60 IV. Abschnitt. Das Vordringen des französischen Ciberalismus.

staaten ihre Kontingente im Kriegsfall unter preußisches Kom—
mando stellen sollten.
Solche Wirkung ihres Säbelklirrens hatten Thiers und die
Seinen nicht erwartet. Frankreich stand isoliert, denn die
entente cordiale der Westmächte, die Talleyrand mit heißem
Bemühen in die Wege geleitet hatte, war rasch zerstoben, als
Palmerston gewahr wurde, daß Frankreich ebenfo lüstern nach
Agypten wie nach der Rheingrenze blicke. Durfte doch Eng⸗
land die CLandenge von Suez schon um Indiens willen nicht in
fremde Hände gelangen lassen. Als Thiers trotzdem dem König
eine Thronrede vorlegte, welche den Feinden Frankreichs den
Fehdehandschuh hinwarf, weigerte sich Louis Philipp, alles
auf eine Karte zu setzen. An Stelle Thiers' wurde Guizot
berufen, und der neue Leiter der auswärtigen Angelegenheiten
vermittelte für Frankreich aus der bedrohlichen Krisis einen
glimpflichen Rückzug.
Sobald aber für die deutschen Staaten die äußere Gefahr
verschwunden war, hatte auch der Patriotismus der Regie—
rungen ein Ende, und das Ministerium Cichhorn in Berlin
wie das Ministerium Abel in München erschraken vor den
Gefahren eines Weges, auf den einst demokratische Sturm—
gesellen hingewiesen hatten.
Doch die Sehnsucht nach einer innigeren Gemeinschaft der
deutschen Stämme wollte trotz alledem nicht mehr erlöschen,
und zwar vollzog sich eine eigentümliche Wandlung. Während
in den dreißiger Jahren Frankreich dem deutschen Liberalis—
mus als Muster und Vorbild gegolten hatte, war diese Ver—
ehrung seit dem Vorstoß des französischen Chauvinismus gegen
Deutschland verblaßt. In den dreißiger Jahren kosmopoli—
tisch und republikanisch, in den vierziger Jahren national und
liberal; dieser Gegensatz ist scharf ausgeprägt. Die natio—
nalen Wünsche waren freilich noch immer unklar und ver—
schwommen. Das Arndtsche Baterlandslied ist dafür charak—
teristisch. Welch wunderlicher Pangermanismus in einer
Zeit, da die kleinen und kleinsten, wie die großen und
mittleren deutschen Staaten fast nichts Gemeinsames hatten,
außer daß über politische Verbrechen von sämtlichen Polizeibehörden
 an die große Mainzer Zentraluntersuchungskommission
berichtet wurde! Ohne S5weifel hat aber das Singen dieser
Daterlandslieder, das Cautwerden volkstümlicher Schlagworte