Wechselnde Strömungen in der katholischen Kirche. 57

Gegensatz zwischen dem Staat und der — nach Ansicht der
ultramontains, wie sie sich selbst nannten — unwürdig be—
handelten Kirche beklagt und zur Abwehr der „Christenverfol—
gung“ aufgerufen.
Ahnliche Tendenzen breiteten sich auch in den Nachbarstaaten
aus. In Köln machten sie einen Kampf entbrennen, der eine
Zeitlang die Leidenschaft der Religionskriege wiederzuer—
wecken drohte. Insbesondere die Frage der gemischten Ehen
wurde hier von den nur nach kanonischen Rechtsgrundsätzen
sich richtenden Kurialisten, an deren Spitze Erzbischof Klemens
Sreiherr von Droste-Vischering selbst stand, so einseitig auf—
gefaßt, daß es in einem paritätischen Staat Anstoß erregen
mußte. Nach mehrfachen, nicht einwandfreien Versuchen zu
friedlicher Beilegung des Streites glaubte die RKegierung mit
Strenge vorgehen zu müssen: Erzbischof Droste wurde am
20. November 1837 als Gefangener auf die Festung Minden
abgeführt. Dieser Gewaltakt führte jedoch nicht die Beile—
gung, sondern eine Verschärfung des Streites herbei. Auf
römischer Seite wurde der Gefangene als Märtyrer gefeiert;
auf regierungsfreundlicher Seite begnügte man sich nicht, die
staatsfeindlichen Ausschreitungen der Gegner zurückzuweisen,
sondern begann einen gehässigen Kampf gegen die katho—
lische Kirche. Erst nach dem Regierungsantritt Friedrich Wil—
helms IV., der auch das katholische Element nicht als Bundes—
genossen zur Stärkung des Christentums missen wollte, ge—
lang es, den Kölner Handel zu schlichten. Nachdem Droste er⸗
klärt hatte, sich dem Urteil des Papstes zu unterwerfen, wurde
der Bischof Geissel von Speyer zum Koadjutor ernannt und
war tatsächlich Drostes Nachfolger, wenn dieser auch mit Recht
erklären konnte, daß er nach wie vor als der rechtmäßige
Erzbischof zu gelten habe. —
Die privilegierten Stände in Frankreich hatten ihre Vor—
rechte durch die große Revolution verloren, und ihre Wieder—
einsetzung war durch die Julirevolution verhindert worden.
Doch der Bürgerkönig, wie ihn seine Anhänger, der Börsen—
könig, wie ihn seine Gegner nannten, war dazu behilflich,
daß sich nun die reiche Bourgeoisie zur herrschenden Macht im
Staate aufschwang. Das neue Optimatentum schloß sich vom
vierten Stande, der doch in der Julirevolution fast allein seine
haut zu Markte getragen hatte, nicht minder hochmütig ab,