit der Materie erhärten. Den „cChimärischen Schwierigkeiten“,
 die sich die Einbildungskraft schafft, setzt das
mathematische Denken seine „natürliche Klarheit“ und seine fun-Jamentale
 Gewissheit entgegen. Was somit auf der einen Seite.
        <pb n="454" />
        Die Würde des Denkens.

143

vor dem Forum der unmittelbaren Vorstellung, als „unbegreiflich‘“
erscheint, das besitzt andererseits den höchsten Grad der Begreiflichkeit
 und Notwendigkeit, sofern wir ihm unsere Anerkennung,
nicht versagen können, ohne uns in Widersprüche gegen die
ersten Grundsätze alles Verstehens zu verstricken. Hier ist somit
das Unendliche noch nicht das Beispiel eines transscendenten
Inhalts, der das System unserer „natürlichen Begriffe“ entwurzelt
und entwertet; es ist eine Forderung dieses Systems selbst. Das
Bewusstsein darf keinen Inhalt abweisen unter dem Vorgeben,
lass er ihm unfasslich ist, bevor es sich nicht darüber Rechenschaft
 gegeben hat, ob diese Unerfassbarkeit in einem subjektiven
Mangel der Vorstellungskraft oder einem inneren sachlichen Widerspruch
 des Objekts seinen Ursprung hat. Die Streitfrage, um die
as sich handelt, betrifft im Grunde nicht den Gegensatz zwischen
Bewusstsein und absoluter Existenz, sondern erstreckt sich auf die
verschiedenen Funktionen des Erkennens selbst und ihr wechselzeitiges
 Verhältnis. Das Denken allein ist zum Richter über sich
selbst berufen. —
Und in den „Pensees‘“ selbst finden sich, durch alle sittliche
und intellektuelle Skepsis hindurch, Worte, die an diesen ersten
Ausgangspunkt Pascals erinnern. „Der Mensch ist nur ein schwankendes
 und schwaches Rohr, aber er ist ein Rohr, das denkt.
Nicht das Universum braucht sich zu wappnen, ihn zu zerschmettern;
 ein Hauch, ein Wassertropfen ist genug, ihn zu töten.
Aber wenn ihn das Universum zerschmettern würde, so bliebe
er doch stets erhabener als das, was ihn tötet, weil er weiss,
dass er stirbt, und die Macht kennt, die das Universum über ihn
übt. Das Universum weiss Nichts davon. Alle unsere Würde
besteht also im Gedanken. An ihn müssen wir uns hingeben,
nicht an Raum und Zeit, die wir nicht zu erfüllen vermögen.
Arbeiten wir also daran, richtig zu denken: dies ist das Prinzip
jer Moral. Vermöge des Raumes begreift mich das Universum
und saugt mich auf, wie einen Punkt; vermöge des Gedankens
begreife ich es‘“.®) „Die gesamte Körperwelt, das Firmament, die
Gestirne, die Erde und ihre Reiche wiegen nicht den geringsten
der Geister auf, denn er erkennt dies alles und sich selbst, die
Körper Nichts davon“. (Pensees, ed. Havet, XVII, 1.) Wenn für
Descartes das Denken die einzige selbstgewisse Grundtatsache
        <pb n="455" />
        Pascal.

war, durch die er dem universalen theoretischen Zweifel entrann,
 so wird es für Pascal nunmehr zum sittlichen Mittelpunkt
 des Individuums, zu einem Faktum, an dem sein allgemeiner
 ethischer Pessimismus eine Schranke und einen Widerstand
 findet. „L’homme connait qu’il est miserable; il est donc
miserable, puisqu'il l’est; mais il est bien grand, puisqu'’il
le connait“. (VIII, 13.) Und so drängt sich denn auch die Selbständigkeit
 und die Selbstgesetzgebung der Vernunft, die Pascal
gemäss den theologischen Voraussetzungen des Systems leugnen
und unterdrücken muss, immer von neuem wider Willen hervor.
Wie er in den „Provinciales‘“ seinen Ausgang von der Auslegung
and Verteidigung des Dogmas der Gnadenwahl nimmt, um mit
der Verteidigung des Rechtes der Forschung gegen die kirchliche
and päpstliche Autorität zu enden, so begegnet uns in den „Pensees“
 oft unvermittelt ein scharfgeprägtes und charakteristisches
Wort, das uns in dem Apologeten des Offenbarungsglaubens den
Logiker und Methodiker wiedererkennen lässt. „La raison nous
commande bien plus imperieusement qu'un maitre; car en desobeissant
 ä l’un, on est malheureux et en desobeissant A V’autre,
on est un sot“. (VI, 2.) Es ist ein tragisches und paradoxes Geschick,
 dass der Denker, der diese Sätze schrieb, sich berufen
glaubte, das rationale Grundprinzip der neueren Philosophie und
Forschung zu vernichten

T

Das Fragment über die geometrische Methode schliesst bereits
 mit einem Ausblick auf Probleme, die einem anderen Gebiet
und einem anderen Interesse angehören. Wer die geometrischen
Wahrheiten über das Unendliche begriffen, wer die Macht und
Grösse der Natur in der doppelten Unendlichkeit, die uns von
allen Seiten umgibt, durchschaut hat, der wird in der Betrachtung
 dieser Wunder zugleich zum Verständnis seiner selbst und
der Stellung seines eigenen Ich zwischen einer Unendlichkeit und
einem Nichts der Zeit und des Raumes, der Zahl und der Bewegung
 gelangt sein: Erwägungen, die wichtiger und wertvoller
ind, als die ganze übrige Geometrie. So weist zwar nicht die
        <pb n="456" />
        Das Ich und das Universum.

145

Begründung, wohl aber das Ziel der Unendlichkeitsbetrachtungen
 über die bisherigen Grenzen notwendig hinaus. In dem
Moment, in dem das ethische Problem für Pascal lebendig
wird, schwindet für ihn zugleich die Bedeutung der theoretischen
Wissenschaft und ihrer spekulativen Lösungsversuche dahin. Von
nun an befinden wir uns völlig im Bannkreise Augustinischer
Stimmung: „Deum et animam scire cupio. Nihilne plus? Nihil
amnino“, Sobald wir uns der Betrachtung des Menschen zuwenden,
 sobald wir hier das Ziel und den Mittelpunkt alles
Wissens erkennen, erweist sich alles „abstrakte“ Wissen als untauglich:
 als ein Irrlicht, das uns über die Bedingtheit unseres
Wesens und unsere Rangordnung im Universum immer von neuem
täuscht. (VI, 23.) „Die Erkenninis der äusseren Dinge wird mich
über meine Unkenntnis der Moral in Zeiten der Bedrängnis nicht
trösten; die sittliche Erkenntnis aber wird mich jederzeit über
meine Unkenntnis der äusseren Dinge trösten“ (VI, 41). Somit
verliert die spezielle Physik, weil sie uns dem innersten und
centralen Interesse entfremdet, jede philosophische Bedeutung.
Das empirische Forschungsideal Descartes’ wird verworfen: wir
mögen allgemein feststellen, dass die körperlichen Erscheinungen
durch Gestalt und Bewegung zustande kommen, aber ans Werk
zu gehen und ihren Mechanismus im Besonderen aufdecken zu
wollen, ist lächerlich; „wäre das, was man auf diese Weise findet,
wahr, so würde die ganze Philosophie nicht eine Stunde Mühe
aufwiegen“ (XXIV, 100). Die Erkenntnis der Einzigkeit des sittlichen
 Problems schliesst die spiritualistische Verachtung der
Körperwelt und ihrer besonderen Gesetze ein.
Und dennoch ist es bezeichnender Weise nicht die Geschichte
 und die theologische Ueberlieferung, an die sich Pascal
zur Lösung seiner Aufgabe in erster Linie wendet. Seine Methode
bleibt auch hier die des psychologischen Analytikers. Die Grundtatsachen,
 von denen auszugehen ist, gilt es in uns selbst zu entdecken
 und herauszuheben; die Fragen treten nicht von aussen an
uns heran, sondern sie sind uns durch die Widersprüche unseres
eigenen Wesens zwingend aufgegeben. In der Entwicklung dieser
Widersprüche, in der Darstellung der Grösse und des Elends des
Menschen vollendet sich Pascals dialektische und stilistische
Meisterschaft. Es ist auch hier die intellektuelle Verzweiflung,
        <pb n="457" />
        Pascal.

die Ungewissheit über das Woher und Wohin des Ich und des
Alls, die sich am ergreifendsten ausspricht. Zu ihr gesellt sich das
Gefühl unserer moralischen Doppelnatur, der gemäss wir beständig
in einer unhaltbaren Mitte dahinleben; gleich unvermögend, die
Forderung, die uns bedrückt, abzuwerfen, wie sie zu erfüllen; gleich
unfähig zum Guten wie zum Bösen, zu einer entschlossenen Bejahung
 des einen oder des anderen Extrems. Jedes unbefangene
und unmittelbare Lebensgefühl wird durch die Reflexion vergiftet;
jede Reflexion wiederum durch die Forderungen des Augenblicks
vereitelt. „Wir begehren die Wahrheit und finden in uns nur
Ungewissheit. Wir suchen das Glück und finden nur Elend und
Tod. Wir sind ausser stande, auf Wahrheit und Glück zu verzichten
 und ausser stande, Gewissheit und Glück zu finden“. Und
der Widerspruch, der Jas Leben des Einzelnen durchzieht, wiederholt
 und verschärft sich im Leben der Gemeinschaft. Auch hier
ist uns die Forderung des Rechts lebendig und lässt sich nicht
zum Schweigen bringen; aber alle empirische und soziale Wirklichkeit,
 die uns umgibt, steht zu ihr in unversöhnlichem Gegensatz.
 Jeder Ausgleich und jede Einigung, die versucht wird,
führt uns nur um so tiefer in ein trügerisches Sophisma: wir verdecken
 den inneren Widerstreit, indem wir die ideale Norm selbst
nach den bestehenden realen Gewalten modeln und zurechtrücken.
Das Recht ist dem Streite der Meinungen unterworfen, die Gewalt
dagegen ist zweifellos und an deutlichen Anzeichen erkennbar: so
hat man es vorgezogen — da es sich nicht bewirken liess, dass das
Gerechte stets auch die Macht habe — umgekehrt die Macht gerecht
zu nennen, wodurch man allem Widerstreit glücklich entgangen ist
(VI, 7 u. 8). Und so bleibt allgemein die willkürliche und wandelbare
 Konvention, mit welch klingenden Namen wir sie immer
ausstatten, der Grund und die Regel alles sozialen Zusammenlebens.
 Der feste Punkt, von dem aus wir die einzelnen Handlungen
 beurteilen und bemessen können, besteht auch hier nur
in der Einbildung und in der Forderung. Die Vernunft bietet
sich zur Entscheidung an; aber sie erweist sich alsbald als ein
gefügiges Werkzeug, das allen Parteien gleichmässig zur Verfügung
steht und sich nach allen Interessen biegen und zurechtdeuten
lässt“ (VII, 4). Statt die unwandelbare Einheit zu behaupten, sieht
sie sich selbst in die Mannigfaltigkeit der Wünsche und TLeiden-
        <pb n="458" />
        Das Mysterium der Erbsünde,

+ dd

schaften verstrickt und ihres Seins und ihres Charakters beraubt.
Und wir begreifen allgemein, dass an dem Problem, das wir hier
vor uns haben, jede rationale Erklärung versagen muss. Die Ableitung
 aus einem einzigen, höchsten Prinzip zu versuchen, hiesse
die Frage nicht lösen, sondern verleugnen und aufheben — hiesse
den ursprünglichen und unaufheblichen Dualismus, der uns im
Widerstreit unserer Natur mit sich selbst zum Bewusstsein gelangt
ist, wiederum verkennen. Die Gegensätze, die sich vor uns erschlossen
 haben, wären in einem „einfachen“ Subjekt unmöglich;
der psychologische Grundwiderspruch klärt sich erst, wenn wir
eine Doppelheit in der metaphysischen Natur und dem metaphysischen
 Ursprung unseres Ich erkannt haben (XII, 4 u. 11).
So bildet das Dogma der Erbsünde, indem es uns eine uranfängliche
 Entzweiung unseres Wesens kennen lehrt, die letzte und
einzige Lösung. „Certainement rien ne nous heurte plus rudement
 que cette doctrine; et cependant, sans ce mystere, le plus
incomprechensible de tous, nous sommes incomprchensibles
 ä nous-memes. Le noeud de notre condition prend ses
replis et ses tours dans cet abime; de sorte que l’homme est
plus inconcevable sans ce mystere que ce mystere n’est
inconcevable ä l’homme“ (VIII, 1). Die Paradoxie von Pascals
Methodik, der Gegensatz zwischen dem Ergebnis und dem Verfahren,
 durch welches es erreicht wird, tritt jetzt in voller
Deutlichkeit hervor. Das „Unbegreifliche“ soll als die letzte und
notwendige Voraussetzung und Bedingung alles Begreifens erwiesen
 werden; das Mysterium bildet die einzige giltige Hypothese,
 die uns die Erscheinungen unseres inneren Lebens deutet
und aufhellt.
Um diese Wendung zu begreifen, müssen wir zunächst bei
den besonderen dogmatischen Voraussetzungen verweilen, von
denen Pascal seinen Ausgang nimmt. Wie er, unter allen Jüngern
von Port-Royal, die Jansenistische Lehre nach aussen hin am
entschiedensten gegen die kirchliche Autorität verteidigt hat, so
zeigt er sich innerlich von ihr bis in ihre letzten und äussersten
Folgerungen hinein bestimmt und erfüllt. Und.es sind nicht
nur die psychologischen Grundmotive des Augustinismus, die
er in voller Unmittelbarkeit in sich erlebt: auch den extremsten
Folgerungen, auch allen logischen Widersprüchen und allen
        <pb n="459" />
        x 9

Pascal.

sittlichen Härten der Gnadenlehre gibt er sich nunmehr ohne Widerstand
 und ohne den Versuch einer Abschwächung und Umdeutung
hin. Jansenius’ Werk über Augustin bildet den latenten Mittelpunkt,
 auf den alle seine Gedanken sich zurückbeziehen und in
dem sie ihre letzte Einheit finden. Das Freiheitsproblem, wie
Pascal es erfasst und begreift, kann nicht gelöst, ja nicht formuliert
werden, wenn man nicht mit diesem Werke einen doppelten Zustand
 der Menschennatur unterscheidet. Wenn im Stande der Unschuld
 dem Menschen das ursprüngliche Vermögen zukam, sich
selbsttätig zu bestimmen, wenn die göttliche Gnade in seinen Handlungen
 zwar mitwirkte, von ihm selbst aber nach freiem Ermessen
angenommen oder zurückgewiesen werden konnte: so ist in seiner
jetzigen Natur diese Fähigkeit zur Selbstbestimmung für immer in
ihm ausgelöscht. Jede sittliche Regung, jede Rückwendung'zur göttlichen
 Wesenheit ist nunmehr der Einwirkung des menschlichen
Wollens und Handelns entzogen; sie ist ein Geschenk der göttlichen
Gnade, die sich dem Einzelnen ohne sein Verdienst und seine
Beihilfe unmittelbar mitteilt. Vor der Allmacht und dem Zwange
dieser Gnadenwirkung schwindet jeder Widerstand und jede Wahl
des Individuums dahin. In jedem Augenblick des menschlichen
Daseins muss sich das Wunder der Erlösung von neuem wiederholen:
 die natürlichen Kräfte des Geistes sind, sich selber überlassen,
 gleich unfähig, sich zur geringsten Erkenntnis der Wahrheit,
 wie zu eigener, sittlicher Veberzeugung und Tat durchzuringen.
 Unser Wissen, wie unser ethisches Handeln ist nicht die
spontane Frucht unseres geistigen Wesens, sondern das Werk
eines übermächtigen Einflusses, dem wir erliegen. Das Wunder
aber vollzieht sich nach freiem Ermessen und freier Wahl, vor
der jede Frage der natürlichen und menschlichen „Gerechtigkeit“
zu verstummen hat: nicht die „Würdigkeit“ des Einzelnen, sondern
 lediglich die unumschränkte, an kein Gesetz gebundene göttliche
 Willkür entscheidet.) Pascal hat dem Gedanken des
Jansenius, den er aufnimmt, die schärfste Wendung und Zuspitzung
gegeben: die Gerechtigkeit, die Gott gegenüber den „Verworfenen“
übt, ist weniger anstössig, als seine Barmherzigkeit gegen die Auserwählten
 (X, 1). So steht den wenigen begnadeten Individuen
eine einzige „Masse der Verlorenen“ beständig und für immer
gegenüber. Alle Werke der Gottheit, alle ihre Offenbarungen in
        <pb n="460" />
        Der Jansenismus.

449

der Schrift und der Geschichte setzen diesen unaufheblichen Gegensatz
 voraus und sind auf ihn bezogen und berechnet: „on n’entend
rien aux ouvrages de Dieu, si on ne prend pour principe
qu’il a voulu aveugler les uns et eclairer les autres“
(XX, 19), Die schillernde Zweideutigkeit, die allen Prophezeiungen,
 allen Wundern anhaftet: sie ist selbst eine innere Notwendigkeit
 des göttlichen Weltplans; die Offenbarung durfte nicht deutlicher
 sprechen, ohne ihre List zu vereiteln, durch dieselben
äusseren Zeichen die Einen zu erleuchten, die anderen zu verblenden.
 Es reicht hin, „dass sie dunkel genug war, um die
Verworfenen zu täuschen, und klar genug, um ihren Irrtum unentschuldbar
 zu machen und sie zu verdammen‘“ (XVI, 9; XX, 1;
XXIV, 18). Wir begreifen nunmehr die Unmöglichkeit jeder
rationalen Einsicht in eine Religion, deren innerste Absicht
und deren innerster Gehalt darin besteht, den Verstand, sofern er
losgelöst von übernatürlichem Beistand bleibt, in die Irre zu
führen. Könnte sie bewiesen, könnte sie mit den natürlichen
Kräften des Geistes ergriffen werden, so wäre sie nicht mehr, was
sie ist: „c'est en manquant de preuve, que’elle ne manque pas de
sens“ (X, 1).
Es bleibt die Aufgabe der Geschichte der Religionsphilosophie,
sich in diese Grundfragen von Pascals Dogmatik zu versenken.
Aber auch hier konnten wir an ihnen nicht völlig vorübergehen,
denn nur von ihnen aus erklärt sich die Stellung des Erkenntnisproblems
 innerhalb des Systems. Nun begreift sich, dass die
Skepsis Pascals nicht der Gegensatz, sondern die notwendige Ergänzung
 und das unentbehrliche Mittelglied der Erfassung der religiösen
 Wahrheit ist. Wenn sie sonst eine Vorstufe bedeutet, die
durch den Offenbarungsglauben erledigt und überflüssig gemacht
wird, so dient hier der Glaube dazu, sie um so fester zu begründen,
sie zu erklären und zu rechtfertigen.!!l) Solange der Vernunft noch
— auf irgend einem Gebiete immanenter Erscheinungen — das
Recht und die Möglichkeit fester Entscheidung gelassen ist, solange
 ist das geistige Individuum nicht völlig vernichtet und
der göttlichen Allmacht aufgeopfert. Noch in den „Provinciales“
hatte Pascal, indem er sich auf die Seite Galileis stellte, die Beweiskraft
 der methodischen Erfahrung als eines göttlichen Zeugen
segen die Autorität der Kurie verfochten,!?) jetzt gilt ihm jede

4
        <pb n="461" />
        Fascal.

Vertiefung der neuen empirischen Wissenschaft als Prinzipieller
Irrweg.18) Die evidenten Grundwahrheiten der Mathematik, vor
denen die Analyse der methodischen Hauptschrift Halt machte,
werden jetzt in den Kreis der Skepsis hineingezogen. Ihre Wahrheit
 ist nicht die des Denkens, das von sich selbst und seinem
Grunde Rechenschaft abzulegen vermag, sondern die des Gefühls:
„les principes se sentent“, Das Herz ist es, das uns die Gewissheit
der Grundbegriffe von Raum und Zeit, Bewegung und Zahl verbürgt;
das Herz empfindet, dass der Raum drei Dimensionen hat und
dass die Zahlen unendlich sind (VIII, 6). Die Schranke zwischen
den Fragen der Vernunft und der Theologie, zwischen „mathematischer“
 und „moralischer“ Gewissheit ist gefallen. Und das
Verdikt, das über unsere moralische „Natur“ gefällt wurde, entwurzelt
 daher in gleicher Weise unmittelbar den Grund aller
wissenschaftlichen Erkenntnis. „Humiliez-vous, raison impuissante;
 taisez-vous, nature imbecile: apprenez que l’homme passe
infiniment l’homme, et entendez de votre maitre votre condition
veritable que vous ignorez“ (VII, 1). So sehen wir, wie der Begriff
 der „klaren und deutlichen Perception“ sich unfähig erweist,
der metaphysischen Entwertung und Vernichtung der Wissenschaft
 entgegenzutreten. Und den Anfang und Grund zu der
inneren Krisis, die dieser Begriff jetzt durchläuft, müssen wir
im Systeme Descartes’ selbst suchen. Hier bereits fanden wir
den Satz, dass wir, ehe wir über die Gewissheit der Axiome
des Erkennens urteilen können, zuvor den Ursprung unseres
Daseins durchschaut haben müssen; hier bereits wurde zuletzt
die rationale Ordnung, verkehrt, indem die Geltung der notwenwendigen
 Wahrheiten auf die Existenz und den Willen Gottes
gestützt wurde. (S. ob. S. 426 f.) Die Fiktion des „Dieu trompeur“
ist jetzt zur Wahrheit geworden; die Annahme, die bei Descartes
als absurd und nichtig erwiesen wurde, wird jetzt als ein notwendiges
 Moment innerhalb des allgemeinen göttlichen Weltplans
 erhärtet. Descartes durfte mit dieser Fiktion spielen, denn
der Gedanke an die „Wahrhaftigkeit Gottes“ war ihm zuletzt
nichts anderes als ein anderer Ausdruck für seinen Glauben an
die Vernunft und ihre „eingeborenen Ideen“. Hier indes ist
jeder Rückweg abgeschnitten: „der Pyrrhonismus ist die Wahraeit“.
 denn vor dem Erscheinen Christi gab es kein Mittel. den
        <pb n="462" />
        Die skeptische Vernichtung des Wahr heitsbegriffs. 451

Menschen über sich selbst aufzuklären, gab es kein natürliches
Merkmal, Wahr und Faisch zu unterscheiden (XXIV, 1).
Der Verlust des Wissens aber muss fast geringfügig scheinen,
wenn man ihm die ethischen Konsequenzen dieses Systems
gegenüberstellt. Der sittliche Begriff der Menschheit ist aufgehoben;
 an seine Stelle tritt die Gemeinschaft der Auserwählten
und der Heiligen. Die grossen Beispiele der Geschichte und des
Altertums berühren uns kaum — denn was können sie uns bedeuten?
 — wohl aber rührt uns der Tod der Märtyrer, da sie
ein und derselbe Körper, wie wir sind. „Nous avons un lien
commun avec eux: leur resolution peut former la nötre, non
seulement par l’exemple, mais parce qwelle a peut-&amp;amp;tre merite
la nötre. Il n’est rien de cela aux exemples des paiens: nous
n’avons point de liaison avec eux“ (XXIV, 22). Wie es
ausserhalb der Persönlichkeit Christi keine Vermittlung zwischen
Gott und Mensch gibt, so wird auch alle moralische Beziehung
zwischen den einzelnen Individuen erst durch sie geknüpft.
Jede Sittlichkeit, die sich nicht auf die Grundüberzeugung
von der Erbsünde und der Erlösung stützt, bleibt chimärisch
und grundlos (XXIII, 2 u. 7). Dem Andersgläubigen gegenüber
muss daher jedes natürliche Mitgefühl verstummen. „Es ist
erstaunlich und der höchsten Aufmerksamkeit wert, das jüdische
Volk seit so vielen Jahren bestehen zu sehen und es in beständigem
 Elend zu erblicken; aus dem Grunde, dass Beides,
seine Fortexistenz wie sein Elend, gleich notwendig zum Beweise
Christi ist“ (XIX, 4). Das Ziel von Pascals Ethik ist die Entwurzelung
 des natürlichen Persönlichkeitsgefühls, die völlige
Auflösung und Hingabe des Ich. „Le Moi est haissable . . car
chaque Moi est l’ennemi et voudrait @tre le tyran de tous les
autres‘ (VI, 20). Und dennoch kann man bis in die mystische
Ekstase hinein, in der das Ich mit dem Erlöser verschmilzt, die
Spuren jenes Egoismus verfolgen, den Pascal zu überwinden
glaubt. In der Vernichtung vor Gott, in der Gewissheit des
Heils, die aus ihr quillt, gelangt der Einzelne dennoch dazu,
sich seiner Ausnahmestellung bewusst zu werden. Der Genuss
seiner Seligkeit setzt voraus, dass er sich der „massa perditionis“
gegenüber und aus ihr herausgehoben weiss. Und so führt denn
Jiese Lehre, indem sie alles Interesse auf das Individuum und

ax
        <pb n="463" />
        7

Pascal.

sein Verhältnis zur Gottheit konzentriert, zuletzt unaufhaltsam
zur völligen Vereinzelung. Pascals eigene Lebensgeschichte
bietet hierfür den tragischen Beweis: sie zeigt, dass er, je mehr
er der eigenen Lehre zu leben sucht, sich um so gewaltsamer
allen natürlichen Grund- und Gemeinschaftsgefühlen entfremden
muss. 14) „Nous sommes plaisants de nous reposer dans la societe
de nos semblables. Miscrables comme nous, impuissants comme
nous, ils ne nous aideront pas; on mourra seul; il faut done
faire comme si on Ctait seul“ (XIV, 1), Kein Wunder, dass
Bayle sowohl, wie Voltaire dieser Lehre ihre stärksten Argumente
 zur Abweisung jeder rein theologischen Begründung der
Sittlichkeit entnehmen und dass noch der junge Goethe ihnen
Ddeistimmen konnte.
Vom geschichtlichen Standpunkt aber bildet auch hier wiederum
 die Lehre Pascals das Symptom eines allgemeinen, inneren
Mangels des Cartesischen Systems. Die strenge Grenzscheidung
zwischen Vernunft und Autorität blieb in ihm auf das theoretische
Gebiet beschränkt: es fehlt der Lehre Descartes’ an einer selbständigen
 und eigentümlichen Grundlegung der Ethik. Die provisorische
 Moral, die der „Discours de la methode“ entwickelt
and die die bedingungslose Hingabe des Einzelnen an die bestehenden
 Gebräuche und Satzungen fordert, ist niemals endgiltig
beseitigt und ersetzt worden. Wenn Descartes sich später dem
Jroblem der Leidenschaften zuwendet, so spricht er auch hier
mehr als Physiologe, denn als Ethiker. So blieben denn auch
m Begriff des Willens und in seinem Verhältnis zum Intellekt
mannigfache innere Schwierigkeiten zurück. Und wenn schon
vei ihm selbst der Wille es ist, der die Wahrheit der klaren
und deutlichen Verstandeseinsicht erst bestätigen und sanktionieren
 muss, so begreift man, dass bei Pascal die beiden Grundkategorien
 der theoretischen und sittlichen Wahrheit gemeinsam
 auf den Ursprung der inneren Empfindung zurück gedeutet
werden und damit in einander verschmelzen und übergehen.
Die eigentliche Gefahr liegt indes nicht in dieser Subjektivierung:
 denn hier ist es doch noch die Psychologie, ist es
somit das Bewusstsein, das zur Entscheidung aufgerufen wird.
Erst in der Jansenistischen Gnadenlehre, die Natur und Selbst
der Sünde preisgibt, geht auch dieser letzte Halt verloren. So
        <pb n="464" />
        Wille und. Intellekht.

453

endet Pascal zuletzt mit innerer Notwendigkeit in dem Autoritätsprinzip,
 das die „Lettres Provinciales“ bekämpft und für
immer blossgestellt hatten. An Stelle des mystischen Glaubens,
den das Ich von aussen passiv zu erwarten hat, werden die
‚Werke“ und Zeremonien das eigentliche Ziel seiner praktischen
Betätigung. Da die Gnade als freies Geschenk gegeben und
durch die sittliche Arbeit des Selbst nicht notwendig bestimmt
und herbeigeführt wird, so bleibt für diese allein die Aufgabe
 übrig, die äussere „Maschine“, den Automatismus des Gedankens,
 zu lenken und gefügig zu machen. „Suivez la maniere
par olı (les fideles) ont commence: c’est en faisant tout comme
s’ils croyaient, en prenant de l’eau benite, en faisant dire des
messes etc.; naturellement möme cela vous fera croire et
vous abetira. — Mais c'est ce que je crains. — Et pourquoi?
qu’avez-vous a perdre?“ (X, 1.) Man hat vergebens versucht, die
schneidende Schärfe dieses Wortes abzustumpfen. Wenn irgendwo,
 SO gilt hier, was Pascal selbst in einem anderen Zusammenhange
 ausgesprochen hat: un mot de cette nature determine tous
‚es autres . , jusque la ambiguite dure, et non apres (XXIV, 26).
Was in Pascals „Welte“ auf dem Spiele steht, das haben die
Penseces mit aller Ehrlichkeit und Entschiedenheit herausgesagt,
indem sie immer von neuem wiederholen, dass alle Würde und
alles Verdienst des Menschen im Denken besteht. Aber eben
diesen Einsatz gilt es zu wagen, eben diesen Wert und diese
Grundeigentümlichkeit des Ich gilt es zu opfern, um es damit
einer höheren Ordnung teilhaft zu machen.
Um das Ziel, zu dem die Skepsis hier geführt wird, zu verstehen
 und zu beurteilen, müssen wir es ihrem Anfang und Ausgangspunkt
 gegenüberstellen. Die Erinnerung an Montaignes
Essais ist in dem Werke Pascals überall lebendig, ja sie wirkt,
bei all seiner literarischen Originalität, bis in die stilistische
Fassung der einzelnen Gedanken fort. In Montaigne fasst sich
für Pascal — wie er in seiner Unterredung mit M. de Saci ausführt
 — der Gehalt und das Ergebnis der gesamten weltlichen
Philosophie zusammen. Die Demütigung der natürlichen
Geisteskräfte bildet den Anfang jeder wahren Erkenntnis unseres
 jenseitigen Ursprunges, Und dennoch hat der Zweifel
bei Montaigne und Pascal eine diametral entgegengesetzte Be-
        <pb n="465" />
        Pascal.

deutung. Für Montaigne ist er ein durchgehend angewandtes,
intellektuelles Verfahren; die Art und rastlose Betätigung der
Forschung, die er in unvergleichlicher Weise schildert. „Nul
asprit genereux ne s’arreste en soy: il pretend tousiours, et va
dultre ses forces; il a des eslans au deläa de ses effects: s’il ne
S’advance, et ne se presse, et ne s’accule, et ne se chocque et tournevire,
 il n’est vif qu'’äa demy; ses poursuites sont sans terme et
sans forme; son aliment, c'est admiration, chasse, ambiguite“
‘Essais III, 13). Ist somit die Skepsis hier nichts anderes, als
das Lebenselement und die beständige Form und Uebung des
Geistes, so begreift es sich, dass in ihr zuletzt auch ein neuer
und gültiger Inhalt des Geistes erarbeitet und entdeckt wird.
S.ob. 5.176 ft.) Für Pascal dagegen ist der Zweifel mehr als eine
derartige Methode, die Dinge zu befragen. Die skeptischen Instanzen
 bedeuten ihm ein feststehendes Ergebnis, von dem er
ausgeht. Sie hezeichnen diejenige Grundtatsache, an die seine
philosophische Forschung anknüpft, während er das Prinzip zu
ihrer Erklärung und Begründung im Dogma findet. Man versteht
 nach dieser ersten fundamentalen Umkehrung den charakteristischen
 Gegensatz in allen Endergebnissen, Wie Pascal die
aeue Natur- und Geschichtsansicht, die Montaigne verkörpert, bekämpft,
 so muss er sich in seiner Anschauung und Schätzung
des Lebens und der empirischen Wirklichkeit von diesem — und
mit ihm von der gesamten Renaissance — abscheiden. Das end-.iche
 Dasein erhält ihm erst, indem er es an eine jenseitige Ordaung
 anknüpft, Sein und Zusammenhang; es bleibt, für sich selbst
vetrachtet, ohne Wert und ohne Bedeutung.
Treten uns hier noch überall die Grundzüge der miltelalterlichen
 Weltansicht entgegen, so bedeutet doch Pascals Philosophie,
 wenigstens mittelbar, einen wichtigen Schritt zur Scheidung
 des Alten und Neuen, Der Gegensatz zwischen scholastischer
Theologie und neuerer Wissenschaft, der in Descartes’ System absichtlich
 verdeckt war, ist jetzt in voller Schroftheit und Deutlichkeit
 erklärt. Es ist der Vorzug Pascals, dass er in der Ehrlichkeit
und unverbrüchlichen Konsequenz seines Denkens ‚diesen Gegensatz
 überall ans Licht zieht, während seine Genossen von Port-Royal,
 vor allem Arnauld, noch daran arbeiten, die Glaubenslehre
 nach dem Gesichtspunkt des Cartesianismus zurechtzurücken
        <pb n="466" />
        Verhältnis zu Montaigne.

455

und die Vereinbarkeit der neuen Physik mit der Lehre von der
Transsubstantiation zu erweisen. Pascal spricht es aus — und
man kann dieses Wort als den Schlüssel des „Pensees“ bezeichnen
— dass Gott niemals das Ende einer Philosophie sein kann, wenn
ar nicht deren Prinzip und Anfang ist (XXV, 78). Dieser Satz
zilt in gleichem Sinne für den neuen Ausgang und Mittelpunkt,
Jen die moderne Philosophie gefunden hatte. Auch dieErkenntnis
muss überall dort, wo sie nicht an die Spitze gestellt wird, folgerichtig
 geleugnet und ihres Wertes beraubt werden. Den Widerstreit
 zwischen beiden Wegen und Richtungen des Denkens und
lie notwendige Alternative, zwischen ihnen zu wählen, kann man
sich an keinem Punkte der Geschichte der neuen Philosophie
deutlicher. als am Svstem Pascals zum Bewusstsein bringen. -

B) Logik und Kategorienlehre.

Die neue Mathematik und Physik, deren Idealbegriff Deszartes
 entwirft, fordert zu ihrer Ergänzung ‚und Stütze eine
neue Grundlegung der Logik. Die scholastische Physik kann erst
dann als ernsthaft überwunden gelten, wenn ihr traditioneller
Unterbau, wenn die Aristotelische Kategorienlehre und Syllogistik
verdrängt und durch eine veränderte Fassung der logischen Aufgabe
 ersetzt ist. Die Forderung, den neuen Gehalt in den
alten Formen darzulegen und zu verteidigen vergleicht der
‚Discours de la Methode“ dem Verlangen eines Blinden, der
ainen Sehenden auffordern würde, mit ihm in einen dunklen
Keller herabzusteigen, um dort seinen Streit mit ihm auszufechten.
Wie es hier, um den Sieg zu entscheiden, genügen würde, die
Fenster zu öffnen und das volle Tageslicht einströmen zu lassen,
30 Soll das Licht. der neuen Methodik für sich ausreichen, den
Inhalt der Naturlehre zu begründen und sicher zu stellen.) Dem
Radikalismus dieser Forderung indes vermochte die Epoche Descartes’,
 vermochten auch seine nächsten Schüler und Anhänger
nicht zu genügen. Zu tief wurzelten hier noch die Elemente der
scholastischen Bildung, zu eng war noch jede Fragestellung an
jas herkömmliche logische Schema gebunden. So zeigt sich in
        <pb n="467" />
        16

Logik und Kategorienlehre.

der Logik der Cartesischen Schule vor allem das Bemühen, den
modernen Inhalt in das überlieferte Gewand des Beweises und
der Schlussfolgerung zu kleiden. Der Titel der Claubergschen
Logik: „Logica vetus et nova“ ist bezeichnend für eine
ganze litterarische Richtung, die mit diesem Werke ihren Ausgang
nimmt. Die Vorrede dieser Schrift hebt ausdrücklich hervor, dass
sie zu grösserer Vollendung hätte gelangen können, wenn die Rücksicht
 auf die Forderungen der Zeit nicht eine Verbindung des
Alten und Neuen verlangt hätte.) Und die neuen Motive selbst
liegen hier mehr in der Richtung der Psychologie, als in der der
eigentlichen Logik. Die individuellen und besonderen Bedingungen
Jes Denkaktes, die Frage etwa, in welchem Lebensalter sich der
Einzelne der Erforschung der Wahrheit zuerst zuwenden soll und
welche Zeit und Stunde hierfür am geeignetsten sind, werden
aingehend erwogen. Der Mechanismus des Denkens, nicht der
Aufbau und der inhaltliche Zusammenhang der Gedanken steht
‚m Mittelpunkt des Interesses. So sind es denn auch nicht sowohl
Mathematik und Physik, als Grammatik und Rhetorik, zu denen
die Logik hier in nahe Beziehung tritt.) Der gleiche Zug tritt
uns sodann in der „Logique de Port Royal“, dem eigentlichen
Schulbuch des Cartesianismus, entgegen. Auch hier werden die
Beispiele zwar mit Vorliebe der Mathematik und der modernen
empirischen Forschung entnommen, wodurch die Darstellung des
Stoifes belebt und freier gestaltet wird: das Prinzip der Anordnung
und des Beweisganges aber ist dennoch das alte Aristotelische geblieben.
 Die Abweichungen liegen wiederum zumeist im Gebiet
der Psychologie: in dem breiten Raume, der der Erörterung der
individuellen Förderungen und Hemmungen des Wissens gewährt
wird, in der eingehenden Darstellung und Zergliederung der Sophismen,
 mit denen Eigenliebe und Leidenschaft unser Urteil zu
täuschen pflegen. Es ist daher nicht sowohl die Methodenlehre
 Descartes’, als die Idolenlehre Bacos, deren Geist hier
fortlebt und weiterwirkt. Selbst Malebranche, der das me-!hodische
 Grundprinzip am reinsten bewahrt und weiterführt,
kann gleichsam als Motto für seine gesamten Untersuchungen
das Baconsche Wort wählen, dass alle unsere „Perceptionen“,
die intellektuellen, wie die sinnlichen, uns den Gegenstand „nach
der Analogie des Menschen, nicht nach der des Universums“ dar-
        <pb n="468" />
        Verhältnis der Logik zur Psychologie. 457

stellen.!®) Ein Wort, das weiterhin der bedeutendste und originalste
 Logiker der Cartesischen Schule, das Geulincx sich zu
Eigen macht, um ihm einen vertieften Sinn abzugewinnen. —
Sehen wir von den technischen Einzelfragen der Logik ab,
um die gesamte Bewegung auf ihren philosophischen und erkenntnistheoretischen
 Mittelpunkt zu beziehen, so werden wir
hier von neuem auf das Kriterium der klaren und deutlichen
Derceplion zurückgewiesen. Wiederum zeigt es sich, in einem
anderen Zusammenhange, dass in ihm kein endgültiges Ziel
ınd Ergebnis, sondern nur der Anfang zu neuen Problemen
ixiert worden war. Welche Gewähr bietet der klare und deutiiche
 Begriff für die Realität des Inhalts, der durch ihn dargestellt
 wird?” Diese Frage ist durch die Entwicklung des Systems
keineswegs eindeutig beantwortet. Wenn es auf der einen Seite
als das eigentliche Vorrecht der mathematischen Ideen angesehen
wurde, dass sie von jeder Sorge um die objektive Wirklichkeit absehen
 können: so wurde andererseits, an einem Punkte wenigstens,
ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Begriff und Existenz
gesucht. Die Forderung, dass jedem Inhalt der Vorstellung eine
gleiche „formale“ Realität entsprechen und zu Grunde liegen
müsse, wurde jetzt zum Range eines unmittelbar gewissen Axioms
 erhoben. (S. ob. S. 421f.) Damit aber war dem naiven Realismus,
 den das Syslem von Anfang an zu bekämpfen hatte,
wiederum ein Halt und ein Stützpunkt geboten. Während das
zigentliche Ziel darauf gerichtet ist, die Wirklichkeit als letzte
Resultante aus der Durchdringung und Wechselwirkung der
einfachen Grundbegriffe zu gewinnen und allmählich entstehen
zu lassen, so kann es jetzt scheinen, als trüge jede beliebige
Einzelvorstellung die Gewähr ihrer objektiven Bedeutung und
Geltung bereits unmittelbar in sich. In voller Deutlichkeit tritt
uns diese Folgerung bei dem Cartesianer Regis entgegen, wenn
3r es als allgemeinen Grundsatz hinstellt, dass allen „einfachen“
Ideen ein Objekt, das ihnen genau conform ist, entsprechen
muss. Jeder Bewusstseinsinhalt hängt, sofern er nicht eine zufällige
 Zusammenfügung der verbindenden Tätigkeit des Geistes
Jarstellt, von einem äusseren Gegenstand als seiner „vorbildlichen
 Ursache“ (cause exemplaire) ab. Auch diejenigen Begriffe,
die man als „eingeboren‘“ zu bezeichnen und aus dem Grunde
        <pb n="469" />
        458

Logik und Kategorienlehre. — Geulinex.

der Seele selbst hervorgehen zu lassen pflegt, sind in Wahrheit
Abbilder und „Portraits“ einer absoluten Wirklichkeit: wären sie
es nicht, so würde damit auch ihr gesamter, innerer Erkenntnisgehalt
 hinfällig. Der Geist vermöchte die Idee. eines Dreiecks
oder einer sonstigen Figur nicht zu bilden, wenn nicht wenigstens
 das allgemeine Substrat dieser Einzelgestalten, wenn nicht
die Ausdehnung in Länge, Breite und Tiefe, unabhängig von
unserem Denken, ein gesondertes, stoffliches Dasein hätte. Der
Satz, dass es Ideen geben könne ohne einen Gegenstand, der
‘hnen entspricht und sie verursacht, ist daher lediglich ein vulgäres
 philosophisches Vorurteil. Selbst die. abstraktesten und
allgemeinsten Sätze der Geometrie und Arithmetik müssen ihren
eigentlichen Halt im Gebiet der aktuellen, physischen Existenz
zuchen: man hebe den Inbegriff der geschaffenen Substanzen
auf, und alle „Wahrheiten“ müssten mit ihnen zugleich dahinschwinden.
 „Ewige Wahrheiten“ kann es somit so wenig, wie
ewige Dinge geben; was man mit diesem Ausdruck bezeichnet,
sind Sätze, deren Subjekten, dank einer willkürlichen göttlichen
Verfügung, dauernde und unveränderte Existenz zukommt. 19)
So dient hier das Ausgehen von dem „klaren und deutlichen“
Postulat der Ursächlichkeit dazu, das Gesamtgebiet der „Ideen“
selbst innerlich abhängig und unselbständig zu machen. Der
Zirkelschluss, der sich schon bei Descartes ankündigte, liegt jetzt
offen zu Tage. Die äussere Wirklichkeit wird vermittels des
Schlusses von der Wirkung auf die Ursache bewiesen, aber eben
dieses erschlossene und vermittelte Sein masst sich das unbe-Aingte
 Urteil über die Geltung aller unserer Grunderkenntnisse an.
Es ist daher ein entschiedener Fortschritt, wenn Geulinex
im Gegensatz zu derartigen Wendungen auf den originalen Grundgedanken
 des Systems zurückgreilt, indem er von einer scharfen
Scheidung zwischen der Welt. der Verstandesbegriffe und der
absoluten Existenz seinen Ausgang nimmt. Die Sonderung
verschärft sich ihm zum völligen logischen Gegensatz: wo immer
wir einem Inhalt das Gepräge und das Gesetz unseres Verstandes
aufdrücken, da sind wir eben damit sicher, ihn nicht mehr in
seiner unabhängigen, unveränderlichen Wesenheit aufzunehmen
and zu begreifen. Die Kritik, mit der Descartes begann, gilt es
daher zu. vertiefen und fortzusetzen. Wie wir gelernt haben.
        <pb n="470" />
        Die Kritik des Verstandes.

459

Ausdehnung und Bewegung von Farbe und Ton zu unterscheiden,
wie wir — entgegen dem unmittelbaren Sinnenzeugnis — diese
„sekundären“ Eigenschaften von dem Objekt der Wahrnehmung
‚oslösen und sie in das empfindende Organ verlegen, so gilt
2s auch, in dem reinen mathematischen Gegenstande den Anteil
les „Aeusseren“ und des „Inneren“ zu scheiden und diejenigen
Momente, die ihren Ursprung allein in unserem Intellekt haben,
herauszulösen. Was wir das „Sein“ der Dinge zu nennen pflegen,
das ist, mehr noch als von den spezifischen Empfindungen unserer
Sinne, von den Urteilen und Kategorien unseres Denkens abhängig.
 . Neben die Analyse der Wahrnehmung hat somit die
Kritik des Verstandes zu treten. Es ist der Grundmangel der
Aristotelischen Philosophie, dass sie beide Aufgaben versäumt:
dass sie, wie sie in ihrer Physik die Objekte nach den Unterschieden
 der subjektiven Empfindung, nach den Gegensätzen des
Warmen und Kalten, des Schweren und Leichten ordnet und betrachtet,
 so auch in ihrer Metaphysik die Gesichtspunkte und
Prinzipien des Intellekts — wie etwa die Unterscheidung von
Gattung und Art, von Teil und Ganzem — unmittelbar als Beschaffenheiten
 der Dinge nimmt. Ein Irrtum, nicht geringer als
der eines Knaben, der den Stab im Wasser für wahrhaft gebrochen
hält, der somit das sinnliche „Phantasma‘“ und das Objekt, den
unmittelbaren Eindruck und den Akt des Urteils unterschiedslos
mit einander vermengt. Nicht nur die Bilder der Sinne, auch
die Arten und Beschaffenheiten des Gedankens übertragen wir
auf die (jegenstände selbst, sodass wir Substanzen und Accidentien,
Subjekt und Prädikat, Relation, Ganzes und Teil nicht als Formen
des Verstandes, sondern als bestehende Dinge ansehen, denen jene
„intellektuellen Vorstellungen“ an und für sich anhaften.?®) Und
wenn wir von dem Irrtum der Sinne, um ihn zu berichtigen,
auf die Regeln des Denkens zurückgehen können, so ist uns hier
dieser Ausweg versagt. Was die Dinge an und für sich und losgelöst
 von allen Operationen des Verstandes sein mögen, entzieht
sich für immer unserer Einsicht; das einzige Mittel, das uns
bleibt, ist die Bedingtheit, die wir niemals von uns abzustreifen
vermögen, als solche zu begreifen und anzuerkennen. Wir können
dem Mangel nicht anders abzuhelfen suchen, als indem wir’ ihn
4urechschauen und uns zum Bewusstsein bringen: die Gesetze des
        <pb n="471" />
        60

Zogik und Kategorienlehre. — Geulinex.

Verstandes, die wir zuvor unbewusst zur Anwendung brachten,
gilt es mit voller Einsicht in ihren Charakter zu brauchen.
Wie das blosse Gesichtsbild des gebrochenen Stabes für den
Mann dasselbe wie für den Knaben bleibt, wie beide sich aber
in ihrem Urteil über den sinnlichen Eindruck unterscheiden,
so besteht die Aufgabe der Erkenntnis darin, nicht sowohl unser
Weltbild als Ganzes umzugestalten, als es nur einer anleren
 Betrachtungs- und Beurteilungsweise zu unterwerfen. 21)
Wie der Gegensatz des Guten und Bösem nicht in den Dingen
liegt, sondern von uns erst auf sie übertragen wird, so gilt das
Gleiche für Wahr und Falsch, für Sein und Nichtsein.2)
Der Gedanke, der Descartes’ Regeln zu Grunde lag, kann nicht
schärfer erfasst und zu Ende gedacht werden, als es hier geschieht.
Geulincx selbst sieht in diesen Entwicklungen die eigentliche
Grenzscheide zwischen der Aristotelischen und der modernen Denkart.
 Wie sich die naive Weltanschauung der schärferen kritischen
Prüfung als eine Illusion der Empfindung erweist, so erweist sich
die gesamte scholastische Philosophie als eine einzige, zusammenhängende
 Illusion des Begriffs. Schon der allgemeinste Begriff
 des Seins, von dem sie ihren Ausgang nimmt, legt hierfür
Zeugnis ab; schon in ihm heften wir eine Eigentümlichkeit, die
ihren Grund und Ursprung allein im Denken hat, den Dingen
selbst an. Weil wir in unseren Gedanken alle Bestimmungen
und Eigenschaften auf irgend ein „Etwas“ ‘Zurückbeziehen, weil
wir verschiedene Prädikate, um ihren Zusammenhang zu kennzeichnen,
 ein und demselben „Subjekt“ anhaftend denken, so gelangen
 wir schliesslich dazu, dieses formelle Subjekt der Aus-3age,
 diesen rein gedachten Coordinatenpunkt mit einer tatsächlichen
 Existenz zu verwechseln.2®) Das Gleiche gilt von den
Grundbegriffen des Ganzen und des Teils, der Einheit und der
Mehrheit. Auch sie entstammen lediglich einer Setzung des
Geistes: „Eins“ nennen wir einen Inhalt, den unser Denken in
in und demselben unteilbaren Akte erfasst und sich zu Eigen
macht. Nicht den Dingen, sondern der Art ihrer „Apprehension‘“
eignet somit diese Bezeichnung und dieser Charakter: „sicuti mani-Dulus
 unus manipulus est, quia simul et semel manu apprehendunur
 aliqua, etiamsi multa sint quae ingrediuntur; sic etiam quic-Tuid
 intellectus apprehensione sua simul et semel corraserit. et
        <pb n="472" />
        Die Verdinglichung der geistigen Funklionen. 461

quasi in fasciculum collegerit, ipsa illa apprehensione
at collectione unum dicitur“.2) So sind allgemein die fundamentalen
 Begriffe nicht dingliche Eigenschaften, die den Objekten
ainverleibt und von ihnen abzunehmen wären, sondern Ergebnisse
 ursprünglicher gedanklicher Synthesen. Wir müssen die
festen Gebilde, um ihre Herkunft und ihre Tragweite zu verstehen,
 zuvor in die Operationen auflösen, aus denen sie entstanden
 sind, wir müssen vom „Unum“ zur „unio“, vom‘ „Totum“
zur „totatio“ zurückgehen.®) Am reinsten und fruchtbarsten bewährt
 sich diese Vorschrift gegenüber dem Begriff der Substanz.
Wenn diese in der Aristotelischen Definition als das letzte „Subjekt“
 bezeichnet wird, auf das alle Aussagen sich beziehen, ohne
dass es selbst wieder zum Prädikat einer Aussage werden könne,
so sehen wir nunmehr, dass damit ein sprachlicher und grammatischer
 Gesichtspunkt zur Norm und zum Untergrund der
realen empirischen Wissenschaft gemacht wird. Der Grundgegensatz,
 an den Aristoteles seine Physik wie seine Metaphysik anknüpft,
 löst sich für die genauere Betrachtung und Zergliederung
in die triviale Unterscheidung des Substantivums und Adjectivums
auf.%) Damit schon hat Geulincx einen entscheidenden Gesichtspunkt
 gefunden, unter dem er nurmehr die Kritik an der gezamten
 scholastischen Kategorienlehre durchführen kann. Es ist
die Sprache, ihre Eigentümlichkeit und ihre Forderungen, deren
Leitung sich Aristoteles in der Entdeckung der einzelnen Grundbegriffe
 überlässt. Die Einteilung, die Ordnung und Zahl dieser
Begriffe erklärt sich, sobald man ihren grammatischen Ursprung
 erkannt, sobald man in ihnen Abstraktionen aus dem
einfachen Satze und seinen Grundbestandteilen wiedergefunden
hat.”) Damit aber verschärft sich der bisherige Einwand; denn
nicht nur werden hier Beziehungen und Setzungen des Denkens
zu Eigenschaften an sich bestehender Dinge umgedeutet; es wird
auch das Denken selbst nicht in seiner unmittelbaren Betätigung,
sondern getrübt durch ein fremdes Medium ergriffen, Man ziehe
diese äusseren Zutaten, die von der gemeinen, durch keine Wissenschaft
 kontrollierten Vorstellung stammen, ab und die gesamte
Peripatetische Metaphysik muss in sich selber zusammenfallen.
An diesem Punkte, an dem der kritische Gedanke des Geulinex
 zu seiner Vollendung gelangt, gilt es indes zugleich die
        <pb n="473" />
        EA

Logik und Kategorienlehre. — Geulincx.

innere und wesentliche Schranke zu erkennen, die ihm gesetzt
ist. Die absoluten Gegenstände wie sie unabhängig von den Formen
und Kategorien des Denkens bestehen, bilden für Geulinex das
letzte und wahrhafte Erkenntnisziel: das eigentliche, wenngleich
ınerreichbare Ideal alles metaphysischen Wissens. Die Verstandesbegriffe
 werden somit nur in ihrer negativen Bedeutung
als eine Hülle angesehen, die wir den Dingen überwerfen und
vermöge deren ihre wahrhafte Wesenheit sich uns verbirgt.®) Der
Vergleich der gedanklichen Operationen mit den spezilischen
Empfindungen der Sinne ist in dieser Hinsicht bezeichnend. Die
positive Leistung der Grundsätze in der Ordnung und Erklärung
der Erscheinungen darzustellen, den Weg zu beschreiben, auf
lem wir von dem unmittelbaren Sinneseindruck vermöge der Methoden
 des Denkens zum „Gegenstand“ gelangen — diese Aufgabe
hat sich Geulincx nicht gestellt. Aus diesem inneren Mangel erklärt
 sich die geringe geschichtliche Fortwirkung, die sein
Grundgedanke, trotz seiner sachlichen Bedeutung und Originalität,
gefunden hat. Geulincx selbst hat mit voller Deutlichkeit die
äusserste Grenze bezeichnet, bis zu der seine Fragestellung fortzuschreiten
 vermag. Seine Analyse geht zunächst von dem allgemeinsten
 Begriffe des Seins aus; sie entdeckt auf dem Grunde
des Dingbegriffs selbst ein reines intellektuelles Verfahren,
das aus der Natur des eigenen Geistes stammt. Die „transscendenten
 Gegenstände“ wären damit als eine in sich selbst widerspruchsvolle
 Begriffsfügung erwiesen. Wenn das „Ding“ oder
das „Sein“ nur einen Modus unseres Denkens besagt — so formu-.jert
 er selbst die Schwierigkeit — wenn wir beide somit aus der
Betrachtung und dem Verzeichnis der absoluten Objekte streichen
müssen: mit welchem Rechte fahren wir trotz alledem fort, von
ihnen als von „Wesenheiten“ oder „Dingen“ zu sprechen? Dem
Radikalismus dieses Problems aber vermag die Antwort, die Geu-‚incx
 versucht, nicht zu genügen. Die Welt der Wirklichkeit — so erwidert
 er—scheidet sich in zwei unabhängig bestehende Klassen von
Objekten: in Geister und Körper, die an und für sich mit einander
nichts gemein haben; wenn wir beide dennoch unter dem Gattungsbegriff
 des „Dinges“ zusammenfassen, so ist dies nur eine äusserliche
 und abgekürzte Bezeichnung, die ihrem Inhalt Nichts hinzufügt,
 sondern nur besagt, dass Beide in gleicher Weise als „Sub-
        <pb n="474" />
        Die Kritik des Dingbegriffs.

