Die Neugestaltung Deutschlands. 45
Doch die Nachricht von der Landung Napoleons in Frankreich
stellte die Cinigkeit unter den Mächten wieder her, und unter
dem Eindruck der gemeinsamen militärischen Erfolge gelang
es, in der sächsisch-polnischen Frage einen Ausgleich herbeizu—
führen. Preußen begnügte sich mit einem beträchtlichen Teile
Sachsens und erhielt seine alten linksrheinischen Besitzungen
zuruͤck und dazu noch den größten Teil des Kurfürstentums
Röln, nassauische Territorien und französische Gebietsteile an
Mosel und Maas; von Dänemark tauschte es Schwedisch-Pom-—
mern für Lauenburg ein. HAuch England gab seine Forderung
der Wiederherstellung des Polenreiches auf, und Friedrich
August trat das Herzogtum Warschau an Rußland, das Po—
sensche Gebiet an Preußen ab; Krakau wurde als Freistadtbe—
zirk erklärt, Galizien mit seinen einträglichen Salzbergwerken
an Osterreich abgetreten. Außerdem erhielt Kaiser Franz zur
Entschädigung für den Verlust Belgiens die Gebiete von Mai—
land, Mantua, Venedig und Veltlin, die zu einem lombardisch⸗
venezianischen Königreich vereinigt wurden.
Ein nicht minder schwieriger, sorgenreicher Beratungsgegen⸗
stand war die Neugestaltung Deutschlands.
Wenn man berücksichtigt, mit welch stumpfer Gleichgültig—
keit das deutsche Volk den Zusammenbruch des alten Reiches
betrachtet hatte, so wirkt es überraschend, daß der Befreiungs⸗
kampf gegen Napoleon eine so erregte und gehobene Stim⸗
mung in allen Kreisen wachrief. Nach dem glücklichen Aus—
gang gab sich das Volk der frohen Zuversicht hin, daß nun
auch die Fürsten, vom mächtigen Drang des Seitgeistes erfaßt,
eine feste Cinigung des Vaterlandes anstreben würden. Es
tauchten die mannigfaltigsten Pläne auf, wie die Gefahren
der Vielherrschaft abzuwenden seien, ohne die alterworbenen
historischen Rechte umzustoßen. Viele entschieden sich für den
Foͤderativstaat, bei weitem die Mehrheit aber vereinigte sich
im Rufe: Kaiser und Reich! — Nur jene Begeisterung, die
auch den Nüchternen zum Schwärmer gewandelt hatte, konnte
übersehen lassen, wie wenig die tatsächlichen Verhältnisse dazu
angetan waren, den idealen Volkswillen zur Tat werden zu
lassen. Der klaffende Dualismus, die Nebenbuhlerschaft zwi⸗
schen österreich und Preußen, war ja durch die von den ver—
bündeten Armeen in Frankreich erkämpften Siege nicht aus
der Welt geschafft. Schon an dieser Klippe mußten alle jene