34 II. Abschnitt. Das Seitalter Napoleons J.

und eine sittliche Wiedergeburt des preußischen Volkes, die
ein rühmliches Blatt der deutschen Geschichte füllen. Nie hat
sich das Dichterwort von dem „großen, gigantischen Schicksal,
welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zer—
malmt“, glücklicher erfüllt. Indem die trotz der furchtbaren
Niederlagen ungebrochenen Volkskräfte selbst herangezogen
wurden, stellten Scharnhorst, Gneisenau, Grolmann, Boyen,
Clausewitz, Koenen die Wehrfähigkeit des Staates wieder her.
Stein schuf einen persönlich freien und auf eigenem Grund
und Boden seßhaften Bauernstand, und durch die Städte—
ordnung von 1808 wurde die Verwaltung der Städte den
Bürgern selbst überlassen. So wandelte sich der Untertan zum
Staatsbürger und wurde ein selbstbewußter Träger des
nationalen Geistes. Im Volksleben rang sich ein tüchtigerer,
kräftigerer Geist, eine ernstere Lebensanschauung empor. Die
Svittenstrenge der Kantischen Philosophie, das nationale Pathos
und der Freiheitsdrang der Schillerschen Dichtungen übten
erhebende Wirkung auf Denken und Fühlen des Volkes.
Schleiermachers Predigten halfen das sittlich-religiöse Leben
vertiefen. Fichte wies den Weg zu einem erhabenen Idealis⸗
mus. Die 1810 gestiftete Berliner Hochschule erblickte im
Gegensatz zur kosmopolitischen Gleichgültigkeit des abge—
laufenen Zeitalters gegen die „Vaterländer“ ihre edelste Auf—
gabe in Belebung patriotischen Sinnes.
Und alle am preußischen Keformwerk tätigen Staatsmänner
und Volksbildner erhofften nichts von der Freundschaft des
Franzosenkaisers, alles von eigener Kraft. „Kein Mensch und
kein Gott“, rief Fichte aus, „und keins von allen möglichen
Ereignissen kann uns helfen, sondern wir selbst müssen uns
helfen, falls uns geholfen werden soll!“ Und die Hochfinnigen
dachten nicht bloß an Preußen, in ihnen war schon der Licht⸗
gedanke lebendig: Deutschland frei vom Napoleonischen Joch,
Deutschland ein kräftiges, einheitliches Ganzes! Sie schenkten
warme Teilnahme dem Befreiungskampf der Tiroler und be—
gleiteten mit heißen Segenswünschen den Sieger von Aspern.
Das Sünglein an der Wage begann zu schwanken.
Doch wieder zwang Napoleon bei Wagram (5. und 6. Juli
1809) den Sieg an seine Fahnen. Die Kaiserstadt Wien mußte
sich zum zweitenmal vor ihm demütigen, wie all die andern
hauptstädte der bezwungenen Fürsten. Die Bedingungen des in