463

jekte“ für bestimmte Aussagen dienen können. Wir ersehen hieraus
 nur von neuem, dass unsere Erkenntnis die Forderung, die
Wirklichkeit ohne subjektive Zutat in ihrem unabhängigen Sein
zu erfassen, weder aufgeben, noch jemals in irgend einem Punkte
wahrhaft erfüllen kann. „Itaque res in se non sunt res seu non
habent modum illum intellectus nostri, quo constituuntur in ratione
cerum; nos tamen cum de illis etiam ut sic, seu de illis ut sunt
in se loqui volumus, necessum est ut illis tribuamus modum
subjecti aut entis, seu potius, ut apprehendamus illas:
nam in ea ipsa locutione, in qua de jis loquimur, ut sunt
in se, non sinimus illas, ut sunt in se, sed damus eis rationem
subjecti‘‘,29)
Wir wären nach dieser Einsicht folgerichtig zur unbedingten
 Skepsis verurteilt, wenn hier nicht bestimmte dogmatische
 Behauptungen, die Geulincx aus dem System Descartes
herübernimmt, vor aller Kritik vorausgesetzt würden. Der Kritiker
des Aristotelischen Substanzbegriffs macht vor dem Cartesischen
Dualismus von Geist und Körper Halt. Gerade hier hätte sich
seine Methode bewähren können; gerade hier hätte sich zeigen
können, dass die Unterscheidung von Ausdehnung und Denken
nicht die Dinge als solche, sondern unsere Erfahrung und ihren
immanenten Gegenstand angeht. Damit wäre freilich zugleich
ler Metaphysik, wie sie Geulinex vor seinen entscheidenden
logischen Untersuchungen begründet und entwickelt hatte, der
Boden entzogen worden. In ihr ruht schon die Stellung der Frage
auf der Voraussetzung, dass wir das absolute Wesen der Substanzen
zu erkennen und nach ihm über ihre Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit
 zu urteilen vermögen. Wenn Geulincex von dem
Grundsatz ausgeht, dass eine wahrhafte Tätigkeit und Wirksamkeit
 nur dort vorhanden ist, wo das tätige Subjekt den inneren
Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung völlig begreift:
so lässt sich in dieser Formulierung allerdings die Mitwirkung
eines erkenntnistheoretischen Grundgedankens deutlich erkennen.
Gehört der Begriff der Ursache zu den Kategorien des Denkens.
ist er ein eigenes und selbständiges Produkt des Geistes, so begreift
 sich die Forderung, das Verhältnis, das er zum Ausdruck
bringt, in allen seinen Teilen zu durchschauen. Die „Einsicht“
in dieses Verhältnis aber kann alsdann nichts anderes bedeuten.
        <pb n="475" />
        164

Logik und Kategorienlehre.

als das Verständnis des Gesetzes, das den empirischen Zusammenhang
 der Erscheinungen regelt. Statt dessen wird hier gerade
die konstante und regelmässige Aufeinanderfolge und Abhängigkeit
 zweier Gruppen von Phaenomenen als unzureichend für den
achten Begriff der Kausalität verworfen. Es gilt nicht lediglich
diese Wechselbedingtheit, es gilt die innere Macht zu verstehen,
die ein bestimmtes Ereignis zu erschaffen und eine bestimmte Aenderung
 zu erwirken vermag. Wenn unsere innere Erfahrung
uns diesen Einblick nirgends verstattet, so zeigt sich ebendarin, dass
Jas „Ich“ nicht den Charakter einer wahrhalten, selbsttätigen Ursache
 hat: „ego non facio id, quod quomodo fiat nescio“,%) Das
Selbst des Menschen steht der äusseren Welt, deren Geschehen an
‘este mechanische Gesetze gebunden ist, als blosser, untätiger Zuschauer
 gegenüber. Zur Erklärung jeder wirklichen Veränderung
— mag es sich nun um das körperliche oder das geistige Geschehen,
um die Uebertragung der Bewegung oder das Entstehen der Gejanken
 und Willensakte handeln — müssen wir daher stets auf die
ınmittelbare göttliche Wirksamkeit zurückgreifen. Der Zusammenaang
 freilich, der zwischen dem göttlichen Willen und seinem
Orfolge besteht, bleibt vom Standpunkt unserer Erkenntnis nicht
minder unfasslich und unaussprechlich: es muss genügen, dass
ar dem höchsten, absoluten Verstande gegenwärtig und begreiflich
‚st.31) Wir sehen somit, dass die Entwicklung hier den entgegenzesetzten
 Weg nimmt, als nach den ersten gedanklichen Ansätzen
zu erwarten war: ein absoluter, metaphysischer Begriff der
Ursächlichkeit dient dazu, unser Urteil über die empirischen Zusammenhänge
 zu messen und zu berichtigen. Und das Endergebais,
 das uns hier entgegentritt, ist auch für die Stellung, die dem
Erkenntnisproblem zuletzt zugewiesen wird, bezeichnend: der
reist, dem jede wahrhafte Selbstbestimmung abgesprochen ist,
vermag auch nicht das Bild der Erfahrungswirklichkeit aus sich
zu gestalten und ihr Gesetz aus sich hervorsehen 7u lassen —

Die Erkenntnistheorie des Geulincx bildet in ihrer positiven
ınd entscheidenden Leistung, wie in der Begrenzung, die ihr von
Anfang an gesetzt war, keine vereinzelte und alleinstehende geschichtliche
 Erscheinung. Sie ist das Symptom einer umfassenden
        <pb n="476" />
        Richard Burthogge.

465

historischen Bewegung und eines allgemeinen Grundgedankens,
der sich nunmehr immer deutlicher zu entfalten und hervorzu-Ärängen
 beginnt. Um sich diesen Zusammenhang zu vergegenwärtigen,
 muss man der Metaphysik des Geulinex ein Werk gegenüberstellen,
 das, wenngleich es aus völlig anderen.geschichtlichen
and philosophischen Voraussetzungen hervorgewachsen ist, doch
in allen Stücken ihr genaues sachliches Gegenbild ist. Richard
Burthogges „Essay upon Reason and the Nature of spirits“,
der im Jahre 1694, drei Jahre nach Geulinex’ Schrift, erschienen
ist, ist den Geschichtsschreibern der Philosophie, bis auf die
neueste Zeit, fast unbekannt geblieben. ‚Erst Georges Lyon hat
in seiner aufschlussreichen Schrift über den Idealismus in England
 im 18, Jahrhundert auf dieses originelle und merkwürdige
Werk hingewiesen und in ihm eine wichtige Vorstufe des Kantischen
Kriticismus gesehen.) Wenn indes, diesem Urteil gemäss, Burthogges
 Werk völlig aus dem Rahmen und Umkreis seiner Umgehung
 herausgehoben erscheint, so können wir, wenn wir seinen
[nhalt nunmehr vom Standpunkt der allgemeinen Entwicklung
 des Erkenntnisproblems betrachten, seinen Wert und seine
geschichtliche Bedingtheit schärfer beurteilen und genauer umgrenzen.

Es ist der Gedankenkreis der englischen Erfahrungsphilosophie,
 in den wir uns durch Burthogges Schrift äusserlich
 zunächst versetzt sehen: das Werk ist Locke gewidmet, der
als „einer der grössten Meister der Vernunft“ bezeichnet und gepriesen
 wird. Die entscheidenden Hauptergebnisse der Schrift
aber sind unabhängig von der Einwirkung Lockes gewonnen und
‚ange Zeit vor dem ersten Erscheinen des „Essay on human
anderstanding“ in einer früheren Schrift, dem „Organum vetus
?t novum“ vom Jahre 1677, niedergelegt worden.%®) Der „Essay
upon Reason“ knüpft an die früheren Untersuchungen an, indem
er zunächst einen doppelten Gebrauch und eine doppelte Bedeutung
 des Terminus „Begriff“ (notion) feststellt. Wenn, im
weiteren Sinne, der „Begriff“ einen beliebigen, fertigen und abgegrenzten
 Inhalt des Denkens bezeichnet, so bedeutet er,
genauer und prägnanter gefasst, einen bestimmten „modus concipiendi‘“:
 ein Verfahren und einen gedanklichen Gesichtspunkt,
 unter dem der Geist die Gegenstände, die seiner Beur-’Y
        <pb n="477" />
        LE6

Zogik und Kategorienlehre. — Burthogge.

teilung unterworfen werden, erfasst und ordnet. Und wenn es
müssig ist, von „eingeborenen Begriffen“ in der ersten dieser
beiden Bedeutungen als. festen, gegebenen Vorstellungskomplexen
zu sprechen, so müssen wir andererseits dem Geiste gewisse ursprüngliche
 und eigentümliche Kräfte zuerkennen, die ihm aus
seinem eigenen Grunde entstehen. Wie das Auge die Dinge nur
anter der Erscheinung des Lichts und der Farbe wahrnimmt,
während beide Qualitäten ihren Bestand nicht in den Dingen,
sondern nur im Auge selbst haben: so begreift der Verstand die
Dinge, ihre Verhältnisse und ihre Eigenschaften nur unter bestimmten
 Begriffen, Solche Begriffe, denen wir kein gesondertes
 reales Dasein zusprechen dürfen, sondern die uns nur die
Beschaffenheit des eigenen denkenden Wesens widerspiegeln,
sind das Sein, sind Substanz und Accidens, Teil und Ganzes,
Ursache und Wirkung. Wenn die Logiker zwischen primären
and sekundären Begriffen unterscheiden, wenn sie zu den letzteren
 reine Verhältnissetzungen, wie die Correlation zwischen dem
Teil und dem Ganzen, der Ursache und der Wirkung rechnen,
während sie für die Kategorien der Quantität, der Qualität und
der Substanz eine Ausnahmestellung und eine besondere, ontologische
 Bedeutung behaupten, so ist dieser Unterschied hinfällig:
 beide Klassen gehen nicht auf die Dinge als solche, sondern
sind spezifische Bekundungen und Tätigkeiten des Denkens. „Es
ist gewiss, dass für uns Menschen die Gegenstände nur in soweit
vorhanden sind, als sie in einer bestimmten Beziehung zu uns
stehen und dass sie, soweit sie von uns nicht erkannt werden,
für uns Nichts sind. Sie können indes nicht anders erkannt
werden oder in Beziehung zu uns treten, als sofern sie uns in
unseren geistigen Vermögen: in den Sinnen, der Einbildungskraft
oder dem Verstande, gegeben sind.“ Jedes Vermögen des Bewusstseins
 ist, wenngleich nicht die einzige, so doch die mitbestimmende
Ursache der objektiven Erscheinung, die sich ihm darstellt: wie
das Gesicht zur Bildung der Farben, das Gehör zur Bildung der
Töne mitwirkt, so hat die Eigennatur der Phantasie entscheidenden
 Anteil an den Bildern der Einbildungskraft, die Eigennatur
des Verstandes entscheidenden Anteil an der Bildung des Objekts,
indem sie die primitiven Begriffe hervorbringt, unter denen allein
er Objekte empfängt und aufnimmt (in framing the Primitive Na-
        <pb n="478" />
        Das Absolute und das System der Begriffe.

467

tions, under which it takes in and receives Objects). „Die unmittelbaren
 Objekte des Denkens sind somit „Entia cogitationis“ d. h. insgesamt
 blosse Phänomene: Erscheinungen, die ebensowenig
ausserhalb unserer geistigen Vermögen in den Dingen selbst existieren,
 als die Bilder, die wir im Wasser oder hinter einem Spiegel erblicken,
 sich wirklich an dem Orte befinden, an dem sie von uns gesehen
 werden.“ Es ist vergeblich, diese Begrenzung für das Gebiet
der Sinnlichkeit zugestehen, für den Verstand dagegen leugnen zu
wollen. Denn beide Grundfähigkeiten sind unlöslich mit einander
verknüpft und auf einander hingewiesen; der Verstand wird, da
er für die Ausübung seiner Funktion kein anderes Material, als
die sinnlichen Empfindungen und Vorstellungen, vorfindet, unaufhaltsam
 in die gleiche Bedingtheit, wie diese, hineingezogen.
Ja es scheint, dass er, je mehr er sich dem Allgemeinen zuwendet,
umsomehr die konkrete Wirklichkeit der Dinge, die in besonderen
 Bestimmungen besteht und aufgeht, aus dem Auge verliert:
das Werk der Läuterung, das er an dem gegebenen Sinneseindruck
 vollzieht, entfernt ihn zugleich von dessen ursprünglicher
und primitiver Gestalt, in der die Realität der Dinge sich noch
am nächsten und unmittelbarsten zu spiegeln scheint. Das Licht,
das von den Gegenständen ausgeht, erfährt in unserem Intellekt
nur gleichsam eine neue Brechung und Ablenkung: das Denkvermögen
 erweist sich als ein eigener Sinn, der, wenngleich er
verfeinert und veredelt ist, doch zugleich ein neues Medium
zwischen den Geist und die absolute Wesenheit des Objekts
einschiebt. So stellt z. B. der Grundbegriff des Dinges selbst zwar
den allgemeinsten Gesichtspunkt dar, unter dem wir die Inhalte
der Vorstellung erfassen und gliedern können, aber er verrät
sich eben in dieser Allgemeinheit zugleich um so deutlicher als
ein blosses Mittel unseres Begreifens: „thing indeed is the most
general notion, but then it is but a notion, because it is
general; and has the most of a notion, because it is the most
general.“ Hier wie überall ergreifen wir das „Wesen“ nur „unter
der Vermummung und Maske der Begriffe.“ „Betrachten wir
ferner Substanz und Accidens, jene ersten Stufen und Staffeln zu
einer distinkten Erfassung und Erkenntnis der Dinge: was sind
sie anders, als Modi concipiendi, als Geschöpfe der Vernunft oder
Begriffe, die freilich nicht ohne Grund sind, die aber doch keine

a0*
        <pb n="479" />
        38

Zogik und Kategorienlehre. — Burthogge.

andere, formale Wahrheit besitzen, als in dem Geiste, der sie
bildet? Denn in der Welt der Gegenstände gibt es nichts dergleichen,
 wie eine Substanz oder ein Accidens, so wenig wie es
nier Subjekte und deren Eigenschaften gibt. Dennoch gibt es
kein Ding, das wir nicht als einer dieser beiden Klassen zugehörig,
 als Substanz oder als Accidenz begreifen, so dass wir die
aegenstände nicht so wie sie sind, in ihrer eigenen Wesenheit,
sondern nur unter dem Aufputz und der Gewandung der Begriffe
zrfassen, mit denen unser Geist sie bekleidet“. 3)
Wenn bis hierher nur der allgemeine Gedanke, der uns bei
Geulincx begegnete, in klarster und freiester Darstellung sich aussprach,
 so gewinnt Burthogge einen neuen Fortschritt, indem er
das Prinzip seiner Erkenntnislehre gegenüber der Philosophischen
Hauptfrage der Zeit: der Unterscheidung der geistigen und körperlichen
 Substanz zur Anwendung bringt Blieb Geulinex, wie wir
sahen, hier noch an die metaphysischen Voraussetzungen des
Dualismus gebunden, so wird jetzt auch diese Annahme der
Kritik des methodischen Grundverfahrens unterworfen. Die Frage
selbst muss zunächst eine Umformung erfahren ; sie betrifft
nicht mehr schlechthin die Dinge, sondern unsere Begriffe, die,
wie sie den Ursprung der Kategorie der Substanz enthalten,
so auch für ihre Anwendung Regel und Leitfaden bilden
müssen. Wir müssen vor allem festhalten, dass, wenn wir auch
jetzt noch von der Erkenntnis des „Wesens“ eines bestimmten
Dinges sprechen, der Gedanke eine streng begrenzte Bedeutung
erhalten hat. Wir verstehen darunter nunmehr den Inbegrift
aller Merkmale und Eigenschaften, die uns durch : irgend ein
geistiges Vermögen, sinnlichen oder intellektuellen Ursprungs,
vermittelt werden. Auf diese Weise gelangen wir, wenngleich
nicht zu einer absoluten, so doch zu einer Vergleichenden, rela-:jven
 Erkenntnis, gelangen wir z. B. dazu, ohne über die innere
‚Natur“ der Materie etwas auszumachen, die verschiedenen Stoffe,
die dieErfahrung uns darbietet, auf Grund rein empirischer Kennzeichen
 zu sondern und von einander abzugrenzen. Wie das Auge
unmittelbar nur Licht und Farben wahrnimmt, vermöge
lieser ursprünglichen Empfindungen aber dazu gelangt, mannigfache
 Objekte, ihre Grösse und Gestalt, ihre gegenseitige Entfernung
 und ihre Bewegung zu unterscheiden: so unterscheidet der
        <pb n="480" />
        Die Auflösung des metaphysischen Substanzbegriffs. 469

Verstand unendlich viele Realitäten und Beziehungen, die er indes
 nicht direkt, sondern mittelbar auf Grund der Daten erfasst,
 die.ihm durch die Sinne, oder durch seine eigenen Begriffe,
wie Substanz und Qualität, Ursache und Wirkung geboten werden.)
Bleiben wir uns dieser Einschränkung bewusst, begreifen wir somit,
 dass es sich nur darum handeln kann, die Erscheinungen
und ihre Verhältnisse kennen 7u lernen, so bietet die Frage der
Unterscheidung des denkenden vom körperlichem Sein keine ernstliche
 Schwierigkeit mehr. Was uns hier wahrhaft gegeben ist,
sind lediglich die äusseren Beschaffenheiten und „Accidentien“,
die sich von selbst in zwei streng geschiedene Gruppen zerlegen:
in Inhalte, die der räumlichen Auschauung: zugehören und somit
mannigfacher Gestalten und Bewegungen fähig sind und in andere,
die von dieser Bestimmung ausgeschlossen, sich lediglich auf das
denkende „Ich“, als dessen Zustände und Beschaffenheiten, zurückbeziehen.
 In diesem Sinne können wir innerhalb der Phaenomene
 selbst von einem grundlegenden Gegensatz sprechen:
„denn was hat ein Gedanke mit einem Würfel oder Dreieck, was
mit Länge, Breite oder Tiefe zu tun?“®)
Versuchen wir indes, hinter diese Grundtatsache zurückzugehen,
 versuchen wir den Widerstreit in einer höheren Einheit
 aufzuheben oder ihn aus metaphysischen Gründen zu erklären,
 so verwickeln wir uns alsbald in unlösbare Schwierigkeiten.
 „Sobald wir weiter fortschreiten und uns bemühen, in
die eigeniliche Natur der Materie, wie in die des Geistes
und der Bewegung einzudringen, so geraten wir, da wir
hier keinerlei Sinn mehr besitzen, der uns leiten könnte, sogleich
in Verlegenheit. Unsere Nachforschung nach diesen Dingen,
soweit ihre eigentliche Wesenheit in Betracht kommt, muss,
wie bei allen andern Fragen, die gänzlich ausserhalb unseres
Gesichtskreises liegen, alsbald zum Stillstand kommen“. „Was die
Materie, was der Geist, ja was die Bewegung ihrer eigenen, positiven
 Realität nach ist, ist schwer zu begreifen. Weder lässt sich beweisen,
 dass es — wie Einige wollen — nur eine Substanz im Universum
 gibt, und dass Materie und Denken nur verschiedene Beschaffenheiten
 von ihr sind, noch auch, dass der Stoff, seiner
inneren Natur nach, ein lebendiges, kraftbegabtes Etwas ist und
dass die verschiedenen Grade des Lebens. die man bei den
        <pb n="481" />
        170 Logik und Kategorienlehre. — Burthogge.

verschiedenen Tieren beobachtet, nur von der mannigfachen Modi:
fikation der Materie und von einem allumfassenden Leben der
Natur herrühren, das der Quell alles Bewusstseins ist‘... . Ich
verschmähe es, auf. solche Hypothesen zu bauen, die, da sie ihre
Evidenz nicht selber zu erweisen vermögen, notwendig zweifelhaft
and ungewiss, wo nicht falsch sind. Die Unterlage und das Fun-Jament
 einer gesunden und gründlichen Philosophie muss sicher
gelegt sein; sie darf auf keinen anderen Prinzipien ruhen, als auf
solchen, die auf evidente Einsicht, d. h. auf das untrügliche Zeugnis
unserer geistigen Fähigkeiten und Vermögen zurückgehen. Da
diese aber, die sich freilich eher auf Begriffe, denn auf die Realität
 beziehen, zwischen Materie und Geist einen deutlichen
Unterschied, ja einen Gegensatz konstatieren, so glaube ich beide
auch gesondert betrachten zu müssen.“ Die „Realität“, innerhalb.
deren diese Sonderung gilt, ist somit nichts anderes als die durch
den Begriff vermittelte und verbürgte Wirklichkeit, Burthogge
selbst bezeichnet sein Verfahren, um seine doppelte Richtung und:
Tendenz zum Ausdruck zu bringen, als „the Real-Notional
way“ und stellt es der Methode der Metaphysik mit kraftvollen
 Worten entgegen.) Die „Subjekte“ der Ausdehnung und
des Denkens müssen wenigstens für uns gänzlich verschiedenen
Gattungen angehören, da alle Mannigfaltigkeit, die wir in Substanzen
 zu begreifen vermögen, von keinem anderen Umstande,
als von den Accidentien hergenommen werden kann, diese somit
die einzigen Charaktere und Merkmale sind, durch welche wir
Substanzen erkennen und somit von einander unterscheiden
können. „Thus it is in our Refracted, Inadequate, Real-No-:jonal
 way of conceiving; and for an Adequate and just one,
as it is above our faculties, I do not find that Spinosa or
Malebranche after all their Ambitious Researches in that higher
way, have edified the World thereby to any great Degree‘,%)
Und dennoch: wie bei Geulincx, so ist es auch hier ein
einziger Begriff, vor dem die Kritik zuletzt verstummt und an dem
die Betrachtung in die gewohnten metaphysischen Wege wieder
zurücklenkt. Unter den Bewusstseinsdaten, denen Burthogge ein
bloss „gedachtes Sein“ zusprach, befanden sich neben den Farben
und Tönen, neben Raum und Zeit, Substanz und Accidens
auch die Kategorien von Ursache und Wirkung. Auch sie
        <pb n="482" />
        Der Begriff der Ursache.

4171

haben — in der Sprache der Scholastik ausgedrückt, die bekanntlich
 der modernen Terminologie an diesem Punkte direkt entzegengesetzt
 ist — lediglich ein „Esse objectivum“ oder ein „Esse
cognitum“ —, ein „subjektives“ Sein innerhalb der Welt des Bewusstseins.?3)
 Bei diesem Gebrauch und dieser Beschränkung des
Kausalprinzips aber vermag Burthogge nicht stehen zu bleiben.
Wiederum ist es die vermeintliche Gefahr der absoluten Skepsis,
die den freien gedanklichen Fortschritt des Idealismus an diesem
Punkte einengt und hemmt. Wenn wir nicht für immer in dem
Bannkreis unserer „Vorstellung“ verbleiben sollen, wenn die Wirklichkeit
 sich nicht in leeren Schein verflüchtigen soll, so muss es
einen Weg geben, der uns über die Grenzen des Denkens zum
unbedingten Sein hinausführt. Wie für Descartes, so wird für
Burthogge der Begriff und. das Axiom der Ursächlichkeit zu dem
gesuchten Mittel, das uns des Daseins einer transscendenten
Wirklichkeit allgemein versichert. Vor aller Tätigkeit des Bewusstseins
 existieren wirkliche Dinge, die ihrer Natur nach
geeignet sind, Vorstellungen, die ihnen entsprechen, selbständig
zu erzeugen oder unseren geistigen Kräften Veranlassung zu ihrer
Bildung zu geben. Die Gegenstände ausser uns sind die wahrhaften
 Ursachen und Gründe, die in uns bestimmte Begriffe und
Bilder hervorrufen. Hier, an diesem entscheidenden Wendepunkt,
macht sich die Einwirkung der Erkenntnislehre Lockes geltend.®)
Und jetzt wird wiederum das gesamte Ergebnis der früheren methodischen
 Untersuchung kraftlos und hinfällig. Von neuem darf,
nachdem die Schranke an einem Punkte niedergerissen ist, der
Gedanke es wagen, ein allgemeines Gesamtbild der absoluten
Wirklichkeit zu entwerfen. So zeigt Burthogges Werk, in seiner
Gesamtheit betrachtet, eine seltsame Zwittergestalt: an die Erkenntnislehre
 knüpft sich eine dynamische Naturphilosophie, die zuletzt
 alles Geschehen auf die Einwirkung „geistiger“ Ursachen
zurückführt. Es entspricht hierbei noch der Beziehung und Rangordnung
 innerhalb der Kategorienlehre, wenn der Begriff der Substanz
 durch den der Kraft ersetzt und verdrängt wird, wenn alles
körperliche Geschehen im letzten Grunde auf ein einheitliches
„energetisches“ Prinzip zurückgeführt wird. Die Art aber, in
der die Wirksamkeit dieses Prinzips gedacht wird, bleibt gänzlich
 innerhalb der Grenzen der metaphysischen Allbeseelungs-
        <pb n="483" />
        Zogik und Kategorienlehre. — Burthogge.

lehre. Ein einheitlicher subtiler Grundstoff, der das Universum
durchdringt, wird als Vermittler jeder Wechselwirkung zwischen
den Körpern, sowie als Träger der Lebenserscheinungen vorausgesetzt.
 Die Einzelseelen sind nichts anderes, als Einschränkungen
 und Besonderungen, denen dieser „Gemeingeist“ je nach der
verschiedenen materiellen Struktur des Körpers, den er belebt,
anterworfen ist. Man sieht, wie diese Lehre — unberührt von
der gesamten Entwicklung der wissenschaftlichen Mechanik —
wieder zu der Grundanschauung der Naturphilosophie zurücklenkt.
Vgl. ob. S. 191ff.) Sie trägt — trotz manchen Abweichungen im
Einzelnen — die Züge der allgemeinen Reaktion gegen die mathematische
 Forschungsweise, wie sie in England insbesondere durch
den Spiritualismus Henry Mores eingeleitet wird

Die Erkenntnislehre des Geulincx und Burthogge ergänzen
und erhellen sich wechselseitig. Die Vebereinstimmung in der
Grundanschauung dieser beiden Denker, die im Ganzen doch nur
gegebene Anregungen fortsetzen und weiterführen, das gemeinsame
Ziel, zu dem sie unabhängig von einander gelangen, beweist, zu
welcher Schärfe und Klarheit die Forderung einer selbständigen
Verstandeskritik, die neben die Kritik der Sinne zu treten
hat, sich seit der Grundlegung der modernen Philosophie entwickelt
 hatte. Wer die Eigenart der Kantischen Lehre in dem
Satze sucht, dass wir die Dinge nicht an sich, sondern nur in
len Formen und Verkleidungen unseres Denkens zu erkennen
vermögen: der müsste in der Tat an diesem Punkte an der Originalität
 der Vernunftkritik irre werden. In der Tat hat man
Burthogge sowohl wie Geulincx unmittelbar als Vorgänger und
Mitbegründer der kritischen Philosophie bezeichnet.4!) Und dennoch
 tritt der Gegensatz zu dieser bei ihnen fast stärker als
die gemeinsamen Züge hervor; dennoch ist es ein weiter Abstand,
 der die negative Behauptung von der Unerkennbarkeit
des Absoluten von der positiven Einsicht trennt, dass der Verstand
 der „Urheber der Natur“, weil der‘ Urheber der Gesetze
ist, die die Erfahrung begründen und leiten. In dieser Beziehung
 aller Begriffe auf den obersten Grundsatz der „Möglichkeit
 der Erfahrung“, in ihrer Einschränkung auf die empirische
Ordnung und Deutung der Erscheinungen wird erst der Mittel-
        <pb n="484" />
        Die Schranken der „Verstandeskritik“.

473

punkt und der feste Halt für die Analyse der Verstandesfunktionen
gewonnen. Wir können geschichtlich verfolgen, wie für jede
einzelne Kategorie, wie insbesondere für Substanz und Kausalität
diese Einsicht gesondert erkämpft und befestigt werden musste:
eine Entwicklung, die erst durch den immanenten Fortschritt der
mathematischen und naturwissenschaftlichen Forschung ermöglicht
 und geleitet wurde. Hier indes, bei Denkern, die dieser
Entwicklung im Ganzen fernstehen, kann es nur zu einem allgemeinen
 Apercu kommen, das seine Kraft nicht in der konkreten
Anwendung und Durchführung zu bewähren vermag. Geulincx
wie Burthogge verfolgen den Cartesischen Weg: beide aber werden
 eben damit zu Kritikern der „klaren und deutlichen Perception“.
 Sie erkennen und messen den Abstand zwischen den
Verstandesgesetzen und der absoluten Wirklichkeit; aber sie
vermögen dieser Erkenntnis nur dadurch Ausdruck zu geben, dass
sie den Wert der Grundbegriffe selbst schmälern und herabsetzen,
Bei Burthogge insbesondere entfernt sich, wie wir sahen, der
Verstand, je mehr er den unmittelbaren Wahrnehmungsstoff bearbeitet
 und „sublimiert‘“, um so sicherer von dem wahrhaften
Sein der Dinge. Sowenig wir dem Bilde im Spiegel, das wir doch
evident und unzweideutig vor uns erblicken, eine wesenhafte Wirklichkeit
 zuschreiben dürfen, so wenig darf uns die Erscheinung
und ihr intellektuelles Kennzeichen der Massstab der Wahrheit
werden.2) Dieser Gegensatz von Erscheinung und Wahrheit
musste erst überwunden, die Einsicht, dass wir in dem Inbegrifl
der Phänomene das „Innere der Natur“ besitzen, musste erst geveift
 sein, ehe eine neue Fragestellung einsetzen konnte. Auf sie
sah sich bereits Descartes hingewiesen; auch er musste, in den
Regeln, zur Rechtfertigung jedes einzelnen Schrittes seiner Krkenntnislehre
 beständig erklären, dass es sich in den begrifflichen
Setzungen, die er einführt, nicht darum handelt, neue Wesenheiten
 zu bezeichnen und zu ersinnen, sondern gedankliche
Mittel zur Beherrschung der Erscheinungen zu schaffen. (S. ob.
5. 387 u. 3901f.) Im Ganzen seiner Philosophie aber vermochte er
diese Grenze nicht einzuhalten, sondern musste zuletzt Gemeinbegriffen
 und Voraussetzungen der Scholastik den Rang und die Unantastbarkeit
 axiomatischer Sätze zusprechen. Indem er aber den
Grundbegriffen metaphysische Anwendbarkeit verstattete, ge-
        <pb n="485" />
        Die Ideenlehre. — Malebranche.

währte er damit zugleich der Frage nach ihrem metaphysischen
Ursprung Raum: und wir sahen, wie schon diese blosse Frage
lie Selbstzersetzung der „klaren und deutlichen“ Erkenntnis
bedeutete.

C) Die Ideenlehre. — Malebranche.

Die immanente Kritik und Fortbildung der Cartesischen
Lehre ist bei aller Verschiedenhelt der Richtungen und Interessen
dureh ein gemeinsames Grundziel geleitet. Es ist das idealistische
 Motiv des Systems, das von allen tieferen Denkern der
Schule von neuem herausgehoben und ans Licht gestellt wird.
Diesen Weg geht Geulinecx, wenn er, allen Hemmnissen seiner
Metaphysik zum Trotz, seine Erkenntnislehre mit einer Kritik
der Verstandesbegriffe eröffnet: diesen Weg verfolgen zunächst
selbst die ersten Begründer des Okkasionalismus, wenn sie, von
der unmittelbaren Ursächlichkeit zwischen den absoluten Substanzen
 absehend, den „Zusammenhang“ zwischen Leib und
Seele einzig in der gesetzlichen Entsprechung der „Erscheinungen“
 zu gründen suchen. Dennoch hat der Idealismus bei ihnen
allen bereits einen neuen Sinn und eine veränderte Wendung erhalten.
 Seine Beziehung zur Mathematik und Physik ist ge-‚Ockert;
 die Fragen der Psychologie sind es, die nunmehr in
den Mittelpunkt treten und seine Eigenart bestimmen. Die Fortbildung
 der Logik zeigte uns bereits diese innere Umformung,
durch welche das Interesse von den allgemeinen Prinzipien der
Wissenschaft zu den individuellen Bedingungen des Denkprozesses.
hingelenkt wurde. —
Auch Malebranches Philosophie wird von Anfang an durch
diese Fragestellung gefesselt. Die bekannte Erzählung, die uns
berichtet, dass die Lektüre von Descartes’ „Traite de l’homme‘“
2s war, die ihn zuerst seinen philosophischen Beruf erkennen
liess und die seiner Forschung für immer die entscheidende
Richtung gab, ist in dieser Hinsicht bezeichnend. Es ist in der
Tat die beschreibende Naturwissenschaft, es ist vor allem
lie Physiologie, und mit ihr unlöslich verbunden die physio-
        <pb n="486" />
        Das Problem der Psychologie.

475

logische Psychologie, von der er seinen Ausgang nimmt. Hier
wurzelt seine Bedeutung und seine eigentliche geschichtliche
Originalität. Verschiedene‘ Teile der Physiologie, vor allem die
physiologische Optik, werden von ihm neu entdeckt und aus
vereinzelten Ansätzen, die bei Descartes und Hobbes vorhanden
 waren, zum konsequenten System fortgebildet. Die Analyse
des Wahrnehmungsproblems führt bereits zu Ergebnissen
hin, die an entscheidenden Hauptpunkten die Lehre Berkeleys
vorwegnehmen und erst ermöglichen. Nicht die Engländer, sondern
 Malebranche ist der erste wahrhafte Psychologe in der
Geschichte der neueren Philosophie. Zwar ist sein Blick dauernd
zugleich auf die Fragen der modernen Mathematik und Physik
gerichtet: als einer der Ersten macht er sich die neue Analysis
des Unendlichen zu eigen, an deren Entdeckung er freilich keinen
selbständigen produktiven Anteil nimmt. Aber es bleibt trotzdem
charakteristisch, dass dieselben Fragen, die bei Descartes an der
Spitze der gesamten Philosophie stehen, erst am Schluss von
Malebranches Hauptwerk aufgenommen und erörtert werden,
während der gesamte erste Teil des Werkes die Täuschungen der
Sinne und die Blendwerke der Einbildungskraft zusammenfasst
and zergliedert. Die psychologischen Ursachen des Irrtums müssen
aufgedeckt und beseitigt sein, ehe wir daran gehen können, das
Wissen nach seinem Gehalt und seinen sachlichen Vorbedingungen
 zu begreifen. In diesem Sinne eignet sich Malebranche
das Wort Charrons an, dass von allen Wissenschaften die Wissenschaft
 des Menschen es ist, die des Menschen am würdigsten
st —
Bleibt somit aller Inhalt des Wissens auf die Erkenntnis
des Selbst gerichtet und bezogen, so bedarf doch eben diese
‚etzte Aufgabe aller Forschung, um nicht missverstanden zu
werden, einer genaueren Bestimmung. Nicht darum kann es
sich handeln, die innere Wesenheit der Seele ergründen und
losgelöst begreifen zu wollen. Die Cartesianer, die das Prinzip
and den Ausgangi vom Selbstbewusstsein in diesem
Sinne verstanden, die geglaubt haben, dass sich ihnen hier
der Einblick in ein selbständiges Sein, unbedingt und unabhängig
 von der Erkenntnis aller übrigen Objekte, darbiete,
sind damit einer Selbsttäuschung verfallen, die alle echte Rang-
        <pb n="487" />
        Die ZIdeenlehre, — Malebranche.

ordnung und Wertunterscheidung des Erkennens umkehrt. Das
innere Zeugnis des „Bewusstseins“ darf nicht zum Bürgen und
Maassstab des Wissens gemacht werden. Was uns des Seins
unserer Seele versichert, ist nur eine erste unbestimmte und verworrene
 Empfindung, die jedem Versuch, sie in der Sprache
listinkter Wissenschaft auszudrücken, sie in reine Beziehungen
und Gesetze des Denkens zu fassen, widerstrebt. Echie Erkenntnis
ist lediglich dort vorhanden, wo aus bestimmten Definitionen der
gesamte abgeleitete Inhalt in streng notwendiger Verknüpfung deduktiv
 erschlossen wird.‘ Im Gebiet der psychischen Erscheinunzen
 aber ist uns dieser Weg versagt: denn von unserm eigenen
Selbst besitzen wir keine allgemeine „Idee“, die wir zu Grunde
ıegen und aus der wir seine besonderen Eigentümlichkeiten folgern
könnten.) Was uns hier gegeben ist, sind vielmehr lediglich die
besonderen Zustände und Bestimmungen, die sich für das Bewusstsein
 zur Einheit eines „Ich“ zusammenschliessen, das uns
indessen einzig als dieser Zusammenhang selbst, nicht als ein
2igener und abgegrenzter Inhalt bekannt wird. Wenn wir somit
auch der Existenz der Seele früher und unmittelbarer als der
des Körpers gewiss werden, so gilt dennoch von der Erkenntnis
ihrer Natur das Umgekehrte. Wir verstehen die Körper ihrer
empirischen Beschaffenheit nach, indem wir sie in mathematische
Beziehungen, in zahlenmässige Verhältnisse auflösen. Alle Eigentümlichkeiten
 der Körperwelt werden uns vollständig durchsichtig
und deutlich, sobald wir uns einmal ihrer quantitativen Grundgeseize
 versichert haben, sobald wir dazu gelangt sind, die manniglachen
 Bestimmtheiten der Empfindung in reinen Grössenunterschieden
 auszusprechen und festzuhalten. Diese Möglichkeit der
Objektivierung aber erstreckt sich allein auf den Inhalt des
Bewussiseins, nicht auf die Art und den Vorgang, vermöge dessen
wir ihn denken. „Wenn ich begreife, dass 2 X 9 ... 4 ist, so er-{asse
 ich diese Wahrheit mit völliger Klarheit, aber ich erkenne
nicht klar jenes Etwas in mir, das sie begreift“, Zwar mögen wir
die einzelnen Akte des Bewusstseins von einander abgrenzen, wir
mögen sie in diesem Sinne selbst mit einander vergleichen und
abzählen: immer bleibt es doch nur ein unbestimmter Begriff
der Mehrheit, den wir hier zur Anwendung bringen, nicht der
2xakte Begriff der Quantität. Die Grundeinheit, die durch ihre
        <pb n="488" />
        Die Kritik der „Selbsterkenntnis“ .

ATT

Wiederholung die verschiedenen Gebilde aus sich hervorgehen
liesse, bleibt uns versagt. Alle „klaren Ideen“ — an diesem Grundgedanken
 der Cartesischen Methodeniehre hält Malebranche fest
— erstrecken sich lediglich auf Beziehungen und gehen in ihnen
auf; im Psychischen aber mag der einzelne gesonderte Inhalt
noch so lebendig vor uns stehen und unser Bewusstsein ausfüllen:
niemals vermögen wir ihn in ein zahlenmässig bestimmtes Verhältnis
 zu einem anderen zu setzen und beide auf ein gemeinsames
 Maass zurückzuführen. Das Problem der Psychophysik
— wie wir es in moderner Sprache ausdrücken können — wird
von Malebranche von Anfang an auf Grund allgemeiner logischer
Erwägungen verworfen. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Empfindungen,
 als subjektive Vorgänge betrachtet, sich irgendwie
unmittelbar an einander messen liessen. Jeder Vergleich zwischen
ihnen setzt vielmehr eine vorangehende, gedankliche Reduktion
der verglichenen Inhalte, setzt die Zurückführung auf die objektiven
 Ursachen und Reize, die der räumlich-zeitlichen Erfahrung
und damit der mathematischen Fixierung unterliegen, vorans.45)
Um die psychischen Inhalte mit einander gesetzlich zu
verknüpfen, gibt es somit kein anderes Mittel, als ihnen in
der physischen Wirklichkeit ein Correlat, auf das wir sie beziehen,
 zu entdecken. Jetzt erklärt es sich, dass zwischen beiden
Reihen die strengste lückenlose Entsprechung gefordert werden
muss: fiele irgend ein Bewusstseinsinhalt aus dieser beständigen
Zuordnung heraus, so stände er eben damit ausserhalb der objektiven
 Erkennbarkeit und der objektiven „Natur“. In dieser Folgerung
 liegt der originale und eigentümliche Zug von Malebranches
‚Okkasionalismus“. Die Theorie der „Gelegenheitsursachen“ ist,
nach der metaphysischen Seite hin, schon vor ihm vollständig
durchgebildet, Ueberall indes werden von ihr Körper und Seele
als selbständige, unabhängige Wesenheiten gedacht, die nur dank
einer zufälligen göttlichen Verfügung mit einander in Verknüpfung
und Zusammenhang stehen. Clauberg, einer der ersten Begründer
 der Theorie, erklärt ausdrücklich, dass an diesem Punkte
die unmittelbare Berufung auf die Allmacht Gottes, die überall
sonst absurd wäre, logisch zu Recht besteht und die einzige mögliche
 Lösung bildet.4%) Malebranche hat diese Berufung keineswegs
 vermieden; und dennoch steht bei ihm das Problem von
        <pb n="489" />
        78

Die Ideenlehre. — Malebranche.

Anfang an auf einem vollständig anderen Boden, Der „Parallelismus“
 zwischen seelischen und körperlichen Erscheinungen gilt
ihm nicht als eine äusserliche, materiale Tatsache, sondern ist
zu einer begrifflichen Forderung und einem notwendigen Erkenninisprinzip
 geworden. Der Gegensatz zwischen den beiden
 Substanzen wird ausgeglichen durch die Einsicht, dass es
nur eine Art der „Erfahrung“, nur eine Art vollgiltiger, wissenschaftlicher
 Erkenntnis gibt. Die Beziehung der geistigen Vorgänge
 auf die Materie erst macht sie zum Gegenstand der exakten
 Wissenschaft, Erst durch Zuordnung zu einem bestimmten
 physiologischen Prozess zeichnen wir sie in das Bild
des Seins ein, dessen Grundzüge durch die klaren und distinkten
(deen der Mathematik vorgeschrieben sind.
Die Kritik des Substanzbegriffs, aus der die Cartesische
Philosophie hervorgewachsen ist, ist nunmehr um einen wichtigen
 Schritt weitergeführt. Wir sahen, wie der Begriff der „substantiellen
 Form“, nachdem er aus der Physik verbannt war,
sich in die Psychologie flüchtete und wie er hier am Begriff des
Selbstbewusstseins einen neuen Halt suchte. (S, ob. S. 431 £.)
Jetzt ist ihm auch diese letzte Stütze entzogen. Mit aller Klarheit
and Entschiedenheit stellt sich Malebranche nun auf den Standpunkt
 der Phänomene und begrenzt in ihnen die Aufgabe der
Wissenschaft. Zwar mag unserer Seele an sich ein absolutes
Sein zukommen, zwar mag es eine Regel und einen „Archetypus“
im göttlichen Verstande geben, nach dem sie entworfen und geformt
 ist: unsere Forschung hat es dennoch niemals mit diesem
idealen Urbild, sondern nur mit der empirischen Erscheinung,
ihrer Aufeinanderfolge und ihrer Verknüpfung zu tun“) Mit
dieser Erkenntnis erst befestigen wir den Monismus der Methode
 und sichern die Einheit und durchgängige Uebereinstimmung
 in allen Teilen und Gebieten des Wissens. Denn auch
die Physik muss, um Wissenschaft zu werden, zunächst lernen,
von der unbekannten Ursache der körperlichen Vorgänge abzusehen.
 Sie beginnt damit, die Materie durch das einzige klare
und deutliche Merkmal, das wir an ihr.begreifen, durch den Begriff
 der Ausdehnung, zu ‚bestimmen. Die Frage aber nach
einem „Subjekt“ dieser Ausdebnung, nach einem „Etwas“, das
sich in ihr darstellt. und hinter ihr verbirgt, weist.sie von Anfang
        <pb n="490" />
        Die Aufhebung der „absoluten Materie“. 479

an zurück. Denn das „Sein“ des Stoffes fällt ihr mit derjenigen
Grundeigenschaft zusammen, aus der alle seine möglichen Besonderungen
 und Eigentümlichkeiten sich ableiten lassen. Jeder
Gedanke, der hierüber hinausgeht, ist zum mindesten völlig unfruchtbar
 und kann nicht mehr als ein leeres Spiel der Einbildungskraft
 bedeuten.%) Wenn selbst Descartes noch beständig
mit der Forderung gerungen hatte, dem physischen Körper
eine Art des Seins und der unabhängigen Existenz zu sichern,
die ihn von den Gebilden des mathematischen Denkens unterscheiden
 sollte: so spricht Malebranche es nunmehr mit voller
Energie und Bestimmtheit aus, dass eine derartige Fragestellung
die Sicherheit der Erkenntnis jedenfalls nicht zu berühren vermag.
 Die Uebereinstimmung, die der Physiker zu suchen hat,
ist die zwischen seinen Begriffen auf der einen, und der Erfahrung
 und dem Inbegriffe der Wahrnehmungen auf der anderen
 Seite. Die „Dinge“ dagegen, die man „hinter“ den Wahrnehmungen
 etwa vermutet, entziehen sich seinem Gesichtskreis
und seiner Beurteilung; sie können völlig fortfallen, ohne dass
dadurch der Wert seiner Wissenschait irgend geschmälert wird.
„On dira peut-6tre que l’essence de la matiere n’est point
V’etendue, mais qu'importe? Il suffit que le monde que nous
concevrons Ctre forme d’etendue, paroisse semblable A celui que
nous voyons, Jquoiqu’il ne soit point materiel de cette matiere,
 qui n’est bonne ä rien, dont on ne connoit rien,
zat de laquelle cependant on fait tant de bruit“.%)
Wenn in den Entwicklungen, die wir bisher verfolgten, der
reinen Durchführung dieser streng phaenomenalen Betrachtungsweise
 vor allem die absolute Geltung und Anwendung des
Kausalbegriffes entgegenstand, so wird auch diese nunmehr
beseitigt. Bleiben wir bei der Anschauung der empirischen Veränderungen
 stehen, so findet sich in ihnen kein einziges Moment,
das uns die Wirksamkeit eines Elements auf ein anderes verriete
 oder unmittelbar darstellte. Der Begriff der körperlichen
Kraft erweist sich für die schärfere Zergliederung als ein leeres
Idol der Einbildungskraft; „Wie sehr ich mich auch anstrenge,
ihn zu begreifen: ich finde keine Idee in mir, die mir jenes Etwas
darstellt, das man die Kraft oder Macht der geschaffenen Wesen
nennt.“ Wenn man glaubt, eine solche Idee, wo nicht in der
        <pb n="491" />
        Co

Die Ideenlehre. — Malebranche.

äusseren, so doch in der „inneren“ Erfahrung zu besitzen, so beruht
 auch dies auf einer Selbsttäuschung, die vor der tieferen
Analyse sogleich verschwindet. Zwischen dem Willensakt, den
ich in mir selbst wahrnehme, und einer materiellen Aenderung
der äusseren Welt besteht keinerlei notwendige, ja keinerlei bezreifliche
 und verständliche Verknüpfung. Nur das Vorurteil einer
oberflächlichen Betrachtung vermag uns einen logischen Zusammenhang
 bei einem Vorgang vorzutäuschen, bei dem es sich
in Wahrheit um ein blosses Nach- und Nebeneinander von Erscheinungen
 handelt. Wir mögen das gesamte Gebiet des Bewusstseins,
 das für uns notwendig die einzige Regel des Urteils
darstellt, durchforschen: nirgend finden wir in ihm ein Vermögen,
las uns eine innere, kausale Beziehung zwischen zwei Gliedern
des Seins widerspiegelt. Der Intellekt, wie der Wille, die Vernunft,
wie die sinnliche Vorstellung versagen sich gleichmässig dieser Forderung.
 Wo immer uns die Erfahrung, wie beim Stoss der Körper,
Jen Ucbergang einer Kraft von einem zum anderen Körper unmittelbar
 vor Augen zu stellen scheint: da istes in Wahrheit nur eine
konstante gesetzliche Beziehung zwischen Bewegungsvorgän-Jen,
 eine Regel, durch die die Verteilung der Geschwindigkeiten an
verschiedene Teile des Raumes bestimmt und Vorgezeichnet wird.
Die Gesetze, nicht die Körper sind es, auf die alle Wirksamkeit
‚m echten, logischen Sinne zurückgeht: „parce que ces loix sont
»fficaces, elles agissent et les corps ne peuvent agir“50) In dieser
etzten Schlussfolgerung zieht Malebranche nur die Konsequenz
»iner Grundanschauung, die durch die moderne, mathematische
Naturwissenschaft eingeleitet und notwendig gefordert ist. Wir
konnten inshesondere bei Kepler verfolgen, wie der Kraftbegriff‘
ler Naturphilosophie und der naiven Vorstellung sich mit der
wachsenden Einsicht in die Prinzipien der eigenen Forschung, in
den modernen Begriff der Funktion auflöst. Für Galilei bildet
Jiese Umbildung sodann bereits die sichere Voraussetzung, von
der aus er die substantiellen Formen der Schulphilosophie bekämpft.
 Die Grundeinsicht, die seine Wissenschaft belebte und
leitete, ist jetzt auf den klarsten Ausdruck gebracht: die echte
Ursächlichkeit ruht niemals in den Dingen, sondern in den Gesetzen
 und findet in ihnen ihre sichere Bürgschaft. Man hat
Malebranche mit Hume verglichen: ein Vergleich. bei dem
        <pb n="492" />
        Die Kritik des Kraftbegriffs.

