46 III. Abschnitt. Restauration und Verfassungskämpfe.

patriotischen Hoffnungen scheitern. Die Tradition war zwar
noch immer mächtig genug, daß nicht bloß der ganze Süden
die Wiederaufrichtung des Kaiserthrones Franz' II. wünschte
und erwartete, sondern auch in vielen Ortschaften Mittel- und
Norddeutschlands das Geburtsfest des Kaisers wieder gefeiert
wurde. Dagegen wurde von andern darauf hingewiesen, daß
ein Staat, der noch vor kurzem einen Friedrich den Großen
zum Regenten gehabt hatte, der auch am großen National⸗
werk der Befreiung den Löwenanteil beanspruchen durfte, nicht
mehr in eine zweite Rangstufe in Deutschland einzureihen sei.
Um diesen Uampf der Meinungen und Wünsche des Vol⸗
kes kümmerten sich aber die Lenker der Geschicke Curopas auf
dem Wiener Uongreß ganz und gar nicht. Nur die kleinsten
Fürsten, die davon Schuß für ihre eigene Herrschaft erwarteten,
griffen den Kaiserplan auf. Preußen verhielt sich aber ab—
lehnend gegen jede Art von Unterordnung, und Osterreich
zeigte um so weniger Lust, die deutsche Kaiserkrone wieder
zu übernehmen, da Metternich, der allmächtige Leiter der
oͤsterreichischen Politik, von einer engeren Verbindung mit den
„von französischem Geist angesteckten Kheinbundstaaten“ ge⸗
fährlichen Einfluß auf die österreichischen Untertanen befürch—
tete. Die öffentliche Meinung beachtete auf dem Kongreß nie—
mand, und die Veröffentlichung der Bundesakte vom 8. Juni
1815, die nur ein loses völkerrechtliches Band um die Glieder
des alten Reiches knüpfte, setzte allen patriotischen Hoffnungen
ein Ende.
„Wenn Napoleon,“ so sagt Metternich in seiner Auto—
biographie, „das Prinzip der Revolution, des Krieges, der Er⸗
oberung war, so ist der Wiener Kongreß das Prinzip der
Rechtmaäßigkeit, des Friedens, der Erhaltung.“
Entspricht aber diese Versicherung der Wahrheit? Srei—
lich, solange der Kampf und die Gefahr dauerten, fehlte in
keinem Aufruf die Versicherung, daß man nur um die Kechte
und Freiheiten und um die Unabhängigkeit der Völker Krieg
führe. Allein der Erfolg hat von jeher nachteilig auf das
Gedächtnis gewirkt. Die fünf Großmächte, welche die Neu⸗
ordnung seloͤstherrlich in die hand nahmen und zu Wien mit
Cand und Leuten einen schwunghaften handel trieben, blieben
in bezug auf Ländergier und Willkür hinter ihrem Erzfeinde
nicht zurück. Um das Meisterwerk Metternichs, der mit dem