Cinleitung.

Doch nicht auf allen Gebieten begegnen wir einem Fort—
schritt, einem wirklichen unanfechtbaren Fortschritt. Es ist
dafür gesorgt, daß wir nicht allzu stolz auf die Errungen—
schaften der neuen Zeit blicken koͤnnen! Heftiger denn je ist
der hader der Bekenntnisse entbrannt — es gewinnt den
Anschein, als habe das 18. Jahrhundert keine dauernde
Frucht hinterlassen, als steckten wir noch mitten im 17. Sä—
kulum mit seinem Gezänke und Geraufe! Und ist etwa das
19. Jahrhundert sittlicher als das Zeitalter des Sokrates?
Ist eine durchgreifende moralische Besserung der Menschen,
eine stärkere Bändigung der Leidenschaften, eine siegreichere
Überwindung der Selbstsucht, sei es durch die Religion, sei es
durch die Gesetze, zu konstatieren? Diese Fragen koͤnnen nicht
bejaht werden. Immerhin gewährt es, wie Kanke sagt, nicht
geringen Trost, daß wenigstens der Grundsatz der persön—
lichen Freiheit durchgedrungen, daß überhaupt in der hu—
manität ein Aufwärtsstreben, also in gewissem Sinne doch
auch ein Fortschritt sich erkennen läßt.
Wer nun im wahren Sinne des Wortes Geschichte des
19. Jahrhunderts vortragen, das Verständnis des Jahr—
hunderts vermitteln wollte, der müßte alle diese preis—
würdigen und beklagenswerten Erscheinungen, die wichtigsten
Ergebnisse der Naturforschung, die bahnbrechenden Schöp—
fungen in Dichtung und bildender Kunst, alle diese Werke
und Tage im Zusammenhang erfassen und klar und über—
sichtlich zur Anschauung bringen. Doch auch eine Goethesche
Totalität würde heute nicht mehr ausreichen, um alles Not—
wendige in sich aufzunehmen und erfolgreich zu verarbeiten.
Es wird deshalb immer notwendig sein, den Stoff unter
Forscher und Lehrer aus verschiedenen Fakultäten zu ver—
teilen. Mir ist nur die Aufgabe zugeteilt, die Hauptströmun—
gen auf politischem Gebiet meinen Lesern vor RAugen zu
führen.
Doch auch in dieser Beschränkung ist der Stoff noch immer
so gewaltig, daß ich nur zu einer kurzen Wanderung durch
die Bildersäle der Geschichte des 19. Jahrhunderts einladen
kann. Jedes Eingehen auf Einzelheiten, auch auf wichtige
Ergebnisse der neuesten Forschung verbietet sich im engen
Rahmen dieser Darstellung von selbst. Ich muß ganz darauf
verzichten, den Leser belehren zu wollen, ich kann ihn nur