418 ı

man indes über den gemeinsamen negativen Zügen die wesentliche
 Abweichung im positiven Ergebnis übersehen hat.) In der
Tat hat Malebranche, hat somit der geschmähte „Rationalismus“
Hume die Waffen geliefert, mit denen er die populäre Ansicht
der Ursächlichkeit bekämpft. Aber wenn bei Hume die empirische
 Wissenschaft selbst in das Urteil einbezogen wird, das
sich gegen den Anthropomorphismus der naiven Anschauung
kehrt, so bleibt hier die strenge Grenzscheide und der Gegensatz
zwischen beiden Gebieten erhalten. Wir „begreifen“, wenn nicht
die innerliche Art des Uebergangs, so doch die Regelmässigkeit
der Beziehung, die zwischen Ursache und Wirkung ‘besteht: sofern
wir sie in die Sprache der klaren und deutlichen Ideen der Grösse
übertragen und in ihr befestigen können. Der Verzicht auf die
Einsicht in den metaphysischen Wesenszusammenhang vernichtet
nicht, sondern sichert die mathematische „Notwendigkeit“ der
Verknüpfung. In diesem Sinne hat Malebranche selbst beständig
an der Entdeckung und Fixierung des einheitlichen quantitativen
Grundgesetzes gearbeitet, aus dem alle besonderen Bewegungsvorgänge
 mit deduktiver Strenge ableitbar werden sollten; — innerhalb
 der Cartesischen Schule ist er der Erste, der den Vebergang
von den Stossregeln Descartes’ zum Leibnizischen Satz der Erhaltung
 der lebendigen Kraft vollzogen hat.?)
Allgemein weist der Relativismus, der den Grundzug von
Malebranches Erkenntnislehre ausmacht, überall eine doppelte
Beziehung auf, ohne doch seiner eigentlichen Absicht nach
schwankend und zweideutig zu werden. Er knüpft zunächst an
psychologische Erwägungen und Tatsachen an: die Relativilät
der Wahrnehmung ist es, durch die die bloss relative Geltung
aller reinen Erkenntnisse beleuchtet und erwiesen werden soll.
In der Richtung dieser Problemstellung liegt es, wenn Malebranche
 hier wiederholt auf Bacon zurückweist, dessen Idolenlehre
 in der Tat das Grundschema für die psychologischen Zergliederungen
 des ersten Teiles der Recherche abgegeben hat
Vgl. ob. S. 456.) Die Daten, die unsere Sinne uns liefern, machen
ıns nicht mit dem wirklichen Sein der Körper, sondern nur mit
dem Verhältnis vertraut, in dem sie unter einander und zu
unserem eigenen Körper stehen. - Einen absoluten Maassstab besitzen
 wir so wenig für das Sein der Körper, wie für ihre Vera
        <pb n="493" />
        DL

Zr

Die Ideenlehre. — Malehranche.

änderung. Der Zustand unserer Organe, wie die äusseren psychologischen
 Nebenumstände der Wahrnehmung entscheiden darüber,
 welche Grösse wir einer bestimmten Raumstrecke oder
einer gegebenen Zeitdauer zuschreiben. Denken wir uns, dass
der Gesamtverlauf unserer Vorstellungen plötzlich beschleunigt
oder. verlangsamt würde, so müsste sich damit unser Urteil über
alles äussere Geschehen und die Geschwindigkeit seines Ablaufs
notwendig ändern. So scheint alle gedankliche Entscheidung
über die Wirklichkeit in den Umkreis der blossen Empfindung
hineingezogen und der gleichen Bedingtheit, wie diese, unterworfen.
 Da unsere Sinne uns lediglich zur Erhaltung des Lebens,
nicht zur Erkenntnis der Wahrheit gegeben sind, so erschliessen
sie uns nirgends das einzelne, unabhängige Sein eines Dinges,
sondern lehren uns nur seine Reaktion und seine Unterscheidung
gegen andere kennen, da Beides hinreicht, um unser praktisches
Verhalten gegenüber der Mannigfaltigkeit der Objekte zu leiten. 5)
Die Relativität erscheint somit hier als ein Kennzeichen, das die
begrenzte und eingeschränkte Welt unserer Empfindung charakterisiert:
 es ist ein biologisches, nicht ein logisches Motiv. aus
dem sie hergeleitet und begründet wird.
Zu tieferer Auffassung und Schätzung aber werden wir geführt,
 sobald Malebranche sich der Darstellung seiner Methodenlehre
 zuwendet. Jetzt ist es der Grundgehalt von Descartes’
„Regeln“, der in ihm von neuem lebendig wird und der von ihm
sicherer und bestimmter als von irgend einem anderen Schüler
und Nachfolger ergriffen und weitergeführt wird. Auch er geht
von der Forderung einer Allgemeinwissenschaft aus, von
der alle besonderen Erkenntnisse nur Einzelanwendungen sein
sollen; auch er führt insbesondere die Wissenschaften der Natur,
soweit sie wie die Mechanik und die Astronomie zu exakten Ergebnissen
 gelangen, auf die „universelle Geometrie“ als ihre hinreichende
 und notwendige Bedingung zurück. Alle „spekulativen
Wahrheiten“ haben es mit nichts anderem, als mit den Beziehungen
 der Dinge und weiterhin mit den „Beziehungen der Beziehungen“
 zu tun. Ihr gesamter Gehalt und Gegenstand muss
daher in den Verhältnissen zwischen‘Linien seine genaue symbolische
 Bezeichnung und ‘seine erschöpfende sachliche Darstellung
 finden.) (Vergl. oben S. 389 ff.) Dieser Zusammenhang,
        <pb n="494" />
        Der Begriff der Relation.

483

auf den Descartes den Erkenntniswert seiner analytischen Geometrie
 gegründet hatte, wird indessen jetzt nicht mehr auf
vereinzelte Beobachtungen, noch auch auf eine psychologische
Zergliederung unserer Fähigkeiten und „Vermögen“ gestützt: er
ergibt sich mit sachlicher, objektiver Notwendigkeit aus dem Begriff
 der Wahrheit selbst. „Wahrheit“ besagt und bezeichnet
nichts anderes, als eine „reale Beziehung“, die zwischen zwei Ideen
stattfindet, als eine Vergleichung, die uns ihre Einerleiheit oder
Verschiedenheit kennen lehrt. Ob die Einzelinhalte, die in diese
Vergleichung eingehen, wirkliche Existenz besitzen, ist für den
Wert und die Geltung des Verhältnisses selbst ohne Belang: während
umgekehrt keine Verhältnisse zwischen den Dingen stattfinden
oder ausgesagt werden könnten, wenn nicht die Gewissheit rein
idealer Beziehungen vorausginge. Diese letzteren allein sind es,
die, wie dem Bereich des Daseins, so auch dem des Werdens
entzogen und daher ewig und unveränderlich sind; sie allein bilden
somit die unverrückbare Regel aller anderen Erkenntnisse. Je
weiter wir uns von diesen allgemeinen Urbegriffen entfernen, um
ans der konkreten Wirklichkeit zuzuwenden, um so geringer wird
die Bürgschaft der Gewissheit unserer Einsicht. Das letzte Ziel des
Erkennens ist daher nur in denjenigen Wissenschaften erreichbar,
in denen — wie insbesondere in der mathematischen Analysis —
der Gegenstand sich völlig aus reinen Relationen aufbaut und in
ihnen aufgeht. „Les verites ne sont que des rapports et la connoissance
 des verites la connoissance des rapports. Il ya des rapports
ou des verites de trois sortes. Il y en a entre les idees, entre les choses
et leurs idees, et entre les choses seulement ... De ces trois sortes
de verites celles qui sont entre les idees sont eternelles et immuables
 et ä cause de leur immutabilite elles sont aussi les
regles et les mesures de toutes les autres: car toute regle
ou toute mesure doit @tre invariable. Et c’est pour cela que V’on
ne considere dans l’Arithmetique, l’Algebre et la Geometrie que
ces sortes de verites, parce que ces sciences generales reglent et
renferment toutes les sciences particulieres‘.®) Man sieht, .wie der
Satz der Relativität aller unserer Erkenntnis hier einen völlig
neuen Sinn erhalten hat: wenn er zuvor den Abstand zu ‚bezeichnen
 schien, der zwischen unserem Wissen und seinem Objekt
dauernd bestehen bleiben muss. so ist er jetzt zum Ausdruck für die

ar
        <pb n="495" />
        Die Ideentehre. — Malebranche.

Kraft und die „intelligible“ Vollendung des Wissens geworden.
Und wir verstehen nunmehr die Grundabsicht, in welcher Malebranche
 aus der empirischen Psychologie die absolute Seelensubstanz,
 aus der empirischen Physik die absolute Materie entfernen
musste. Das Bild der Wirklichkeit ist erst jetzt nach dem Schema
and Grundriss der Methode gestaltet und ausgeführt. Keine Scheidewand
 trennt mehr die verschiedenen Gebiete: der Gegenstand der
Erfahrungswissenschaft besteht aus einem Inbegriff von Verhältnissen,
 für deren Bearbeitung die mathematischen Grundbeziehungen
 die Richtschnur und das rationale Vorbild abgeben.
Ist somit für die empirische Wirklichkeit die Reduktion,
die nach den Bedingungen der Erkenntnis zu fordern war,
vollendet, so bleibt dennoch — wie wir schon hier uns vergegenwärtigen
 müssen — ein Problemgebiet zurück, an dem das
gedankliche Verfahren, das sich bis hierher bewährte, eine
ürenze findet. Der Kraftbegriff insbesondere wurde nur darum
aus der Betrachtung der Erscheinungen verbannt, um ihn einer
anderen Sphäre ausschliesslich vorzubehalten und ihn in ihr zu
ınumschränkter Geltung zu bringen. Wir sahen, dass alle Wirkzsamkeit
 den Dingen entzogen und auf die Gesetze übertragen
wurde, Woher aber — so lautet nunmehr die Frage, der sich
Malebranche nicht zu entziehen vermag — woher stammt die
Wirksamkeit jener Gesetze selbst? Wenn es nicht gelingt, einen
‚etzten festen Punkt zu finden, an den wir ihre Geltung anknüpfen
sönnen, so bleibt alles Sein und alles Geschehen wiederum dem
Zufall und der Willkür überantwortet. Und damit ändert sich
die Richtung der Betrachtung: die Regeln des Geschehens sind
fest und unverrückbar, weil sie nur verschiedene Ausdrücke des
in sich einheitlichen und beständigen Willens der Gottheit
sind. Die „notwendige Verknüpfung“, die uns die Zergliederung.
der Erscheinungen nirgend darzubieten vermochte: hier ergreifen
und verstehen wir sie unmittelbar. Jetzt stellt sich uns ein eigentümliches
 Verhältnis dar: die Metaphysik leistet uns, was uns
lie innere, wie äussere Erfahrung versagte. Zwischen dem göttüichen
 Willen und seinem Werk besteht allein jener direkte
Wesenszusammenhang, besteht der allein verständliche „Ueberzang“,
 der zur Herstellung von wirklichen Kausalverhältnissen
erfordert wird. Ursache und Wirkung sind hier nicht zwei ge-
        <pb n="496" />
        Kräaftbegrif und Gesetzesbegriff.

485

trennte, beziehungslose Zustände des Seins; Entschluss und Ausführung
 sind vielmehr ein einziger identischer Akt, der nur
durch unsere nachträgliche Betrachtung in zwei verschiedene
Momente zerlegt und gespalten wird.5®) So ist der innere Zwang,
den die Dinge, nach der populären Ansicht, auf einander ausüben
zwar beseitigt, dennoch aber die Auflösung des Kausalverhältnisses
in eine blosse Ordnung der Begriffe nicht erreicht. Die Gleichförmigkeit
 des Geschehens setzt die Beständigkeit der Macht
und des Willens Gottes voraus; die „Kräfte“ innerhalb der Bewegung
 sind nur darum ausgeschaltet, um sie auf eine einzige
Grundkraft der Schöpfung zusammenzuziehen. Die stete Ortsveränderung
 eines Körpers beruht nicht auf der Beharrung eines
ursprünglich ihm verliehenen Antriebes: sie wird erst verständlich,
 wenn wir in ihr die Wirkung eines unausgesetzten Schöpferaktes
 erblicken, vermöge dessen der Körper successiv an verschiedenen
 Stellen von neuem hervorgebracht wird.#) Damit aber
ist die Kontinuität der Bewegung metaphysisch vereitelt: nur
die Sinne sind es, die uns den stetigen Fortschritt ein und desselben
 Beweglichen vortäuschen, während es sich in Wahrheit
um die diskrete Entstehung gleichartiger Subjekte an verschiedenen
 Punkten des Raumes handelt. Malebranches Metaphysik
— und ebenso, wie sich zeigen wird, seine Erkenntnislehre
— besitzt kein Mittel, das continuierliche Werden, den Uebergang
 von einem Zustand in den anderen begreiflich zu machen.
Sie muss, um den neuen Zustand zu erklären, beständig wieder
auf das höchste Sein zurückgreifen. Auch in der Mitteilung und
Uebertragung der Bewegung ist die wahre Ursache des Verhaltens
der Körper jenseits der Erfahrung zu suchen: die göttliche Allmacht
 ist es, die bei Gelegenheit einer bestimmten Lagerung und
Configuration von Massen in der einen ein bestimmtes Quantum
von Bewegung vernichtet, um es in der anderen neu zu erschaffen.
Wie aber Schöpfung und Vernichtung einen unversöhnlichen
 Widerspruch zu dem modernen Begriff der Natur bilden,
so tritt jetzt allgemein in Malebranches System eine eigentümliche
 Spannung und ein Gegensatz zwischen Gottes- und Naturbegriff
 ein; der uns unvermittelt in die mittelalterliche Weltansicht
 zurückzuversetzen droht. Die Wirksamkeit einzelner und
selbständiger Naturursachen anerkennen, heisst ihm die unum-
        <pb n="497" />
        186

Die Ideenlehre. — Malebranche

schränkte Macht Göttes begrenzen und leugnen. Was wir die
wirkende Ursache eines Vorganges nennen, das ist, wie er ausführt,
in Wahrheit nur das Zeichen und Symbol, an dem wir seinen
Eintritt erkennen und vorauszusagen vermögen: nicht die schaf-(ende
 Gewalt, die ihn hervortreibt. Und so bleibt es denn auch
ein leeres Wort, wenn wir von selbständigen Prinzipien der
Dinge sprechen, die von allem Anfang in sie gelegt sind und die
für sich allein ihren Fortbestand ermöglichen. Die „Natur“ in
diesem Sinne, als ein Prinzip der Erhaltung gedacht, ist eine
blosse Chimäre.®) Wir müssen an diesem Punkte innehalten,
um uns die eigentümliche geschichtliche Stellung, die Malebranches
 Naturbegriff einnimmt, zu vergegenwärtigen. Der charakteristische
 Grundzug der neueren Naturphilosophie und das eigentliche
 Kennzeichen ihrer Renaissance bildet der Gedanke, dass die
Natur „juxta propria principia“ zu erklären ist, dass sie aus
ursprünglichen Anlagen ohne weitere Einwirkung eines äusseren
Bewegers erwächst und sich entwickelt. Malebranche geht mit
vollem Bewusstsein wiederum hinter diesen Gedanken zurück:
er opfert die Erhaltung der Schöpfung, die Immanenz der
Transscendenz auf. Erst Leibniz ist es, der — im Gegensatz zu
ihm — den Eigenwert und die Substantialität der Naturdinge
wieder herstellt und der damit erst den stetigen Zusammenhang
mit der Grundanschauung der Renaissance von neuem knüpft.
S. ob. S. 196 f.) In diesen Umbildungen des Naturbegriffs
spiegeln sich die Schicksale und Wandlungen des Erkenntnisbegriffs.
 Wir begreifen die geschichtliche Notwendigkeit von
Malebranches Gedanken: er musste, wie wir sahen, die absoiuten
 Substanzen und Kräfte aus der empirischen Wirklichkeit
ausschalten, um diese der durchgehenden und vollendeten wissenschaftlichen
 Einsicht zugänglich zu machen. Aber er vermochte
liesen Schritt nicht anders zu vollziehen, als dadurch, dass er
den Begriff der Energie selbst entwertete und ihn zum „Idol“
herabdrückte. Es ist charakteristisch, dass Malebranches Ideenlehre,
 die den Inbegriff der Wahrheiten und Voraussetzungen
der Wissenschaft enthält, neben den moralischen Prinzipien
nur die Grundsätze der reinen Mathematik, nur die Figur, die
Zahl und das Unendliche kennt. Alle physikalischen und
iynamischen Grundsätze, insbesondere der Begriff der Substanz
        <pb n="498" />
        Die Grundlegung des psychologischen Idealismus. 487

und der Ursache, sind ihr fremd. Erklärt sich dieser Zug aus
ler Eigentümlichkeit der Cartesischen Physik, in der die Materie
mit der Ausdehnung, das Sein des Körpers mit dem Sein der
Geometrie zusammenfällt, so weist er doch zugleich die eigentliche
 Schranke von Malebranches Prinzipienlehre auf. Leibniz
überwindet sie, indem er den Kraftbegriff wiederum zum logischen
Zentrum der Physik macht, aber freilich zeigt sich auch bei ihm
deutlich, dass die Kritik, die Malebranche an diesem Begriff vollzogen
 hat, nicht verloren ist. Es ist die Ableitung und gesetzliche
 Erklärung der Phänomene selbst, an der der Begriff der
Kraft nunmehr seinen Anspruch begründen und rechtfertigen
muss. Die Bedeutung und den Mangel von Malebranches Auffassung
 aber können wir jetzt von einem einzigen Punkte aus
überschauen und zusammenfassen. Er hat die absolute Wesenheit
 der Erfahrungsobjekte zerstört: aber dies geschieht nur,
um den gesamten Inbegriff der Erfahrung und der Körperwelt
um so fester an ihren obersten metaphysischen Ursprung zu
ketten. Wenn er die Dinge in die Erkenntnis aufhebt, so ist
dies nur ein vorhereitender Schritt, um sie in das göttliche
Sein aufzuheben. Und diese doppelte Richtung des Gedankens
bezeichnet bereits ein Grundproblem, das uns schärfer und eindringlicher
 in der Ableitung der 1ldeenlehre entgegentreten wird.

1

Malebranches Idealismus weist in der Form und Begründung,
 in der er zumeist auftritt, wiederum deutlich die Kennzeichen
 des beherrschenden, wissenschaftlichen Grundinteresses
auf, Es ist die psychologische Tendenz, die an seiner Bildung
and Ausarbeitung mitwirkt; es sind psychologische Tatsachen und
Erwägungen, auf die er sich zunächst beruft. Das Ich [findet
sich, sobald es zum klaren Bewusstsein seiner selbst erwacht, in
den Umkreis seiner Empfindungen und Vorstellungen eingeschlossen.
 Die Wirklichkeit löst sich ihm in eine Mannigfaltigkeit,
 einen Zusammenhang von „Ideen“ auf, die nach bestimmten
Gesetzen der Verknüpfung auf einander folgen. Welchen Begriff
wir uns immer von der realen Existenz der Dinge ausserhalb des
        <pb n="499" />
        1838

Die Ideenlehre. — Malebranche.

Bewusstseins machen: sicher ist, dass sie uns nirgend gegeben,
dass sie durch kein einziges Datum unserer inneren Erfahrung
bestätigt oder erwiesen werden kann. Man nehme den Fall, dass
diese transscendente Wirklichkeit vernichtet würde, ohne dass indes
 eine Wandlung innerhalb unserer Vorstellungen selbst von
statten ginge, so würde damit unser Weltbild in keinem einzigen
Zuge geändert, so blieben alle unmittelbaren Erfahrungen und
Schlüsse, die wir auf sie bauen, in Kraft. Die geringste psychologische
 Reflexion reicht aus, um erkennen zu lassen, dass es
aicht die materiellen Gegenstände sind, die den unmittelbaren
Inhalt der Wahrnehmung bilden, dass es eine intelligible
Ordnung und eine intelligible Schönheit ist, die sich im Prozess
 der Erkenntnis vor uns auftut.5) „Die Welt ist meine
Vorstellung“: dieses Thema ist es, von dessen immer erneuter
Variation Malebranche seinen Ausgang nimmt. Die Instanzen des
Traumes und der Sinnestäuschung, die von Descartes nur kurz
Derührt worden waren, gewinnen bei ihm breiteren Raum und
allgemeinere Bedeutung.®) Und wenn Descartes über das Bereich
des unmittelbaren Bewusstseins alsbald hinausstrebte, so sehen
wir, wie Malebranche sich in ihm befriedigt und heimisch macht.
Einen Beweis für das Dasein der Körper zu versuchen, gilt ihm
als vergebliches Bemühen; bei aller Zurückhaltung, deren er sich
zegenüber dem Meister befleissigt, hat er doch alle Cartesischen
Argumente, die in dieser Richtung gehen, mit aller Entschiedenheit
 verworfen. Hatte Descartes sich darauf gestützt, dass unser
Glaube an die Existenz äusserer Dinge unvermeidlich sei und
lass es daher die Evidenz aller unserer Grunderkenntnisse entwurzeln
 hiesse, wenn wir ihm die Zustimmung versagten, so
weist er in diesem vermeintlich logischen Zwange das Moment
der Gewöhnung und des Vorurteils auf, über das eine tiefer dringende
 Analyse uns aufklärt und hinweghilft. Derselbe Grundtrieb,
 der uns von den „Ideen“ zu den jenseitigen Gegenständen
hinaustreibt, verleitet uns auch, die Dinge selbst mit den Eigenschaften
 auszustatten, die nur unseren Sinnen und unserer Einbildungskraft
 angehören; dieselbe Kritik, die uns die Subjektivität
 der Farben und Töne kennen lehrt, genügt, schärfer ge-{asst
 und durchgeführt, jeden Schluss auf ein unabhängiges
stoffliches Sein zunichte zu machen.) So zeigt sich uns hier
        <pb n="500" />
        Die Kritik des ontologischen Beweises.

489

eine lehrreiche und bezeichnende geschichtliche Abfolge. Die
Aufgabe, um derentwillen Descartes zur Metaphysik fortgeschritten
 war, wird jetzt fallen gelassen; der erste Schritt in der
Entwicklung eben dieser Metaphysik besteht darin, ihren Anfang
entbehrlich zu machen und in sich selber aufzulösen. .
Die Sonderstellung, die Malebranche hier innerhalb der
Fortbildung der Cartesischen Grundgedanken einnimmt,..zeigt
sich besonders deutlich in der Freiheit, die er gegenüber dem
Eckstein und Fundament der gleichzeitigen Philosophie, gegenüber
 dem ontologischen Beweisgrund gewinnt. In voller
Schärfe und Klarheit scheidet er an diesem Punkte seine Lehre
vom Spinozismus, mit dem schon die Zeitgenossen sie verglichen
 hatten, In dem wichtigen und interessanten Briefwechsel
mit Mairan, der — ein eifriger Anhänger Spinozas — diesen
Vergleich zuerst ausspricht und der ihn, allen Entgegnungen
zum Trotz, aufrecht erhält, bezeichnet Malebranche es als den
Grundmangel der Lehre Spinozas, dass sie die Idee der intelligiblen
 Ausdehnung mit dem Dasein eines unendlichen existierenden
 Grundstoffes verwechsele. Zwischen beiden aber besteht kein
begrifflicher Zusammenhang und keine innerlich notwendige
Verknüpfung. Der Schluss von der Geltung der Idee auf das
Sein des Inhalts, der durch sie bezeichnet wird, ist eine leere
metaphysische Illusion, in die wir durch die Zweideutigkeit des
logischen Grundkriteriums des Cartesianismus verstrickt werden.
Der Satz, dass man die Merkmale, die man im Begriff eines
Dinges „klar und deutlich“ begreift, von der Sache selbst aussagen
kann, besteht nur dann zu Recht, wenn man auf Grund anderer
Kennzeichen bereits gewiss ist, dass das „Subjekt“ unseres Urteils
existiert; er kann nicht dazu verwandt werden, diese Existenz
selbst erst zu setzen und zu hegründen. Unsere Grunderkenntnisse
 versichern uns niemals unmittelbar der Dinge, sondern
nur eines bestimmten Zusammenhangs von Bedingungen. Wir
müssen, sofern wir den Begriff der Materie setzen, freilich auch
seine Beschaffenheiten und Eigentümlichkeiten, wie etwa: die Ausdehnung
 und Teilbarkeit, von ihm aussagen; das aktuelle Dasein
des Stoffes selbst aber ist keine Eigenschaft und kein logisches
Merkmal, das jemals aus seiner „Idee“ zu erschliessen wäre. Wir
mögen diese Idee zu immer grösserer Bestimmtheit und Klarheit
        <pb n="501" />
        Die Ideenlehre. — Malebranche.

entwickeln, wir mögen sie zum Ausgangspunkt der Physik und
zum Quell immer neuer Erkenntnisse machen: nirgends werden
wir in ihr einen notwendigen Hinweis auf ein unabhängiges und
losgelöstes Objekt finden, das ihr entspricht.®) Sofern wir an
das Dasein eines solchen Objektes glauben, sofern wir der Idee
ein „Ideatum“ zuordnen, geschieht es jedenfalls nicht auf Grund
logischer Ueberzeugungen und immanenter F orderungen unserer
Erkenntnis: es ist lediglich die — Offenbarung, die diesen Schritt
vertreten und rechtfertigen kann.®) Wenn Malebranche mit
dieser unvermuteten Wendung dem Ergebnis seiner vorangehenden
 Analyse die Spitze abbricht, so tritt doch seine Grundansicht
durch den Gegensatz. jetzt nur um so deutlicher zu Tage. Es
kann keine schärfere philosophische Verurteilung des Begriffs
der „absoluten Materie“ geben, als sie in dieser paradoxen theo-'ogischen
 Beweisführung enthalten ist. In der Tat war es — wie
man mit Recht bemerkt hat — nicht sowohl die Autorität der Bibel,
als die der Kirche, die Malebranche hier vor dem letzten posi-Hven
 Schritt zurückhielt,$) während die inneren und sachlichen
Motive seines Gedankens in der Frage der Existenz der Körperwelt
 mit Notwendigkeit zu dem klaren und eindeutigen Ergehnis
Berkeleys hindrängen.
Sind indes die Dinge, und in ihnen der gewohnte feste
Halt und Hort der „Objektivität“ des Wissens beseitigt, so muss
aunmehr ein anderes Problem immer deutlicher und dringender
zu Tage treten. Berkeley hat sich in einem philosophischen
Tagebuch seiner Jünglingsjahre die Frage gestellt: „Was wird aus
den ewigen Wahrheiten?“ — und er hat darauf die kurze und
irockene Antwort erteilt: „Sie verschwinden“. („They vanish‘).
{in der Tat ist dies die Folgerung, auf die der psychologische
(dealismus, von dem auch Malebranche seinen Ausgang nahm,
unaufhaltsam hinzudrängen scheint. Was uns gegeben ist, ist
das bunte und wechselnde Spiel unserer Empfindungen und Vorstellungen.
 Wie könnten wir diesem rastlosen Werden an irgend
einem Punkte Halt gebieten, wie könnten wir aus ihm eindeutige
und unabänderliche Bestimmtheiten und Inhalte herausschälen?
Nur der Prozess, nur das immer erneute Denkgeschehen ist
uns bekannt: es muss bereits wie eine falsche Abstraktion scheinen,
in ihm feste Denkgebilde und Begriffe unterscheiden zu wollen.
        <pb n="502" />
        Idee und Perception,

49}

Und selbst wenn die Unterscheidung gelänge: wer versichert uns,
lass die Ergebnisse, die wir hier gewinnen, allgemeine Bedeutung
haben? Mit welchem Rechte können wir einem Inhalt, der sich
uns einzig in der Form des individuellen Bewusstseins darstellt,
 universellen Wert zusprechen und seine Anerkennung von
allen denkenden Subjekten fordern? Fragen dieser Art sind es,
die nunmehr in Malebranche lebendig werden und die seinem
ldealismus eine neue entscheidende Richtung geben. Die „Dinge“
xönnen wir getrost entbehren: aber die Gewissheit und Konstanz
der wissenschaftlichen Erkenntnisse gilt es zu gründen und zu
sichern, Wir verlangen nicht länger ein gegenständliches Urbild
unserer Vorstellungen, das irgendwo im Raum existiert und von
anseren Ideen nachgeahmt wird: was wir dagegen fordern
müssen, ist eine beharrliche, 'unverbrüchliche Regel, auf die wir
die wandelbaren Phänomene zurückleiten können. Das Selbstbewusstsein
 bietet uns nichts anderes als ein beständiges Kommen
und Gehen immer neuer Perzeptionen, die ungerufen wie aus
dem Nichts hervortauchen und wiederum in Nichts zu zerfliessen
scheinen; wollen wir sie verstehen und beherrschen, so müssen
wir sie nicht in starren Objekten, wohl aber in „dauernden Gedanken“
 befestigen. Ein selbständiges intelligibles Sein, das unabhängig
 von der Tatsache und. dem Akt unserer Wahrnehmung.
besteht, ja das diese Tatsache selbst erst ermöglicht, ist die erste
notwendige Voraussetzung, die wir für den Begriff der Erkenntnis
 postulieren müssen. —
Ehe wir auf die metaphysischen Folgerungen eingehen,
die für Malebranche in diesem Anfang unmittelbar enthalten
ınd beschlossen sind, müssen wir uns die Notwendigkeit und das
Recht der Fragestellung nochmals verdeutlichen. Psychologie
and Logik: die Lehre von dem subjektiven Denkverlauf und seinen
kausalen Gesetzen und die Betrachtung der Grundbeziehungen, die
zwischen den Inhalten des Denkens bestehen, treten jetzt deutlich
auseinander. Wiederum ist es die Mathematik, die hier die
Wege weist und die die grundlegende philosophische Unterscheidung
 bekräftigt. Wenn ich die Idee eines Quadrates fasse,
wenn ich aus ihr in lückenloser notwendiger Folge alle Eigenschaften
 einer derartigen Figur ableite: so ist das Objekt, auf das
ich in meinem Denken hinblicke und das alle meine einzelnen
        <pb n="503" />
        Ca

Die Ideenlehre; — Malebranche.

Schritte leitet, zweifellos nicht der Vorgang in meinem Geiste,
vermöge dessen ich mir das Dreieck vorstelle. Denn dieser Vorgang,
 seine Entstehung und Eigenart ist für mich völlig in
Dunkel gehüllt, während der Begriff selbst, in allen seinen Teilen
und Merkmalen, mir klar und deutlich vor Augen steht. „Ich
sehe klar, dass, wenn ich in dem Quadrat von der Spitze eines
Winkels eine gerade Linie ziehe, die eine gegenüberliegende
Seite halbiert, das dadurch entstehende Dreieck ein Viertel des
ganzen Flächeninhalts ausmacht .., dass das Quadrat über der
Diagonale das Doppelte der ursprünglichen Figur ist u. s. w.
Die Beschaffenheit meines Geistes aber, die Art, in der die Idee
des Quadrates in mir vorhanden ist, ist mir so wenig bekannt,
dass ich in ihr Nichts zu. entdecken vermag. Zwar bin ich mir
bewusst, dass Ich es bin, der diese Idee erfasst, aber meine
innere Erfahrung lehrt mich nicht, auf welche Weise meine
Seele bestimmt sein muss, damit die begriffliche und sinnliche
Vorstellung der Weisse zustande kommt und ich mit ihrer Hilfe
eine bestimmte Figur erkenne oder wahrnehme. Zwischen unseren
‚Perzeptionen“ und unseren „Ideen“ besteht also derselbe Unterschied
 wie zwischen uns als erkennenden Subjekten und dem, was
von uns erkannt wird“.®) Deutlicher tritt dieser Gegensatz hervor,
wenn wir erwägen, dass der Inhalt der mathematischen Begriffe
jederzeit ein Allgemeines ist, das sich nicht in einer begrenzten
Anzahl von Beispielen erschöpft, sondern schlechterdings eine unendliche
 Mannigfaltigkeit von Fällen in sich schliesst: während
unsere Perzeption uns stets nur einen vereinzelten momentanen
Zustand des Bewusstseins erschliesst und für ihn einzustehen vermag.%)
 Wären wir auf das Material beschränkt, das die verschiedenen
 Zuständlichkeiten unseres Bewusstseins uns bieten, so
wäre jeder begriffliche Inhalt, jeder Gedanke, den wir fassen
können, nichts anderes als eine Anhäufung von Einzelvorstellungen.
Die Idee des Kreises würde nichts anderes bedeuten als das verworrene
 Gesamtbild, das aus den wiederholten Wahrnehmungen
wirklicher Kreise in uns entsteht. Damit aber wäre sie ihres
eigentlichen Kerns und ihres wissenschaftlichen Gehalts beraubt.
Denn gerade dies ist das Vorrecht des mathematischen Begriffs,
dass er nicht induktorisch zusammengelesen wird, sondern dass
wir in ihm eine ursprüngliche Regel besitzen. vermöse deren wir
        <pb n="504" />
        Die Idee des Unendlichen.

493

die künftige Erfahrung, vermöge deren wir die Allheit der
Fälle im voraus umgrenzen. Die Einzelexemplare, die wir durchlaufen,
 dienen uns nur zum psychologischen Halt- und Stützpunkt,
 um uns dieser Allheit und Allgemeinheit der Regel zu
versichern; die umschliessende Gattungseinheit bezeichnet nicht
die Summe, sondern die Voraussetzung der besonderen Fälle,
Wenn irgendwo, so kommt in der modernen Mathematik dieses
Verhältnis zu unbeschränkter und zwingender Darstellung. Das
Grundprinzip des Unendlichen ist der deutlichste und schärfste
Protest gegen die herkömmliche psychologische Theorie der Begriffsbildung;
 es bezeichnet die innere Unmöglichkeit jenes Abschlusses,
 der hier verlangt und vorausgesetzt wird.®) Das Verhältnis,
 das zwischen der Hyperbel und ihrer Asym ptote besteht,
kann ich mir nicht verdeutlichen, indem ich beide Linien in
ihren einzelnen Teilen verfolge und die mannigfaltigen „Perzeptionen“,
 die ich auf diese Weise gewinne, miteinander vergleiche:
ainzig die umfassende „Idee“, die einheitliche mathematische Formel
der Hyperbel vermag mich darüber zu belehren.®) Dies Gesetz.
aber, das die Unendlichkeit der Merkmale in sich birgt, vermag,
sich meinem Geiste unabhängig von jeder vorangehenden Einzelwahrnehmung
 darzustellen.®) Allgemein ist es die Beziehung.
zwischen dem einen und allumfassenden Raume und seinen einzeinen
 Teilen und Gestaltungen, die hier das vorbildliche Muster
and Beispiel gibt. Die Idee der Einen Ausdehnung ist nicht das
Produkt und Endergebnis aus dem Zusammenfliessen der besonderen
 Figuren; sie ist die allgemeine Bedingung, die die Bildung.
und Abgrenzung des Einzelnen erst ermöglicht. Wir stehen vor
einem merkwürdigen Widerspruch: die Analyse der Erkenntnis
und die Analyse des Bewusstseins führen zu direkt entgegengesetzten
 Ergebnissen. Während alle Zuständlichkeiten des Bewusstseins
 das Abzeichen der Begrenzung und Einschränkung an
sich tragen, die unserem Ich als endlichem Wesen zukommt, führt
alle Zergliederung unserer Grunderkenntnisse auf das Moment der
Unendlichkeit zurück.) Wir begreifen nunmehr, dass der Quell
dieser Erkenntnis nicht in uns selbst liegt, sondern dass es
eine jenseitige geistige Wesenheit ist, die sich uns in ihnen mitteilt
 und die ihre eigene Gewissheit und Klarheit auf uns überträgt.
 Wenn ich an die Gestalten der Geometrie denke. so errichte
        <pb n="505" />
        Die Ideenlehre. — Malebranche.

ich in meinem Geiste ein Gebäude, so arbeite ich auf einem Baugrund,
 der nicht mein eigen ist: „cela ne vient point de la modalit&amp;amp;
 qui nous est propre et particuliere, c'est un Gclat de la
substance lumineuse de notre maitre commun“.!l) —
Damit ist der letzte.entscheidende Schritt getan, ist der Uebergang
 von Descartes zu Augustin vollzogen. (S. oben S. 436 f.) Aber
der Grundgedanke Augustins erhält hier, wo er mit den Prinzipien
der modernen Erkenntnistheorie zusammentrifft und mit ihnen
verschmilzt, allumfassende Bedeutung und Durchbildung. Was
für die ewigen und notwendigen Wahrheiten, das gilt damit auch
für die besonderen Erkenntnisse, deren Vorbild und Bedingung
sie sind. Zwischen dem Bereich der Erkenntnisse und dem Gesamtgebiet
 der Dinge aber ist jeder Unterschied und jede Schranke
beseitigt: so erstreckt sich der metaphysische Hauptsatz des Systems
nunmehr unmittelbar auf alles gegenständliche Wissen überhaupt.
Wir begreifen erst jetzt den Wert der vorangehenden Reduktion,
 vermöge deren die Objekte sich uns in Erscheinungen auflösten.
 (S. oben S. 484.) Wenn es für uns keine anderen als intelligible
 Objekte gibt, wenn alles Intelligible aber ein Beharrliches
 und Dauerndes enthält, das von unserem wandelbaren Ich
nur ergriffen, nicht erschaffen werden kann, so verstehen wir den
Satz, „dass wir alle Dinge in Gott schauen“, als notwendige
Folgerung. In der Tat: was anders ist der wirkliche Inhalt jeder
gegenständlichen Wahrnehmung’als ein bestimmt umgrenzter und
gestalteter Teil der Ausdehnung, der vermöge der Eigenart seiner
rein geometrischen Struktur und vermöge der Bewegung seiner
einzelnen Teile bestimmte subjektive Empfindungen der Farbe,
der Härte u. s. w. in uns hervorruft?) Entsteht aber die Idee
der Ausdehnung, als ein Unendliches, nicht aus dem Grunde unseres
 Selbst, sondern ‚muss sie, um Inhalt unseres Bewusstseins
zu werden, von aussen auf uns übertragen werden, so sehen wir:
dass wir der Mitwirkung der intelligiblen Welt der Ideen auch bei
dem einfachsten empirischen Wahrnehmungsakt nicht entbehren
können. Die Summe der einzelnen Empfindungen — diesen Satz
übernimmt Malebranche als grundlegende Voraussetzung aus Descartes’
 Analyse des Wahrnehmungsprozesses — gibt uns niemals
die Gewissheit eines äusseren. Gegenstandes; erst die mathematischen
 Begriffe und Urteile sind es, die ihn bestimmen und voll-
        <pb n="506" />
        Der Begriff der „intelligiblen Ausdehnung“. 495

enden. Augustin vermochte die volle Bedeutung seines eigenen
Gedankens nicht zu ermessen, weil er in Bezug auf die Empfindung
das gewöhnliche Vorurteil teilt, weil ihm, der in den subjektiven
Qualitäten Eigenschaften der Dinge selbst sieht, das konkreteObjekt
der Erfahrung unmittelbar durch die Sinne gegeben gilt.?) Damit
aber ist ein eigenes Gebiet niederer Erkenntnis abgegrenzt und
anerkannt, das dem Reich der ewigen und notwendigen Wahrheiten
 selbständig gegenübertritt. Die moderne Auffassung vermag
 diese Trennung, die der Einheit ihrer Methode widerstreitet,
nicht länger aufrecht zu erhalten. Wie sie seit Nikolaus von
Kues die reinen gedanklichen Operationen nicht losgelöst betrachtet,
 sondern ihre Wirkung bis in den sinnlichen Eindruck
selbst verfolgt, so kennt sie keine unbedingte Scheidewand mehr
zwischen der intelligiblen und der Erfahrungswelt: .beide sind ihr
nur in- und miteinander bekannt und gegeben,
Mit diesen Gedanken aber weist Malebranche selbst den Weg,
den die geschichtliche und sachliche Kritik seiner Ideenlehre
einschlagen muss, Seine Philosophie ist der Versuch, auf eine
neue Frage, die er in aller Schärfe erkennt und heraushebt, mit
gedanklichen Mitteln zu antworten, die der Vergangenheit der
Philosophie angehören. Das Problem, das ihn fesselt und auf
das selbst all seine metaphysischen und theologischen Gedanken
zurückweisen, ist die Geltung und Notwendigkeit unserer
wissenschaftlichen Grundwahrheiten. Die beharrliche und
ausschliessliche Richtung auf das zentrale Interesse der Erkenntnis
 bezeichnet ihn als modernen Denker. Er glaubt sich dem
metaphysischen Vorurteil, er glaubt sich der Scholastik entrückt,
wenn er von ihren „Entitäten“ und Kräften überall zu den
Ideen und Wahrheiten, als den ursprünglichen Anfängen, zurückgeht.
 Aber die Ideen selbst sind ihm nicht Funktionen
und Tätigkeiten des Geistes; sie werden ihm zu einem ;jenseitigen
 Reich geistiger Objekte. Der Mangel, der seine Metaphysik
 kennzeichnet, beherrscht auch seine Erkenntnislehre;
sie muss das schöpferische Werden, sie muss den Akt des Erkennens
 überall auf ein festes Sein zurückführen. (S.: oben S. 486f.)
Die „Wahrheit“ ist nicht der ideelle Grenzpunkt, zu dem das
Bewusstsein in immer ‚neuen Setzungen, in immer -komplexeren
 Synthesen, hinstrebt: — sie ist ein .starres und :.unbe-
        <pb n="507" />
        146

Die Ideenlehre. —  Malebranche.

wegliches Sein, das im göttlichen Denken fertig und ausgeprägt
vorhanden ist und von ihm auf uns überströmt. Der Geist ist
lamit zu völliger Passivität verurteilt: seine Erkenntnis bedeutet
ein blosses „Gewahrwerden“ von Beziehungen, die an und für
sich zwischen den Ideen als vorhandenen intelligiblen Gegenständen
 bestehen. Unsere Urteile wie unsere einfachen und komplexen
 Schlussfolgerungen stehen somit auf keiner anderen Stufe
als alle übrigen Perzeptionen des Geistes; sie sind keine schöpferischen
 Betätigungen des Denkens, sondern ein Nachbild und
eine Abspiegelung bestehender ideeller Verhältnisse.*) Auch die
Tatsache, dass es der subjektiven Aufmerksamkeit bedarf, um
liese Verhältnisse ans Licht zu stellen, bildet keine prinzipielle
Gegeninstanz gegen diese Auffassung; denn der Willensentschluss
selbst, der hierzu erfordert wird, ist keine Aeusserung freier
Selbsttätigkeit mehr. Die Aufmerksamkeit wird von Malebranche
in einer theologischen Wendung als ein „natürliches Gebet“ der
Seele bezeichnet und beschrieben: ®) das Gebet aber ist — nach
der Augustinischen Theorie, die hier zu Grunde liegt — wie der
Glaube ein freies Geschenk der göttlichen Gnade.)
So besitzt Malebranche von Seiten seines Bewusstseinsbezriffs
 keine Waffen gegen die Kritik Berkeleys, die doch das.
Centrum seiner Philosophie, die seinen Erkenntnisbegriff zunichte
zu machen droht. Das Faktum, von dem er ausgeht, ist lediglich
der Wertunterschied, der zwischen den Inhalten unseres Bewusstseins,
 der zwischen unseren „Vorstellungen“ anzunehmen ist.
Hier lag in der Tat der Weg vor ihm, der ihn über seine anänglichen
 psychologischen Ausgangspunkte hinausführen
konnte. Die Bedeutung, die bestimmten Erkenntnissen, wie den
mathematischen, vor allen anderen zukommt, die logische Unterscheidung
 und Stufenfolge der mannigfachen Sonderbestimmtheiten
 des Geistes musste als allgemeine Bedingung erwiesen
werden, die von jeder „Theorie“, die auch von jeder psychologischen
 „Erklärung“ vorausgesetzt wird. Wenn wir keine objektivziltigen
 Beziehungen zwischen den Inhalten des Denkens, wenn
wir kein Gesetz und keine Regelmässigkeit für die Phänomene
der Natur anerkennen, so fehlt auch jede Möglichkeit, von einem
beharrlichen, empirischen Ich als von einem festen gemeinsamen
Mittelpunkt, auf den alle Gegenstandserkenntnis sich zurückbe-
        <pb n="508" />
        Der Wertunterschied in den Inhalten des BEwWuSsISeiNS. 497

zieht, zu sprechen. Bei Malebranche dagegen wird die logische
Grundtatsache des Wertunterschiedes zu einem Unterschiede des
Seins und des Ursprungs. Man kann verfolgen, wie die „Idee“
bei ihm immer deutlicher ein selbständiges Eigenleben annimmt,
wie das Geschöpf sich zum Schöpfer wandelt. Auf sie geht nunmehr
 alle Wirksamkeit über, die er den Dingen wie dem menschlichen
 Geiste versagt hatte. Bei aller Wahrnehmung sind es
nicht die Körper selbst, sondern die Idee der intelligiblen Auslehnung,
 die auf uns einwirkt und unsere Seele berührt und
umgestaltet”) Solche Kraft eignet ihr von ihrem göttlichen
Ursprung: denn nur was in Gott und unmittelbar mit seinem
Wesen verbunden ist, besitzt wahrhaft schöpferisches Vermögen.®)
 Man hat Malebranches Begriff der intelligiblen Ausdehnung
 mit Kants Begriff der reinen Anschauung verglichen:
und in der Tat besteht, wenn man lediglich die sachlichen
Bestimmungen über das Verhältnis des Einen unendlichen Raumes
 zu den besonderen Gestaltungen und Begrenzungen gegen
einander hält, zwischen beiden eine auffallende Uebereinstimmung.“)
 Die spiritualistische Raumtheorie ist hier, wie in anderen
 geschichtlichen Ausprägungen, die sie gefunden hat, der
Vorläufer der idealistischen Lehre geworden. Dennoch bleibt in
der Grundabsicht und in der allgemeinen Gedankenrichtung ein
unverkennbarer Gegensatz bestehen; was bei Kant aus dem
Grunde und Gesetze des Selbstbewusstseins hervorgeht, das müssen
wir bei Malebranche als ein Aeusseres und Gegebenes ergreifen.
„Si nous ne pouvions voir les figures des Corps quen nous-m6-mes,
 elles nous seroient ... inintelligibles; car nous ne nous
connoissons pas. Nous ne sommes que tenebres A Nnous-memes;
il faut que nous nous regardions hors de nous pour nous voir‘%0)
Der Satz, dass die Seele sich selbst „unbegreiflich“ ist, zeigt hier
seine innere Gefahr und Zweideutigkeit. So wertvoll er sich erwies,
 um die metaphysische Forschung nach dem Wesen des Ich,
ım die rationale Psychologie abzuwehren: er versagt gegenüber
dem echten und tieferen Begriff des Cartesischen „Selbstbewusstseins“,
 Denn besitzen wir nicht eben in den objektiven Grundmethoden
 der Wissenschaft unser „Selbst“ in aller Klarheit und
Ursprünglichkeit? —
Es ist sachlich lehrreich und aufklärend, von hier aus auf
a9
        <pb n="509" />
        +98

Die Ideenlehre — Malebranche

die philosophischen Streitschriften zwischen Malebranche und
Arnauld herüberzublicken. Die Vorzüge wie die Mängel der
Ideenlehre treten nirgends so deutlich hervor, wie in dieser Diskussion,
 in der Malebranche sich gezwungen sieht, überall auf
die Grundmotive zurückzugehen und seine Gedanken auf ihre
wesentliche Einheit zusammenzuziehen. Der Einwand, den Arnauld
‚on Anfang an erhebt, trifft das System in der Tat an einer verwundbaren
 Stelle. Jede Vorstellung — so führt er aus —
anthält, wenngleich sie an sich ein einheitliches Ganze ist,
dennoch eine doppelte Beziehung in sich: auf die Seele, die
lurch sie modifiziert wird, und auf den Gegenstand, den wir als
den objektiven Inhalt der Vorstellung denken. Wenn Malebranches
 Scheidung zwischen Perzeption und Idee, zwischen dem
erkennenden Ich und dem, was von ihm erkannt wird, keine
andere Bedeutung haben will, als diese zweifache Relation und
ihre gedankliche Notwendigkeit zum Ausdruck zu bringen, so
besteht sie völlig zu Recht. In diesem Falle aber muss daran
festgehalten werden, dass es sich hier nicht um zwei gesonderle
Wesenheiten, sondern um ein und dieselbe Bestimmung des
Bewusstseins handelt, die nur von zwei verschiedenen Seiten
beurteilt wird. Beide Betrachtungen sind gleich ursprüng-.ich
 und notwendig; wir beziehen den Eindruck ebenso unmittelbar
 auf einen äusseren Gegenstand, wie wir ihn als eine
Zuständlichkeit unseres „Ich‘ denken.%) Es ist vergeblich, nach
dem „Grunde“ dieser Eigenart unseres Bewusstseins forschen zu
wollen; denn jede Erklärung, jede Theorie würde dieses Urphänomen
 immer bereits enthalten, vermöchte also nur scheinbar
 hinter dasselbe zurückzugehen.*®) Müssig ist es vor allem, zu
(ragen, wie das ausser uns, an einem bestimmten Orte des
Raumes befindliche Ding es anfängt, in unser Ich überzugehen,
wie es mit ihm zusammenfliesst und ihm innerlich „gegenwärtig“
 wird. In Problemen dieser Art werden Gesichtspunkte,
die nur innerhalb der räumlich-zeitlichen Erfahrung ihren Sinn
und ihre Geltung haben, auf die Ableitung des Bewusstseins und
der Erfahrung überhaupt angewendet, wird ein Verhältnis, das
aur zwischen den fertigen Dingen statt hat, einer Lehre zu Grunde
gelegt, die das Zustandekommen gegenständlicher Erkenntnis erklären
 soll. Eben diese Verwechslung einer ursprünglichen ge-
        <pb n="510" />
        Arnaulds Einwände gegen die Ideenlehre. 499

danklichen Beziehung mit tatsächlichen räumlichen Verhältnissen
ist es, die Arnauld Malebranche vor allem Schuld gibt. Seine
ıdeenlehre ist, wie er ausführt, so gut wie die gewöhnliche, allgemeine
 Wahrnehmungstheorie den Umständen und Tatsachen nachgebildet,
 die man bei der Gesichtswahrnehmung beobachtet. Hier
findet sich das Objekt, das, um von uns erblickt zu werden, dem
Auge gegenwärtig sein oder ihm doch auf irgend eine Weise —
etwa durch einen Spiegel — mittelbar dargestellt werden muss: hier
scheinen daher nicht die Gegenstände selbst, sondern nur die
Abbilder, die sie auf unserer Netzhaut hervorbringen, der eigentliche
 Inhalt zu sein, auf den der Akt des Sehens sich richtet.
Verfolgt man diesen Zusammenhang weiter, führt man den Analogieschluss
 von dem körperlichen auf das geistige „Sehen“ zu
Ende, so sieht man sich daher notwendig zu dem Ergebnis geführt,
 dass die Dinge der Aussenwelt sich in unmittelbarer Gegenwart
 vor die Seele hinstellen, dass sie mit ihr verschmelzen
müssen, damit eine Erkenntnis von ihnen zustande kommt.
Diesem Ergebnis ist Malebranche so wenig wie die Scholastik
entgangen; wenn diese die Körper selbst vermittels einzelner
Teile, die sich von ihnen ablösen und die von unserem Geiste
zu intelligiblen Spezies umgestaltet werden, in unser Bewusstsein
 hinüberwandern liess, so muss bei ihm das Selbst, ehe es
des Wissens fähig wird, mit der göttlichen Wesenheit als dem
Ort der Ideen, sich begegnen und sich berühren. Es ist derselbe
logische Grundirrtum, der uns bei ihm, wenngleich in spiritualistischer
 Wendung und Fassung, entgegentritt.%) Das Sophisma,
das hier begangen wird, wird deutlich, wenn man den mehrdeutigen
 Begriff der „Gegenwart“ des Erkenntnisobjektes auflöst.
Dass der Gegenstand, auf den unsere Urteile und Aussagen sich
beziehen, uns „gegenwärtig“ sein muss, ist freilich wahr; aber es
besagt nichts anderes, als dass er uns bekannt, dass er als Inhalt
des Bewusstseins gegeben sein muss. Malebranche und die Scholastik
 aber deuten diesen Satz, der im Grunde eine leere Tautologie
 ist, zu einem wirklich bestehenden metaphysischen Faktum
um: sie nehmen die Gegenwart des Objektes im Subjekt als ein
sachliches Verhältnis, das der Tatsache des Bewusstseins vorausliegt
 und sie erst ermöglicht.®)
Der Wert dieser kritischen Bemerkungen wird nicht dadurch
39%
        <pb n="511" />
        300

Die Ideenlehre. — Malebranche.

gemindert, dass es Arnauld nicht gelungen ist, von ihnen aus eine
eigene, folgerichtige Erkenntnislehre aufzubauen. In der Ausführung
 fällt er selbst in das gewöhnliche Vorurteil zurück: in
dem Kampfe gegen die Ansicht, dass der Prozess der Erkenntnis
an „Uebergang“ zwischen zwei verschiedenen Arten des absoluten
Seins bedeutet, übersieht er zugleich den Abstand, der für den
.mmanenten Standpunkt der Erkenntnis selbst zwischen
dem ursprünglichen und ungeformten Sinneseindruck und dem
Begriff des Gegenstandes besteht. Die Dinge sind ihm wiederum
in den ersten Empfindungen unmittelbar gesichert und gegeben,
Weil er in der Frage nach dem metaphysischen „Ursprung“ der
gegenständlichen Wahrnehmung eine täuschende Zweideutigkeit
entdeckt hat, glaubt er sich auch der anderen Frage nach dem
objektiven Wert und Gehalt der verschiedenen Daten des Bewusstseins
 überhoben.®) Die Einwände, die er von diesem Gesichtspunkt
 aus gegen Malebranches Idealismus erhebt, haben kein
sachliches, sondern lediglich geschichtliches Interesse; sie bezeugen
die dauernde Unfähigkeit der Philosophie des „gesunden Menschenverstandes“,
 sich auf den Standpunkt des Idealismus zu versetzen.
Sein Spott ist hier ebenso plump als typisch; Zug für Zug wird
man durch ihn insbesondere an die Kritik erinnert, die Nikolai
an Fichte geübt hat.®) An diesem Punkte gewinnt Malebranche
über Arnauld all die Ueberlegenheit, die ihm durch seine metholische
 Fragestellung verbürgt ist. Er stellt sich die Aufgabe, den
Weg zu verfolgen und zu beschreiben, der von den ersten Anzeigen
der Sinne zum „intelligiblen‘“ Objekt, zum Objekt der strengen
und eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnis hinführt. Die
Optik ist ihm der eigentliche und endgiltige Beweis für den
Unterschied zwischen Perzeption und Gegenstand — denn sie ist
os, die die gedanklichen Schlussfolgerungen und Deutungen aufzeigt,
 die wir an den Daten des Gesichtssinnes vollziehen müssen,
2he wir zu den Begriffen der Lage und Entfernung, ehe wir zur
bestimmten, räumlichen Anordnung der Gegenstände gelangen.“)
Es ist der Weg und die Weisung Descartes’, die Malebranche
hier getreulich befolgt. Der Gegenstand ist ihm das Ergebnis einer
stetig weiterschreitenden und immer vollkommeneren Objektivierung
 des anfänglichen „Eindrucks“; eines Verfahrens, das
uns zuletzt einzig und allein auf die mathematischen Bestimmun-
        <pb n="512" />
        Die Vorstellung“ und ihr Gegenstand. 501

gen, die sich in der Idee der Ausdehnung zusammenfassen, zurückführt.
 (Vergl. ob. S. 4171). Der unmittelbare Inhalt der Gesichtswahraehmung
 geht völlig in verschiedenen Helligkeiten und Farben
auf, die in mannigfachen Ahstufungen einander folgen: um aus
diesem Grundstoff die Welt unserer sinnlichen Erfahrung, die Welt
der Körper aufzubauen, müssen wir vor allem die Unterschiede
der direkten Wahrnehmung auf räumliche Unterschiede zurückführen,
 müssen wir bestimmte Empfindungen mit bestimmten
Teilen der „idealen Ausdehnung“ verknüpfen und auf sie beziehen.
Der Gegenstand, den wir in den verschiedenen Daten des Gesichtssinnes
 wahrhaft anschauen, ist somit nichts anderes, als eben
diese ideale Ausdehnung selbst, die sich uns, je nach den besonderen
 physiologischen Bedingungen, unter denen wir sie wahrnehmen,
 mit mannigfachen subjektiven Qualitäten bekleidet darstellt.8%)
 Freilich macht sich auch an diesem Punkt alsbald die
Umkehrung bemerkbar, die für Malebranches Ideenlehre bezeichnend
 ist. Während in der ersten Betrachtungsweise die reinen
geometrischen Beziehungen die Regel und den Richtpunkt für alle
besonderen Erkenntnisse abgeben, werden sie, nachdem der Weg
durchmessen, zur voraufgehenden sachlichen Bedingung hypostasiert.
 Die Idee des unendlichen Raumes muss nunmehr die Seele
bestimmen und „affizieren“, damit. in ihr das Bewusstsein von
einer Mehrheit von Objekten entsteht. Wenn wir ferner Eindrücke
verschiedener Sinnesgebiete dennoch auf Einen Gegenstand zurückführen,
 wenn wir etwa eine bestimmte Gesichts- und eine bestimmte
 Temperaturempfindung gleichmässig auf ein und dieselbe
Hand beziehen, statt sie verschiedenen Objekten zuzuordnen, so
wird auch dies jetzt daraus erklärt, dass es derselbe Teil der Ausdehnung
 ist, der mein Ich jetzt mit der Empfindung der Wärme,
jetzt mit der der Farbe modifiziert. Die „Ideen“ der Dinge
gehen somit vor den mannigfachen Perzeptionen, die wir durch
sie erhalten, voraus; „sie sind nicht einfache Bestimmungen des
Geistes, sondern die wirklichen Ursachen dieser Bestimmungen“
 (ce ne sont donc point de simples modifications de
l’esprit, mais les causes veritables de ces.modifications).®)
Wieder ist hier ein echtes erkenntniskritisches Problem gestellt
und wieder lenkt die Lösung in die Bahnen der Metaphysik ein.
Malebranche erkennt und spricht es aus. dass die Einheit des
        <pb n="513" />
        502

Die Ideenlehre. — Malebranche.

