22 II. Abschnitt. Das Seitalter Napoleons J. flößte, so war dies nur ein eigentümlicher Eindruck, den seine Person auf alle übte, die sich ihm näherten. Ich hatte schon sehr achtungswerte, aber auch sehr bösartige Männer gesehen, doch nichts an Bonaparte erinnerte an die einen oder anderen. Nachdem ich ihm während seines Aufenthalts in Paris mehr— mals begegnet war, wurde mir klar, daß sein Charakter sich nicht durch die landläufigen Bezeichnungen schildern lasse. Er war weder gütig noch grausam, weder sanft noch heftig, wie es andere Menschen sind. Ein solches Wesen, das ohne— gleichen dastand, konnte Sympathie weder fühlen, noch her— vorrufen. Es war entweder mehr oder weniger, als ein Mensch. Sein Wuchs, sein Geist, seine Sprache, alles hat etwas Seltsames, fremd Anmutendes. Er betrachtet die Menschen nicht wie seinesgleichen, sondern wie man eine Tatsache oder ein Ding betrachtet. Er kennt weder Liebe noch haß. Für ihn ist nur er selbst vorhanden; alle übrigen Geschöpfe be— handelt er als Ziffern. Seine Willensstärke besteht in den unentwegten Berechnungen seiner Selbstsucht. Er ist ein Schachspieler, der das Menschengeschlecht zum Gegner hat, den er durchaus mattsetzen will und mattsetzen wird ...“ Der Zug nach Agypten und Syrien hatte nur dürftigen militärischen Lorbeer gebracht; trotzdem glaubten die Franzosen schon an Bonapartes Unwiderstehlichkeit, an sein Gluͤck, an seinen Stern. Wärmer als anderen verdienstvollen Generalen, Ber— nadotte, Pichegru, Moreau, die anfänglich in einem gewissen Wettbewerb um die Volksgunst und die herrschaft mit ihm standen, neigte sich die Liebe der Soldaten und der weitesten Volkskreise dem kleinen Manne mit den Feueraugen zu. Nicht nur den durch Mittel aller Art gewonnenen, unbedingten Anhängern, sondern Männern der verschiedensten Parteien erschien er, wie aus ihren eigenen Bekenntnissen hervorgeht, als der von der Vorsehung berufene Retter des Staates. Durch die Mißwirtschaft des Direktoriums, durch die wenig glücklichen Uriege gegen England, Osterreich und Rußland war die Republik an den Rand des Übgrundes geraten; sie sehnte den rettenden Degen herbei. Der Staatsstreich vom 18. Brumaire erhob denn auch Bonaparte zum Staatsober⸗ haupt. Frankreich hatte seinen herrn, doch wurde eine Zeit— lang noch der Schein einer republikanischen Verfassung auf— recht erhalten.