54 IV. Abschnitt. Das Vordringen des französischen Ciberalismus.

Doch die Bande der Heiligen Allianz waren schon lockerer
geworden. Die englische Regierung stand jetzt noch entschie—
dener abseits von den konservativen Großmächten des Kon—
tinents, als in der Ara Wellington, und sogar zwischen Ruß—
land und Osterreich war durch gegensätzliche Haltung in der
orientalischen Frage eine Entfremdung aufgewachsen. Nur
Zar Nikolaus hielt an ablehnender haltung gegen das Liebes—
werben Cudwig Philipps fest; die übrigen Mächte erkannten,
eine nach der anderen, den Usurpator, den Barrikadenkönig an.
Damit war die Möglichkeit gegeben, daß die Julirevolution
auch auf andere Staaten wirkte. Sogar auf denjenigen, der in
stolzem Begnügen an seiner eigenen geschichtlichen Entwick—
lung am schroffsten die neufränkische Freiheit abgewehrt hatte,
auf England. Unter dem Einfluß der Julirevolution voll—
zogen sich hier Reformen, an denen bisher die entschlossensten
Staatsmänner gescheitert waren, die Uatholikenemanzipation,
die von Großbritannien endlich die Schmach häßlicher Unduld—
samkeit nahm, das Werk des Irenführers O'Connel, und die
Reformbill, die eine Reihe von veralteten, reaktionären Ver—
fassungsbestimmungen aufhob, das Werk des freisinnigen
Cords Russell. Die Neugestaltung wurde 1832 abgeschlofsen
durch den Sieg der Whigs im UKabinett selbst, durch die Er—
hebung Lord Palmerstons, der dann lange Jahre hindurch im
Sinne des Liberalismus, freilich nur solange der Liberalismus
dem englischen Interesse entsprach, auf die Entwicklung der
europäischen Verhältnisse maßgebenden Einfluß übte. — —
Eine Nachwirkung der Juli-Ereignisse in Paris trat auch
in der Brüsseler Revolution zutage. CLangwierige Kämpfe
führten endlich zur Unabhängigkeit der südlichen Provinzen.
Der vorwiegend katholische Agrikultur- und Industriestaat Bel—
gien mußte von der Zugehörigkeit zum protestantischen und
——
Auch in verschiedenen deutschen und italienischen Städten
folgten Unruhen und Aufstände.
In Italien stand bereits der Einheitsgedanke im Vorder—
grund aller Wünsche und Pläne. Seitdem die schon von
Macchiavelli mit leidenschaftlicher Wärme vertretene Forde—
rung der Italia unita in der Napoleonischen Zeit eine wenn
auch unvollkommene und beschränkte Erfüllung gefunden
hatte, bewegte der Gedanke, Italien von der herrschaft der