Gegenstandes niemals durch die blosse Empfindung verbürgt ist,
dass eine eigene und ursprüngliche Funktion des Denkens dazu
erfordert wird, um sie zu erschaffen und zu sichern. Aber er vermag
 die logische Notwendigkeit dieses Denkaktes nur dadurch zu
vegründen, dass er sie auf eine reale Notwendigkeit zurückdeutet;
er vermag den Wert, den die Idee als Bedingung besitzt, nur
dadurch festzustellen. dass er sie zur wirklichen und wirkenden
Ursache macht. —
Das Verhältnis von Wissen und Sein rückt schliesslich
aoch einmal in helle Beleuchtung, wenn Malebranche sich einer
allgemeinen Frage der zeitgenössischen Metaphysik: der Frage
nach der Abhängigkeit der „ewigen Wahrheiten“ vom Wesen und
Willen Gottes zuwendet. An diesem Punkte löst er sich endgiltig
 von der Tradition der Schule und eröffnet neue Wege. Das
Rang- und Wertverhältnis, bei dem die Cartesische Metaphysik
zuletzt geendet hatte, erfährt eine entscheidende Umkehrung.
‘Vgl. ob. S. 4261.) „Wenn die ewigen Gesetze und Wahrheiten von
Gott abhängig, wenn sie durch einen freien Willensentschluss des
Schöpfers festgestellt und begründet wären, kurz wenn die Veraunft,
 die wir befragen, nicht notwendig und unabhängig
wäre, so gäbe es ersichtlich keine wirkliche Wissenschaft
 mehr und man könnte sich täuschen, wenn man behauptete,
 die Arithmetik oder die Geometrie der Chinesen sei dieselbe
 wie die unsrige. Denn wenn es nicht unbedingt notwendig
ist, dass 2X4 8 ist, oder dass die Winkelsumme eines Dreiecks
2 R. beträgt, — welchen Beweis haben wir alsdann, dass diese
Wahrheiten nicht von derselben Art sind, wie solche Sätze, die nur
von einzelnen Schulen anerkannt sind und nur für eine bestimmte
Zeitdauer gelten?“ Die Geltung der Wahrheit an eine Verfügung,
welcher Art und Herkunft sie immer sei, zu knüpfen, ist ein
ieeres und grundloses Spiel der Einbildung. Wenn man an die
Ordnung, an die ewigen Wahrheiten und Gesetze denkt, so fragt
man nicht nach ihren Ursachen: denn sie haben keine, man
erkennt, dass ihre Unwandelbarkeit in ihrem Begriff und ihrer
Natur gegründet ist, nicht in irgendwelcher äusseren Satzung und
Bestimmung. Hier nach einem tieferen Ursprung zu verlangen,
heisst bereits die unbedingte Sicherheit der Denkgesetze antasten,
aeisst den Skeptizismus verkünden. Man sieht. dass Malebranche
        <pb n="514" />
        Die Unbedingtheit der „ewigen Wahrheiten“. 503

an diesem Punkte von dem Beispiel gelernt hat, das Pascals
Philosophie ihm darbot. Die universelle Vernunft ist ihm
unabhängiger als Gott selbst: der göttliche Wille ist ihr untergeordnet,
 sofern er in allen seinen Entscheidungen sie zu Rate
ziehen und gemäss ihrer Bestimmung handeln muss.®) Alle besonderen
 „Offenbarungen“ — und dies gilt insbesondere für die
sthischen Begriffe — treten jetzt zurück und unterstehen dem
Urteil der allgemeinen unverbrüchlichen Gesetzlichkeit, die sich
jedem Denkenden gleichmässig erschliesst. Man kann im einzelnen
 verfolgen, wie Malebranche, so sehr er überall sonst in
theologischen Fragen und Wendungen beflangen bleibt, an diesem
Punkte das Prinzip des Katholizismus durchbricht: wie er z. B.
gegenüber dem Institut der Beichte die Autonomie und Selbstgewissheit
 des sittlichen Urteils des Individuums betont und verfcht.
 Das Wort von der „Raison corrompue“ wird von ihm
andgiltig überwunden.®) Wenn er alle unsere Erkenntnis: an
Gott anknüpft und in ihn aufhebt, so erscheint auch dies
aunmehr in einem neuen Licht. Die Identität von Gott und
Vernunft, die damit erreicht wird, zielt nicht darauf ab, das
Denken einer fremden Autorität zu unterwerfen. Nicht dass der
göttliche Wille unbedingt verbindlich und „vernünftig“, sondern
dass die Vernunft allgemeingiltig und „göttlich“ ist, ist es, was
er zuletzt beweist, Es versteht sich aus den Zeit- und Lebensbedingungen
 Malebranches, dass er diesen Gedanken nicht völlig
zu Ende zu führen vermochte, dass ihm über der Erforschung
und Sicherung der Gesetze die Frage nach dem Gesetzgeber
niemals völlig verstummte. „Quel genre d’&amp;amp;tre est-ce que cette
loi et cette regle? comment subsiste-t-elle dans la matiere? quel
an est le lcgislateur? Elle est eternelle, dites vous. Concevez
lonc quele lcgislateur est eternel. Elle est nccessaire et immuable,
 dites- vous encore; dites donc aussi que le legisateur
 est n6cessaire, et qu'il ne lui est pas libre ni de former,
ai de suivre ou de ne suivre pas cette loi. Concevez que cette loi
n’est immuable et Gternelle que parce quelle est Gerite, pour
ainsi dire, en caracteres Gternels dans l’ordre immuable des attributs
 ou des perceptions du legislateur, de l’6tre infiniment parlait‘“.9)
 Wenn diese Worte auch noch immer eine innere Unsicherheit
 über die einzigartige und zentrale Geltung der Erkennt-
        <pb n="515" />
        304

Bayle.

nisprinzipien bekunden, so weisen sie doch zugleich einen neuen
Weg: einen Weg, der von verschiedenen Seiten her von Leibniz
ınd von Bayvle beschritten wird. —

D) Der Ausgang der Cartesischen Philosophie, — Bayle.

So gewagt es ist, eine so eigentümliche und paradoxe Erscheinung
 wie Bayle einem geschichtlichen Gattungsbegriff einzuordnen:
 seinem Ausgangspunkt und seinen ersten Motiven nach
gehört er unverkennbar dem Cartesianismus an. Das Bild
der gedanklichen Bewegung, die von Descartes ausging, bliebe
anvollständig, ihr Fortgang und ihre letzten Ziele und Schicksale
liessen sich nicht völlig übersehen, wenn wir von diesem Denker,
der nach Geistesart und Methode einer völlig anderen Richtung
anzugehören scheint, absehen wollten. Er, der keinen einzigen
acuen Zug in die Gesamtverfassung des Cartesischen Systems
eingefügt hat, stellt dennoch die Wirkungen, die die neue Lehre
auf die allgemeine Geisteskultur geübt hat, in lebendigen und
mannigfaltigen Ausprägungen dar. Er knüpft in seinen theovetischen
 Grundgedanken an Malebranche an, den er stets mit
Auszeichnung nennt und den er unter allen zeitgenössischen
”hilosophen am höchsten stellt.®) Von ihm übernimmt er vor
allem die kritische Umgestaltung des Begritls der „ewigen Wahrheiten“,
 sowie die entscheidenden Hauptsätze zur Begründung
des Idealismus: er selbst spricht es ausdrücklich aus, dass seine
eigene Ansicht von der Idealität der Körperweit nur eine Erzänzung
 und Fortsetzung der Beweisgründe sein will, die Malebranche
 gegen Arnauld gebraucht hatte.%) Aber freilich: diese
Weiterbildung wandelt sich alsbald zu einer allgemeinen Kritik,
lie an dem Grundsatz der klaren und deutlichen Percep-‘ion
 vollzogen wird, Und wie hier in der Logik, so bereitet
sich andererseits von der Ethik und Geschichte her eine neue
Fragestellung vor, die über den Umkreis des Cartesianismuns
ainauszuführen bestimmt ist. —
Die Rolle, die Bayle in der Geschichte der Skepsis zufällt,
wird am deutlichsten. wenn man seine Stellung mit der Mon-
        <pb n="516" />
        Bayle und Montaigne.

505

taignes vergleicht. Der formale Grundunterschied, der sich
hier besonders aufdrängt: der Gegensatz zwischen der Anmut von
Montaignes aphoristischem Stil und der breiten und gelehrten
Gründlichkeit, mit der Bayle sein Thema angreift und kraft immer
neuer „Distinktionen“ verfolgt und zerlegt, weist zugleich auf eine
tiefere sachliche Unterscheidung hin. Für Montaigne bildet alles
loss philologische und geschichtliche Wissen einen Teil jenes
‚Pedantismus“, den er als das Grundübel der herkömmlichen Erziehungslehre
 bekämpft. Die aufgedrungene Kenntnis des Fremden
ist es, die uns überall die Entdeckung des Eigenen verwehrt; die
Bücher sind es, die die. unübersteigliche Scheidewand zwischen
anserem Geist und den Dingen bilden. Jede neue Erläuterung,
die wir an ihnen versuchen, wird uns unter unseren Händen zu
einer neuen Dunkelheit: Kommentar häuft sich auf Kommentar,
um die eine Wahrheit zu zerstückeln und in sich selbst zweideutig
 zu machen. „Nous ouvrons Ja matiere, et l’espandons en
la destrempant: d’un subiect nous en faisons mille, et retumbons;
en multipliant et subdivisant, ä l’infinite des atomes d’Epicurus .. .
L’homme ne faiet que fureter et quester, et va sans cesse tournoyant,
 bastissant, et s’empestrant en sa besogne, comme nos
vers ä soye et s’y estonffe; mus in pice.“ (Essais III, 13), Es
ist, als hätte Montaigne in diesen Worten die schriftstellerische
Art von Bayles „Dictionnaire“, mit der Fülle seiner Zitate und
Verweisungen, seiner Repliken und Dupliken vorweg geschildert.
Aber man darf in dieser scholastischen Gestalt und Hülle
nicht lediglich ein Zeichen des Rückschrittes sehen: vielmehr
birgt sich in ihr zugleich das Bewusstsein einer neuen positiven
Aufgabe. Das System Descartes’, wie sehr es von dem Gedanken
beherrscht war, die Eigentümlichkeit des „Geistigen‘“ gegenüber
aller Wirklichkeit der Natur zu behaupten, hatte dennoch mit
3inem Ergebnis geendet, das, eben an dieser Grundabsicht gemessen,
 ungenügend und problematisch blieb. Die Natur war
dem Denken ein- und untergeordnet und in ein festes System der
Erkenntnis verwandelt; die äussere Existenz wurde den Gesetzen
des Bewusstseins unterworfen. Aber eben die eigensten und
nächsten Probleme des Selbstbewusstseins waren hier uoch nicht
selbständig und aus einem festen Mittelpunkt heraus gestaltet: es
[ehlt der Cartesischen Philosophie an einer sicheren Grundlegung
        <pb n="517" />
        506

Bavle.

der Geisteswissenschaften. Wie die Ethik, so hlieb die
Geschichte ihrem Plane und ihrem Ausbau fremd. Bei Malebranche
 insbesondere muss alles historische Wissen als Folie
dienen, um den Wert der echten und zeitlosen Wahrheiten der
Mathematik und Logik umso deutlicher hervortreten zu lassen.
Zum Begriff wahrhafter Erkenntnis gehört ihm nur die Gesamtheit
 derjenigen Sätze, „die auch Adam verstehen und besitzen
gonnte‘“.®) Es ist, als sollte die gesamte zeitliche Entwicklung
zurückgetan und alles Wissen wieder aus einem primitiven Urstande
 des Bewusstseins neu entdeckt werden. Dieser Gegensatz
von Vernunft und Geschichte bildet auch für die Zeitgenossen
ainen entscheidenden Zug im Bilde des Cartesianismus. Immer
von neuem wird bei den Gegnern der neuen Lehre, wie bei Huet,
lie Klage laut, dass mit ihr alle gelehrte wissenschaftliche Kultur
vernichtet werde und die alte „Barbarei“ wieder hereinbreche.
Die eigentliche Gefahr aber, die aus dieser Lücke im logischen
System erwuchs, lag in Wahrheit in einer anderen Richtung. So
‘ange die Philosophie die Geschichte von ihrem Forum verwies,
 so lange blieb die Auffassung des historischen Geschehens
durch die Offenbarung beherrscht und beschränkt. Wir können
dies bei Pascal verfolgen, dem die Geschichte der Menschheit,
ihr Sinn und ihr Gehalt, in dem Umkreis der biblischen Bücher
anthalten und beschlossen ist; wir finden es bei Malebranche
bestätigt, der, dem Grundprinzip seines Rationalismus zum Trotz,
in allen Fragen der Theologie ausdrücklich die Tradition als
die letzte und alleingiltige Instanz anerkennt.®) Damit ist die
Aufgabe, die Bayle vorfand, klar umschrieben: die Kritik des
Dogmas kann nicht anders, als mit der Kritik der geschichtlichen
Jeberlieferung, mit der genauen Prüfung und Sichtung ihrer
Quellen und Zeugnisse beginnen. Der Doppeltitel des „Dictionnaire
 historique et critique“ bezeichnet in dieser Rücksicht
eine innere Einheit; der Kampf gegen das theologische Schulsystem
 wird nunmehr auf dessen eigenem Gebiete aufgenommen
and mit seinen eigenen Mitteln und Waffen durchgeführt

Wie aber liesse sich eine Kritik von Tatsachen und Tatsachenwahrheiten
 denken, wenn nicht feste und dauernde Maassstäbe,
wenn nicht unverbrüchliche Regeln gefunden werden könnten.
        <pb n="518" />
        Das Problem der Grundlegung der Geisteswissenschaften. 507

die dem zeitlichen Werden und Wandel entrückt sind? Die Ueberlieferung
 verliert jede Beweiskraft, wenn es nicht gelingt, einen
Prüfstein zu finden, der unter ihrer bunten und widerspruchsvollen
 Mannigfaltigkeit eine Sichtung und Auswahl vollzieht, der
den echten Sinn und Gehalt von dem fremden Stoff, der sich an
ihn herandrängt, scheidet. In diesem Grundgedanken ist Bayle
Cartesianer geblieben: der Wahrheitswert, den er dem Geschichtlichen
 zugesteht, hängt auch ihm von rein rationalen
Erwägungen und Kennzeichen ab. Schon hieraus ergibt sich seine
historische Sonderstellung: die skeptische Lehrverfassung beginnt
bei ihm mit einer Behauptung und Vertiefung der Befugnisse der
Vernunft. Das „natürliche Licht“ oder die „allgemeinen Prinzipien
 unserer Erkenntnis“ sind die höchste Instanz, vor der
jedes Zeugnis der Tradition, vor der insbesondere jede Auslegung
ler Schrift sich rechtfertigen muss. Die katholische Kirche selbst
muss diesen Sachverhalt, wie sehr er ihrer unbedingten Autorität
Abbruch tut, wider Willen anerkennen. In der Tat, was anderes
ıst die unermessliche logische Einzelarbeit, die die Scholastik an
len Glaubenssätzen vollzogen hat, um sie in sich selbst einstimmig
and zusammenhängend zu machen, als ein notwendiger und ungewollter
 Tribut an die Vernunft? Der innerste Widerspruch der
mittelalterlichen Philosophie: dass sie in ihrer Methode anerkennen
 muss, was sie in ihrem Ergebnis leugnet, wird hier von
Bayle in vorbildlicher Klarheit erkannt und ausgesprochen. „Man
sage nicht mehr, dass die Theologie die Königin und die Philosophie
ihre Magd sei: bezeugen es doch die Theologen selbst durch die Tat,
dass sie umgekehrt die Philosophie als die Herrscherin ansehen,
der sie zu dienen haben. Hieraus allein erklären sich alle Anstrengungen
 und Verrenkungen, die sie ihrem Verstande nur deshalb zumuten,
 um dem Vorwurf zu entgehen, dass sie sich gegen die gesunde
 Philosophie versündigen. Wenn sie die Prinzipien der
Philosophie abzuändern suchen, wenn sie, je nachdem sie ihre
Rechnung dabei finden, bald diesen, bald jenen ihrer Grundsätze
entwerten, so gestehen sie damit nur mittelbar die Ueberlegenheit
der Philosophie zu, so zeigen sie, wie unabweislich die Notwendigkeit
 ist, ihr den Hof zu machen. Sie würden nicht solche Mühe
darauf wenden, sich bei ihr in Gunst zu setzen und mit ihren
Gesetzen in Einklang zu bleiben, wenn sie nicht anerkennten. dass
        <pb n="519" />
        508

Bayle.

jedes Dogma, sofern es nicht vor dem höchsten Gerichtshof der
Vernunft rechtskräftig gemacht, von ihm registriert und beglaubigt
ist, schwankende Autorität besitzt und zerbrechlich wie Glas ist.“
Welchen neuen Inhalt uns somit immer die Offenbarung zu
erschliessen vermag: ihr eigentlicher Rechtsgrund darf dennoch
kein Mysterium bleiben, sondern muss sich uns in unserem eigeaen
 Selbst enthüllen: „in dem klaren und lebendigen Lichte, das
alle Menschen gleichmässig erleuchtet und unwiderstehlich überzeugt,
 sobald sie die Augen des Geistes darauf richten.“ Hier
besitzen wir das Kriterium, an dem vor allem jeder sittliche
Anspruch, der an uns herantritt, aufs neue geprüft werden muss,
so klar und fest er immer in einer übersinnlichen Autorität
verbürgt und beglaubigt erscheinen mag. Für die echte Ethik
verschwindet gleichsam der Gesichtspunkt der Zeit und der
Veberlieferung: was sie nicht unter der Form des Ewigen aus
den Gesetzen des Bewusstseins abzuleiten vermag, das besitzt für
sie keine bindende Kraft. Wenn die Theologen der Cartesischen
Schule, wenn insbesondere Arnauld die „eingeborenen Ideen“ des
Sittlichen vom Standpunkt der geschichtlichen „Erfahrung“ kritisiert
 und als leere und willkürliche Allgemeinbegriffe verworfen
hatten, so bedeutet für Bayle eben jene „Abstraktion“, durch
die wir die dauernde Regel aus den relativen Satzungen und Gewohnheiten
 herauslösen, die eigentliche Kraft und Bewährung der
Vernunft, Alle Träume und Visionen, alle Wunder und Erscheinungen,
 auf die man den Glauben stützen will, müssen durch
dieses Sieb hindurchgehen: „wie könnte man sich sonst versichern,
 ob sie von einem guten oder bösen Prinzip herstammen?“
„Erdreistet sich somit jemand, zu behaupten, dass Gott uns ein
Gebot offenhart hat, das unseren grundlegenden sittlichen Prinzipien
 widerstreitet, so muss man ihm entgegentreten und ihn
bedeuten, dass er einer falschen Auslegung folgt: besser, dass das
Zeugnis seiner Kritik und Grammatik, als dass das der Veraunft
 verworfen werde.“ Es hiesse das furchtbarste Chaos und den
verwerflichsten Pyrrhonismus einführen, wenn man diese Regel
antasten, wenn man leugnen wollte, dass jeder besondere Glaubenssatz
 seine eigentliche Sanktion erst in der Prüfung durch das individuelle
 Gewissen erhält. Die Skepsis erweist sich auch hier
wieder mit den Motiven und Grundgedanken der religiösen Be-
        <pb n="520" />
        Vernunft und Offenbarung.

509

(ormation verwandt. (Vgl. ob. S. 184.) Erst wenn man hier seinen
Ausgangspunkt nimmt, wenn man diese Sätze Bayles, die einer
([rüheren Schrift angehören,”) zu Grunde legt, versteht man die
Absicht des Bayleschen Zweilels, die im „Dictionnaire“ durch
mannigfache Nebenabsichten beschränkt und verdunkelt ist

Der Sinn und der Umfang der Bayleschen Skepsis, soweit
sie sich auf die theoretische Naturerkenntnis bezieht, lässt
sich im einem Wort begrenzen und festhalten: es ist nicht die
Wahrheit der Begriffe, sondern die absolute Existenz der
Dinge, die durch sie getroffen werden soll. Bereits die geschichtiiche
 Anknüpfung, die Bayle zum Erweis seiner Lehre wählt,
ist für. diese Richtung seines Denkens bezeichnend: es ist der
(dealismus der Eleaten, der von ihm ergriffen und der in der
eindringlichen und dauernden Kraft seiner Beweisgründe dem
Zeitalter entgegengehalten wird. Die Renaissance der grossen anliken
 Systeme ist im 17. Jahrhundert im allgemeinen vollendet.
Der Gegensatz zwischen Platon und Aristoteles ist allseitig begriffen
 und dargestellt; die Lehre Demokrits ist durch Gassendi
zu allgemeinem populären Verständnis, durch Galilei zu reinster
logischer Durchbildung und Fortwirkung gelangt. Selbst Gedanken
des Empedokles und Anaxagoras wirken in den naturphilosophischen
 Spekulationen der Zeit mannigfach nach. Nur dasjenige
System, in dem alle diese Lehren ihre eigentliche Wurzel haben
und auf das sie, fortbildend oder polemisch, dauernd Bezug nehmen
scheint bis jetzt kaum in den Gesichtskreis der neueren Zeit gerückt
 zu sein. Wenn Telesio und seine Schule sich auf Parmenides
 berufen, so knüpfen sie hierbei nur an seine Physik,
nur an diejenigen Sätze, die er selbst dem Bereich der trügerischen
 und schwankenden Meinung zugewiesen hatte, an. Die
logische Absicht aber, die dem Gedanken des Einen Seins und
der Kritik der Vielheit und Unendlichkeit zu Grunde lag, blieb
unverstanden: sie musste einer Epoche fremd bleiben, der die
Wahrheit und das Sein des Unendlichen in ihrer neuen kosmologischen
 Gesamtansicht unmittelbar verbürgt erschien und die
        <pb n="521" />
        510

Bayle.

sich andererseits soeben ein neues gedankliches Instrument erschuf,
 um die Probleme des Unendlichen innerhalb der Wissenschaft
 exakt zu beherrschen und zu bewältigen. Bei Bayle
dagegen tritt das Problem freilich zunächst nur als eine Frage
der Metaphysik auf, die aber alsbald ihren Einfluss und ihre
Rückwirkung auf die allgemeinen Fragen der Erkenntnislehre
beweist. Das Originale und Wertvolle seiner Leistung besteht
darin, dass er als Erster in der neueren Philosophie die Bedeutung
der Antinomien für die Begründung des Idealismus erkennt.
Damit hat er ein Motiv geschaffen und einen Zusammenhang gestiftet,
 der in der Geschichte des Erkenntnisproblems nicht wieder
verloren gegangen ist.®) So schwach und haltlos seine Argumente
sind, wenn man sie als Einwände gegen die wissenschaftliche
Mathematik betrachtet, so wertvoll werden sie als Waffen gegen
den naiven Wirklichkeitsbegriff. Die Annahme eines unbedingten
 Seins, das ausser jeglicher Beziehung zu den Forderungen
ınd Gesetzen des Denkens stände, zeigt sich jetzt nicht nur als
zine leere, unbeweisbare Behauptung: sie offenbart sich als ein
durchgängiger innerer Widerspruch. Nicht die Existenz; sondern
 selbst der Begriff der absoluten Materie wird entwurzelt.
Denn wie immer man das „Sein“ der Materie sich denken mag,
ob man es aus ausdehnungslosen Punkten zusammensetzt oder
ob man es aus Atomen oder aus Elementen von unbegrenzter
Teilbarkeit bestehen lässt: immer geraten wir mit klaren und
unaufheblichen Beweisgründen des Verstandes in Widerstreit. Jede
dieser drei Meinungen vermag sich nur mittelbar dadurch zu behaupten,
 dass sie die beiden anderen entgegenstehenden Sätze als
unmöglich erweist: jede ist unbesieglich, solange sie sich angrei-{end
 verhält, um sogleich zu nichte zu werden, falls sie es unternimmt,
 ihre These mit positiven Gründen zu erhärten.®) Das
Sophisma, das hierbei begangen wird, liegt klar zu Tage. Wenn
die Ausdehnung ein unabhängiges reales Etwas ist, so gilt freilich
nur eine der angeführten Möglichkeiten; so muss sie ein Aggregat
aus mathematischen oder physischen Punkten sein, oder aber aus
Teilen bestehen, die ins Unendliche weiter zerlegbar sind. Aber
statt aus der Ausschliessung zweier dieser Fälle mit Gewissheit
auf die Wahrheit des dritten zu schliessen, sollte man aus dem
Kampfe und dem schliesslichen gemeinsamen Schicksal der Par-
        <pb n="522" />
        Die Antinomien des Unendlichen.

511

teien lernen, dass die Voraussetzung, um die sich der Streit
bewegt, in sich selbst unhaltbar ist, dass es das Subjekt des
Schlusssatzes, nicht die einzelnen Prädikate sind, worin die
Schwierigkeit begründet liegt. Wir müssen begreifen, dass der
Körper der Physik zu keiner anderen Art des „Seins“ gehört, wie
die Linien und Flächen der Mathematik; wir müssen einsehen,
dass so gut Länge und Breite Inhalte sind, die ausserhalb des
Denkens keinen Bestand haben, auch das Gebilde von drei Dimensionen
 keine andere als „ideale“ Existenz besitzt. 1%) Dem
gleichen Verdikt, wie der Raum, verfällt die Bewegung: auch sie
arscheint uns durchweg mit inneren Widersprüchen behaftet,
sobald wir sie als eine unabhängige Wesenheit betrachten und
demgemäss ihre innere „Natur“ zu enträtseln suchen. Die Schwierigkeiten
 der stetigen Zusammensetzung der Materie, wie ihres stetigen
 Uebergangs von Raum- zu Raumpunkt schwinden erst,
wenn wir mit der Aufhebung jeglicher Transscendenz Ernst
machen: in unserem Geiste allein vermögen wir den „Zusammenhang“
 zu stiften und zu begreifen, der uns an den gesonderten,
realen Elementen unfassbar blieb.1%) Diesen Erwägungen fügt
Bayle die Gründe hinzu, die sich aus der Betrachtung der physiologischen
 Bedingtheit unserer sinnlichen Erfahrung ergeben:
denn alle „Mittel der Epoche“, mit denen man die Subjektivität der
Empfindungsqualitäten dartut, gelien ihm zugleich als ebensoviele
Beweise gegen das unabhängige Sein der Ausdehnung. Hier weist
er selbst auf Malebranche zurück, dessen Erörterungen über die
Relativität aller räumlichen Setzungen er aufnimmt und breiter
entwickelt. (Vgl. ob. S. 481 f.) Das wesentliche Ergebnis aber,
das er gewinnt, liegt nicht in diesen psychologischen Ausführungen,
 sondern es besteht darin, dass er das letzte Band, das
die klare und deutliche Perception noch mit der abso-Juten
 Wirklichkeit verknüpft, zerschneidet. Wie die gesamte
Entwicklung der Philosophie des 17. Jahrhunderts auf eine Lockeung
 dieses Zusammenhangs hinausging, konnten wir beständig
verfolgen; aber erst jetzt ist die Scheidung streng und unwiderruflich
 vollzogen. Der Satz des Widerspruchs selbst, somit die
Bedingung aller unserer Begriffe und Erkenntnisse bleibt nur soange
 in Kraft, als wir innerhalb des Bereichs der Phänomene
verharren; er versagt und wird stumpf. sobald wir ihn zur Ord-
        <pb n="523" />
        312

Bayle.

nung und Unterscheidung an sich bestehender Dinge brauchen
wollen.
Von diesem allgemeinen, theoretischen Ergebnis aus verstehen
 wir nunmehr sogleich die Kritik des Offenbarungsglaubens,
die der „Dictionnaire“ durchführt. Zwischen unseren Vernuniftbegriffen
 und den jenseitigen Mächten und Wirklichkeiten, von
denen dieser Glaube spricht, ist jede Beziehung abgebrochen. In
der Sicherung dieses Gedankens liegt die Grundabsicht, die sich
durch alle Wendungen und Verschleierungen von Bayles Dialektik
 hindurch verfolgen lässt. Wenn der „Commentaire philosophique“,
 von dem wir ausgingen, auf eine rationale Prüfung
and Berichtigung der Glaubenssätze hinzustreben schien, so wird
jetzt eben diese Fassung des Zieles als in sich selber widerspruchsvoll
 verworfen. Das einzige eindeutige und konsequente
Verhältnis, das sich zwischen Philosophie und Glaubenslehre
feststellen lässt, ist die unbedingte Unterwerfung des Denkens
unter den Inhalt der Offenbarung. Mit immer erneutem Pathos
wird diese letzte resignierte Entscheidung als das endgültige
Ziel und der echte Ertrag aller Wissenschaft gepriesen. Noch
einmal fasst Bayle alle Bemühungen des Menschengeistes, Glauben
and Wissen zu versöhnen, zusammen, um ihnen allen gleichmässig
 das Urteil zu sprechen. Jede Vermittlung, die bier gesucht
 wird, erweist sich als eine Halbheit des Denkens; jeder
Versuch der theoretischen Vernunft, zum mindesten ein immanentes
 Gebiet abzugrenzen, auf dem sie frei und selbständig
schaltet, ist eine leere Selbsttäuschung. 1%) Die Erkenntnis ist ein
(ückenloses System: sie an einem Punkte aufgeben, beisst auf sie
in ihrer Totalität Verzicht leisten. Wir vertrauen etwa auf den
Grundsatz, dass zwei Dinge, die sich von einem dritten nicht unterscheiden,
 untereinander nicht verschieden sind: das Mysterium
der Dreieinigkeit wird uns trotzdem vom Gegenteil überzeugen.
Wir nehmen als evidente Wahrheit an, dass ein Körper nicht
an mehreren Orten zugleich sein kann; das Dogma der Euchacistie
 klärt uns über unseren Irrtum auf. „Durch diese Lehre
verlieren wir alle Wahrheiten, die wir bisher in den Zahlen ge-‚unden;
 wissen wir nun doch nicht mehr, was „Zwei“ und „Drei“,
was Identität und Verschiedenheit bedeuten.“ Logik und Mathematik
 werden jetzt im günstigsten Falle zu einer Sammlung in-
        <pb n="524" />
        Die Aufhebung der logischen Grundwahr heiten. 513

duktiver und jederzeit aufhebbarer Sätze: denn kann nicht morgen
eine neue Offenbarung unsere evidentesten Vernunftprinzipien
zu Nichte machen?!®) So ergibt sich ein seltsamer Contrast
zwischen der positiven Voraussetzung, von der Bayle ausgeht,
 und dem Ziel, bei dem er endigt. Seine Leistung und sein
Verdienst ist es, die unveräusserliche absolute Einheit der theovetischen
 Vernunft erkannt und festgehalten zu haben. Nur als
Ganzes kann sie, wie er begreift, etwas bedeuten und wirken:
aber er hat sie, da er sie in diesem umfassenden Sinne nicht zu
behaupten vermochte, zuletzt als Ganzes verworfen. —
Nach der subjektiven Ehrlichkeit dieses Schlusssatzes soll hier
noch nicht gefragt werden; die Entscheidung hierüber wird sich
von selbst ergeben, wenn wir nunmehr die Kehrseite von Bayles
Skepsis, innerhalb des Dictionnaire selbst, ins Auge fassen. So
antschieden er die Vernunft der Wissenschaft bekämpft und
verwirft, so unantastbar bleibt ihm das Recht der sittlichen
Vernunft. Die Ausgangssätze des „Philosophischen Kommentars“
bleiben in dieser Hinsicht unverändert bestehen, ja sie werden
nunmehr schärfer und radikaler behauptet und begründet. So
wenig es dem menschlichen Geiste gegeben ist, in das Sein der
jenseitigen Dinge einzudringen, so sehr steht ihm das alleinige
Recht und die selbstgenügsame Kraft zu, sich das Gesetz des
Handelns zu bestimmen. Jede religiöse Ableitung des Sittengesetzes
 wird nunmehr rückhaltlos verworfen. Immer von neuem
kehrt Bayle zu diesem Gedanken zurück, immer wieder ist es die
Kraft und Reinheit des weltlichen Ideals der Antike, auf die er
;ich zu seinem Erweise beruft. Jedem Hinweis auf eine spezifische
 Wirkung des Christentums stellt er das Beispiel anderer Religionen,
 jedem Bericht einer übernatürlichen Gnadenwirkung ein
Zeugnis für die lebendige Wirksamkeit der reinen philosophischen
Sittenlehre gegenüber. Der „Dictionnaire“ ist die Fundgrube für
alle Beispiele geworden, in denen die Philosophie der französischen
 Aufklärung das gleiche Thema behandelt hat. Wenn
Bayle Islam und Christentum mit einander vergleicht, um den
Gehalt ihrer Beweisgründe wie den Einfluss auf die innere Gesinnung
 ihrer Bekenner gegeneinander abzuwägen, so klingt hier
der satirische ÖOberton oft in einer Stärke mit, dass man unmittelbar
 Voltaire zu hören glaubt. Er spricht es aus, dass die
98
        <pb n="525" />
        514

Bayle.

Macht der positiven Glaubenslehren sich bisher überall nur in
der Kraft der Verfolgung gegen Andersdenkende, nicht in der
Rückwirkung auf das eigene Tun, bewährt habe. Es heisst die
Sittlichkeit entwurzeln, wenn sie auf das Ansehen eines Einzelnen
oder auf das Vorbild des Religionsstifters gestützt wird; wo ein
geschichtliches Individuum in seiner Relativität zum unbedingten
Maassstab wird, da ist die ewige „Idee“ des Guten bereits verlassen.)
 So gestaltet sich auch hier der Widerstreit zwischen
Vernunft und Glauben schroffer und unversöhnlicher als zuvor:
die Schlussfolgerung aber, die daraus gezogen wird, ist derjenigen
auf dem theoretischen Gebiet durchaus entgegengesetzt. Die Vernunft,
 die sich dort dem Dogma gefangen gab, erkennt sich nunmehr
 als fähig und zureichend, das Ganze der individuellen Lebensführung
 zu bestimmen und die Formen der empirischen
Gemeinschaft zu erschaffen.
Beide Ergebnisse, so unvereinbar sie uns scheinen mögen,
sind für Bayle nicht getrennt, sondern bilden in ihm eine unmittelbare,
 persönliche Einheit. Ihm innere Unwahrhaftigkeit
vorzuwerfen, wäre nur dann berechtigt, wenn sich nicht die geschichtlichen
 und psychologischen Bedingungen aufzeigen liessen,
aus denen der Zwiespalt in ihm notwendig folgt und sich erklärt.
„Bayles Glaube — so urteilt Feuerbach — war ein Akt der Selbstverleugnung,
 eine Schranke, die er sich selbst setzte, eine eben
deswegen an sich willkürliche Schranke, die freiwillige Negation
seines Geistes, wie sein Geist die Negation seines Glaubens war.
... Bayle schliesst aus den Einwürfen der Vernunft gegen den
Glauben nicht auf die Nichtigkeit der Dogmen, sondern auf die
Nichtigkeit der Vernunft ... Sein Glaube ist eine freiwillige Abstinenz
 und Pönitenz seiner Vernunft. Aber gleichwohl war Bayle
kein Heuchler. Er ist ein Freigeist aus Notwendigkeit. Bei dem
Heuchler ist das Aeussere im Widerspruch mit dem Innern, das
Innere die Negation des Aeussern und umgekehrt. Aber Bayle
war in sich selbst im Widerspruch. Er heuchelte nicht
den Glauben; er glaubte wirklich, aber er glaubte im Widerspruch
 mit sich, mit seiner Natur, seinem Geiste“.1®) Man kann
indes selbst diesen inneren Widerspruch schlichten, wenn man
sich — was durch die literarische Form des Dietionnaire freilich
erschwert wird — das Ganze seiner philosophischen Grund-
        <pb n="526" />
        Das ethische Ziel der Bayleschen Skepsis. 515

absicht beständig vor Augen hält. Bayle hat das sacrificium
intellectus gebracht, er hat die theoretische Vernunft geopfert,
um der sittlichen Vernunft unbedingtes und freies Feld zu
schaffen. Je erhabener und unbegreiflicher er das Dogma schildert,
 und in um so weitere Ferne er es damit rückte, desto mehr
sicherte er das unmittelbare empirische Leben vor seinen Einzriffen
 und Uebergriffen. Die Ethik — das ist der feste Punkt,
in dem er wurzelt — geht ihm in der Vernunft auf: die Kluft
zwischen Vernunft und Dogma erweitern, heisst somit zugleich,
dem Einfluss des Dogmas auf die sittliche Beurteilung und Betätigung
 steuern. Der „Glaube“ an die Mysterien, an das „Sein“
des Uebersinnlichen ist der Preis, den er für die Erreichung dieses
Hauptziels einsetzt. Die Persönlichkeit Bayles spricht nirgends
lebendiger und eindrucksvoller zu uns, als in einer philosophischen
 Gelegenheitsschrift, die nach Aufhebung des Edikts
von Nantes zur Verteidigung der Glaubensfreiheit geschrieben
ist.10%) Hier hat er Worte von einer Kraft und Freiheit der Gesinnung
 und von einer polemischen Schärfe und Bitterkeit gefunden,
 die unvergesslich sind. Hier sehen wir denn auch den
Kern seiner geschichtlichen Aufgabe rein und losgelöst von allen
fremden Bestandteilen vor uns. Nicht die wissenschaftliche Einsicht,
 sondern die religiöse Duldung ist der Endzweck, auf den
seine Aufklärung abzielt. Sein kritisches Interesse erlahmt, sobald
 ihm dieser Zweck gesichert scheint, und das paradoxe Ge-(üge
 des Systems brachte es mit sich, dass er glauben konnte, ihn
unter Preisgabe der Wissenschaft am gewissesten und gefahrlosesten
 erreichen zu können.
Freilich ist damit zuletzt weder der Vernunft, die keine
Möglichkeit mehr besitzt, ihr Reich theoretisch zu festigen und
auszubauen, noch auch dem Glauben gedient. Denn welcher
Wert bleibt noch einer Religion, die unseren Verstand mit dunklen
Rätseln quält und die sich der Einwirkung auf unseren sittlichen
Willen grundsätzlich begeben muss? Der Zwiespalt aber, der
hier zurückbleibt, hat wiederum einen tieferen sachlichen Grund:
er erklärt sich, wenn man die psychologische Grundauffassung
 des Menschen betrachtet, von der Bayle seinen Ausgang
 nimmt. Montaigne hatte gegen alle Zweifel seines theoretischen
 und sittlichen Relativismus einen festen Ankerpunkt im
RR
        <pb n="527" />
        516

Bayle.

Begriffe des „natürlichen Menschen“ gefunden. Der Mensch der
Natur, der noch nicht durch die äusserlichen Bindungen und
Satzungen, die die fortschreitende Civilisation erschafft, in seinem
Wesen verfälscht ist, bleibt für ihn der sichere Leitstern, Hier
wird dieser Skeptiker gläubig; hier leiht er den phantastischen
Erzählungen über die Verfassung der Naturvölker Amerikas willig
Gehör: das goldene Zeitalter ist ihm unmittelbar in der Gegenwart
lebendig geworden. Alles, was die Philosophen jemals von einem
primitiven Idealzustand ersinnen konnten, reicht nicht heran an
die reine und schlichte Naivetät, die uns hier die Erfahrung zeigt.
»„Wilde“ heissen wir jene, wie wir die Früchte wild nennen, die
die Natur aus sich heraus und ohne fremde Hilfe hervorbrinzt;
während wir im Grunde das Wort für diejenigen brauchen sollten,
die wir künstlich verändert und durch Anpassung an unseren
verdorbenen Geschmack zu Bastarden gemacht haben. Wider
alle Vernunft wäre es, dass die Kunst den Vorrang vor unserer
zrossen und mächtigen Mutter Natur gewinnen sollte. Wir haben
die Schönheit und den Reichtum ihrer Werke so sehr mit unseren
eigenen Erfindungen überladen, dass wir sie darunter völlig
erstickt haben: wo immer noch einmal ihre Reinheit hervorleuchtet,
 da beschämt sie in erstaunlicher Weise unsere eitelen
und frivolen Bemühungen« (Essais I, 30), Von solcher Rousseauschen
 Grundstimmung ist Bayle weit entfernt. Er erschliesst
jas „Wesen“ des Menschen lediglich aus dem Verlauf seiner
Geschichte: hier aber dient ihm jedes neue Blatt dazu, das
naive Zutrauen zu der ursprünglichen Güte seiner Natur zu
widerlegen. „L’homme est mcechant et malheureux; chacun le
zonnait par ce qui se passe au dedans de Ilui et par le commerce
qu’il est oblige d’avoir avec son prochain . . (Nous voyons) par-:out
 les monuments du: malheur et de la mechancete de l’homme:
partout des prisons et des höpitaux; partout des gibels et des
mendiants .... L’histoire n’est a proprement parler. qu'un recueil
des crimes et des infortunes du genre humain‘. 107) Dieser Pessimismus
 ist der tiefste Grund der Bayleschen Skepsis. Die
sittliche Vernunft bleibt ihm ein Danaergeschenk: sie vermag das
Ziel des Handelns festzustellen und den Weg zu erleuchten, aber
lie natürliche Kraft, es ins Leben und in die Wirklichkeit zu
rufen, bleibt ihr versagt. So rein und selbständig ihr inneres.
        <pb n="528" />
        Das psychologische Motiv der Bayleschen Skepsis. 517

Gesetz auch ist, es kann nach Aussen nichts bewegen.‘ Den theo-‚ogischen
 Gedanken an eine ursprüngliche Verderbnis der Ver -
aunft hat Bayle überwunden: aber der andere Glaube an das
‚radikale Böse“ in der empirischen Menschennatur ist ihm
geblieben. Und diese ethische Beurteilung findet im theoretischen
Gebiet ihr Gegenstück. Wo er den Socinianismus und seinen
Anspruch einer rationalen Prüfung der Glaubenswahrheiten bekämpft,
 da wirft er ihm bezeichnenderweise vor allem einen
psychologischen Grundirrtum vor. Man muss ein Schwärmer
sein, um zu meinen, dass der Mensch von einem drückenden
Joche befreit wäre, wenn man ihm den Gedanken an abstrakte
Unbegreillichkeiten erliesse. Denn eben der innere Widerspruch
bildet den Reiz und die beständige Anziehungskraft des Glaubens.
‚Wer eine philosophische Religion erfinden will, der mag alle
schwerverständlichen Lehrsätze aus ihr entfernen, aber er mache
sich auch von dem eitlen Wahne frei, dass die Menge ihm jemals
 folgen werde.‘“10) Der Mensch bedarf, seinem Wesen nach, des
festen positiven Dogmas: die Indifferenz in diesem Punkte wird
ihm immer für verächtlicher und verwerflicher gelten, als selbst
ein falsches Bekenntnis.1®) So ist der Zweifel an der Realität
der Vernunft bei Bayle allenthalben nur das Ergebnis und der
notwendige Ausdruck der Verzweiflung an ihrer empirisch - geschichtlichen
 Verwirklichung. Er ist andernteils bedingt durch
die eingeschränkte Bedeutung, die der Begriff der Vernunft bei
ihm noch besitzt. Den Betätigungen der Vernunft in der modernen
Wissenschaft steht Bayle fern: seine Erörterungen über das Unendlichkeitsproblem,
 so wichtig ihr letztes metaphysisches Ergebnis
 ist, zeigen dennoch, wie sehr ihm jedes innerliche Verhältnis
zur mathematischen Prinzipienlehre fehlt. Daher bleibt das Denken
bei ihm trotz allem zuletzt auf seine scholastische Leistung, auf
die dialektische Zergliederung gegebener Sätze beschränkt: es ist,
wie er selbst es bezeichnet, ein auflösendes und zerstörendes, nicht
ein aufbauendes Prinzip.!®) Die Kritik der positiven Theologie
aber konnte nicht einzig mit den Mitteln der logischen und philologischen
 Analyse zu Ende geführt werden; sie bedurfte der Ergänzung
 durch die Philosophie der Naturwissenschaft. Voltaire
 erst, der überall wieder auf Bayles Sätze zurückgeht, vermochte
 sie zu weiteren und freieren Folgerungen fortzuführen,
        <pb n="529" />
        18

Bayle.

weil er nicht allein der Kritiker des Dogmas, sondern zugleich
ler Verkünder der neuen Newtonischen Weltansicht ist.
        <pb n="530" />
        Belegstellen und Anmerkungen.
        <pb n="531" />
        Zur Einleitung.

