Die nationalen und liberalen Ideen in Italien und Deutschland. 55

Psterreicher und der fremden Dynastien zu befreien, die herzen
des italienischen Volkes mit elementarer Gewalt. Die ganze
italienische Geschichte von 1815 bis 1870, wie das Leben der
einzelnen hervorragenden Männer geht in diesem Sinnen und
Trachten auf. Unablässig folgen aufeinander Verschwörungen
und Aufstände der Carbonaria und anderer Geheimbünde.
Keine noch so grausame Unterdrückung vermochte den Wagemut
zu brechen, keine noch so bittere Enttäuschung die patriotischen
hoffnungen auszulöschen. Auch eine erstaunliche literarische
Propaganda war auf die moralische und politische Erneue—
rung der Nation gerichtet; Roman und Drama, Ode und
Ssatire, Zeitung und Gelehrtenarbeit mußten ihr dienen. Der
Periode eines scheinbar aussichtslosen politischen Kampfes ver⸗
dankt Italien seine glänzendsten Schriftsteller: Manzoni, Leo—
pardi, Massimo d'Azeglio, Gioberti, den größten Staatsmann
Cavour, den Erzverschwörer Mazzini, den Nationalhelden
Garibaldi. Allen diesen Männern stand das freie und ge—
einigte Vaterland als Ideal vor der Seele noch lebhafter, als
den großen Geistern des 16. Jahrhunderts, und wenn die
Männer der Neuzeit auch nicht die Genialität der Männer
der Renaissance, der Macchiavelli und Poggio besaßen, so
war ihr Streben um so reiner und selbstloser. Trotzdem
würde aller Opfermut fruchtlos geblieben sein und schließ—
lich in verschwommenen Kosmopolitismus sich verflüchtigt
haben, wenn nicht eine italienische Dyn ast ie das Einigungs—
werk mit starker hand ergriffen hätte. In erster Keihe ist es
dem zielbewußten Cavour zu danken, daß auf eine lange Pe—
riode des Leidens und der Opfer die Zeit des Sieges und der
Erfüllung folgte. — —
Die deutsche Bewegung der dreißiger Jahre war von
jener nach den Befreiungskriegen gründlich verschieden. Unter
der Einwirkung der Julirevolution hielten nur noch wenige
am Gedanken einer nationalen Einigung unter einem Reichsoberhaupt
 fest. Die meisten „Sprecher des Volks“ waren Be—
wunderer der schimärischen Freiheit und Gleichheit der Neu—
franken von 1793. Das junge Deutschland schwärmte für Ver—
einigte Staaten Europas, für Völkerlenz und Völkerverbrüde—
rung. Der läppische Frankfurter Putsch von 1833 beweist,
wie wenig jene Politiker, die den Baum fällen wollten, um
die Apfel zu pflücken, auf die nächstliegenden Gebote der Klug-