66 IV. Abschnitt. Das Vordringen des französischen CLiberalismus.

Farben der deutschen Burschenschaft, Schwarz-Rot-Gold, an—
nahm; die Bewegung schritt über ihn hinweg. Die Sturmpeti—
tion einer Mannheimer Volksversammlung unter Itzsteins Vor—
sitz forderte ein deutsches Parlament, Preßfreiheit, Volksbewaff—
nung, Geschworenengerichte, Vereidigung des Militärs auf die
VDerfassung, Verantwortlichkeit der Minister, politische Gleich—
stellung aller Bekenntnisse und andere freisinnige Reformen.
In Preußen hatte Friedrich Wilhelm JIV. schon 1847 dem
immer stürmischer kundgegebenen Volkswunsche durch Beru—
fung einer gesetzmäßigen Volksvertretung, des aus Abgeord—
neten der acht Provinziallandtage gebildeten sogen. „Der—
einigten Landtags“, nachgegeben. Die Versammlung erwies
sich als einflußreicher Träger der freiheitlichen Ideen, welche
damals die weitesten Kreise erfaßt hatten. Friedrich Wil—
helm IV., über den allzu freimütigen Ton der Verhandlungen
erbittert, versagte den an ihn gerichteten Wünschen bezüglich
einer festeren ständischen Organisation seine Zustimmung. Als
sich aber die Stimmung im Lande unter dem Einfluß der
Pariser Vorgänge verschärfte, versprach der König, eine dem
Geist der neuen Zeit genügende Verfassung zu gewähren und
für die Umwandlung des Deutschen Bundes in einen Bundes—
staat einzutreten. Kaum hatte am 18. März eine vor dem
Schloß versammelte große Volksmenge dem König für diese
Zugeständnisse jubelnden Dank bezeugt, kam es durch zufällige
Entladung zweier Schüsse zu blutigen Kämpfen zwischen Volk
und Militär. Obwohl die Truppen siegreich blieben, befahl
ihnen der König, die Stadt zu räumen. Damit war er ganz
in die Gewalt der Revolution gegeben. Das Wort der Prokla—
mation vom 21. März: „Preußen geht fortan in Deutschland
auf!“ entsprach nur einem Wunsche, den der König sein Leben
lang genährt hatte, aber die Mittel, die jetzt dazu angewendet
werden sollten, um Freiheit und Glück der einzelnen Staaten
und Einheit und Ehre Deutschlands zu erringen, waren für
Friedrich Wilhelm IV. wie für die anderen deutschen Fürsten
fremd und unannehmbar. Da bewährte sich der am 2. April
ins Schloß berufene Vereinigte Landtag ebenso als feste Stütze
des Königtums wie als Träger der Reformbewegung. Es
gelang, die Kadikalen zurückzudrängen, gleichzeitig aber die
Erfüllung weitreichender Volkswünsche, wie sie im Mann—
heimer Programm festgelegt waren, durchzusetzen.