38 II. Abschnitt. Das Zeitalter Napoleons J.

den berühmten, von Staatsrat v. Hippel verfaßten Aufruf
des Königs, der in schwungvollen Worten den Abfall von
Napoleon verkündete und zur Verteidigung des Vaterlandes
aufforderte: die „Kückkehr zur Wahrheit“, wie Schleiermacher
es nannte, hatte sich Bahn gebrochen! Am 16. März erfolgte
die Kriegserklärung. Die erste größere Schlacht bei Groß—
Görschen in Sachsen am 2. Mai endete mit dem Sieg Na—
poleons; mochte Blücher noch so zornig wettern — der Rück—
zug hinter die Elbe mußte angetreten werden, Sachsen blieb
ein Vasall Napoleons. Auch die Schlacht bei Bautzen am
20. Mai brachte keinen günstigeren Erfolg, doch in diesem
ängstlichen Augenblick wurde endlich der Beitritt Osterreichs
zu den Verbündeten perfekt. Im Vertrauen auf eine Über—
macht, die ja allmählich erdrückend werden mußte, konnte
zu neuem Waffengang geschritten werden. Unterhandlungen,
die im Juli angeknüpft wurden und zu den Prager Konfe—
renzen führten, blieben erfolglos.
Die von den Verbündeten angebotenen Friedensbedingungen
waren für Napoleon so günstig wie denkbar. Trotzdem lehnte
er sie entrüstet ab. „Will man von mir, daß ich mich ent—
ehre?“ sagte er zu Metternich in der denkwürdigen Dresdner
Unterredung. „Das werdet ihr von mir nicht erleben! Eure
auf dem Thron geborenen Souveräne können sich zwanzig—
mal schlagen lassen und dennoch immer wieder in ihre
hauptstädte zurückkehren. Ich aber bin nur ein Sohn des
Glücks; ich würde aufgehört haben zu regieren an dem Tage,
wo ich aufgehört hätte, allen zu imponieren!“
Auch im Süden Deutschlands war inzwischen die bittere
Erfahrung gemacht worden, daß mächtige Adler zwar breite
Fittiche, aber auch scharfe Krallen haben. Die Fürsten hatten
einsehen gelernt, daß sie unter Napoleons Protektorat nur
wenig von den Präfekten des engeren Frankreichs sich unter⸗
schieden, und die Völker empfanden nicht mehr mit Stolz,
sondern mit Scham und Sorn, daß Tausende von Landes—
kindern für fremden Ehrgeiz geopfert wurden. Das erwachte
Bewußtsein der Bedrückung ließ auch die Sachsen und Bayern
und Schwaben in den vor kurzem noch mit Gleichgültigkeit oder
Abneigung betrachteten Scharen Yorks und Blüchers ihre na—
türlichen Bundesgenossen erkennen, und an ihre Seite tretend,
wuschen sie die Makel der Verwelschung von ihren Waffen.