‘) Scheler, Die transscendentale und die psychologische
Methode. Lpz. 1900. S. 67.
7 S. Scheler, a. a. O0. 5. 64.
) Zeller, Die Philosophie der Griechen® I, 1, S. 16.
‘SS. Cohen, Logik der reinen Erkenntnis, Berl. 1902.
S. 41 ff. u. s.
5) Vgl. Rohde, Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube
 der Griechen. 2. Aufl.. Frb. i. B. 1898, z. B. II, 37, 44, 55.
102, 125 u. 6.
6) Zeller, Philosophie der Griechen I, 1, 141, zum Ganzen
s, I, 1, 126 ff.
7) Proclus, In Euclid. S. 64, 18 Friedl. (Aus der V’sowpetpX7
‚otopi@ des Eudem fr. 84.) — S. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker,
 Berlin 1903, S. 279 f.
$}) xol zdvta {a dv Ta fLyvwoxdiLeva dprdp.öv Eyovtı. 0b {dp 0lüy TE
„006 0Ute vondfuev odte {vmod ev dveu todtoL. Philolaos, fragm. 4,
bei Diels: S. 250.
9) S. Philolaos, fragm. 11, bei Diels S. 253.
vw) S, hrz. Oldenberg, Buddha. 4. Aufl.. Stuttgart u. Berl.
1903, S. 289 ff.
u) Heraklit, fragm. 94; Diels S. 79.
») Heraklit fragm. 41, (Diels S. 73), vgl. fragm. 1. u. 2.
3) S. Max Müller, Lectures on the origin and growth of
celigion as illustrated by the religions of India. Lecture V. (New
impr. Lond. 1898, S. 241 ff.)
4) Gomperz, Griechische Denker. Lpz. 1896. I 61.
        <pb n="532" />
        3292

Zur Einleitung,

1) Man vergleiche, um sich diesen Zusammenhang zu vergegenwärtigen,
 insbesondere Max Müller, a. a. 0. S. 241, sowie
Deussen, Allg. Gesch. der Philosophie, Erster Band, 2. Abt : Die
Philosophie der Upanishad’s, Lpz. 1899, S. 204 ff,
1%) Cf. Tannery, Pour l’histoire de la science Hellene. Paris
1887, Chap. X, S. 247 ff.
7) S. Aristoteles, De generat. et. corr. A. 8 324b 35 (bei
Diels S. 358 u. S. 112).
‘8) Demokrit, fragm. 156, bei Diels S. 433.
%) Parmenides, Tepi qüoewmc, V. 35 ff. — (Diels, S. 124)
») Gomperz, Griechische Denker, I, 278f.
4) Platon, Sophistes 243 C ff. übers. nach Schleiermacher.)

2) Platon, Theaetet 152 D, E, 183 B u. s.
») S. Phaedon, p. 74ff. us.
“) Ich verweise hierfür auf die eingehende und erschöpfende
Darstellung Natorps, die diesen fundamentalen Zusammenhang
durchgehend verfolgt und allseitig beleuchtet: Platons Ideenlehre.
Cine Einführung in den Idealismus. Lpz. 1903.
%) Platon, Republ. 525 D ff.
%) Sophistes, p. 249 A—D.
”) Republ. 529 C.
») S. Philebos 16, 24, 25 u. s.
*) Zeller, Philosophie der Griechen, I, 1, 140.
5») S. Aristoteles Tepi duy%c IT, 12 u. N, 8.
3a) Otto Willmann, Geschichte des Idealismus. Braunschweig
 1896, II, 386 f.
3) Platon, Republik 518 C.
%) Willmann, Gesch. des Idealismus, Bd. IT, 383. — (Vgl.
a. a. O. Bd. II, $ 67 ff., sowie Karl Werner, Der hl. Thomas von
Aquino, Regensburg 1859 bes. IL. S. 93 ff\
        <pb n="533" />
        Zu Buch I, Cap. 1.

Nikolaus Cusanus.

ı) S. die Schriften: „De docta ignorantia“ (1440) und „De
conjecturis“ (1441 ff), Vgl. bes. De conjecturis I, 7: „Si cuncta
alia separasti et ipsam solam (absolutam unitatem) inspicis, si
aliud nunquam aut fuisse aut esse aut fieri posse intelligis,
 si pluralitatem omnem abjicis atque respectum,
at ipsam simplicissimam tantum unitatem subintras .. . arcana
oamnia penetrasti.“ S. ferner: „De filiatione Dei“ (1445) fol. 67a:
„Deus . . nec est intelligibilis, aut scibilis, nec est veritas, nec
vita est, sed omne intelligibile antecedit, ut unum simplicissimum
 principium. Unde cum omnem intellectum sic exsuperet :
non reperitur sic in regione seu coelo intellectus, nec
potest per intellectum attingi extra ipsum coelum esse.“
(Ich zitiere nach der Pariser Ausgabe der Werke des Nikolaus
Cusanus, die im Jahre 1514 erschien.)
?) S. De docta ignorantia II, 2 (fol. 14a) u. 6.
3) S. „De apice theoriae‘“ (1463/64) fol. 219b, 220a: „Cum igitur
 multis annis viderim ipsam ultra omnem potentiam
cognitivam, ante omnem varietatem et oppositionem
quaeri oportere, non attendi, quidditatem in se subsistentem
gsse omnium substantiarum invariabilem subsistentiam ... Veritas
 quanto clarior, tanto facilior. Putabam ego aliquando
ipsam in obscuro melius reperiri. Magnae potentiae veritas
 est... .: clamitat enim in plateis, sicut in libello ‚De idiota‘
legisti.“
        <pb n="534" />
        5324

Zu Buch I, Cap. 1.

*) „Creatura igitur est ipsius creatoris sese definientis seu
lucis, quae deus est, se ipsam manifestantis ostensio.“ De non
aliud (1462) S. 195. — Die Schrift „De non aliud“, die in den
Gesamtausgaben der Werke fehlt, ist nach der Ausgabe zitiert,
die Uebinger — im Anhang seiner Schrift: Die Gotteslehre des
Nikolaus Cusanus, Paderborn 1888 — veranstaltet hat.
5) Uebinger, a. a. O. S. 134.
©) S. De docta ignorantia I, 3.
’) De conjecturis I, 2: „Cognoscitur igitur inattingibilis veri-‘atis
 unitas alteritate conjecturali.“
®) „Complementum theologicum“ (1453), Cap. IT (fol. 93b) :
„Et est speculatio motus mentis de „quia est“ ad „quid est“, Sed
Juoniam „quid est“ a „quia est“ distat per infinitum: hinc motus
 ille nunquam cessabit. Et est motus summe delectabilis,
quia est ad vitam mentis. Et hinc in se habet motus quietem.
movendo enim non fatigatur, sed admodum inflammatur.“
9) „Et hoc posse videre mentis supra omnem comprehensibilem
 virtutem et potentiam est posse supremum mentis .. Nam
est posse videre ad posse ipsum tantum ac ordinatum, ut mens
praevidere possit quorsum tendit. Sicut viator praevidet
:erminum motus, ut ad desideratum terminum gressus dirigere
possit.“ — De apice theoriae, fol. 120b.
) De visione Dei: (1453/54) Cap. XVI; fol. 108a.
u) S. z. B. Idiotae, Lib. I: De sapientia (1450), fol. 76b; de
beryllo (1454) Cap. XXX, fol. 190b: De venatione sapientiae (1463)
Cap. XI], fol. 205b u. s.
) Vgl. hrz.: Uebinger, Der Begriff „docta ignorantia“ in
seiner geschichtlichen Entwickelung. Arch. f. Gesch. d. Philos.
VIIT (1895) S. 1.
3) Vgl. „de docta ignorantia“ IT, 11.
“#) De conjecturis I, 3.
+5) De conjecturis I, 13: „conjectura igitur est positiva assertio
in alteritate veritatem uti est participans “
° A. a. O. fol. 48h.
7) S. Idiotae, Lib. III: De mente, Cap. 13. fol. 98a.
$\ De vace sen concordantia fidei (14531. Cap. VI. fol. 116b.
        <pb n="535" />
        Nikolaus Cusanus.

5925

19) De conjecturis II, 11 und II, 16; vgl. bes. fol. 62b: „Complica
 ascensum cum descensu intellectualiter, ut apprehendas.
Non enim est intentio intellectus, ut fiat sensus, sed ut fiat intellectus
 perfectus et in actu: sed quoniam in actu aliter constitui
nequit, fit sensus, ut sic hoc medio de potentia in actum pergere
queat. Ita quidem supra seipsum intellectus redit circulari completa
 reditione ... Nam intellectum in species sensibiles
descendere est ascendere eas de conditionibus contrahentibus
 ad absolutiores simplicitates, quanto igitur
profundius in ipsis se immittit, tanto ipsae species
magis absorbent in ejus luce, ut finaliter ipsa alteritas intelligibilis
 resoluta in unitatem intellectus in fine quiescat. Non
‚gitur attingitur unitas, nisi mediante alteritate.“ — Zu vergleichen
ist hiermit die metaphysische Wendung desselben Gedankens:
De genesi (1447) fol. 71a.
2%) „In hoc igitur Aristoteles videtur bene opinatus: animae
non esse notiones ab initio concreatas, quas incorporando perdiderit.
 Verum quoniam non potest proficere, si omni caret judicio
 . .. eapropter mens nostra habet sibi concreatum judicium,
 sine quo proficere nequiret. Haec vis judiciaria est
menti naturaliter concreata.. quam vim si Plato notionem
nominavit concreatam, non penitus erravit.“ Idiota II, 4
lol. 84 b.
2) A. a. O.: Orator: „Ajebat Plato tunc ab intellectu judicium
requiri, quando sensus contraria simul ministrat. Idiota: Subtiliter
 dixit, nam cum tactus simul durum et molle seu grave et
leve confuse offendat, contrarium in contrario: recurritur ad intellectum,
 ut de quidditate utriusque sic confuse sentitum, quod
alura discreta sint, judicet.“
%2) De conjecturis I, 10 fol. 45 b; ef. Idiota III, 5.
3) „Si omnia sunt in mente divina, ut in sua praecisa et
propria veritate, omnia sunt in mente nostra ut in imagine seu
similitudine propriae veritatis, hoc est notionaliter. Similitudine
enim fit cognitio. Omnia in deo sunt, sed ibi rerum exemplaria,
omnia in nostra mente, sed hic rerum similitudines“ Idiota III, 3
fol. 83 b. 84a.
        <pb n="536" />
        526

Zu Buch I, Cap, I.

*%) De Iudo globi (1464) Lib. I; fol. 156 a.
2) „Inter divinam mentem et nostram id interest, quod inter
facere et videre. Divina mens concipiendo creat, nostra concipiendo
 assimilat notiones seu intellectuales faciendo visiones. Divina
mens est vis entificativa; nostra mens est vis assimilativa“ [Idiota
UL, 7; fol. 87a.
2%) Idiota III, 8; fol. 88a.
7) Ibid. HL, 9; fol. 90a: Philosophus: „Admiror cum
mens, ut ais, a mensura dicatur: cur ad rerum mensuram tam
avide feratur? ldiota: Ut sui ipsius mensuram attingat. Nam
mens est viva mensura, quae mensurando alia sui capacitatem
attingit. Omnia enim agit, ut se cognoscat.“
®%) Ibid. III, 4; fol, 84a: „Ex hoc elice admirandam mentis
aostrae virtutem. Nam in vi ejus complicatur vis assimilativa
complicationis puncti: per quam in se reperit potentiam, in qua
se omni magnitudini assimilat. Sic etiam ob vim assimilativam
complicationis unitatis, habet potentiam, qua se potest omni
multitudini assimilare et ita per vim assimilativam complicatianis
 nunc seu praesentiae omni tempori, et quietis omni motul,
et simplicitatis omni compositioni, et identitatis omni diversitati,
et aequalitatis omni inaequalitati, et nexus omni disjunctioni.“
Derselbe Gedanke in etwas veränderter Wendung: De ludo globi
Lib. II, fol. 165a: Der Geist assimiliert sich der Einheit, dem
Punkt, der Ruhe, um aus ihnen die Zahl. die Gestalt. die Bewegung
 hervorgehen zu lassen.
2%) Vgl „De non aliud“ S. 170: „Omne sensibilis mundi
tale simplex, quod cst de regione intelligibilium, antecedit...
 Video igitur, quomodo eorum, quae in regione sensibilium
 reperiuntur, quicquam sentitur; simplex ejus, quad quidem
 intelligitur, antecedit“ etc.
30) Idiota IIL, 3 fol 84a — Vgl. bes: über den Menschen als
„parvus mundus“ De Judo globi, Lib. I. fol. 157 bh.
31) Idiota HIT, 7; fol. 87a.
3) „Unde cum per has assimilationes non attingat nisi sensibilium
 noltiones, ubi formae rerum non sunt verae, sed obumbratae
 variabilitate materiae: tunc omnes notiones tales sunt
potius conjecturae, quam veritates. Sic itaque dico, quod notiones,
 quae per rationales assimilationes attinguntur. sunt incertae.
        <pb n="537" />
        Nikolaus Cusanus.

5927

quia sunt secundum imagines potius formarum, quam veritates“
fol. 87 b).
3) Ibid; — vgl. „Complementum theologicum“ Cap. II: fol.
3a. „Non enim curat geometer de lineis aut figuris aeneis aut
aureis aut ligneis, sed de ipsis, ut in se sunt, licet extra materlam
 non reperiantur. Intuetur igitur sensibili oculo sensibiles
 figuras, ut mentali possit intueri mentales. Neque
minus vere mens mentales conspicit, quam oculus sensibiles, sed
:anto verius, quanto mens ipsa figuras in se intuetur a materiali
alteritate absolutas“.
3) „Et quia mens ut in se et a materia abstracta has facit
assimilationes, tunc se assimilat formis abstractis. Et secundum
 hanc vim exerit scientias certas mathematicales
 et comperit virtutem suam esse rebus prout in necessitate
 complexionis sunt, assimilandi et notiones
“aciendi ... Unde mens respiciendo ad suam simplicitatem . .
nac simplicitate utitur instrumento, ut non solum abstracte extra
materiam, sed in simplicitate materiae incommunicabili se omniyus
 assimilet‘“ (Idiota III, 1; fol. 87 b.)
#) Falckenberg, Grundzüge der Philosophie des Nicolaus
Cusanus mit besonderer Berücksichtigung der Lehre vom Erkennen.
 Breslau 1880. Vgl. bes. S. 134.
© „Sic mens ante compositam lineam incompositum puncijum
 contemplatur. Punctus enim signum est, linea vero signatum.
 Quid autem videtur in signato, nisi signum,
Juippe signum est signati signum? Ideo principium, medium
 et finis signati est signum, seu lineae est punctus, seu
motus est quies, sive temporis est momentum et universaliter divisibilis
 indivisibile.“‘ De non aliud. S. 192.
3) „Omnis dabilis angulus de se ipso dicit, quod
non sit veritas angularis. Veritas enim non capit nec majus,
nec minus. Si enim posset esse major aut minor veritas: non
zasset veritas. Omnis igitur angulus dicit se non esse veritatem
angularem, quia potest esse aliter quam est. Sed dicit angulum
maximum pariter et minimum, cum non posset esse aliter, quam
est, esse ipsam simplicissimam et necessariam veritatem angularem.“
 De beryllo Cap. XIII, fol. 186a. — Vgl. bes. Complementum
 theologicum Cap. V, fol. 95b: „Vide admirabile: dum
        <pb n="538" />
        28

Zu Buch I, Cap. 1.

mathematicus figurat polygoniam, quomodo respicit in exemplar
infinitum. Nam dum trigonum depingit quantum, non ad trizgonum
 respicit quantum, sed ad trigonum simpliciter absolutum
 ab omni quantitate et qualitate, magnitudine et multiiudine.
 Unde quod quantum depingit: non recipit ab exemplari,
aec intendit quantum efficere. Sed quia depingere eum nequit,
ut sensibilis fiat triangulus, quem mente coneipit, ac.
cidit ei quantitas, sine qua sensibilis fieri nequit.“
38) „Manifestum autem est in infinita linea non esse aliam
oipedalem et tripedalem: et illa est ratio finitae. Unde ratio est
ına ambarum linearum. Et diversitas rerum sive linearum non
est ex diversitate rationis, quae est uma, sed ex accidenti, quia
non aeque rationem participant. Unde non est nisi una omnium
ratio, quae diversimode participatur “ De docta ignorantia. Cap.
XAVIT, fol. 7b.
#9) „Linea est puncti evolutio, et superficies lineae, et solilitas
 superficiei. Unde si tollis punctum: deficit omnis magnitudo.
 Si tollis unitatem, deficit omnis magnitudo.“ Idiota I, 9
fol. 89b. — „Momentum est temporis substantia. Nam eo sublato
nihil temporis manet ,.. Clare jam video, quoniam praesentia
3st cognoscendi principium, et essendi, omnes temporum differentias
 et varietates; per praesentiam enim praeterita co-3n0sco
 et futura, et quicquid sunt per ipsam sunt, quippe
praesentia in praeterito est praeterita, in futuro autem est futura,
in mense mensis. in die dies et ita de omnibus.“ De non aliud
S. 180.
ww) „Cum movere sit de uno statu in alium cadere ... sic
aihil reperitur in motu nisi quies, Motus enim est disces-310
 ab uno, unde moveri est ab uno et hoc est ad aliud unum.
Sic de quiete in quietem transire est moveri, ut non sit
aliud moveri, nisi ordinata quies seu quietes seriatim orlinatae.“
 Idiota HIT. 9: fol, 89b. vgl. bes. Docta jgnorantia IT, 3:
Fol. 15a.
4) „Quidditas quam mente ante quantitatem video,
zum sine quanto imaginari non possit, in imaginatione varias
recipit imagines, quae sine varia quantitate esse non queunt et
Licet de quidditatis essentia quantitasnon sit, quam mens
Tuildem supra imaginationem contemplatur . .: quantitas tamen
        <pb n="539" />
        Vikolaus Cusanus.

329

sic est consequenter ad imaginis quidditatem, quod sine ipsa
esse nequit imago.“ De non aliud S. 161.
?) „Non ergo molis quantitatem de carbunculi es -
sentia video, quia et parvus lapillus carbunculus est, sicut et
magnus. Ante magnum igitur corpus et parvum carbunzuli
 substantiam cerno: ita de colore, figura et ceteris ejus
accidentiis. Unde omnia, quae visu, tactu, imaginatione
de carbunculo attingo, carbunculi non sunt essentia, sed
quae ei accidunt cetera, in quibus, ut sensibilis sit, ipsa
enitescit, quia sine illis nequit esse sensibilis ..., Lux
igitur substantialis, quae praecedit colorem et omne accidens,
quod quidem sensu et imaginatione potest apprehendi, intimior
et penitior carbunculo est et sensui ipsi invisibilis, per in -
tellectum autem, qui ipsum anterioriter separat, cernitur.
 Ipse sane illam carbunculi substantiam ... ab omni substantia
 non carbunculi aliam videt et hoc in aliis atque aliis
operationibus experitur, quae substantiae carbunculi virtutem
 sequuntur et non alterius rei cujuscunque.“ De non aliud
S. 167.
8) Compendium; Cap. 5. fol. 170b.
14) „Necesse erit igitur me recurrere ad visum intellectualem,
{ui videt, minimam sed non assignabilem chordam cum minimo
 arcu coincidere.“ De mathematica perfectione;. fol. 101b.
15) S. De quaerendo Deum (1445) fol. 198a.
16) De filiatione Dei; fol. 67b.
7) S. De apice theoriae; fol. 220a.
8) De non aliud S. 156 ff.; vgl. bes. S. 159.
9) „Sicut intellectus per intellectuale frigus omnija sensibiliter
 frigida intelligit sine mutatione sui sive frigefactione, ita
ipsum non aliud per se ipsum sive non aliud omnia intellectualiter
 existentia facıt non alia quam id esse, quod sunt, sine sui
vel mutatione vel alteritate.“ A. a. O. S. 171.
50) Idiota IIL, 4; fol. 84b.
»%) „Absolutus conceptus aliud esse nequit, quam idealis forma
 omnium, quae concipi possunt: quae est omnium formabili
um aequalitas.“ Idiota Lib. II, fol. 79b.
52) De ludo globi Lib. II, fol. 167b, 168. — „Dum profunde
        <pb n="540" />
        5830

Zu Buch LI, Cap. 1.

consideras, intellectualis naturae valor post valorem Dei supremus
est Nam in ejus virtute est Dei et omnium valor notionaliter
 et discretive. Et quamvis intellectus non det esse valori,
 tamen sine intellectu valor discerni etiam, quia est,
non potest. Semoto enim intellectu: non potest sciri,
an sit valor. Non existente virtute rationali et aestimativa,
 cessat aestimatio, qua non existente utique valor
 cessaret. In hoc apparet preciositas mentis, quoniam sine
.psa omnia creata valore caruissent. Si igitur Deus voluit
apus suum debere aestimari aliquid valere: oportebat inter illa
ntellectualem creare naturam.“
») A. a O. fol. 168. — Vgl. bes. 168b: „Est ergo intellectus
ile nummus, qui et nummularius. sieut deus illa moneta, quae
2t monetarius.“
54) De apice theoriae fol. 220/21: „Nam cum posse ipsum omnis
 quaestio de potest praesupponat: nulla dubitatio moveri de
ipso potest, nulla enim ad ipsum pertingit. Qui enim quaereret,
an posse ipsum sit, statim dum advertit, videt quaestionem impertinentem,
 quando sine posse de ipso posse quaeri non posset.
‚+. Nihil igitur certius eo, quando dubium non potest nisi praesupponere
 ipsum.“ — Vgl. bes. De conjecturis I, 7 fol. 44a: Idiota
Lib. II, fol. 79a.
5) „Et in hoc panditur secretum, quomodo inquirens praesupponit
 id quod inquirit et non praesupponit, quia inquirit.
Supponit enim omnis scire quaerens scientiam esse, per
quam omnis sciens est sciens .. . Qui igitur quaerit
scire, instigatur ab illa arte seu scientia infinita.“ Com-Jylementum
 theologicum Cap. IV, fol. 95a.
56) „Id quod in omni inquisitione praesupponitur est ipsum
ıumen, quod etiam ducit ad inquisitum.“ (Ibid.
”) Exeitationes VII; fol. 121a.
58) Dieser Zusammenhang ist von Fiorentino entwickelt
 worden, der jedoch über ihm die spezifisch modernen
Motive in Cnsanus’ Denken völlig übersehen hat. (Il risorgimento
 filosofico nel Quattrocento. Opera postuma. Napoli 1885.
Cap. IL.)
5) De visione Dei. Cap. VL fol. 101b.
        <pb n="541" />
        Nikolaus Cusanus. — Carolus Bovillus.

531

6%) Ueber den Geschichtsbegriff des Cusanus s. Falckenberg,
 a. a. O. S. 59 ff.

“) S. die Schriften: „Ars oppositorum“ Cap. 12 und „De nihilo“,
 Cap. 8 und 10. (Vgl. hrz. Dippel, Versuch einer systematischen
 Darstellung der Philosophie des Carolus Bovillus. Würzyurg
 1865, S. 51 ff. und S. 60. — Die Darstellung der Erkenntaislehre,
 die D. gibt, leidet an dem Mangel, dass er den geschichtlichen
 Vorbedingungen des Systems, nach der Seite
ler Scholastik, wie nach der des Cusanus hin, nicht nachgeht
and daher zu einer Ueberschätzung des Gehalts und der Originalität
 von Bovillus’ Lehre geführt wird.)
5) Näheres hierüber bei Dippel, a. a. O. S. 172 ff, 177 ff, —
3) Bovillus, De intellectu Cap. IH, 8 3: „Humanus intellectus,
 ut conjunctus est materiei, ita et per species intelligit . ...
[mpossibile enim est humanum intellectum e continenti et ex
semet ipso nosse universa, sed per omnium species omnia fit. Est
anim omnium potentia, potentia autem perfici et adimpleri ne-Juit,
 nisi ab adventante actu.“ (Die Schrift: „de intellectu“ ist
zuerst gemeinsam mit anderen Werken des Bovillus in Paris im
Jahre 1510 erschienen. Der vollständige Titel der Ausgabe, die
wir benutzen, lautet: „Quae hoc volumine continentur: Liber de
intellectu. Liber de sensu. Liber de nichilo. Ars oppositorum.
Liber de generatione. Liber de sapiente. Liber de duodecim
numeris. Epistolae complures. Et insuper mathematicum opus
quadripartitum: De Numeris Perfectis. De Mathematicis Rosis.
De Geometricis Corporibus. De Geometricis Supplementis.“ O.
O und J.j)
%) De intellectu Cap. II, $9 — vgl. bes. Cap. VI, $ 7: „Deus,
antequam fierent omnia, ea concepit in angelico intellectu, deinde
amnia protulit et fecit. postremo ea in humano intellectu descripsit“,

65) De intellectu Cap. 7; $ 4.
66) Cap. 9, $ 3: Nihil est in sensu, quin prius fuerit in intellectu.
 Et nihil est in intellectu, quin prius fuerit in sensu.
Prima vera est propter angelicum intellectum., secunda
propter humanum.“
        <pb n="542" />
        332

Zu Buch f, Cap. 1.

5) De intellectu Cap. 8, $ 6.
») Cap. VIII, $ 8: Mutat . . ipsa species suam originem primamque
 naturam exuit: cum ex majore mundo minorem
mundum subit. In utroque enim mundo ejusdem naturae
esse nequit. In majore enim mundo ipsa species sensibilem
sortita est naturam; in minore autem mundo in naturam se intelligibilem
 convertit. Toto enim spatio, quo ab suo ipsius fonte
et majore mundo fertur adusque hominis sensum, naturam servat
sensibilem. Toto vero reliquo intervallo, quo lares subiens
animi ab intellectu fertur ad memoriam et stat manetque in memoria,
 intelligibilis vocatur.“
») A. a. O. Cap. VIH, 8 9.
) Cap. VIII, $ 4.
1) Cap. VII, $ 9 und 10.
?) Cap. VI, 8 4.
3) Ich kann auf diesen Punkt, der eine eingehende historische
 Darstellung und Begründung fordern würde, hier nur in
wenigen Andeutungen eingehen. Man hat sich das sachliche
Verständnis des mittelalterlichen Universalienstreits verschlossen,
indem man in ihm einen Kampf der Aristotelischen und
Platonischen Tendenzen der Scholastik sah, statt ihn als
eine innere Krisis des Aristotelismus selbst zu begreifen.
Es ist bezeichnend, dass Occam, der sich der modernen Auf-[assung
 am meisten nähert, zugleich der Kritiker des „Speciesbegriffs‘“
 geworden ist. Dass die „Realisten“ des Mittelalters
sich auf Platon beriefen, ist freilich richtig: aber es beweist
nur, dass sie die „Idee‘ selbst nicht anders als unter dem Aristotelischen
 Gesichtspunkt der Substanz zu erfassen vermochten.
Die modernen Kritiker des Aristotelischen Substanzbegriffes aber
waren, wie sich uns im Einzelnen zeigen wird, in ihrer Methodenlehre
 ebenso überzeugte Platoniker. wie sie in ihrer Logik
„Nominalisten“ waren.
4) Nikolaus Cusanus, De beryllo Cap. XXXIII, fol. 191a.
%) Bovillus, De intellectu Cap. V, 8 7, „Unde iterum manifestum
 est humanae menti nullam a natura inesse speciem,
scd cam ad divinae mentis similitudinem universarum
suarum notionum esse opificem. Sicut enim divina illa
substantialis mens cunctarum opifex est substantialium notionum
        <pb n="543" />
        Carolus Bovillus.

533

et conceptionum universae naturae, quos angelos nuncupamus,
ita et humana mens opifex est universarum, quae ipsi insunt notionum
 et antea subsistit, quam ut ulla ipsius notio et conceptio.“
Vgl. Nicolaus Cusanus: ob. Anm. 25.
1%) De intellectu, Cap. VI, 8 4.
77) S. Liber de sensu, Cap. II, 8 5.
8) De sensu, Cap. I, $ 5.
        <pb n="544" />
        Zu Buch I, Cap. 2.

Der Humanismus und der Kampf der Platonischen
und Aristotelischen Philosophie,

') Renan, Averroös et l’Averroisme, 3e Cdit., Paris 1866.
S. 322f.
°) 5. Willmann, Geschichte des Idealismus, Braunschweig
1897, Il, S. 7.
3 Georg Voigt, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums,
 2. Aufl., Berlin 1880, I, 131.
*) Vgl. hrz. Dilthey, Auffassung und Analyse des Menschen
im 15. und 16. Jahrhundert. Archiv f. Gesch. d. Philos. IV, 627.
5) Ueber Plethons Lehre s. Gass, Gennadius und Pletho.
Aristotelismus und Platonismus in der griech. Kirche. Breslau
1844, u. Fritz Schultze, Georgios Gemistos Plethon u. seine reformatorischen
 Bestrebungen. Jena 1874.
©) „Quo qyuidem in loco (— in der Frage: utrum natura
consilio agat —) maxima meo judicio inter Platonem et Aristotelem
 differentia est, Hinc nempe difficilis illa et perobscura de
ideis quaestio oritur etc.“ Bessarion, In calumniatorem Platonis
 Libri VI. Lib. VI, cap. 2. Ausg,: Venet. 1516 (Aldus) S. 110.
*) Marsilius Ficinus, Brief an Bessarion, Epistol. Lib. I.
— (Opera, Parisiis 1641, I, 602.)
°) Leibniz, Philosophische Schriften, hg. von Gerhardt, I.
380; vgl. bes. VII, 147 ff.
) Ficinus, Brief an Giovanni Cavalcanti: Epist. Lib. I.
Opera I, 613.
%) Ficinus, Theologia Platonica de immortalitate animorum
Lib. I, cap. 2. — Opera I, 77f. — Vgl. bes, Lib. IN, cap. 1: L 112.
        <pb n="545" />
        Die Erneuerung der Platonischen Philosoßhie.

535

1 Theologia Platonica, Lib. III, cap. 2; I, 117.
?) „Ita radius ille coelestis, qui ad ima defluxerat, relluit
ad sublimia, dum similitudines idearum, quae fuerant in materia
 dissipatae, colliguntur in phantasia et impurae purgantur in
ratione et singulares tandem in mente evadunt universales. Sic
hominis anima jam labefactatum restituit mundum, quoniam ejus
munere spiritalis olim mundus, qui jam corporalis est factus,
purgatur assidue, atque evadit quotidie spiritalis.“ A. a. O. Lib.
XVI, cap. 3, S. 364.
:8) Dies gilt sowohl von der Darstellung M. Carricres (Die
philosophische Weltanschauung der Reformationszeit. 2. Aulfl.
ipz. 1887, Bd. I), wie von der H. v. Steins (Sieben Bücher zur
Geschichte des Platonismus, Bd. III), die beide die mystischen
Elemente in Ficins Lehre fast ausschliesslich hervorheben.
14) Theologia Platonica, Lib. VIII, cap. 16, S. 196 f.
5) A. a. O. Lib. XI, Cap. I, S. 234,
6) Zum Ganzen s. Lib. XI, Cap. 3, S. 236.
7) Lib. XL cap. 3 u. 4; I, 241 u. 248.
3) Lib. XI, cap. 5; S. 2491.
9) Lib. XII: Rationes multae et signa, quod mens humana
intelligendo mente divina formatur. — Die angeführten Worte:
Cap. 1, S. 261.
2) Epistolae, Lib. II, S 673.
2) S. bes. Theologia Platonica, Lib. XII, cap. 7, S. 274. —
Zu Malebranches Lehre u. ihr Verhältnis zu Augustin s. Buch HI
Cap. 2.
») Lib. XII, cap. 6, S. 278.
23) Lib. XVI, cap. IV, S. 365; cap. VI, S. 368.
4) Marsilii Ficini in Orationem Dionvsii de Trinitate Argumentum.
 Opera IL S. 24fft.

») Pico della Mirandola, Opera (Basil.. 1601) I, 83: „Nullum
est quaesitum naturale aut divinum, in quo Aristoteles et Plato
sensu et re non convenilant, quamvis verbis dissentire videantur.“
%) Zum Folgenden vgl.: Zeller, Die Philosophie der Grie-“hen.
 Bd. III: Renan. Averro6s et l’Averroisme. 3e edit. Paris 1866:
        <pb n="546" />
        336

Zu Buch I, Cap. 2.

Fiorentino, Pietro Pomponazzi: Studi storici su la scuola Bolognese
 e Padovana del secolo XVI, Firenze 1868.
") Renan a. a. O., p. 125. ;
#) Vgl. hierzu das Urteil von Renan selbst, a. a. 0.58. 136f.
a. 140£
9) Dass eine scharfe und bewusste Trennung der „Alexandristen“
 und „Averroisten‘“ bestand, wird, gegen H. Ritter und
Renan, von Fiorentino erwiesen (a. a. O. S. 302 u. 306).
ö) Petri Pomponatii Mantuani Tractatus de immortalitate
animae (1534) Cap. IX (S. 65f.): „Quod si quis dicat neutram opininem
 esse veram, sed illam Averrois, profecto apud me, quicun-Jue
 eam opinionem imaginatur, ipse est fortissimae imaginationis,
:redoque pictores nunquam pulchrius monstrum hoc monstro
Iinxisse.“

#1) „Primo quidem hoc videtur experimento contradicere. Ego
enim, qui haec scribo, multis cruciatibus corporis angustor, quod
opus est sensilivae, idemque ego, qui Crucior discurro per
causas medicinales, ut refellam hos crucialus, quod nisi per intellectum
 fieri non potest. Si igitur altera esset essentia, qua
sentio, et qua intelligo: quo igitur modo fieri posset, ut idem, qui
sentio sim ille, qui intelligo?” Sic etenim dicere possemus, quod
duo homines, simul conjuneti, sic mutuas habent cognitiones,
quod ridieulum est.“ A. a, O. Cap. VI, S. 29.
») „Per nullum naturale signum cognoseci potest, intellectum
humanum habere alium modum intelligendi, ut experimento comprehendimus,
 quoniam semper indigemus phantasmate.‘“ Cap. IX.
S. 56.

3) A. a. O. Cap. IX, p. 53ff.: „Anima autem sensitiva simpliciter
 est actus corporis physici organici, quia et indiget corpore,
tanquam subjecto, cum non fungatur suo officio, nisi in organo
et indiget corpore, tanquam objecto; media vero, quae est inteliectus
 humanus, in nullo suo opere totaliter absolvitur a corpore
neque totaliter immergitur, quare non indigebit corpore tanquam
subjecto, sed tanquam objecto et sic medio modo inter abstracta
st non abstracta erit actus corporis organici.“
%) „Revera intellectus humanus non potest intelligere, nisi in
materia sint quale et quantum sensibile, cum non possit operari,
nisi ipse sit, ipseque esse non potest. nisi cum dispositione con-
        <pb n="547" />
        Die Reform der Äristotelischen Psychologie. 587

venienti; non tamen sequitur, quod per tales dispositiones intjelligat.“
 Cap. X, S. 77.
3) „Intellectio dicitur non esse in organo et in corpare, quoniam
 modo quantitativo et corporali non est in eo. Quapropter
potest intellectus reflectere supra seipsum, discurrere et universaliter
 comprehendere .. hoc autem totum provenit ex essentia
intellectus, quoniam, qua intellectus est, non dependet a materia,
naeque a quantitate.‘“ Cap. IX, S. 58f.
8) „Ipse igitur intellectus, sic medius existens inter immaterialia
 et materialia, neque ex toto est hic et nunc, neque ex toto ab
hic et nunc absolvitur, quapropter neque sua operatio ex toto est
uaniversalis, neque ex toto est particularis, neque ex toto subjicitur
tempori, neque ex toto a tempore removetur.“ Ibid. S. 60.
37) „Animus humanus, etsi improprie dicatur immortalis, quia
vere mortalis est, participat tamen de proprietatibus immorjalitatis,
 cum universale cognoscat, tametsi ejusmodi cognitio valde
:enuis et obscura sit.“ Cap. XII S. 90.
%) A. a. 0. 5. 94.
») „Verum, cum anima humana per cogitativam comprehendat
 singulare primo, deinde eadem per intellectum universale
csomprehendat, quod tamen in eodem singulari speculatur, quod
per phantasiam cognitum est, vere reditum facit et per conse-Juens
 conversionem, quoniam ex singulari per phantasiam cognito
 eadem anima per intellectum ad idem redit. ..“ (S. 95.)
") „De immortalitate animae.‘“ Cap. XIV.
1") Cardano, Opera, Lugduni 1663. IL 500. — S. Fiorentino,
a. a. O.’S. 188.
42) Zabarella, Commentarii in II. Aristoteleos Libros de
Anima. Francof. 1619. Lib. IL Cap. II, S. 1781f.
43) Vgl. hierzu: Labanca, Sopra Giacoma Zabarella, Napoli
1874 Ss. 38f. u. Fiorentino. a. a. O. S. 316ff.

44) Pico della Mirandola, Epistola ad Hermolaum Barparum
 (Opera Politiani, Paris 1512, Tom. I fol. LV Citiert nach
Renan, Averro6s, S. 392f.).
45\ Laurentius Valla, Dialecticarum disputationum Lib. II.
PDrooemium. Opera. Basil. 1543. fol. 698£.
        <pb n="548" />
        ]
“pr

SD

Zu Buch I, Cap. 2.

©) Valla, De voluptate, Lib. I, cap. 10, Opera fol. 907.
”) Lodovico Vives, In Pseudo-Dialecticos (Opera in duos
distincta tomos. Basil. 1555. I, 272 ff.)
%) Vives, De disciplinis. Pars I, Lib. Il: De dialectica corrupta.
 Opera I, 373ff. — Vgl. bes. fol. 375: „Neque enim
ordinem essentiae ipsarum rerum (secutus est), quem
nemo percipere et tenere potest, yuum sint rerum essen-‘lae
 vel ipso Aristotele teste obscurissimae et procul a
cognitione mentis humanae remotae... Sensuum vero
st cognitionis nostrae ordinem non est secutus, alioqui
brimas obtinuissent partes inhaerentia.“
#) A. a. O. fol. 377: „Qui scio eg0, quae sint prima, quae
sine medio, (uae tu vocas djLso@, quae necessaria naturae? Quae
sint mihi talia, vix scio, nedum ul illa norim naturae intima,
ad cujus manifestissima, ut tu ipse fateris, caligamus ... Sed
nec omnino videris oculos in naturam conjecisse, nam immediatas
 propositiones ad nos refers, in quibus nihil sit opus quenqJuam
 edoceri. Quod si homines doces, non erit tibi una et
perpetua demonstratio: aliis enim sunt alia immediata
st prima ... Erit igitur demonstratio quasi Lesbia norma quae
se aedificio accomodat, non sibi aedificium.“
5) A. a. O. fol. 377 u. 78.
4) Petri Rami Veromandui Dialecticae Institutiones,
ad celeberrimam et illustrissimam Lutetiae Parisiorum Academiam.
 Item Aristotelicae Animadversiones ,.. KEditae
&amp;gt;pera Joan. Thomae Freigii. Basileac. s. a. (Zuerst erschienen:
1543) p. 61 ff.
”) Aristotelicae Animadversiones p. 107.
3) „Ita ars dialectica diligenter exposita (ad) naturalis dia-‚ecticae
 (cujus observatio est) similitudinem se referre et propriis
zermanisque coloribus exprimere, vim universam amplecti, membra
 partesque legitimis locis partiri, habilum denique totum imitari
 praedicabit. Hoc fundamentum est nostrae contentionis,
hoc firmamentum quaestionis, haec summae et totam disputationem
 complectentis ratiocinationis intentio est: ars dialectica est
imago naturalis dialecticae; in commentariis autem Arislocelis
 nihil est ad naturae monitionem Pronositum: nihil (si naturae
        <pb n="549" />
        Die Auflösung der scholastischen Logik. 539

veritatem spectes) non confusum, non perturbatum, non contaminatum,
 non foedatum ...“ (Aristotelicae animadv., p. 109 f.)
») Dialecticae Institutiones p. 6.
5) Aristotelicae animadvers. p. 116 f.
%) Dialectic. Institut. p. 67 ff,
”) Ueber die Entlehnung der logischen Kategorien aus der
Grammatik s. Aristot. Animadvers. p. 112 f.
5) Vgl. a. a. O. S. 1961.
5) Zabarella, De methodis libri quattuor. Lib. II, cap. 3
5.226 u. 229. (Jacobi Zabarellae Patavini Opera logica. Basil. 1594).
®) De methodis, Lib. II, cap. 6, S 180f.; Lib. II, cap. 17,
S. 265£.: „Idem ex ipso methodi progressu ostenditur .,.; omnes
enim a noto ad ignotum scientificus progressus vel a causa est
ad effectum, vel ab effectu ad causam, illa quidem est methodus
demonstrativa, haec autem resolutiva; alius processus, qui certam
rei notiliam pariat, non dalur: nam si ab aliquo ad aliquod progrediamur,
 quorum neutrum allerius causa sit, non potest inter
illa esse connexus essentialis ac necessarius, quare nulla
zerta cognitio illum progressum consequi potest; patet
igitur nullam dari scientilicam methodum praeter demonstrativam
 et resolutivam.“
51) S. bes, De methodis II, 19 u. II, 3.
») De methodis III, 18; S. 266 1.
8) De regressu Cap. IV; (Op. logica p. 485 f): „Inductio autem
demonstrativa fit in materia necessaria et in rebus, quae essentialem
 inter se connexionem habent. Ideo in ca non omnia sumuntur
 particularia, quoniam mens nostra quibusdam inspectis
statim essentialem connexum animadvertit ideoque spretis reliquis
 particularibus statim colligit universale.“
64) Vgl. De regressu Cap. VI. S. 489 fl, De methodis I, 6;
5. 142 u. 6.
6) Labanca, der (a. a. O.) zuerst auf die Schrift „de regressu“
 hingewiesen hat, hat daher ihre geschichtliche Bedeulung
 nicht ins rechte Licht gestellt, sofern er sie, statt auf ihre
Beziehungen zu Galilei einzugehen, mit der Logik Hegels zusammenstellt
 und vergleicht.
66) De regressu, Cap. 2, S. 481.
67) De methodis Lib. I, cap. 6.

„Revera enim non ex ipsa
        <pb n="550" />
        5340

Zu Buch TI, Cap. 2.

rerum considerandarum natura sumitur ratio ordinandi scientias
et disciplinas omnes, sed ex meliore ac faciliore nostra cognitione;
non enim scientiam aliquam hoc potius, quam illo modo dispoaimus,
 quod hic sit rerum considerandarum naturalis
ordo, prout extra animum sunt: sed quia ita melius et facilius
 ab omnibus ea scientia discetur.“ (S. 146.)
58) De regressu, Cap. 5, p. 486: Facto itaque primo processu,
qui est ab effectu ad Causam, antequam ab ca ad effectum retrocedamus,
 tertium quendam medium laborem intercedere necesse
est, quo ducamur in cognitionem distinetam illius causae, quae
confuse tanlum cognita est. Hunc.... mentale ipsius causae
°xamen appellare possumus, seu mentalem considerationem: post-Juam
 enim causam illam invenimus, considerare eam incipimus,
at etiam, quid ea sit CoOgnoscamus: qualis autem sit haec mentais
 consideratio et quomodo fiat, a nemine vidi esse declaratum.“
6) Ibid. p. 489: „Ex tribus igitur partibus necessario constat
Fegressus: prima quidem est demonstratio quod, qua ex effectus
cognitione confusa ducimur in confusam Cognitionem causae:
secunda est consideratio illa mentalis, qua ex confusa notitia causae
 distinctam ejusdem cognitionem acquirimus: tertia vero est
demonstratio potissima, qua ex causa distincta ad distinetam effectus
 cognitionem tandem perducimur.“
") 5. Giovanni Francesco Pico della Mirandola,
Examen vanitatis doctrinae gentium et veritatis Christianae disciplinae.
 — S, Lib. I, Cap. 4; Lib. II, cap. 24; Lib. IV, cap. 2 und 10;
Lib. V, cap. 10 u. s. — Die Werke Giov. Francesco Picos sind,
vereint mit denen seines Oheims, Giovanni Pico, in zwei starken
Foliobänden zu Basel 1573 und 1601 erschienen; sie sind im fol-Zenden
 nach der letzteren Ausgabe zitiert.
") Examen vanitatis doctrinae gentium Tb. IV. cap. 12, 8
87 ff.; Lib. V, cap. 2. S. 695 If.
7”) Ibid. Lib. V, cap. 10. — Vgl. bes. S. 738: „Unde igitur
in intellectu substantiae ipsius imago, spectrum, simulacrum,
 species inciderit? Inquient fortasse repraesentari
id animo ex lumine intellectus agentis. Quaeram, an una cum
phantasmate? Si negaverint, dabitur ad Aristotelem provocatio,
Jui nihil habet in libris de Anima firmius atque constantius,
mam ut anima intelligens phantasmata speculetur . . . Verum si
        <pb n="551" />
        Die Auflösung der scholastischen Logik. 541

etiam concederetur substantiae speciem posse sensui cognitam
2sse adeo, ut inde queat ipsam sibi intellectus assumere ad speculandum,
 restat adhuc nodus Gordiano illo forte perplexior et
hoc astrictus loco, quod si ita sit, necesse etiam sit, ut diversum
quiddam capiat intellectus ab eo, quod sibi praesentavit, non
inquam diversum quod pertinet ad modum capiendi recipiendive,
sed quantum pertinet ad rem objectam“ etc. ..
73) M. Nizolii, Antibarbarus Philosophicus sive Philosophia
Scholasticorum impugnata Libris IV. De veris principlis et vera
ratione philosophandi contra Pseudo-Philosophos inscriptis ...
Ab editore G. G. L _Lf{eibnitio]. Francof. 1671. — (Zuerst erschienen:
 1553.) — Vgl. bes, Lib. I, cap. 7, S. 47 ff.
7) Vgl. bes. Lib. HL cap. 7, S. 255 ff.: „De comprehensione
aniversorum singularium vere philosophica et oratoria, et simul
de abstractione universalium pseudophilosophica et barbara etc.“
75) S. Lib. II, cap. 7. S. 258 f. —

6) Vgl. z. B. Pomponazzis Werk: „De Fato, Libero Arbiirio,
 Praedestinatione, Providentia Dei Libri V“.
7) Ioannis Piei Mirandulae in Astrologiam Libri XH —
5. Lib. IV, Cap. 12: Non posse coelum ejus rei signum esse. cujus
causa non sit. -— (Opera, Basil. 1601, S. 366 f.)
78) Denn in diesen, insbesondere in den bekannten 900 Thesen
 Picos, spielt zum mindesten die Magie noch eine entscheidende
 Rolle. Der Widerspruch, der hierin liegt und der für das
ganze 15. und 16. Jahrhundert bezeichnend ist, wird zum Teil
dadurch gemildert, dass die Magie selbst sich im Zeitalter der
Renaissance in einer inneren Umwandlung befindet, die sie den
Anfängen empirischer Naturbetrachtung nähert. [Vgl. den Begriff
 der „magia naturalis“; unten Buch IL, Cap. 1.]
7) Vgl. Kepler, Opera cd Frisch. HI, 29: „Damno autem
tantum in astrologia, quantum Picus“. — Vgl. Op. IL 635: „Quam
astrologiae partem J. Picus Mirandulanus mihi nondum eripuit,
etsi plerisquc, quae libris 12 contra astrologos disputavit
 sobrie et secundum valorem argumentorum usurpatorum inlellectis.
 subseceribo.“ Ueber die äusseren Gründe. die zu dieser
        <pb n="552" />
        342

Zu Buch TI, Cap, 2.

Einschränkung des Urteils über Pico geführt haben: s. Frisch.
Op. IT, 578 f.
©) In Astrologiam, Lih. IH, cap. 24, S. 344 f.
“) Ibid. Lib. VI, cap. 4 und 11, S. 398 und 407.
©) „At ingeniorum morumque varietas et a corporis habitu
pendet, et ab educatione, assuetudinis fundamento, quae naturae
viribus proximat. Accedunt leges, quibus in ea re plurimum est
nomenti .... unde arbitrii libertas contra omnem naturae nezessitatem
 evidentissime declaratur.“ Lib. III, cap. 13. S. 327:
vgl. bes. Lib. III, cap. 27; S. 549 f.
8) Io. Pici Mirandulae, De hominis dignitate oratio. — Op. I,
207 If. — (Die Uebersetzung der Stelle zumeist nach Burckhardt.
Kultur der Renaissance, 1. Aufl. (1860), S. 354.)
*) Bovillus, De sapiente Cap. XXIII (S. die angeführte
Ausgabe der Werke des Bovillus [Buch I, Cap. 1, Anm. 63] S. 131 b.)
— Ich füge die ganze, merkwürdige Stelle im Original bei: „Unde
manifestum est sapientiam esse quandam humanitatem
et primi nostri indefecati naturalisve hominis imaginem
 veramque speciem, seu artis hominem ex primo
naturali homine et ipso mundo felici congressu progenitum.
 Est enim hic secundus homo velut propriae humanae
 cognitionis objectum; velut item mundi exordium
sxitusque ac palinodia. .. Est et hic homo quaedam progenita
primi hominis minerva, primi intra se receptio, mansio
ac sedes. Manifestum item est: sapientiam esse quendam hominis
 numerum, disecrimen, fecunditatem, emanationem, eam-Jue
 consistere in hominis dyade genita ex priore monade.
 Primus enim nativus noster et sensibilis homo ipsiusque
aaturae mutuum monas est, et totius humanae fecunditatis fons
atque initium. Artis vero homo humanave species arte progeaita
 dyas est et prima quaedam hominis emanatio, sapientiae
iructus et finis. Cujus habitu qui a natura homo tantum erat,
artis fenore et uberrimo proventu reduplicatus homo vocatur et
homohomo.“ — Vgl. zum Ganzen bes. De sapiente Cap. XXIV,
und ob. S. 84 f.
85) Bessarion, Adversus calumniatorem Platonis Lib. HL,
Cap. 7.
        <pb n="553" />
        Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht. 543

“%) Reuchlin, De arte cabbalistica Lib. II; p. XXIHA: — vgl.
De verbo mirifico, Basil. 1561, Cap. 4, S. 562.
7) „Sed illa tamen nunquam mutantur, quae natura contiaentur,
 nempe causae affectuum animi eorumque actiones
et effecta, quod est longe conducibilius cognoscere, quam quomodo
 olim vel aedificabant, vel vestiebant homines antiqui.“
Vives, De tradendis disciplinis, Lib. V. (Opera I, 505 f.)
%) Joh. Baptista Buonosegnius, Epistola de nobilioribus
Philosophorum sectis et de eorum differentia. (1458.) — Mitgeteilt
von L. Stein, Handschriftenfunde zur Philosophie der Renaissance.
 Arch. f. Gesch. d. Philos. I, 534 ff
®) Giov. Francesco Pico della Mirandola, Examen veritatis
doctrinae gentium etc., Lib. VI, Cap. 14; Op. II, 792 ff.
%) Otto Willmann, a a. O. II, S. 13.
") Ficinus, De Christiana religione, Cap. IV; Op. I, S. 4.
x) Die Stellen aus den Briefen des Mutianus Rufus nach
dem Citat bei D. Fr. Strauss, Ulrich v. Hutten, Bonn 1895,
5. 832 f. Vgl. hrz. die umfassende und eindringende Darstellung
des „universellen Theismus“ der Renaissancezeit bei Dilthey,
Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahrh..
Arch. f. Gesch. d. Phil. IV- VI.
%) Erasmus, Convivium religiosum (Opera omnia, ed. Clericus,
 Lugd. Batav. 1703, I, 681 ff.)
“\ Dilthey, a. a. O. Archiv VL 393.
        <pb n="554" />
        Zu Buch I, Cap. 3.

Der Skepticismus.

