10 J. Abschnitt. Die große französische Revolution bis zum 18. Brumaire.

system den Dienst versagt. Es kommt ein Augenblick, in
welchem das unfähig gewordene Gehirn aufhört, den Me—
chanismus des Körpers in Bewegung zu setzen. Jedes Glied,
jeder Muskel handelt gesondert für fich und gerät infolge
einander widersprechender Stöße in konvulsivische Zuckungen.
Doch der Mann ist dabei guter Laune; er hält fich für einen
Millionär oder gar für einen König; er glaubt, von allen
geliebt und bewundert zu werden; er hat nicht das Gefühl,
krank zu sein; er versteht nicht die Ratschläge, die man ihm
erteilen will; er weist die hHeilmittel, die man ihm anbietet,
entrüstet zurück; er singt und schreit den ganzen Tag, und
vor allem trinkt er mehr denn je. Allmählich verzerrt sich
sein Antlitz, die Augen röten sich, — nun bieten sich ihm
nicht mehr glänzende Erscheinungen, ungeheuerliche Ge—
spenster treten an ihre Stelle, er sieht Verräter, die sich
im hintergrund verbergen, um ihn unversehens zu überfallen,
Banditen, welche die Arme ausstrecken, um ihn zu erdrosseln,
henker, die sich anschicken, ihn zu foltern. Erschrocken taumelt
er vorwärts und tötet jeden, der ihm entgegentritt, — nur
um nicht selbst getötet zu werden. Der Uinblick, den er dar—
bietet, ist furchtbar; die Stärke, die er an den Tag legt, ist
bewundernswert, denn der Fieberwahnsinn hält ihn aufrecht;
er erträgt, ohne nur darauf zu achten, Schmerzen und Leiden,
denen ein gesunder Mensch sofort unterliegen würde.
Genau so verhielt es sich mit dem revolutionären Frank—
reich. Vom Fasten unter dem ancien régime erschöpft, be—
rauscht es sich an dem Feuertrank des contrat social und
anderen verfälschten, erhitzenden Getränken, bis es plötzlich
von Gehirnlähmung befallen wird. Alsbald geraten alle
Organe in Konflikt miteinander; sie verlieren ihren Zu—
sammenhang und zerren einander hin und her; allen Gliedern
des Staates entschwinden Kraft und Leben. Nun ist die Zeit
des lustigen Fieberwahnes vorbei und die des düsteren be—
ginnt. Die Nation ist jetzt imstande, alles zu tun, alles zu
wagen, alles zu dulden; sie kann unerhörte Heldentaten ver—
richten und scheußliche Barbareien begehen, je nachdem ihre
Führer, die ebensowenig mehr zu gesunder Überlegung fähig
sind, ihre Wut gegen einen das Vaterland von außen be—
drohenden Feind oder gegen ein die innere Sicherheit be—
drohendes Hindernis aufstacheln.