20 1.Abschnitt. Die große franzosische Kevolution bis zum 18. Brumaire.

der Habgier. An Stelle der von der Furcht diktierten alt—
römischen Nüchternheit trat die Genußsucht der spätrömischen
Zeit. Extreme berühren sich. Auf die mit ihrer Sittenstrenge
prahlenden Jakobiner folgen die schwelgerischen Muscadins
mit ihrem Uleiderputz und die Merveilleuses, deren Costume
à la Grecque sich beinahe nur auf einen Gürtel beschränkte.
Cine von den mit so viel Blut und Greueltat erkauften
Freiheiten nach der anderen wurde unterdrückt, nur ihre
Schattenbilder wurden noch geduldet, den Ruf liberté, égalité,
fraternite verdrängte das Wort gloire, — immer größer,
riesengroß richtet sich ein Mann auf, Napoleon Bona—
parte.
Die Legende dieses Mannes ist durch die kritische For—
schung Lanfreys und Taines zerstört, seine Größe ist dadurch
nicht geschmälert worden. Wenn Frau von Remusat zum
Überdruß schildert, wie klein der große Mann im Privat—
leben sein konnte, wie er auch in jenen Tagen, da er an
Frau Josephine glühende Ciebesbriefe richtete, sich in Liebelei
mit anderen Damen und Dänchen einließ, — wenn Lucien
Bonaparte versichert, daß sein Bruder Stunden vor dem
Spiegel verbrachte, um ein zweckentsprechendes Mienenspiel
einzustudieren, — wenn Lanfrey und Welschinger dartun,
daß die angeblich zum Wohle des Staates und zur Wahrung
des Gesetzes notwendige hinrichtung des armen Enghien nur
ein Akt des strupellosen Egoismus war, — und wenn auf
die hymnen Berangers Barbier mit grausamen Satiren ant⸗
wortet, — er bleibt doch der Held von Austerlitz und Wagram!
Auch der Historiker, der geschichtliche Persönlichkeiten und Er—
eignisse nicht lobpreisen oder verurteilen, der sie nur ver—
stehen und erklären will, muß die Größe des Mannes an⸗—
erkennen, der auf Gestaltung und Geschicke Curopas im
19. Jahrhundert am mächtigsten eingewirkt hat. Nicht der
größte Mann, aber die interessanteste Persönlichkeit des
19. Jahrhunderts.