ı) S. Franz Sanchez, Tractatus de multum nobili et prima
universali scientia quod nihil scitur. Lugduni 1581. S. 16€.
23., 28.
’) Hegel, Phaenomenologie des Geistes, S. W. II, 151.
3) S. den Essai „Du pedantisme“ (I, 24); sowie den Brie([
an die Comtesse de Gurson: „De l’institution des enfants“ (I, 25).
4) S. Georg Brandes, William Shakespeare, 2. Aufl. (1898)
5. 469ff.
5) „Les aucteurs se communiquent au peuple par quelque
marque speciale et estrangiere; moy, le premier, par mon
astre universel; comme Michel de Montaigne, non comme
grammairien, ou po6te, ou jurisconsulte“. Du repentir.
Essais II, 2.
6) Es ist interessant, in dieser Beziehung das neunzehnte
Kapitel des ersten Bandes der „Essais‘“ (Que philosopher c'est
apprendre ä mourir) sowie die „Apologie“ mit Feuerbachs
Schrift „Die Unsterblichkeitsfrage vom Standpunkt der Anthropologie“
 zu vergleichen.
’) Agrippa von Nettesheim, De incertitudine et vanitate
scientiarum deeclamatio invectiva (1526). bes. Cap. 7 u. Cap. 48.

3) Die entscheidenden Hauptstellen aus Charrons Werk
„De la sagesse“ sind der ersten Ausgabe, die im Jahre 1601 in
Bordeaux erschien, entnommen. Alle späteren Ausgaben zeigen
oedeutende Einschränkungen und Abschwächungen. die indes
        <pb n="555" />
        Der Skhepticismus.

545

lediglich in äusseren Rücksichten auf theologische Forderungen
ihren Grund haben und somit die sachliche Bedeutung des Grundgedankens
 nicht berühren. In ihnen kennzeichnet sich nur jene
Doppelrolle, zu der — nach Charrons allgemeinem Urteil — der
„Weise“ notwendig verurteilt bleibt. „Das Wort, dass alle Welt
die Schauspielkunst übt, gilt im eigentlichen und wahren Sinne
von dem Weisen, der immer innerlich ein anderer sein wird, als
er sich nach aussen zu zeigen vermag.“ (De la sagesse IL, 2.)
Aus diesem Satze begreift sich der Gegensatz, der auch Charrons
literarische Wirksamkeit durchzieht und der Widerspruch, der
zwischen seiner philosophischen Hauptschrift und seinem apologetisch-dogmatischen
 Werke: „Les trois verites“ (1594) bestehen
bleibt.
7 S. Sanchez, „Quod nihil scitur“, S, 57f.
0) „Quod nihil scitur.“ S. 96f.
) (La Mothe le Vayer) Cinq dialogues faits a l’imitation
les anciens par Orosius Tubero, Mons 1673.
        <pb n="556" />
        Zu Buch Il, Cap. 1.

Die Naturphilosophie.

:) Agrippa von Nettesheim, De occulta philosophia, Lib.
II, Cap. 56. — (Henrici Cornelii Agrippae ab Nettesheym ..
Opera quaecumque hactenus vel in lucem prodierunt, vel inveairi
 potuerunt omnia. Lugduni s. a. I, 294 £.)
2?) Agrippa v. Nettesheim. De occulta philosophia II, 57.
— Opera I, 296.
3) Agrippa, De occulta philosophia IT, 60. — Opera I, 303.
4) Ueber Giambattista Porta und seine „Magia naturalis“,
die 1589 in Neapel erschien, s. das Urteil Goethes in der „Geschichte
 der Farbeniehre“ (Hempel XXXVI, 144 ff.)
5) Thomae Campanellae: De sensu rerum et magia libri
[V, hg. von Tob. Adami. Francof. 1620. Lib. I, cap. 2.
6) „Ens nullum videtur esse nisi quia potest esse . . Entis
quoque fundatio est potestas . . Dicitur enim potens, quod in
aliud sese ipsum diffundere, amplificare et multiplicare aptum
sast.“ Campanella, Universalis philosophiae seu Metaphysicarum
 rerum juxta propria dogmata pbartes tres, libri 18. Parisiis
1638. Pars H, Lib. VI, Cap. V, Art. I. (Teil II, S. 20.)
7) Campanella, Metaphysik P. IIL, Lib. XVII, Cap. I, Art. 1
“III, S. 249). „Vita dicitur a vi, hoc est essendi virtute potestateque;
 ea igitur ratione, qua sunt Entia cuncta, vivunt.“
8) Campanella, Metaphys. P. II, Lib. VI, Cap. VII, Art. 1
JI, S. 39). „Ecce videmus quidem ens esse, quia novit esse: et
nullum ens reperiri sui inscium.“
9) „Si enim omnia opera Dei perfecta sunt.. fateri oportet
2as rebus vires ab eo largitas esse. quae ipsarum conservationi
        <pb n="557" />
        Die Naturphilosophie.

547

sufficiant. Ergo est negare igni propriam naturam atque formam,
cum asserunt Deum ire sursum cum igne et lucere in sole ...
Sequitur etiam non sentire nec intelligere animam humanam,
sed Deum in illa; ipsumque adpetere et operari nostras operationes
 tam malas, quam bonas .. Hae aliaeque alibi positae rationes
 ostendunt res a se agere .. et ad particulares actus
particulares causas agentes requiri, ut calor quidem calefaciat
 et non Deus in illo, sed cum illo...Construxit sane Deus
orbem et creavit res, viresque se conservandi ac mutandi
se mutuo per tempora dedit; illae autem vires perseverant
 tanquam Natura, donec tota rerum machina ad suum
magnum mutetur finem.“ Campanella, De sensu rerum I, 6;
S. 17 ff. Vgl. Telesio: De rerum natura juxta propria principla
Lib. IV, Cap. XXIV (Tractationum philosophicarum tomus unus
1588, S. 728): „At Dei sapientiam bonitatemque in reliquis contemplatus
 quivis illud etiam simul intueatur: posse quidem quaecunque
 velit facere Deum, qui mundum universum e nihilo condiderit,
 sed non eo illum pacto constituisse, ut entia ad proprias
adendas Operationes nova potentia operandi assidue indigeant,
sed singula a Deo ipso propria natura propriasque operandi
 operationes facultate donata juxta propriam singula
 operari naturam . ..“
w) Vgl. bes. Leibniz’ Abhandlung: „De ipsa natura sive de vi
insita actionibusque creaturarum.“
2) „At quo modo res in semine existunt? Dicam (si liceat ita
fari) seminaliter. Eo seilicet modo, quo semini convenit. Quo
semen ea capit, actu ne an potentia? Peripatus rogabit. Respondebimus
 actu. .. Agit enim nihil, nisi quod est actu . . . Valeat
ergo Peripati potentia, quae nil nisi respectum futurae rei significat
 . . Nihil agit, nisi quod agere potest. Posse hoc ab aectu et
essentia provenit. Essentia autem cujuscunque est existentia
 actıu vires habenset a viribus actiones, Et vis est
in essentia et ejus quaedam extensio et actionis interna quaedam
praeparatio, prout actio est virium ipsarum ad extra protensio
et proprii operis adimpletio ...“ Francisci Patritii Panarchia:
 de rerum principlis primis. Lib. III. (Nova de universis
philosophia, Ferrariae 1591, Teil I, S. 8).
2) „Quocirca summopere mirari Aristotelem licet, qui cum
RS
        <pb n="558" />
        Zu Buch II, Cap. 1.

Sorum, quae natura moventur ab alio ab ipsis separato distinctoque
 nullum prorsus in iis moveri declaraverit, sed fieri tantum
 ab alio: ex iis. illa omnia ab alio moveri enunciare nihil
veritus sit. Et propterea etiam mobilia, quae sunt entia, nequaquam
 efficiens motus sui nec faciendi omnino in seipsis principium
 habere, sed patiendi tantum. Desides igitur stertentesque
proprias rerum naturas formasque faciat: hujusmodi enim videantur
 et sint formae, si entia non efficiens sui motus nec faciendi
principium in se ipsis habeant, sed patiendi tantum.“ Telesio, De
rerum natura juxta propria principia. Lib. IV, Cap. 20. (A. a. O.:
Tractationum philosoph. tomus unus, p. 721). — Zum Ganzen vgl.:
Fiorentino, Bernardino Telesio, ossia Studi storici sull’idea della
aatura nel Risorgimento italiano, Firenze 1872 ff., I, 218.
13) S. Cardano, De subtilitate Lib. X u. XI: De rerum varietate
 Cap. VII.
1) Julii Caesaris Vanini, De admirandis naturae reginae
deaeque mortalium arcanis libri IV. Lutetiae 1616. S. bes.
Dialog 30.
») Agrippa v. Nettesheim, De occulta philosophia. Lib.
[IT cap. 36, S. 406. x

16) Paracelsus, Das Buch Paragranum; hg. von Franz
Strunz, Lpz. 1903, S. 27f. — Ich zitiere das Paragranum nach dieser
Neuausgabe; die übrigen Schriften nach der grossen Baseler Quartausgabe,
 die Johannes Huser veranstaltet hat: „Bücher und
Schrifften des .. Philippi Theophrasti Bombast von Hohenheim,
Paracelsi genannt“, 10 Teile, Basel 1589 ff. — Bei der Schwierigkeit,
lie echten Werke von den unechten zu scheiden, sind für die
Darstellung im allgemeinen nur solche Stücke benutzt, die Huser
nach seiner Angabe in Paraselsus’ eigener Handschrift vor sich
hatte. [Ueber den Wert dieser Angabe s.: Schubert und Sudhoff,
 Paracelsus-Forschungen 1, Frankfurt a. M. 1887, 5. 73 ff.] Wo
andere Schriften herangezogen werden, ist dies besonders bemerkt.
7) Das Buch Paragranum S. 47
8) A. a. O. S. 53.
9) Paragranum S. 58.
%) Paragranum S. 26f., S. 41. — Vgl. Das Buch Paramirum
‘Zweite Fassung), Huser 1. 1154.
        <pb n="559" />
        Die Naturphilosophie. — Paracelsus.

549

2) Paragranum S. 70.
”) Paramirum, Tractat III, Cap. 4 u. 7 (Werke I, S. 38 u. 41).
3) S. bes. Agrippa von Nettesheim, De incertitudine et
vanitate scientiarum. Cap. XXXI,
4) Paramirum, Tractat I, Cap. 4. — Werke I, 15.
®) Paragranum S. 54.
*) Paramirum (II), Buch II, Cap. 7; Werke I, S. 136. —
Paramirum (I), Buch I, Cap. 3, W. I, S. 14[.
7) Fr. Strunz, Theophrastus Paracelsus, sein Leben und seine
Persönlichkeit. Lpz. 1903, S. 115. — Uebrigens hat Strunz selbst,
wenngleich er hervorhebt, dass das Wesentliche bei P. „doch
[ast immer auf eine methodische Induktion gestimmt“ sei, in
dem Gesamtbild, das er entwirft, diesen Zug zu sehr zurückireten
 lassen und sich fast einzig auf die Schilderung der religiösen
 Grundanschauung des P. beschränkt.
%®) Paragranum S. 25f.
») Paragrani alterius Tract. I.: De philosophia. Werke IT, 106.
0) Vom Podagra. Buch I. Werke IV, 252f.
») Paramirum (I) Buch I; Werke I, 72—74. — Vgl. Vom
Podagra, Werke IV, 293f. (Ex impresso exemplari.)
8) „Chirurgische Bücher und Schrifften“ hg. von Johann
Huser, Basel 1618; S. 300f. (Zitiert nach Strunz: a. a. O, S. 20f.)
38) „Vom Podagra“ Buch I, W. IV, 263. — Vgl. Labvrinthus
medicorum VIII; Werke II, 2254.
3) Liber de imaginibus, Cap. XII: W. IX, 389. (Ex Manuser,
alterius.)
3) Agrippa von Nettesheim, De occulta philosophia, Lib.
(II, Cap. 36, S. 408. — Vgl. Fracastoro, De intellectione Lib. I.
(Opera omnia, Venet. 1555, S. 166): „Intellectus autem divina certe
et sacra quaedam res est , . qua sola Diis ipsis similes videmur
fieri ipsisque associari, qua homo denique universi hujus, quem
mundum dicimus, speciem quandam et similitudinem prae se
lert; quin unus quodam modo mundus est, in quo res omnes,
quae ubique sunt, caelum, sydera,' inane, maria, terrae, montes.
silvae, animalia et reliqua omnia reposita sunt.“
        <pb n="560" />
        350

„ Buch IT, Cap. £.

3) „In primis autem constare inter nos debet, cognitionem
omnem per rerum simulachra fieri, quae aliqui spectra vocavere:
 nos in scholis nostris species rerum appellamus . .. Necesse
 igitur est demitti aliquid ab objecto, quod proxime attingat
animam, atque illam mutet: tale autem non aliud esse potest, quam
simulachrum et species rerum, quae extra sunt.. Intellectio igitur..
 non aliud certe videtur esse, quam repraesentatio objecti,
 quae animae interiori fit per receptam objecti speciem
 ... Habet autem dubitationem quandam, utrum quod dicimus
 intelligere, sit actio quaedam animae, an passio tantum ...
mihi autem videtur, nisi fallor, tantum pati animam intelligendo,
et nihil praeterea agere.“ (Fracastoro, Turrius sive de intellectione.
 Liber primus. Opera, Venetiis 1555, S. 166 f.)
37) „Voco autem subnotionem nunc eam cognitionem, qua
sub uno quodam apprehenso multa alia simul confuso quodam
ordine sese offerunt, ad quae consequenter movetur anima, unum
post aliud inspectura. Constat enim in animali esse motum hunc,
qui non est compositio, aut ratiocinatio, in qua veritas
aut falsitas sit, sed simplex et sola repraesentatio unius sensibilis
 post aliud. Sed neque etiam memoria est haec operatio,
 tametsi memoriae assimiletur, sed natura et tempore
et ratione prior memoria est .. Quapropter et de ipsa diligenter
quaerendum est, quoniam nihil aliud de illa hactenus determinatum
 video, ut par erat et oportebat. Propter quod
et novo uti vocabulo coacti fuimus, cum nullum aliud huic opecationi
 impositum videremus nomen, unde subnotionem appellavimus
 .... Non fecit autem motionem hanc sensus ipse per
se, sed interior anima, quae simul cum sensu actu fit et potentiam
 majorem habet.“ A. a. O.S. 170. Vgl. Lib. ILS. 179
A. u. B.
») A. a. O. S. 177 A—D.
3) „Dubitabitis autem fortasse de ipsismet operationibus animae,
 ut intelligere, abstrahere, imaginari, ratiocinari, subnoscere . .
utrum primi vel secundi conceptus dici debeant, quando esse in
anima omnia haec habent. Ad quod.. dicendum est operationes
hasce animae debere dici potius esse ab anima, quam in
anima esse habere, sicut accipimus nunc esse in anima, ut distinguitur
 ab esse extra animam. Quae enim coneipiuntur secun-
        <pb n="561" />
        Die Natur philosophie. — Eracastero und Telesio. 551

dum esse, quod habent in anima, duplex esse habent, alterum extra
animam, alterum in anima: at operationes praedictae intelligere,
 abstrahere, et alia non habent hoc esse duplex, sed solum
ab anima et in anima sunt. Sunt autem in anima, ac si extra
essent, quare primi conceptus suni, super quibus et secundi
jer1 possunt.“ A. a, O. Lib. II, S. 192.
0) „Sicut autem e lacte et nive universale albedinis fit, ita et
conjunctorum sua universalia et ideae extrahuntur; quare et universale
 loci, et figurae, et quantitatis, et numeri, et aliorum conficitur.“
 A. a. O. Lib. I, 5. 177 B.

4) „At non modo res sensu perceptas motusque, quibus ab iis
commotus est, absentes itidem cessantesque recolere et quodam
sentire pacto . . spiritui datum videtur, sed rerum itidem, quarum
conditio quaepiam manifesta, reliquae occultae sunt, has itidem
jis intueri in rebus, quibus illa inesse conspecta sit et quae totae
perceptae ei sunt: quod intelligere vulgo diecitur, quodque ..
axistimari vel potius commemorari dicendum est . . Siquidem conclusio
 omnis alicui innitatur et ab aliquo pendeat et contineatur
in aliquo necesse est, quod admiserit vel statim admittat spiritus,
hujusmodi sensu perceptum sit, summe est necessarium. Itaque
intellectionis cujusvis principium similitudo est sensu percepta,
intellectio vero ipsa (quae vere intellectio non est, sed . . existimatio
 vel potius commemoratio quaedam) sensus quidam, imperfectus
 nimirum et per similitudinem, non scilicet a re, quae
intelligitur .. sed a sensu factus, quem similibus a rebus fieri
percepit spiritus .. Itaque hujusmodi intellectio longe est sensu
imperfectior.“ Telesio, De rerum natura VIII, 3; p. 878.
2) Telesio, De rerum natura Lib. VII, Cap. 17 ff; p. 853 ff.
») S. Patrizzi, Nova de universis philosophia. Panaugia p. 2.
') Patrizzi, a. a. O. Panarchia Lib. XV, S. 31f. „Dum a
patre emanat verbum eam sui emanationem sentit ipsum; est
enim et ipsum patris sapientia . . Persentit ergo se a primo emanare
 et in essentiam venire et vitam. KEa persentiscentia (ut ita
vocem) in se vertitur et in patrem amore ardentissimo convertitur.
 Ea versione et conversione et se et patrem agnoscit et
cognoscit . . Intellectio haec intuitus quidam est in patrem - -
        <pb n="562" />
        552

Zu Buch IT, Cap. 1,

Haec est propia intellectus operatio in se et in causam suam conversio.
 Et per suam essentiam intueri alia.“
‘“) S. Campanella, De sensu rerum et magia 1,4, S. 12;
{I, 15, S. 101 ff. Realis philosophiae epilogisticae partes
quattuor edid. Tob. Adami., Francof. 1623. Pars prima: Physiologica.
 Cap. XVI;, Art. 2 ff, S. 176; vgl. Metaphysik, Pars II,
Lib. VI, Cap. VIII. (Teil II, S. 58 ff.)
‘) Metaphysik, Pars I, Lib. I, Cap. V u. VI. (Teil I, S. 44 ff.)
") Metaphysik, Pars I, Lib. I, Cap. VI, Art. VI. (T. I, 53 f.)
%) „Reddere causam est declarare, unde sit, quod incertum
est; sensus autem certus est nec probationem quaerit, i pse enim
probatio est. Ratio autem est incerta notitia ideoque
indiget probatione et quidem, quando probatio adducitur ex
causa, ex alia sensatione petitur certa . .. Ratio est sensus quidem
 imperfectus, extraneus et non proprius, sed in simili; nihilominus
 per illam fecit Deus, ut omnia indagare et scire poSsimus,
 licet non perfecte.“ De sensu rerum et magia II, 30;
S. 174 ff, S. 183. — Vgl. Realis philosophiae epilogisticae pars I:
Physiologica Cap. XVI, Art. V u. VI, S. 184 ff.
#) S. Campanella, Metaphysik, P. I, Lib. I, Cap. I, Art. 1—14.
S. bes. Teil I, S. 7ff, S. 11.
5%) A. a. O. Art. IX. (Teil I, S. 20.)
») A. a. O. Art. I. (Teil I, S. 6.)
5) Vgl. Metaphysik: Pars IM, Lib. XVII, Cap. IL Art. I.
Teil III, S. 244f.) De sensu rerum et magia IT, 30; S. 184 u. s.
— Man vergleiche hiermit: Dante, Purgatorio, Ges. 17.
3) Metaphysik. Cap. IX, Teil I, S. 80.
4) Metaphysik, P. II, Lib. VI, Cap. III, Art. V. (Teil II, S. 15.)
Zum Ganzen s. P. I, Lib. I, Cap. II u. IM. (T. I, S. 30 ff.)
5) Agostino Donio, De natura hominis. — $. hierüber Fiarentino,
 a. a. O. I, 324 ff; vgl. II, 143 f.
5) Campanella, Metaphvsik P. II, Lib. VI. Cap. VIIL Art. V.
Teil II, S. 64.)
57) Ebenda. Art. II; T. II, S. 61: „Constat ergo seipsa omnia
entia sentire, quoniam seipsa sunt absque eo quod fiant; realiter
ergo et fundamentaliter cognoscere est esse: formaliter vero distinguitur,“

5) S. De sensu rerum et magia IT, 30. S, 178f, S. 184.
        <pb n="563" />
        Die Naturphilosophie. — Campanella.

553

5») Metaphys. P. II, Lib. VI, Cap. VI, Art. 9 (Teil II, S. 36)
„Unaquaeque res intelligit se ipsam intellectione abdita per suam
essentiam: quoniam intelligere exteriora est pati ab illis et feri
illa: intelligens enim fit ipsum intelligibile: ut autem intelligat
se intellectus, non indiget pati a se, neque fieri ipsemet; — est enim;
quod autem est, non fit, ergo seipsum novit per essentiam et notio
et intellectio est sua essentia.“
) „Nihilominus correspondet hujusmodi communitas uni
[deae divinae mentis, unde omnis rerum communitas emanat in
zradu propriae participationis‘ etc. Phvsiologica Cap. XVI.
Art. VI, S. 186 £.
“) Vgl. Metaphysik P. I, Lib. I, Cap. VIIL (Teil I, S. 63.)
”) „Putamus enim objecta sciendi occasionem praebere, non
scientiam, Potestativum suscipere ex parte motionem objecti, coznoscitivum
 ex illa passione judicare, quid sit objectum 0occasionaliter,
 ex se ipso vero causaliter.‘“ Metaphys. Pars I, Lib. I,
Cap. IV, Art. I. (T, I, S. 33.) — „Non enim lapis objectus sensui
atque intellectui docet nos, quid sit lapis neque facit nos scire,
neque scire hoc, cum sit ipse stupidus, nedum longe nobis in sua
notitia ignorantior: sed occasionem offert, ut sciamus hoc, non
autem ut sciamus, neque enim movet animam ad exercitium
actus, sed ad specificationem actus.“ P. I, Lib. II, Cap. V, Art. VII
°T. I, S. 160.) — S. ferner P. I, Lib. I, Cap. IX, Art. IX. (I, S. 73)
a. P, II, Lib. VI, Cap. XI, Art. VIII. (T. II, S. 82.)
%) „Sensus non solum passio est, sed fit simul cum discursu
tam celeri, quod non percipitur.“ De sensu rerum et magia
[, 4. Vgl. ebda. II, 21; S. 130. — „Nec enim sensus aut intellectus
 est ‚passio, nec scire est pati: sed judicare ex passione
ipsum agens, quoniam per eam factum est ipsum aliquo pacto“
Metaphys. P. II, Lib. VI, Cap. XII, Art. V. (T. IL, S. 89.)
%) Metaphysik I, Lib. V, Cap. I, Art. IV. — T. I, S. 344.
») Ebdas. Art. II u. III. -— T. I, S. 347—49.
6) Ueber Campanellas Ablehnung des Copernicanischen Systems
 s. Metaphysik P. III, Lib. XI, Cap. VL. Art. 2 u. Cap. XV.
Art. IV. (T. III S, 34 u. 66.)
”) „Locus ergo est substantia prima aut sedes aut capacitas
immobilis et incorporea, apta ad receptandum omne corpus.“
Phvsiologica Cap. I. Art. 2. S. 4. — „At agnosco spatium esse basın
        <pb n="564" />
        354

Zu Buch II, Ca. I.

Omnis esse creati omniaque praecedere saltem origine et natura.“
De sensu rerum I, 12; S. 40.
6) Metaphvsik, P. IL Lib. XIM, Cap. II. Art. VI. — (Teil III
5. 125.)
%) Ebenda: „Facit autem haec intellectus in spatio, quoniam
in luce ideali divina ipsa novit: abscondito quodam modo excitatus
 a sensibilium similitudine .. Etenim mundus Physicus et
Mathematicus in mentali praeeunte fundatur. Ideae ergo sunt ut
signum in nobis... Sic quae ponuntur ad significandum, se
habent in Mathematicis: possunt autem poni, quia idea in
aobis est et spatium in natura. in quo ideantur etc“

“) S. Cardanus, De subtilitate, Lib. I. (Opera, Lugduni 1663.
Tom. IN, p. 367 £.)
7) Julius Caesar Scaliger, Exotericarum exercitationum
Liber: ad Hieronymum Cardanum. Lutet. 1557: Exercit. 5 u. 3592:
5. 7 u. 459.
7?) Telesio, De rerum natura, Lib. I Cap. XXV—XXVIIL Val.
bes. Cap. XXV (S. 590): „Itaque locus entium quorumvis receptor
jeri queat et inexistentibus entibus recedentibus expulsisve nihil
ipse recedat expellaturve, sed idem perpetuo remaneat et succedentia
 entia promptissime suscipiat omnia, tantusque assidue
ipse sit, quanta quae in ipso locantur sunt entia; perpetuo nimirum
 ilis, quae in ea locata sunt, aequalis, at eorum nulli idem sit
nec fiat unquam, sed penitus ab omnibus diversum sit.“
3) A. a. O. Cap. XXIXN, S. 598: „Non recte Propterea quod nec
ljempus seorsum a motu, nec motum seorsum a tempore unquam,
sed perpetuo cum altero et alterum ap Prehendimus, tempus conditionem
 affectionemve quampiam et motus quid esse decernit...
Nihil enim a motu cum pendeat tempus, sed per se (ut
dictum est) existat, quas habeat conditiones a se ipso habet
mnes, a motu nullam prorsus.“ — Vgl. die Ausführung dieses
Gedankens bei Campanella, Metaphysik P. II, Lib. VI, Cap. 12,
Art. 2. (T. II S. 96) u. Physiologic. Cap. Il, Art. 3.
#) „Nulla ergo categoriarum spatium complectitur;
ante eas omnes est, extra eas omnes est . . . Sunto categoriae in munlanis
 bene positae: spatium de mundanis non est. aliud quam
        <pb n="565" />
        Die Natur philosophie, — Patrizzt.

555

mundus est; nulli mundanae rei accidit, sive ea corpus sit, sive
non corpus, sive substantia, sive accidens, omnia haec antecedit..
 Itaque aliter deeo philosophandum, quam 6x
zategoriis. Spatium ergo extensio est hypostatica per se substans,
nulli inhaerens. Non est quantitas. Et si quantitas est, non est
illa categoriarum, sed ante eam ejusque fons et origo..
‚Patet) spatium maxime omnium substantiam esse, sed non est
categoriae substantia illa. Neque enim individua substantia
ast, quia non est ex materia et forma composita. Neque est
genus, neque enim de speciebus neque de singularibus
praedicatur. Sed alia quaedam extra categoriam substantia est.
Quid igitur, corpusne est an incorporea substantia? Neutrum,
sed medium utriusque ... Corpus incorporeum est et non Corpus
sorporeum. Atque utrumque per se substans, per se existens, in
ze existens.“ Patrizzi, Pancosmia; De spatio physico, p. 65f.
7) „Quid autem debuit aut expediit prius produci, quam id,
quo omnia alia ut essent eguerunt et sine quo non esse potuerunt,
ipsum autem sine aliis esse poterat et aliorum nullo eguit, ut esset.
 Id enim ante alia omnia necesse est esse, quo posito alia
poni possunt omnia: quo ablato alia omnia tollantur. Id autem
ipsum spatium est.“ Ibid. p. 61.
16) „Qualitates namque non sunt quantae aut magnae aut longae,
 aut latae, aut profundae per se et sui natura, sed sunt tales
ex accidenti, quia nimirum per corpora quae et quanta sunt“
'bid. p. 62.
7”) S. Pancosmia, pag. 79 und 120.
’) Ibid. S. 66.
9) „Mentemque nostram Jinita sibi in opus sumere, qJuae Spatiis
 mundanorum cCorporum possint accomodari. A quibus corporibus
 non per abstractionem mens ea separat, ut quidam
 contenderunt. OQuoniam ea spatia non sunt primo
et per se in mundanis corporibus, sed sunt ante corpora
actu in primo spatio .. Sed mens e spatio illo primo vi sua eas
partes desecat, quae sibi sunt vel contemplationi vel operi usui
futura.“ „Cumque spatium sit rerum naturae omnium primum,
ejus Scientiam utramque et continui et discreti ante materiam
esse est manifestum. Eandem hanc rationem consequitur, ut
mathematica anterior sit, quam phvsiologia. Media quo-
        <pb n="566" />
        356

Zu Buch IT, Cap. I.

que est inter incorporeum omnino et corporeum omnino, non
qua ratione veteres dixere per abstractionem a rebus
naturalibus incorpoream quasi fieri .. (Est ergo) manifestum
 naturae rerum contemplationem ingredienti spatii scientiam
 prius et habendam et tradendam esse, quam naturalem
 .. Recteque foribus scholae divini Platonis fuit praefixum:
 Geometriae nescius ingredietur nemo.“ Ibid, „De spatio
mathematico“ p. 68. ,
$) Ibid.: „Continuidivisio ac desectio humanae cogitationis
 vi facta numerum procreat. Patet quoque continuam
Juantitatem a natura esse, ad numerum vero humanae mentis
3sse Opus.“
3) Pancosmia, De spatio mathematico p. 66 f,
8?) „Clarum quoque evasit continuum antiquius esse discreto.
Quoniam discretio nulla fieri posset a vi ulla, nisi continuum
antecederet.“ A. a. O.
8) Pancosmia, De physici ac mathematici spatii affectionibus,
 p. 73.
$) Campanella, De sensu rerum et magia I, 12, S. 40. IT, 26,
S. 157.
8) De sensu rerum et magia. Epilogus. S. 370. — Metaphysik.
 P. III, Lib. XVI, Cap. V, Art. 1 und 2. (T, II, S. 207 f) —
Vgl. Poesie filosofiche di Tomaso Campanella publ. da Giov.
Gasp. Orelli. Lugano 1834. S. 11:
„Il mondo © il libro, dove il senno eterno
Scrisse i propri concetti: € vivo tempio
Dove pingendo i gesti e ’l proprio esempio
Di statue vive ornö l’imo e *l superno.
Perch’ ogni spirto qui Vlarte e ’l governo
Leggere, e contemplar per non farsi empio.
Debba e dir possa: lo l’universo adempio
Dio contemplando a tutte cose interno.“
56) De sensu rerum II, 25; S. 146 ff. — Metaphvs. P. II, Lib.
XIV, Cap. II, Art. 1. (T. III, S. 182.)
57) Cardanus, Tractatus de arcanis aeternitatis Cap. IV:
„Quicquid finito comprehenditur, finitum est, nam comprehensio
proportione quadam fit, infiniti autem ad finitum nulla est proportio,.“
 (Zitiert nach Fiorentino, a. a. O0. 1. 211)
        <pb n="567" />
        Zu Buch Il, Cap. 2.

Die Entstehung der exakten Wissenschaft,

) Telesio, De rerum natura II, 12. —
’) Ueber Leonardo da Vincis astronomische Anschauungen
s: Scritti letterari di L. da V. cavati dagli Autografi e pubblicati
da Jean Paul Richter. Due parti. London 1883. Parte II,
Ss. 135—72.
3) Galilei, Dialogo intorno ai due massimi sistemi del
mondo. Giornata terza. -—— Opere di Galilei, ediz. Alberi, Firenze
1842 ff. 1. 357.

Leonardo da Vinci.
) Leonardo da Vinci, ediz. J. P. Richter, No. 1000; Vol. II,
5) A. a. O. No. 1142 u. 1162: IL, 287 u. 291.
6) No. 859; IL, 137.
5) No. 1135; II, 285.
) No. 1157; 1, 289,
» No. 1211—1218; II, 303 f. — Vgl. hrz.: Prantli, Leon. da
Vinci in philosophischer Beziehung. SS. 13. — Sitzungsber. der
kgl. b. Akademie der Wissensch. Philos.-Philol. Klasse 1885.
10) No. 1206; II, 301.
u) No. 1155; II, 289.
2) S. Grothe, Leon. da V. als Ingenieur u. Philosoph, Berlin
1874; Dühring, Krit. Gesch. d. allg. Prinz. d. Mechanik 3. Aufl.
S. 12ff.
13) No. 916 u. 917. — II, 171,

290 f.
        <pb n="568" />
        a8

Zu Buch II, Cap, 2.

u) Fracastoro, De intellectu. Lib. I (Opera, Venet. 1555,
S. 165.)
15) No. 1168; II, 292.
16) No. 11, 12, 18; I, 15 u. 18 u. s.
ww) No. 1149; IT, 288.
18) S. Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet. Ausg.
von Marie Herzfeld. Lpz. 1904. TeilI, No. XI. — Ueber das Verhältnis
 von Vernunft und Erfahrung vgl. Prantl, a. a. O0. 5. 7ff,
19) No. 1151; II, 288.
%) No. 652; I, 326.
2ı) „O speculatore delle cose, non ti laudare di conoscere le
cose che ordinariamente per se medesima la natura conduce; ma
rallegrati di conoscere il fine di quelle cose che son disegniate
dalla mente tua.‘“ No. 1205; II 301.
2?) No. 1168; II, 293.
2) No. 651; I, 326: „Cosa bella mortal passa e non d’arte.“
4) „Septima est imaginatio ... et hujus est scientias ideare
proponendo principia, educendo conclusiones, formando syllogismos,
 et artes invenire. . . Quapropter imaginatio mentalis,
non sensualis est inventrix scientiarum per ideationem..;
 ideatio autem ex Politicis ut Physicis rerum ordinibus
oritur et usui accomodatur.“ Campanella, Metaphysik Pars I,
Lib. V, Cap. I, Art. 3. vgl. a. „Physiologica“ Cap. 16. Art. 8. bes.
SS 194f

2. Kepler.
2%) Kepler, Harmonices mundi Lib. IV, Cap. VII. — Opera
omnia ed. Ch. Frisch. Frankfurt und Erlangen 1857ff; V, 262 f.
26) Im Folgenden wird auf die Geschichte der einzelnen Entdeckungen
 Keplers nicht eingegangen; hierfür sei ein für alle
Mal auf die mustergiltigen Darstellungen Apelts verwiesen: „Die
Epochen der Geschichte der Menschheit,“ 2 B, Jena 1845f; —
Johann Keplers astronomische Weltansicht. Lpz. 1849 — Die Reformation
 der Sternkunde, Jena 1852. —
&amp;gt;”) Mysterium Cosmographicum de admirabili proportione
orbium coelestium., (1596) Dedicatio. — Onera I. 98.
        <pb n="569" />
        Zeonardo da Vinci. — Kepler,

559

28) Astronomia nova aitıoAd{ntog seu Physica Coelestis tradita
commentariis de motibus Stellae Martis, (1609.) Cap. VII. Op. III, 209.
%) „Proportio vero quid sit sine mentis actione, id vero intelligi
 nullatenus potest.“ Harmonice mundi (1619) Lib. I. Op. V, 81,
%) Mysterium Cosmographicum (1596) Cap. XI (Op. I, 135):
‚Quodsi . . ad imperserutabiles Conditricis Sapientiae vires
confugiunt: habeant sibi sane hanc inquirendi temperantiam, . .
nos vero patiantur causas ex quantitatibus verisimiles
reddere.“ In der zweiten Ausgabe, die Kepler im Jahre 1621
veranstaltete, hat er zu dieser Stelle bemerkt: „Ecce ut foeneraverit
 mihi per hos 25 annos principium jam tunc firmissime
 persuasum: ideo scil. mathematica causas fieri naturalium,
 quod dogma Aristoteles tot locis vellicavit, quia
Creator Deus mathematica ut archetypos secum ab aeterno habuit
in abstractione simplicissima et divina ab ipsis etiam quantitatibus
 materialiter consideratis.“ (Op. I, 136.)
3) Harmonice mundi, Lib. III; Op. V, 128, V, 136 ff. u. s.
2) Harmonice mundi, Lib. IV, Cap. 2. Op. V, 226.
38) „Ad Vitellionem Paralipomena“, Op. II. 130 ff. Vgl. bes.
II. 134.
3) A. a. O. IT, 146 ff., IL 166, 232 ff. u. s. — Vgl. Harmonice
mundi V, 215.
35) Zum Ganzen s. Harmonice mundi Lib. IV, Cap. I (Op. V,
214 f£.). Vgl. bes. V, 216 f.
3) „Si archetypi suam haberent subsistentiam extra animam,
fateor equidem, magno nos ärgumento privari pro asserenda necessitate
 animae ad essentiam harmoniae constituendam. Atqui
extra animam illos constituere est oppositum in adiecto.“ A.a.O.
Dp. V, 217.
5) A. a. O. Op. V, 222; zum Ganzen s. V, 218 ff.
3) „Omnis vero locatio imaginis est mentis seu mavis sensus
communis opus“ Op. II, 55, — Vgl. II, 491: „Distantiam enim oculus
 non videt, sed conjicit, ut docent optici.“
39) „Omnis enim philosophica speculatio debet initium capere
a sensuum experimentis “ Op. I, 143. — Ueber die Rolle der Veraunditgründe
 s. Anm. 46.
4) Opera VIII, 148. — Vgl. hierzu: Eucken, Kepler als Philosoph.
 Philos. Monatsh. 1878.
        <pb n="570" />
        360

Eu Buch 12T, Cap. 2.

41) Zum Ganzen s. Keplers „Apologia Tychonis contra Ursum“.
Op. I, 238 ff. — Ueber Patrizzi s. I, 247,
*) Vgl. hierzu: Natorp, Platons Ideenlehre, S. 363. — S. ferner
meine Schrift: Leibniz’ System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen.
 Marburg 1902, S. 362 f.
43) 5. Kepler, Astronomia nova, Pars I, Cap. II. Op. III, 176.
Vgl. Apelt, Reformation der Sternkunde. S. 32 ff.
u“) S. „Apologia Tychonis“, Opera I, 242. *
5) A. a. O. S. 244.
©) A. a. O. S. 245. — Vgl. I, 242: „Quod enim in omni cognitione
 fit, ut ab iis, quae in sensus incurrunt exorsi, mentis agitatione
 provehamur ad altiora, quae nullo sensus acumine comprehendi
 queunt, idem et in astronomico negotio locum habet,
abi primum varios planetarum situs diversis temporibus oculis
notamus, quibus observationibus ratiocinatio superveniens mentem
 in cognitionem formae mundanae deducit, cujus quidem formae
 mundanae sic ex observationibus conclusae delineatio hypothesium
 astronomicarum postmodum nomen adipiscitur.“
7) Brief an Maestlin vom September 1597 (Op, I, 34 f.) — Vgl.
Op. IM, 37 und 136.
18) „Nihil enim probatur symbolis, nihil abstrusi eruitur in
naturali philosophia per symbolas geometricas, tantum ante nota
accomodantur, nisi cerlis rationibus evincatur, non tantum
esse symbolica, sed esse descriptos connexionis rei utriusque
 modos et causas.“ Brief Keplers an Joachim Tanck
vom 12. Mai 1608; Op. I, 378.
49) Joh. Kepleri . . Apologia adversus Rob. de Fluetibus (1622),
Op. V, 413 ff. — S. bes. V, 421. Vgl. Paralipomena ad Vitellionem
1604) Prooem. Op. II, 127. Vgl. Galilei, Risposta a Lodovica
delle Colombe, Opere XII, 465.
50) „Egregiam vero palaestram, in qua transcurrimus alternis;
ego mathematicam veterum methodum comprobans, in progressu
 circa particularia contra illos pugno, tu, methodum ipsorum
ipsam generalem insimulans, in minutis nonnullis veterum assertorem
 te profiteris.“ A. a. O. Op. V, 422.
&amp;gt;) Harmonice mundi; Appendix ad libr. quintum: „Videas
etiam, ipsum plurimum delectari rerum aenigmatibus tenebrosis,
cum ego res ipsas obscuritate involutas in lucem intellectus pro-
        <pb n="571" />
        Keßler.

561

ferre nitear. Illud quidem familiare est chymicis, Hermeticis, Paracelsistis,
 hoc proprium habent mathematici.“ (Op. V, 332.) 5.
fern. „Apologia“ Op. V, 424: „Quod igitur aenigmata tua, harmoaica
 inquam, tenebrosa appello, loquor ex judicio et captu meo,
et habeo te astipulatorem, qui negas tuam intentionem subjici
demonstrationibus mathematicis, sine quibus ego coecus
 sum; tibi tu videris luculentissime omnia depingere, figuris
 hieroglyphicis valde significantibus explicare.“ S. ferner Apologia
 Op. V, 449 und 459.
5?) Apologia Op. V, 457—60. — Vgl. die charakteristischen
Worte Robert Fludds: „Mathematicorum vulgarium est, circa
umbras quantitativas versari, chymici et Hermetici veram
zorporum naturalium medullam complectuntur.“ Op. V, 18.
5) „Primam contrarietatem Aristoteles in metaphysicis recipit
i]lam, quae est inter idem et aliud: volens supra geometriam
 altius et generalius philosophari. Mihi alteritas in
zreatis nulla aliunde esse videtur, quam ex materia aut occasione
materiae, at ubi materia, ibi geometria. Itaque quam Aristoteles
 dixit primam contrarietatem sine medio inter idem et
aliud, eam ego in geometricis, philosophice consideralis,
 invenio esse primam quidem contrarietatem, sed
cum medio, sic quidem ut quod Aristoteli fuit aliud, unus
terminus, id nos in plus et minus, duos terminos, dirimamus.
‘Op. I. 423; vgl. hrz. a. Eucken, a. a. O0. S. 34.)

5) Vgl. Kepler, Astronomia nova Pars I, Cap. II, Op. III, 176 £.
Zur Peripatetischen Lehre von der Beseelung des Himmels vgl.
z. B. Cremonino, De coelo, Venet. 1613, Sect. V.
») S. Giordano Bruno, De la causa, principio et uno
(1584) II. Le opere italiane ristampate da Paolo de Lagarde.
Göttingen 1888, p. 235.
56) Vgl. Epitome Astronomiae Copernicanae, Lib. IV, P. II;
Op- VI, 345: „Sol . . omnibus sui corporis partibus facultatem hanc
activam et energeticam possidet attrahendi . . planetam.“ „Vis
seu energia“ VI, 347.
7) „Scopus meus hic est, ut coelestem machinam dicam non
esse instar divini animalis. sed instar horologii (qui horologium

aß
        <pb n="572" />
        562

Zu Buch II, Cap. 2.

credit animatum, is gloriam artificis tribuit operi) ut in qua pene
omnes motuum varietas ab una simplicissima vi magnetica corporali,
 uti in horologio motus omnes a simplicissimo pondere.“
Brief vom 10. 2. 1605. Op. IL, 84.
58) „Adeoque et ipsam hanc comprehensionem sensitivam
Solis et fixarum, quam molliter ego accipio mentique planetae
indulgeo; nescio an sufficienter lectori philosopho comprobaverim.“
 Astron. nova; Op. II, 397.
59) Anmerkungen zum Mysterium Cosmographicum: (1621)
Op. TI, 176. „Si pro voce anima vocem vim substituas, habes ipsissimum
 principium, ex quo Physica coelestis in Comment. Martis
est constituta et lib. IV Epitomes Astr. exculta. Olim enim causam
 moventem planetas absolute animam esse credebam, quippe
imbutus dogmatibus. I. C. Scaligeri de motricibus intelligentiis.
At cum perpenderem hanc causam motricem debilitari cum distantia
 a Sole: hinc conclusi vim hanc esse corporeum aliquid,
 si non proprie, saltem aequivoce etc.“ Zur Erläuterung der
letzten Worte vgl. Astronomia nova Pars III, Cap. 38, Op. III, 303:
„Quamvis virtus motrix non sit materiale quippiam, quia tamen
materiae, hoc est corpori planetae vehendo, destinatur non liberam
 esse a legibus geometricis. saltem ob hanc aetionem
materialem transvectionis.‘“
60) Astronomia nova. Pars III, Cap. 38; Op. III, 300 ff. —
Vgl. Epitome Astronomiae Copernicanae (1618). Lib. V, Pars I.
Op. VI, 402.
8) „Primum enim mens ipsa nihil potest in corpus.
Oportet igitur menti adjungere facultatem exsequendi sua munia
in corpore planetae librando . . Erit (haec) magnetica facultas,
hoc est naturalis consensus inter corpora planetae et Solis.
Itaque mens naturam et magnetes in subsidium vocat..“
„Si ergo per sese officium faciunt virtutes magneticae, quid opus
illis est mentis directorio? ... Accedit et hoc, quod in ipsis etiam
modis, quos menti praescripsimus omnium, qui possunt esse, probatissimos,
 implicari videtur quaedam incertitudo geometrica;
 quae nescio an non a Deo ipso repudietur, qui hactenus
semper demonstrativa via progressus esse deprehenditur.“ Astron.
nova P, IV, Cap. 57; Op. II, 396 f. — Vgl. Epitome Astron. Cop.
Op. VI, 342f. u. s.
        <pb n="573" />
        Kepler und Gilbert,

563

62) Vgl. Op. II, 87£. (Brief vom 28. III. 1605) u. IN, 151. (Introd.
 in Astron. novam.) .
63) Op- III, 31. (Brief vom 4. Okt. 1607.)
6) Epitome Astr..Cop., Lib. IV, P. III; Op. VI 378. — Vgl.
Op. VI, 17 u. s.
65) Kepler, Opera II, 591, III, 37 u. 307. VI, 375 u. s. — Galilei,
Dialogo intorno ai due massimi sistemi. Dritter Tag. Opere I, 459.
6) „Locus loco nullus contrarius. Dissimilitudo est positionum
 corporum in rerum natura; non locorum logica
 contrarietas. Depromuntur ista ex illa Graecorum officina,
 qua res ipsas et omnem philosophiam verborum quorundam
et idiomatum logisticis regulis demonstrari et contineri volunt,
cum omnis verborum vis, idiomata omnia vel ad illustranda
tantum naturae opera minime sufficiant. Crede mihi inique comparatum
 cum Philosophia, si pueris institutae ad disciplinam
verborum observationes definitionesque ulterius naturam ipsam
perstringerent.“ Gilbert, De Mundo nostro sublunari Philosophia
 nova. (Posthumes Werk.) Amstelod. 1651. Lib. IIL, Cap. V,
S. 241.
57) Gilbert, De magnete magneticisque corporibus et de
magno magnete Tellure Physiologia nova. London 1600, Lib. VI.
Cap. 8, S. 217. Vgl. „Philosophia nova“ III, 5; S. 239 u. s.
68) De magnete II, 2; S. 50: „Substantiae proprietates aut familiaritates
 sunt generales nimis, nec tamen verae designatae
causae, atque ut ita dicam: verba auaedam sonant, re ipsa nihil
in specie ostendunt.“
5) Philosophia nova I, 21, S. 61; II, 8, S. 144.
1). De magnete VI, 3, S. 219; VI, 4, S. 227 ff. u. s.
2) Philosophia nova I, 20; S. 50. — Näheres zu Gilberts
Theorie des Magnetismus und der Schwere bei Lasswitz, Gesch.
der Atomistik I. 315 ft.
2) Giordano Bruno, La cena de le ceneri. Opere italiane
p. 185; De Vinfinito universo e mondi p. 365 If, 370f, 391 u. s.
1) Gilbert, De magnete V, 12, S. 208 ff; VI, 4, 5. 221
1) S. Kepler, Astron. nova III, 39. Op. III, S. 319,
) Brief vom 30. XI. 1607. Op. II, 589.
%) Brief an Fabricius vom 11. X. 1605. Op. IIL, 459.
m) Astron. nova, Introductio, Op. IIL 151..

It
        <pb n="574" />
        564

Zu Buch IT, Cap. 2.

’8) Gesch. d. Atomistik II, 546.
*) Epitome Astron. Cop. Lib. IV, P. II, Op. VI, 342.
%) De Stella nova in pede Serpentarii (1606) Cap. XVI: „Mobilia
 quietem quidem loci seu ambientis corporis affectant renitentia
 et quodam quasi pondere (quid ridetis coelestium
inexperti philosophastri, rerum imaginariarum copila
locupletes, verarum egentissimi®), ex quo singulis suae obveniunt
 periodi temporum“ etc, Op. I, 674; vgl. bes. Epitome,
Lib. IV, P. III (Op. VI, 374): „Pondus ergo tribuis planetae? — Dietum
 est in superioribus pro pondere considerandum esse naturalem
 illam et materialem renitentiam seu inertiam ad deserendum
locum semel occupatum“ etc. — Zum Begriff der Trägheit vgl.
ferner Op. III, 305, 459, VI, 167, 174, 181 u. s.
81) Vgl. bes, Op. 1, 303 (s. ob. Anm. 59).
32) S. ob. Anm. 53.
3) Apologia Tychonis contra Ursum Op. I, 248.
3) „Tibi Deus in naturam venit, mihi- natura ad divinitalem
 aspirat.“ Brief an Fabricius, Op. I, 332.

8%) Petri Rami Scholarum Mathematicarum Libri XXXI.
Frankf. a. M. 1627; Lib. III, S. 98.
®%) Harmonice mundi, Lib. I; Op. V, 83.
&amp;amp;r) Windelband, Gesch. der Philosophie, Freib. i. B. 1892.
S. 306. — S. dag, Anmerk, zum Mysterium Cosmographicum (1621),
Op. I, 134: „Omnis numerorum nobilitas, quam praecipue admiratur
 theologia Pythagorica rebusque divinis comparat, est
primitus e geometria. . . Non enim ideo numerabiles fiunt anguli
figurae, quia praecessit conceptus illius numeri, sed ideo sequitur
conceptus numeri, quia res geometricae habent illam multiplicitatem
 in se, existentes ipsae numerus numeratus.“ Vgl. Harmonice
mundi, Op. V, 29, 221, 329, 333 u. Öö. —
8) Harmon. mundi, Lib. I, Op. V, 108 ff., vgl. bes. V, 107: „Cum
enim sit impossibile ejus formalis descriptio, neque igitur
Ssciri potest ‚a mente humana, cum scientiae possibilitatem
praecedat descriptionis possibilitas, neque scitur a mente
ömniscia actu simplici aeterno: quia sua natura ex inscibilibus est.
        <pb n="575" />
        Keßler,

565

Et tamen hujus non entis scientialis sunt aliquae proprietates
 scientiales, tanqguam entia conditionalia“ etc.
8) Copernicus, De revolutionibus orbium coelestium.
Nürnb. 1543. Lib. I, Cap. 1 und 4.
9%) „Uno fasciculo colligare“ — ein Lieblingswort Keplers, s.
Op. IT, 196, II, 173 u. s.
%) Keplers Briefwechsel mit Fabricius ist zuerst von Apelt
als Anhang seiner Schrift über die „Reformation der Sternkunde“
1852) herausgegeben worden; in den Werken jetzt: Op. I, 304 ff.
und II, 61 ff. — Vgl. bes. II, 108 f. und 113: „Haec est genuina
 simplicitas, in ipsis spectata principilis. Ex his tam
pauecis, si Jam multa sequuntur, aequationis pars physica, optica,
distantia, iter ellipticum, tunc ideo ob hos multiplices eventus
negabis principia esse simplicia? Oblitus es igitur Platonici illius:
 eic sv xol xohld,“ (Vgl. hrz. bes. Platons Philebus, 15D ff.)
%) „Regulares esse motus planetarum, id est ordinatos
adque certam et immutabilem legem descriptos, id est
extra controversiam. Hoc enim nisi esset, nulla astronomia esset,
 nec praedici possent motus coelestes .. At nondum concessum
 est etiam in uniuscujusque circuitus partibus diversis motum
 re vera esse aequalem. ÖOritur enim inaequalitas aliqua
motuum ex hoc ipso, quia corpora sunt tam quae moventur, quam
quae motum inferunt et quia sua materia constant, sua quantitate,
 sua figura... et secundum quantitates et figuras
etiam potentia naturali sunt praedita, quae minus potest
in mobile longinquum, quam in propinquum.“ Epitome Lib. IV,
P. III. Op. VI, 370. Vgl. bes. Op. VI, 18; VI, 400 u. s.
9%) Epitome Lib. IV, Op. VI, 337 ff. — Vgl. bes. De Stella Nova
in pede Serpentarii (Op. II, 683) gegen Patrizzi: „Dicet Patricius
ila coelestia non esse similia his terrestribus? Cur igitur disputat,
 ipse homo de Terra, in cujus mente nihil est, quod non {fueeit
 ingressum per sensuum terrestrium portas ?“
%) „Hanc (secundam inaequalitatem planetarum) pertinacissimis
 laboribus tantisper tractavi, ut denique sese naturae legibus
 accomodet, itaque quod hanc attinet, de astronomia sine
hypothesibus constituta gloriari possim.“ Brief vom Mai 1605;
Op. IT, 37.
95) Mvsterium Cosmograph. Op. I, 106, 113, 125.
        <pb n="576" />
        566

Zu Buch IT, Cap. 2.

