68 UWV. Abschnitt. Das Vordringen des französischen CLiberalismus.

Sonne beschienen hat.“ Auch weniger befangene Ppolitiker
haben mit dem Überwiegen dieses Elements in Zusammen—
hang gebracht, daß trotz der vielen Verhandlungen und schönen
Reden ein praktischer Erfolg nicht erzielt wurde, doch läßt
sich wohl die Gegenfrage aufwerfen, ob denn in den Parla—
menten, seit das Professorenelement zurückgetreten ist, die
Reden kürzer und nützlicher geworden sind? Die Schuld am
Fiasko des Frankfurter Parlaments liegt wohl kaum am her⸗
vordrängen der Professorenweisheit, sondern die deutsche Frage
war in erster Keihe eine Machtfrage; der Erfolg hing davon
ab, ob es gelingen werde, den Gegensatz zwischen dem Süden und
dem Norden zu überbrücken. Die Arbeit des „an Geist und reiner
Leidenschaft größten Parlaments in deutscher Geschichte“ (max
Cenz) ging auch für die Zukunft Deutschlands nicht verloren. Die
in den RKeden von Dahlmann, Schmerling, Gagern und anderen
niedergelegten Gedanken sind geistiges Cigentum der Nation
geworden und haben bei den staatsrechtlichen Schöpfungen von
1866 und 1871 mitgewirkt, obwohl sich vielleicht die beteilig—
ten Staatsmänner selbst dessen gar nicht bewußt waren.
In der noch mit bedeutender Stimmenmehrheit voll⸗
zogenen Wahl des Erzherzogs Johann von Osterreich zum
Reichsverweser darf noch eine Kundgebung alter Sympathien
für das durch die Tradition mit der Kaiserkrone verbundene
Erzhaus erblickt werden. Im Kaiserstaat selbst aber schätzten
die maßgebenden Kreise am allerwenigsten die Freundschaft
der revolutionären Versammlung. Die hinrichtung des Abge—
sandten des Nationalkonvents, Robert Blum, in Wien machte
jede Hhoffnung auf Mitwirkung des Erzhauses am Verfassungs⸗
werk schwinden. Als infolge der Abwendung Osterreichs die
preußischen Aussichten gestiegen waren — „Das Warten auf
Osterreich“, so warnte der Abgeordnete Beckerath, „ist das
Sterben der deutschen Einheit!“ — stellte Professor Welcker
den Antrag, die vollstreckende Gewalt im neuen Reich, die
Vertretung nach außen und den Oberbefehl über die gesamte
Kriegsmacht dem Rönig von Preußen als erblichem „Kaiser
der Deutschen“ zu übertragen. Der Antrag wurde zwar am
28. März 1849 mit Stimmenmehrheit angenommen, allein fast
die hälfte der Wähler, darunter fast sämtliche Süddeutsche
hatten sich der Abstimmung enthalten. Unter diesen Umstän—
den konnte noch weniger überraschen, daß Friedrich Wil⸗