Das Wiederaufleben des Cäsarismus in Frankreich. 73

daß sie über verschwommenen Tyrannenhaß und veilchenblaue
schwärmerei für die Kepublik nicht hinausgekommen seien.
Auch die Führer, hecker, Struve u. a., waren in einer wunder⸗
lichen Verkennung der tatsfächlichen Machtverhältnisse be—
faugen, so daß die ungenügend vorbereiteten, fast wehrlosen
Freischaren ohne große Anstrengung bezwungen wurden.
Unter der Losung, die Fürsten müßten, da sie freiwillig sich
nicht fügen wollten, zur Anerkennung der konstitutionellen und
nationalen Volkswunsche gezwungen werden, kam es im
Mai 1849 in Sachsen, in Baden, in der bayrischen Kheinpfalz
zu Aufständen. Obwohl anfangs eine bedenkliche Gärung unter
den regulären Truppen herrschte und einzelne Regimenter sich
dem Aufruhr anschlossen, konnten sich die Volksheere nicht
lange behaupten, der Siegeslauf der preußischen CTruppen er⸗
streckte sich bis zum Bodensee, während ähnliche Erfolge in
Jütland gleichzeitig gegen die Dänen erstritten wurden. Der
Tindruck war für den Augenblick gewaltig. Wenn der
preußische Premierminister Graf Brandenburg im Juni 1849
die deutschen Regierungen aufgefordert hätte, den preußischen
Entwurf für die deutsche Verfassung binnen acht Tagen anzu—
nehmen oder abzulehnen, so wäre vermutlich die Annahme
durchgedrungen. So kühne, entschlossene Politik lag aber Fried⸗
rich Wilhelm IV. und seinen Ministern fern. Mit: Verhand—
lungen, Modifikationsvorschlägen, Kepliken und Dupliken
wurde glücklich so viel Zeit verbraucht, daß Osterreich in—
zwischen wieder freie Hand gewann, wenn es ihm auch nicht
durch eigene Kraft, sondern nur durch russische hilfe gelang,
den Aufstand in Ungarn zu dämpfen. Fortan wurde zwar noch
in den Schriftstücken der deutschen Diplomaten die Unerschütter—
lichkeit des deutschen Einheitsdranges betont, allein zunächst
zeigte sich die Cinheit wieder wie in den dreißiger Jahren nur
in gemeinsamer Bekämpfung der nationalen Strömung in den
volkskreisen. Freilich nicht überall. Die badische Regierung
z. B. sah davon ab, die ganze Bevölkerung für das revolutionäre
Treiben eines Bruchteiles verantwortlich zu machen. Bald hieß
es: die badischen KRammern sind liberaler als das Volk, die
Minister liberaler als die Kammern, der Großherzog aber
liberaler als alle! Da nach dem Tode Großherzog Leopolds
(1852) auch der Nachfolger in nationale und liberale Pfade
einlenkte, war hier eine Brücke für die Zukunft geschlagen.