6 1. Abschnitt. Die große französische Revolution bis zum 18. Brumaire.

lange Keihe von Verfügungen, deren jede einzelne eine ge—
waltige Umwälzung bedeutet. Und eine Umwälzung zum
segen der Menschheit!
Taine und Tocqueville haben aufgeräumt mit der Legende
der „großen“, der „glorreichen“ Revolution. Marat und sein
blutgieriger Pöbel waren ja immer der Abscheu aller mensch—
lich Fühlenden, aber auch die Desmoulins und Danton, die
Girondisten wie ihr „großer“ Gegner Robespierre, sogar die
„ewigen Menschenrechte“ sind in der allgemeinen Wert—
schätzung gesunken. Dennoch bleibt die weltgeschichtliche Be—
deutung der französischen Volkserhebung eine ungeheure.
Ihre Frucht war köstlich, denn ihre Frucht war Emanzipation
der Arbeit, eine neue Staatsordnung mit gerechterer Ver—
teilung der Rechte und Lasten. Das Gespenst des Mittel—
alters, die UÜberlieferung vom Fluch und Segen der Geburt
spukte noch immer. Von diesem Alp wurde CEuropa in der
Nacht vom 4. August 1789 befreit. Auf den Beschlüssen, die
damals in der französischen Nationalversammlung gefaßt
wurden, beruht unsere heutige Gesellschaftsordnung. Zu—
gegeben, daß jene heißblütigen, ehrsüchtigen Parlamentarier
das historische Recht mit Füßen getreten und unantastbare
heiligtümer des Gemütes entweiht haben: nichtsdestoweniger
waren sie es, die dem Menschen und der Arbeit für alle
Zeiten eine höhere Bedeutung gaben.
Die kritische Forschung hat in den Geschichtswerken und
Romanen von Mignet und Thiers und Lamartine die Über—
treibung und Unwahrheit gezeigt, doch ebensowenig ist Taines
Anklage berechtigt, als ob alle Tat der französischen Re—
volution nur Missetat, nur Vergeudung unschuldigen Blutes
gewesen wäre. Die Deklamationen jener Kammer- und Klub—
tyrannen mögen uns heute ebenso anwidern, wie das Geheul
des Pöbels, der seinen König wie einen Verbrecher lynchen
will, wir mögen uns über die Blutopfer der Guillotine und
des Bürgerkrieges entsetzen, — doch welcher Fortschritt im
schicksal der Pölker ist ohne Irrtümer und schwere Opfer
errungen worden? Spanien erschöpfte um der Entdeckung
der Neuen Welt willen die ganze Fülle seiner Kraft, —
das deutsche Volk rieb sich auf für die Befreiung des Geistes
von der kirchlichen Bevormundung in den Religionskriegen,
— und Frankreich zerfleischte sich für eine gerechtere und