56 IV. Abschnitt. Das Vordringen des französischen Ciberalismus.

heit achteten, beweist, daß positive Kesultate von den ham—
bacher Wallfahrern weder für die Freiheit noch für die Ein—
heit zu erwarten waren. — —
Doch nicht bloß auf rein politischen, auch auf anderen
Gebieten gingen wichtige Strömungen von Frankreich aus.
Man hätte glauben sollen, daß das Zeitalter der Aufklärung
und das ZSeitalter der großen französischen Revolution den
alten Kirchenglauben verdrängt oder doch wesentlich geschwächt
hätten. Allein gerade der Radikalismus, der alles Uirchen—
tum bis auf die letzte Faser ausrotten wollte, rief auf kirch—
lichem Gebiete ebenso wie auf politischem einen Rückschlag
hervor. In der Zeit der Befreiungskriege trat bei vielen ein
Geist wahrer aufrichtiger Religiosität, bei vielen ein krank—
hafter Muystizismus an die Stelle der Libertinage des Revo—
lutionszeitalters. Beide Elemente trugen zur Schöpfung der
Heiligen Allianz bei, aber mächtiger als in den verbündeten
Staaten schwoll die kirchliche Strömung in Frankreich an.
Chateaubriand, de Bonald, de Maistre erblickten in unbeding—
ter Unterwerfung unter die unfehlbare Papstkirche die Rettung
der Gesellschaft. Lamennais stellte ein theokratisches Programm
 auf, dessen Spitze sich ebenso gegen den Gallikanismus
wie gegen den Staat und seine Gesetze richtete. Während die
eine kirchliche Kichtung, die in de Maistre ihren Hauptver—
treter hatte, Wiederaufrichtung der absoluten Gewalt an—
strebte und folgerichtig sich mit der politischen Reaktion ver—
bündete, ging durch Lamennais' Lehre von Anfang an ein
demokratischer Zug. Lamennais wollte die Freiheit der Kirche
vom Staat, unbedingte Freiheit des Unterrichts, der Presse,
des Vereinswesens; er wollte den Bund der Kirche mit der
Demokratie noch offener und rücksichtsloser ausgebildet wissen,
als der Ire O'Connel und die Belgier Potter und Merode.
Als er demgemäß nicht bloß mit den galllkanisch gesinnten
Bischöfen, sondern auch mit Kom sich entzweite und ebenso
wegen seiner Verhetzung der Armen gegen die Reichen auch
vom Staat in Strafe gezogen wurde, fuhren seine Schüler,
Abbé Lacordaire, Graf Montalembert, Graf de Caux und
andre fort, am Bündnis des Katholizismus mit der Freiheit
festzuhalten. Sie verlangten unbedingte Unterrichtsfreiheit.
sAls ihnen erwidert wurde, daß ihre Forderung gegen die Ge—
setze des Staates verstoße, wurde von ihnen ein feindlicher