%) Kepler wendet sich hier wiederum gegen die italienische
Naturphilosophie; insbesondere zielt er, ohne sie indes zu
erwähnen, auf eine Stelle bei Fracastoro. Vgl. „De sympathia
et antipathia, Cap. 3: „Sicut enim in animali partes inter se consensum
 et relationem non parvam habent et in eo certos exposcunt
 situs, ita et in universo, quod proinde ac animal quoddam
 est, partes ejus situs invicem consentientes expostulant,
 alioquin universum ipsum debite constitutum non erit.“
97) Anmerk. zum Myst. Cosmogr. (1621), Cap. XI, Op. I, 138 f.

3. Galilei
%) S. Kepleri Dissertatio cum Nuntio Sidereo nuper ad
mortales misso a Galilaeo Galilaeo (1610), Op. II, 490. — Keplers
Briefwechsel mit Galilei s. Op. II, 454 ff.
%) So wiederholen Kepler wie Galilei den Satz des Alkinous,
der — nach dem Berichte des Rhäticus — der Wahlspruch des
Copernicus war: dei Eheudepiov eivaı tm {VORN Tüv pehhovta YLA000-pziv.
 (Kepler, Op. II, 485; Galilei, Opere, ed, Alberi, XII, 11.) -—
Vgl. ferner zur Uebereinstimmung der Motive Anm. 49 und 1083.
00) S, Kepler, Op. VII, 290.
1) Vgl. die höchst bezeichnende Schilderung, die Paolo Gualdo
 in einem Briefe an Galilei vom 6. Mai 1611 von einer Unterredung
 mit Cremonino, dem berühmten Aristoteliker der Universität
 Padua, entwirft. S. Opere di Galilei, Supplemento, Firenze
 1856, S. 49f. — Ueber Cremonino und sein Verhältnis zu
Galilei s. Favaro, G. G. e lo studio di Padova, Firenze 1883, IL, 36 ff.
2) S, z. B. Gilbert, Philos. nova I, 21, S. 55: „Haec jejuna
rerum animadversio ab illa dimanavit schola, in qua paucissimis
visis, sine rerum usu et experientia de toto absolute decernunt
Änguntque verbosi scioli, priusquam partem aut membrum aliquod
 vere cognoscant.“ — Vgl. ob. bes. Anm. 66.
103) „Da mihi redivivum Aristotelem; ita mihi succedat labor
astronomicus, ut ego ipsi persuadere speraverim. Ita fieri solet,
gypso, dum recens est fusa, quidlibet impresseris; eadem, ubi induruit,
 omnem typum respuit. Sic sententiae, dum ex ore fluunt
philosophorum, facillime corrigi possunt: ubi receptae fuerint a
discipulis quovis lapide magis indurescunt . . Ergo si quis Ari-
        <pb n="577" />
        (ralilei,

567

stotelem doceat succedentibus seculis compluscula nova in coelo
animadversa, libentissime decedet de sententia: at hodie discipuli
Aristotelis non ad rationem, sed ad nudam sententiam respiciantes,
 ex dogmate philosophi, quod is ab experientia
petebat, audent obloqui experientiae“ etc. (Kepler, De Stella nova
in pede Serpentarii, 1606, Op. II, 693f. — Wörtlich übereinstimmend:
 Galilei, Lettere intorno alle macchie solari Opere III,
122 (1612) u. Opere VII, 340f. (Brief vom 15. Sept. 1640). —
1064) Dialogo dei massimi sistemi; Giornata seconda, Op. I,
224 ff.
15) Opere VII, 156f. — Vgl. bes. Discorsi e dimostrazioni
matematiche intorno a due nuove scienze, Giorn. terza, Op. XHI,
154 f. — Vgl. de Portu, Galileis Begriff der Wissenschaft. Dissert.
Marburg 1904, S. 28 f.
106) Vgl]. Galilei an Kepler: Kepler, Op. II, 464.
v7) Discorsi I; Op. XI, 7: „E perche io suppongo la materia
esser inalterabile, cioe sempre l’istessa, € manifesto che
di lei, come di affezione eterna e necessaria, si possono
produr dimostrazioni non meno dell’altre schiette e
yure matematiche.“ Vgl. hrz. de Portu a. a. 0. 5. 47.
vs) Zum Verhältnis Galileis zu Demokrit s. Natorp, Galilei
als Philosoph. Philos. Monatsh. 1882 u. Löwenheim, Der Ein-Auss
 D.’s auf G. Arch. f. Gesch. d. Philos. Bd. VII. (1894).
109) Dialogo, Vierter Tag, Op. I, 497: „Questo 6 quanto io
posso dirvi in questa materia, e quanto per avventura puö comprendersi
 sotlto una nostra cognizione,la quale, come ben
sapete, non si puö aver se non di quelle conclusioni, che
son ferme e costanti.. come quelli che dependono da
gause invariabili, une ed eterne.“
'w) Dialog, Zweiter Tag, I, 174 f.
-u) S. Kepler, Opera I, 122; vgl. V. 260, 351 u. s.
12) Discorsi III, Op. XII, 186.
113) Il Saggiatore; Opere IV, 333 ff. — Zu Galileis Lehre von
der Subjektivität der Sinnesqualitäten und ihr Verhältnis zu Descartes:
 vgl. Natorp, Descartes’ Erkenntnistheorie Cap. VI.
14) „Ne sia chi creda che la lettura degli altissimi concetti,
che sono scritti in quelle carte (del cielo) finisca nel solo veder
10 splendor del Sole e delle Stelle ed il lor nascere ed ascondersi
        <pb n="578" />
        „8

Zu Buch II, Cap, 2.

(che € il termine sin dove penetrano gli occhi de’ bruti e del vulgo),
ma vi son dentro misteri tanti profondi e concetti tanto sublimi,
 che Ile vigilie, le fatiche, e gli studj di cento e cento acutissimi
 ingegni non gli hanno ancora interamente penetrati con
l’investigazioni continuate per migliaia d’anni . . Cosi quello che
il puro senso della vista rappresenta, © come nulla in proporzion
dell’ alte maraviglie, che, merce delle lunghe ed accurate osservazioni,
 l’ingegno degl’intelligenti scorge nel Cielo.“ Op. IL45f
25) Dialog I; Op. I, 48.
126) Vgl. z. B. Postille alle Esereitazioni di Ant. Rocco. Op
IT, 315f.
17) Vgl. z. B. Op. XIL 509 (gegen Vincenzo di Grazia).
28) Vgl. Il Saggiatore Op. IV, 174, 258: Dialog IL, Op. I.
61f. u. s.
119) Vgl. Op. IT, 329: „Giudicate, sig. Rocco, qual dei due modi
di filosofare cammini piü a segno, o il vostro fisico puro e
semplice bene, o il mio condito con qualche spruzzo
di matemaltica; e nell’istesso tempo considerate, chi piü giudiziosamente
 discorreva, o Platone nel dir che senza la matematica
 non si poteva apprender la filosofia, o Aristotile nel toccare
 il medesimo Platone per troppo studioso della geometria.“
S. ferner Dialog I, Op. I, 18; Dial. II. Op. I. 430: Discorsi XII.
134: VII, 283 u. s.
1%) Vgl. z. B. XIL, 298, 382 (gegen Lodovico delle Colombe).
21) Op. XII, 105 u. 387.
122) Saggiatore (Op. IV, 216): „Quella e non altra si debba
propriamente stimar causa, la qual posta segue sempre Vleffetto. e
rimossa si rimuove.“
12) Die Formulierung des Beharrungsgeselzes: s. bes. Dialog
IT (Op. I, 194) u. Discorsi HIT, (Op. XI, 200) (Vgl. das Urteil Machs
(Mechanik, 4 Aufl., Anhang) gegen Wohlwill, die Entdeckung des
Beharrungsgesetzes. Zitschr. f. Völkerpsychol. Bd. XIV ff.)
14) Discorsi IV; Op. XII, 221: „Mobile quoddam super planum
 horizontale projectum mente CONcCipio omni secluso impedimento;
 jam constat . . illius motum aequabilem et perpetuum
 super ipso plano futurum esse, si planum in infinitum extendatur‘“
 etc.
        <pb n="579" />
        Galilei.

569

1255) Vgl. die Darstellung bei Fracastoro, De sympathia et
antipathia, Cap. 4.
126) S. Dialog II, Op. I, 166 f.; vgl. die „Sermones de motu
gravium“, Op. XI, 18. u. s.
7) Fracastoro, De sympathia et antipathia, Cap. II.
6) Ibid, Cap. III und Cap. IX. (S. ob. Anm. 9.) — Das
Urteil von Libri und Lasswitz, die in Fracastoro einen Vorkämpfer
 der neueren Korpuskulartheorien sehen, ist daher
nicht zutreffend; wenngleich er die Anziehung und Abstossung
zwischen unmerklich kleinen Teilchen vor sich gehen lässt, so
steht er doch — wie aus den angeführten Stellen hervorgeht —
noch völlig im Banne der qualitativen und teleologischen Naturerklärung.

129) Vincenzo di Grazia gegen Galilei: „Dovendosi dimostrare
 gli accidenti del proprio e naturale soggetto, nel
Juale eglino naturalmente si ritrovano, fa di mestiero, volendo
assegnar la cagione del movimento al centro e alla circonferenza
‚ il considerarli primieramente negli elementi, dove naturalmente
 si rilrovano, e non insieme in quelli e ne’composti.
Altrimenti non si farebbe la dimostrazione universale, ed errevremmo
 etc.“ (Op. XII, 184.)
139) Lettere intorno alle macchie solari. Op. III, 462. |
ı3ı) Lettere intorno alle macchie solari, Op. III, 383. — Vgl.
Op. III, 374 und VI, 181.
132) Dialog I, Op. I, 116.
3) Vgl. hrz. Della scienza meccanica, Op. XI, 89.
34) Gegen Lodovico delle Colombe, Op. XII 465. — Vgl. hrz.
bes. de Portu, a. a. O0. S. 24 ff.
185) Gegen Vincenzo di Grazia, Op. XI, 513.
36) Prantl, Galilei und Kepler als Logiker (Sitzungsb. d.
Bayr. Akad. d. Wiss. Philos-philol. Klasse 1875. S. 399.)
37) Fracastoro, De sympathia et antipathia, Cap. VI.
38) Discorsi IV, Opere XIII, 240.
‘39) Gegen die Definition der Schwere als „propensione inrinseca“
 s, Discorsi intorno i galleggianti, Op. XII, 85 (vgl. Op.
XI, 29 ff. u. s.).
140) Vgl. Opere XII, 105, 263, 373.
41) Discorsi IV, Op. XIHL 229.
        <pb n="580" />
        70

Zu Buch II, Cap. 2.

12) Dialog II, Op. I, 164.
8) Copernicus, De revolutionibus I, 5.
44) Näheres bei Apelt, Keplers astron. Weltansicht, S. 12.
45) Vgl]. bes. Kepler, De Stella nova, Cap. XXI, Op. II, 687 ff.
16) Opere II, 83—853; vgl. VII, 3532 f.
17) „E vero che non &amp;amp;@ istesso il mostrare che con la mobilta
 della terra e stabilita del sole si salvano Vapparenze, e il
dimostrare che tali ipotesi in natura sien realmente vere, ma &amp;amp;
ben altretanto e pilı vero, che se con l’altro sistema communemente
 ricevuto non si pud rendere ragione di tali apparenze
quello € indubitabilmente falso, siccome € chiaro che questo che
si accomoda benissimo pudo esser vero, ne altra maggior veritä
 si pud e si deve ricercar in una posizione che il risponder
 a tutte le particolari apparenzi (Galilei an Bellarmin
(1615); bei Berti, Copernico e le vicende del sistema copernicano
 in Italia, Roma 1876, S. 130). Galilei entwickelt hier genau
denselben Begriff der (empirischen) Realität, den später Leibniz
fixiert: „Nihil aliud de rebus sensibilibus aut scire possumus, aut
desiderare debemus, quam ut tam inter se, quam cum indubitatis
 rationibus consentiant . .. Alia in illis veritas aut realitas
 frustra expelitur, quam quae hoc Praestat, nec aliud
vel postulare debent Sceptici, vel dogmatici polliceri. (Philos.
Schriften, hg. von Gerhardt, Bd. IV, S. 356.)
18) Dialog II, Op. I, 181. — Vgl. hrz. die Einwände von
Vincenzo di Grazia (Op. XII, 150 und 184), sowie die Schrift Cremoninos,
 auf die Galilei hier ersichtlich Bezug nimmt. (S. die
[olgenden Anmerkungen.)
49) „Sic de situ, quod in medio; de motu, quod manet terra.
 Nobis autem sat fuit pro nostra contemplatione sic percurrere
 Aristotelis dicta. Novimus curiositates astrologicas
recentiorum, a quibus tanquam ad aliam scientiam pertinentibus
 debuimus abstinere.“ Caesaris Cremonini ..
Disputatio de Coelo. Venet. 1613. Sect. II, Cap. II, S. 284. —
Dass diese „andere Wissenschaft“ die Mathematik ist, geht aus
anderen Stellen hervor: s. S. 262 und 286: „Et nos .. non ulterius
 in hac contemplatione, quae secum affert multa Mathematica,
 procedentes, postquam ad rem nostram sufficienter habemus,
nihil ultra contendimus.“ Ueber Cremonino vgl. ob. Anm. 101
        <pb n="581" />
        Galilei, — Die Mathematik,

571

150) A. a. O. Sect. II, Cap. XVI, S. 276.
151) S. z. B. Disputatio de coelo Sect. I, Cap. V, S. 160 ff.
152) Dialog I, Op. I, 19 ff. Vel. bes. S. 20: „Tutti indizj, che
egli ha mira di cambiarci le carte in mano, e di volere accomodar
 l’architettura alla fabbrica e non costruire la
fabbrica conforme ai precetti dell’architettura.“
168) S. Opera VI, 165 f. — Vgl. a. Dialog II: I, 288.
54) Dialog III, Op. I, 355.
155) Vgl. ob. 5. 300. S. a. Copernicus, De revolutionibus 1,
10. „Invenimus igitur sub hac ordinatione admirandam mundi
symmetriam ac certum harmoniae nexum motus et magni-Iudinis
 orbium, qualis alio modo reperiri non potest.“
156) Il saggiatore, Op. IV, 295.
157) Kepler, Opera VII, 174.
158) Dialog I; Op. I, 23.
;559) Campanellas Wort: in einem Briefe an Galilei, der bei
Favaro, G. Galilei e lo studio di Padova, I, 404 f., mitgeteilt ist.
16) Dialog I, Op. I, 41£.
6) Dialog III, Op. I, 440.

1, Die Mathematik.
162) Brief vom Januar 1641; Op. VII, 355. Ebenso: Il Saggiatore
 Op. IV, 171.
168) Harmonices mundi Lib. I, Prooem., Op. V, 81. —
161) S. Kepler an Fabricius (8. XII. 1602): „Collectione igitur
 omnium distantiarum, quae sunt infinitae, habetur
virtutis effusae certo tempore summa“ etc. Op. III, 77; vgl. a.
M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, 2, Aufl.
Bd. II. Lpz. 1900. S. 829f.
165) Stereometria doliorum. Pars I, Theorema II u. XI;
Op- IV, 557f. u. 563.
166) Galilei, Discorsi I; Op. XIII, 25 ff. — Eine ausführliche
Darstellung des geometrischen Paradoxons, des sog. „Rades des
Aristoteles‘, z. B. bei Lasswitz, II, 48f.
167) Discorsi I. Op. XIII, 36 ff.
168) Discorsi I, Op. XIH, 50. — Vgl. bes. Cohen, Das Prinzip
        <pb n="582" />
        37a

Zu Buch IT, Cap, 2.

der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte. Berlin 1883.
S. 45 ff.; 39.
169) S. Opere II, 330f. (Gegen Antonio Rocco); Discorsi I,
Op. XII, 38 u. s.
10) Discorsi I, Op. XHI, 51; s. a. Op. IL 333.
17) Vgl. Dühring, Krit. Gesch. d. allg. Prince. d. Mechanik,
3. Aufl., S. 25 ff.
172) S. Cantor, Gesch. d. Mathematik II, 832, 848 £.
18) Cavalieri, Geometria indivisibilibus continuorum nova
quadam ratione promota. Bononiae 1635. Lib. IL Probl. II.
Propos. II.
174) Cavalieri, Exercitationes geometricae sex. Bonon. 1647.
Exercitat, II, Cap. VIII, S. 202.
15) A. a. O.; Exereit. II, Cap. VII, S. 200.
1%) Zu Robervals Tangentenmethode: s. Gerhardt, Die Entdeckung
 der höheren Analvsis. Halle 1855, S. 39ff. — Cohen.
a. a. O. S. 33.
17) Nähere Ausführungen hierüber in meiner Schrift „Leibniz’
 System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen“,
18) Benedetti, Diversarum speculationum mathematicarum
et physicarum liber, Taurini 1585. — S. Lasswitz, IL. 15.
179) „Logistice numerosa est quae per numeros, Speciosa
quae per species seu rerum formas exhibetur, ut pote per Alphabetica
 elementa‘“. Vieta, Isagoge in artem analyticam Cap. IV
(Opera mathematica, ed. a Schooten, Lugd. Batav. 1646: S. 4.)
180) Vieta, a. a. O. Cap. IM, S. 2£.
181) Vgl. hrz. unten Buch IHM, Cap. 1.
162) Galilei, Discorsi III, Opere XII, 2411.
183) Neper, Mirifici Logarithmorum Canonis descriptio (1614)
vgl. Cantor, a. a. O0. HI, S. 730 u. 740.
14) Kepler, Opera VII, 309 ff.
165) Cantor, a. a. O. II, S. 508. — Ueber die Bezeichnung
der negaliven Zahlen als „absurde Zahlen“ s. II. 449.
        <pb n="583" />
        Zu Buch II, Cap. 3.

Das Copernikanische Weltsystem und die Metaphysik. —
Giordano Bruno.

!') Kepler, Dissertatio cum Nuntio Sidereo: „Cogitet, an
quidquam frustra permittat gentis humanae supremus et providus
ile custos, et quonam ille consilio, veluti prudens promus, hoc
potissimum tempore nobis isthaec operum suorum penetralia
pandat, .. autsi ,. Deus conditor universitatem hominum
veluti quendam succrescentem et paulatim maturescentem
 puerulum successive ab aliis ad alia cognoscenda
 ducit . ..; perpendat igitur et quodammodo respiciat,
quousque progressum sit in cognitione naturae, quantum restet
et quid porro exspectandum sit hominibus.“ Op. IL 502. — Vgl.
a. Op. HI, 462.
ä Gilbert, De magnete VI, 3; S. 216 ff.
?) Galilei, Lettere sulle apparenze lunari Op. III, 130. Vgl.
die charakteristischen Bemerkungen Antonio Roccos (Galilei Op.
II, 221) und Galileis Erwiderung. (II, 293.) — S. ferner Dialog I,
Op. I, 44: „Quanto alla terra, noi cerchiamo di nobilitarla e perfezionarla,
 mentre procuriamo di farla simile ai corpi celesti, e
in certo modo metterla quasi in Cielo, di dove i vostri filosofi
 l’hanno bandita.“ — S a. Dialog I, Op. L 68 u. Dial. IL,
Op. I, 291 f.
% Vgl. hierzu die Akten und Belege bei Berti, Copernico
2 le vicende del sistema Copernicano in Italia. Roma 1876.
5) Galilei an Diodati, 15. Januar 1633, Op. VII, 16 ff. — An
        <pb n="584" />
        574

Zu Buch IT, Cap. 3.

Christine von Lothringen (1615) Op. IL -26 ff., bes. II, 34. — An
Castelli (21. Dez. 1613) Op. II, 6 ff.
6) „Prima (che comandar agli professori di astronomia che
procurino . . di cautelarsi contro alle proprie osservazioni e dimostrazioni)
 bisognerebbe che fusse lor mostrato it modo di
far che le potenze dell’ anima si comandassero l’una all’altra
.. sicche l’liınmaginativa e la volontä potessero e volessero credere
 il contrario di quel che Vintelletto intende.“ — Op. II, 42 f.
7) Giordano Bruno, Summa Terminorum Metaphysicorum
(Jordani Bruni Nolani Opera latine conscripta, Recens. Fiorentino,
 Imbriani, Tallarigo, Tocco, Vitelli. 3 vol. Napoli
 1879—91. Vol. I, Pars 4, S. 103 £)
8) S. De Magia (ca. 1590); Opera lat. IT, 413; vgl. bes. III, 416.
7) De Magia IH, 409 f.
10) Dieser Zusammenhang tritt am deutlichsten in der Schrift
„de Magia“ hervor, wird aber durch die Betrachtung der italienisch
 geschriebenen Hauptwerke Brunos durchaus bestätigt.
Vgl. bes. De la causa, prineipio et uno. (1584.) S. 234 ff. (Le opere
italiane ristampate da Paolo de Lagarde, Götling. 1888.) De
Vinfinito universo e mondi. S. 342. De immenso et innumerabilibus
 Lib. V, Cap. 12. (Opera lat. I, 2, 154.) — Einen Auszug aus
Agrippa v. Nettesheims Schrift „De occulta philosophia“ und anderen
 Werken der Magie hat Bruno selbst verfasst: s. die Schrift
„De magia mathematica“ (1589/90). Zum Problem der „„Weltseele“
s. bes. Op. lat. II, 497. (Vgl. ob. S. 193 f.)
u) La cena de le ceneri (1584): „Credete”. , che sii sensitiva
questa anima? Non solo sensitiva rispose il Nolano ma ancho intellettiva;
 non solo intellettiva come la nostra, ma forse ancho piu.“
(Op. ital. p. 163.) — Vgl. De Vinfinito universo e mondi p. 319 f;
342. 344; De immenso Lib. IV, Cap. XV. Op. lat. I, 280 ff u. 6.
2) De linfinito universo e mondi I; Op. ital. 307 f; s. bes.
308. „La veriti come da un debile principio &amp;amp; da gli sensi in
picciola parte, ma non € nelli sensi . . . (€) ne l’oggetto sensibile
come in um specchio, nella raggione per modo di argumentatione,
 et discorso, nell’intelletto per modo di principio, ö di conclusione,
 nella mente in propria e viva forma.“ — Vgl, bes. De triplici
minimo et mensura (1591) I, 1. Op. lat. I, 3, 137.
18) Vgl. das Urteil über Conpernicus: La cena de le eceneri
        <pb n="585" />
        Giordano Bruno.

575

Op. ital 124 f. u. 127; s. bes. den Eingang des Werkes „de Immenso
et innumerabilibus“ Op. lat. I, 1, 201f. u. De Immenso Lib. III,
Cap. IX (I, 1, 380 ff.)
*) De compositione imaginum (1591) Cap. XII: „Animae potentia
 illa interior et quodammodo spiritualior.. . , individuum
quiddam esse censenda est de genere lucis, ita ut eadem sit lux,
illuminatum et actus rei sensibilis atque formae, differens ab externo
 visu, qui per alienam lucem informatur, quia simul ipsa
iux est atque videns . .. Tandem differt oculi visus a visu interni
 spiritus, quemadmodum speculum videns a speculo non vidente,
 sed tantum repraesentante speculum se ipso illuminatum
et informatum, quodque simul lux est et speculum, et in quo
objectum sensibile cum subijecto sensibili sunt unum “
Op. lat. II, 3, 119.
1) „Haec tota lux magis est praesens, clara et exposita nostrae
intelligentiae, quam externis lux solis exposita possit esse oculis;
haec enim oritur et occidit, neque quoties ad eam convertimur
adest, allera vero non minus nobis praesens est, quam
ipsi nobis, tam praesens est nostrae menti, ut et ipsa sit
mens.“ A. a. O., Praefat, Op. lat. II, 3, 90.
©) Campanella, Metaphysik, P. I, S. 55, vgl. S. 8 u. s. —
S. dagegen Giordano Bruno: Summa terminorum metaphysicorum
 (Op. Jat. I, 4, 32). „Subinde sequitur intellectus, qui ea,
quae ratio discurrendo et argumentando et, ut proprie dicam,
ratiocinando et decurrendo concipit, ipse simplici quodam intuitu
 recipit et habet . , et dicitur intellectio quasi interna lectio
atque si speculum vivum quoddam sit, tum videns, tum in se
ipso habens visibilia, quibus obiicitur vel quae illi objieiuntur.“

'7) De la causa, principio, et uno, Op. ital. 229: Vgl. bes.
De immenso Op. lat. I, 1, 241 f.; 307 u. s.
1) Vgl. De la causa, principio et uno: „L’intelletto universale...
 illumina Vuniverso e indrizza la natura a produre le
sue specie come si conviene, et cossi ha rispetto alla produttione di
cose naturali, come il nostro intelletto alla congrua produttione
di specie rationali.“ Op. ital. 231.
») „Sigillus sigillorum.“ Op. lat. II, 2, 218f.; vgl. bes. II,
2. 164 £f.
        <pb n="586" />
        5376

Zu Buch IT, Cap. 3.

2%) „Ideae sunt causae rerum ante res, idearum vestigia sunt
ipsae res seu quae in rebus, idearum umbrae sunt ab ipsis rebus
seu post res, quae tanto minori ratione esse dicuntur, quam res
ipsae, quae a naturae gremio proficiscuntur, quanto res ipsae
quam mens, idea atque principium effectivum, supernaturale,
substantificum, superessentiale.‘“ De compositione imaginum,
Lib. I, Cap. 1; Op. lat. II, 3, 94f£., vgl. II, 3, S. 97, 98, 101.
2?) „Camoeracensis Acrotismus seu rationes articulorum
Physicorum adversus Peripateticos Parisiis propositorum“ (1588):
Artic. XXI: „Non enim plus debet habere imaginatio naturalis, vel
naturaliter posse debet, quam natura: quinimo quid aliud crediderim
 esse imaginativam potentiam, praeterquam naturae umbram
 aemulatricem?“ Op. lat. I, 1, 117.
2) S. z. B. Summa terminorum Metaphysicorum (Op. lat. I,
1 85; Camoeracensis Acrotismus Art. XXI u. ö.
28) „De vinculis in genere“ (1591) Op. lat. III, 693 ff. —
2%) De compositione imaginum. Op. lat. II, 3, 198.
25) „De gl’heroici furori“ (1585), Op. ital. 700 f. — Zum Ganzen
„Heroici furori“, Op. it. 643, 646, 655 ff., 672. 695 u. s.
26) A. a. O. p. 659 ff.
27) „Sigillus sigillorum“, Op. lat. II, 2, 176: „Sensus in se sentit
 tantum, in imaginatione persentit etiam se sentire; sensus quoque,
 qui jam quaedam imaginatio est, imaginatur in se, in ratione
imaginari se percipit, sensus, qui jam ratio est, in se argumentatur,
 in intellectu animadvertit se argumentari; sensus, qui est jJam
intellectus, in se intelligit, in divina autem mente intelligentiam
suam intuetur ..“
28) S. Heroici furori; Op. ital. 650.
29) „Quod igitur imaginatio quidlibet infinitam ad molem
persequitur, non fallitur: sed altius naturam imitatur et ad veritatem
 appellit, quam sensus, ad veritatem inquam primi intellectus,
 qui non potest intelligere, nisi unum, neque potest intelligere,
nisi infinitum.“ Camoeracensis Acrotismus Art. XXI. On. lat. I.
1, 119.
30) Zum Ganzen s. De minimo Op. lat. I, 3, 191 ff. — bes.
S. 194: „Stupidi est discursus velle sensibilia ad eandem
conditionem cognitionis revocare, in qua ratiocinabilia
et intelligibilia cernuntur. Sensibilia quippe vera sunt non
        <pb n="587" />
        Giordano Bruno.

577

juxta communem aliquam et universalem mensuram, sed juxta
homogeneam, particularem, propriam, mutabilem atque variabilem
 mensuram. De sensibilibus ergo, qua sensibilia sunt,
universaliter velle definire, in aequo est atque de intelligibilibus
 vice versa sensibiliter.“ ;
31) Vgl. die Ausführungen über die „Relativität“ der sinnlichen
 Erkenntnis, a. a. O. p. 192f.
32) Der Widerspruch, der besonders deutlich hervortritt,
wenn man sich nicht auf die bekannten italienischen Hauptwerke
Brunos beschränkt, sondern das Ganze seiner Schriften überblickt,
 ist insbesondere von Tocco in seiner eingehenden und
gründlichen Untersuchung der lateinischen Schriften betont worden.
 (Le opere latine di G. B. esposte e confrontate con le italiane,
 Firenze 1889, bes. p. 337 ff., 352, 357 ft., 373 ff.) Tocco hat
indes die vielfachen vermittelnden Züge, die hier trotzdem vorhanden
 sind, zu stark zurücktreten lassen: Vermittlungen, die
schon im Neuplatonismus angelegt sind, bei Bruno und der Naturphilosophie
 aber durch die erneute Tendenz zu empirischer
Forschung und Beobachtung verstärkte Kraft und Bedeutung gewinnen.
 (Vgl. a. ob. S. 191 f.)
33) „Sicut enim nullus color est actu sine luce, licet alius
magis, alius minus explicet sese, ita nihil sine intellectus participatione
 quoquo pacto cognoscit; illam enim pro rerum diversitate
 et multitudine specierum in omnia quadam analogica progressione
 descendere dicimus, sensum vero ascendere, imaginationem
 quoque hinc, rationem autem inde descendere pariter et
ascendere, ita ut eadem virtus et cognoscendi principium
idem a diversis functionum et mediorum differentiis
diversas recipiat nomeneclaturas .... Ex quibus demonstrative
 concludi potest, quod si in sensu sit participatio
intellectus, sensus erit intellectus ipse.“ Sigillus sigillorum,
 Op. lat. IL, 2, 175f. Vgl. II, 2, 177 f.; 179f.; vgl. bes. Summa
 terminorum metaphysicorum, Op. lat. I, 4, 106 ff.; Lampas
tıriginta statuorum, Op. lat. III, 52 £ und 58 u. s.
%) De umbris idearum (1582), Op. lat. II, 1, 47: „Talem quidem
 progressum tunc te vere facere comperies et experieris, cum
a confusa pluralitate ad distinctam unitatem per te fiat
accessio: id enim non est universalia logica conflare,
a7
        <pb n="588" />
        373

Zu Buch IT, Cap. 3.

quae ex distinctis infimis speciebus confusas medias
exque iis confusiores supremas captant; sed quasi ex informibus
 partibus et pluribus formatum totum et unum aptare
sibi.“ — Zu vergleichen: Libri Physicorum Aristotelis explanati
Op. III, 269 (mit Beziehung auf Aristoteles, Physik I, 1.)
3) De minimo II, 2. Op. lat. 1, 3, 189f.
%) S. „Summa terminorum metaphysicorum“ Op. lat. I, 4.
32. (ob. Anm. 16.)
37) Cf. Sigillus sigillorum Op. II, 2, 216: „Qui intelligit, aut
unum aut nihil intelligit.“ Vgl. De ]a causa, prineipio et uno
Op. ital. p. 284 f.
3) Sigillus sigillorum Op. lat. II, 2, 172.
3) S. hierz. De compositione imaginum Op, lat. II, 3, 90f.:
„Illi sublimi rationi similes essemus, si nostrae speciei substantiam
 cernere possemus; ut noster Oculus se ipsum cerneret,
 mens nostra se complectereiur ipsam . . Atqui compositorum
 corporeorumque hoc non patitur materia, ejus enim substantia
 in motu et quantitate versatur, etiamsi per se neque mobilis
neque quanta sit... Hoc est, quod non in simplicitate quadam,
statu et unitate, sed in compositione, collatione, terminorum pluralitate,
 mediante discursu atque reflexione comprehendimus.“
Vgl. De la causa (Op. ital. 282): „E quello che fa la moltiltudine
nelle cose, non € lo ente, non © la cosa: ma quel che appare.
che si rappresenta al senso ed 6 nella superficie della cosa“

IL
4) De la causa, Op. ital. 242; Lampas triginta statuarum
Op. lat. IIL, 57; De magia Op. lat. III, 410f, u. 6.
41) S. bes. De la causa, Op. ital. 257 f,
2) De la causa, Op. ital. 232; zur Analogie mit der künstlerischen
 Tätigkeit vgl. bes. a. a. O. p. 248£.
18) A. a. O. p. 271 ff; vgl. bes. 273.
») A. a. O. p. 269.
1) Gegen die bloss „logische“ Trennung von Materie und
Form bei Aristoteles (vgl. ob. S. 196 ff.) s. „Acrotismus Camoera-
        <pb n="589" />
        Giordano Bruno.

579

censis“ Op. lat. I, 1, 102 u. 105; De immenso Lib. VIII, Cap. 9.
Op. lat. I, 2, 311 u. s.
46) Ueber Parmenides u. Xenophanes s. De la causa p. 207,
261, 281; Acrotismus Op. lat. I, 1. 96f:; Sigillus sigillorum Op.
lat. H, 2, 180 u. 6.
7) „La materia la qual sempre rimane medesima e feconda,
deve aver la principal prerogativa d’esser conosciuta
sol principio substantiale e quello che &amp;amp;, e che sempre rimane.“
 De la causa, p. 253. — Zum Ganzen s. 238, 251, 274 u. 6.
18) A. a. O. p. 250f: „Come alchune cose non possono essere
evidenti se non con le mani e il toccare, altre se non con l’udito,
altre non, eccetio che con il gusto, altre non eccetto che con gli
jcchi: cosi questa materia di cose naturali non puo
essere evidente se non con l’intelletto.“ Vgl. bes. 249, Z. 16
a. 250, Z. 15—17.
‘*%) Acrotismus Camoeracensis, Ariticulus I: De subjecto scientiae
 naturalis Op. lat, I, 1, 83 ff. — vgl. bes. 88: „Intelligibile
aimirum non est naturale ullum, imo naturale intelligibile nihil
aliud esse constat, quam ipsam naturam, ipsaque est quod tandem
&amp;gt;x naturalibus intelligibile resultat.“
©) „Natura estque nihil, nisi virtus insita rebus.
Et lex,qua peragunt proprium cuncta entia cursum.“
De Immenso Lib. VIII, Cap. IX. Op. lat. I. 2, 310.

(I.
5) „Certe ipsa universa natura, seu substantia scientificae . .
objieitur contemplationi . ,. non hoc coelum, non haecastra,
non aliquid certe tale, quod haud quidem scibilis, sed sensibilis
 opinabilisve sibi vindicat rationem.“ Acrotismus, I, 1. 84.
») A. a. O. p. 88.
») „Quod est per se sensibile, ne per aceidens quidem potest
esse intelligibile, quod. est per se particulare et mobile, nec per
accidens potest esse universale et immobile.“ A, a. O. p. 88.
5) A. a. O. p. 84.
5) „Articuli centum et sexaginta adversus hujus tempestatis
RZ
        <pb n="590" />
        580

Zu Buch IT, Cap. 3.

Mathematicos atque Philosophos.“ (1588.) Articul. 125; Op. lat.
I, 3,66. — Cf. I, 3, 21: „Ignorantia minimi facit geometras huius
saeculi esse geametras et philosophos esse philasophos.“ S. 22:
„Geometra et physicus ille, qui minimum dari non intelligit ...
cum sine mensura metiatur semper, neccessario mentitur
ubique.“
») De triplici minimo et mensura III, 2. — Op. lat. I, 3, 240.
57) De minimo II, 8; p. 219f. „Ea omnia mathematice
atque percommode ad sensum fieri concedimus, ad rationem
vero naturae minime unquam.“
58) Danach ist die Darstellung Toccos (a. a. O. S. 377), nach
der die Schrift „De minimo“ die Grundzüge einer sensualistischen
 Erkenntnislehre enthalten soll, zu berichtigen. Auch die
Scheidung zwischen Intellekt und Sinnlichkeit, die hier vollzogen
wird, lässt den Satz, dass das absolute Sein sich allein dem
reinen Gedanken erschliesst, unberührt. (S. ob. S. 352).
59) Ich verweise hierfür auf die vortreffliche und eingehende
Darstellung von Lasswitz, Atomistik I, 359 ff.
6) De minimo II, 5, S. 205; II, 12, S. 267. — Cf. De immenso
III, 7. Op. lat. I, 1, 371; Articuli adversos Mathematicos Op
lat. I, 3, 60 u. 6.
51) De minimo I, 7; S. 160.
62) A. a. O., S. 161: „Itaque definias minimum, quod ita est
pars, ut ejus nulla sit pars vel simplieiter, vel secundum genus.
Definias terminum, cujus ita non est aliqua pars, ut neque sit
ipse aliqua pars, sed est, quo extremum ab extremo attingitur,
vel quo pars partem, vel totum attingit totum “
63) De min. I, 10; p. 173. —
%) „Minimum et terminus non sunt in eodem genere quanta.“
 De min. I, 13, S. 180.
65) De min. I, 11, S. 176.
6%) De min. I, 10, S. 223; vgl. Articuli adversus Mathematicos
 Op. lat. I, 3, 23: „Minima invicem penetrare cum nequeantvacuum
 esse tum physice, tum geometrice indicabunt.“
67) De min. II, 13, S. 227.
%) De min. I, 11, S. 176; IL, 5, S. 205.
9) „Nunc ergo indiscrete dicunt magnitudinem non componi
 ex minimis . , quod tum naturae Componenti praejudi
        <pb n="591" />
        Giordano Bruno.

581

cat, tanquam non illi sit aliquid primum, ex quo magnitudines
coalescant, tum arti, quam nihil possimus vel imaginari nisi
quadam prima parte supposita mensurantem.“ De min. I, 7,
Ss. 158f
%) Um Leibniz’ Abhängigkeit von Bruno zu erweisen, beruft
sich Brunnhofer vor allem auf die Uebereinstimmung in den
metaphysischen Formeln beider Systeme. „Der Inhalt der philosophischen
 Ideen ist sich von Thales bis auf Hegel im grossen
und ganzen gleich geblieben, nur die Form oder die Formeln;
in welcher dieselben vorgetragen worden sind, hat die reichste
Mannigfaltigkeit ihrer Nüancierung erfahren. Aber gerade
diese Formeln machen in ihrer geschichtlichen Aufeinanderfolge
 die wahre Geschichte der Philosophie
aus“! (Giordano Brunos Lehre vom Kleinsten als die Quelle der
praestabilierten Harmonie von Leibniz.  Lpz. 1890. S. 9.): Man
begreift, wie Brunnhofer von diesem Standpunkt aus darauf verzichten
 durfte, auf den sachlichen Sinn der einzelnen Leibnizischen
Grundbegriffe und ihren systematischen Zusammenhang überhaupt
 einzugehen. Uebrigens kann man zugeben, dass auch Untersuchungen
 über die Sprachentwicklung der Philosophie,
falls sie sich nicht an die Stelle der sachlichen Erkenntnis setzen
wollen, ihren Wert und ihre relative Bedeutung haben. Nur
müssen sie alsdann nicht zwei vereinzelte Phasen herausgreifen
und einander gegenüberstellen, sondern dem stetigen Gang der
geschichtlichen Entwicklung folgen und auf die Entdeckung der
mannigfaltigen historischen Zwischenstufen gerichtet sein. Gerade
 dies aber hat Brunnhofers Darstellung durchweg versäumt; es
ist ihr daher begegnet, Wendungen, die das sprachliche und geistige
Gemeingut der ganzen Epoche der Renaissance sind, auf Bruno
als ihren einzigen Urheber zurückzuführen. Dass z. B. das Universum
 das Bildnis und „Symbol“ der Gottheit und daher der
Quell der wahren Gotteserkenntnis ist, ist ein Gedanke, der zum
mindesten seit Raymund von Sabunde beständig wiederkehrt, der
von Skeptikern, wie Sanchez und Montaigne bekämpft, von Metaphysikern,
 wie Marsilius Ficinus und Campanella, in immer
neuen Wendungen verfochten und behauptet wird. (S. ob. S. 166 f.,
vgl. bes. den Kommentar des Marsilius Ficinus zu Dionysius
Areopagita „De trinitate“ Opera II, S. 7). Wird weiterhin das In-
        <pb n="592" />
        382

Zu Buch IT, Cap. 3.

dividuum ein „Spiegel der Welt“ genannt, so gibt auch dieser Ausdruck,
 der uns z. B. bei Bovillus und Paracelsus begegnet ist,
nur die allgemeine Anschauung der Zeit vom Verhältnis des
Mikrokosmos zum Makrokosmos wieder. (Vgl. ob. S. 84 f., 199.)
Auch Brunos Satz, dass die veränderlichen Dinge blosse Schattenbilder
 ohne Wesenheit und Wahrheit sind, die an das absolute
substantielle Sein nicht heranreichen, enthält nur die Wiederholung
 der bekannten Platonischen und Neuplatonischen Grundansicht.
 Wenn Brunnhofer ihn als Beweis anführt, dass Leibniz die
Lehre von der Phaenomenalität der Sinnenwelt aus Bruno
geschöpft hat, so verkennt er hierin vollständig den neuen und
originalen Sinn, den Leibniz der „Erscheinung“ gibt, sofern er
sie zum Gegenstand notwendiger und allgemeingültiger
Erkenntnis macht. (Näheres hierüber in meiner Schrift „Leibniz’
 System“ S. 364 ff.) Nicht minder ist der Erweis, dass Leibniz
den Ausdruck und den Gedanken der Weltharmonie von Bruno
entlehnt hat, verfehlt: denn wenn Bruno „die Gesetzmässigkeit des
Alls einer Symphonie vergleicht, deren scheinbar einander widersprechendste
 Dissonanzen . . zur höchsten Tonharmonie hinübergeleitet
 werden“, wenn er weiterhin in den Uebeln der Welt nur
Schatten sieht, die zur Erhöhung des’ Ganzen des Gesamtgemäldes
notwendig sind, so sind alle diese Wendungen von der antiken,
insbesondere der Neuplatonischen Theodicee her, bekannt. (Vgl.
z. B. Plotin, Ennead. III, 2 u. s.) Ueberhaupt hat der Begriff der
„Weltharmonie“, wie man z. B. aus Keplers „Harmonice mundi“
 lernen kann, eine reiche und weitverzweigte Geschichte. — Aus
all diesen Beispielen, die sich noch vermehren liessen, ersicht
man, wie irreführend und gefährlich es ist, bloss äussere Kriterien
 zum gültigen Massstab für die Beurteilung innerer gedanklicher
 Zusammenhänge zu machen. Die Uebereinstimmung zwischen
 Leibniz und Bruno erklärt sich zumeist aus den gemeinsamen
 Beziehungen zu den Grundgedanken der italienischen Naiurphilosophie,
 die ihrerseits wiederum auf Nikolaus Cusanus
zurückgehen. Ist doch der Begriff des „Minimums“ selbst nicht
das ausschliessliche Eigentum Brunos, sondern wird gleichzeitig
 von Patrizzi zur Grundlegung der Mathematik verwandt.
(S. ob, S. 237 ff.)
7) De minimo II, 8, S. 221. — Vgl. Articuli adv. Math. Op.
        <pb n="593" />
        Giordano Bruno.

583

lat. I, 3, 22f.: „Errat ratio cum in infinitum resolvendo abit.
Certe enim naturam non persequitur, nec ideo credat naturam
attingere, exaequare vel praetergredi dividendo, sed, si falli nolit,
 sciat se extra naturam phantastice evagari.“ (Man halte hiergegen
 die Sätze, die in Anm. 21 und 29 angeführt sind.)
7) De minimo (Ende des ersten Buches), S. 186. — Vgl. besonders
 die Aeusserungen Patrizzis (ob. S. 239). — Die Uebereinstimmung
 mit Patrizzi, dessen „Nova philosophia“ im selben Jahre
wie die Schrift „De minimo“ erscheint, könnte man darauf zurückzuführen
 suchen, dass Patrizzi Brunos „Articuli adversus Mathematicos“
 gekannt und benutzt habe: doch weist seine Darstellung
 bei aller Aehnlichkeit der logischen Grundtendenz in der
speziellen mathematischen Ausführung so viele eigenartige Züge
auf, dass diese Erklärung nicht ausreicht. Man wird daher anaehmen
 müssen, dass es sich bei beiden Denkern um eine relativ
 selbständige Fort- und Umbildung Cusanischer Gedanken handelt.
 Das Verhältnis Brunos zu Patrizzi ist übrigens eigentümlich
verwickelt und würde eine besondere geschichtliche Untersuchung
verdienen: so hat Fiorentino nachgewiesen, dass Bruno, so
verächtlich er über Patrizzis „Discussiones peripateticae“ urteilt,
 in wichtigen Hauptsätzen dennoch mit diesem Werke überzinkommt.
 Auch hier braucht man indes keine Entlehnung anzunehmen,
 sondern kann Brunos wie Patrizzis Sätze als notwendige
 sachliche Folgerungen aus Prämissen, die der gesamten Naturphilosophie
 gemeinsam sind, verstehen.
7) Sigillus sigillorum, Op. lat. 1I, 2, 197.
%) S. die Schriften „De magia“, „Theses de magia“ und „De
magia mathematica“ im dritten Bande der lateinischen Schriften.
Vgl. bes. III, 400 f., 455 f.
%5) Vgl. La cena delle ceneri, Op. ital. 184.
        <pb n="594" />
        Zu Buch II, Cap. 1.
Descartes.

') Campahnella, Metaphysik Pars TI, S. 331.
?) Descartes, Regulae ad directionem ingenii IV, (Opuscula
Posthuma Physica et Mathematica. Amstelodami 1701) S. 9.
3) Im Folgenden benutze ich die Ergebnisse meiner Untersuchung:
 „Descartes’ Kritik der mathematischen und naturwissenschaftlichen
 Erkenntnis“, die als Dissertation i.J, 1899 und seither
als Einleitung zu meiner Schrift „Leibniz’ System“ erschienen ist.
Ich versuche indes, den methodischen Einheitsgedanken Descartes’
 genauer bis in seine speziellen Anwendungen hinein zu verfolgen
 und ihn von dem metaphysischen Grundmotiv derSystembildung
 schärfer und klarer abzugrenzen. Zugleich gehe ich,
wie es dem Plane der vorliegenden Schrift entspricht, vor allem
auf die geschichtlichen Beziehungen ein, die Descartes mit den
philosophischen Vorgängern und mit der zeitgenössischen Wissenschaft
 verknüpfen, während in der früheren Arbeit die Betrachtung
 sich vor allem auf diejenigen Probleme richtete, die
für die künftige Gestaltung der Philosophie durch Leibniz einen
Hinweis und einen Ansatzpunkt darbieten.
14) Regulae ad directionem ingenli, I u. VIII. — S. bes. Reg. VII
S. 24: „Neque res ardua aut difficilis videri debet ejus quod in
nobis ipsis sentimus ingenii limites definire, cum saepe
de illis etiam, quae extra nos sunt et valde aliena, non dubitemus
judicare. Neque immensum est opus res omnes in hac
universitate contentas cogitatione velle complecti, ut,
quomodo singulae mentis nostrae examini subjectae sint, agnos-
        <pb n="595" />
        Descartes.

5385

zamus: nihil enim tam multiplex esse potest et dispersum, quod
per illam, de qua egimus, enumerationem certis limitibus cirzumseribi
 atque in aliquot capita disponi non possit.“
» Vgl. ob. S. 355, s. Buch II, Cap. 3, Anm. 39..
5 S. den charakteristischen Einwand Gassendis: „Cum ad
notitiam alicujus rei eliciendam necesse sit rem agere in facultatem
 cognoscentem, immittere nempe in illam sui
speciem, sive sui specie illam informare: perspicuum videtur.
ipsam facultatem, cum extra seipsam non sit, non posse illam
zui speciem in seipsam transmittere neque sui notitiam Consequenter
 elicere, sive, quod idem est, percipere se ipsam.“ (Meditationes
 de prima philosophia: Objectiones quintae, Amstelod,
1670, S. 23 f.) Vgl. die Erwiderung Descartes’: Responsiones VS. 66.
7} Reg. VIII, S. 23; Meditationes II u. s.
3) S. Cartesii Cogitationes privatae (Oeuvres inedites de Descartes
 publ. par Foucher de Careil, Paris 1859, S. 8). — Zur Bestimmung
 des Datums s. Kuno Fischer. Gesch. der neueren
Dhilosophie“4* I, 174{f.
9) Der eingehende Beweis hierfür findet sich bei Liard,
Descartes, Paris 1882, S. 92 ff.
1) Wenn Descartes in seinen Briefen wiederholt hervorhebt,
dass er die Prinzipien seiner Physik nicht zu begründen vermöge,
 ohne auf die Grundzüge seiner Metaphysik zurückzugehen,
so bezieht sich dies nicht auf die inhaltliche Bestimmung dieser
Prinzipien, also nicht auf den Satz, dass alle Naturerscheinungen
auf Grösse, Gestalt und Bewegung zurückzuführen sind. Der Metaphysik
 bedarf er vielmehr, um diesen Begriffen, die aus der
reinen Mathematik stammen, ihre Anwendung auf die Existenz
zu sichern, um also die „Harmonie“ zwischen den klaren und
deutlichen Verstandes-Ideen und der absoluten Wirklichkeit nachzuweisen.
 (S. weit. unten: $ ID).
1) Discours de la methode II, Oeüvres VI, S. 17ff. (Ich zitiere
 die Werke Descartes’ nach der mustergültigen Ausgabe von
Charles Adam und Paul Tannery, Paris 1897 ff., soweit sie bis
jetzt (1904) in dieser Ausgabe erschienen sind.) — Vel. Regulae
WV, S. 11£.
2) S. Trendelenburg, Geschichte der Kategorienlehre.
Berlin 1846.
        <pb n="596" />
        586

Zu Buch IIT, Cap. I.

3) Vgl. hierzu noch Regulae X, S. 30.
“) Reg. V, S. 14f.: „Monet (haec regula) res omnes per quasdam
 series posse disponi, non quidem in quantum ad aliquod
 genus entis referuntur, sicut illas Philosophi in
categorias suas diviserunt, sed in quantum unaeex aliis
cognosci possunt... Item . . ut melius intelligatur nos hic
rerum cognoscendarum series, non uniuscujusque naturam spectare,
 de industria causam et aequale inter absoluta numeravimus,
 quamvis eorum natura sit vere respectiva: nam apud Philosophos
 causa et effectus sunt correlativa. Hic vero si quaeramus,
qualis sit effectus, oportet prius causam cognoscere et non contra;
 aequalia etiam invicem sibi correspondent, sed quae inaequalia
 sunt, non agnoscimus nisi per comparationem ad aequalia,
 et non contra“ ete.
15) Gegen die Definition vermittelst der „degres metaphysiques“
 s. bes, die Schrift: „Recherche de la verite par la lumiere
naturelle“.
1) S. „Responsiones ad secundas Obijectiones“ (Meditationes.
Amstelod, 1670, S. 82 f.).
1”) Regulae XII, S. 44. — Zum Folgenden s, „Descartes’ Kritik
 der mathematischen und natırwissenschaftlichen Erkenntnis“.
S. 5 ff.
1) Val. ob. S. 254f. und 299; s. Descartes: Epistola ad
Voetium, Pars VIHN (Ausg. Amstelod. 1670, S. 75).
18) Reg. IV, S. 10£.
20) A. a. O. 5. 10. — Zum Folgenden vgl. „Descartes’ Kritik“,
S. 9m S. a. Gibson, La „geomelrie“ de Descartes au point
de vue de sa methode. (Festnummer der „Revue de Metaphysique
 et de Morale“ zum dreihundertjährigen Geburtstag Descartes’.)
 Juli 1896.
2%) Brief an Mersenne (1637?). Correspondance ed. Adam-Tannery
 TI, 478.
22) S. Reg. XIV, S. 54 ff.
23) Aa. 0.58. 56: „Sciendum etiam magnitudines continuas
beneficio unitatis assumptitiae posse totas interdum ad multitudinem
 reduci et semper saltem ex parte, atque multitudinem unitatum
 posse postea tali ordine disnooni, ut difficultas, quae ad
mensurae cognitionem pertineat, tandem a solius ordinis insnec-
        <pb n="597" />
        Descartes.

