Das Ende des Bürgerkönigtums in Frankreich. 65

auf alle Kreise entsittlichend wirke. Und auch Frankreich
wurde, wie Italien, unterwühlt von geheimen Gesellschaften,
deren Ideal die Kepublik oder der Kommunismus oder die
Vereinigung von beiden war. Die Gegnerschaft gegen ein Ke—
giment, das, wie der Exminister Thiers 1847 schrieb, zu seinem
Wesen und seinen Überlieferungen in geradem Widerspruch
stehe: „ghibellinisch in Rom, jesuitisch in Bern, österreichisch
in Piemont, russisch in Krakau und Warschau, französisch nir—
gendwo“, — nahm immer bedrohlicheren Charakter an. Die
nach der Ablehnung einer Keform des Wahlgesetzes von den
Antragstellern veranstalteten sogen. Reformbankette leiteten
die revolutionäre Bewegung ein, und am 22. Februar 1848
stieg die Opposition aus den Bankettsälen und von der Redner—
tribüne des Parlaments bewaffnet auf die Boulevards von
Paris. Nach dreitägigem Straßenkampf war die Sache des
Königs verloren; er floh nach England, und die Sweite Kammer
proklamierte nach dem Willen der in den Sitzungssaal ein⸗
gedrungenen Menge die Republik.
Wieder blieb die Bewegung nicht auf Frankreich beschränkt:
der elektrische Funke sprang von einem Volke zum andern.
kim 13. März brach in Wien der Sturm los. Die Stände wan⸗—
derten gemeinsam nach der Hofburg, um zeitgemäße Zuge—
ständnisse zu erwirken. In den Straßen wurden des ungarischen
Volksführers Kossuth Feuerreden verlesen; die Bürger, die
Studenten waffneten sich; eine wild johlende Rotte stürmte
den Palast Metternichs, während dieser in der hHofburg, wie
er erklärte, für sein Prinzip: Recta tueri! Schutz dem guten
Recht! den letzten entscheidenden Kampf mutig und in wür—⸗
diger Haltung kämpfte. Die wenigen Freunde hörten auf ihn
nur zerstreut und ängstlich, die Feinde mit Ungeduld und dro—
hender Miene. Nach seinem Empfang in der Hofburg konnte er
nicht mehr zweifeln: auch die hohen und höchsten herren, denen
er fünfzig Jahre lang als hirt des Staates und als Hort des
Friedens gegolten hatte, gaben ihn auf! Als er erklärte, daß er
um der Ruhe des Staates willen von seinem Posten zurücktreten
wolle, belohnte ihn ob dieser Großmut ein Beifall, der für ihn
beleidigender war, als das Pfeifen der vor der Hhofburg ver—
sammelten Menge. Er, dem zum herrscher nichts gefehlt hatte
als der Name des herrschers, war ein toter Mann. — —
Es half nichts mehr, daß der eingeschüchterte Bundestag die
AnucG 129: heigel, politische Strömungen. 2. Hufl.