58 V. Abschnitt. Das Vordringen des französischen CLiberalismus.

wie früher die noblesse d'épée. Dafür rächte sich das Prole—
tariat, indem es ebenso exklusiv Todfeindschaft schwor nicht bloß
den eigentlichen Bedrückern, sondern den Besitzenden insgesamt.
Die bürgerliche Gesellschaft hatte kein Auge für die Zu—
rücksetzung, für die Not der Arbeiter. Diese Sünde trägt die
Schuld am Klassenhaß des Proletariats, der sich zu einem so
unheilvollen Faktor der inneren Lage aller Staaten aus—
wachsen sollte. Es ist leider nicht unberechtigt, wenn die Führer
der sozialistischen Bewegung behaupten, es wäre wohl niemals
zu einer gerechteren Verteilung des CLohnes der Arbeit gekom—
men, wenn nicht der vierte Stand selbst sich drohend auf—
gerichtet und sein Kecht verteidigt hätte. Sogar den Bürger—
namen, der in den düstersten Tagen der großen Revolution
als Ehrenname für jeden Angehörigen der Nation gegolten
hatte, warfen nun die Unzufriedenen von sich. Tatsächlich ge—
lang es ihnen, allenthalben eine Reform des Verhältnisses
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer anzubahnen, was jeder
Ehrliche nur mit Genugtuung gutheißen kann. nNichtsdesto—
weniger bleibt es eine politische Monstrosität, daß eine Partei
ohne Rücksicht auf Wohl und Wehe des Ganzen nur ein ein—
seitiges Klasseninteresse vertritt, als ob es in anderen Stän—
den nicht auch Not und Sorge und Gram und Tod gäbe, als
ob die schwielige Hand das einzige Zeugnis ehrlicher Mit—
arbeiterschaft am vielverzweigten Werk der Sivilisation wäre!
Auch bedurfte es, um das Proletariat zu einer politischen
Macht zu erheben, erst der aus den oberen Gesellschafts—
schichten herabsickernden Ideen. Die Emanzipationstheorien
der George Sand, die naturalistischen Schilderungen aus dem
Gossenleben der Armen und Elenden in den Romanen von
Eugen Sue und andere literarische Erscheinungen haben dazu
beigetragen, den Sozialismus zu stärken. Die nämliche Wirkung
hatten die Systeme des Grafen St. Simon, der den auf Gewalt
und Unterdrückung gestützten Staat durch einen Arbeiterstaat
ersetzen wollte, und seiner Schüler Comte und Enfantin, die aus
der phantastischen Lehre praktische Folgerungen zogen, Ab—
schaffung des Erbrechts, Befreiung des Weibes u. a. Der Kom—
munismus des Francçois Babeuf lebte wieder auf in den Theo—
rien der Buonarotti und Cabet, und Proudhon entfesselte
durch seine berühmte Frage: „Was ist Eigentum?“ und die
Antwort: „Eigentum ist Diebstahl!“ den haß gegen das Na⸗