30 VI. Abschnitt. Das Zeitalter Bismarcks. An zahlreichen Biographien, die dem deutschen Volk seinen Bismarck erklären wollten, ist nur die redliche Absicht löblich. Doch auch Meister der Forschung, es sei nur an Schmoller, Lenz, Marcks, Meinecke erinnert, — haben mit gewissenhaftem Eifer in den Werdeprozeß dieser Individualität von weltge— schichtlicher Bedeutung sich einzuleben getrachtet; sie wollen die Schwächen des Starken nicht bemänteln, doch all ihre Prüfung mündet aus in Anerkennung der Größe Bismarcks und in Dank für seine bewundernswerte Lebensarbeit. Als die Tagebuchaufzeichnungen von Moriz Busch, dem angeb— lichen Vertrauten des Kanzlers, alle, auch die intimsten Auße— rungen und geheimsten Kunstgriffe der Offentlichkeit preis— gaben, frohlockten die Gegner: „Nun ist der Götze gestürzt!“ Da war ja auch manches zu lesen, was einen befremdenden, erkältenden Eindruck machen mußte. Der erste Kanzler des neuen Reichs hatte zwei schwer vereinbare Eigenschaften: neben außergewöhnlicher staatsmännischer Klugheit ein leiden— schaftliches Herz. Wo ihm Widerstand entgegentrat, konnte er eine Rücksichtslosigkeit, eine Härte entwickeln, die ihn wie einen Dämon erscheinen ließen. Stimmungen und persönliche Abgunst trübten nicht selten sein Urteil, was sich auch in den „Gedanken und Erinnerungen“ noch geltend machte. Doch wo wäre der Entselbstete, der niemals von Temperament, Par⸗ teigeist und persönlichen Neigungen beeinflußt wäre? Auch ein bitteres Wort ist einem Manne zu verzeihen, den sein CLeben lang während seiner großartigen Kämpfe für die Eini— gung der Nation Neider und Ränkeschmiede, aristokratische Spießbürger und demokratische Streber verfolgten und pei— nigten. Und den Politiker, den Organisator, den schöpferischen Ge— nius sehen wir gerade aus den malitiösen Enthüllungen Buschs nur noch gewaltiger in die höhe wachsen. Diese Energie, Kühn— heit, Vielseitigkeit, Schlagfertigkeit, Willensstärke haben kaum ihresgleichen in der Weltgeschichte. Napoleon J. kommt ihm darin gleich, ja, die Leistungsfähigkeit und Tatkraft des Fran⸗ zosenkaisers wirken noch verblüffender, noch übermenschlicher, war er doch zugleich der größte Staatsmann und der größte Feldherr seiner SZeit! Dagegen war Napoleon der eigene herr seiner Entschließungen, während Bismarck nicht bloß vom Willen seines Monarchen abhängig war, sondern noch mit