Entwicklungsstufen und Richtpunkte der Kevolution. 11

Man vergegenwärtige sich das Chaos von Paris in den
letzten Tagen des Königtums! Ein gutherziger, aber kraft—
loser Monarch, — eine in glücklichen Tagen kleine, erst im
Unglück große Königin, — Prinzen von königlichem Geblüt,
die mit dem Kufe: Egalité! um HAufnahme in den Jakobiner⸗
klub betteln, — Träger stolzer Namen, die um engherziger
Kücksichten willen ihre wichtigste Aufgabe, den König zu
retten, außer acht lassen, — Günstlinge der Menge mit fürst⸗
lichen Passionen, — verkommene prasser, — ehrfüchtige
Streber, — verkannte Genies, — verkrachte Existenzen, —
hochstrebende Frauen, — weibische Männer, — unverbesser—
liche Ideologen, — ränkespinnende Realisten, und alle, alle
buhlend um die Gunst der Menge, die, gestern noch im Staub,
heute auf dem Thron, sofort die Launenhaftigkeit, Citelkeit
und Grausamkeit eines asiatischen Despoten an den Tag legt.
Um nur überhaupt eine Stütze zu finden, mußte der König
sein Kabinett aus den Reihen der Girondisten nehmen. Die
Krone glitt sachte auf der schiefen Ebene weiter herab bis
zur Kante, wo sie von angeblich hilfsbereiten Händen
vollends in den Abgrund gezerrt werden konnte.
Mit der Regierung war den Girondisten auch die schwere
Aufgabe zugefallen, zu verhüten, daß die Revolution noch
weiter ausarte und das Proletariat die herrschaft an sich
reiße; andrerseits hatten sie die Umtriebe der königlichen
Partei unschädlich zu machen und sollten doch bei dieser Ab—
wehr gegen rechts und links ihre Volksbeliebtheit wahren.
Aus dem Labyrinth von Schwierigkeiten und Gefahren schien
es nur einen Ausweg zu geben: Krieg mit dem UHusland!
Dieses Interesse der herrschenden Partei, nicht der Wunsch
Kaiser Leopolds, seine Schwester aus unwürdiger Lage zu
befreien, und nicht der „legitimistische Kreuzzugseifer“ Fried⸗
rich Wilhelms II. führten zum ersten Revolutionskriege. Den
Vorwand zur Kriegserklärung gegen Osterreich (20. April
1792) gab die Behauptung, daß Kaiser Leopold in einem
Appell an Frankreich auf die Bedrohung der europäischen
Throne durch die Revolution und auf die gemeinsame Ver—
pflichtung der Fürsten zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe
hingewiesen, mithin die Sicherheit Frankreichs bedroht und
die Ehre Frankreichs verletzt habe.
Seit der Kriegserklärung schwankte König Ludwig zwischen