Die Freiheitskämpfe der europäischen Nationen. 39

Noch einmal leuchtete der Stern Napoleons heller auf in
den Kämpfen bei Dresden (26. und 27. August 1813), doch
er selbst unterschätzte zu sehr die Bedeutung seines Sieges;
er blieb zum erstenmal und jetzt zur Unzeit in der Defensive.
Inzwischen wuchs von Tag zu Tag die Sahl, die Übermacht
seiner Feinde; er erkannte, daß er diese Völkermassen nicht
mehr aufzuhalten vermöge. „Mein Schachbrett ist in Ver—
wirrung gekommen!“ raunte er Marschall Marmont zu. Die
Gewißheit des Mißerfolgs beugte den starken Geist zu Boden.
Halbe Tage saß der sonst Unermüdliche im Schloß zu Düben
apathisch auf dem Sofa, nur damit beschäftigt, einen Bogen
nach dem andern mit großen Buchstaben vollzukritzeln. „Man
erkennt den Kaiser in diesem Feldzug nicht wieder!“ klagte
Marmont. Wie die Dinge lagen, konnte auch wohl das ge—
schickteste Manöver die Zusammenwirkung der feindlichen
Armeen nicht mehr hindern. Strategisch war er bereits be—
siegt; die Tage von Leipzig, 16., 18. und 19. Oktober 1813,
brachten nur die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung.
Der Sieg der Verbündeten war das Signal zu allgemeiner
Erhebung der von Frankreich unterworfenen oder doch davon
abhängigen Völker. Die Politik der Kabinette verschwand
neben dem elementaren Drang des Völkerwillens nach Un—
abhängigkeit.
Die Verbündeten schlossen sich am 9. September zu Teplitz
enger aneinander durch Verträge, in welchen die Beschränkung
der französischen Herrschaft auf das linke Kheinufer als Grund—
lage des Friedens in Aussicht genommen war. Doch die Ver—
schiedenheit in den übrigen Absichten und Sielen der Ka—
binette trat alsbald zutage. Preußen und Rußland wollten
eine entschlossene Angriffspolitik verfolgen, während Oster—
reich und England eher hemmend als fördernd wirkten und
nur eine Einschränkung, nicht die Beseitigung der herrschaft
Napoleons anstrebten. Die Rheinbundfürsten traten freiwillig
oder notgedrungen zu den Verbündeten über; König Fried—
rich August von Sachsen wurde, weil er sich weigerte, dem
Bündnis mit Napoleon zu entsagen, nach der Schlacht bei
CLeipzig als Gefangener behandelt; die von Napoleon ab—
gesetzten Fürsten nahmen wieder Besitz von ihren Ländern.
Gneisenaus Plan, direkt auf Paris loszugehen, erschien den
Vertretern der alliierten Mächte allzu verwegen, doch wurde