Die Neugestaltung Deutschlands. 47

Schlagwort conservation vor allem den Nutzen Osterreichs zu
betreiben suchte, und des bekehrten Jakobiners Talleyrand,
der mit dem Schlagworte légitimité von seinem neuen Schütz—
ling Ludwig XVIII. jede Einbuße abzuwenden wußte, nach
ihrem wahren Wert zu würdigen, braucht man nur die Karte
von 1815 mit ihren groben Sünden am Blut und an den
Überlieferungen und Gefühlen der Volksstämme zu betrach—
ten. Finnland mußte bei Rußland bleiben, Norwegen bei
Schweden; Belgien und holland, zwei in Sprache, Sitte und
Keligion grundverschiedene Völkerschaften, wurden zusammen⸗
geschweißt, Lombardo-Venetien fiel an Osterreich, obwohl es
als ausgeschlossen gelten konnte, daß die herrschaft des te—
desco hier sich einwurzeln werde. Die durch die Teilung
Polens geschaffenen Schwierigkeiten wurden durch die neue
Regelung nicht gehoben, sondern verschärft. Und so fehlte es
denn auch in der Folge in den „Friedensjahren“, auf welche
sich Metternich so viel zugute tut, selten an Unruhen und
ARufständen, bald in Polen, bald in Neuenburg, bald in der
Combardei, bald in den Niederlanden.
nicht gerechter und einsichtiger verfuhr man bei der Ord⸗
nung der inneren Staatszustände. Damals rief der große
Münchner Kechtsgelehrte Anselm von Feuerbach den Fuͤrsten
die schöͤne Mahnung zu: „Höret auf, die Herren eines willen⸗
losen Maschinenwerkes, genannt absoluter Staat, sein zu
wollen; zieht es vor, geliebte Regenten dankbarer, weil den—
kender Pölker zu sein!“ Doch wie weit entfernt waren die
Gewalthaber von Wien, den Vorteil eines solchen Zugeständ⸗
nisses einzusehen! Zwar kam das Versprechen, daß alle deut—
schen Bundesstaaten Verfassungen erhalten sollten, dank einer
augenblicklichen, durch Napoleons Flucht von Elba geschaffe—
nen Konstellation als Artikel 13 sogar in die Bundesakte,
allein das Gelöbnis blieb in Preußen und in Osterreich ein—
fach unbeachtet, und die Regenten der kleineren Staaten, die
ihren Untertanen Verfassungen verliehen, hatten in der näch—
sten Zeit unter dem Mißtrauen und der Mißgunst der kon—
servativen Großmächte schwer zu leiden.
Rasch verflog die nationale Begeisterung. Die „Kestau—
ration“ wurde in den maßgebenden Kreisen dahin verstanden,
daß „gut“ nur das Bestehende, das Beste die einfache Unbeweg⸗
lichkeit sei, daß jede Bewegung zum Jakobinismus führen