62 IV. Abschnitt. Das Vordringen des französischen Ciberalismus.

abzuwarten!“ Das Wort Entwicklung hatte bisher gefehlt im
Metternichschen Wörterschatz. Er selbst hatte, als es im irchen—
staat gärte, dem Papst zu staatlichen Keformen geraten; er
hatte den Verfassungsbruch in Hannover und das selbstherrliche
Vorgehen Ernst Augusts gegen die Göttinger Sieben und den
Osnabrücker Bürgermeister Stüve wenigstens nach außen ge—
mißbilligt. Doch für Osterreich und das von Osterreich be—
einflußte italienische Machtgebiet ließ er diese Wahrheiten nicht
gelten; da blieb seine Politik starr, herrisch, exklusiv. Die
Wiener Politik bewegte sich immer in einem falschen Kreis—
schluß. Osterreich sollte die deutsche Vormacht bleiben, der Ein⸗
fluß Preußens im übrigen Deutschland bekämpft werden, aber
zugleich wurde daran festgehalten, daß Osterreich einen in sich
abgeschlossenen Staat bilde; alle Verbindungen mit dem „Keich
draußen“ wurden argwöhnisch beobachtet. „nur keine ünde—
rungen, nur keine Neuerungen!“ Kaiser Franz war pflicht⸗
treu und eifrig, aber freilich mehr wie ein Vogt oder Amt—
mann, nicht wie ein Beherrscher weitgedehnter Keiche. Nach
Franz' II. Tod, unter Ferdinand wurde es nicht besser, sondern
schlimmer. Der physisch und geistig schwächliche Ferdinand war
nicht die geeignete Persönlichkeit, das Metternich-Sedlnitzkysche
Polizeiregiment auf eine höhere Stufe zu erheben.
Diese Zustände in Osterreich erklären in erster Reihe, daß
die auf eine festere Zentralisierung gerichteten Wünsche der
Deutschen häufiger und entschiedener auf denjenigen Staat sich
richteten, der sich, weil er gänzlich in Metternichsches und noch
mehr in russisches Fahrwasser einlenkte, der Gunst der Libe—
ralen bisher am wenigsten erfreut hatte, auf Preußen.
Es ist bezeichnend, mit welch überschwenglichen Hoffnungen
nach dem Tode Friedrich Wilhelms III. (7. Juni 1840) der
Nachfolger, Friedrich Wilhelm JIV., begrüßt wurde. Der
Pommer Robert Prutz, der hannoveraner Hhoffmann von
Fallersleben, der Hesse Dingelstedt, der Detmolder Freilig—
rath und viele andere feierten ihn als deutschen Messias. So—
gar herwegh apostrophierte ihn:

„Die Hoffnung Deutschlands steht zu dir,
feft, wie nach Norden weist die Nadel!
O Herr! Ergreife das Panier,
noch ist es Zeit, noch folgen wir,
noch soll verstummen jeder Tadel!“