587

tHione dependeat maximumque in. hoc progressu esse artis adjunentum.“

2) S. „Le monde“, Oeüvr. (ed. V. Cousin) IV, 255.
%) „Notandum est primo res omnes €0 sensu, quo ad nostrum
propositum utiles esse possunt, ubi non illarum naturas solitarias
 spectamus, sed illas inter se comparamus, ut
unae ex aliis cognoscantur, dici nosse vel absolutas vel respectivas.“
 Reg. VI, S.: 14.
2%) „Omnis omnino cognitio, quae non habetur per simplicem
et purum unius rei solitariae intuitum, habetur per comparationem
 duorum aut plurium inter se. Et quidem tota
fere rationis humanae industria in hac operatione praeparanda
 consistit.. Notandumque est, comparationes dici tantum
 simplices, quoties quaesitum et datum aequaliter participant
 quandam naturam .. notandum est deinde, nihil ad
istam aequalitatem reduci posse, nisi quod recipit majus et minus,
 atque illud omne per magnitudinis vocabulum comprehendi
. Ut vero aliquid etiam tunc imaginemur, nec intellectu puro
utamur .. notandum est denique, nihil dici de magnitudinibus
in genere, quod non etiam ad quamlibet in specie possit referri.
Ex quibus facile concluditur, non parum profuturum, si transferamus
 illa, quae de magnitudinibus in genere dici intelligemus,
ad illam magnitudinis speciem, quae omnium facillime et distinctissime
 in imaginatione nostra pingetur. Hanc vero esse extensionem
 corporis abstractam ab omnia alio, quam quod sit figurata
 ... per se est evidens, cum in nullo alio subjecto
distinctius omnes proportionum differentiae exhibeantur:
 quamvis enim una res dici possit magis vel minus alba,
quam altera ... non tamen exacte definire possumus,
atrum talis excessus consistat in proportione dupla vel tripla,
aisi per analogiam quandam ad extensionem corporis
figurati. Maneat ergo ratum et fixum, quaestiones perfecte
 determinatas ... facile posse. et debere ab omni
alio subjecto separari, ac deinde transferri ad extensionem
 et figuras, de quibus solis idcirco deinceps ...
omissa omni alia cogitatione tractabimus.“ Reg. XIV.
Ss. 491.
25) Cum enim hic nullius novi entis cognitionem ex-
        <pb n="598" />
        388

Zu Buch IIT, Cap. I.

pectemus, sed velimus dumtaxat proportiones quantumecumque
involutas eo reducere, ut illud, quod est ignotum, aequale cuidam
cognito reperiatur, certum est omnes proportionum differentias,
 quaecumque in aliis subjectis existunt, etiam
inter duas vel plures extensiones posse inveniri etc.“ Reg.
XIV, S. 54.
2%) Brief Descartes’ an Morin vom 12. September 1638 (Correspond.
 II, 367 f.).
2%) Reg. XII, S. 36.
%) „Quid igitur sequetur incommodi, si caventes, ne aliquod
 novum ens inutiliter admittamus et temere fingamus,
 non negemus quidem de colore quicquid aliis placuerit,
sed tantum abstrahamus ab omni alio, quam quod habeat
figurae naturam, ., cum figurarum infinitam multitudinem
 omnibus rerum sensibilium differentiis exprimendis
 sufficere sit certum.“ Reg. XIL S. 34.
31) Reg. XII, S. 42.
3) „Notae in programma quoddam etc.“ (Meditat.; Amstelod
1670, S, 185.)
38) S. den Schluss der zweiten Meditation.
31) Brief Descartes’ an die Pfalzgräfin Elisabeth (21. Mai 1643)
Corresp. III, 665.
35) Meditat. V. [Zusatz der französ. Ausgabe: s. hierüber die
deutsche Ausgabe der „Meditationen“ von Buchenau (Philos.
Bibl. 27) S. 247.]
36) Brief an Clerselier, Meditat. S. 145, 147; Responsiones V,
S. 73; Brief an den P. Gibieuf (19. I. 1642) Corresp. III, 476ft.;
Brief an Henry More (5. II 1649) Corresp. V, 274: Respons. VII.
S 119

87) Tractatus de Mechanica (Opusc. posthuma. Amstelod.
1701) S. 13; — vgl. Correspond. I, 435ff.
38) An Mersenne (15. XI. 1638) Corresp. II, 432f.
3) S. Cartesii „Cogitationes privatae“ (Foucher de Careil
S. 161ff.) — Brief an Mersenne vom 13. XI. 1629. Corresp. I, 71ff.
Vgl. die Bemerkungen Tannerys: Corr. I, 75.
0) S. den Briefwechsel zwischen Descartes und Henry More
        <pb n="599" />
        Descartes.

589

im fünften Bande der. „Correspondance“. — Ueber Henry Mores
spiritualistische Raumtheorie s. Bd. II.
41) S. den Brief Mersennes an Descartes vom 28. IV. 1638 u.
Descartes’ Antwort vom 27. V, 16838. — Corresp. ILL, 117 u. 138.
42) Zum Ganzen s. „Descartes’ Kritik“ S. 28f. — Ueber den
‚Massenbegriff“ bei Descartes s. S. 53ff.
4) Cartesii Cogitationes privatae. Foucher de Careil S. 4.
4) Vgl. hrz. Berthet, La methode de D. avant le Discours
(Descartes-Heft der Revue de Metaph. et de Mor.) S. 3991. — Den
Gegensatz, den B. zwischen der Erfahrungslehre der „Regeln“ und
derjenigen der späteren Schriften annimmt, vermag ich jedoch
— wie im Text näher ausgeführt wird — nicht anzuerkennen,
45) Vgl. hierzu die Correspondenz Descartes’ aus den Jahren
1629 u. 1630; bes. Corresp. I, 22f. I, 70 u. s.
46) Regulae II III, IV bes. S. 8f.
7) Reg. XIV. S. 49.
48) Dioptrik, I (Oeüvr. VI, 83.); Correspond. IV, 689 u. s.
9) Reg. V., S. 13.
5) Reg. VIII, S. 21f. (Vgl. hierzu und zum Folgenden: „Descartes’
 Kritik“, S. 70—75.)
51) „Les Meteores“ Discours VIII (Oeuvr. VI, 325ff.) — Vgl.
Liard, Descartes S. 30 und die Bemerkung von Poisson. die dort
zitiert ist.
52) Reg. VIII, S. 21 u. 25.
3) Reg. VII, S. 18f.
5) S. hierzu wie allgemein zu Descartes’ Erfahrungsbegriff
Natorp, Descartes’ Erkenntnistheorie, Marb. 1882, 5. 8ff.; 110. :
ferner Liard, a. a. O. Livr. I, chap. 4.
5) Le monde, Cap. VI u. VII; Discours de la Methode, V®
partie, Oeuvr. VI, 41£.,, 45.
56) An Mersenne (10. V. 1632), Corresp. I, 251.
5) „Principia philosophiae‘“ III, 4.
3) An Henry More (5. II 1649), Corresp. V, 275.
5) „Pour la Physique, je croirois n’y rien savoir, si je ne
savois que dire, comment les choses peuvent &amp;amp;tre, sans demontrer
quw'elles ne peuvent &amp;amp;tre autrement, car l’ayant reduite aux
Lois de mathematique, c'est chose possible.“ An Mersenne
(11. IL. 1640), Corr. II, 39.
        <pb n="600" />
        390

Zt Buch II!, Cap. I.

6%) Discours de la methode VI (Oeuvr. VI, 76ff.); An Morin
(13. VII. 16388), Corresp. II, 197£f.
$) Huyghens, Abhandlung über das Licht, herausg. und
übers. von E. Lommel, Lpz. 1890, S. 4.
6) Principia philosophiae IV, $ 204 u. 205.
63) Reg. VII, S. 18ff.; cf. „Leibniz’ System“ S. 236 ff.
61) Näheres s. „Descartes’ Kritik“ S. 5811. — Zum Folgenden
s. S, 721.
6) „Non distinguis intellectionem modulo ingenii nostri conformem
 .. a conceptu rerum adaequato, qualem nemo habet,
non modo de infinito, sed nec forte etiam de ulla alia re
quantum vis parva.“ Resp. V, S. 65; vgl. die Aeusserung Galileis:
ob. S. 310.
6) Tannery, Descartes Physicien (Descartes-Heft der Rev.
de Met. S. 478 ff.)

57) Regulae XII, S. 39.
58) S. Reg. VIIL, S. 22 ff,
$) S. hierf. bes. Principia I, 8 59. — Zur Abwehr der syllogistischen
 Ableitung des „Cogito ergo sum“ s, bes. Resp. VI,
S. 155.
%) 5. den Brief an Clerselier über die Einwände Gassendis:
 Medit. S. 143.
7) „Per cogitationem non intelligo universale quid omnes
cogitandi modos comprehendens, sed naturam particularem,
quae recipit omnes illos modos etc.“ An Arnauld, 29. VII. 1648,
Corresp. V, 221. — Vgl. über die „intuitive“ Erfassung des „Cogito“:
Corresp. V, 138 (1648): „Cette connoissance n’est point un ouvrage
de notre raisonnement, ni une instruction que vos maitres vous
aient donnee; votre esprit la voit, la sent et la manie...*
7) An Mersenne, 16. Oktober 1639, Corresp. II, 598.
3) Dioptrique I u. IV; Oeuvr. VI, 85 {f., 112f., 130 u. s.
%) Object. V, S. 23f.; s. ob. Anm, 6.
5) Responsiones VI, S. 164.
%) Notae in Programma quoddam ete. S. 186.
        <pb n="601" />
        Descartes.

391

7) An Arnauld (29. VII. 1648), Corresp. V, 220 f.
78) Discours de la meth. IV; Oeuvr. VI, S. 37; Meditationen
Ausg. von Buchenau) 11, $ 21 u. 22.
9) Meditat. V; S. 33; Respons. I, S. 61 u. s.
30) Dass daher die Kantischen Einwände gegenüber der bestimmten,
 endgültigen Form des Cartesischen Gottesbeweises
durchaus zutreffend sind, möchte ich auch gegenüber Natorps
Darstellung (Desc. Erkenntnistheorie, Cap. III) behaupten. Wenn
Natorp mit Recht auf den Gedanken eines „Alls der Realität“ als
ainen Punkt der Uebereinstimmung zwischen Kant und Descartes
verweist, so fehlt doch bei Letzterem der entscheidende „kritische“
Gesichtspunkt, dass diese Allheit stets nur als „regulative Idee‘,
die den Fortschritt der Erfahrung leitet, zu verstehen ist. Auch
das „Cogito“ mag, seiner ursprünglichen Bedeutung nach, der
„transscendentalen Apperception‘“ verglichen werden: im Gottesbeweis
 aber bezeichnet es bereits deutlich das „endliche“ empirische
 Ich des „inneren Sinnes“. So wird Gott schliesslich überall
als die transscendente Ursache der Dinge nicht nur, sondern
auch der Erkenntnisse, genommen, womit der kritische Standsunkt
 endgültig verlassen ist. — Vgl. hierzu und zur Ergänzung
seiner früheren Darstellung Natorps eigene Abhandlung: „Die
Entwicklung D’s von den Regeln bis zu den Meditationen“ (A. f.
Gesch. d. Phil. 1897).
81) Reg. VIII, S. 21. „Tunc certo cognoscet se scientiam quaesitam
 nulla prorsus industria posse invenire, idque non ingenii
culpa, sed quia obstat ipsius difficultatis natura, vel humana
 conditio: quae cognitio non minor scientia est,
zuam illa quae rei ipsius naturam exhibet.“
s2) Näheres hierüber: „Descartes’ Kritik“ S. 64ff.; 93 1f.
83) Meditat. IIT, S. 20f.
81) Brief an Clerselier (23. April 1649). — Corresp. V, 355.
3) Näheres s. „Descartes’ Kritik“ S. 82 ff.
3) An Chanut (6. Juni 1647) Corresp. V, 51f. An Morus
(15. April 1649) Corresp. V, 344 f.; Oeuvres inedites (Foucher de
Careil) 5. 66.
&amp;amp;7) An Arnauld (29. Juli 1648) Corr. V, 224.
88) Principia I, 13 u. 6.
3) Reg. IV, S. 8.
        <pb n="602" />
        592

Zu Buch ITT, Cap. T.

9%) Notae in programma quoddam S. 189.
%) Respons. III, S. 99.
%) An Mesland (2. Mai 1644) Corr. IV, 113; An Regius (Mai
1641) Corr. III, 372. ;
%) Corresp. V, 136 (1648).
%) Corresp. III, 424; Respons. V, S. 70.
%) Corresp. III, 424 f., 434, 667. V, 222 f. — Brief an Gassendi
Meditat. S. 147 f.
        <pb n="603" />
        Zu Buch Ill, Cap. 2.

Das Kriterium der klaren und deutlichen Perception
und die Fortbildung des Cartesianismus.

') Ueber das Verhältnis Descartes’ zu Augustin s. Leder,
„Untersuchungen über Augustins Erkenntnistheorie in ihren Beziehungen
 zur antiken Skepsis, zu Plotin und zu Descartes“,
Marburg 1901.
?) S. Augustinus, Soliloquia Lib. II: Retractationes Lib. I,
Cap. IV.
3) Augustinus, Retractat. I, 12; De libero arbitrio L. IL,
Cap. 10 u. 12. — Die Belege zu dieser Lehre Augustins finden sich
vollständig zusammengestellt in Malebranches Streitschriften
zegen Arnauld: S. „Recueil de toutes les reponses du P. Malebranche
. A Mr. Arnauld“, Paris 1709. I. 93ff.. 237ff.. 334f.. 386£. u. s.

A) Pascal.
4) Pascal, De l’Esprit geometriaue. Second fragment.
‘Havet II, S. 304f.)
5) S. Descartes, Epistola ad Patrem Dinet; Epist. ad cel.
Vir. D. Gisbertum Voetium.
6) S. De V’Esprit geometrique I, bes. S. 282, 283, 286.
7) Descartes. Brief an Mersenne vom 16 X. 1689, Corresp.
IL, 596f.
3) De V’Esprit geometrique II, S. 307.
% Penseges, Article I, No. 6. (Ed. Ernest Havet, 5e &amp;amp;dit.,
revue et corrigee, Paris 1897, I, S. 10.) — Im Folgenden wird durchweg
 nach der Kapitel- und Paragrapheneinteilung dieser Ausgabe
zitiert.
        <pb n="604" />
        594

Zu Buch ITT, Cap. 2.

10) Ueber den „Augustinus“ des Jansenius s. Sainte-Beuve,
Port Royal (5e edit. Paris 1888) Livr. II, Chap. X u. XI ;
ı) S, hierüber Vietor Cousins Etudes sur Pascal, 2e edit;
Paris 1844, sowie die ausgezeichnete Darstellung von Havet,
l, p. XVII,
122) Les Provinciales, ed. Ernest Havet, Lettre XVIII (bes.
Vol. 11, S. 267£.).
18) Pensees XXIV, 17: „Je trouve bon qu'on n’approfondisse
pas Voopinion de Copernic“. — XXIV, 100: „Ecrire contre ceux
qui approfondissent trop les sciences: Descartes“.
1) S. die bezeichnenden Züge in der Biographie Pascals von
seiner Schwester Mme. Perier; bes. Havet, S. LXXXHIM.

B) Logik und Kategorienlehre.
15) Discours de la methode VI, S. 71.
16) Clauberg, Logica vetus et nova (1658): Praefatio. — In:
Joh. Claubergii Opera omnia philosophica, Amstelod. 1691, p. 768.
7) S. Clauberg, Logica vetus et nova, Prolegomena 8 122;
u. Pars IH.
18) Malebranche, Recherche de la verite; Livr., II, chap. 2.
19) „Suivant cette definition les verites numeriques, geometriques
 et metaphysiques ne peuvent &amp;amp;ire Cternelles, ni selon leur
matiere, ni selon leur forme; elles ne le peuvent etre selon leur
maticre, parceque leur matiere n’est autre chose que les substances
que Dieu a produites, et il a et&amp;amp;€ prouve, que les substances que
Dieu a produites ne peuvent &amp;amp;tre eternelles; elles ne le peuvent
etre non plus selon leur forme, car comme la forme de ces verites
 n’est autre chose que l'action, par laquelle l’äme considere
les substances d’une certaine facon, si les substances ne sont pas
eternelles, cette action ’de l’äme ne sauroit l’&amp;amp;tre aussi. Il reste
donc, que (ces) verites ne sont pas eternelles, mais seulement
qu’elles sont immuables, entant que les substances peuvent
etre toujours comparees ensemble .. ce qui fait voir que l’immutabilite&amp;amp;
 meme des verites qu’on appelle eternelles, n’est pas absolue,
mais dependante.“ Regis, Cours entier de philosophie ou systeme
general selon les principes de M. Descartes, 3 vol. Amsterdam 1691.
        <pb n="605" />
        Der Cartesianismus. — Geulinex.

595

Metaphysique Livr. II, part. I, chap. 11. — Vgl. bes. chap. 19,
sowie: La Logique, IVe partie, Chap. 9 u. Metaphys. Livr. I, part.
[, chap. 3. —
%) Dicendum jam de iis cogitationibus, quae de se independentes
 sunt a corpore et quas non invenimus hic . . sed quas
nobiscum quasi huc detulimus. Non minus enim modos harum
zogitationum adscribimus objectis, quam species nostrorum sensuum.
 Inde enim vocamus quaedam objecta nostra substantias,
accidentias, relationes, subjecta, praedicata, tota, partes etc., quae
omnia cum tantum dicant modos aliquos nostrae intelligentiae,
 solemus tamen ea considerare quasi res aliquas,
juae ipsae in se infectae sunt istis phasmatibus intellectualibus...
 (Quod) satis magno argumento est, solere homines
illos modos suarum cogitationum in res objectas transfundere
 et tanquam ad eas spectantes considerare, cum tamen
hi modi ad ipsos et non ad res objectas pertineant.“
‘Geulincx, Metaphysica ad Mentem Peripateticam (1691) Introd.
Sect. II. — Opera philosophica rec. J. N. P. Land, Hagae Comit.
1891ff., II, 204f). Zum Ganzen vgl. die gesamte Einleitung,
Sect. I u. Il.
21) A. a. O.; Introductio, Sect. III (Op. II, 209); Vgl. die Annotata
ad Metaphysicam, II, 300 f.: „Nos non debemus res considerare,
orout sunt sensibiles (id est sub certa specie incurrunt in sensum}
neque ut sunt intelligibiles (id est, sub certo modo a nobis cogitantur).
 Sed, ut sunt in se, non possumus eas considerare; unde
videmus magnam nostram imperfectionem. Hoc unum igitur
restat nobis faciendum (quod et possumus et debemus facere), ut
judicio mentis, quotiescunque rem aliquam sub modo aliquo
cogitationis nostrae apprehendimus (quod equidem semper facimus,
 nec possumus aliter, dum homines sumus) semper hoc teneamus,
 rem non esse ita in se, ut apprehenditur a nobis “
22) Introd. Sect. II; Op. II, 205 £.
2) A.a.O. ParsI$1: De Ente in genere, Op. II, 211 ff., . „Ens
dicitur quod certo quodam modoapprehendendiintellectus
a0ostri arripimus quasi, nulla ei quod arreptum est formali ratione
 talis denominationis competente, sed haec formalis ratio
vesidet in intellectu et modo cogitandi nostro.“
24) A. a. O. Pars I, 8 5. 5. 227.
        <pb n="606" />
        596

Zu Buch TIT, Cap. 2,

2) Pars, I, S. 211: „Totationem enim rebus ipsis, quae ideo
tota vocantur, adscribimus, cum nobis et menti nostrae debeatur“
Vgl. P. I, 8 6, S. 230 ff.
%) A. a. O. P. 1,82. S. 215 ff.; bes. S. 218.
27) Näheres s. bei Trendelenburg, Gesch. der Kategorienlehre
 S. 23 ff.
2%) S. ob. Anm. 21. — Vgl. die Einleit. zu Pars I; S. 210.
%) Metaph. Peripatetica P. I, 8 1, S. 215.
3) S. Geulincx’ Ethica (1665) Tractat. I, Cap. IL Sect. II, 8 2.
Op. III, 33 ff. — Vgl. bes. die Annotata ad Ethicam Op. III, 205 ff.
3ı) S. z. B. Ethica a. a. O., Op. IN, 36 u. s.

32) S. Georges Lyon, L’Idealisme en Angleterre au XVIILe®
siecle, Paris 1888, S. 72 ff.
33) Vgl. über diese Schrift, die mir nicht zugänglich war:
Lyon, a. a. O0. 5. 74 ff.
*M) Da das Werk Burthogges so gut wie unbekannt geblieben
 ist, füge ich die entscheidenden Belege hier vollständig
im Original hinzu: „As the Eye has no Perceivance of things but
under Colours, that are not in them (and the same, with due
alteration, must be said of the other Senses), so the Understanding
 apprehends not things, or any Habitudes or Aspects of
them, but under Certain Notions, that neither have that being
in Objects, or that being of Objects, that they seem to have; but
are, in all respects, the very same to the mind or Understanding,
that Colours are to the Eye, and Sound to the Ear. To be more particular,
 the Understanding conceives not any thing but under the
Notion of an Entity, and this either a Substance or an Accident;
 Under that of a whole or a part; or of a Cause, or of
an Effect, or the like; and yet all these and the like are only
Entities of Reason conceived within the mind, that have no
more of any real true Existence without it, than Colours have
without the Eye or Sounds without the Ear ...,
It is certain that things to us Men are nothing but as they
do stand in our Analogy, that is, in plain terms, they are nothing
 to us but as they are known by us... In sum, the
immediate Objects of Cogitation, as it is exercised by men,
        <pb n="607" />
        Richard Burthogge,

597

are entia cogitationis, all Phaenomena; Appearances that
do no more exist without our faculties in the things
themselves, than the Images that are seen in water or
behind a glass do really exist in those places, where
'hev seem tobe...
Let us then inquire first into the thing, what is thing but
modus concipiendi? a notion or sentiment that the mind has,
of whatsoever any wise is, because it is? Thing indeed is the
most general notion, but then it is but a notion, because it is
general and has the most of a notion, because it is the most geneval
 .. By this it plainly appears, that the meaning of the word:
„thing“ is but an inadequate conception, arising in the mind upon
its conversing with Objects (== Inhalte des Bewusstseins, der Vorstellung)
 and so doth speak a certain particular sentiment which
the mind has of them: a sentiment..that does not enter us
into the knowledge of the Reality itself .. (may I so
express it) of that which is, which we only apprehend
inadequately under the Disguise and Masquerade of
NVotions ...

And as for Substance and Accident, which yet are the
Ärst steps we make toward a distinct perceivance and knowledge
of things; what are they, but likewise Modi concipiendi?
Entities of Reason, or notions, that, it is true, are not without
grounds, but yet have themselves no Formal being but
only in the Mind, that frames them; there being no such
thing in the World as a Substance, or an Accident any more
than such a thing as an Subject, or an Adjunct; and yet we apprehend
 not any thing but as one of these, to wit as a Substance
ör as an Accident: so that we apprehend not any at all, just
as they are, in their own realities, but only under the
Top-knots and Dresses of Notions which our minds do
put on them.“
Burthogge, An Essay upon Reason and the Nature of Spirits.
 London 1694. Chap. III, Sect. 1, p. 57 ff.
%) „So the understanding discerns infinite Realities, infinite
habitudes of things: not indeed immediately, but either under
ihe sentiments of sense, or by means of its own. which I call
        <pb n="608" />
        598

Zu Buch LITT, Cap. 2.

notions; as of Substance, Quality, Cause, Effect, Whole, Part etc.“
(p. 68).
3) Chap. V, Sect. I, p. 107.
57) A. a. O. p. 105f. — Vgl. bes. 106: „A Philosophy that
shall be solid, and sound, must have its Ground-work and Foundations
 firmly laid; which none can have, but that which is
bottomed, rais’d and built upon evidence; I mean upon the certain
 Testimony of our faculties. And therefore since our
faculties do rather go upon Notions, than on Realities,
and do plainly distinguish between Mind and Matter and do...
contradistinguish them, I hold myself obliged to treat of these
distinctly, but still in the Real Notional way.“
3) A. a. O. p. 109.
39) „All the Sentiments of Sense, those of the Mind, and even
mere Objective Notions, are Things, not things of Mundane and
External Existence, but of Cogitation. and Notion; Intentional,
not Real things. For such are Colours, Sounds, Sapors, Time,
Place, Substance, Accident, Cause, Effect etc.; they are Intentional
 things, things, that, as such have only an Esse objectivum,
 an Esse cognitum, as the Schoolmen phrase it“ (Chap. IV,
Sect. I, p. 79).
%) Vgl. Lyon, a. a. O. p. 85f.
4) Für Geulinex vgl. E. Grimm, Arn. Geulincx’ Erkenntnistheorie
 und Occasionalismus, Diss., Jena 1875. — Die Darstellung
im Text hat angenommen, dass Burthogge völlig unabhängig zu
seiner Lehre gelangt ist, da er den Namen des Geulincx in seinem
Werke nirgends erwähnt. Nachträglich werde ich jedoch darauf
aufmerksam, dass ein direkter Einfluss, den Geulincx auf Burthogge
geübt hat, sehr wahrscheinlich ist: hat doch Letzterer in den
Jahren 1658—1662 an der Universität Leyden studiert, an der
Geulincx seit dem 16. März 1659 Privatvorlesungen hielt. (Vgl. hrz.
J.N. P. Land, Arnold Geulincx und seine Philosophie, Haag 1895.)
Ja man könnte selbst den spiritualistischen Kraftbegriff Burthogges
auf den Einfluss Geulincexscher Gedanken zurückführen: ist es doch
ein Hauptsatz der Geulinexschen Metaphysik, dass der Begriff der
„mechanischen Ursache“ in sich selbst widersprechend ist und
dass wahrhafte Wirksamkeit nur geistigen Potenzen zukommt.
Sollte dieser geschichtliche Zusammenhang sich bestätigen, so
        <pb n="609" />
        Richard Burthogge. — Malebranche, 599

wäre damit ein erneuter Beweis für die intensive Wirkung geliefert,
 die der Cartesianismus auch in England geübt hat.
2) Burthogge, Organum vetus et novum 8 69. (Cit. bei
Lyon, a. a. O. S, 79.)

© Die Ideenlehre. — Malebranche.
») Malebranche, De la recherche de la Verite. (Septieme
edition revue et corrigee, 2 vol. Paris 1721). — Preface.
44) „Recherche de la Verite“ Livr. III. 2e partie, Chap. VIL;
[. 223 ff.
4%) S. Recherche, Eclaircissement XI; II, 276 f. sowie Rezueil
 de toutes les reponses du P. Malebranche ä Mr. Arnauld;
Paris 1709, Vol. IV, 34.
46) „Quamvis autem in alilis quaestionibus absurdum merito
censeatur, statim ad voluntatem Dei se conferre, nec aliam responsionem
 dare, quam quod Deo sic placuerit; tamen in hac de qua
agitur quaestione non aliam puto responsionem esse quaerendam
aut posse inveniri“ Clauberg, Exercitationes centum de cognitione
 Dei et nostri; Exerc. XCI. (Op. II, p. 753.) — Vgl. Claubergs
Schrift: Corporis et animae conjunctio, Cap. XIV.
47) Vgl. z. B. Malebranches „Reponse a Regis“. (Recherche II,
171 f.) u. 6. — Die phänomenalistische Kritik des Substanzbegriffs
tritt übrigens nicht an allen Stellen gleich deutlich hervor, da sie
durch Anpassungen an den herrschenden Sprachgebrauch häufig
verdunkelt; sowie durch theologische Bedenken eingeengt ist.
Dieser letztere Zug zeigt sich besonders darin, dass Malebranche,
wie sehr er von seinem Standpunkt jeglichen Versuch einer „rationalen
 Psychologie“ bekämpfen muss, dennoch an der Forderung
eines Vernunftbeweises der Unsterblichkeit festhält: ein Beweis,
 der indes — ebenso bezeichnend wie paradox! — bei ihm
aicht aus der Idee der Secle, sondern nur aus der des — Körpers
zeführt werden kann. (S. Recherche, L. III, 2e part, Chap. 7
1. S. 225) u. Recueil de toutes les reponses etc. I, 271 ff)
18) Recherche, Liv. III 2e partie, Chap. 8 u. 9. — I, 230 £ff.,
235 u. S.
49) Recherche, L. VI, IIe partie, Chap. 6. — (II, 76.)
        <pb n="610" />
        600

Zu Buch IIT, Cap. 2.

50) Recherche: De la methode, IIe partie, Chap. 3. (II, 39). —
Vgl. bes. Livr. III, 2e partie, Chap. 3 (I, 208 ff.): „Mais la cause de
leur erreur est, que les hommes ne manquent jamais de juger
qu’une chose est cause de quelque effet, quand l’un et Vl’autre
sont joints ensemble, suppose que la veritable cause de cet effet
leur soit inconnue. C’est pour cela que tout le monde conclut,
 qu’une boule agitee qui en rencontre une autre,
est la veritable et la principale cause de l’agitation
qu’elle lui communique; que la volonte de l’äme est la
veritable et la principale cause du mouvement du bras
et d’autres prejuges semblables, parce qwil arrive toujours
qu’une boule est agitee, quand elle est rencontree par une autre
qui la choque, que nos bras sont remues presque toutes les fois
que nous le voulons et que nous ne voyons pas sensiblement,
quelle autre chose pourroit etre la cause de ces mouvements.“
51) Die Beziehungen zwischen Malebranche und Hume sind
zuerst von Lyon (a. a. O. S. 124) hervorgehoben und sodann
von Novaro (Die Philosophie des N. Malehranche, Berlin 1893)
ausführlich, jedoch mit völliger Vernachlässigung des logischen
und metaphysischen Gegensatzes zwischen den beiden Svstemen,
dargestellt worden.
52) Vgl. die „Loix generales de la communication des mouvements“,
 (Rech. II, 125), die zunächst von dem Cartesischen
Prinzip ausgehen, in den späteren Auflagen der „Recherche“ indes
mannigfache Umgestaltungen erfahren haben.
58) Recherche, Livr. I, chap. 6 (Tl, 23ff.); chap. 8 (I, 35f.)
chap. 10 (I, 50) u. chap. 20 (I, 78.) — Ueber Bacon s. L. IL 2e
partie, Chap. 2 u. 8 (I, 127 u. 147) u. Ss.
54) De la methode, 1e partie, Chap. IV. bes. II, 17ff.
55) A. a. O., chap. 5, S. 24. — vgl. hes. De la methode, 2e
partie, Chap. 6 (II, 75.).
58) De la meth., 2e partie, Chap. 13, (II, 38ff.) — vgl. bes.
L: II, 2e partie, chap. 3 (gegen Ende).
57) Eclaircissement XV (II, 301) — S. bes. die „Entretiens
sur la metaphysique“ (1687); Entret. VII, 8 10. — (Oeüvres de
Malebranche, publ. par Jules Simon, Paris 1846, I, 156ff.).
58) Eclairc. XV (Recherche II, 297 u. 322.); vgl. bes Entretiens
sur la metaphysique VII, $ 13: „Je ne tiens rien de ma nature
        <pb n="611" />
        Malebranche,

601]

rien de la nature imaginaire des philosophes; tout de Dieu et de
ses decrets. Dieu a lie ensemble tous ses ouvrages, non
qwil ait produit en eux des entites liantes. Il les a subordonnes
 les uns aux autres, sans les revetir de qualites efficaces.
Vaines pretentions de Vorgueil humain; productions chimeriques
de l’ignorance des philosophes.“ —
5) Vgl. bes. Entretiens I, $ 5: „Les beautes que nous voyons
ne sont point des beautes materielles, mais des beautes intelligibles
 .. puisque l’aneantissement suppose de la matiere n’emporte
 point avec Iui l’ancantissement de ces beaute&amp;amp;s que nous
voyons en les regardant.“ „Toutes ces couleurs qui me rejouissent
par leur variete et par leur vivacite, toutes ces beautes qui me
charment, lorsque je tourne les yeux sur ce qui m’environne,
m’appartiennent ä moi“ etc. (Entret. IV, $ 3 u. s.)
%) S. z. B. Entretiens I, $ 7 u.:6ö.
61) Eclaircissement VI, (Rech. II, 206 ff.); Entretien VI, $ 4,
‘Simon I, 135) u. s.
6) „L’idee de l’etendue est infinie, mais son ideatum ne
lest peut-etre pas. Peut-etre n’y a-t-il actuellement aucun ideatum.
 Je ne vois immediatement que lidee et non l’ideatum: et
je suis persuade que l’idee a ete une eternite sans ideatum. . .
Je ne vois point immediatement l’ideatum; je ne sais que par
une espece de re6velation s’ily en a.... Si Vauteur &amp;amp;toit
present, il me diroit apparemment: Il faut affirmer d’une chose
ce que l’on concoit &amp;amp;tre renferme dans son idee.‘ Or l’idee de
Vetendue est infinie, donc aussi son ideatum. Je lui repondrois:
le principe est vrai; mais c’est suppose que l’ideatum existe et il
n’en prouve point Vexistence. .. Il est vrai par rapport aux
proprietes d’etre; mais il n’est pas vrai par rapport ä
leur existence. Je peux conclure que la matiere est divisible,
 parce que l’idee que j’en ai me la represente telle;
mais jene puis pas assurer qu’elle existe, quoique je ne
puisse douter de l’existence de son idee.“ (Briefe von Malebranche
 an Mairan vom 6. Sept. und 12. Juni 1714.) S. Victor
Cousin, Fragmentis de Philosophie Cartesienne, Paris 1845,
S. 343£ u. S. 308.
®) „Les hommes ont besoin d’une autorite qui leur apprenne
les verites necessaires, celles qui doivent les conduire A leur fin: et
        <pb n="612" />
        502

Zu Buch TIT, Cap. 2.

c’est renverser la Providence que de rejeter l’auiorite de l’Eglise ..
Or la foi m’apprend que Dieu a cree le ciel et la terre; elle
m’apprend que l’Ecriture est un livre divin, et ce livre ou son
apparence me dit nettement et positivement qu'il y a mille et mille
creatures. Donc voila toutes mes apparences changees en realites.
Il ya des corps: cela est demontre en toute rigueur, la foi supposee.“
(Entret. VI, 8 8, Simon I, 140) — Vgl. bes. Eclaire, VI.
54) S, hierüber Lyon (a. a. O. S. 172 f.) sowie die eingehende
Darstellung von F. Pillon, L’6evolution de l’idealisme au XVII e
siecle: Malebranche et ses critiques. (L’Annee Philosophique, IV.
1893.)
6) Reponse ä M. Regis No. 12 u. 13. (Rech. II, 165.)
6) „Toutes les modalites d’un &amp;amp;tre particulier, tel quest
notre äme, sont necessairement particulieres. Or quand on pense
ä un cercle en general, l’idee ou Fobjet immediat de l’äme n’est
rien de particulier. Donc Videe du cercle en general n’est point
une modalite de ’äme.“ Rep. &amp;amp; Regis, No. 21, S. 174. — Vgl. Reponse
 au livre de Mr. Arnauld „Des vraies et des fausses Idees“,
Chap. VI, No. 12. (Recueil de toutes les reponses etc, I, S. 90) u. s.
67) „L’idee de ce cercle en general, direz-vous, n’est donc que
Vl’assemblage confus des cercles, auxquels j’ai pense. Certainement
cette consequence est fausse; car l’idee du cercle en general represente
 des cercles infinis et leur convient ä tous, et vous n’avez
pense qu'a un nombre fini de cercles. C’est donc plutöt que vous
avez trouve le secret de former lidee de cercle en general de cinq
ou Six que vous avez vus . .. Vous avez, pour ainsi dire, forme
Vl’idee de cercle en general en repandant ]’idee de la generalite
 sur les idees confuses des cercles que vous avez
imagines. Mais je vous soutiens que vous ne sauriez former
des idees generales que parce que vous trouvez dans l’idee
de l’infini assez de realite pour donner de la generalite
ä vos idees.“ Entretiens II, $ 9 (Simon I, 35).
68) Reponse au Livre des vraies et des fausses idees. —
Chap. VIII, No. 6. (Recueil I, 107.)
6) A. a. O. Ch. XVII, No. 8 (Rec. I, 200 f.) — Vgl. bes. Reponse
 ä la 3e lettre de M. Arnauld (Recueil IV, 60 f.)
70) „Afin que nous concevions un &amp;amp;tre fini, il faut n6ecessairement
 retrancher quelque chose de cette notion
        <pb n="613" />
        Malebranche.

603

generale de l’etre, laquelle par consequent doit preceder,
Ainsi l’esprit n’appercoit aucune chose que dans l’idee
qu’il a de l’infini: et tant s’en faut que cette idee soit formee
de l’assemblage confus de toutes les idees des Etres particuliers,
comme le pensent les Philosophes, qu'’au contraire toutes ces
idees particulieres ne sont que des participations de lidee generale
 de l’infini.“ Recherche, L. III, 2e partie, Chap. 6 (I, 218)
7) Entretiens V, $ 12. (Simon I, 124f.) — Vgl. bes. Entretiens
 II, $ 10: „Encore un coup, vous ne sauriez tirer de votre
fonds cette idee de generalite. Elle a trop de realite; il faut
que l’infini vous la fournisse de son abondance“ (I, 67).
S. ferner: Recherche, Livr. III, 2e partie, Chap. 6 (Rech. I, 216 ff.),
Livr. VI, 2e partie, ch. 3 (II, 39, 42) u. 6.
7) „On voit ou Von sent tel corps, lorsque son idee, c’est ä&amp;amp;
dire, lorsque telle figure d’etendue intelligible et generale devient
sensible et particuliere par la couleur, ou par quelque autre perception
 sensible, dont son idee affecte l’äme et que l’ame y attache;
car l’Ame repand presque toujours sa sensation sur lidee qui la
frappe vivement“ etc, Vgl. die genauere Ausführung: Kclaircissement
 X (Rech. II, 267 ff.) u. Reponse ä Regis (II, 160 ff.)
78) Vgl. bes. Premiere Lettre contre l’accusation de Mr. Arnauld:
 „Apres y avoir regarde de pres, je m’appercus que (St.
Augustin) ne parloit que des verites et des loix eternelles,
des objects des sciences, tels que sont l’Arithmetique, la
Geometrie, la Morale, et qu'il n’assuroit point que l’on vit en
Dieu les choses corruptibles ou sujettes au changement, comme
sont tous les objets qui nous environnent .. Mais ... la
raison, pour laquelle il n’a point parle, comme j’ai fait et n’a
point assure que l’on vit en Dieu les objets sensibles au sens que
je Ventends, c’est, si je ne me trompe, .. que de son temps
on n’avoit point decouvert que les qualites sensibles
n’etoient point repandu&amp;amp;s dans les objets de nos sens...
S. Augustin m’ayant donc ouvert heureusement V’esprit sur le sujet
que jexaminois et ayant appris de M. Descartes, que la couleur,
Ja chaleur, la douleur, ne sont que des modalites d’ime ... je
pouvois assurer qu’on voyoit, ou qu’on connoissoit en Dieu meme
les objets materiels et corruptibles, autant qu’on est capable
de les voir et de les connoitre. Car enfin. selon S. Augustin,
        <pb n="614" />
        604

Zu Buch IIT, Cap. 2,

c’est immediatement dans la Sagesse Eternelle qu’on voit l’etendue,
 J’entends l’etendue intelligible, qui est l’objet de la
science des Geometres ... Ainsi je puis dire que je vois en
Dieu les corps: car bien qu’ils soient en eux-mömes sujets
au changement, je les vois ou connois dans l’etendue
intelligible, quoiqu'immuable et eternelle: je les vois,
dis-je, comme presents actuellement, &amp;amp; cause de la couleur et des
autres sentiments qui s’excitent en moi &amp;amp; leur presence.“ (Recueil
 I, 334 ff.; vgl bes. Reponse ä Mr. Arnauld, Chap. VII (Recueil
 I, 931f.) u. Chap. IX (Rec. I, 121).
74) „La faculte de recevoir differentes idees et differentes
modifications dans Vesprit est entierement passive et ne renferme
aucune action et j’appelle cette faculte ou cette capacite qu'a
’äme ä recevoir toutes ces choses: Entendement .., Quand on
appercoit par exemple deux fois 2 ou 4, ce n’est qu'une simple
perception. Quand on juge que deux fois 2 sont 4, ou que deux
fois 2 ne sont pas 5, Ventendement ne fait encore qu’'appercevoir
le rapport d’egalite qui se trouve entre deux fois 2 et 4, ou le
rapport d’inegalite qui se trouve entre deux fois 2 et 5. Ainsi
le jugement de la part de l’entendement n’est que la perception
 du rapport qui se trouve entre deux ou plusieurs choses.
Mais le raisonnement est la perception qui se trouve, non
pas entre deux ou plusieurs choses, car ce seroit un jugement,
mais Cest la perception du rapport qui se trouve entre
deux ou plusieurs rapports de deux ou plusieurs choses“
etc. Recherche, L. I, Chap. 1 u. 2 (T, S. 3f. I, S. 7), — Vgl. bes.
Livr. VI, 1e part., chap. 2 (II, S. 4.
%) Vgl. Eclaircissement II (Rech. IT, 200).
7%) Auf die Widersprüche, in die sich Malebranche überall
dort verwickelt, wo er bestrebt ist, eine freie Selbstbestimmung
des Willens aufrecht zu erhalten, hat schon Arnauld hingewiesen,
 s. Des vraies et des fausses idees, chap. 27.
7”) „Ce qu’on appelle voir les corps, n’est autre chose qu'avoir
 actuellement presente ä Vesprit l’idee de l’etendue, qui le
touche ou le modifie de diverses couleurs“ Reponse &amp;amp;ä Regis
(IT, 169).
8) „La meme idee peut, par son efficace, car tout ce qui
est en Dieu est efficace, peut, dis-je, affecter l’ime de diffe-
        <pb n="615" />
        Malebranche.

605

rentes perceptions.“ Brief an Mairan vom 12. VI. 1714 (Cousin,
Fragments 5. 309f.) Vgl. „Entretien d’un Philosophe Chretien
avec un Philosophe Chinois“ (Simon I, 572): „C'est donc par
Vaction des idees sur notre esprit que nous voyons les objets;
C’est aussi par l’action des idees que nous sentons notre propre
corps.“ Ferner Recherche, Livr. III, 2e part. Chap. 6: „Il est certain
 que les idees sont efficaces puis qu'elles agissent
dans V’esprit et qu’elles l’eclairent, puis qu'elles le rendent
heureux ou malheureux etc. . .“ (Rech, I, 218).
%) Vgl. hierfür die demnächst erscheinende Schrift von
Arthur Buchenau, Die Erkenntnislehre Malebranches,
8) Eclaircissement X (Rech. II, 266); vgl. bes. Entretiens V,
No.3: „L’etendue queje vois ouque je sensne m’appartient
pas. .. Autrement je pourrais en me contemplant connaitre les
ouvrages de Dieu .. je serais ma lumiere a moi-meme: ce
que je ne puis penser sans quelque espece d’horreur.“
(Simon I, 115.)
81) „J’ai dit que je prennois pour la möme chose la perception
 et Videe. Il faut neanmoins remarquer, que cette chose,
quoique unique, a deux rapports: l’un ä l’äme qu’elle modifie,
l’autre ä la chose appercue, en tant quelle est objectivement
dans l’äme ... Cette remarque est tres-importante pour resoudre
beaucoup de difficultes, qui ne sont fondees que sur ce qu’on ne
comprend pas assez, que ce ne sont point deux entites
differentes, mais une m6me modification de notre äme,
qui enferme essentiellement ces deux rapports.“ (Arnauld,
 Des vraies et des fausses idees, chap. 5. — Oeüvres de
Antoine Arnauld, Paris 1780, Vol. XXXVIIL S. 198.)
5) A. a. O. chap. 2, S. 185.
%) Vgl. hrz. z. B. Recherche, L. II, 2e partie, Chap. 6: „Il
est certain que tous les etres sont presents ä notre esprit et il
semble que tous les &amp;amp;tres ne puissent etre preseuts Aa notre
esprit que parce que Dieu Ilui est present.“ (Rech. I, 218.)
$) „Ce m’est pas ainsi qu'ils ont pris ce mot de presence
(als presence objective, als Gegebensein im Bewusstsein), mail ils
ont entendu d’une presence prealable de Vobjet et qu'ils ont
jugee necessaire afın qu'il füt en etat de pouvoir Etre appercu:
        <pb n="616" />
        606

Zu Buch ITI, Cap. 2.

comme ils avoient trouve, ä ce qu'’il leur sembloit, que cela &amp;amp;etoit
necessaire dans la vue.“ Arnauld, a. a, O. Chap. IV, S. 192f. —
8) Ich stimme in dieser Beurteilung mit den treffenden Ausführungen
 Pillons (a. a. O. S. 155ff.) überein.
86) Vgl. bes. „Des vraies et des fausses idees“, chap. XI, S.
231f. — Defense de Mr. Arnauld contre la Reponse au Livre des
vraies et des fausses idees (Oeuvres XXXVIIIL, 403 ff.).
87) „L’optique fait voir la difference extreme qui est entre les
idees et les objets qu’'elles representent et quil n’y a qu’'une intelligence
 infinie qui puisse en un clin d’oeil faire une infinite
de raisonnements instantanes, tous regles par la geometrie et les lois
de Vunion de Väme et du corps.“ Malebranche an Mairan
112. VL 1714.) (Cousin, Fragments S. 313f.)
88) S. ob. Anm. 72; vgl. bes. Entretiens I, No. 8 (Simon
L 51ff.).
89) „ Reponse a Regis“ (Rech. II, 165.).
%) S. Eclaircissement X (Rech. II. 252ff.).
%) Il ne faut pas s’imaginer que la Raison que l’homme
consulte soit corrompüe, ni qu'elle le trompe jamais, lorsqu’il la
consulte fidelement... Ce m’est point la raison de l’homme qui
le seduit, c’est son coeur; ce n’est point sa lumiere qui l’empeche
de voir; ce sont ses tenebres. . Ainsi lorsque rentrant en nousmemes
 nous entendons dans le silence de nos sens et de nos
passions une parole si claire et si intelligible, qu’il nous est impossible
 d’en douter; il faut nous y soumettre sans nous soucier
de ce qu’en pensent les hommes .... Il n’est point necessaire
que (nous consultions) pour cela de Directeur, car lorsque Dieu
parle, il faut que les hommes se taisent et lorsque nous
sommes absolument certains que nos sens et nos passions n’ont
point de part aux reponses que nous entendons dans le plus
secret de notre raison, nous devons toujours Ecouter ces reponses
avec respect et nous y soumettre.“ Eclairciss, X, Rech. II, 289ff.
®) „Entretien d’un Philosophe Chretien avec un Philosophe
Chinois.“ Simon I, 587f.
        <pb n="617" />
        Malebranche, — Bayle,

607

D) Der Ausgang der Cartesischen Philosophie. — Bayle.
%®) Vgl. hierüber: Bouillier, Histoire de la Philosophie
Cartesienne, Paris 1868, Vol. II.
%) Bayle, Dictionnaire historique et critique. (1695ff.) —
Article: Zenon. Remarque G.
®) 5. die charakteristische Erzählung in Fontenelles Eloge
de Malebranche.
%) S. Malebranche, Recherche de la verite, Livr. II, 2e
partie, chap. 5 (I, 136).
%) Commentaire philosophique sur ces paroles de V’Evangile:
 . . contrains les d’entrer etc.“ Bayle, Oelüvres diverses.
A la Haye 1727. Vol. IL, 367ff.
9%) Der Gedanke ist gleichzeitig, in tieferem und umfassenderem
 Sinne, von Leibniz konzipiert worden, blieb jedoch wesentlich
 auf seinen philosophischen Briefwechsel beschränkt und konnte
daher keine weitere geschichtliche Fortwirkung üben. (Ueber die
Fortbildung des Gedankens, insbesondere bei Collier, vgl. Bd. II.)
%) „Chacune de ces trois sectes, quand elle ne fait qu’attaquer,
 triomphe, ruine, terrasse; mais A son tour elle est terrassee
et abimee, quand elle se tient sur la defensive.“ (Dictionnaire,
Art.: Zenon, Remarque G.) — Man vgl. hiermit die Sätze der
Methodenlehre der Kritik der reinen Vernunft, 1. Hauptst.,
2. und 3. Abschn.: „Durch welches Mittel wollen sie aus dem
Streite heraus kommen, da keiner von beiden seine Sache
geradezu begreiflich und gewiss machen, sondern nur die seines
Gegners angreifen und widerlegen kann? Denn dieses ist das
Schicksal aller Behauptungen der reinen Vernunft, dass . . sie
dem Gegner jederzeit Blössen geben und sich gegenseitig die
Blösse ihres Gegners zu Nutzen machen können . . . Ob aber gleich
bei bloss spekulativen Fragen der reinen Vernunft keine Hypothesen
 stattfinden, um Sätze darauf zu gründen, so sind sie
dennoch ganz zulässig, um sie allenfalls nur zu vertheidigen, d. 1.
zwar nicht im dogmatischen, aber doch im polemischen Gebrauche,
Ich verstehe aber unter Vertheidigung nicht die Vermehrung der
Beweisgründe seiner Behauptung, sondern die blosse Vereitelung
der Scheineinsichten des Gegners, welche unserem behaupteten
Satze Abbruch thun sollen.“
        <pb n="618" />
        608

zu Buch III, Cap. 2.

100) „IL faut reconnaitre ä l’egard du corps ce que les mathematiciens
 reconnaissent A l’egard des lignes et des superficies . .
Ils avouent de bonne foi qu'une longueur et largueur sans profondeur
 sont des choses qui ne peuvent exister hors de notre
äme. Disons en autant des trois dimensions. Elles ne sauraient
trouver de place que dans notre esprit; elles ne peuvent
exister qu'idealement.“ Art. Zenon., Rem. G.
11) A, a. O.: „Disons donc que le contact des parties de la
matiere n’est qu’ideal; c’est dans notre esprit que se
peuvent reunir les extremites de plusieurs corps.“
12) Vgl. bes. die Artikel: Pyrrhon, Simonides, Manicheens,
Pauliciens, Socin des „Dictionnaire“.
18) Article: Pyrrhon, Remarque B.
104) S. insbes. die Artikel: Mahomet, David, Sara. Zu Bayles
ethischer Grundanschauung vgl. Jodl, Gesch. der Ethik, 1,280 ff,
15) Feuerbach, Pierre Bayle, Ansbach 1838, S. 128 f.
6) „Ce que c’est que la France toute catholique sous le
regne de Louis le Grand“ vgl. bes. Oeüvres diverses Il, 347.
7) Dictionnaire: Article: Manichcens, Rem. D.
1068) Art.: Socin (Fauste); Rem. H.
v9) Art.: Acoste, Rem. H.
1191 Art.‘ Manichesens.

Druck von J. S. PREUSS in BERLIN SW.
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        (habil Mil am. EL ® nit Kal nde ai
EEE Bear
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