44 III. Abschnitt. Restauration und Verfassungskämpfe.

pflichten würden, nach den Grundsätzen der christlichen Re—
ligion — wobei es natürlich darauf ankam, was unter
Christentum verstanden wurde! — und zum S«chutz dieser
Grundjsätze sich gegenseitig Beistand zu leisten.
Doch mochte man von seiten der Machthaber die Schlag—
worte Freiheit und Menschenrechte in Acht und Bann er—
klären, mochte man Napoleons Eroberungen zurückgeben und
Frankreich auf den Umfang vor den Koalitionskriegen zurück—
drängen, — die der Revolution zugrunde liegenden Ideen
waren aus dem Gedankenkreis der Völker nicht mehr aus—
zutilgen. Die Forderung Mirabeaus, daß dem Volke zur
Abwehr von Willkür und Bedrückung und Mißwirtschaft ein
Anteil an der Regierung gebühre, der konstitutionelle
Gedanke verschwand nicht mehr von der Tagesordnung, und
das Verlangen der Völker nach Gewährung und Ausbau einer
Verfassung wird die eine mächtige Triebfeder der politischen
Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten, der Drang nach
nationaler Vereinigung und Zentralisierung die andre.
Eine Reihe schwieriger Fragen war von den in Wien ver—
sammelten Vertretern der größeren Staaten Curopas zu lösen.
Das Diplomatenwerk ging denn auch nur langsam vorwärts.
Es hatte den Anschein, als ob die Monarchen und Mminister
Europas sich nur versammelt hätten, um das fröhliche Wiener
Leben zu genießen; bekannt ist das Spottwort des österreichi—
schen Feldmarschalls Fürsten von Cigne: „Le congrès danse
beaucoup, mais il ne marche pas!“ Die schwierigste Frage
war die preußisch-polnische. Kußland hatte dem preußischen
Kabinett seine Verwendung zugesichert, daß der größte Teil
Sachsens, dessen Monarch durch allzu zähes Festhalten am
Rheinbund den Anspruch auf sein Knigreich verwirkt habe,
mit Preußen vereinigt werden sollte; Friedrich August sollte
durch ein Königreich auf dem linken Kheinufer entschädigt
werden. Der noch immer gefangene König protestierte aber
gegen diesen Tausch, und auch die Westmächte, sowie Osterreich
und Bayern wollten die Integrität Sachsens aufrecht erhalten.
Die gefährliche Spaltung in dieser Frage schien die Sprengung
des Kongresses nach sich zu ziehen, ja, ein neuer Weltkrieg
war in drohende Nähe gerückt. Die Westmächte schlossen am
3. Januar 1815 mit Osterreich ein geheimes Bündnis, defsen
feindliche Spitze gegen Preußen und Rußland gerichtet war.