12 1. Abschnitt. Die große französische Revolution bis zum 18. Brumaire.

der Besorgnis, durch seine allerdings nicht freiwillige Cin—
willigung zu dieser Lösung des Knotens das Verhängnis auf
sich geladen zu haben, und der Hoffnung, die Verbündeten,
die er vor der Welt als seine Seinde bezeichnen mußte, als
Befreier zu begrüßen. Doch das viel erörterte, auf Ein—
schüchterung der Oppositionsparteien berechnete Manifest des
herzogs von Braunschweig, ein von einem heißblütigen
Emigranten, herrn von Limon, verfaßter und von Herzog
Karl Wilhelm Ferdinand ungern unterzeichneter Aufruf, der
die Stadt Paris mit Einäscherung und jeden Feind des Königtums
 mit Strafe an Leib und Leben bedrohte, wurde von
den Gegnern des Thrones als Beleidigung des französischen
Volkes gedeutet; es beschleunigte noch den Sturz des Königs.
Der 10. August, im wesentlichen das Werk Dantons, brachte
den Aufstand der Vorstädte, den Sturm auf die Tuilerien,
die Flucht des Königs in die Nationalversammlung, die Ab⸗
setzung des Oberhauptes der vollziehenden Gewalt zur Sicher⸗
stellung der Oberhoheit des Volkes und der herrschaft un—
beschränkter Freiheit und Gleichheit. Eine neue Wandlung
der Revolution ist damit vollzogen, der radikale, der „rück—
sichtslose“ Umsturz hat begonnen.
Diese Entwicklung der Dinge in Frankreich wäre zweifellos
dazu angetan gewesen, den Kriegseifer der Verbündeten zu
beleben; die Monarchie konnte ja nur gerettet werden, wenn
ihren Verteidigern rascher Sieg zufiel, ehe Frankreich zur
fufbietung seiner unermeßlichen hilfsmittel Zeit gewann.
Trotzdem bildete für die maßgebenden politischen Kreise in
Wien und Berlin nicht der Krieg mit Frankreich den Mittel—
punkt der Interessen. Während die heere nur langsam gegen
Frankreichs Grenzen rückten, war die hohe Diplomatie vor⸗
wiegend mit der Frage beschäftigt: Was erheischt unser
Interesse bei dem sich vorbereitenden Verfall des polnischen
Reiches? Wie werden wir bei einer Teilung Polens die
reichste Beute uns sichern?
Es ist hauptsächlich Sybels Verdienst, gezeigt zu haben,
daß weniger die heldentaten der Revolutionsarmeen, als die
Uneinigkeit der Verbündeten und insbesondere die lüsterne
nteilnahme der beiden Mächte an der zweiten Teilung
Polens das bankerotte, von wilder Parteiung zerrissene, aus
tausend Wunden blutende Frankreich gerettet haben.