86 V. Abschnitt. Der Sieg des Nationalitätsprinzips. ritterlichen Romantik und trotz aller patriotischen Begeiste— rung ein polnischer Nationalstaat sich in der Welt von heute be— haupten könnte, haben gerade jene Aufstände deutlich gezeigt. Wie im 18. Jahrhundert, so war es auch 1830, so war es 1846, 1848, 1861! „Kampflust und Opfermut im Über—⸗ schwang,“ so charakterisiert Treitschke den Verlauf der pol—⸗ nischen Revolutionen, „flammende Reden und brüderliche Um— armungen, zeternde Priester und hochsinnige schöne Frauen, dazu Punsch und Mazurka, soviel das herz begehrte, aber daneben auch Parteihaß, Unbotmäßigkeit, wütende Anklagen herüber und hinüber, und in diesem Gewoge tapferer, be— geisterter Männer kein einziger staatsmännischer Kopf, kein einziger großer Charakter!“ Und so mußten an den heeren der Ostmächte, die das gemeinsame Interesse immer wieder zusammenband, alle Anstrengungen der unter dem weißen Adler kämpfenden Freischaren scheitern. — Schon der heftige Nationalitätenstreit im eigenen CLande würde es den österreichischen Staatsmännern, auch wenn sie gewollt hätten, unmöglich gemacht haben, die deutsche Frage zu glücklichem Abschluß zu bringen. Auf die stürmische nationale Erhebung im Jahre 1848 folgte klägliche Ernüchterung. Mit der Auflösung des Par— laments war auch die Idee einer festeren Cinigung der Stämme wieder zu Grabe gelegt. Man gewöhnte sich an den trost— losen Gedanken, eine deutsche Sentralgewalt, ein Deutsches KReich sei überhaupt nicht möglich, vielleicht nicht einmal wün— schenswert. Man schämte sich nicht, ganz ernsthaft den Grund⸗ satz aufzustellen, Deutschland müsse im Interesse der europä— ischen Kultur eine zerklüftete, schwache Nation bleiben, damit es immer von Kriegen verschont bleibe und nicht gestört durch politische Sorgen seinen psychologischen und philologischen Stu— dien und naturwissenschaftlichen Experimenten sich widmen könne. Doch eine Gruppe von Politikern, denen weder das vor— märzliche, noch das nachmärzliche Osterreich in die Idee ihres neuen deutschen Staates paßte, die auf ein mit der Freiheit ausgesöhntes Preußen ihre Hoffnung richteten und deshalb von ihren Gegnern als die kleindeutsche Partei verspottet wur⸗ den, — sie selbst nannten sich seit dem Parteitag in Gotha am Johannistag 1849 die Gothaer Partei — ließ sich unver—