36 II. Abschnitt. Das Seitalter Napoleons J.

sollten. Seitdem hatte aber das Zarenreich nur verhältnis—
mäßig geringen Gewinn erlangt, während ihm durch den
Anschluß an die Festlandsperre die besten Abnehmer russischer
Rohprodukte, die englischen Reeder, verloren gegangen und
in einem neuen polnischen Nationalstaat, dem Herzogtum
Warschau, gefährliche Nachbarn geschaffen waren. Als sich
Alexander durch eigenmächtige Sollbestimmungen für Ruß—
land von den Satzungen des Kontinentalsystems lossagte,
andererseits Napoleon sich weigerte, die Entfernung der mit
den Romanows nahe verwandten oldenburgischen Dynastie
zurückzunehmen, kam es zum Kriege. Napoleon gebot über
die Kräfte von halb Europa; auch Osterreich und Preußen
leisteten ihm Hheeresfolge. Der Feldzug von 1812 brachte keine
eigentliche Entscheidung; die russische Heeresmacht blieb trotz
wiederholter Niederlagen unerschüttert; der ECinzug in das
„heilige Moskau“ wurde ein Wendepunkt; der Rückzug brachte
der „großen Armee“ den Untergang. Napoleon selbst war
nach dem Übergang über die Beresina nur auf die eigene
Kettung bedacht; als Flüchtling verließ er am 5. Dezember
die Seinen, um so rasch wie möglich in seine hauptstadt
zurückzukehren; wie in ügypten opferte er unbedenklich seine
Feldherrnpflicht politischen Rücksichten.
Der Sieger in hundert Schlachten ließ hochmütig das Mene—
tekel auf den russischen Schneefeldern unbeachtet, und so folgte
denn rasch das Ende des Dramas, das mit dem 18. Brumaire
begonnen hatte.
Die tragische Schuld des Helden bildet der hoffärtige Starr—
sinn, der sich in ihm infolge seiner unglaublichen Triumphe
auf militärischem und politischem Gebiete ausgebildet hatte,
das superstitiöse Vertrauen auf seine Unüberwindlichkeit, der
Wahn, daß er niemals sich fügen, daß er nur herrschen und
befehlen dürfe.
Am 30. Dezember 1812 schloß der preußische General—
leutnant Graf York von Wartenburg in der Mühle zu Po—
schorun bei Tauroggen mit dem Russen Diebitsch einen Ver—
trag, wodurch für das unter dem Oberbefehl des Marschalls
Macdonald stehende preußische Korps von den Russen Neu—
tralität zugesichert wurde. Es war ein rein militärisches
sAbkommen, doch fehlte bei Nork nicht die politische Tendenz:
es sollte der erste Schritt sein zur Abkehr von der feigen Ge—